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Österreichische Freimaurer unter dem Hakenkreuz

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Österreichische Freimaurer unter dem Hakenkreuz

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Öffentliche Gedenkfeier am 18. Oktober 2015

Im Wiener Großlogenhaus erinnert ein Relief des Metall- und Steinkünstlers Talos Kedl an die Nazi-Verbrechen. Es ist aus geschweißtem und patiniertem Kupferblech. Maße: 70 mal 70 Zentimeter. Motiv: Die Nazis wollten den in der Freimaurersymbolik wichtigen ‚Tempel der allgemeinen Menschenliebe’ (‚Tempel der Humanität’) zerstören. Das ist ihnen weitgehend gelungen. Und doch blieben ein paar festgefügte Mauersteine übrig: Auf diesen konnten die Freimaurer nach dem Terror wieder aufbauen.

20. Oktober 1945: Die Großloge von Österreich hält in Wien ihre erste rituelle Arbeit nach dem Zweiten Weltkrieg und der Kapitulation Hitler-Deutschlands ab. Fast auf den Tag genau siebzig Jahre später gedachte die Großloge der Leiden, die der Nazi-Terror über die österreichischen Freimaurer gebracht hatte. Sie tat dies im Wiener Künstlerhaus in einer öffentlichen Veranstaltung, zur der nicht nur die eigenen Brüder und deren Angehörige eingeladen waren sondern auch Freimaurer und Freimaurerinnen anderer österreichischer Obödienzen sowie Mitglieder zivilgesellschaftlicher Vereinigungen.

Rückblick: Schon wenige Tage nach dem Einmarsch der Hitlertruppen nach Österreich im März 1938 beraubten und verboten die Nazis die Logen. Viele der damals um die 800 österreichischen Freimaurer waren Juden: An die sechshundert konnten in den folgenden Wochen und Monaten das Land verlassen, über einhundert wurden ermordet. Der schwerkranke Großmeister Richard Schlesinger starb in SS-Haft. Weitere Informationen: hier

Umrahmt von Klezmer-Musik trugen in der von der Deputationsloge ‚Quatuor Coronati’ organisierten Gedenkveranstaltung zwei Schauspieler einen Text vor, in den authentische Dokumente jener Zeit eingebaut waren. Autor: Robert A. Minder, früherer Großarchivar der ‚Großloge von Österreich’. Für das Freimaurer-Wiki dankt Rudi Rabe ihm und der Großloge für die Genehmigung, den Text hier wiedergeben zu dürfen.


Am 26. April 1945 erfolgte die Bildung der provisorischen österreichischen Regierung, am 7. Mai kapitulierte das Nazi-Regime. Und schon am 28. Juli trafen einander 48 Männer, die bis zum Verbot Mitglieder der Großloge von Wien gewesen waren, um die Freimaurerei in Österreich wieder aufleben zu lassen. Sie war 1938 zwar verboten, aber nicht aufgelöst worden. Die Großloge von Wien hatte ihre Arbeit zwangsläufig eingestellt, aber keine Selbstauflösung vorgenommen. So konnte an die Vereinsbehörde der einfache Antrag gestellt werden, die unterbrochene Arbeit wieder fortzuführen. Dem Antrag wurde stattgegeben.

Brief an die Großloge von Wien, 16. Oktober 1945.:
Republik Österreich Staatsamt für Inneres.

Gemäß § 1 Absatz 2 des Vereins-Reorganisationsgesetzes wird entschieden:
Die Auflösung des Vereines „Großloge von Wien“ tritt mit der Zustellung dieses Bescheides außer Kraft. Der genannte Verein kann daher in der Form, in der er sich vor der Auflösung befunden hat, seine Tätigkeit wieder beginnen.

Und er begann sie am 20. Oktober 1945. Aber unter welchen Umständen: Bruder Karl Kraus beschreibt sie in einem Brief an einen Wiener Bruder im Exil:


Trotz aller damals noch bestehenden Schwierigkeiten, wie Mangel jeglicher Verkehrsmittel (es gab damals weder Straßenbahn, noch Post, noch Telefon), bei teilweise infolge der Kampfhandlungen in Wien durch Schuttmassen unpassierbar gewesenen Straßen, war es möglich, uns zu treffen. Wir mussten hier in Wien nach Wiederaufnahme der Tätigkeit insofern ganz vom Anfang an mit dem Aufbau beginnen, da uns von den Nazis Alles verschleppt wurde. Nur der große Tempel wurde von uns in seinem früheren Zustand vorgefunden, denn dieser sollte als Freimaurer-Museum, wahrscheinlich mit allen möglichen und unmöglichen Beiwerken, profaniert werden. Die für uns so wichtigen Archive sind leider bis jetzt unauffindbar geblieben. Die Kanzleieinrichtung und die in unserem Heim deponiert gewesenen Werkzeuge der Brüder sind zur Gänze verschwunden.

Und trotzdem hielt die österreichische Großloge am 20. Oktober 1945 ihre erste rituelle Arbeit nach dem Zweiten Weltkrieg ab. Und zwar in Form einer Trauerarbeit zum Gedenken an ihren Großmeister von 1918 bis 1938, Richard Schlesinger, und aller verfolgten Brüder. Aus dem Protokoll:

Tafel über die am Samstag, den 20. Oktober 1945, um 16.00 Uhr im großen Tempel Dorotheergasse Nr. 12 abgehaltene, von der Großloge von Wien für Österreich (...) einberufene erste rituelle Arbeit, die als Trauerarbeit dem Andenken des in den ewigen Osten eingegangenen Bruders Richard Schlesinger und aller jener Brüder, die gleich ihm als Märtyrer der Königlichen Kunst in den ewigen Osten eingegangen sind, geweiht ist. (...)
Der ehrwürdige Meister vom Stuhl der Loge „Humanitas Renata“ eröffnet die Arbeit ersten Grades (...) und übergibt den Hammer dem ehrwürdigster Bruder Großmeister, welcher die heutige Arbeit zur Großlogenarbeit erklärt.
Sodann wird die Arie „In diesen heil’gen Hallen“ in vollendeter Weise zum Vortrag gebracht. Nachdem diese Arie verklungen, gibt der ehrwürdigste Bruder Großmeister Karl Doppler ein erschütterndes Bild der Leiden, die viele Brüder der Wiener Kette ertragen mussten und ihnen erlegen sind. Eines der ersten Opfer war (...) Großmeister Richard Schlesinger, von dem ein Lebensbild zu zeichnen er einen Bruder an den Vortragstisch bittet. (...)
Bruder Böhm, der Neffe Richard Schlesingers, schildert zunächst kurz das harmonisch ausgeglichene Leben Richard Schlesingers in der Familie, welcher er stets ein hilfsbereiter Ratgeber war. Er kommt dann auf sein Wirken im öffentlichen Leben zu sprechen, das immer von freimaurerischen Grundsätzen bestimmt war. Ergreifend ist der Bericht über die körperlichen und seelischen Demütigungen, welchen Bruder Schlesinger nach dem 15. März 1938 bis zu seinem Lebensende ausgesetzt war.
Der ehrwürdigste Bruder Großmeister erinnert an die großen Verdienste, die sich Bruder Schlesinger um die Großloge von Wien und um die Freimaurerei in Österreich erworben hat. Sein Gedenken und das der anderen verstorbenen Brüder wird auf freimaurerische Weise geehrt.
Nach der Überleitung der Großlogenarbeit in eine der Loge „Humanitas Renata“ schließt der Stuhlmeister die Arbeit.

Der Jurist Richard Schlesinger wurde 1919 nach dem Ende des 123 Jahre dauernden Verbots zum ersten und – wie sich zeigen sollte - einzigen Großmeister der Großloge von Wien gewählt. Er blieb es bis zu seinem Tod im Jahr 1938.

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg waren die Wiener Freimaurer zu einem sehr hohen Prozentsatz jüdischer Herkunft. 1918 wurde die Großloge von Wien von 14 Logen mit knapp über 1000 Mitgliedern gegründet. Den höchsten Stand errichte die Großloge 1932 mit mehr als 1900 Brüdern. Zu den in der Öffentlichkeit bekanntesten Freimaurern zählten die Politiker Ferdinand Hanusch und Julius Tandler sowie der Friedensnobelpreisträger Alfred Hermann Fried. Schon daraus ist das enge Verhältnis zu sozialdemokratischen und pazifistischen Kreisen ersichtlich. Die Großloge von Wien unterstützte bis 1938 die Liga für Menschrechte, die Paneuropa-Bewegung und andere sozialreformerische Vereine. Deshalb wurde sie massiv von völkischen Kreisen angegriffen.

Der „Ständestaat“ ging aktiv gegen seine politischen Gegner vor, die politischen Parteien der Sozialdemokraten und der Nazis wurden aufgelöst, nicht aber die Großloge von Wien. Zwar hatte sich diese in einer Agenturmeldung als „vaterländisch“ deklariert, dennoch wurden Beamte aller Ebenen bei Kündigungsdrohung gezwungen, ihre Mitgliedschaft beim Freimaurerbund zu beenden. So sank der Mitgliederstand der Großloge von Wien im Jahr 1937 auf unter 800 Brüder.

Wladimir Misar, der Großsekretär der Großloge, berichtete retrospektiv über diese Zeit und die Auswirkungen auf die österreichische Freimaurerei:

Der Anfang vom Ende.
Es ist nicht erstaunlich, dass unter allen demokratischen und liberal gesinnten Vereinigungen die Freimaurerei die erste war, welche Einschränkungen und Leiden zu erdulden hatte. Der Beginn dieses letzten Zeitabschnittes kann auf den 24. März 1934 angesetzt werden, an welchem Tage ein für die Freimaurerei freier Nationen unerhörtes Ereignis eintrat: Ein Polizeibeamter erschien vor Eröffnung der Jahresversammlung der Großloge und blieb anwesend während ihres Verlaufes. Die Anwesenden unterließen es natürlich, sich maurerisch zu bekleiden und die Versammlung vollzog sich wie die irgendeines profanen Vereines.
Seit diesem Tage kamen Polizeibeamte zu fast allen maurerischen Versammlungen. Die Großloge von Wien hatte den Hauptsitz in der Dorotheergasse 12, aber auch an zwei anderen Adressen waren Räumlichkeiten angemietet. An allen drei Orten fanden Wochentags Versammlungen verschiedener Logen statt und auf diese Weise waren regelmäßig zwei oder drei Polizeibeamte zur gleichen Zeit anwesend. Sehr oft warteten sie auch noch außerhalb des Speisesaales, bis das Brudermahl vorüber war und alle Teilnehmer das Haus verlassen hatten.
Es ist nicht verwunderlich, dass unter solchen Umständen die Zahl der Teilnehmer an den Versammlungen sehr schnell abzunehmen begann und die Logen selbst es vorzogen, auf solche Zusammenkünfte ohne rituelle Arbeiten und unter polizeilicher Kontrolle zu verzichten.

Bezirks-Inspektors Konstantin Schindler an das Bezirks- Polizeikommissariat Innere Stadt:


27. April 1934 Bericht.
Wie in dem Vereine „Großloge von Wien“ erhoben wurde, wurde die für heute den 27.d. 19 Uhr in den Räumen der Großloge angesetzte Veranstaltung (Vortrag) des Freimaurervereins „Treue“ abgesagt. Der Gefertigte überwachte das Lokal bis 20 Uhr und fand die Angaben bestätigt. Wie dem Gefertigten weiters mitgeteilt wurde, finden bis anfangs Oktober keine Veranstaltungen mehr statt.

Misar berichtet weiter:

Nach all dem wird es umso überraschender erscheinen, dass diese anscheinend letzten Tage der österreichischen Freimaurerei noch nicht ganz die allerletzten gewesen sind. Die Verhältnisse besserten sich wieder und nach einigen Monaten konnten wieder reguläre Arbeiten mit Verwendung des Rituals, Aufnahmen und Graderteilungen etc. in gewohnter Weise stattfinden. Natürlich fühlte man während der folgenden drei Jahre das Damoklesschwert knapp über dem Haupt der Freimaurerei hängen, denn sie waren Jahre der geheimen und energischen Untergrundarbeiten der Nationalsozialisten sowie auch der verzweifelten Anstrengung der römisch-katholischen Regierung, deren Forderungen teilweise nachzukommen. In diesen drei Jahren steuerte das freie Österreich mit grässlich wachsender Geschwindigkeit seinem tragischen Ende zu. Am Beginn des vierten Jahres war es endlich so weit.
Das verhängnisvolle Jahr 1938.
Bedeutende und bedrohliche politische Ereignisse folgten einander in den ersten zwei Monaten dieses Jahres, und viele Brüder sahen damals mit ernster Sorge der nahen Zukunft entgegen. Verschiedene Maßnahmen wurden vorgeschlagen und erwogen bezüglich Bewahrung und Rettung des Vermögens der Großloge und der einzelnen Logen, des Archivs und der Fonds. Aber damals herrschte die Meinung vor, dass es nichts gäbe, was die Freimaurerei zu verbergen und zu verhehlen hätte (...). So wurde in diesen Tagen nichts weggeräumt und nichts verborgen. (...)
Am 9. März lud Großmeister Richard Schlesinger die Stuhlmeister aller Logen zu einer Konferenz in sein Büro, um sich mit der entstandenen Situation der geplanten Volksabstimmung zu beschäftigen. (...) Die Anregung, die österreichische Freimaurerei möge ihre helfende Hand bei der Vorbereitung der Abstimmung leihen, wurde von der Großloge strikte abgelehnt, sie hatte aber nichts einzuwenden gegen private Unterstützung durch einzelne Mitglieder. Als am nächsten Tag die Meister wieder beim Großmeister zusammenkamen, waren die Straßen im Zentrum von Wien von ungeheuren Haufen demonstrierender Nazis erfüllt.

Am folgenden Tag, dem Freitag des 11. März, wurde in den Räumen der Großloge in der Dorotheergasse eine Versammlung der Großbeamten abgehalten, kam die Nachricht von der Absage der Volksabstimmung. Da diese Tatsache auf eine Niederlage des Schuschniggregimes hinwies und damit die schon lange befürchtete Katastrophe unmittelbar bevorstehend zu sein schien, schloss der Großmeister die Sitzung und die Großbeamten gingen durch die von heulenden Massen erfüllten Straßen nach Hause.

Und dann kam der unheilvolle 12. März 1938.
Am Morgen um drei Uhr wurde Großsekretär Misar vom Kustos der Großloge angerufen, dass eine große Volksmenge das Gebäude der Großloge in der Dorotheergasse belagere und dass die Polizei die Schlüssel zum Gebäude verlange, um es in Beschlag nehmen zu können. Da Bruder Misar nicht auf eigene Verantwortung handeln wollte und um dem Großmeister unnötige Aufregungen zu ersparen (dieser hatte sich vor einem Monat ein sehr ernstes Blasenleiden zugezogen, das sich sehr übel fühlbar machte) konsultierte er seinen Sohn, Hans Schlesinger, und rief anschließend den Deputierten Großmeister Robert Pelzer an, mit welchem er sich beriet.
Sie kamen überein, dass das Verlangen der Polizei, das Gebäude zu betreten, nicht ungesetzlich sei und dass dessen Erfüllung einfach mit Gewalt erzwungen werden könnte. Daher wurde beschlossen, die Schlüssel sofort der nächsten Polizeiwachstube auszuhändigen.

Später am Tag gingen einige Großbeamte in das Büro des Großmeisters und der Deputierte Großmeister Ludwig Altmann riet diesem, sich in ein Spital zurückzuziehen. Leider erhielt dieser kluge Rat nicht die Zustimmung des Patienten.

Am Sonntag, dem 13. März wurde die Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich offiziell proklamiert. Am Nachmittag dieses Tages erschien eine Kommission von sechs Mitgliedern der Nazipartei in der Wohnung des Großmeisters und befahl ihm die Übergabe des Vermögens der Großloge. Der Großmeister, dessen Krankheit sich in diesen letzten Tagen verschlimmert hatte, rief den Großsekretär an und bat ihn, die Aufträge der Gestapo durchzuführen, worauf sich dieser in das Büro der Großloge in die Schwindgasse begab. Da die Gestapo-Leute bereits anwesend waren und vieles bereits auf dem Tischen, den Sesseln und am Fußboden ausgebreitet war, schien sich eine formelle Übergabe zu erübrigen. Stattdessen fand ein eingehendes Verhör des Großsekretärs durch den Vorsitzenden der Kommission, Herrn Leopold Schneider, statt, dessen anmaßender Titel „Kulturrat“ in diesem Augenblicke eine traurige Satire zu sein schien.

Die Liste der Namen aller Logen, die Namen und Adressen der Stuhlmeister, die Verzeichnisse aller Mitglieder, all das wurde vor dem „Kulturrat aufgehäuft, aber es schien ihm noch wichtiger, die Namen und Adressen der Schatzmeister zu erfahren. Als der Großsekretär darauf hinwies, dass er diese nicht kenne, äußerte sich der „Kulturrat“, teils ironisch, teils betrübt: „Wahrscheinlich werden sie alle mittlerweile über der Grenze sein.“ Dann erkundigte er sich über die Loge „Lux Orientis“ in Shanghai und war sehr erbost darüber, dass er ihre Existenz nicht hindern oder ihr Vermögen nicht fassen konnte.

Dann hatte der Großsekretär die Kommission zu den Räumen der Großloge in der Dorotheergasse zu begleiten, wo die Nachforschungen sich auf einen einzigen Gegenstand konzentrierten – auf Geld. Nach der Beschlagnahme des ganzen Vermögens verschloss die Kommission die Räume und verließ das Haus.

Großmeister Schlesinger hatte für den 14. März eine Konferenz mit den Stuhlmeistern angesetzt. Er konnte jedoch nicht mehr an dieser Konferenz teilnehmen, weil er am selben Morgen in seiner Wohnung von der Gestapo aus dem Bett geholt und in das Gefängnis auf der Elisabeth-Promenade gebracht worden. Er wurde in eine Zelle gesteckt, welche mit anderen Gefangenen überfüllt war, und obgleich an einem ernsten Blasenleiden erkrankt, wurde ihm zugemutet, die folgende Nacht auf dem nackten Fußboden zu verbringen. Durch die Güte eines Mithäftlings, der ihm seine Matratze anbot, wurde der kranke alte Mann wenigstens vor dem harten und kalten Holzboden bewahrt. Drei Tage und zwei Nächte musste er in der Zelle verbringen. Besucher durfte er nicht empfangen. Es verschlimmerte sich sein Zustand und es stellte sich Fieber ein, das bis auf 40 Grad stieg. Endlich gelang es einem ehemalige Konzipienten bei der Gestapo durchzusetzen, dass er gegen Erlag einer Kaution auf die Klinik Denk überstellt wurde. Die Bitte, allein in einem Zimmer untergebracht zu werden, wurde nicht erfüllt. Auf das Fenster des im Hochparterre gelegenen Krankenzimmers wurde JUDE geschrieben, seine Schwiegertochter durfte ihn zwei Stunden täglich besuchen.

Richard Schlesingers Zustand wurde infolge der brutalen Behandlung, aber noch mehr der seelischen Qualen wegen, immer ernster, und er musste sich bald einer weiteren Operation unterziehen, welche er nicht mehr überstand, da er an einer Lungenentzündung erkrankte.

Seiner Bitte, ihn zu Hause sterben zu lassen, wurde nicht stattgegeben. Seinem Sohn, John Schlesinger, der im Landesgericht interniert war, dann aber freigelassen wurde, wurde der Zutritt zu seinem sterbenden Vater verwehrt.

Richard Schlesinger starb am 5. Juni 1938. Seinem Begräbnis wohnten neben Sohn und Schwiegertochter lediglich zwei weitere Personen bei.

Der abschließende Bericht der SS über die Zerschlagung der Großloge von Wien und anderer freimaurerischer Organisationen liest sich folgendermaßen:

„Als Vorbereitung der Machtübernahme in Österreich wurde durch die Zentralabteilung II 1 in systematischer Arbeit sämtliches Material listenmäßig erfasst, das auf die Freimaurerei in Österreich Bezug nimmt. Es waren so im Augenblick der Machtübernahme zur Hand: Eine lückenlose Liste sämtlicher österreichischer Logen, einschl. der Rotary-Clubs, eine Liste der führenden Freimaurer und ein genauer Plan über die Durchführung der Aktion im einzelnen.
Im Zuge der Aktion gegen die Freimaurerei wurden bisher folgende Maßnahmen getroffen: sämtliche in Österreich bestehenden Freimaurerlogen und logenähnliche Verbände wurden geschlossen. Ihr gesamtes Aktenmaterial und die Vermögenswerte wurden beschlagnahmt.
Dem Rotary-Club wurde aufgegeben, sich selbst aufzulösen und sein Aktenmaterial herauszugeben. Am 18.3.38 leistete der Rotary-Club dieser Aufforderung Folge. Die als Verleger freimaurerischen, theosophischen und anthroposophischen Schrifttums bekannten Verlage: Amalthea-Verlag und Saturn-Verlag wurden durchsucht. Freimaurerisches Schrifttum wurde bei ihnen beschlagnahmt.
Folgende Logen wurden geschlossen: Die Tochterlogen der Großen Loge von Wien wurden versiegelt, das wesentliche Material wurde alsbald nach Theresianumgasse 16 verbracht.
Der Oberste Rat von Österreich, der in der Annagasse 18 arbeitete, wurde ebenfalls durchsucht und geschlossen. Bei dem Großkommandeur Dr. Doppler wurde eine Haussuchung durchgeführt und bedeutsames Material über die Aachener Konferenz sichergestellt. Desgleichen wurde das gesamte Material des Obersten Rates von Österreich nach der Theresianumgasse 16 überführt. Die Odd-Fellow-Logen in Wien wurden geschlossen. Die beiden in Wien befindlichen Tochterlogen des ‚Droit Humain’ waren bereits von unbekannter Seite durchsucht worden. Das Material war restlos verschleppt. Die Nachforschungen sind eingeleitet. Die in Wien bestehende profan-freimaurerische Vereinigung ‚Die Bereitschaft’ wurde ebenfalls durchsucht. Der Rotary-Club löste sich auf entsprechenden Hinweis am 18.3.38 freiwillig auf. Sein Material wurde versiegelt und wird in den nächsten Tagen überführt.
Vermögensbeschlagnahmungen: An Vermögenswerten wurden bei den Freimaurerlogen insgesamt ca. 200.000 Schilling in bar und auf Sparkonten sowie in Wertpapieren beschlagnahmt. Sie wurden an SS- Obersturmführer Meisinger weitergeleitet.
Weiteres Arbeitsprogramm: Da die für die Arbeit des Sicherheitsdienstes unentbehrlichen Matrikelbücher und sonstige Logenmitgliederverzeichnisse mit einer Ausnahme in allen Logen nicht mehr aufzufinden waren, sind im Laufe der kommenden Tage die maßgeblichen Logenbeamten über den Verbleib der Bücher zu vernehmen und zur Aushändigung zu zwingen. Die Vernehmungen der führenden Logenbeamten müssen aber weiterhin dem Ziel der Feststellung von Beziehungen zwischen den Freimaurerlogen und jüdisch-internationalen Verbänden und zwischen der österreichischen und der deutschen Freimaurerei und ihren leitenden Personen dienen. Diesem Zweck dient vor allem die Vernehmung der Mitglieder des Obersten Rats von Österreich. Das wichtigste Material des Obersten Rates ist vorläufig zu sichten, da es möglicherweise die Grundlage für weitere Festnahmen, Durchsuchungen und Vernehmungen gibt.“

Der Polizeipräsident in Wien am 5.11.1938:

Zu der Anfrage teile ich mit, dass der Verein „Großloge von Wien“ mit Wirkung vom 15. April 1938 auf Grund des Gesetzes zur Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich in Verbindung mit dem Erlass des Reichsführers SS und Chef der deutschen Polizei von der Staatspolizeileitstelle aufgelöst wurde. Das Vermögen des Vereines wurde zu Gunsten des Deutschen Reiches eingezogen und alle Rechte Dritter an diese Vermögenswerte für erloschen erklärt.

Diese erste Verhaftungswelle war auch als massive Einschüchterungsaktion gegen alle anderen Freimaurer gedacht, woran sich ein Betroffener erinnert: 


„Den nächsten Tag, Samstag, ging ich zu Fuß in unsere Firma und warf bei einem Kanal mein freimaurerisches Gold-Medaillon hinein. Sonntag Nachmittag hatte unsere Haushilfe Ausgang und das benutzten wir um alle freimaurerische Literatur, Bücher etc. zu verbrennen.”

Im Zuge des „Novemberpogroms“ 1938 kam es auch in Wien zu neuerlich zu massivem und gezieltem NS-Terror gegen die jüdische Bevölkerung, unter den zahlreichen Verhafteten befanden sich auch etliche Freimaurer, statistische Daten dazu konnten nicht ermittelt werden. Über den willkürlichen Verlauf dieser Inhaftierungen berichtet Wladimir Misař:

„Die meisten verhafteten Freimaurer wurden überhaupt nicht einvernommen. Nach Wochen fragte man einige von ihnen, aus welchem Grund sie eingesperrt worden seien, und sie wurden freigelassen, nachdem sie erklärten, daß sie keinen Grund wüßten. Sie alle aber hatten vor Verlassen des Gefängnisses einen langen Fragebogen auszufüllen und feierlich zu versprechen, niemals Einzelheiten über ihre Inhaftierung und Behandlung im Gefängnis zu verlautbaren, widrigenfalls sie das Land binnen einer bestimmten Frist verlassen müßten oder – wurden sie gewarnt – nach Dachau gebracht würden. (...) Die Mehrzahl der inhaftierten Freimaurer wurden nach 3 oder 4 Monaten wieder freigelassen, aber einige wurden nach Dachau oder Buchenwald gebracht, wo viele Schaden erlitten durch harte Arbeit und brutale Behandlung.“

Aus einem Brief von Siegfried Geyerhahn an Karl Doppler, 14.3.1946:

„Es dürfte ihnen bekannt sein, dass ich im März 1938 als Meister der Loge ‚Zukunft’ von der Gestapo verhaftet, dann nach Dachau und später nach Buchenwald gebracht wurde. Im Jänner 1939 wurde ich entlassen und wanderte nach einem längeren Aufenthalt in London nach Amerika aus. Was ich an unglaublichen Niederträchtigkeiten erfahren habe, hat zwar einen grenzenlosen Hass und eine tiefe Verachtung für den Nazismus erzeugt, mich aber nur in den Idealen unserer königlichen Kunst bestärkt.“

Jedenfalls sieht es so aus, als ob die überlebenden Brüder der Nachkriegszeit recht genau über ihre ermordeten Brüder unterrichtet waren. So schrieb Großsekretär Karl Kraus an Max Sugar, der sich nach einem Mitglied der Loge „Pionier“ erkundigt hatte:


„Br. Otto Klein ist mit seiner Gattin in die Tschechoslowakei ausgewandert. Als die Nazis auch dorthin kamen, wurden sie verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht. Wie mir Brüder, die wie durch ein Wunder der Hölle der Konzentrationslager entrinnen konnten, berichteten, sind beide dort gestorben.“

An die 100 österreichische Freimaurer wurden in NS-Konzentrationslagern ermordet. Verfolgt wurden sie aber nicht, weil sie Freimaurer, sondern weil sie Juden waren.

An die 600 österreichischen Freimaurern gelang die Flucht in ein Land, das ihnen Asyl gewährte. Dort versuchten sie, ihre Tradition fortzusetzen. 1939 existierte für einige Monate die österreichische Exil-Loge „Mozart“ in Paris. Mit Kriegsausbruch musste sie geschlossen werden. In New York und Buenos Aires etablierte sich 1943 je eine Exil-Loge, beide nannten sich „Humanitas“. In Los Angeles kam es nicht ganz bis zur Gründung einer Loge, das Kränzchen dort nannte sich „Fraternitas“.

Kontakte zu einheimischen Logen verliefen nicht immer zufriedenstellend. So berichtet der Psychiater Dr. Rudolf Dreikurs über seine ambivalenten Erfahrungen in der Neuen Welt:

„Ich gehöre hier einer Loge in Missouri (an), weil die Großloge dort unsere Wiener Großloge anerkannte, was in Illinois nicht der (Fall) war. Da ich aber sehr selten nach Missouri komme, habe ich seit Jahren keiner Arbeit mehr beigewohnt. Die Arbeitsverhältnisse in den amerikanischen Logen sind auch so verschieden von denen, die wir in Wien gewohnt waren, dass ich mich niemals hier heimisch fühlte. Das ist umso erstaunlicher, als ich in allen anderen Beziehungen hier vollständig zuhause bin, und mich niemals mehr als ein Fremder fühle. Ich habe halt kein Bedürfnis, hier meine Zeit in einer Loge zu verbringen, die mir keine geistige Befriedigung bietet.“

In Palästina schlossen sich die österreichischen Brüder den von Leo Müffelmann gegründeten deutschen Exil-Logen an. Nur in England und Australien wurden Logengründungen von den Großbehörden vor Ort verhindert, da die Österreicher bis über das Kriegsende hinaus als „enemy aliens“ galten und auch andere bürokratische Hindernisse nicht überwundern werden konnten.
In Wien war jedes freimaurerische Leben erstorben, wie auch folgendes Dokument belegt.

16. Oktober 1940,
Nationalsozialistische Arbeiterpartei, Gauleitung Wien an den Polizeipräsidenten:


Im Amtlichen Fernsprechbuch für das Ortsnetz Wien 1940 befindet sich auf Seite 147 die Eintragung: Großloge von Wien, Verein. Die Telefonnummer ist anscheinend noch in Betrieb, doch meldet sich dort nie jemand. Ich bitte der Sache nachzugehen und ehestens bekanntzugeben, ob dieser Verein noch aufrecht ist bzw. wer der Liquidator ist. Aus dem Telefonbuch müsste das Gebilde auf jeden Fall verschwinden.

Die in Wien verbliebenen ehemaligen Freimaurer haben sehr ambivalent auf das NS-Regime reagiert. Es gab Fälle von Anpassung - Kurt Reichl arbeitete als Informant für die SS und Johann Ferch verfasste einen hymnischen Roman auf Karl Lueger - und es gab Fälle von Widerstand: Aram Taschdjan versteckte einen Juden in seiner Gartenhütte und Hans Sidonius Becker gehörte zu den Begründern der O5-Bewegung. Das Jahr 1945 steht für die Befreiung vom NS-Regime durch das Kriegsende - und für den Wiederbeginn der Freimaurerei in Österreich.

Ein erstes Zeichen von Selbstbewusstsein setzte die nunmehrige Großloge von Wien für Österreich am 15. Dezember 1945 mit einem Brief der Großloge von Wien für Österreich an Staatskanzler Renner:

Hochverehrter Herr Staatskanzler! Die Großloge von Wien für Österreich sendet namens der österreichischen Freimaurerei Ihnen die aufrichtigsten Glückwünsche zum 75. Geburtstag. Die österreichische Freimaurerei will Ihnen aber auch warmen Dank sagen für die aufopferungsvolle und erfolgreiche Arbeit, die Sie als Staatsbaumeister für unseren Staat und seine Bewohner geleistet haben. (...)
Die österreichischen Freimaurer sind sich aber vollauf der Pflicht bewusst, an dem Neuaufbau Österreichs zu jeder Zeit, an jedem Orte mit allen Kräften mitzuarbeiten.

Gleichlautende Briefe an den amerikanischen General Mark W. Clark und den englischen Generalleutnant Sir Richard McCleery Ende 1945:

Die Großloge von Wien (für Österreich) beehrt sich Ihnen mitzuteilen, dass sie sich am 28. Juli 1945 konstituiert hat unter dem Großmeister Karl Doppler. Die behördliche Bewilligung wurde vom Staatsamt für Inneres mit Bescheid vom 16. Oktober 1945 erteilt, ebenso haben die Behörden die Genehmigung zur Eröffnung der Loge „Humanitas Renata“ gegeben. Diese Sammelloge, bestehend aus ungefähr 120 Brüdern, welche vor der Okkupation Österreichs durch Hitler schon der Wiener Großloge angehört haben, arbeitet jeden Samstag ab vier Uhr nachmittags im Hause Wien I., Dorotheergasse 12, II. Stock. Wir würden den Besuch amerikanischer (englischer) Brüder bei unseren Arbeiten begrüßen. (...)
Wie ich bereits mehrfach gehört habe, soll in USA-(englischen)Großlogen das Gerücht verbreitet sein, dass die Großloge von Wien in den Logenversammlungen politische oder religiöse Diskussionen duldet oder fördert. Um diesem Gerücht entgegen zu treten, möchte ich mir gestatten, Ihnen den betreffenden Paragraphen der aus dem Jahre 1918 stammenden und von jedem von uns beschworenen Satzungen anführen. § 2. Der Verein ist ein nichtpolitischer Verein. Er hat den Zweck, die Aufgaben der Freimaurerei zu fördern. Demgemäß obliegt ihm unter Ausschluss jeder Parteinahme in politischen oder religiösen Fragen die Verbreitung fortschrittlicher Ideen, allgemeiner Moral, Kultur und Nächstenliebe, sowie die Ausübung der Wohltätigkeit. Der Verein macht es seinen Mitgliedern zur Pflicht, die Landesgesetze zu beobachten.
Außerdem wurde in der Bundesversammlung vom 8. September, den jetzigen Verhältnissen Rechnung tragend, folgender Zusatz zu § 2 der Konstitution beigefügt: Vom Bund der Freimaurer sind alle Faschisten ausgeschlossen. Unter den Begriff „Faschist“ fallen alle Personen, die der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei oder einem ihrer Wehrverbände (SS, SA, NSKK, NSFK) oder einer mit einer faschistischen Korporation in Verbindung stehenden Vereinigung angehört haben; ferner solche Personen, welche faschistische Bewegungen oder Bestrebungen durch freiwillige, namhafte Beträge unterstützt oder mit faschistischen Parteien sympathisiert haben. Hiezu sind auch die so genannten „Parteianwärter“ zu zählen. (...)
Es ist selbstverständlich, dass die Großloge von Wien ihre Räumlichkeiten den amerikanischen und englischen (englischen und amerikanischen) Brüdern gerne zur Verfügung stellt, falls sie „Field- Lodges“ abhalten wollen.
Ich verbleibe mit dem Ausdrucke ...

Das Band der freimaurerischen Weltenkette scheint auch während der Jahre der Not und der Entbehrungen gehalten zu haben. Als Beispiel dafür aus einem Brief des Bruders Norbert Freuder aus Los Angeles vom 8. März 1946:

An die altehrwürdige Großloge Orient Wien, zu Handen Großmeister Karl Doppler.
Ehrwürdiger und geliebter hochverehrter Bruder Großmeister!
Die in Los Angeles, Kalifornien, im Kränzchen „Fraternitas“ vereinigten Brüder, die ausnahmslos vormals aktive Mitglieder Wiener Logen sind, empfinden es als ihr beglückendstes freimaurerisches Erlebnis, Kunde von der offiziellen Wiedereinsetzung der ehrwürdigen Großloge von Wien und der damit verbundenen Wiederaufnahme freimaurerischer Tätigkeit erhalten zu haben. (...)
Ihnen, der kleinen Schar unentwegt Getreuer, senden wir, gleichfalls eine kleine Schar stets Getreuer, unsere herzinnigsten, tiefverwurzelten Glückwünsche.
Wir, die aus der früheren Heimat den Ausweg der Flucht in die Freiheit wahrer Menschenrechte gefunden haben, wir, die die dunklen Jahre Ihrer Angst und Ihres Bangens befreit von den Sklavenfesseln entsetzlichster Demütigungen in der Sicherheit unserer neuen Heimat durchleben durften, wir dürfen unsere Treuverbundenheit im Angesicht der Ihrigen nur beschämt von der tiefen Opferwilligkeit Ihres Heroismus verkünden.
Doch von der Neuen Welt zur Alten Welt strecken sich unsere Bruderhände den Ihren entgegen zum Brudergriff, an dem Sie uns erkennen mögen, zur Bildung der festen Bruderkette, die niemals wieder von finsteren Gewalten, von Ausgeburten der Hölle, von Ungeist und Unmenschlichkeit zerrissen werden darf. (...)
Die „Fraternitas“ steht selbstverständlich in engstem Kontakt mit der „Humanitas Lodge“ in New York und dem Kränzchen der Wiener Brüder in der San Francisco Bay Area, das von dem hochverdienten Bruder Max Herz geleitet wird, sowie durch den freundschaftlichen Verkehr mit Wiener Brüdern in aller Welt.
(...) Wir ahnen, dass es aus aller Welt ähnliche Kundgebungen beglückter Solidarität bei unserer altehrwürdigen, geliebten Mutter-Großloge einlaufen dürften.

Und ein Brief von John R. Schlesinger (dem Sohn Richard Schlesingers) vom 24. März 1946 an Großmeister Doppler:

Geliebter Bruder Doppler:
(...) Ich bin in der österreichischen Bruderschaft aufgewachsen. Ihre Philosophie und ihre maurerische Praxis waren die meinen. Nirgends habe ich die Lehre reiner und edler gefunden als in der österreichischen Kette. Meine Liebe hängt an ihr und mein Herz schlägt für sie, wie ich sie kannte. Ihre Welt war weit genug, um die Anderson’sche Konstitution, Comenius‘ leuchtende Erkenntnis, Lessings scharfen Geist, Salomonische Bilder und fast alles, was wir menschlich und spirituell nennen, zu umfassen.
Wenn ich dieser wiederaufgelebten Kette, quasi von außen her, Glück und Gedeihen wünsche, scheint es mir grotesk; denn ich fühle, dass diese Wünsche mir selber als einem Teil dieser geistigen Verbundenheit gelten.
Dennoch tue ich es zu Ihren Handen mit der unerschütterlichen Überzeugung, dass Menschlichkeit und Brüderlichkeit, wie die Wiener und österreichische Kette sie verstehen, die Ideale sind, welche die Tragik unserer Zeit in eine schönere Zukunft überleiten können.

Im November 1948 zog Großsekretär Karl Kraus eine Bilanz seiner Korrespondenzen mit den Brüdern in aller Welt:

„Als ich die Funktion des leider nicht mehr in Wien weilenden Br. Misař zu übernehmen hatte, ging ich daran, die Adressen aller unserer Freunde zu sammeln, die ihren Wohnsitz nach 1938 außerhalb Österreichs genommen haben. Nach Wiederaufnahme des Postverkehrs traten wir in Briefwechsel, der im Großen zu folgenden Ergebnissen führte. Ein ganz überwiegender Teil hat seine treue Verbundenheit mit uns zum Ausdruck gebracht. Ein anderer Teil benachrichtigte uns, dass er an seinem gegenwärtigen Wohnsitz Aufnahme in eine Loge gefunden hat, die eine Mitgliedschaft anderswo verbietet, dessen ungeachtet sie aber nach wie vor das größte Interesse an unserem Tun behalten. Ein dritter Teil gab uns sein vollkommenes Desinteressement bekannt, will von uns, wie überhaupt von Wien nichts mehr wissen und will auch teilweise nicht einmal an Österreich erinnert werden.“

Vor 70 Jahren konnte das Licht der Freimaurerei in Österreich wieder entzündet werden. Sie konnte wieder wachsen und hat eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung genommen. Doch gerade deshalb muss sie sich ihrer großen Brüche und Verluste im 20. Jahrhundert stets bewusst sein.


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