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1717 - ein Mythos?

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1717 - ein Mythos

2017 feierte die Freimaurerwelt ihr 300-Jahr-Jubiläum. Das Ausgangsjahr dafür war 1717, als der Überlieferung nach in London die erste Großloge der Welt gegründet wurde. Aber stimmt das so überhaupt? Oder ist es bei genauer Betrachtung doch eher ein Mythos? Von Rudi Rabe.

Die 300-Jahr-Feiern bezogen sich auf die moderne Freimaurerei - mit Betonung auf dem Wort „modern“. Dies deshalb, weil es unbestritten ist, dass es Freimaurerei in vielen Teilen Europas auch schon lange davor gab, nämlich als Bruderschaften (Bauhütten/Lodges/Logen) von hochqualifizierten Steinmetzen, welche die Dome bauten. Diese alten Vereinigungen werden heute gewöhnlich als operative Freimaurerei oder Werkmaurerei bezeichnet. Indem sie irgendwann begannen, auch Männer aufzunehmen, die keine Steinmetze waren, wurden sie nach und nach zu dem, was wir heute moderne (philosophische/spekulative) Freimaurerei nennen, als deren Geburtsjahr eben 1717 angenommen wird.

Wie auch bei anderen historischen Gedenkmarken ist das alles aber nicht so einfach. Und so stellt auch die zeitgenössische Freimaurerforschung bei genauem Hinsehen dieses Datum in Frage. Es könnte durchaus sein, dass die erste Großloge nicht 1717 gegründet wurde, sondern ein paar Jahre später. Der renommierte Freimaurerforscher Helmut Reinalter hat sich mit diesem ganzen Fragenkomplex im Detail auseinandergesetzt und seine Erkenntnisse im Eingangskapitel seines 2018 im Salier-Verlag erschienenen Buchs “Die Zukunft der Freimaurerei“ zusammengefasst.

Im folgenden bringen wir dieses Kapitel im Wortlaut und danken Professor Reinalter für die Genehmigung dazu.

Helmut Reinalter:
Die Gründung der ersten Großloge in London 1717 – ein Mythos?

➤ Die Jahrhunderte vor 1717

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Als die eigentlichen Vorläufer der modernen Freimaurerei gelten in der heutigen Forschung die handwerklichen Bruderschaften, die Bauhütten und Baumeister, also die sogenannte Werkmaurerei, auf deren Brauchtum sehr viel maurerisches Gedankengut zurückgeführt werden kann.

Während der Reformation wurde den Bauhütten der Vorwurf gemacht, sie würden geheime Zusammenkünfte abhalten und die Gesetze des Staates und der Kirche missachten. So verloren sie – auch aufgrund der Folgen negativer ökonomischer Entwicklungen und Auswirkungen durch den Hundertjährigen Krieg – langsam an Bedeutung und wurden schließlich im Laufe des 17. Jahrhunderts wieder aufgelöst.

Auch in Deutschland gingen nach der Gotik Bedeutung und Einfluss der Bauhütten zurück, während es den Lodges in England gelang, aus der Werkmaurerei einen größeren humanitären Bund zu gründen. Für die Entwicklung der Freimaurerei in England wurde in diesem Zusammenhang besonders wichtig, dass die Gilden auch Nichtwerkmaurer in ihre Reihen aufnahmen. Nach englischer Definition ist die „spekulative“ Freimaurerei im Unterschied zur Werkmaurerei, der sie entsprang, „ein besonders in Allegorien gekleidetes und durch Symbole dargestelltes Moralsystem“. (Fußnote 1)

Die Gilden in England lassen sich weit zurückverfolgen. Die Zusammenhänge mit der Freimaurerei belegen vor allem die „Charges“, die Gesetze und Pflichten, die schon seit dem Ende des 14. Jahrhunderts schriftlich präsent waren. Zu erwähnen wäre hier vor allem das wichtige „Regius-Manuskript“ von 1390, ein altenglisches Lehrgedicht, das von einem Geistlichen verfasst wurde und in dem der Begriff „Loge“ bereits erwähnt ist. In beiden Handschriften geht es um alte Zunftordnungen und Anleitungen zu einer gewissenhaften Erfüllung der Pflichten und zu sittlichem religiösen Handeln.

Im Regius-Manuskript befindet sich darüber hinaus auch eine Berufung auf die Zunftheiligen der Steinmetze, die sogenannten „Vier Gekrönten“. Einige mittelalterliche Bauhütten feierten daher nicht nur das Johannisfest, sondern auch den Jahrestag der „Vier Gekrönten“. Nach ihnen benannt sind auch die masonischen Forschungslogen „Quatuor Coronati“. Seit dem Mittelalter haben die maurerischen Konstitutionsmanuskripte einen Kodex des gewerblichen und sittlichen Verhaltens aufgenommen. Die ersten noch vorhandenen maurerischen Konstitutionsmanuskripte, das erwähnte Regius-Manuskript und das Cooke-Manuskript, wurden später abgeschrieben, wobei der Gedanke der Einübung ethischen Verhaltens eine zentrale Rolle spielte. Dabei handelte es sich aber nie um einen vollständigen Moralkodex und auch um keine Religion. (2)

Konkreteres über die englischen Gilden erfährt man erst seit dem 14. Jahrhundert. Sie hießen damals „Crafts“ oder „Mysteries“ und waren anerkannte Zunftorganisationen.

Der Begriff „freemason“ - später ins Deutsche übersetzt mit „Freimaurer“ - taucht zum ersten Mal in einer Londoner Urkunde 1376 auf. Unter dieser Bezeichnung verstand man den qualifiziert ausgebildeten Maurer und Steinmetz, der den freistehenden Stein kunstvoll bearbeiten konnte. Im „Letterbook H“ der Stadt London findet sich der Begriff „freemason“ im Zusammenhang mit einer Aufzeichnung über eine Vertreterversammlung der städtischen Gilden in London. Im Jahre 1396 enthält eine Arbeiterliste vom Bau der Kathedrale von Exeter auch das Wort „freemason“, und häufiger ist gleichzeitig das Wort „mason“ erwähnt, wie bereits in einem Schriftstück 1292, wo sich auch das Wort „Free Stone Mason“ findet.

Über die Bedeutung des Begriffes wurde intensiv nachgedacht. Die Erklärungen sind allerdings nicht eindeutig. Rolf Appel legte sich für eine bestimmte Deutung fest: „Free Stone war ein feinkörniger Sandstein und freemason der Maurer, der ihn bearbeiten konnte – eben ein besonders ausgebildeter Steinmetz. Dies stand im Gegensatz zu den gewöhnlichen Maurern, die nur den Mauerstein … vermauerten, nicht aber den Ornamentstein.“ (3)

Lodge oder Hütte konnte sowohl die Werkstätte als auch die Organisationsform bedeuten. Die Bezeichnung „Lodge“ findet sich sowohl in England als auch in Schottland und wurde mit einer dreifachen Bedeutung verwendet, was wahrscheinlich mit drei verschiedenen Entwicklungsstadien parallel lief. Zuerst die Bedeutung als Werkstätte der bei einem Bauwerk beschäftigten Masons, dann die Gesamtheit dieser Masons und auch eine territoriale Zunftorganisation der Masons.

Wurden die Baugilden unter dem englischen König Heinrich VI. noch unterdrückt, nahmen sie später einen Aufschwung. Ein Vergleich der Zunftgesetze in England mit den deutschen Steinmetzen zeigt eine doch weitgehende Übereinstimmung. Darin gab es genaue Regeln für Lehrlinge und Gesellen, auch ein spezielles Brauchtum mit eigenen geheimen Zeichen und Symbolen sowie Hinweise zu einer Geheimhaltung der Mitgliedschaft. (4)

Diese Gilden öffneten sich dann bald auch Nicht-Werkmaurern. Um 1670 überwogen bereits in einzelnen Logen die Nicht-Werkmaurer, so dass die Forschung davon ausging, dass sich um die innere Gilde der Steinmetze ein äußerer Ring gebildet habe, der sich aus Lieferanten, Söhnen von Maurern, Ortsgeistlichen, Bauhandwerkern verwandter Berufe, Zimmerleuten, Spenglern und Glasmalern zusammensetzte, die sich später in den inneren Kern integrierten. Man unterscheidet in dieser Zeit zwischen „Gentlemen masons“ und „Accepted masons“. In dieser Unterscheidung bestand auch die große Differenz zwischen englischen und deutschen Logen, weshalb die moderne Freimaurerei von England und nicht von anderen Staaten ausgegangen war. Bereits 1660 stand in einem alten Protokollbuch die erste Aufnahme eines „Operative-Mason“. Die Forschung bezeichnete diese wichtige Übergangsphase in der Geschichte der frühen Freimaurerei als Entwicklung von der „operativen“ zur „spekulativen“ Maurerei. Da es sich hier um ethische und philosophische Spekulationen (= Ideen) handelte, wurde und wird noch heute diese Formulierung verwendet. (5)

In Schottland gibt es einige Schriftstücke aus der Zeit zwischen 1696 und 1700, die eine Art Gedächtnisstütze für Logenmeister darstellten. Die darin enthaltenen Zeremonien, die rekonstruiert wurden, waren damals in den Werklogen angewendet worden. Ihr Ritus kannte zwei Grade.

In den altenglischen Werklogen wurden hingegen den Neuaufzunehmenden die „Alten Pflichten“ vorgelesen und der Verschwiegenheitseid abgenommen. Ein eigenes Rezeptionsritual gab es damals noch nicht. In den Jahren 1700 bis ca. 1730 kam es dann zu einer Kombination beider Zeremonien. Nach den zwei Graden in den englischen „Alten Pflichten“ und dem Katechismus (= Lehrbuch) der Schottischen Werklogen wurde der dritte Grad als Spezifikum der modernen spekulativen Freimaurerei eingeführt. Er tauchte erstmals 1730 in der freimaurerischen Literatur auf. Mit seiner Einführung war die innere Struktur und Ausbildung der spekulativen Freimaurerei allerdings noch nicht abgeschlossen. (6)

In der Freimaurergeschichte Englands bestand eine weitgehende Kontinuität in der Überlieferung, was für den kontinentaleuropäischen Raum nicht zutreffend war. So ist die Schottische Loge „Mary’s Chapel No. 1“ in ununterbrochener Folge Eigentümer der Protokollbücher seit 1599, aus denen der erwähnte Übergang von der operativen zur spekulativen Freimaurerei dokumentiert werden konnte.

Elias Ashmole, Offizier, Physiker, Astrologe, Alchemist, Botaniker und Historiker in Oxford, sehr breit gebildet, wurde 1646 in Warrington in eine Loge aufgenommen. Historiker gehen davon aus, dass es sich im Rezeptionsritual tatsächlich um eine Initiation mit esoterischem Mysterium gehandelt haben könnte, was immer man damals darunter verstanden haben mag. Leider hat die Forschung darüber keine genauen Informationen, auch kein Ritual, das weitere Schlüsse zulassen würde. Der erwähnte Ashmole galt im 17. Jahrhundert als großer englischer Gelehrter und war spekulativer Freimaurer als Mitglied der „Royal Society“. In seinem Tagebuch existieren zwei Eintragungen, die darauf hinweisen, dass er am 16. Oktober 1646 in Warrington/Lancashire in eine Loge aufgenommen wurde und am 10. März 1682 an einer Aufnahmearbeit in der Londoner Masons Hall teilnahm. Da er auch Rosenkreuzer war, vermuteten Freimaurer-Forscher, dass die Freimaurerei ursprünglich aus dem älteren Rosenkreuzertum entstand. Diese These ist allerdings mehr als umstritten. (7)

➤ 1717 und danach

Am 24. Juni 1717, so betont die offizielle Historiografie, soll es durch vier Londoner Logen zur Gründung einer Großloge gekommen sein, deren erster Großmeister Anthony Sayer war. Über seine Herkunft ist wenig bekannt. In einer Mitteilung über seine Wahl zum Großmeister heißt es lediglich „Mr. Anthony Sayer, Gentleman.“

In seiner Loge „Zum Apfelbaum“ bekleidete er das Amt des Aufsehers (1723). Nach James Anderson nahm er 1730 an einer öffentlichen Prozession aus Anlass der Einsetzung des Herzogs von Norfolk teil. Schon 1724 befand er sich in großen finanziellen Schwierigkeiten, sodass er sich an die Großloge um Unterstützung wenden musste, die ihm Zuwendungen gab. Gegen ihn wurde auch eine Anklage wegen verschiedener Unregelmäßigkeiten geführt. Die Großloge entschied, dass es sich hier nicht um eine gesetzwidrige Handlung gehandelt habe, sondern um eine irreguläre Verhaltensweise, weshalb er nicht ausgeschlossen wurde. (8)

Der Gründungsakt, durch den sich die Logen in London neu formierten, und der Anspruch, die erste Großloge im modernen Sinne konstituiert zu haben, stellt eine masonische Hypothese dar, die quellenmäßig nicht eindeutig belegt werden kann, zumal auch kein Gründungsprotokoll überliefert ist. Anderson hat in seinem Konstitutionenbuch von 1738 eine Geschichte erfunden, die aufgrund neuester Forschungen wohl als Fantasiegebilde dazu dienen sollte, die Gründung hoffähig zu machen.

In jüngster Zeit geht man davon aus, dass die vermeintliche Geburt der Freimaurerei und die Gründung der ersten Großloge 1717 ein Mythos sei, der von James Anderson, wie eben festgestellt, 1738 zurückprojiziert wurde. In der Konstitutionsausgabe von 1738 ergänzte Anderson seine Chronik mit Hinweisen auf die Gründungsgeschichte: „König Georg I. hielt am 20. September 1714 einen höchst glanzvollen Einzug in London, und als der Aufstand im Jahre 1716 vorüber war, hielten die wenigen Logen in London, da sie sich von Sir Christopher Wren vernachlässigt fanden, es für zweckmäßig, unter einem Großmeister, als dem Mittelpunkte der Einigkeit und Harmonie, sich fest zu verbinden, nämlich die Logen, die sich versammelten in der Bierschenke ‚Gans und Bratrost’, St. Pauls Kirchhof, 2, in der Bierschenke ‚Krone‘ in der Parkstraße, nahe der Drurystraße, 3, im Wirtshause ‚Zum Apfelbaum‘ in der Karlstraße, Covent Garden, 4, im Wirtshause ‚Zum Römer und zur Traube‘ in der Kanalstraße, Westminster. Sie und einige isolierte Brüder versammelten sich in dem genannten Apfelbaum, und nachdem sie den ältesten Meister in den Stuhl gesetzt, konstituierten sie sich als eine Große Loge pro tempore in gehöriger Form und riefen sie sofort durch eine Sitzung der Beamten wieder ins Leben und beschlossen, die Jahresversammlungen und das Jahresfest zu halten und dann einen Großmeister aus ihrer Mitte zu wählen, bis sie die Ehre eines adeligen Bruders an der Spitze haben würden. In Übereinstimmung damit wurde am Tage St. Johann d. T. im dritten Jahre der Regierung König Georgs I. Anno Domini 1717 die Versammlung und das Fest der Freien und Angenommenen Maurer abgehalten in der besagten (Loge) ‚Zur Gans und zum Bratrost‘, nunmehr übersiedelt in das Bierhaus ‚Zum Königswappen‘ in St. Pauls Kirchhof. Vor dem Essen schlug der älteste Meistermaurer als Vorsitzender eine Liste von Kandidaten vor. Und die Brüder wählten durch Handmehr Mr. Anthony Sayer, Gentleman, zum Großmeister der Maurer, der sodann von dem erwähnten ältesten Meister mit den Abzeichen seines Amtes und seiner Gewalt bekleidet und von der Versammlung gebührend beglückwünscht wurde, die ihm Verehrung erwies.“ (9)

Wahrscheinlich handelt es sich in diesem Zusammenhang um einen schon seit ca. 1715 in Gang gekommenen Prozess, der von Sir Christopher Wren (1632-1723) ausgelöst wurde, der die dreimonatlichen Sitzungen der Acceptions aus Altersgründen nicht mehr leiten konnte. Erst am 24. Juni 1721 sei John Herzog von Montagu (1690-1749) als Großmeister gewählt worden. (10)

Mit der freimaurerischen Konstitution von 1723, den „Alten Pflichten“, kam es zu einer Veränderung des Charakters der bisherigen Geschichte der Freimaurerei. Mit der zweiten Auflage 1738 wurde dieses Werk erneut verändert. Als Autor gilt nach wie vor James Anderson, obwohl bisher unklar geblieben ist, inwieweit Anderson an ihrer Abfassung beteiligt war.

Anderson hat das bestehende Manuskript von 1723 sicher nicht abgeschrieben, sondern war bemüht, tatsächlich eine neue Version zu schreiben. Dazu hatte er verschiedene Manuskripte verglichen. In der zweiten Auflage hat er die Geschichte der Freimaurerei im Vergleich zur ersten Auflage viel genauer beschrieben. Von 1716 herauf bietet er eine Art zusammenfassender Protokolle der Vierteljahres-Versammlungen. (11) Dies bedeutete, dass ihm 1738 Zugang zu den Protokollen der Großloge geboten wurde, deren Versammlungen ab 1723 protokolliert wurden, und dass er weiters auch die Archive des Ordens benutzt hatte. Leider sind einige dieser wichtigen Dokumente, die Anderson benutzte, verloren gegangen. Geprüft werden muss allerdings nach wie vor die Zuverlässigkeit der Berichte Andersons, weil es im Geschichtsteil auch teilweise „legendäre“ Erzählungen gibt. (12)

Der Zusammenschluss der vier Logen 1717, die nach den Speisehäusern, in denen sie in London zusammenkamen, benannt wurden, war eigentlich noch keine Großloge, zumal es zwischen ihnen auch keine näheren Beziehungen gab. Die vier Logen hießen: „Zur Gans und zum Bratrost“, „Zur Krone“, „Zum Apfelbaum“ und „Zum Römer und zur Traube“. In der Neufassung der Konstitution von 1738 von Anderson steht dann, dass sich diese Bauhütten regelmäßig getroffen haben, dem ältesten Maurer den Vorsitz übertrugen, eine provisorische Großloge gründeten, den Beschluss fassten, die Tradition vierteljährlicher Zusammenkünfte ihrer Oberen wieder zu beleben und jährliche Versammlungen neben Festen zu organisieren. Dort sollte auch immer ein Großmeister bestimmt werden.

Am Johannistag 1717 sollte Anthony Sayer, wie schon erwähnt, zum Großmeister gewählt werden. Sein Nachfolger war George Payne 1718. Er übte den Beruf eines Zollsekretärs aus und unterhielt verwandtschaftliche Beziehungen zu Adelskreisen, war fanatischer Sammler und hatte gute Kontakte zur Londoner Gesellschaftskreisen, in denen er auch verkehrte und Verbindungen herstellte. Vorher hatte er das Amt des Meisters in der Loge „Zum Römer und zur Traube“ inne und sammelte alte Schriften sowie Protokolle. So gelang es ihm für die Großloge, das berühmte „Cooke-Manuskript“ zu erwerben. Andrew Prescott und Susan Mitchell, die die erhaltenen Protokolle untersuchte, vertreten nach Recherchen die Auffassung, dass die Großloge erst 1721 in London gegründet worden sein konnte. (13)

Im Jahre 1719 folgte Payne als Großmeister Reverend Theophilus Desaguliers, der Sohn eines protestantischen französischen Geistlichen. Dieser kam nach der Aufhebung des Edikts von Nantes von 1598 (= Vertreibung der calvinistischen Protestanten/Hugenotten) nach England, studierte in Oxford Philosophie und Physik, hielt dann physikalische Vorlesungen und war mit Isaac Newton befreundet. Er scheint auch in der Mitgliederliste der „Royal Society“ auf und studierte Recht und Theologie. Seine Aufnahme in die Freimaurerei ist unbekannt.

Im Zusammenhang mit der Abfassung der Konstitution von 1723 spielt Desaguliers eine wichtige Rolle; er verfasste das Vorwort. Auch die Trinksprüche, die „alten“ besonderen Toaste der Freimaurerei stammen von ihm, und die Beziehungen zum Adel wurden von ihm sehr aktiv gefördert, insbesondere zum Herzog von Montagu. Er vollzog 1731 die Rezeption des Herzogs Franz Stephan von Lothringen, des späteren Gemahls der Kaiserin Maria Theresia sowie 1737 des Prinzen Friedrich von Wales. (14)

„Seine Königl. Hoheit, Franz, Herzog von Lothringen, ward im Haag vermittelst einer Deputation zu einer Loge daselbst als Lehrling und Gesell aufgenommen. Diese bestand aus dem Reverend Dr. Desaguliers, als Meister, den beiden Esquires Johann Stanhope und Johann Holtzendorff, als Aufsehern und einigen anderen Brüdern (…). Da unser königlicher Bruder Lothringen nach England kam, berief der Großmeister Lovel eine zufällige Loge auf Herrn Robert Walpoles Landhaus Houghton-Hall in Norfolk und machte Br. Lothringen und Br. Thomas Pelham, Herzog von Newcastle, zu Meister Maurern.“ (15)

1720 wurde dann nochmals für ein Jahr Payne Großmeister und 1721 folgte ihm, wie schon erwähnt, John Herzog von Montagu als erster Hocharistokrat und „Noble Man“. Er war in das Hofleben stark integriert und Mitglied der „Royal Society“. Unter ihm setzte der große Aufschwung der englischen Freimaurerei ein. Er war auch philanthropisch sehr engagiert, seit 1720 Mitglied der „Cornerstone Lodge“ und ein geistig sehr aktiver Freimaurer. Anderson erteilte er den Auftrag, die „Alten Pflichten“ in eine neue Fassung zu bringen.

Anderson war Reverend an der Kirche der schottischen Presbyterianer in London. Seine Aufnahme in die Freimaurerei ist unbekannt. Er wurde erst durch die Abfassung der nach ihm benannten Konstitution in Freimaurerkreisen bekannt. Diese Arbeit leistete er relativ rasch und legte das Manuskript schon Ende 1721 am Winterjohannisfest vor. Eine Prüfungskommission befürwortete im März 1722 die Arbeit nach einigen empfohlenen Änderungen für die Drucklegung und Veröffentlichung. Am 17. Jänner 1723 kam es dann zur Publizierung dieses neuen Konstitutionenbuches, das bis heute als Grundgesetz der Freimaurerei Gültigkeit besitzt.

Die Pflichten und Gesetze der alten Freimaurerbruderschaft in England waren ursprünglich so gut verwahrt, dass sie kaum bekannt geworden sind. Erst Anderson hat in seinem Konstitutionenbuch von 1723 das veröffentlicht, was in den schriftlichen und mündlichen Überlieferungen der alten Freimaurer enthalten war. Seither ist ein großer Teil der Urkunden aufgefunden worden, die auch Anderson benutzt hat. (16)

Wie bereits kurz angedeutet, wurden in der zweiten Ausgabe von 1738, die gleichfalls von Anderson stammte, mehrere redaktionelle Änderungen vorgenommen. Die Gründe dafür lagen darin, dass man dem Adel entgegenkommen wollte, die Organisation gestrafft wurde, die inzwischen erfolgte Einführung des Drei-Grad-Systems berücksichtigt werden musste und die Einleitung übersichtlicher gestaltet wurde. (17)

Es deutet vieles darauf hin, dass das Jahr 1717 und die damit verbundene Gründung der ersten Großloge in London wissenschaftlich nicht haltbar ist. Künftige Forschungen werden dazu Genaueres ergeben. Trotz dieser Unsicherheit muss allerdings betont werden, dass sich bei der Beurteilung der Wirkungsgeschichte der Freimaurerei durch eine Korrektur des Jahres 1717 auf 1721 keine wesentlichen Veränderungen ergeben werden. Was aber unverzichtbar erscheint, ist die Notwendigkeit, unter heutigen wissenschaftlichen Kriterien und den modernen Ansätzen der Geschichtsschreibung die Geschichte der Freimaurerei neu zu schreiben, eine Aufgabe der Forschung, die nicht mehr von einer Person allein geleistet werden kann. Hier bedarf es einer interdisziplinären größeren Forschungsgruppe, die ein solches Werk planen und durchführen müsste.


Fußnoten:

  1. Zit. nach Rolf Appel: Die Entwicklung der Freimaurerei. Vorläufer und Gründung, Hamburg 1974, S. 28. Vgl. dazu weiters Helmut Reinalter: Die historischen Ursprünge und die Anfänge der Freimaurerei, in: Geheimgesellschaften. Kulturhistorische Sozialstudien, hg. von Frank Jacob, Würzburg 2013 (dort auch weitere Literatur).
  2. Ebd.; Regius-Manuskript und Cooke-Manuskript, Gustav R. Kuéss: Die Vorgeschichte der Freimaurerei im Lichte der englischen Forschung, Hamburg o.J., S. 9 ff.; Douglas Knoop / G. P. Jones: Die Genesis der Freimaurerei. Ein Bericht vom Ursprung und der Entwicklung der Freimaurerei in ihren operativen, angenommenen und spekulativen Phasen, Bayreuth 1968; Wilhelm Begemann: Vorgeschichte und Anfänge der Freimaurerei in Schottland, Berlin 1914.
  3. Rolf Appel: Die Entwicklung der Freimaurerei, S. 27.
  4. Gustav R. Kuéss: Die Vorgeschichte, S. 6 f.
  5. Helmut Reinalter: Die historischen Ursprünge (Kap.: Die Logen (Lodges) in England).
  6. Vgl. dazu Gustav R. Kuéss: Die Vorgeschichte, S. 17 ff., S. 22 ff.
  7. Vgl. dazu Eugen Lennhoff / Oskar Posner / Dieter A. Binder: Internationales Freimaurer-Lexikon, München 2006, S. 89.
  8. Helmut Reinalter: Die historischen Ursprünge (Kap.: Die Gründung der ersten Großloge in London); Eugen Lennhoff / Oskar Posner / Dieter A. Binder: Internationales Freimaurer-Lexikon, S. 743; zur Gründung der englischen Großloge vgl. weiters Gustav R. Kuéss: Die Vorgeschichte, S. 24 ff.; Douglas Knoop / G. P. Jones: Die Genesis, S. 59 ff.; Charles von Bokor: Die Geschichte der Freimaurer, Wien 1980, S. 73 ff., S. 78 ff., S. 80 ff.
  9. Die Konstitutionsausgabe von 1738 zit. in Eugen Lennhoff / Oskar Posner / Dieter A. Binder: Internationales Freimaurer-Lexikon, S. 39; Rolf Appel: Die Entwicklung der Freimaurerei, S. 32, S. 33; Eugen Lennhoff / Oskar Posner / Dieter A. Binder: Internationales Freimaurer-Lexikon, S. 743; Gustav R. Kuéss: Die Vorgeschichte, S. 24 ff.; Douglas Knoop / G. P.Jones: Die Genesis, S. 194 ff. Die Konstitution von 1738 bei Helmut Reinalter: Die Freimaurer, München 2010, S. 55.
  10. Rolf Appel: Die Entwicklung der Freimaurerei, S. 34; Eugen Lennhoff / Oskar Posner / Dieter A. Binder: Internationales Freimaurer-Lexikon, S. 211; Helmut Reinalter: Die Freimaurer, S. 12 f.; Helmut Reinalter: Die historischen Ursprünge (Kap.: Die Gründung der ersten Großloge in London).
  11. Vgl. dazu den wichtigen Forschungsband Wurzeln der Freimaurerei. Aktuelle Forschungsergebnisse über ihre Vor- und Frühgeschichte Bd. 1, hg. von Michael Ammen / Klaus Bettag / Jan A. M. Snoek, Driftsethe 2016, hier besonders der Beitrag von Jan A. M. Snoek: Forschen über Freimaurerei: Wo stehen wir?, in: ebd., S. 2 f.
  12. Ebd.
  13. Vgl. dazu Rolf Appel: Die Entwicklung der Freimaurerei, S. 34; Forschungsband: Wurzeln der Freimaurerei Bd. 1 (hier die Aufsätze von Andrew Prescott), insbesondere S. 287 ff.
  14. Vgl. Eugen Lennhoff / Oskar Posner / Dieter A. Binder: Internationales Freimaurer-Lexikon, S. 211; Helmut Reinalter: Die Freimaurer, S. 12 f.
  15. Georg Kloss: Geschichte der Freimaurerei in England, Irland und Schottland. Unver. Nachdruck der 1848 bei Otto Klemm in Leipzig erschienene Ausgabe, Graf 1971, S. 120; vgl. auch Renate Zedinger: Franz Stephan von Lothringen (1708-1765). Monarch. Manager. Mäzen, Wien-Köln-Weimar 2008, S. 56.
  16. Vgl. dazu Helmut Reinalter: Die Freimaurer, S. 53 ff.; J. N. J. Schmidt: Wurzeln der freimaurerischen Gemeinschaft. Rückblick und Ausblick, Zürich 1961.
  17. Eugen Lennhoff / Oskar Posner / Dieter A. Binder: Internationales Freimaurer-Lexikon, S. 35 ff.

Siehe auch


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