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Abbé Barruel Teil 3

Aus Freimaurer-Wiki

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Inhaltsverzeichnis

Abbé Barruel Teil 3

Bearbeitung von Roland Müller


Abbé Barruel: Denkwürdigkeiten

Teilstück III: Ritter Kadosch, Jehova und das verlorene Wort

Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus (frz. 1797-1798; dt. 1800-1803)

Zweyter Theil

Zehntes Kapitel.

Von den großen Mysterien, oder den Geheimnissen der Hinterhalts-Logen der Freymaurerey.

Seiten 273-311


Was ich hier unter den Hinterhalts-Logen oder unter den letzten Graden der Maurerey verstehe, beziehet sich überhaupt auf alle Maurer, die, nachdem sie die drey ersten Grade, der Lehrlinge, Gesellen und Meister durchgegangen sind, Eifer genug haben, um in den weiteren Graden zugelassen zu werden, und endlich zu dem gelangen, wo der Vorhang für sie zerreisset, wo die Hieroglyphen und Allegorie aufhören, wo der doppelte Verstand der Gleichheit und Freyheit, ohne Zweydeutigkeit sich löset und auf die Worte hinausläuft: Krieg dem Christ und seiner Verehrung; Krieg den Königen und ihren Thronen.

Um darzuthun, daß dieses das Resultat der Verraths-Maurerey sey, habe ich nicht etwa den Mangel der Beweisthümer zu besorgen, die Menge derselben setzt mich in Verlegenheit. Sie alleine würden einen ziemlich starken Band ausmachen, und ich bin gesonnen sie in dieses Kapitel einzuengen. Von der Beschreibung der Hieroglyphen, der Gebräuche, der Eide und Prüfungen, welche mit einem jeden der letzten Grade verbunden sind, wird man mich wohl freylassen. Das Wesentliche besteht in der Angabe und Bekanntmachung ihrer Lehrsätze und des endlichen Zwecks. Dahin werde ich mich also bestreben.

Mit Bemerkungen die den Leser in Stand setzen, den Mysterien in ihrer allmähligen Entwicklung zu folgen, wollen wir den Anfang machen.

Obwohl in den ersten Graden der Maurer alles Kinderey zu seyn scheinet, so hat doch die Sekte verschiedene Dinge zum Versuch in die ersten Grade geleget, um aus dem Eindrucke, den sie auf die Neuaufgenommene machen würden, zu urtheilen, wie weit sie dieselben werden leiten können.

1) Der Hauptzweck den sie, im Auge zu haben, vorgiebt, ist bald, der Tugend Tempel, und dem Laster Kerker zu bauen; bald ihre Adepten dem Lichte zuzuführen, von der Finsterniß sie zu befreyen, welche die Profanen gefangen hält, und diese Profanen sind alle übrige Menschen. Dieses Versprechen befindet sich in dem ersten Katechismus der Maurer; alle Eingeweihete, ohne Ausnahme, werden solches eingestehen. Inzwischen deutet dieses Versprechen allein schon an, daß die Maurer eine Moral, eine Lehre haben, neben welcher die von Christus und seinem Evangelium, nur Irrthum und Finsterniß ist.
2) Die maurerische Zeitrechnung ist nicht die des Christenthums, Das Jahr des Lichts hebet bey ihnen mit dem Anfange der Welt an; kein Maurer wird dieses ableugnen. Diese Behauptung in dem Munde der Verschwornen, sagt also deutlich, daß alle ihre Erleuchtung, ihre Sittenlehre, ihre religiöse Kenntnisse älter sind als die evangelische Offenbarung, ja älter als die von Moses und den Propheten; und daß das, was dem Unglauben beliebet Natur-Religion zu nennen, alles in sich fasset.
3) In der Sprache der Maurer machen alle ihre Logen nur einen Tempel aus, der das ganze Weltall vorstellet, einen Tempel, der von Morgen bis Abend, von Mittag bis Mitternacht sich erstreckt. In diesem Tempel werden ohne Unterschied, der Jude und der Christ, der, Mahomedaner und der Götzendiener, Menschen von allen Religionen und von allen Sekten zugelassen (3).
(4) In Europa lassen die Maurer Juden und Mahomedaner nicht durchgängig zu. In den übrigen Welttheilen verhält sichs anders. Ich weiß, daß es Maurer und selbst Maurer-Missionarien mitten unter den Türken giebt, von denen sie gleichwohl nicht sehr geliebet sind.

Ueberdies ist mir nicht bewust, daß man anders als durch die Taufe ein Christ werde, und nie habe ich gehört, daß die Maurer in Europa diejenigen Sektirer zurückwiesen, die die Taufe verwerfen, oder sie nie empfangen haben. Denn ist auch die Anmerkung, die ich hier mache, von Maurern mir mitgetheilet worden.


Alle sehen darin das Licht; alle lernen darin die Tugenden und die wahre Glückseligkeit erkennen, und alle können daneben in ihrer Sekte und in allen ihren Graden verbleiben, bis sie zu dem Grade gelangen, der sie endlich belehrt, daß alle Religionen nur auf Irrthum und Vorurtheile sich gründen. Zwar sehen viele Maurer in dieser Vereinigung nichts als die allgemeine Menschenliebe, deren Ausflüsse durch die Verschiedenheit der Meinungen, nicht verhindert werden sollen, über Heiden und Juden, über Rechtgläubige und Irrgläubige sich zu erstrecken. Aber ich fürchte, daß so vieler Eifer, Irrthum und Lüge zu vereinigen, darauf hinauslaufen werde, Gleichgültigkeit gegen alle Religionen einzuflößen, bis sie mit der Zeit alle in den Herzen der Eingeweihten erlöschen.
5) Mit Verwahrung des Geheimnisses durch die fürchterlichsten Eide, theilen immer die Maurer ihr vorgebliches Licht mit, oder ihre Kunst, der Tugend Tempel, und dem Laster Kerker zu erbauen. Wenn die Wahrheit und die Tugend von tyrannischen Herrschern alles zu fürchten haben, so begreift man, daß sie ihre Lehren im Verborgnen geben; aber anstatt einen Eid zur Geheimhaltung ihrer Lehren vorzuschreiben, rechnen sie es dem zum Verbrechen, der sie verhehlet, wenn er sie verbreiten kann; sie gebieten an hellem Tage zu predigen, was man in der Finsterniß entdecket hat.
Entweder sind die Kenntnisse der Maurer, wahre mit den Vorschriften des Christenthums, und mit der Ruhe der Staaten vereinbarende Kenntnisse der Tugend und der Glückseligkeit; und was haben sie alsdann von den Hohenpriestern und Königen zu fürchten, nachdem das Christenthum in der Welt sich verbreitet hat? Oder diese vorgebliche Kenntnisse stehen mit den religiösen und bürgerlichen Gesetzen der christlichen Welt im Widerspruche; und alsdenn kann man ihnen sagen: der begehet das Böse, der sich zu verbergen sucht.
6) Was die Maurer verbergen, ist nicht das, was man lobenswürdig in ihrer Verbindung finden kann. Es ist nicht die Bruderliebe, das allgemeine Wohlwollen, was sie mit einem jeden treuen Anhänger des Christenthums gemein haben. Auch sind es nicht die Vergnügungen. die Süßigkeiten ihrer Gleichheit, ihrer Einigkeit, ihrer brüderlichen Gastmahle. Im Gegentheile erheben sie unaufhörlich ihre Wohlthätigkeit, und jedermann kennet die Freuden ihrer Tafelgäste. In ihrem Geheimnisse liegt also etwas ganz anderes verborgen, als die Brüderschaft, etwas weniger Unschuldiges, als die Freude der maurerischen Gesundheiten.
Das ist es, was man überhaupt einem jeden Maurer sagen kann, und was sie selbst hätte argwöhnen machen können, daß in den letzten oder höchsten Graden ihrer Verbindung Geheimnisse verborgen lägen, welche man weit mehr Ursache habe, zu verbergen als das ihrer Brüderschaft, ihrer Zeichen und ihrer Paßworte.
Die affectirte Geheimhaltung der ersten Worte der Maurerey: Gleichheit und Freyheit (4) und das Verboth, jemahls in diesen beiden Worten die Grundlage des maurerischen Lehrgebäudes blicken zu lassen, zeigten allein schon an, daß eine solche Auslegung dieser Worte vorhanden sey, an deren Verheimlichung gegen die Männer des Staats und der Religion, der Sekte sehr gelegen ist.

(4) Seit 35 Jahren eingeweihete Maurer meiner Bekanntschaft habe ich gefraget, ob sie von der Zeit an die Worte Freyheit und Gleichheit in ihren Logen hergebracht gefunden hätten? Sie antworteten Ja, und habe man sie von jeher als das Geheimniß der Maurer angesehen; dennoch wird mir geschrieben, ihre Favorit-Worte wären, Schönheit, Weisheit, Stärke. Allerdings habe ich diese Worte auf ihren Diplomen wahrgenommen; aber hundert gegen einmahl habe ich die Maurer, vorzüglich auf die Worte Freyheit und Gleichheit, bestehen gehört.


Um zu dieser Auslegung in den höchste n Mysterien zu gelangen, müssen demnach so viele Prüfungen, so viele Eide und so viele Grade vorhergehen. Damit der Leser in, Stand gesetzt werde zu urtheilen, in wie ferne diese vorgefaßte Meinungen in den Hinterhalts-Logen sich bewahrheitet finden, muß ich hier auf den Meistergrad zurückkommen, und die allegorische Geschichte erzählen, deren Aufschluß und Entwickelung eigentlich die großen Mysterien der Sekte ausmachen.

In dem Grade der Meistermaurer ist die Loge schwarz behangen, in der Mitte befindet sich eine 5 Stufen erhöhetes Grabmahl, oder ein Sarg, mit einem Leichentuche bedeckt; die Brüder stehen umher in Schmerz und Rache andeutender Stellung. Wenn der Adepte herbeygeführet ist, erzählet ihm der Venerable folgende Geschichte oder Fabel:

Adoniram war von Salomo zur Bezahlung der Bauleute des Tempels erkohren, deren Zahl auf drey Tausend sich belief. Um einem jeden den ihm gebührenden Lohn zu geben, theilte sie Adoniram in drey Classen, in Lehrlinge, Gesellen und Meister. Einem jeden gab er das Losungswort, seine absonderlichen Zeichen, und lehrete ihn, wie er ihn berühren oder die Hand ihm geben solle, um erkannt zu werden.

Eine jede Classe ward angewiesen, ihre Zeichen und ihr Wort äußerst geheim zu halten. Drey Gesellen, in der Absicht, das Meisterwort und dadurch auch den Lohn der Meister sich zu verschaffen, verbargen sich in dem Tempel, und stelleten sich nächstdem ein jeder an eine besondere Thür. In dem Augenblicke nun, da Adoniram, seiner Gewohnheit nach, den Tempel verschliessen wollte, forderte der erste ihm aufstoßende Geselle das Meisterwort, Adoniram weigert sich ihm es zu geben, und erhält einen starken Stockschlag auf den Kopf. Er sucht durch eine andere Thür zu entfliehen, und hat ein gleiches Schicksal. An der dritten Thür wird er endlich von dem Gesellen ermordet, nachdem er abermahls verweigert, das Meisterwort zu verrathen.

Seine Mörder begraben ihn darauf unter einem Steinhaufen und stecken einen Acaciazweig darauf, um den Platz wieder zu finden, wo sie den Leichnam hingeleget hatten.

Mir der größesten Betrübniß vermissen Salomo und die Meister den Adoniram, sie suchen ihn aller Orten. Endlich entdecket einer der Meister seinen Leichnam, er fasset ihn bey einem Finger, der von der Hand sich ablöset, er ergreifet seine Hand, die vom Arme sich ablöset, und voll Verwunderung ruft nun der Meister aus: Mac-Venac [im frz.Original: Mac Benac], welches nach der Auslegung der Maurer bedeutet: Das Fleisch verläßt die Knochen.

Aus Furcht, daß Adoniram vielleicht ihr Losungwort, Parole genannt, verrathen habe, werden alle Meister eins, es zu verändern, und Mac-Venac in die Stelle zu setzen; ehrwürdige Worte, welche die Maurer ausserhalb der Logen nicht aussprechen dürfen, und wovon selbst in den Logen ein jeder nur eine Sylbe aus spricht und dem letzten Nachbar es zu endigen überlässet.

Wenn diese Geschichte geendiget ist, wird der Adepte benachrichtiget, daß der Gegenstand seines Grades ist, sich zu bemühen, das durch, oder mit Adoniram verlohrengegangene Wort wieder aufzusuchen, und den Tod dieses Märtyrers des maurerischen Geheimnisses zu rächen. (S. den Meistergrad in den Schriften über die Maurerey.)

Der größeste Theil der Maurer, welcher die Geschichtserzählung für eine Fabel, und alles das womit man sie begleitet, für Kinderspiel hält, bekümmert sich sehr wenig um die weiteren Fortschritte in diesen Mysterien.

Mit dem Elugrade fangen die Spiele an ernsthafter zu werden, Dieser Grad hat zwey Abtheilungen, Die eine beschäftiget sich damit, den Adoniram zu rächen, der hier in Hiram umgeschaffen wird; die andere mit der Wiederaufsuchung des Worts, oder der geheiligten Lehre welche dieses Wort enthielt, und die verlohren gegangen ist.

In dem Elugrade erscheinen alle Brüder schwarz gekleidet, mit einem Bruststücke oder Schilde an der linken Seite, auf welchem ein Todtenkopf, ein Knochen und ein Dolch gesticket sind, umgeben mit der Devise: Siegen oder sterben; und mit einem kreutzförmigen Cordon, worauf dieselbige Devise sich befindet. In dem Costume und in der Haltung athmet alles Tod und Rache.

Der Aspirant wird mit verbundenen Augen, und an den Händen mit Blut bezeichneten Handschuhen in die Loge geführet. Den Dolch in der Hand, drohet ein Eingeweiheter das Herz ihm zu durchbohren, wegen des ihm angeschuldigten Verbrechens. Nach vielen Schreckungen wird ihm das Leben geschenkt, nachdem er versprochen, den Vater der Maurer durch den Tod seines Mörders zu rächen. Man zeiget ihm eine dunkle Höhle, wo er hineinkriechen muß, unter dem Zuruf: Stoßet alles nieder was sich euch widersetzen will, dringet ein, vertheidiget euch, und rächet unsern Meister; um diesen Preis werdet ihr Elu.

Einen Dolch in der rechten, und eine Lampe in der linken Hand, schreitet er vorwärts, ein Geschrey kommt ihm entgegen, er höret abermahls rufen: stoße zu, räche Hiram, dies ist sein Mörder. Er stoßet, das Blut rieselt — Haue dem Mörder nun auch den Kopf ab - der Kopf des Leichnams fällt (6), er fasset ihn bey den Haaren, hält ihn triumphirend, zum Beweise seines Sieges, empor, zeiget ihn jedem Bruder, und er wird würdig erkannt, Elu zu seyn.

(6) Man begreifet leicht, daß dieser Leichnam nur ein Popanz ist, mit Blut enthaltenden Gedärmen umwickelt.


Ich habe viele Maurer befraget, ob diese Lehrprobe der Grausamkeit sie nicht argwöhnen gemacht hätte, daß der abzuhauende Kopf den der Könige bedeutete; sie haben mir gestanden, es nicht eingesehen zu haben, als bis die Revolution, auf eine nicht zu bezweifelnde Art, sie davon belehret habe.

Gleiche Bewandniß hatte es mit dem religiösen Theile dieses Grades. Hier waren alle Brüder Hohepriester und Opferpriester. Angethan mit der Kleidung und den Zierrathen des Priesterthums, theilten sie Brod und Wein aus, nach der Ordnung des Melchisedek. Der heimliche Zweck dieser Feyerlichkeit war, die religiöse Gleichheit einzuführen, alle Menschen als Priester und Hohepriester darzustellen, alle Maurer zur Naturreligion zu führen, und sie zu überreden, daß die mosaische und christliche durch die Unterscheidung der Priester und der Layen, die natürlichen Rechte der religiösen Freyheit und Gleichheit verletzt haben. Vielen Adepten war auch die Revolution noch nöthig, um sie zu dem Erkenntniß und Geständniß zu bringen, daß sie durch diese Gottlosigkeit, so wie durch die Königsmörderprobe, in ihrem Elugrade hinters Licht geführet worden (7).

(7) Wenn ich weniger strenge in meinen Beweisen seyn wollte, so würde ich den Maurergrad, Chevaliers du soleil (Sonnenritter) genannt, hierher stellen. Aber dieser Grad ist mir nicht weiter bekannt, als durch das, was man davon lieset in dem Voile levé vom Abbé Franc [besser: Lefranc; im frz. Original; le Franc], ein zuverlässig sehr tugendsamer, wahrhafter Mann, und einer von den würdigen Geistlichen. die lieber am 2. Sept. 1792 unter das Schwerdt der Mörder fallen, als die Religion verrathen wollen. Inzwischen hat dieser Schriftsteller versäumt, uns bekannt zu machen, woher er seine Nachrichten von den maurerischen Graden genommen hat.
Ich bemerke überdies, daß er selbst von dem Ursprunge der Maurerey nicht genug unterrichtet ist, den er nur bis zum Socin zurückführet. Seine Kenntnisse von den schottischen Graden scheint er bloß aus nicht sehr getreuen und mit allen den Franzosen beliebig gewesenen Veränderungen, gemachten Uebersetzungen geschöpfet zu haben.

Andern Theils weiß ich, daß der Sonnengrad von neuer Erfindung ist. An seinem Altdeutschen möchte ich den Urheber erkennen. Wenn ich der mir zu Ohren gekommenen Sage trauen kann, ists einer der Philosophen der hohen Aristokratie, die sich bey ihrem Range in der Welt zu wohl befinden, um eine andere Gleichheit zu bezielen, als die, welche auf gleiche Brüder bey den maurerischen Gelagen, und alle von gleicher Ruchlosigkeit, sich beschränket. Man siehet auch in diesem Grade nichts von dem gegen die Throne gerichteten Systeme. Er ist von einer Klarheit, die zu frühe viele Maurer empört haben würde, zu denen noch durch, einer anderen Deutung fähige Sinnbilder geredet werden mußte. Ich habe jedoch von diesen Maurer-Sonnenrittern in Frankreich gesehen. Der Grad ward nur solchen Adepten gegeben, deren Irreligiosität nicht mehr zweydeutig war. Er ist vielmehr ein Grad des neuen Philosophismus des Unglaubens als der alten Maurerey. In diesem Lichte verdienet er noch gesehen zu werden. Um ihn zu beurtheilen, wird das, was ich davon sagen werde, hinreichend seyn, wobey ich gleichwohl bevorworte, daß der Abbé le Franc hier mein einziger Gewährsmann ist.

Wer zu diesem Grade gelanget, kann unmöglich sich's verhehlen, daß der maurerische Codex mit der mindesten Spur des Christenthums unvereinbar ist. Der Venerable nimmt hier den Namen Adam, der Introducteur den der Wahrheit an; und folgendes ist ein Theil der Lehren, welche der Bruder Wahrheit beauftraget ist, dem Neuaufgenommenen mit Wiederholung. aller der Hieroglyphen, welche er bisher in der Maurerey gesehen hat, zu ertheilen:

„Vernehmen Sie gleich Anfangs, daß die ersten drey Geräthe, welche Sie kennen gelernt haben, nämlich die Bibel, der Zirkel und das Winkelmaaß, einen verborgenen Sinn haben, der Ihnen unbekannt ist. Die Bibel soll sie lehren, daß sie kein ander Gesetz anerkennen sollen, als das von Adam, welches Gott ihm ins Herz gepräget halte. Dieses Gesetz ist, was man das natürliche nennet, der Zirkel benachrichtiget Sie, daß Gott der Mittelpunkt aller Dinge ist, dem die einen wie die andern gleich nahe und gleich ferne sind. Durch das Winkelmaß wird uns kund gethan, daß Gott alle Dinge gleich gemacht hat. Der kubische Stein deutet Ihnen an, daß alle Ihre Handlungen gleichförmig seyn sollen, in Beziehung auf das höchste Gut.

Der Tod des Hiram und die Veränderung des Meisterworts belehren Sie. daß es schwer falle, den Fallstricken der Unwissenheit zu entgehen, daß man aber so standhaft bezeigen müsse, als der Venerable Hiram, der lieber umgebracht seyn wollte, als der Ueberredung seiner Meuchelmörder nachzugeben."

Der wesentlichste Theil dieser Rede des Bruders Wahrheit ist der, wo er den Elugrad ausleget. Man lieset davon unter andern dieses:

„Wenn sie mich fragen, welche Eigenschaften ein Maurer haben muss, um zum Mittelpunkte des wahren Guten zu gelangen; so antworte ich, um dazu zu gelangen, muß man der Schlange der Unwissenheit den Kopf zertreten, und das Joch der jugendlichen Vorurtheile, die Mysterien der herrschenden Religion in dem Lande worin man gebohren ist, betreffend, abgeworfen haben. Aller Religions Cultus ist nur erfunden, in der Hoffnung zu herrschen, und den ersten Rang unter den Menschen einzunehmen, durch eine Trägheit, die mittelst einer falschen Frömmigkeit die Begierde erzeuget, anderer Menschen Güter an sich zu bringen; und endlich durch die Unmäßigkeit, Tochter der Heucheley, welche alles anwendet, die fleischlichen Lüste derer zu dämpfen, welche sie besitzen, diese Güter, und die ihr unaufhörlich, auf dem in ihren Herzen errichteten Altar Opfergaben bringen, welche Wollust, Schwelgerey und Meineid zuwege gebracht haben. Dies ists, mein lieber Bruder, was man alles zu bekämpfen wissen muß; dies ist das Ungeheuer in der Gestalt einer Schlange, welches vertilget werden muß. Es ist die getreue Abbildung dessen, was der schwachköpfige gewöhnliche Mensch unterm Namen der Religion verehret."

„Der profane und furchtsame Abiram, welcher durch schwärmerischen Eifer ein Werkzeug der religiösen Mönchsgebräuche geworden war, hat unserm Vater Hiram die ersten tödtlichen Streiche versetzt; das ist, zu sagen, er hat den Grund des heimlichen Tempels locker gemacht, den Gott selbst auf der Erde der erhabenen Tugend erbauet hatte.

„Das erste Weltalter ist Zeuge gewesen von dem, was ich behauptete. Das allereinfachste Gesetz der Natur machte unsere ersten Stammväter zu den glücklichsten Sterblichen, das Ungeheuer des Stolzes erscheinet auf der Erde, schreiet und macht sich den derozeitigen glücklichen Menschen verständlich; es verspricht ihnen die ewige Glückseligkeit, und durch honigsüße Worte bringet es ihnen die Meynung bey, daß dem ewigen Schöpfer aller Dinge, eine ausgezeichnetere und mehr umfassende Verehrung erwiesen werden müsse, als die bishero auf der Erde üblich gewesenen. Diese hundertköpfige Schlange betrog und betrüget noch immerfort die Menschen, die ihrer Herrschaft unterworfen sind, und wird sie bis dahin betrügen, daß die wahren Elus hervortreten, sie zu bekämpfen und gänzlich zu zernichten.“

[Der folgende Nachtrag steht nicht im französischen Original von 1797] N. B. Seit der ersten Ausgabe dieses Theils habe ich Gelegenheit gehabt, von der wahren Beschaffenheit dieses Grades mich zu überzeugen. Ich habe davon ein zwar weniger ausgedehntes, aber im Wesentlichen gleichlautendes Exemplar aus Deutschland erhalten. Herr Robinson [besser: Robison] sagt ausserdem darüber eben das. (S. seinen Anhang zu den Beweisthümern der Conspiration der Freymaurer und Illuminaten.)
[Zu „Herrn Robinson“ auch im 3. Band, S. 19-23. In Bd. 4, S.19 et passim heisst er plötzlich „Herr Robison“.]


Diese Mysterien werden auch dem Bruder Elu nicht mit deutlichen Worten erklärt. Die mehresten Maurer, welche Zutritt zu diesem Grade erhalten, bemühen sich wenig, seinen Sinn zu erforschen; sie suchen sogar Deutungen sich zu verbergen, die sie empören würden, so lange noch einiges Gefühl der Religion oder der Treue gegen ihren Fürsten bey ihnen übrig ist. Viele werden aller solcher Prüfungen müde, und begnügen sich mit den unteren Graden, welche ohnehin hinreichen, um von allen übrigen Maurern als Brüder angesehen zu werden, um seine Zeche bey jeder Mahlzeit, bey allen maurerischen Festen oder Gelagen zu bezahlen; oder auch, um ein Recht an den Unterstützungen zu haben, welche die Logen den Nothdürftigen bestimmen.
Der, dessen Eifer nicht erkaltet, gehet gewöhnlich vom einfachen Meistergrade, oder vom Elugrade, zu den drey Graden der schottischen Ritterschaft über. Das Resultat dieser drey Grade will ich nicht in Schriften aufsuchen, welche man in Verdacht nehmen könnte, daß sie dieselben herabzuwürdigen trachteten. Der deutsche Adepte, der sie zum Unterricht seiner maurerischen Landsmannschaft in seine Sprache übersetzt hat, ist einer der eifrigsten, für das Lehrgebäude, welches er darin enthalten findet, eingenommenen Ritter. Er wendet alle seine Kräfte an, es zu vertheidigen; ich konnte also keinen weniger verdächtigen Schriftsteller auswählen. Er schrieb zu mehrerer Erleuchtung der Brüder. Die Profanen werden sehen, was sie aus diesen Unterweisungen lernen können. (S. den Grad der Stern-Ritter, Nr. 17.) Solche gottlose Lektionen bedürfen keiner Anmerkungen. (S. die schottischen Meistergrade, gedruckt zu Stockholm 1784)

Ein jeder Maurer, der zu diesen hohen schottischen Logen Zutritt begehret, (und selbst in allen andern maurerischen Graden) lernet gleich Anfangs, daß er bis zu dem Augenblicke in der Sklaverey gelebet hat, deswegen muß er in der Gestalt eines Sklaven, mit einem Stricke um dem Halse vor die Brüder treten, und um die Befreyung von seinen Fesseln bitten. In einer noch erniedrigender Gestalt muß er erscheinen, wenn er vom zweiten schottischen Meister-Grade zum dritten schreiten will, zu dem eines Andreas-Ritters. Der um diese Ehre sich bewerbende Maurer wird in ein dunkles Behältniß eingesperret, ein Strick mit vier Schleifen umfasset seinen Hals, auf die Erde hingestreckt ist er, bey dem. matten Schein einer Lampe, sich selbst überlassen, um über die Sklaverey, welcher er noch unterworfen ist, nachzudenken, und um den Werth der Freyheit schätzen zu lernen.
Endlich kommt einer der Brüder und führet ihn ein, indem er den Strick in der einen Hand hält, und einen Degen in der andern, als wollte er ihn durchbohren, wenn er sich widersetzte. Er wird nicht eher frey erkläret, als nachdem er eine Menge Fragen beantwortet, vornemlich aber geschworen hat, die Geheimnisse, welche ihm anvertrauet werden, niemahls zu verrathen. Es würde überflüssig seyn, hier alle Eide [tous les sermens] aufzuzählen; ein jeder Grad und eine jede Unterabtheilung eines Grades haben ihren Eid. Alle sind sie schrecklich [ils sont tous affreux]. Alle unterwerfen den Aspiranten den fürchterlichsten Strafen Gottes oder der Brüder, wenn er seinem Geheimnisse ungetreu wird. Ich werde mich also wieder an die Lehre dieser Geheimnisse selbst halten.

In dem ersten Grade des schottischen Ritters, vernimmt der Aufgenommene, daß er zu der Würde eines Oberpriesters erhoben ist; er wird auf eine gewisse Art eingesegnet, im Namen des unsterblichen und unsichtbaren Jehova. Unter dieser Benennung wird er angewiesen, in der Folge die Gottheit zu verehren, weil Jehova ein weit angemessener Ausdruck ist, als Adonai.

Die maurerische Wissenschaft wird ihm noch als von Salomo und Hiram herstammend, und durch die Tempel-Herren [les Chevaliers du Temple] erneuert, angegeben; aber in dem Zweiten hat sie Adam zum Vater. Dieser erste Mensch, und nächstdem Noa, Nimrod, Salomo, Hugo de Payanis [besser, wie im frz. Original: Hugue(s) de Payens], Stifter der Tempelherren, und Jakob Molay [Jacques Molay] ihr letzter Großmeister, werden nun die großen Weisen der Maurerey, die Günstlinge Jehova's, Endlich im dritten Grade, macht man ihm kund, daß das berühmte, so lange vergessene und seit dem Tode Hirams verlohrne Losungswort [la fameuse parole si long-temps oubliée, & perdue depuis la mort d’Hiram], der Name Jehova gewesen, Es ward von den Tempelherren wiedergefunden, sagt man ihm, bey der Gelegenheit, da die Christen eine Kirche zu Jerusalem bauen wollten. Beym Durchwühlen des Platzes, auf welchem der Theil des Salomonischen Tempels, das Allerheiligste stand, entdeckte man drey Grundsteine des alten Tempels.

Die Gestalt und Verbindung dieser drey Steine machten die Tempelherren aufmerksam, und sie verwunderten sich noch mehr, als sie dem letzten den Namen Jehova eingegraben erblickten, und dieses war das durch den Tod Adonirams verlohrne Losungswort.

Die Tempelherren liessen, bey ihrer Rückkehr in Europa, ein so schätzbares Monument nicht im Stiche. Sie brachten die drey Steine nach Schottland, und vornemlich den, worin der Name Jehova gegraben war. Die weisen Schotten setzten ihrerseits die diesem Monument schuldige Ehrerbietung nicht aus den Äugen. Sie machten daraus die Grundsteine ihrer ersten Loge; und da die Loge am Andreas-Tage ihren Anfang nahm, so legten die vom Geheimnisse der drey Steine und des Namens Jehova Ununterrichteten, den Namen von St. Andreas-Rittern sich bey Ihre Erben und Nachfolger in dem Geheimnisse sind jetzt die vollkommene Meister-Freymaurer, die Oberpriester des Jehova.

Was zur hermetischen Wissenschaft oder der höhern Chemie, und zur Verwandlung der Metalle gehöret, abgerechnet, ist dieses in Substanz, die ganze, dem in die letzten oder höchsten Mysterien der schottischen Ritterschaft eingeweiheten Bruder, offenbarte Lehre.

In der Catechisation, welche man mit ihm anstellet, um zu wissen, ob er alles, was er in der Loge oder dem Salomonischen Tempel gesehen, und alles was ihm erkläret worden, sich wohl gemerkt hat, ist unter andern die Frage enthalten: Ist das alles, was sie gesehen haben? Hierauf wird geantwortet: Ich habe noch viele andere Dinge gesehen, wovon ich aber das Geheimniß, mit den schottischen Meistern, in meinem Herzen bewahre.

Dieses Geheimniß zu errathen, kann inzwischen nicht schwer fallen. Es gehet darauf hinaus, in dem schottischen Meister den Hohenpriester Jehovas zu erkennen, in dem Dienste in der vorgeblichen Religion des Deisten, davon man uns sagt, daß sie die von Adam, von Noa, Nimrod, Salomo, Hugo de Payanis, des Großmeister Molay und der Tempelherren gewesen sey; und die heut zu Tage die allgemeine Religion des vollkommnen Freymaurer-Meisters seyn soll.

Mit diesen Mysterien konnten die Adepten sich begnügen. Die schottischen Maurer waren hinfort frey erkläret, und alle, der eine wie der andere, Priester des Jehova. Dieses Priesterthum befreyete sie von allen Mysterien des neuen Testaments und von aller offenbarten Religion. Die Freyheit und Glückseligkeit, welche die Sekte in der Rückkehr zum Deismus bestehen machte, sagten den Adepten deutlich genug, was sie vom Christenthume und von seinem göttlichen Stifter zu halten hätten.

Die hohen Mysterien sind indessen dadurch nicht erschöpfet. Den Freymaurern bleibet noch zu erforschen übrig, wer das berühmte Losungswort Jehova geraubet, ist zu sagen, wer ihren so beliebten deistischen Gottesdienst abgestellet hat. Augenscheinlich war die ganze Erdichtung von Hiram, oder Adoniram und dessen Mördern, nur eine bloße Allegorie, deren Auslegung noch die Fra gen übrig ließ: Aber wer ist denn der eigentliche Mörder des Adoniram? Wer ist der, welcher den Deismus auf der Erde zerstöret hat? Wer ist der wahre Räuber des bekannten Losungsworts? Die Sekte verabscheuete diesen Räuber, derselbige Abscheu muste also den in die tiefen Geheimnisse Eingeweiheten beygebracht werden. Dieses ist der Gegenstand eines neuen Grades der Freymaurer, Rosenkreutzritter [Chevaliers de Rose-Croix] genannt.

Es ist allerdings die abscheulichste Lästerung, Jesum Christum zu beschuldigen, daß er durch seine Religion die Lehre der Einheit Gottes verdränget habe. Sonnenklar ists vielmehr, daß ihm allein die Vertilgung der Tausende von Gottheiten zuzuschreiben ist, die die abgöttische Welt anbetete. Aber neben der Offenbarung der Einheit in der göttlichen Natur, hat die christliche Lehre auch die persönliche Dreieinigkeit uns kund gethan. Dieses unaussprechliche Geheimniß und alle die übrigen, welche den Geist unter den Gehorsam der Offenbarung gefangen nehmen, demüthigen die Sophisten. Undankbar gegen den, welcher, indem er der Welt die Einheit Gottes predigte, die Altäre der Götzen umstieß, haben sie ihm einen ewigen Haß geschworen, weil der Gott, den er ihnen verkündigte, nicht der Gott ist, den ihr Unsinn ihnen verstattet zu verstehen. Sie haben Jesum Christum selbst zum Zerstörer der Einheit Gottes, zum Feinde des Jehova gemacht. Der Hass, den sie im Herzen trugen, und den sie in das Herz der Adepten übergehen lassen wollten, ist das Geheimniß eines neuen Grades geworden, den sie Rosenkreutzer nennen (8).

(8) Ich komme auf diesen Grad zurück, wenn ich von der illuminirten Freymaurerey reden werde.


Da man selten diesem Grade einverleibet wird, ohne den eines schottischen Meisters erhalten zu haben, so bemerkt der Leser leicht, daß das wiederzufindende Losungswort nicht mehr Jehova ist. Alles verändert sich hier, alles beziehet sich auf den Urheber des Christenthums. Die Verzierung scheinet gemacht zu seyn, um die Traurigkeit des Tages in das Gedächtniß zurückzurufen, als er auf Golgatha hingerichtet ward. Ein langes schwarzes Tuch bekleidet die Wände; im Hintergrunde stehet ein Altar. und über dem Altar ein durchsichtiger Stern, worin drey Kreutze wahrzunehmen, wovon der mittelste durch die gewöhnliche Ueberschrift der Krucifixe sich auszeichnet.

Die Brüder sitzen in priesterlichem Meßgewande an der Erde, in tiefem Stillschweigen, mit traurigem und betrübten Blick, die Stirn auf die Hand gestützt, zum Zeichen des Schmerzes. Die Begebenheit, welche sie betrübet, ist aber nichts weniger al, der Tod des Sohnes Gottes, das Opfer für unsere Sünden. Der große Gegenstand davon offenbaret sich gleich bey der Antwort auf die Frage, womit die maurerischen Arbeiten gewöhnlich anheben.

Der Präsident, Meister vom Stuhl genannt, fräget den ersten Aufseher: wie viel Uhr ist es? die Antwort ist nach den Graden, unterschieden; hier lautet sie so: Es ist die erste Stunde des Tages, der Augenblick, als der Vorhang des Tempels zerriß, als Finsterniß uns Schrecken auf der Erde sich verbreiteten, als die Sonne sich verfinsterte, als die Werkzeuge der Maurerey zerbrachen, als der flammende Stern verschwand, als der kubische Stein zerbrochen ward, als das Losungswort verlohren ging. (S. den Rosenkreutzergrad)

Der Adepte, welcher beym Fortschreiten in der Maurerey seine Entdeckungen verfolget hat, bedarf keines weiteren Unterrichts, um den Sinn dieser Worte zu verstehen. Er erkennet darin, das der Tag, an welchem das Wort Jehova verlohren gegangen, gerade derjenige ist, an welchem Jesus Christus, der Sohn Gottes, indem er für das Heil der Menschen starb, das große Mysterium der christlichen Religion vollführte, und alle andere Religion, sowohl die Jüdische als die Natürliche und Philosophische aufhob oder zernichtete. Je mehr nun der Maurer dem Worte anhänget, nemlich dem Lehrgebäude seiner natürlichen Religion, je mehr wird er geneigt sich finden lassen, den Urheber und Vollbringer der geoffenbarten Religion zu verabscheuen.

Auch ist dieses Wort, daß er schon in den oberen Graden gefunden hat, nicht weiter der Gegenstand seiner Nachforschungen in diesem Grade; sein Haß hat mehr Nahrung nöthig. Er bedarf eines Wortes, das in seinem Munde, und in dem seiner Mitbrüder gotteslästerliche Verachtung und Abscheu gegen den Gott der Christen ausdrücket; und dieses Wort findet er in der über das Kreutz gehefteten Aufschrift selbst.

Bekanntlich sind die Buchstaben der gewöhnlichen Auf- oder Ueberschrift INRI, nichts anders als die Anfangsbuchstaben von Jesus von Nazareth, der Juden König. Der Rosenkreutzer-Adepte wird angewiesen, folgende Auslegung unterzuschieben: Jude von Nazareth, durch Raphael in Judäa geführet. Eine Auslegung, welche Jesum Christ zum gewöhnlichen Juden macht, vom Juden Raphael nach Jerusalem geführet, zur Bestrafung seiner Verbrechen.
Sobald die Antworten des Aspiranten bewiesen haben, daß er diese maurerische Deutung des INRI kennet, rufet der Venerable aus: Meine Brüder, das Wort ist wiedergefunden; und alle klatschen diesem Lichtstrahle Beyfall zu, wodurch der Bruder sie belehret, daß der, dessen Tod das große Geheimniß der christlichen Religion ausmacht, nur ein gemeiner, seiner Verbrechen halber, gekreutzigter Jude gewesen.

Damit diese Auslegung in ihrem Gedächtnisse nicht verlösche, und damit der Haß gegen Christus, wozu sie dadurch angefeuret werden, in ihrem Herzen nicht ersticke, ist es nöthig, daß sie sich solche immer vergegenwärtigen, der Maurer Rosenkreutzer wiederholet sie also, wenn ihm ein Bruder seines Grades aufstoßet. An dun Worte INRI erkennen sie sich. Das ist die Losung, welche diesen Grad bezeichnet. Auf die Weise hat die Sekte Gotteslästerung und Haß durch eben das Wort, auszudrücken gewust, welches den Christen an alle die Liebe erinnert, die er dem für das Heil des menschlichen Geschlechts hingeopferten Sehn Gottes schuldig ist.

Nicht im Vertrauen auf der Maurerey fremde Personen, decke ich dieses abscheuliche Geheimniß der Hinterhalts-Maurer auf. Meine erzählte Einführung in die ersten Grade, hatte mich in Stand gesetzt, mit solchen in Unterredungen mich einzulassen, von denen ich wuste, daß sie weiter vorgeschritten waren; mehrmahlen hatte ich interessante Unterredungen, in welchen, bey aller Geheimnißtreue, doch den eifrigsten, manche Dinge entschlüpften, die mir einiges Licht geben konnten. Andere verstanden sich dazu, mir maurerische Bücher zu leihen, in der Meinung, daß ihre Dunkelheit, und die Unbekanntschaft mit den wesentlichen Worten, oder aber mit der Art sie aufzufinden, mir nicht gestatten würden, was daraus abzuleiten, dennoch errieth ich einige dieser Worte, z. B. Jehova, durch Zusammenhaltung der Blätter, deren ein jedes nur einen einzelnen Buchstaben, am Ende der Seite, enthielt. Nachdem ich dieses wichtige Wort entdecket hatte, lernte ich noch das lNRl kennen. Ich hielt alles das zusammen, was ich gelesen hatte, was ich von verschiedenen Graden wuste, was ich in den abgebrochnen Worten und in den räthselhaften Gesprächen von gewissen Maurern bemerkte, deren Philosophismus mir ohnehin bekannt war.

Ich wandte mich an die, von denen ich wuste, daß sie ganz unbefangen in eben den Graden standen. Ich hielt ihnen alle der Religion spottende Gebräuche vor, welche sie gleichwohl bis dahin nur für unbedeutendes Spielwerk angesehen hatten. Kein einziger leugnete das ab, was ich eben beschrieben habe; sie gestanden auch die Verwandlung der Inscription INRI in ihrem Rosenkreutzergrade ein, versicherten mich aber, keinen Gedanken von den Folgen gehabt zu haben, die ich daraus ableitete. Einige fanden sie, beym Nachdenken, nicht ungegründet; andere warfen mir Uebertreibung vor.

Nachdem die Revolution eingetreten war, combinirte ich diese halben Geständnisse, die Decrete der Nationalversammlung, und das Geheimniß des ersten Grades. Ich kam dadurch zu der Ueberzeugung, daß die Maurerey eine von Menschen gestiftete Gesellschaft sey, die gleich im ersten Grade die Worte Gleichheit und Freyheit zu ihrem Geheimnisse machten, und einem jeden rechtschaffenen und religiösen Maurer überliessen, dir Deutung davon seinen Grundsätzen gemäß zu machen; die aber sich vorbehielten, in den letzten Graden, die Auslegung eben dieser Worte Gleichheit und Freyheit, in dem ganzen Umfange des von der französischen Revolution ihnen beygelegten Sinnes, zu enthüllen.

Einen Maurer, der schon seit langen Jahren Zutritt bey dem Rosenkreutzergrad hatte, zugleich aber ein sehr rechtschafner und religiöser Mann war, schmerzte die Meinung, welche ich hegte. Er wandte alles an, einen bessern Begriff von einer Societät mir zu geben, in welcher er sich rühmte, die angesehensten Aemter bekleidet zu haben. Wir unterhielten uns oft davon, und er wollte durchaus zur Maurerey mich bekehren. Er fand sich beynahe beleidigt, wenn ich sagte, daß, ob er gleich Ritter Rosenkreutzer sey, er doch noch nicht im höchsten Grade stehe; oder aber, daß dieser Grad seine Äbtheilungen habe, wovon er nur noch einen Theil kenne. Es gelang mit endlich, ihn zu überführen, indem ich ihn fragte, was gewisse maurerische Hieroglyphen bedeuteten. Er gestand ein, deren Auflösung verlanget zu haben, und daß sie ihm verweigert sey.

Nichtsdestoweniger behauptete er, es werde mit diesen Hieroglyphen eben die Bewandniß haben, als mit dem Winkelmaas, dem Zirkel, der Mauerkelle, und allen übrigen. Ich wuste, daß ihm nur noch ein Schritt zu machen übrig blieb, aus seinem Irrthume zu kommen, und schlug ihm den zu nehmenden Weg vor, um zu dem Grade zu gelangen, wo die Decke wegfällt, wo es nicht mehr möglich ist, über die weitere Absicht der Hinterhaltsadepten sich zu täuschen. Er hatte selbst ein zu großes Verlangen zu wissen, was daran seyn könnte, um nicht die Mittel zu versuchen, welche ich ihm angab, schmeichelte sich jedoch, es werde alles nur darauf hinauslaufen, daß er neue Waffen erhalte, mich meiner falschen Meinungen zu überführen und der Ungerechtigkeit meiner Vorurtheile gegen die Maurerey.

Nach Verlauf von sehr wenigen Tagen, sahe ich ihn darauf in einem Zustande bey mir ins Zimmer treten, den nur seine Reden beschreiben können. Ach! mein lieber Freund, mein lieber Freund! Sie hatten wohl recht — Ach! wie sehr hatten Sie recht! — Wo war ich, mein Gott, wo, war ich?

Ich vernahm die Sprache bald, er konnte kaum fortfahren. Er setzte sich als ein ganz erschöpfter Mensch, und wiederholte noch mehrmahlen dieselbigen Worte: wo war ich? Ach, wie sehr hatten Sie recht.

Ich wollte gerne, daß er etwas umständlich sich äussern mögte. Wie sehr hatten Sie, recht! wiederholte er abermahls, aber das ist auch alles, was ich Ihnen sagen kann.

Ach! Unglücklicher, sagte ich dann, ich bitte Sie um. Verzeihung. Sie haben jetzt einen abscheulichen Eid geschworen, and dem habe ich Sie ausgesetzt. Aber, ich betheure es Ihnen, daß ich an den grausamen Eid nicht dachte, als ich die Mittel Ihnen suppeditirte [suggérai], endlich selbst diejenigen kennen zu lernen, von welchen Sie. lange schrecklich hintergangen waren. Ich fühle nun, daß es besser war, das unglückliche Geheimniß nicht zu wissen, als es um den Preiß eines unglücklichen Eides zu erkaufen. Ich würde mich gehütet haben, Sie einem solchen Versuche auszusetzen, durfte es auch Gewissenshalber nicht thun; aber wahrlich, ich hatte nicht darüber nachgedacht, und damahls noch keinen Begrif von dem Eide.

Ich redete wahr, der Eid war mir zu der Zeit nicht eingefallen. Ohne genau nachzuforschen, in wie ferne derselbe zum Schweigen verpflichtet, (ich fürchtete indiscret zu seyn) war mirs genug, dem Herrn bewiesen zu haben, daß ich wenigstens einen Theil des tiefen Geheimnisses kennete. Aus den Fragen, die ich ihm vorlegte, konnte er genugsam abnehmen, daß er mir nichts Neues entdeckte, durch ein an und, für sich zwar nicht unwesentliches Geständniß.

Durch die Revolution waren seine Glücksumstande ruiniret worden; er gestand mir, sie würden in Zukunft hergestellet seyn, wenn er die ihm geschehene Vorschläge annähme.

Wenn ich nach London, Brüssel, Constantinopel, oder nach einer jeden andern Stadt, deren Wahl mir frey stehet, verreisen will, sagte er mir; so dürfen weder meine Frau, noch meine Kinder, noch ich selbst, weiter für nichts sorgen.

Ja, antwortete ich, aber unter der Bedingung, daß Sie die Freyheit, die Gleichheit und die ganze Revolution predigen?

Ganz recht; aber das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Ach mein Gott! wo war ich! ich beschwöre Sie, nicht weiter in mich zu dringen.

Ich hatte für dasmahl genug damit, und hoffete, die Zeit würde wich weitet belehren. Ich fand mich auch in meiner Erwartung nicht betrogen. Hier ist, was ich von verschiedenen Maurern vernommen habe, die, da sie von dem größesten Theile ihrer Geheimnisse mich schon unterrichtet fanden, mit desto mehrerem Vertrauen sich gegen mich ausgelassen haben, als sie einsahen, von der höllischen Sekte [cette secte souterraine] betrogen zu seyn, welche sie selbst gerne öffentlich zur Schau stellen mögen, wenn sie geglaubet hätten, ohne Gefahr es thun zu können.

Wenn ein Adepte zum Rosenkreutzergrade gelangete, so ward die Auslegung dessen, was er bis dahin gesehen oder wahrgenommen hatte, schlechterdings nach der Stimmung abgemessen, die man bey ihm bemerkte. War er einer von den Menschen, die man zwar nicht zum Unglauben verleiten, aber doch von dem Glauben der Kirche, unter dem Vorwande einer Läuterung, abwendig machen kann; so stellete man ihm vor, in das heutige Christenthum hätten eine Menge, mit der Freyheit und Gleichheit der Kinder Gottes streitender Mißbräuche, sich eingeschlichen. Das von ihnen wiederaufzusuchende Wort bestehe, in dem Wunsche und Gelübde einer Revolution, welche die Zeiten wieder herbeyführe, da alles unter den Christen gemein war, da weder reiche noch arme noch hohe und mächtige Herrschaften unter ihnen sich fanden. Man verkündigte ihnen endlich die glücklichste Wiedergeburt des menschlichen Geschlechts, und in gewisser Maaße, einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Die Einfältigen und Leichtgläubigen liessen durch diese schönen Verheissungen sich fangen. Die Revolution war in ihren Augen das Feuer, welches die Erde reinigen sollte; es hat sich auch gezeiget, daß sie dieselbe mir alle dem Eifer unterstützt haben, den sie bey der heiligsten Unternehmung hätten beweisen können.

Das war, was man die mystische Maurerey nennen kann. Sie war die der Schwachköpfigen, um derentwillen die Hinterhalts-Maurer die vorgebliche Prophetin Labrousse ins Spiel brachten, die im Anfange der Revolution so vielen Lerm gemacht hat. Sie war insbesondere die des blödsinnigen Varlet, Bischofs in partibus von Babylon. Ich wuste noch nicht, woher ihm seine Grillen gekommen waren, als er die Gutmüthigkeit hatte, meine Bestreitung derselben mir vorzuwerfen. Es hat nächstdem Jemand mich davon benachrichtiget, dem der Ruf eines gelehrten Maurers ab und an eine Ladung zu den maurerischen Gastmahlen zuwegebrachte, die der Tropf gab. Selbst bey solchen Mahlzeiten hätte man können den Unterschied zwischen den Adepten wahrnehmen, die zwar in gleichem Grade standen, aber, nach ihrer Gemüthsbeschaffenheit, eine verschiedene Unterweisung erhalten halten.

Der Bischof in partibus, begeistert von der religiösen Wiedergeburt, die man ihm vorspiegelte, sahe in der ganzen Maurerey einen Bezug auf die Vervollkommnung der christlichen Lehre; auch beobachtete er selbst bey den maurerischen Mahlen, die Vorschriften der Kirche in Ansehung der Fasttage. Der abtrünnige Dom Gerles [Dom Gerle] hingegen betrug sich dabey als Maurer eines ganz andern Systems; er sang schon die Verse, wovon er in seinem Briefe an Robespierre sagt, er habe sie nur der Wahrheit zugeeignet: Ni culte, ni Prêtres, ni Roi, car la nouvelle Eve c’est toi. Weder Gottesdienst, noch Priester, noch König, denn die neue Eva bist du.

(Verzeichniß der bey Robespierre gefundenen Papiere, Nr. 57.)

Mehr Bescheidenheit zeigte bey eben diesen maurerischen Mahlen, der wohlunterrichtete Rosenkreutzer, Dr. Lamothe. Man konnte derozeit schon vorsehen, was ich von seiner Bekehrung gehöret habe, daß er in der Folge, sowohl die Maurerey des Varlet, als die des Dom Gerles verabscheuen würde. Letzterer ist guillotinirt; die andern sind am Leben. Ich nenne sie, weil ich nicht fürchte, Lügen gestraft zu werden, und weil der Beweis, den solche Anekdoten mit sich führen, sie wichtig macht; indem man siehet, wie fromme und liebreiche Menschen haben können betrogen werden; wie eine Prinzessin, Schwester des- Herzogs von Orleans, so weit hat können, verleitet werden, daß sie die Revolution gewünscht,> und nichts als eine Wiedergeburt der christlichen Welt darin erblicket hat.

Diese Deutung des Rosenkreutzergrades war nur für diejenigen Bethörten, bey denen die Sekte eine Neigung zur Mystik bemerkte. Der große Haufe war seinen eigenen Auslegungen überlassen; wenn aber ein Adepte großes Verlangen bezeugte, weiter zu gehen, und man ihn für fähig hielt, die Prüfungen zu bestehen, alsdann erhielt er Zulaß zu dem Grade, wo die Hülle vor dem Kadosch zerreisset, das ist verdolmetschet, vor dem wiedergebohrnen Menschen.

Zu diesem Grade war der Adepte gelanget, von dem ich vorhin geredet habe. Ich wundere mich nicht über den erschöpften Zustand, worin er, durch die ausgestandenen Prüfungen, sich versetzt befand. Einige, Adepten des nemlichen Grades haben mir gesagt, daß man keine physische Mittel, kein Maschinenspiel, einen Menschen zu erschrecken, keine fürchterliche Gespenstererscheinungen [spectres affreux], und überhaupt keine Art von Schrecknissen unversucht und unangewandt lasse, die Standhaftigkeit des Aspiranten auf die Probe zu stellen. Mr. Montjoie erzählet uns von einer Leiter, auf welche man den Herzog von Orleans hat steigen, und sich herunterstürzen lassen. Wenn seine Prüfung nur darin bestanden hat, so ist er sehr geschonet worden.

Man stelle sich eine tiefe unterirdische Höle, einen wahren Abgrund [un profond souterrain, un véritable abime] vor, woraus ein sehr schmaler Thurm, bis an die Decke der Loge sich erhebet. In die Tiefe dieses Abgrundes wird der Aspirant, durch Grausen erregende unterirdische Gänge, geführet. Da wird er gebunden und mit Stricken umwunden, eingesperret. In diesem Zustande allein gelassen, fühlet er durch Maschinen, die einen fürchterlichen Lärm machen, sich erheben. Langsam steigt er in die Höhe, über der finstern Höhle schwebend; ganze Stunden steigt er, fällt auf einmahl herunter, als ob er keine Haltung mehr habe. Zuweilen muß er von neuem in die Höhe und wieder herunter steigen in derselben ängstlichen Lage; vor allen Dingen aber sich hüten, einen Furcht anzeigenden Laut von sich zu geben.

Diese unvollkommene Beschreibung umfasset nur einen Theil der Prüfungen, wie wir von Maurern wissen, welche selbst die Erfahrung davon gemacht haben. Sie sagen, es sey ihnen unmöglich, eine genaue Beschreibung davon zu machen: sie verlören die Besinnung, und wüsten oft selbst nicht, wo sie waren; sie verlangten zu trinken, und man reichte ihnen einen Trank, der zwar ihre erschöpft ten Kräfte stärke, aber nicht das Vermögen nachzudenken; oder der vielmehr ihre Kräfte nur stärkte, um abwechselnd das Gefühl des Schreckens und der Wuth von neuem zu beleben.

Verschiedene Umstände, die sie von diesem Grade erzählen, hätten mich glauben machen können, daß er dem Illuminatismus angehöre, aber die Grundlage dazu ist noch von der maurerischen Allegorie hergenommen. Hier wird zwar die Prüfung des Grades, wo der Initiirte in einen Mörder sich verwandelt, nochmahls wiederholet; aber der von den Brüdern zu rächende Meister, ist nicht mehr Hiram, es ist Molay, der Großmeister der Tempelherren, und der, der getödtet werden soll, ist ein König, es ist Philipp der Schöne, unterdessen Regierung der Orden der Tempelherren zerstöret ward.

Wenn der Adepte aus der Höle aufsteiget [sort de l’antre], den Kopf dieses Königs in der Hand haltend, rufet er aus Nekom. ich habe ihn umgebracht. Nach der überstandenen grausamen Prüfung wird er zum Eide gelassen. Ich weiß von einem der Adepten, daß er in diesem Augenblicke einen der Ritter Kadosch vor sich stehen sahe, der, die Pistole in der Hand, ihm den Tod drohete, wenn er sich weigern würde, den Eid zu leisten. Auf meine Frage, ob er glaube, daß die Drohung ernstlich gewesen sey, antwortete er: Ich will es zwar nicht behaupten; aber ich möchte es wohl befürchten.

Endlich reißt der Vorhang und der Adepte wird belehret, daß bislang die Wahrheit ihm nur zur Hälfte offenbaret worden, daß die Freyheit und Gleichheit, wovon man ihm gleich bey seinem Eintritt in den Maurer-Orden einen Wink gegeben, darin bestehe, daß man überall keinen Oberherrn auf der Welt anerkenne; daß man Könige und Päbste oder Bischöfe allen andern Menschen gleich schätze, indem sie an Thronen und Altären kein weiteres Recht haben, als dem Volke beliebe, ihnen zuzugestehen, und nach Gefallen wieder zu nehmen. Man sagt ihm ferner, daß die Prinzen und Priester schon viel zu lange von der Güte und Einfalt des Volks Misbrauch gemacht; daß die größeste Pflicht eines zum Bau der Gleichheits- und Freyheits-Tempel berufenen Maurers darin bestehe, daß er sich bestrebe, die Erde von dieser gedoppelten Geissel zu befreyen, durch Umstürzung aller von der Leichtgläubigkeit und vom Aberglauben errichteten Altäre, und aller Thronen, auf welchen man nur Tyrannen über Sklaven herrschen sehe.

Diese Nachrichten von dem Grade der Kadosch habe ich nicht bloß aus den Schriften des Hm. Montjoie und des Hrn. le Franc genommen; sondern von Eingeweiheten selbst habe ich sie erhalten.

Man siehet übrigens, wie sehr sie mit den Aeusserungen des Adepten übereinstimmen, der sich gezwungen fand, einzuräumen, daß ich Grund gehabt, ihm vorher zu sagen, daß dahin am Ende die höchsten Mysterien seiner Freymaurerey führten.

Wie so tief ineinander greifend sind sie doch, diese Mysterien! der Gang ist langsam und verwickelt, aber jeder Grad führet doch gerade zum Ziele.

In den ersten Graden, ist zu sagen, der Lehrlinge und Gesellen, fängt die Sekte an, die Worte Gleichheit und Freyheit hinzuwerfen. Nächstdem beschäftiget sie die Neulinge nur mit Kinderspielen [que de jeux pueriles], oder mit der Brüderschaft und maurerischen Mahlen; gleichwohl gewöhnet sie sie schon zum tiefsten Stillschweigen durch einen fürchterlichen Eid.

In dem Meistergrade erzählet sie die allegorische Geschichte des Adoniram, der gerächet und des Worts, welches wiedergefunden werden muß.

In dem Elugrade bereitet sie ihre Adepten zur Rache vor, ohne denjenigen zu nennen, den sie treffen soll. Sie erinnert sie an die Patriarchen, und an die Zeit, da alle Menschen ihrem Vorgeben nach, keinen anders Gottesdienst hatten, als den der natürlichen Religion, wobey ein jeder Priester und Hoherpriester war; aber sie sagt noch nicht, daß alle seit der Zeit der Patriarchen offenbarte Religion verwerflich sey.

Dieses letzte Geheimniß enthüllet sich in den schottischen Graden. Die Maurer werden darin endlich frey erkläret; das so lange gesuchte Wort ist das der Deisten, nemlich der Dienst des Jehova, so wie er von den Naturphilosophen dafür erkannt worden. Der ächte Maurer erhält die Würde eines Hohenpriesters des Jehova. Das ist das große Geheimniß, welches ihm dargestellet wird, als ob es alle die davon nicht Unterrichtete, in der Finsterniß zurücklasse.

In dem Grade der Ritter-Rosenkreutzer ist der Stifter der christlichen Religion selbst, der, welcher das Wort entwandt und den wahren Dienst des Jehova zerstöret hat: an Jesu Christo und seinem Evangelio ist, Rache zu üben, wegen der Brüder, Hohenpriester des Jehova.

In dem Grade Radosch [besser: Kadosch] endlich erscheinet der Mörder Adonirams unter dem Bilde des Königs, welcher getödtet werden muß, um den Großmeister Molay, und den Orden der Freymaurer als Nachfolger der Tempelherren zu rächen. Die zu vernichtende Religion, um das verlohrne Wort, oder die Lehre der Wahrheit wiederzufinden, ist die christliche, aller auf die Offenbarung gegründeter Gottesdienst. Das Wort in seiner ganzen Ausdehnung bedeutet, die wiederherzustellende Freyheit und Gleichheit, durch Vertilgung aller königlichen Gewalt, und durch Abstellung alles Gottesdienstes.
So ist die Verbindung und der Gang, so ist das Ganze des Systems der verrätherischen Maurerey beschaffen; und so führet die Sekte, durch die allmählige Entwicklung ihres Gleichheits- und Freyheits-Grundsatzes, ihrer Allegorie von dem zu rächenden Meister-Maurer, und des wiederaufzufindenden Worts, ihre Adepten von einem Geheimnisse zum andern, und unterrichtet sie am Ende in allen Künsten und Wissenschaften der Revolution und des Jakobinismus.

Wir dürfen nicht unbemerkt lassen, daß die Sekte, aus Beysorge, die Adepten möchten den Faden und den Zusammenhang eines jeden Grades verlieren, niemahls zum endlichen Aufschluß führet, ohne den Eingeführten an alles das zu erinnern,, was er bis dahin in der Maurerey gesehen hat. Jedoch ist derselbe nicht gehalten, auf die Katechismus-Fragen zu antworten, die das Ganze der maurerischen Lehren seinem Gedächtnisse vergegenwärtigen, bis er endlich zu dem größesten der Mysterien gelanget (9).

(9) Ich weiß, daß es in der Hinterhalts-Maurerey noch weit mehrere Grade giebt, ats der vom Stern, und der der Druiden, z. B. die Preussen haben welche hinzugethan, und die Franzosen nicht weniger. Ich habe aber geglaubt, nur an die Bekanntesten mich halten zu müssen, weil sie hinreichen, den Gang und den Geist der Sekte zu zeigen.


Aber, je abscheulicher die in den Hinterhaltslogen verborgene Mysterien sind, je weniger darf der Geschichtschreiber die Menge der rechtschaffenen Freymaurer aus der Acht lassen, die nie etwas ähnliches in ihrer Verbindung ahneten. In der That Ist nichts leichter, als in der Maurerey hinters Licht geführet zu werden. Solches kann allen denen widerfahren, die in den Logen nichts weiter suchen, als die Gelegenheit, Bekanntschaften zu machen, oder ihre müssige Zeit hinzubringen, indem sie zu Menschen sich gesellen, mit denen sie Freunde sind, nachdem sie kaum sich gesehen haben. Zwar erstrecket sich dieses Freundschaftsband oft nicht weiter als auf die Loge; inzwischen sind die Vereinigungstage mannigfaltig auch Festtage. Man trinket und isset an einer Tafel, wo das Vergnügen einer guten Mahlzeit, durch das einer augenblicklichen Gleichheit, die allerdings ihre Reize hat, würklich erhöhet wird. Es ist eine Erhohlung von Verdrießlichkeiten, von Geschäften und Sorgen. Mitunterarten sie wohl in Trinkgelage aus, aber die dabey herrschende Gleichheit und Freyheit bringet niemanden Schaden. Was man von gewissen Versammlungen gesagt hat, wo die Schamhaftigkeit beleidiget würde, ist eine Verläumdung der Logen insgesammt.

Die Erhaltung der allgemeinen Wohlanständigkeit bey ihren Festen, ist vielmehr einer der Fallstricke der Sekte. Die Schändlichkeiten des Cagliostro würde den größesten Haufen der Brüder verscheucht haben. Dieses Ungeheuer empörte zu Straßburg die egypteschen Schwestern, und ihr Geschrey verrieth ihn.

Die Zeiten der Mysterien der berüchtigten Göttin oder der Ademiten [des Adamites] waren vorüber. Wegen des damit gemachten Versuchs, ward er aus der Stadt gejaget. Er würde auch die Maurer in Paris gegen sich, aufgebracht haben, wenn er seine Logen in der Vorstadt St. Antoine hätte vervielfältigen, und mit denen des Orients vermengen wollen. Nein, nichts der Art ging in der Maurerey unserer Tage vor, ja man hätte sagen mögen, daß sie weder mit der Religion, noch mit dem Staat sich beschäftige. In den mehresten Logen, war weder von der einen, noch von dem andern die Rede. Die Tage der Einweihung waren die einzigen, an welchen der nachdenkende Adepte einen weiteren Zweck wahrnehmen konnte; aber selbst bey diesen Einweihungen gereichten die Prüfungen des Eingeweiheten, dem großen Haufen der Brüder zur Belustigung.
Man achtete wenig auf den verborgnen Sinn der Sinnbilder und Hieroglyphen, und die Sekte suchte Vermuthungen zu entfernen, bis daß sie mehr Empfänglichkeit zur Aufklärung entdeckte. Sie wuste wohl, daß eine Zeit kommen würde, da die geringe Anzahl ihrer mit den tiefsten Geheimnissen vertrauten Adepten hinreichend seyn könnte, die Menge der ersten Ordnungen oder Grade, in Thätigkeit zu setzen. Hieraus erkläret sich, wie eine geraume Zeit so viel Freymaurer sich fanden, und noch jetzt sich finden, die in ihren Spielwerken nur das Geheimniß einer unschädlichen, oder dem Interesse der Religion und des Staats ganz fremden Gleichheit und Freyheit erblickt haben.

In Ansehung der englischen Maurerey kommt noch hinzu, daß sie mit dem dritten Grade sich endiget. Aus weiser Vorsicht hat dieselbe das Gelübde der Rache gegen die vorgeblichen Mörder des Adoniram nicht beybehalten; ein Gelübde, welches wie wir gesehen haben, in den letzten Graden auf die zu rächenden Maurer und ihres Vaters Molay hinweiset; und nächstdem auf die zu rächende maurerische Gleichheit und Freyheit, durch die Vertilgung aller Könige. In den Graden der englischen Maurerey ist nichts von allen dem anzutreffen. Man nimmt darin auch nicht den so geheimnißvollen Antheil wahr, an dem wiederzufindenden durch Adoniram verlohrnen Worte. Hier erfähret man gleich, daß dieses von den Freymaurern entdeckte Wort Jehova ist. Der Adepte, der daraus gewisse Folgerungen ableiten wollte, würde viele Vernunftschlüsse machen, und viele Betrachtungen darüber anstellen müssen; man spüret aber nicht, daß die englischen Maurer sich damit befassen. Jehova ist für sie einzig und allein der Gott des ganzen menschlichen Geschlechts.

Etwas sonderbar ist es ohnstreitig, daß sie allein diesen Namen Gottes zu kennen, und zu erhalten, behaupten. Alles was sie inzwischen daraus ableiten, ist, daß unter Jehova, alle Menschen, und insbesondere die Maurer, sich lieben und brüderlich beystehen sollen. Man siehet nichts in ihren Mysterien, was sie zur Verachtung der christlichen Religion verleiten könnte, nichts, was auf einen Haß gegen die. Regenten hinweiset.

Ueber die Religion schränken ihre Gesetze und ihre Lehren sich darauf ein, daß sie sagen:
„Ein Maurer werde nie ein dummer Gottesläugner seyn, noch ein Wüstling ohne Religion. In alten Zeiten wären die Maurer aller Enden verbunden gewesen, zu der Religion ihres Vaterlandes, oder ihrer Nation, sie sey, welche sie wolle, sich zu bekennen. Aber heutiges Tages bekümmere man sich um diese ihre Meinungen nicht, und finde gerathner, sie nur zur Befolgung der Religion zu verpflichten, über welche alle Menschen einverstanden sind; eine Religion, die im Gutseyn, in der Aufrichtigkeit, Bescheidenheit und Ehrliebe bestehe.“

Das heißt zuverlässig nicht, daß ein englischer Maurer verbunden sey, Deiste zu seyn, sondern nur, daß er ein ehrlicher Mann seyn müsse, zu welcher Religion er sich auch bekenne.

In Ansehung der politischen Machthaber sagen die Gesetze der englischen Maurerey:

„Ein Maurer ist ein ruhiger Unterthan der bürgerlichen Obrigkeiten, er halte sich auf und arbeite, wo er wolle. Er lässet sich nie, auf der Ruhe und dem Wohl eines Volks nachtheilige Complots und heimliche Bündnisse ein; auch den Unterrichtern ist er gehorsam. Wenn sichs daher zutrüge, daß ein Bruder gegen den Staat sich empörte, so dürfte er nicht in seiner Empörung unterstützt werden."

Diese Gesetze findet man im Wolson [Thom Wolson, 1751] und im Preston [1772]. Der eine spricht mit Verachtung von der englischen Maurerey, der andere ist sehr für sie eingenommen. Beyde sind jedoch über die Gesetze ihrer Logen einverstanden.

Wir dürfen also die englische Freymaurerey, mit der der Hinterhalts-Logen, die jene klüglich ausgemerzt hat, nicht vermengen. Zwar weiß ich, daß es Engländer giebt, die den Hinterhalts-Logen, selbst denen der Rosenkreutzer und der schottischen Ritter beygetreten sind; aber in dieser Eigenschaft gehören sie nicht zu der englischen Maurerey, weil diese auf die drey ersten Grade sich beschränkt.

Nach diesen gemachten Ausnahmen, wollen wir mit unsern Beweisen fortfahren, denn es fehlet sehr viel, daß wir mit unserm Urtheil über die Hinterhalts-Maurer bey der Nation und Beschaffenheit ihrer Grade stehen bleiben müssen. Wenn auch ihre Gebräuche und Eide uns unbekannt wären; so wird man sehen, was wir davon zu denken hätten, wenn wir lediglich an die Lehrsätze ihrer eifrigsten Schriftsteller uns hielten.

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Ausgearbeitet von Dr. phil. Roland Müller, Switzerland / Copyright © by Mueller Science 2001-2015 / All rights reserved - ESOTERIK von Dr. phil. Roland Müller

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