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Das Symbol des Schwertes

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Inhaltsverzeichnis

Das Symbol des Schwertes

Vergleichendes Handbuch der Symbolik der Freimaurerei mit besonderer Rücksicht auf die Mythologieen und Mysterien des Alterthums von Dr. Josef Schauberg, Zürich 1861

B a n d I. - Kapitel II

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Das Symbol des Schwertes.

Das Schwert ist gewiss eins der ältesten und zugleich der tiefsinnigsten Symbole in dem Lichtdienste der Maurerei, unter den maurerischen Lichtsymbolen und nur durch die völlige Unkenntniss der wahren Bedeutung des Symbols mag es begreiflich und entschuldigt werden, dass Krause, Kunsturkunden I. 4 S. 259, Anm. + und I. 2, S. 308, so wie ihm folgend Mossdorf in der von ihm unter dem Namen Lenning herausgegebenen Eneyklopädie bei dem Worte Degen den Maurern die Abschaffung des Schwertes vorschlagen konnten, wie es denn leider auch wirklich in vielen deutschen Logen abgeschafft ist. Das Schwert ist eine Waffe, sei es zum Angriff oder zur Vertheidigung, und indem sich die Maurer mit dem Schwerte umgürten, das Schwert ergreifen und führen, stellen sie sich nothwendig als Kämpfer und Streiter, als milites und Ritter dar, weshalb es die Aufgabe des Symbolikers ist, darzulegen, wel-

1) Uhlemann, ägypt. Alterthumskunde, II S. 156.
2) Uhlemann, a. a. O., II. S. 316.

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chen Kampf der Maurer kämpfen solle und woher das Symbol entsprungen sei und stamme.

Die bewaffneten und kämpfenden Gottheiten des Alterthums sind das Uranfängliche, aber diese Gottheiten selbst sind dabei nur das Erzeugniss und das Spiegelbild des Kriegs- und Waffenlebens der Völker, bei welchen sie aufgekommen sind. Für die Urzeit der Menschheit könnte man in dieser Richtung einen dreifachen Gottesbegriff, drei Arten und Klassen von Göttern unterscheiden, je nachdem bei dem sie schaffenden und verehrenden Volke, die eine oder andere Lebensweise überwieget.

Den noch friedlich weidenden und das ganze Glück ihres Lebens in dem Besitze, in der Gesundheit und der Vermehrung, in dem Segen ihrer Heerden suchenden und findenden Hirtenvölkern erscheint Gott vorzugsweise unter dem Bilde eines guten Hirten der Heerden und der Menschen. Da aber solche Hirtenvölker viel auf den Weiden und Triften der Berge. des Waldes und des Feldes an Quellen, Bächen und Flüssen verweilen. gehören die Gottheiten der Berge. des Waldes und des Feldes, - der Quellen, Bäche und Flüsse wesentlich auch den Hirtenvölkern an, werden die Beschützer und Pfleger oder auch die Feinde und Verderber der Heerden und der Menschen. Weil die Urmenschheit von dem Hirtenleben ausging, besonders die arischen oder indo-germanischen Völker, haben sich auch in dem Glauben und in den Mythologieen aller alten Völker vielfache Ueberreste und Spuren der ursprünglichen Hirtengottheiten erhalten, vorzüglich selbst bei den Griechen und Römern. Der Begriff des göttlichen Hirten, der Hirtengottheiten ist der allerursprünglichste und uranfänglichste der Menschheit und der Völker und steht mit unauslöschlichen Zügen in der Sprache, in dem Glauben, in den Sagen und Sitten der Völker gesehrieben, 1) wie namentlich auch die heiligen Schriften der Juden und der Christen, die Schriften des alten und des neuen Bundes bezeugen. Das Volk Gottes, der Stamm Abrahams, Isaks und Jakobs war ja noch in Aegypten

1) Alpina für 1860, S. XXVI ff.

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und auf dem Zuge durch die Wüste bis in das Ostjordanland nur ein wanderndes Hirtenvolk gewesen und konnte daher in Gott zunächst blos den treuen Hirten erblicken, welcher sein Volk und seine Heerde aus der Bedrückung und Gewalt der Aegypter glücklich gerettet und hinausgeführt habe. So schildert auch noch der spätere Jesaja 40, 11 die Sorge Gottes für die aus der babylonischen Gefangenschaft befreiten Juden mit den Worten:

Wie ein Hirte wird er seine Heerde weiden,
mit seinen Armen wird er die Lämmer sammeln
und in seinem Busen sie tragen:
Die Schafmütter wird er führen.

Bei Jesaja 44, 28 nennt der Ewige den Cyrus, den Gründer des persischen Reiches und den Befreier der Juden aus der Gefangenschaft zu Babylon, seinen Hirten, wie auch die indischen Fürsten ursprünglich nur Völkerhirten sind. In Psalm 79, 13 wird das jüdische Volk die Heerde der Weide Gottes genannt. Im Eingange vom Psalm 80 wird Jehovah angerufen als der "Hirt Israels." Num. Kap. 27, 15 ff. fordert der Ewige den Moses auf, den Josua zum Heerführer der Juden zu bestellen, damit die Gemeinde des Ewigen nicht sei wie Schafe ohne Hirten. Auch Homer nennt die Könige die Hirten der Völker , wie sie euphemistisch auch heute noch so genannt werden. Nach Creuzer, Symbolik I, S. 299; sollen sich auch die Aegypter Osiris gedacht haben wie einen Hirten, der sein Volk hier und dort als ein guter Hirte leite und regiere. - Die Vorstellung des göttlichen Hirten mit der Menschheit als seiner geliebten und sorgsam gepflegten Schafheerde ist sodann vorzüglich aus dem ägyptisch-jüdischen Vorstellungskreise in Kap. 10 des Evangeliums Johannis übergegangen, worin Christus als der Hirte erscheint, dessen Stimme seine Schafe kennen und folgen und die er aus dem Stalle, von der Erde in den Himmel führet, während sie dem Rufe eines Fremden, des Bösen nicht folgen und vor ihm fliehen. Dann sagt Christus: "Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Miethling aber, der nicht Hirt ist, dessen die Schafe nicht eigen sind, sieht den Wolf

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kommen, und verlässt die Schafe und fliehet. Und der Wolf ergreift und zerstreut die Schafe. Der Miethling aber fliehet darum, dass er ein Miethling ist und sich um die Schafe nicht bekümmert. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinigen, und werde von den Meinigen gekannt. Wie der Vater mich kennt, kenne auch ich den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe." - Hieraus ist nun in der ältesten christlichen Kirche das schöne Symbol von Christus als dem guten Hirten hervorgegangen, welcher liebend das verirrte und verlorene Schaf aufsucht und auf seinen Schultern zu der erfreuten Heerde zurückträgt. Auf römischen Grablampen aus dem Ende des 3. oder aus dem Anfange des 4. Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung erscheint so Christus mit einem Schafe auf den Schultern und mit einer Krone von sieben Sternen über dem Haupte und mit sieben Schafen zu seinen Füssen, zugleich umgeben von dem nach drei Tagen aus dem Leibe des Haifisches und dem Grabe des Todes wieder auferstandenen Jonas. 1)

Ist der göttliche Hirte mit den sich daran anschliessenden Gestalten der uranfängliche Gottesbegriff, der wandernde Hirte der Ausgang und Anfang in dem Gottesbewusstsein der Menschheit, erscheint als Gegensatz, als Ziel und Ende der allmächtige Baumeister der Welt, die Gottheit und Gottheiten der fest niedergelassenen Häuser und Städtebauer, der städtischen Gewerbe, der Maurer und, der Schmiede. Der göttliche Hirte ist der Gott der friedlichen Bewegung des Weidens und Gehens; der allmächtige Baumeister dagegen der Gott der friedlichen Ruhe, des Bauens und Stehens. Jener sucht und findet in entlegenen Gegenden den Verirrten und Verlorenen, dieser richtet die gebrochene Säule wieder auf und adhuc stat. Das Hirtenleben ist das Erdenleben, das Leben der Wanderung, und erst im Hause und Tempel Gottes, im Himmel hört das Wandern auf, ist die ewige Ruhe und Niederlassung erreicht. Auf Gott vertrauend und an ihn glaubend, zog der Hirte aus; das Vertrauen und der Glaube

1) Lajard, recherches sur le culte cyprès pyramidal, S. 348 ff. und Taf. XX, Fig. 1, Taf. XXI, Fig. 3; Creuzer, Symbolik, IV. S. 420 ff. und Taf. VII, Fig. 2.

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ward nicht getäuschet, denn er fand die Gottesstadt Jerusalem, den Berg Zion. Man muss ziehen, vertrauen und glauben, wenn man den Himmel finden und sich die Stätte der Ewigkeit bauen will. Auf Erden gibt es nur ein festes Haus, die Hoffnung und den Glauben; doch was der Mensch hoffend und glaubend auf Erden gebauet, das wird die Gnade und die Liebe Gottes zu einem Baue des Himmels und der Ewigkeit fügen. Ewig ist das Licht und die Liebe, vergänglich die Dunkelheit und der Hass, das Böse.

Das Volk, welches am frühesten und am längsten unter allen Völkern der Erde die monumentalsten und kolossalsten Steinbauten unter der Leitung seiner Priester ausführte, - die Aegypter, welche allein unter den Völkern des Alterthums den Namen der Baumeister ansprechen dürfen, hat auch den Begriff Gottes als des aIlmächtigen Baumeisters, Schöpfers und Bildners der Welt geschaffen und zur Grundlage seines Glaubens und Lebens gemacht. Das eigentliche Leben und Wirken der ägyptischen Könige und mit ihnen des ganzen ägyptischen Volkes ist ein fortwährendes und unermüdliches Bauen, ein fester Steinbau, monumentum aere perennius; die Baukunst der Aegypter ist monumental in der vollsten Bedeutung; die ägyptischen Pyramiden sind die ältesten Baudenkmale der Erde und für alle Zeiten wird Aegypten das Land der Monumente bleiben.1) Ist die Baukunst das auszeichnende Eigenthum der Aegypter, zeichnen sich dagegen die Semiten, die Babylonier, Assyrier und Phönicier, in zwei andern Richtungen des städtischen oder des bürgerlichen Lebens aus, nämlich in der Stickerei und Webekunst mit der Färberei und in dem Bergbau mit dem Metallgusse, in der Metallurgie. Die Stickerei, Weberei und Färberei ging in uralten Zeiten von Babylon aus und verbreitete sich von ihnen zu den Assyriern nach Ninive und zu den Phöniciern nach Sidon und Tyrus; babylonische Teppiche, Stoffe mit ihren Wunderthieren, Thierkämpfen

1) Ueber die ägypt. Baukunst vergl. Kugler, Handbuch der Kunstgeschichte, dritte Ausgabe, I. Stuttgart 1856. S. 30 ff.; Semper, der Styl, I. S. 405 ff.; Lübke, Geschichte der Architektur, S. 47 ff.

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und Arabesken waren lange im ganzen Alterthum berühmt. 1) Den Phöniciern gehört der Bergbau und der Metallguss an, und vorzüglich in Spanien gruben und holten sie ihre Metalle. Die Babylonier und Assyrier sind also die Sticker und Weber, die Phönicier die Bergleute und Erzgiesser, die Metallurgen des Alterthums, so dass in dem salomonischen Tempel der Vorhang des Allerheiligsten gewiss babylonische Arbeit war, wie die Tyrier die Erzgeräthe und die Erzsäulen des Tempels gegossen hatten. Ganz in gleicher Weise hatten schon früher Babylon und Phönicien zur Ausstattung und Schmückung der jüdischen Stiftshütte sich vereinigt. 2) Es darf als der grösste Mangel der bisherigen mythologischen Forschungen und Schriften angesehen werden, dass sie dabei das wirkliche und tägliche Leben der Völker gar nicht berücksichtigen, ja kaum kennen, während dieses Leben und die Götter in dem innigsten Zusammenhange stehen und die Götter blos die göttliche Potencirung, die Vergöttlichung dieses Lebens sind. Die Mythologie in ihrem tieferen Sinne ist wirklich die Culturgeschichte der Urmenschheit, die Geschichte der Erfindung der Gewerbe, Künste und Wissenschaften und die Götter in ihrem Schaffen und Sein sind eben die Völker selbst, zu Göttern erhoben oder in den Himmel versetzt. Was der Mensch so mühsam auf Erden sinnet, wirket und erstrebt, besitzen als ewigen Reichthum die Götter, und die Seligkeit des Menschen besteht nur in dem Mitgenusse des Himmels, in der Theilhaftigkeit des göttlichen Reichthums und der göttlichen Freuden. Den webenden Babyloniern dürfen und müssen die webenden Gottheiten und besonders die webenden Göttinnen (weil sich die Frauen vorzugsweise mit der Stickerei und Weberei beschäftigen), wie die Harmonia, die Anait, Tanait und Athene u. s. w. zunächst zugeschrieben werden. Die griechische Athene war daher auch die Beschützerin der Webekunst und führte als solche den Beinamen ; an den jährlichen Festen der Athene zu Athen, an den Panathenäen wurde deshalb derselben auch jedesmal eine neue prachtvolle Stickerei (Peplos)

1) Semper, der Styl, I. S. 272 ff.
2)Braun, Geschichte der Kunst, I. S. 392 ff.

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dargebracht 1) und Athen stellt sich in dieser Hinsicht als das griechische Babylon dar. In einem gleichen Verhältniss, wie die Athene zu den Weberinnen Athens, stand der Thonbildner und Menschenschöpfer Prometheus zu dem Töpferhandwerke in Athen und ihm wurde der bedeutungsvolle Fackellauf dargebracht, denn das Himmelsfeuer, der göttliche Geist, Gott ist der einzige Schöpfer und Töpfer des Menschen.

Den berggrabenden, hämmernden und giessenden Phöniciern gehören dagegen an die Hammer- und Feuergottheiten, wie die von ihnen auch nach Aegypten, Lemnos und Samothrace getragenen Kabiren oder Patäken, - der ursprünglich wohl auch nur ein Kabire oder Zwerg (Dvergar = Wirker) gewesene Feuerkünstler Hephästos 2) und Vulcan auf Sicilien, der in einigen Beziehungen wenigstens dem Hephästos verwandte Kür.stler Dädalos auf Creta, die idäischen Dactylen, die rhodischen Telchinen u. s. w. Bei dem innigen und sehr alten Verkehre zwischen den webenden Babyloniern und den phönicischen Metallarbeitern war es natürlich, dass die babylonischen göttlichen Weberinnen in ihrem Durchgange durch Phönicien nach Griechenland auch eine phönicische Färbung, eine phönicische Beigabe erhielten. So erhielt die babylonische Harmonia und Aphrodite in Phönicien das berühmte Halsband und mit ihm verpflanzten sie dieselbe nach Griechenland, woselbst diese noch weiter geschmückt und umgestaltet wurde. Ebenso wurde in Phönicien und Griechenland die Athene, die kosmogonische Himmelsweberin , zugleich eine Himmelsschmiedin und Künstlerin, eine Telchinin (Telchinia). 3) Der phönicische Ursprung der feuer- und metallarbeitenden Gottheiten wird auch dadurch bestätigt, dass die Orte, wo dieselben vorzüglich verehrt wurden, ihre Hauptcultusstätten hatten, besonders die Inseln und die Küsten des mittelländischen Meeres sind, welche die handelfahrenden Phönicier beherrschten oder doch besuchten. Dunker, Geschichte des Alterthums I. S. 305, findet

1) Semper, der Styl I. S. 289, Anm. 2.
2) Preller, griech. Mythologie, I. s. 122.
3) Alpina für 1860, S. 261.

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in der Sage des Dädalos, der mit dem phönicischen Minos auf Creta in Verbindung gebracht wird und den Griechen der Erfinder fast aller Handwerke und Werkzeuge ist, ausgedrückt, dass auf Creta bei den Phöniciern schon in alter Zeit Technik und Kunst geblüht, und die Phönicier den Hellenen die Anfänge technischer Fertigkeit gebracht haben. Denselben Sinn legt Dunker den griechischen Sagen von den Telchinen und den Daktylen zu Lemnos bei; die Phönicier haben den Bergbau und die Bearbeitung der Metalle in Griechenland und besonders auf den Inseln Creta, Lemnos, Samothrace und Thasos eingeführt. Auch Weber, die Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung § 35, ist der Ansicht, dass ein früher Verkehr zwischen Griechenland (Pelasgern) und Asien und Aegypten bestanden haben müsse wegen der Aehnlichkeit ihrer Bildung und religiösen Einrichtungen. Deshalb wird auch von den Griechen dem phönicischen Kadmos, dem Gründer der Burg Kadmeia zu Theben in Böotien, die Erfindung des Gebrauches eherner Waffen und der Buchstaben, welche letztere daher die "Kadmaischen" genannt werden, zugeschrieben. Selbst in der griechischen Baukunst, in dem griechischen Baustyle zeigten sich die durch die Phönicier zugeführten assyrisch-babylonischen Stickereien und Webereien wirksam und demselben ist die Ornamentation des sogen. Stickereistyles, besonders auch die Arabeske nachgeahmt. 1) Ferner ist die ionische Säulenvolute nur aus dem ähnlichen siebenblätterigen Blatte des assyrisch-babylonischen Lebensbaumes als eines Säulenschmuckes hervorgegangen. Semper, der Styl I. S. 383, sagt in dieser Hinsicht: "Das ionische Volutenkapitäl, welches auf allgemein bekannten Darstellungen assyrischer Bauwerke vorkommt und in vollkommenster Durchbildung sich an einem Elfenbeinbruchstücke unter den assyrischen Reliquien des britischen Museums zeigt, hat meiner Ueberzeugung nach seinen Ursprung aus dem Volutenkelche des (assyrischen) heiligen Baumes." 2) - Ein anderer Theil der technischen

1) Semper, Styl I. S. 348.
2) Hiermit stimmt ganz zusammen Braun, Gesch. der Kunst, I. S. 291 ff.

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und religiösen Bildung, welche die phönicischen Seefahrer dem Abendlande brachten, war aber jedenfalls ägyptisch, da die Phönicier seit sehr alten Zeiten mit Aegypten in lebhaften Handelsverbindungen standen; besonders möchten die Waffen, das Glas und der Byssos den Aegyptern angehören. 1) Nach Diodor bedienten sich die Phönicier bei ihrem Bergbaue in Spanien zum Herauspumpen des Grubenwassers ägyptischer Sehneckenpumpen, 2) da seit den frühesten Zeiten die Aegypter besonders Goldbergwerke sehr fleissig und kunstgerecht betrieben. 3) Auf der Sinaihalbinsel gruben schon in uralter Zeit die Aegypter nach Kupfererz, wovon noch heute Hieroglyphen-Inschriften auf den Felsen Kunde geben. 4) Auch die Anordnung der Heere in abgesonderte Abtheilunoen mit besonderen der Thierwelt oder andern Gegenständen entlehnten Feldzeichen ist nach Diodor I. 86 ägyptisch. Die ägyptischen Feldzeichen der einzelnen Heeresabtheilungen waren nämlich wenigstens theilweise die Thiersymbole der einzelnen Localgötter. 5) In ähnlicher Weise war der Adler das Hauptfeldzeichen der Perser 6) und der Römer, und ist es noch jetzt bei den Oestreichern und Franzosen. Die ägyptischen Streitwagen scheinen im Oriente sehr gesucht gewesen zu sein und vorzüglich bedienten sich ihrer die Juden unter König David und Salomo, 7) wie schon lange vor ihnen sich ihrer die Cananiter und Philister bedient hatten.

In dem semitischen Namen des Maurerlehrlings als des Erzbildners und Erzkünstlers mag zugleich die historische Thatsache angedeutet sein, dass die Kunst, das Erz zu graben und zu bearbeiten, von den Semiten und hier besonders von den Phöniciern dem Abendlande überbracht worden sei, wie dieses wirklich der Fall ist. Der

1) Dunker, a. a. O., I. S. 317, Semper, der Styl, I. S. 425; Uhlemann, ägypt. Alterthumskunde, II. S. 121.
2) Dunker, a. a. O., I. S. 319.
3) Uhlemann, ägypt. Alterthumskunde, II. S, 149,
4) Braun, a. a. O., I. S. 441.
5) Uhlemann, ägypt. Alterthumskunde, Il. S. 97.
6) Kruger, Gesch. der Assyrer und Iranier, S. 473.
7) Uhlemann, a. a. O., II. S. 99.

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Tubalkain 1) und Hiram müssen hier in genaue Verbindung gesetzt werden und Hiram ist blos eine andere Gestaltung und Benennung des göttlichen Meisters und Künstlers Dädalos, des Weltkünstlers und Weltbaumeisters, der eben deshalb den Bau des salomonischen Tempels leitet und unter welchem dessen Bauleute stehen. Auch dem griechischen Hephästos und römischen Vulean, dem Feuerkünstler, ist Hiram zu vergleichen. Kosmogonisch gedeutet, sind die Tubalkain die phönicisch-ägyptischen Kabiren und Patäken, und zugleich die Telchinen und Daktylen, die germanischen Zwerge, welche im Innern der Erde alles Organische weben, wirken und schaffen, womit sich zugleich das Symbol der organisch wirkenden und bauenden Hand berührt. Die Tubalkain sind die schöpferischen Kräfte und Hände Gottes. Hiram ist auch der vedische Tvashtar, der göttliche Bildiler oder Künstler, der den Wesen ihre Gestalten und Kräfte gegeben, der die Götterwaffen und Gefässe gebildet hat. 2) Von ihm wird in Rig. III, 55. 19 gesagt:

"Der göttliche Bildner, der zeugende, vielgestaltige, hat mannichfach gezeugt und genährt die Geschöpfe; all diese Wesen sind sein, gross und einzig ist der Götter Geisteskraft."

Dieser bildende und schöpferische Himmelsgott erhält auch den Beinamen hvâpâo oder svapâs, d. i. der Kunstreiche. Sogar mit dem das Feuer bringenden und die Menschen bildenden Prometheus darf Hiram, Dädalos u. s. w. in Verbindung und Vergleichung gesetzt werden und von ihnen gilt, was Tertullianus apolog. 18 sagt, dass der wahre die Menschen bildende und schaffende Prometheus der allmächtige Gott sei, welcher das Universum geschaffen und den Menschen aus Lehm gebildet habe (deus unicus, qui universa condidit, qui hominein de humo struxit, hie est verus Prometheus), wie denn überhaupt den ersten Kirchenvätern der Begriff des allmächtigen Baumeisters der Welt bekannt war. Uebereinstimmend mit

1) Alpina für 1860, S. 233
2) Kulin, die Herabkunft des Feuers, S. 121 ff.

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der Benennung des Maurerlehrlings, des Urmenschen, als des Erzschmiedes und des Erzkünstlers ist es sodann, dass bei der Aufnahme zum Gesellen diesem auf seinen Reisen nunmehr die von ihm aus dem Schosse der Erde hervorgehobenen Metalle, vorzüglich das Silber, Erz und Eisen mit den daran sich knüpfenden Leidenschaften und Untugenden des Menschen begegnen. Der Mensch kann seine Lebensaufgabe nicht lösen, ohne zugleich den menschlichen Leidenschaften und Gebrechen, dem ganzen Kampfe des geselligen Lebens die Bahn zu öffnen, - ohne den Deckel von dem alle menschliche Uebel und Krankheiten enthaltenden Fasse der Pandora abzunehmen; 1) ja diesen Kampf zu kämpfen und durch denselben nach Osten, in das ewige Licht und Leben zu ziehen, ist die eigentliche und höhere Bestimmung des Menschen, ist die einzige Hoffnung, welche noch am Rande des Fasses, als Pandora den Deckel wieder darüber stürzte, hängen geblieben. In der Prometheussage wird im tiefsten Sinne ausgesprochen, dass der menschliche Geist aus dem göttlichen stamme, die Seele und der Geist des Menschen als ein Himmelsfeuer, als ein göttlicher Strahl von dem Himmel zu der Erde hergebracht worden sei. Je nachdem der Mensch den ihm verliehenen göttlichen Geist recht oder schlecht, vorsichtig oder unvorsichtig gebraucht, ist er ein Prometheus oder ein Epimetheus. Metheus ist an sich der Mensch, manus, manas, lat. mens, griech. , deutsch der Mensch. Der griechische Prometheus ist dem Begriffe, wenn auch nicht dem Wortstamme nach gleich dem indischen Pramati, dem Sohne des Cyavana, denn Pramati bedeutet die Vorsorge, die vorsehende Klugheit. 2) Nach Kuhn S. 16 ist Prometheus von abzuleiten und aus dem Sanskritwort pramâtha d. i. Raub hervorgegangen. Prometheus, Promantheus wäre ursprünglich ein Feuerreiber, und indem er durch Reibung das Feuer entzündet, reisst er gleichsam dasselbe an sich, raubt es.

Zwischen dem göttlichen Hirten, den friedlichen Hirten-

1) Preller, griech. Mythologie, I. S. 65.
2) Kuhn, die Herabkunft des Feuers, S. 10.

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völkern, und dem allmächtigen Baumeister der Welt, den friedlichen acker- oder tempel- und städtebauenden Völkern, mitten inne liegen die wandernden, stürmenden und erobernden Kriegsvölker, weshalb sie nun die Sturmes- und die Kriegsgottheiten, die kämpfenden Gottheiten schaffen, die Götter bewaffnen und den Himmel in den Aufenthaltsort der gefallenen und seligen Helden, in den Kampfplatz der himmlischen Streiter, Götter und Menschen umbilden. Aus der Art der Bewaffnung und des Kampfes der streitenden und der siegenden Götter können dabei mehr oder weniger sichere und weitgehende Schlüsse auf die Bildungsstufe der Völker gezogen werden, welchen die Götter angehören. Suchte der Mensch für die von ihm gerungenen Kämpfe und Kriege an dem Himmel ein Gegenbild, boten sich ihm dazu gleichsam von selbst das Gewitter, die dunkelen Wetter- und Gewitterstürme als ein wilder Kampf der gewaltigsten Naturkräfte, der sich gegenseitig bekämpfenden Wolken-, Blitz- und Lichtgottheiten dar mit dem Lichte und der immer zuletzt wieder leuchtenden Sonne als dem siegreichen Ende des Kampfes und Streites. Die siegreichen Wolken-, Blitz- und Lichtgottheiten, welche im Frühjahr mit den wiederkehrenden Gewittern ihre Kämpfe zu schlagen und die Winter- und Wolkendämonen zu besiegen beginnen, sind durch den lebenweckenden und segnenden Regen und durch das erwärmende und beglückende Sonnenlicht aber auch die Schöpfer und Begünstiger des Erden- und des Naturlebens , so dass die Kriegsgottheiten nach einer andern Seite hin auch als Frühlingsgötter, als die Bringer des neuen Erd- und Naturlebens erscheinen, die Menschen zum Kriege und die Erde zum Leben führen; durch ihre Siege die Beglücker der Menschen und der Erde werden, den Menschen und der Erde den Sieg im Kampfe gegen ihre Feinde verleihen. Unendlich reich und mannichfach sind die mythologischen Vorstellungen und Gestalten, welche aus den Gewitterkämpfen und aus dem durch sie geweckten Frühlings- und Erdenleben hervorgehen, worüber auf Schwartz, der Ursprung der Mythologie, Berlin 1860, als die neueste und vorzüglichste Schrift verwiesen werden darf, obwohl nicht zu leugnen

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ist, dass Schwartz darin viel zu weit geht, dass er die ganze Mythologie und alle Göttergestalten auf den Blitz, auf die Gewitterwolken und Gewitterkämpfe zurückzuführen versucht. Eine Seite, einen Entstehungsgrund der Mythologie darf man nicht einseitig und übertreibend nach allen Seiten hin anwenden und in die alleinige und ganze Mythologie umgestalten.

Die Waffen, welche die Gewitter- und Lichtgottheiten führen, sind an und für sich besonders der Blitz und die Strahlen der Sonne und des Mondes, des Lichtes, und diese werden daher in die Gestalt von Waffen eingekleidet, als Waffen den Göttern in die Hand gegeben. Da die Menschen schon in ihrem Ursitze, noch als blose weidende Hirten gewiss zum Schutze gegen feindliche Thiere und Menschen bewaffnet waren, Schutzwaffen besassen, reichen auch die Kriegsgottheiten mit ihren Waffen in die Urzeit, in den ersten Anfang der Menschengeschichte hinauf und namentlich haben die indo-germanischen Völker, sowie die Peruaner und Mexikaner die bewaffneten und streitenden Kriegsgottheiten in den Grundzügen aus ihrem asiatischen Ursitze mitgebracht und auf ihren Wanderungen und Kriegsfahrten nur weiter fortgebildet. Allerdings ist Krieg und Streit so alt als das Menschengeschlecht und allgemeiner Frieden war niemals und wird niemals sein, so lange Menschen sind. Die ursprünglichste aller Waffen, die Waffe der ersten Menschheit ist der geschleuderte Stein, der steinerne Streithammer, und diesen Stein und Streithammer schleudern und tragen daher der deutsche und nordische Thôrr, der indische Indra, der griechische Zeus und der römische Jupiter 1) u. s. w. Das Blitzeschleudern der Götter ist ursprünglich nur ein himmlisches Steinwerfen, die Blitze sind Himmelssteine, Stein- oder Donnerkeile. Dem Streithammer steht die steinerne Streitaxt die Donneraxt, und das steinerne Streitbeil, das Donnerbeil gleich. Noch ursprünglicher vielleicht als der Stein und Streithammer oder jedenfalls gleich alt sind die Keule oder

1) Wolf, Zeitschrift für deutsche Mythologie, II.Band, Göttingen 1855, S. 297.

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Kolbe (der schweizerische Morgenstern) des Vischnu und Ciwa, des Jama, des Herakles und des Thôrr, und der Stab des Hermes; in der Hand der Götter sind auch sie Symbole des Blitzes, womit die Götter auf die Wolkendämonen dreinschlagen. Der dreifache oder dreisprossige Hermesstab, der Dreizack des indischen Civa, des ägyptischen Osiris und des griechisehen Poseidon, des ursprünglichen Gottes des Wolkensturmes und Wolkenmeeres, möhten in ihrer Dreigestaltigkeit schon einer späteren mythologischen Entwicklung angehören. Die eigentliche Waffe des Osiris, wie er namentlich in dem Todtengerichte erscheint, ist eine Geissel, ähnlich dem mittelalterlichen Flegel, welche aus drei, an dem einen Ende verbundenen und an einem Stocke befestigten Stäben bestand. Diese Waffe an sich muss gewiss als eine uralte, als eine uranfängliche gelten. Die Geissel trägt auch der Jupiter O. M. Heliopolitanus, der syrische Sonnengott Adad, Malachbelus zu Heliopolis oder Baalbeck, dessen Bild angeblich aus dem ägyptischen Heliopolis stammte; 1) ferner der ägyptische Ammon. 2)

Bald nach dem Streithammer und der Keule und vielleicht noch gleichzeitig mit ihnen erscheinen Pfeil und Bogen und sie tragen Indra, der assyrisch-babylonische Sonnengott Bel, der griechische Apollo, A-bel-ios, 3) und seine Schwester Artemis, indem sie mit den Pfeilen ihrer Bogen die Strahlen der Sonne und des Mondes entsenden. Zu gesucht und gelehrt ist es, wenn Schwartz, a. a. O., S. 101 ff. unter dem Bogen des Apollo den Regenbogen und unter seinen Pfeilen die Blitze verstehen will, also der delphische Apollo mit seinem Orakel, mit der castalischen Quelle und den ihn umgebenden Musen ein bloser Sturmes- und Wolkengott sein soll, welcher unter dem Rollen des Donners (das redende Orakel und die singenden Musen) den Gewitterdrachen erlegt. Die singenden Schwäne des Apollo sind aber allerdings die lichten schimmernden Wolken,

1) Preller, römische Mythologie, S. 750.
2) Uhlemann, Thot, S. 43.
3) Kruger, Geschichte der Assyrier, S. 56 und 526; Meissner, Lavard's populärer Bericht über die Ausgrabungen zu Ninive, Fig. 79; Preller, griech. Mythologie, I. S. 152 Anm.

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welche vor der Sonne herziehen, sie gleichsam tragen. 1) - Auch die ägyptische Neith trägt Bogen und Pfeile in den Händen. 2)

Schwert und Lanze fallen in eine spätere Zeit, welche schon die Kunst der Bearbeitung der Metalle und die künstlicheren Waffen kennt, weshalb die Schwert- und Lanzengötter auch Helme und Schilde zu fragen pflegen; Schwert und Lanze symbolisiren aber auch den Blitz, den Lichtstrahl, und der Schild die deckende und bergende Gewitterwolke. Die Lanze als Symbol des Blitzes schwingen die phönicische Astarte oder karthagische Burggöttin Dido, die römische Juno Caelestis, Invieta Caelestis Urania, 3) die griechische Athene, der Amykläische Apollo, 4) der deutsche Odhin und der römische Kriegs- und Frühlingsgott Mars, welcher letztere dem Frühlingsmonate bei den Römern den Namen gegeben hatte und mit dem einstens das Jahr anfing, bis der Jahresanfang dem Lichtgotte Janus und seinem Monate anheimfiel. Die Athene trägt gleich ihrem Vater Zeus und ihrem Bruder Apollo die furchtbare Gewitterwolke als ihren Schild, als Aegide, und der Schild oder das Ancile des Mars hatte ursprünglich wohl dieselbe Bedeutung; später wurde das Ancile zum Symbole des Monats und daher dem Mars 12 Ancilien und 12 Priester, gleichsam 12 Jünger und Apostel beigelegt, wie auch sein Nachfolger Janus 12 Altäre hatte. Der deutsche Tyr, d. i. der Glänzende, der Leuchtende von der Wurzel div leuchten, glänzen, woher auch Zeus und Jupiter ihren Namen tragen und zugleich das indische und baktrische daevas, daêva, griech , lat. deus, Gott, und dies, Tag, stammen, trug als Symbol des glänzenden und leuchtenden Lichtstrahles ein Schwert, welches Schwert später von ihm auch auf Odhin überging. 5) Tyr selbst wurde unter dem Bilde des Schwertes verehrt, wie auch bei den Skythen, Alanen und Geten ein Schwert göttlich verehrt

1) Preller, griech. Mythologie, I. S. 159.
2) Uhlemann, a. a. O., II. S. 176.
3) Preller, röm. Mythologie, S. 753.
4) Preller, griech. Mythologie, I. S. 164 oben.
5) Simrok, deutsche Mythologie, S. 316.

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wurde. Auch der griechische Chrysaor hat ein goldenes Schwert als das Lichtschwert in den Händen, das die Poren der Erde öffnet und die Fruchtbarkeit aus ihr hervorlockt. 1) Ebenso hat der parsische Yima, der indische Yama, eine goldene Lanze, womit er die Erde spaltet. 2) Auch Apollo erhält von Homer das Prädikat (der Gott mit dem goldenen Schwerte), jedoch ist hier das goldene Sehwert wohl auf den Blitz zu deuten, welchen der in der Frühlingszeit wiederkehrende Apollo in den Gewittern schleudert.

Diese Gewitter- und Lichtgottheiten hatten nun neben der blosen Naturbedeutung insofern noch eine gewisse ethische Bedeutung, als sie als Frühlings- und Jahresgötter Glück und Segen, oder auch Unglück und Verderben bringen konnten und als Kriegsgötter den Ausgang und das Schicksal der Schlachten leiteten, den Sieg und Niederlage bestimmten, - noch mehr aber insofern, als sie die ruhmreich gefallenen Helden in ihrem Himmel versammelten und dadurch lohnten. Die Hoffnung auf diesen Lohn, - der Glaube, durch den Tod auf dem Schlachtfelde unmittelbar in das Reich des Odhin, in seinen Walhalla hinüberzuziehen, erzeugte namentlich bei den Germanen ihre unwiderstehliche Tapferkeit und Todesverachtung, welche sie den Römern so furchtbar und verderblich machte und die von ihnen als furor teutonicus, als Berserkerwuth bezeichnet wurde. 3) lm Walhalla Odhins erfreuten sich die gefallenen Helden noch täglich des Kampfes und standen fallend sogleich wieder auf; auch sollten sie einstens aus dem Walhalla mit Odhin zum letzten Weltkampfe ausziehen und dann mit ihm unterliegen und als zeitlich endigen. Auch in dem Gesetze des indischen Manu heisst es, dass die Könige, welche in der Schlacht, begierig einander zu überwinden, mit dem grössten Muthe fechten und das Haupt nicht abwenden, geraden Weges in den Himmel gehen, wenn sie fallen. Der indische Schlachtengott Indra gleicht in aller und jeder Hinsicht dem deutschen Odhin

1) Furtwängler, die Idee des Todes, S. 69.
2) Vendidad, Farg. 2, 32.
3) Menzel, Odin, S. 127 ff.

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und sein Himmel ist nur ein indischer Walhalla, ein indischer Königshof, 1) da ursprünglich die arischen Inder, bis sie die verweichlichenden Gangesländer erobert und sich in ihnen bleibend niedergelassen hatten, ein eben so tapferes und streitbares Volk waren als die Germanen.

Von den Germanen und den Indern und allen verwandten arischen Volksstämmen unterscheiden sich die Baktrer, - die Baktrer, Meder und Perser, - das unrichtig sog. Zend-Volk, 2) indem sie sich von ihren Ursitzen am wenigsten entfernten und am frühesten sich dem Ackerbau zuwandten, ohne wohl anfänglich grössere Städte, nie eigentliches städtisches Leben gehabt zu haben und nach uralter germanischer Weise sich überall da niederlassend, wo die Berge und Thäler, Wälder und Haine, Quellen und Flüsse eine zur Niederlassung geeignete Stelle boten. Vielleicht kann daraus die Eigenthümlichkeit des baktrischen Lichtglaubens und Gestirndienstes erklärt werden, dass die Baktrer weder ein eigentliches eroberndes Kriegsvolk, noch ein eigentliches städtebauendes, sondern ein einfaches, ackerbauendes Volk auf den hohen Bergen und Bergabhängen Centralasiens waren und daher am höchsten schätzten den Ackerbau und was ihn fördern konnte. Anfangs hatten die Baktrer mit den arischen Indern dieselben Licht- und Gewittergottheiten, aber eine Spaltung und Veränderung trat ein, sobald die Baktrer das Schwert mit dem Pfluge vertauschten, die arischen Inder aber zu kämpfen und zu erobern, tiefer in Indien einzudringen fortfuhren. Die verschiedene Lebensrichtung und Lebensbeschäftigung musste die sonst verwandten Stämme auch in religiösen Dingen scheiden, die Götter eines jeden Stammes anders gestalten. In dieser Zeit des Ueberganges und der beginnenden Entzweiung trat unter den Baktrern zwischen 3000 und 2000 Jahren v. Chr., - nach Spiegel, Avesta I. S. 44, in vorhistorischer Zeit unter den Baktrern Zoroaster, Zarathustra als religiöser Reformator auf, indem er die Kämpfe der alten Licht- und Gewittergötter gegen die

1) Lassen, indische Alterthumskunde, I. S. 772.
2) Spiegel, Avesta 1. S. 45; Haug, die Gâthâs des Zarathustra, S. VII.

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Dämonen der Nacht und des Gewittersturmes in einem rein ethischen Sinne als den Kampf des Lichtes gegen die Finsterniss, des Guten gegen das Böse, des Wahren gegen das Falsche oder die Lüge fasste, und das natürliche Licht mit dem Feuer und die natürliche Dunkelheit, das natürlich Gute und Reine und das natürlich Unreine und Schlechte nur für die Symbole des geistigen Lichtes und des geistig Finstern, des sittlich Guten und Reinen und des sittlich Bösen und Unreinen erklärte. In dem zu kämpfenden grossen Welt- und Erdenkampfe setzte er in dem zu erstrebenden Lichte und in der zu erstrebenden Reinheit den göttlichen und den menschlichen Streitern dasselbe Kampfes- und Siegesziel, und machte mithin die Menschen zu den Kampfgenossen und Kampfgehülfen der Götter, wobei die menschliche Aufgabe dadurch noch eine eigenthümliche Färbung und Gestaltung erhielt, dass die Seelenreinheit sich auch durch körperliche Reinheit und die Liebe zum sittlich Guten zugleich durch die Liebe zum Guten und Nützlichen in dem ganzen Naturleben, an den Pflanzen, Thieren und Menschen, sowie umgekehrt der Hass gegen das sittlich Böse durch den Hass und die möglichste Vertilgung des Bösen und Verderblichen in dem Natur- und Menschenleben beurkunden sollte. Der Grundgedanke des Zarathustra war unstreitig ein erhabener und von ihm in dem bekannten einfachen trilogischen Gesetze ausgesprochen, dass der Mensch von dem reinen Gedanken, dem reinen Worte, der reinen That nicht ablassen, dagegen vermeiden solle, schlecht zu denken , schlecht zu reden und zu handeln; aber die äussere Bethätigung der reinen Gedanken, Worte und Werke wurde den Priestern und dem Volke bald, wie in Indien, wie bei den Buddhisten und selbst bei den Christen, die Hauptsache, worüber das Innere, - das Wahre zu denken, zu reden und zu thun, bald vergessen oder schon durch das blose Aeussere genügend erreicht geglaubt wurde. An der Scheinheiligkeit konnte die Religion des Zarathustra scheitern und ist gescheitert; der Geist ist längst geschwunden, doch einige Formen sind in Kirmân in Persien , sowie auf dem Festlande von Indien in Guzerat geblieben. Wenn Haug's Vermuthung begründet ist, spricht

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Zarathustra selbst in den Gâthâs I. 30, seinen grossen Gedanken dahin aus:

3. "Von Anbeginn gibt es ein Zwillingspaar, zwei Geister, jeder von eigener Thätigkeit; sie sind das Gute und das Böse in Gedanken, Wort und That. Wählt unter beiden, seid gut, nicht bös!"

5. "Von diesen beiden Geistern wählt einen, entweder den lügnerischen, das Schlimmste vollbringenden, oder den wahren heiligsten Geist. Wer Jenen wählt, erwählt das härteste Loos, wer diesen, verehrt den Ahuramazda gläubig und in der Wahrheit durch seine Thaten."

Da auch nach der Religion oder vielmehr nach der religiösen Reformation des Zarathustra die Götter und mit ihnen die Menschen wesentlich Kämpfer und Streiter waren, behielten die alten Licht- und Wolkengottheiten zwar die Bewaffnung bei, aber der Gegenstand und das Ziel des Kampfes und des Sieges wurde ein anderer und höherer indem nun von den Göttern in den Gestalten der Schlange (des Blitzes und des Ahriman), des Drachen, des Löwen und anderer mythischen Thiere das sittlich Böse und Unwahre oder die Lüge bezwungen und getödtet werden. Solche sittliche Kämpfe der Götter und der Menschen, besonders der Könige, gegen die ahrimanischen, typhonischen und teuflischen Thiere finden sich vielfach auf den Mauern von Persepolis, zu Ninive und andern Orten, sowie auf vielen aufgefundenen persischen und assyrischen Denkmälern, namentlich aber auf den durch das ganze frühere römische Reich verbreiteten und erhaltenen Mithradenkmälern. Auch liegt die Vermuthung nahe, dass solche Götter- und Menschenkämpfe mit den symbolischen Thieren des Bösen gleichfalls auf den assyrisch-babylonischen Wand- und Fussteppichen, auf den Gewändern der Könige und der Priester bei den Assyriern, Medern und Persern abgebildet, gestickt gewesen seien. Der Lohn der menschlichen Kämpfer des Zoroaster, der Lichtstreiter, konnte nicht der Himmel des deutschen Odhin und des indischen Indra, ein Zech- und Kampfesplatz, ein Königshof sein, sondern musste ein rein ethischer und geistiger werden und wurde indem dem Reinen und Guten der Eingang in das ewige Licht und Leben, die lichtvolle Unsterblichkeit ver-

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hiessen wird. die Unreinen und Bösen aber in den Höllengrund. in den Duzakh zu Ahriman und seinen nächtlichen Genossen hinabgestürzt werden sollen, bis auch sie am Ende der Tage bei der Ankunft des grossen Bekehrers und Erlösers Caosyac, welcher von einer reinen, die Unüberwindliche genannten Jungfrau geboren wird, und bei der durch ihn bewirkten Auferweckung und Auferstehung aller Todten durch das Feuer gereinigt und mit Ahriman selbst gut werden. Die Lehre von der Auferstehung der Todten, welche mit dem Erlöser und Heiler, mit dem Messias, die Juden von den Parsen aufgenommen haben, ist jedoch erst nach den Zeiten Zoroasters vollständig ausgebildet worden und scheint dem Avesta noch unbekannt gewesen zu sein, 1) obwohl bei den wenigen Bruchstücken, welche von den heiligen Schriften der Parsen gerettet und erhalten sind, begreiflich ein jedes Urtheil darüber höchst unsicher sein muss, welche der spätern parsischen Lehren und Glaubensvorstellungen schon dem Avesta oder dem Zarathustra eigenthümlich oder nicht eigenthümlich gewesen sei. Das, was wir jetzt das Nichteigenthümliche zu nennen geneigt sind, kann auch nur das Verlorene und noch nicht Wiederaufgefundene sein. Immerhin ist es eine rein Zarathustrische Idee, ja der innerste und alles durchdringende Grundgedanke des Zarathustrischen Glaubens, dass der von dem Menschen in dem irdischen Leben zu kämpfende Kampf ein Kampf sein solle für das ewige Licht und Leben, für die Reinheit und Wahrheit, für die Unsterblichkeit gegen die Finsterniss und den Tod, gegen das Unreine und Böse, gegen die Höllennacht und Höllenqual. Diesen Kampf nun hatten die um das Jahr 70 vor Christi Geburt zur Zeit des Pompejus durch die cilicischen Seeräuber aus Tarsos in das Abendland eingebrachten Mysterien des Mithra wesentlich zum Gegenstande und Inhalt, 2) und sie blühten in dem römischen Reiche bis gegen das Ende des

1) Spiegel, Avesta, I. S. 15.
2) Windischmann, Mithra, ein Beitrag zur Mythengeschichte des Orients, Leipz. 1857; Creuzer, Symbolik I. (zweite Ausgabe), S. 752 ff.; Preller, röm. Mythologie, S. 754 ff.; Layard, recherches sur Mithra, Paris.

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4. oder den Anfang des 5. christlichen Jahrhunderts, indem die römische Welt durch sie und durch ähnliche Geheimdienste gleichsam in das Christenthum hinüberging oder bei dem Verfalle und Untergange des Heidenthums vor der aufgebenden Sonne des Christenthums in ihnen noch eine letzte Zufluchts- und Rettungsstätte gesucht hatte. Mithra, d. h. der Gefährte, der Freund, war anfänglich der Gott des allsehenden und daher auch allwissenden Lichtes, damit zugleich aber der Gott der Wahrheit und Wahrhaftigkeit und Treue, der Feind und Rächer der Lüge und Unwahrheit und eines jeden Unrechts. Durch Zarathustra wurde Mithra zum höchsten Schöpfer und zum Vertreter der zu erkämpfenden sittlichen Reinheit, des ewigen Gerichtes und der ewigen Gerechtigkeit, des einzigen Lichtes und Lebens, der Unsterblichkeit, und die Mithrasmysterien waren somit Unsterblichkeitsmysterien, sollten den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, namentlich aber auch an die Belohnung des Guten und die Bestrafung des Bösen pflanzen und nähren, - sollten durch den Glauben an Gott und ein gottgefälliges Leben, die einzig wahre königliche oder göttliche Kunst schon bei den Aegyptern, 1) zu Gott führen. Die Mithrasmysterien, welche in dunkelen oder schwarzen Höhlen gefeiert wurden (in Rom gab es wenigstens zwei solcher Mithrashöhlen, Mithraslogen), weil Mithra aus dem dunkelen Felsen, geboren sein und stets daraus siegreich wiedererstehen sollte, fassten jedoch aus Missverständniss oder nach den zur Zeit ihrer Einführung in dem römischen Reiche über die Sonne als des Sinnbildes der höchsten natürlichen und sittlichen Macht und Ordnung herrschenden Ansichten den Mithra anstatt als den Gott des Lichtes überhaupt als den blosen Sonnengott, weshalb auf den höchst zahlreichen Monumenten des Mithracultus, welche aus allen Gegenden des römischen Reiches zu Tage gekommen sind, die unabänderliche Dedicationsformel lautet: Deo Soli invicto Mithrae. Die Mithrasmysterien hatten gleich den ägyptischen Mysterien nach der Zahl der sieben Planeten

1) Alpina für 1860, S. 120.

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sieben Grade, wie ebenso das System der rectificirten schottischen Maurerei sieben Grade hatte, obwohl jetzt gewöhnlich nur noch sechs ertheilt werden. Nach der schon berührten Grundvorstellung der Zarathustrischen Religion waren die Mithrageweihten heilige Streiter des Lichts, des Guten und des Wahren gegen die Finsterniss, das Böse und die Lüge, - wahre Gotteskämpfer, wie Israel; und Mitkra selbst wurde als das Vorbild aller gewaltigen und siegreichen Streiter dargestellt. In dem von Windischmann übersetzten Opfergebete an Mithra, in dem Mihir Yasht wird in der letztern Beziehung gesagt:

123. Mithra - den wachsamen, welchem opferte Ahura-Mazdâ auf dem glänzenden Garô-Nmâna.

124. Mit erhobenen Armen fährt zur Unsterblichkeit hin Mithra der weitflurige vom glänzenden Garô-Nmâna aus, auf schönem Wagen gefahren, dem gleich festen, allgestaltigen, goldenen.

125. An diesem Wagen fahren (ziehen) vier weisse Renner von gleicher Farbe, Geistesspeise essend, ohne Krankheit; ihre Vorderhufen mit Gold beschlagen, die hinteren mit Silber; alle sind sie angespannt an die Deichsel, die nach oben gekrümmte, die gebunden ist mit gespaltenen, wohlgemachten, dicken Klammern von Metall.

126. Auf seiner rechten Seite fährt Rasnu der gradeste (gerechteste), heiligste, aufgewachsenste; auf seiner linken Seite fährt er die gerechteste Unterweisung, die spendentragende, reine, mit weissen Kleidern angethan, weiss: ein Gleichniss der mazdayacnischen Lehre.

127. Nach fährt der starke Fluch des Weisen im Körper eines Ebers, eines sich entgegenwerfenden, scharfhauerigen, männlichen, scharfklauigen, auf einmal erschlagenden, eines Ebers, eines fetten, ergrimmten, angesichttriefenden, tüchtigen, gebundenen und bis zum Ende fahrenden. Zunächst ihm fuhr das Feuer, das angezündete, die gewaltige königliche Gnade (Majestät).

128. Es steht als Schutz des Wagens des weitflurigen Mithra ein Tausend Bogen von Knochen, deren Sehnen aus Sehnen der Rinder wohl gemacht sind; geisterstark fahren sie hin, geisterstark fallen sie auf den Schädel der Daêva's.

129. Es steht als Schutz des Wagens des weitflurigen Mithra ein Tausend Pfeile, die mit Kahrkâcafedern befiedert, mit goldenen Spitzen, hörnernem Schaft und Auszweigungen von Knochen und Eisen wohlgemacht sind; geisterstark fahren sie hin, geisterstark fallen sie auf den Schädel der Daêva's.

130. Es steht als Schutz des Wagens des weitflurigen Mithra ein Tausend Lanzen mit scharfer Spitze wohlgemacht; geisterstark fahren sie hin, geisterstark fallen sie auf den Schädel der Daêva's. Es steht als Schutz des Wagens des weitflurigen Mithra ein Tausend Wurfscheiben von Kupfer, zweigeschärft, wohlgemacht; geisterstark fahren sie hin, geisterstark fallen sie auf den Schädel der Daêva's.

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131. Es steht als Schutz des Wagens des weitflurigen Mithra ein Tausend Schwerter, zweischneidig, wohlgemacht; geisterstark fahren sie hin, geisterstark fallen sie auf den Schädel der Daêvas. Es steht als Schutz des Wagens des weitflurigen Mitbra ein Tausend Keulen von Erz wohlgemacht; geisterstark fahren sie hin, geisterstark fallen sie auf den Schädel der Daêva's.

132. Es steht als Schutz des Wagens des weitflurigen Mithra der schöne wohlbeschlagene Keil mit hundert Warzen, mit hundert Schneiden, männerniederschmetternd, am mächtigen goldenen Griff mit Erz begossen, die prächtigste der Waffen, die siegreichste der Waffen; geisterstark fahren sie hin, geisterstark fallen sie auf den Schädel des Daêva's.

133. Nach dem Schlagen der Daêva's, nach dem Niederschlagen der mithratrügenden Menschen fährt hervor Mithra der weitflurige durch Arezahi-Cavahi, durch Fradadhafsu, Vidadhafsu, durch Vourubaresti und Vourugaresti, durch das Karsvare's Qaniratha das glänzende.

134. Vor ihm zittert fürwahr Auro-Mainyu der todvolle, vor ihm zittert fürwahr Aêsma der schlechtgeistige, leibverderbende; vor ihm zittert fürwahr Busyâcta die langhändige; vor ihm zittern fürwahr alle geistigen Daêva's und die FrevIer aus Varena.

Die Mithrageweihten empfingen daher nach vorausgegangenen schweren Prüfungen und nach einer Reinigung oder Taufe durch Wasser, welche letztere wieder ganz im Geiste der religiösen Ansichten des Zarathustra begründet ist, in dem ersten Grade den Namen Streiter, milites Mithrae, indem sie ohne Zweifel ein Schwert und wohl auch weisse Kriegshandschuhe, vielleicht sogar Spornen und andere ritterliche Kleidungsstücke erhielten. Auch wurde dem Aufzunehmenden eine Krone dargereicht und von ihm mit den Worten abgelehnt: "Mithra ist meine Krone." Die Angabe von Creuzer, a. a. O., I. S. 754, dass der Aufzunehmende die Krone mit diesen Worten aufgehoben habe, ist daher unrichtig und ungenau. 1) Durch die schweren Prüfungen sollten nach Tertullian die Krieger des Mithra gestählt werden, und man darf hinzufügen, dass nach demselben Plane auch Gott seine Auserwählten durch Leiden und Unglück stähle. Es ist sehr, wahrscheinlich, dass Mithra, der Gott der Götter und der König der Könige, als Sol invictus, als unbesiegbare Sonne, welche sterbend stets die Nacht und den Winter überwindet und dessen Fest man daher nach dem Vorbilde der Perser (und ihres

1) Windischmann, a. a. O., S. 69 Anm. 1.

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noch heute gefeierten Mihragân) und Phönicier in Rom zur Zeit des kürzesten Tages am 25. December, also als das Fest des unbesiegbaren Todes und der Wiederauferstehung aus dem Tode, des aus seiner eigenen Asche stets wiedergebornen Phönix feierte, ganz in derselben Weise leidend und sterbend, siegend und wiederauferstehend in seinen Mysterien vorübergeführt wurde und durch seine eigene Unsterblichkeit den Eingeweihten die ihrige verbürgen sollte, wie dieses bei Hiram in den maurerischen Mysterien der Fall ist. Ebenso war gewiss ein sichtlicher Mysterienvertreter des Mithra vorhanden und vielleicht war dieses der Pater Patrum Dei Solis, unter welchem in den Mithrasmysterien alle Eingeweihten standen, 1) wie der alte parsische Oberpriester Zarathustrôtema, oder auch der Maubad der Maubads und der Destûr der Destûrs schon gewiss der gleiche irdische Vertreter des obersten Gottes gewesen ist. 2) Aehnlich war der ägyptische und jüdische Oberpriester der irdische Vertreter Gottes und ist noch der hammerführende Meister vom Stuhl bei den Maurern der Vertreter des allmächtigen Baumeisters der Welt 3) und bei den Katholiken der Pabst der Vertreter Christi oder des christlichen Gottes. Gleichmässig verhielt es sich mit dem Hierophanten oder Mystagogen in den eleusinischen Geheimnissen 4) u. s. w. Die Kleidung und die Attribute aller dieser sichtlichen oder irdischen Vertreter sind nur die Kleidung und die Attribute des durch sie vertretenen Gottes selbst. Nach Clemens Alexandrinus soll z. B. der jüdische Höhepriester an dem Saum seines Leibrockes, den er trug, so oft er in das Heiligthum eintrat, 365 goldene Glöcklein getragen haben zum Symbole des gnädigen Jahres (Jesaja 61, 2), welches die Ankunft des Heilandes ankündigte. Philon erklärte diese Glockentöne als das Symbol von dem Einklang der Welt und der Harmonie der Sphären, wie der jüdische Oberpriester über-

1) Preller, röm. Mythologie, S. 793, Anm. 3.
2) Spiegel, Avesta II., Einleitung S. XV.
3) Alpina für 1860, S. 201.
4) Alpina für 1860, S. 185.

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haupt als ein Bild des Universums angeselion wurde. 1) Nach der Angabe der Priesterregel sollten die Glocken dem in dem Allerheiligsten weilenden Gotte den Eintritt des hohen Priesters verkündigen, damit dieser nicht sterbe, 2) welche naive Deutung nur aus der völligen Unwissenheit des eigentlichen Sinnes des Symbols hervorgegangen sein kann. Noch verdient hier angeführt zu werden, dass auch die römischen Kaiser seit dem Kaiser Aurelian die Vertreter des Mithra in der Weltherrschaft desselben auf Erden sein wollten.

Aus dem Glaubenssystem des Zarathustra und aus den zur Zeit des Auftretens des Christenthums im weiten römischen Reiche herrschenden mithrischen Ansichten und Mysterien ist sodann mit vielen andern Ansichten und Gebräuchen 3) die Vorstellung in das Christenthum übergangen, dass die Christen und die ganze christliche Kirche (ecclesia pugnans) Streiter, Degen Gottes seien, wie Christus selbst gleich Mithra ein solcher siegreicher Streiter und lebender oder reiner Degen Gottes genannt wird. 4) Wie im Vendidad Farg. XIX, 52, Mithra gepriesen wird: "Ich preise den Mithra, der ein grosses Gebiet hat, den Glänzendsten der Siegreichen, den Siegreichsten der Siegreichen," ähnlich wird auch Christus gepriesen. Es lässt sich nicht verkennen, dass die christliche Taufe und Confirmation, welche in den ersten Zeiten des Christenthums, als nur Erwachsene zu Christen aufgenommen wurden, zusammenfielen , ihrem Sinne und ihren Gebräuchen nach sehr viele Aehnlichkeit und Verwandtschaft mit der Einweihung in die Mithrasmysterien zum Lichtstreiter, miles Mithrae, habe, wesshalb auch öfters die irrige und ganz unhistorische Ansicht ausgesprochen worden ist, dass die Mithramysterien Einzelnes aus dem Christenthum und den christlichen Gebräuchen entlehnt haben. 5) Der christliche Gebrauch, die jungen Christen zur Weihnachts- oder zur Osterzeit besonders in die Kirche aufzunehmen, sie gleichsam wehrhaft zu machen und zu Strei-

1) Lasaulx, Studien des classischen Alterthums, S. 305.
2) Exod. 28, 31 - 35, 39, 22 - 26.
3) Windischmann a. a. O., S. 72; Alpina für 1860, S. 178.
4) Benecke, mittelhochdeutsches Wörterbuch, unter Degen.
5) Creuzer, Symbolik I. S. 753, Anm.

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tern Gottes, milites Mithrae, milites Christi Solis invieti, zu weihen, möchte durchaus auf die Mithrasmysterien zurückzufführen sein, indem die Mithrasmysterien, das Mithrasfest, das Geburtsfest der neuen Sonne und des neuen Lebens, entweder um die Zeit der Wintersonnenwende oder der Frühlingstag- und Nachtgleiche, wo die Perser ihren Newruz, d.h. den neuen Tag (den älteren römischen Jahresanfang im Monat Merz) feierten, gefeiert wurden, - also in der Zeit, wo das Licht über die Finsterniss, über den Winter den Sieg gewinnt, - und dann die Einweihung in die Mithrasmysterien stattfand. 1) Der christliche weisse Sonntag (dominica in albis, dies neophytorum) im Monat Merz oder April, der katholische Konfirmationstag, ist seinem Ursprunge, seiner Bedeutung und seinen Gebräuchen nach nur eine Mithrasfeier, eine Weihung des neuen Christen zum Streiter des neuen siegreichen Lichtes. Die jungen Mithrasstreiter und die jungen Christen sind eben so viele Symbole und Bilder der neu erwachenden Sonne und des neu erwachenden Lebens und sollen gleich diesen wachsen und erstarken; das Geburtsfest des neuen Gottes ist ihr eigenes Geburtsfest. Mit dem weissen Sonntag steht in der innigsten Verbindung die ganze Osterfeier, das Fest der widererstehenden neuen Frühlingssonne, des Mithra selbst, und ebenso der Palmsonntag, die Weihe und das Opfer der ersten Sprossen des neuen Pflanzenlebens, der ersten grünen Zweige, wie später der reifenden Sonne, dem Apollo , die Erstlinge der Erndte, goldene Aehren, , dargebracht werden. 2) Auch wurde zu Rom am 24. Merz Sanguen, d. i. ein blutiges Fest der Kybele gefeiert, wobei die Priester den erschlagenen Atys beweinten, worunter nach Macrobius die Sonne verstanden ward, deren Rückkehr in das Zeichen des Frühlings gleich am folgenden Tage durch ein allgemeines Freudenfest (Hilaria) am 25. März gefeiert wurde. 3) Dem ältern Mithra, dem Gotte des Lichtes schlechthin mit allen daraus hervorgehenden Eigenschaften des Gottes, ist aber am verwand-

1) Preller, röm. Mythologie, S. 761.
2) Preller, griech. Mythol., I. S. 165.
3) Hammer, in den Wienern Jahrbüchern der Literatur, 1818, Bd. III. S. 153.

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testen der griechische Apollo, der ägyptische Horus, Horus Apollo, Horapollo, der Gott des Lichtes und der Sonne, der siegreiche Feind alles Unholden und Widerwärtigen, der Gott der alldurchdringenden Ursache von allem Schönen und Harmonischen, 1) dessen Geburt oder vielmehr dessen Wiederkehr von den Hyperboreern, bei welchen er während der sieben Monate des Winters und des Todes verweilt, zu Delphi am siebten Tag des Monats Bysios, Pysios oder Pythios, welcher in den Anfang des Frühlings um die Zeit der Tag- und Nachtgleiche fiel, gefeiert wurde. 2) Auch in den tödtlichen rächenden Waffen und in dem furchtbaren Kampfe gegen die Ungeheuer der Finsterniss im natürlichen und ethischen Sinne stimmen Mithra und Apollo ganz zusammen; der Apollocultus und der Mithradienst sind die gleiche Lichtreligion, und sogar als Todtengötter und Todtenrichter berühren sich Mitlira und Apollo. 3) Die Hyakinthien aber sind ein förmliches Osterfest, wenn auch nicht im Frühlinge, sondern im heissen Sommer gefeiert, wenn die Blumen der Sonnenhitze erliegen, - ein Trauerfest über den Tod mit darauf folgendem Freudenfeste über die Wiederauferstehung des Hyakinthos, der schönen Blume des Feldes gleich Adonis. Spuren von Menschenopfern finden sich endlich im Mithra- und Apollocultus 4) und in beiden ist die Siebenzahl geheiligt; wegen seiner ewigen Jugend und Kraft war auch Apollo mit Hermes und Herakles gleich Mithra das ideale Vorbild aller männlichen Jugend und im Kriege.

Nach Einigen sollen auch die Aegypter im Monat Merz oder Athyr, im Monate der Athuri oder Hathor, der Isis, der griechischen Aphrodite und der deutschen Ostera (nach Creuzer, Symbolik IV, S. 607, die asiatische Astarte), das Trauerfest des Osiris gefeiert haben, indem unter dem Bilde des erschlagenen Meisters und des Grabes die Ab-

1) Preiler, griech. Mytbologie, I. S. 9.
2) Schömann, griech. Alterthümer, II. S. 281.
3) Preller, a. a. O, I. S. 163,
4) Windischmann, a. a. O., S. 68; Preller, a. a. O., I. S. 166.

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wesenheit der Sonne beklagt wurde, auf welches Trauer- und Todtenfest sodann das Freudenfest über die Rückkehr und das Wiedererstehen der Sonne, des Osiris folgte; jedoch ist es wahrscheinlicher, dass diese Feste von den Aegyptern um die Zeit der Wintersonnenwende im Monat Tybi begangen wurden. 1) Wäre die erstere Annahme begründet, dann würden wir in einer überraschenden Uebereinstimmung in Aegypten und in Persien, - in Kleinasien oder in Lydien und Phryrien, Bithynien und Galatien, in Griechenland und zu Rom, - bei den Deutschen und zuletzt bei den Christen in der Frühlingszeit, um die Frühlingstag- und Nachtgleiche dieselbe Feier des Todes und der Wiederauferstehung des Licht- und Sonnengottes, des Erdlebens, gefeiert sehen und Osiris, Mithra, Atys, Apollo und selbst Christus stellen sich einander mehr oder weniger als die siegreichen und triumphirenden Lichtgötter gleich, welche auch die Menschheit und besonders ihre geweihten Streiter zum Siege des Lichtes führen wollen. Die Zeit der Wiedergeburt des Lichtes ist auch die Zeit der Weihe der menschlichen Lichtstreiter. Auch die Weihe zum Maurer ist der Weihe zum Mithrasstreiter, zum Christen zu vergleichen 2) und Hiram reiht sich in verwandtem Sinne und in verwandtem Gebrauche an Mithra an, denn die Sonne in der Wintersonnenwende und in der Frühlingsnachtgleiche, Janus und Mars, haben die gleiche mythologische Bedeutung, können gleichmässig ein neues Jahr beginnen. Da jedoch zur Zeit der Wintersonnenwende die Sonne und der Sonnengott noch gleichsam in der Geburtsstunde sich befinden, noch in der Wiege liegen, wird hier sehr oft der junge Sonnengott als Sonnenkind, als Wiegenkind gedacht; so der ägyptische Harpokrates, der griechische Dionysos, das indische Wischnukind, 3) der christliche Jesus u. s. w. An die christliche Maria, welche liebend das Jesuskindlein in den Armen trägt, schliesst

1) Prichard, ägyptische Mythologie, S. 88; mein Vortrag in Nro. 37 der Bauhütte von 1859.
2) Vergl. meinenVortrag in Nro. 39 der Freimaurerzeitung vorn J. 1857: "Die Aufnahme zum Maurer gleicht der christlichen Taufe und Confirmation."
3) Alpina für 1860, S. 174.

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sich die griechische Ino-Leucothea mit dem Dionysoskinde, welches liebend den rechten Arm nach dem ihr liebevoll zugewandten Haupte der Pflegerin Leucothea emporstreckt, auf dem rechten Arme. 1) Ebenso wird die Danae mit dem in Unschuld schlummernden Licht- und Sonnensohne Perseus in einem Kasten auf den Fluthen des Meeres dahingetrieben. 2) Ein hiemit verwandtes asiatisches Symbol ist eine ein Kalb säugende Kuh, die den Amor säugende Venus. 3) Auf der Rückseite des palmyrenischen Altars im capitolinischen Museum zu Rom wird Eros, Amor, einen Widder über dem Haupte tragend, aus einer grünenden Cypresse geboren; 4) der Widder über dem Haupte berechtigt wohl hier, an die Sonne im Widder, im Frühlingszeichen zu denken. Wie die aufgehende Jahressonne, wird auch die aufgehende Tagessonne als Kind vorgestellt. Auf Elfenbeinsculpturen, welche zu Ninive oder zu Khorsabad durch Botta ausgegraben worden sind, erscheint Ehu, der junge Gott des Tages, sitzend auf einer Lotusblume und den Finger im Munde. 5) In den Königsgräbern zu Theben erscheint am Himmel, der als ein blaues Weib in weitgedehnter Gestalt mit Sternen besäet gemalt ist, die Sonne in der ersten Stunde als ein Kind mit dem Finger im Munde. 6) Ebenso hat die Isis als Muth, d. i. Mutter oder Erzeugerin, zuweilen den kleinen Horus, ihm die Brust reichend, auf dem Schosse. 7) Auch der vedische Agni wird in vielen vedischen Liedern als das neugeborne Kind gefeiert, dem die Göttinnen ihre Pflege angedeihen lassen. Aus diesem Grunde heisst er auch der Jüngste (gavishtha), ähnlich dem , Harpocrates, Horus Ra, welcher letztere stets als Knabe, gewöhnlich zwischen seinen Eltern Osiris und Isis dargestellt wird.

Die Feier des katholischen weissen Sonntags, der ka-

1) Guhl, Denkmäler der Sculptur, Taf. IX. Fig. 4.
2) Preller, griech. Myth., II. S. 42.
3) Lajard, recherches sur le culte du cuprès pyramidal, S. 231, 253, 255 u. 256
4) Lajard, a. a. O., S. 19 ff. u. Taf. I. Fig. 2
5) Braun, Geschichte der Kunst, I. S. 222.
6) Dunker, Geschichte des Alterthums, I. (stets 2. Ausg.) S. 57.
7) Uhlemann, ägypt. Alterthumskunde, II. S. 170.

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tholischen Confirmation ist von grosser symbolischer Bedeutung und wirft nicht zu verschmähende Streiflichter auf die Mithrasweihen und auf die Weihe zum Maurer. Alle zu Confirmirende, zu Erleuchtende (illuminandi), welche wenigstens die Lehrprüfungen bestanden haben müssen, tragen mit weissen oder auch mit rothen Rosen und ähnlichen Blumen geschmückte brennende Kerzen zum Zeichen, dass sie das erste christliche Licht empfangen, im Lichte leben und nach dem Lichte streben sollen. Die Confirmation ist also wesentlich ein Lichifest, . Die Mädchen sind geschmückt mit Kränzen von weissen oder rothen Rosen oder auch von andern Blumen um das Haupt und die Knaben pflegen im Knopfloche wenigstens eine weisse und rothe Rose, eine weisse Lilie oder sonst eine Blume zu tragen, was an den in den Mithrasweihen dem Aufzunehinenden dargereichten Kranz erinnert und nur ein anderes Symbol des neuen Lebens und Lichtes, der neuen Sonne ist. Ebenso wurden in den Eleusinien, in den Mysterien der Demeter und in den Mysterien der Ceres zu Rom u. s. w. solche Blumen getragen, denn auch diese Feste wurden zur Blumenzeit, im Frühling, im Monat April gefeiert. 1) Auch das maurerische Johannisfest ist ein Rosen-, ein Blumenfest. 2) Ferner darf hier angeführt werden, dass noch heute am Weihnachtsfeste 12 Lazzaroni dem Könige von Neapel 12 prächtige blühende Nelkenstöcke in blau und weissen Töpfen, und 4 Lazzaroni 4 andere, etwas werthyollere Töpfe mit Blumen zum Geschenke überreichen. 3) Ursprünglich hatten gewiss die 12 und die 4 Töpfe eine symbolische Beziehung auf die 12 Monate und die 4 Zeiten des neu erblühenden Jahres und der ganze Gebrauch ist ein asiatischer, ein persischer. Es war eine persische, vielleicht eine uralte babylonisch-assyrische Sitte, welche sich auch an den Hof der Khalifen zu Bagdad fortgepflanzt hatte, zur Zeit des neuen Jahres, des Neu-ruz dem Könige Geschenke darzubringen. 4)

1) Creuzer, Symbolik, IV. S. 607.
2) Alpina für 1859, S. 79 ff.
3) Allgemeine Zeitung vom 7. Jan. 1848, S. 99.
4) Lajad, a. a. O., S. 140, Anm. 1.

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Die zu Confirmirenden werden zugleich neu gekleidet und besonders sollen die Mädchen an diesem Tage weiss gekleidet sein und eigentlich sollten am weissen Sonntag die Neophyten die weisse Kleidung zum letzten Mal tragen. 1) Die neue Kleidung weiset darauf hin, dass die zu Weihenden neue Menschen werden und namentlich nunmehr im Lichte wandeln sollen, wie anderwärts die Geweihten einen ganz neuen Namen empfangen oder bei den Indern als neu, als zum zweiten Mal geboren gelten. Auch tragen am weissen Sonntag die Knaben, die Geweihten zum ersten Mal einen Hut zum Zeichen der erlangten Freiheit und Selbstständigkeit, wie dem Maurerlehrlinge bei seiner Aufnahme der Hut in diesem Sinne übergeben wird; wie sich aber der Maurerlehrling mit dem Hute noch nicht bedecken darf, muss ihn auch der zum Altare schreitende Confirmand in der Hand tragen. Besonders auch den Römern war der Hut ein Zeichen der Freiheit oder vielmehr der Abwerfung des Joches; 2) daher bei den Maurern dem Empfange des Hutes früher sinnvoll die Loslösung der Fessel oder des Strickes vorausging und in den englischen Logen noch vorausgeht. Bei den Römern wurde der Hut den Freigelassenen in dem Tempel der Feronia als Symbol der Freiheit aufgesetzt und die durch Testament freigelassenen Sklaven gingen mit dem Hute auf dem Haupte (pileati et eapite induto) vor dem Sarge des Testators her. Gesslers aufgesteckter Hut in der Tellssage ist Symbol der Obergewalt zu Gericht und zu Feld und dem aufgesteckten Hute des Herrn sollte derselbe Gehorsam bewiesen werden, wie dem Herrn selbst. 3)

Das heilige Abendmahl, dessen Genuss die Confirmation beschliesst, und das Brod, welches in den Mithrasmysterien geopfert wird, sind die Daruns, die kleinen Brode, welche noch heute der Parse darbringt und die unter dem Namen draonô in Yacna XI. 4, 5 vorkommen. 4) Das Abendmahlgelübde der christlichen Confirmanden und

1) Creuzer, Symbolik, IV. S. 590.
2) Grimm, Rechtsalterthümer, S. 152.
3) Besoldi thesaurus practicus s. v.: Hut tragen, Hut abziehen.
4) Windischmann, S. 72; Alpina für 1860, S. 179.

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das Gelübde des Maurerlehrlings, der maurerische Eidschwur haben den gleichen parsischen oder mithrischen Ursprung. Von den Persern wird auch berichtet, dass, wenn die persischen Jünglinge in die Reihen der Männer eingetreten seien, ein jeder habe schwören müssen: "Ich will verachten allen schlechten Gewinn, verachten alle Sinneslust, verachten allen eitlen Ruhm; nacheifern aber will ich der Tugend, ehren die Gottheit und die Eltern, die Wahrheit reden, Gutes thun, und nichts hievon mit Wissen und Willen überschreiten." 1)

Es bedarf nunmehr nur noch weniger Worte über den schönen und tiefen Sinn des maurerischen Symbols des Schwertes. Die Maurer tragen Schwerter als Streiter des Lichtes gegen die Finsterniss, des Guten gegen das Schlechte, des Wahren gegen das Falsche und zum Zeichen, dass sie durch die siegreiche Führung des Kampfes in das ewige Licht und Leben einzugehen hoffen. Die Maurer sind milites Mithrae, Lichtstreiter und Lichtsuchende , Illuminandi im höchsten und edelsten Sinne. Der Maurerbund ist kein geistlicher, aber ein geistiger und sittlicher Ritterorden, der mit der Schärfe des Schwertes, des Lichtes, der Wahrheit und der Gerechtigkeit gegen jedes Dunkel, gegen die Lüge und das Unrecht kämpfet. Die Maurer sind Templer, indem sie in ihrem Tempel sich dem Dienste des Lichtes und der Gottheit weihen; erfüllen die Geweihten dieses heilige Gelübde, dann wird nach ihrem Hinübergange in den ewigen Osten das Schwert auf ihrem Sarkophage zum Zeichen ruhen , dass sie nun dort gefunden, was sie hier gesucht, - das Licht und die Wahrheit.

Das Schwert ist als Lichtsymbol wohl erst in dem römischen Reiche durch die römischen Baukorporationen nach dem Vorbilde der Mithrasmysterien in die Maurerweihe eingefügt worden, obwohl nicht ausgeschlossen ist, dass das Symbol auch ägyptischen Ursprunges sein könnte, weil auch die Aegypter sich den Sonnengott im Kampfe gegen die Dunkelheit und die Nacht dachten, 2) also insofern gleichfalls mithrische Vorstellungen hatten. Auch die

1) Lasaulx, Studien des klassischen Alterthums, S. 194.
2) Dunker, a. a. O. , I. S. 57.

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Deutschen hatten dieselben Vorstellungen und das deutsche Wort Helden stammt nach Hocker, die Stammsagen der Hohenzollern und Welfen, Düsseldorf 1857, S. 9, sehr wahrscheinlich daher, dass sie gegen die Mächte der Unterwelt, der Hel, kämpfen und streiten, also milites Mithrae sind. Die Erdengüttin dachten sich die Deutschen im Winter in der Unterwelt weilend, wie die Griechen den Apollo im Lande der Hyperboreer oder die Proserpina im Reiche des unterirdischen Pluton; mit dem Erwachen des Frühlings wurden ihre Bande durch den Himmels- oder Sonnengott gesprengt und dann das Auferstehungs- und Vermählungsfest gefeiert. Moses und Andere werden Gottes Helden, wie Gottes Degen genannt. 1)

In Uebereinstimmung mit dem oben Vorgetragenen bezeichnet im Mittelalter das Recht, den Degen zu tragen, die Wehrhaftmachung, den Eintritt in die männlichen Jahre; in dem Mittelalter fand auch die Feierlichkeit der Schwertleite statt, wobei man den Ritterschlag erhielt. Wenn der junge Mann Student wird, steht ihm das Recht zu, den Degen zu tragen. 2) Ausserdem wurde in den Rechtsverhältnissen das Schwert noch mannichfach als Symbol, namentlich als Symbol der Gerichtsbarkeit, zumal der peinlichen, gebraucht, worüber besonders Grimm, Rechtsalterthümer S. 165 ff., nachzusehen ist. Daher hatten auch die deutschen Könige die Sitte, sich durch den Herzog von Sachsen das Schwert vortragen zu lassen, 3) wie dieses bei einzelnen Fürsten, z. B. in England, auch heute noch bei feierlichen Gelegenheiten geschieht. Als Zeichen der den Bauhütten im Mittelalter verlichenen Gerichtsbarkeit mochte zugleich der Hüttenmeister damals das Schwert halten. 4) Gaedicke, Freimaurerlexikon, sagt unter "Bewaffnung oder Degen", dass in alten Zeiten jeder Bruder in der Loge mit einem Degen habe bewaffnet sein müssen, zur etwaigen Vertheidigung, im Fall eine Loge angefallen wurde, und als Symbol der männlichen Kraft; jetzt sei der Degen in

1) Benecke, mittelhochdeutsches Wörterbuch, unter helt.
2) Vergl. Grimm, deutsches Wörterbuch, unter Degen.
3) Simrok, deutsche Mythologie, S. 322.
4) Krause, Kunsturkunden, I. 2, S. 307 u. II. 2, S. 236 Note.

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mehreren Logen nicht mehr nothwendig und in andern werde er nur noch als ein Sinnbild des Gehorsams, im Fall er einem abgefordert wird, und als Schwert der Gerechtigkeit betrachtet. Auch Mossdorf in der Encyklopädie meint, ehemals habe vielleicht der Degen zur Vertheidigung des geheiligten Platzes der Loge dienen können; ferner führt er an, dass das Degengeklirre bei der Aufnahme, von Einigen auf den Kampf mit Vorurtheilen und Leidenschaften gedeutet werde, der jedem Emporschwingen des Geistes vorhergehe. Mossdorf erscheint es aber wahrscheinlicher, dass der Degen seit 1717 blos als Auszeichnung von den niedern Klassen habe dienen sollen und dass man vorher in der Maurerei nichts davon gewusst habe. Die letztere Vermuthung wird als durchaus unrichtig schon durch das ältere, aus der Zeit vor 1717 herrührende englische Lehrlingsfragstück widerlegt, indem darnach auf die 15te Frage des vorsitzenden Meisters:

"Wie tratet ihr herein und woran?"

der Aufzunehmende antwortet:

"An der Spitze eines Schwerts oder Speeres, oder sonst eines kriegerischen Werkzeuges (Instrumentes), das man auf meine entblösete Brust setzte."

Demnach müssen die einzelnen Brüder in der Loge Schwerter getragen haben, denn der einführende Bruder des Aufzunehmenden wird es nicht erst jedes Mal dazu besonders angelegt haben. Selbst Krause, a. a. O., I. 1. S. 259, Note +, ist daher bis zum Gegenbeweise der Meinung, das auf die Brust gesetzte Schwert und wenigstens das Schwerttragen Derer, die vor der Logenthüre stehen, sei ein alter und ächter Gebrauch. Jeder Zweifel hieran wird sodann durch die Art und Weise ausgeschlossen, wie und wann bei den Logenarbeiten und namentlich auch bei der Lehrlingsaufnahme das Schwert von den Brüdern gebraucht, gezogen und getragen wird, indem hierin jedem Unbefangenen das Alterthümliche und aus früheren Zeiten Hergebrachte sich verkündet. Nicht ohne Bedeutung ist dabei, dass die Maurer nach der Regel (gerade zweischneidige) Schwerter tragen, weil nur das gerade Schwert zur Symbolisirung des Lichtstrahles, zur Bewaffnung des Lichtstreiters dienlich ist. Das Schwert, welches eben durch seine Geradheit

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und Zweischneidigkeit von dem Säbel sich unterscheidet, war als Waffe schon den Aegyptern bekannt 1) und nur von ihm ist in dem Vorgehenden die Rede. Ein solches Schwert ist auch das gewiss nicht erst im J. 1717 aufgekommene, sondern von früher hergebrachte Staatsschwert der englischen Grossloge, wovon Anderson in den späteren Ausgaben seines Constitutionenbuches eine Abbildung gegeben und für dessen Tragen die englische Grossloge noch heute sogar einen eigenen Beamten, den Grossschwertträger hat. 2)

An das Symbol des Schwertes als Symbol der Sonnenstrahlen schliessen sich auch an die ägyptischen Obelisken, indem dieselben dem Sonnengotte geweiht waren und die Sonnenstrahlen symbolisiren sollten. 3)

1) Uhlemann, Thot, Göttingen 1855, S. 97.
2) Krause, a. a. O., I. 2, S. 308; Lenning, Encyklopädie: "Schwertträger."
3) Uhlemann, ägypt. Alterthumskunde, II. S. 169.

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