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Der Droit Humain Österreich

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Inhaltsverzeichnis

Der ‚Droit Humain’ Österreich

Sowohl der Größe nach als auch historisch ist der ‚Droit Humain’ (DH) in Österreich nach der ‚Großloge von Österreich’ das zweite wichtige Freimaurersystem; in der Freimaurersprache: die zweite „Obödienz“. Der aus Frankreich stammende ‚Droit Humain’ (deutsch: Menschenrecht) bekennt sich zur Idee der Co-Freimaurerei; er nimmt also Frauen und Männer auf. Die ersten österreichischen DH-Logen wurden in den 1920iger Jahren gegründet. Der Wiederaufbau nach dem Freimaurerverbot der Nazis und dem Zweiten Weltkrieg begann 1955.

Seit der Jahrtausendwende haben mehrere Freimaurerforscherinnen begonnen, die Geschichte und die Entwicklung des ‚Droit Humain Österreich’ aufzuarbeiten. Eine von ihnen ist die Wiener Freimaurerin Susanne Balázs. Von ihr bekamen wir den folgenden Text über den ‚Droit Humain Österreich’. Er bezieht sich auf die Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Dazu gibt es nur sehr wenig Material. Umso mehr danken wir Frau Balazs für Ihre Arbeit und die Genehmigung, die Zusammenfassung ihres Forschungsergebnisses hier wiedergeben zu dürfen. Wir wünschen ihr alles Gute für die weitere Erforschung der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und freuen uns schon darauf, das Stichwort ‚Droit Humain Österreich’ mit ihrer Hilfe dann komplettieren zu können. Rudi Rabe

Susanne Balázs stammt aus Budapest. Sie ist 1956 nach Österreich geflüchtet: „Wie heisst das heute? Migrationshintergrund. Doch eine sehr gut geglückte Integration. Ich bin unserem Land sehr dankbar, dass ich hier nach meiner Façon habe leben dürfen.“ - Zur Freimaurerei kam sie durch ihren Mann Otto Balázs, der „begeistertes Mitglied der ‚Großloge von Österreich’“ war. Und so ist sie seit 1979 Mitglied im österreichischen ‚Droit Humain’. Als sie 2016 ihren Artikel schrieb, waren das fast vier Jahrzehnte. Sie hat die Entwicklung des DHÖ also auf einer langen Strecke "mitbegleitet und mitgestaltet", so dass sie aus einer großen persönlichen Erfahrung schöpfen kann. - Beruflich ist Susanne Balázs Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie.

Details über die aktuelle Situation des österreichischen ‚Droit Humain’ gibt es: hier.



Der Droit Humain Österreich in der Ersten Republik (1918 bis 1938)

Von Susanne Balázs

Das links erwähnte Zentralgebäude des DH in Paris in der Rue Jules Breton. Es wurde ab 1912 gebaut und 1916 Mitten im Ersten Weltkrieg fertiggestellt.
Foto: Wikimedia Commons (Marc Baronnet, bearbeitet von Christophe Dioux)
Die Langfassung des Artikels von Susanne Balázs steht in diesem Buch:
Quatuor Coronati Berichte Nr. 36/2016
Verlag Löcker, Wien. Im Buchhandel erhältlich.

Erst 1918 konnte in der neu gegründeten Republik Österreich eine Großloge von Wien (GLW) errichtet werden, bald darauf gelangte auch die Idee des Droit Humain (DH) nach Österreich. Das von Utopien und Reformideen belebte geistige Klima der 1920er Jahre kam dem zugute. 1922 wurde nicht nur der Österreichische Akademikerinnenverband gegründet, sondern auch die DH-Loge „Vertrauen“. Sie erhielt vom Obersten Rat des DH in Paris die Nummer 765. Die entscheidende Starthilfe kam aus den Niederlanden, aber auch aus Frankreich. Die zweite in Wien gegründete Loge „Harmonie“ entstand 1928 und erhielt die Nummer 900. Weltweit wurden innerhalb von sechs Jahren 135 DH-Logen gegründet. Diese Zahlen demonstrieren die damalige Aktualität jener Gedanken, welche in die Fassade des Zentralgebäudes des DH in Paris gemeißelt sind: „In der Menschheit haben Frauen die gleichen Aufgaben, wie die Männer, sie mögen also die gleichen Rechte in der Familie und in der Gesellschaft haben.“

Die Anfänge des Droit Humain in Wien

Die freimaurerische Welt in Österreich erfuhr erst 1919 durch die Wiener Freimaurer-Zeitung (WFZ) die „Neuigkeit“, dass es in Holland in mehreren Städten gemischte Logen gebe. Dass auch in Wien eine DH-Loge entstanden war, kam über ein Jahr verspätet in der Juli/September-Ausgabe 1923 in die Spalten der WFZ. Zu dieser Zeit betrug die Mitgliederzahl der Wiener DH-Loge Nr. 756 „Vertrauen“ bereits 20 Schwestern und Brüder.

Die WFZ berichtete wohl in späteren Ausgaben noch über die Verbreitung des DH weltweit. Aus Prag, Frankfurt am Main, Indien, Ägypten, Russland, Amerika und Australien wurden Logengründungen gemeldet. Doch weitere Berichte oder Abhandlungen über das Thema Frauen als Freimaurer wurden in der WFZ durch Dr. Oskar Posner, der zusammen mit Eugen Lennhoff das bekannte Freimaurerlexikon erarbeitete, in einem gleichnamigen Artikel mit Entschiedenheit abgestellt: „…es erhebt sich die ganz andere Frage, ob die Freimaurerei als Männerbund nicht auf ganz falschem Wege ist, wenn sie die Frauenfrage einfach durch die Stiftung gemischter Orden zu lösen trachtet. Vielleicht wäre es im Interesse der beabsichtigten Zielsetzung von Vorteil, wenn nicht der Männerbund den Frauen die Form vorschreiben, sondern es lieber den Frauen überlassen würde, sich die ihren geselligen Bedürfnissen entsprechendste Form selbst zu suchen.“

Die offizielle Haltung der Großloge von Wien (GLW) zum DH war ablehnend. Doch gab es innerhalb der männlichen Freimaurerei in Wien schon seit langem eine Diskussion über Frauen in der Loge. Großmeister Richard Schlesinger signalisierte sein Wohlwollen. Auch war es möglich, dass der DH-Bruder und Musikwissenschaftler Paul Amadeus Pisk aus der Loge „Vertrauen“ in der WFZ den Artikel Mozart als Freimaurer publizieren konnte.

1922: Die erste Loge

Die Lichteinbringung in die DH-Loge Nr. 756 „Vertrauen“ wurde im August 1922 gefeiert. Gründungsmeister war der Wiener Zahnarzt Dr. Fritz Engel, damals 28 Jahre alt. Diesen großen Schritt ermöglichte die Holländische Jurisdiktion in Deutschland, in der Tschechoslowakei und in Wien.

Neu entdeckte Protokolle der Loge „Vertrauen“ aus dem Nachlass des 2015 verstorbenen Kärntner Freimaurers Hans Kummerer erlauben einen ersten Einblick in die Welt dieser Umbruchzeit. So erfährt man sehr genau, welche Schwestern und Brüder aus welchem Land zu Besuch kamen, ebenso ihren Grad, ihre Loge und ihre Obödienz. Aus dem Officieel Bulletin der Holländischen Föderation des Jahres 1928 erfahren wir aufgrund der verpflichtenden jährlichen Mitteilung des Stuhlmeisters: „Obwohl seitens der Großloge von Wien das seinerzeit beschlossene Besuchsverbot [für Logen des DH] den ihr unterstehenden Brüdern wiederholt nachdrücklich verlautbart wurde, war das Interesse für unsere Arbeit dort so gross, dass nahezu 40 Brüder der Wiener Kette, viele von ihnen sehr häufig, unseren Arbeiten beiwohnten.“

Wo sich die Schwestern und Brüder des DH bis 1930 zu ihren Arbeiten trafen, das geht aus den Unterlagen nicht hervor. Meine freimaurerische Generation hatte ihre Arbeit noch in der Privatwohnung des Ehepaares Hermi und Fritz Fröhlich begonnen. Doch das dürfte in der Zwischenkriegszeit nicht der Fall gewesen sein, zumindest nicht ab 1927. Nur für eine kurze Zeit im Herbst 1930 wird ausdrücklich erwähnt, dass man sich in der privaten Wohnung der Rosa Hoffman an der Linken Wienzeile und später in der Wohnung der Friederike Rie in der Hamburgerstraße 14 eingefunden hatte. Dies aber in Erwartung der endgültigen Fertigstellung eines eigenen Tempels.

Der neue Tempel in der Berggasse 16

1928 zählte die Loge „Vertrauen“ bereits 51 Mitglieder, daher wurde die Auffindung einer eigenen Lokalität diskutiert, zumal die Zeit für die Gründung einer zweiten Loge reif war. Die Lichteinbringung in die neue Loge „Harmonie“ Nr. 900 wurde am 3. Oktober 1928 festlich begangen. Zur Meisterin vom Stuhl wurde mit Mary Dickenson-Auner eine der berühmtesten Geigerinnen und Komponistinnen ihrer Zeit ernannt. Mit ihr trat zum ersten Mal eine Frau an die Spitze einer Wiener Loge.

1930 konnte der erste, neue DH-eigene Tempel in Betrieb benommen werden. Die festliche Tempelweihe in der Berggasse 16 fand am 29. November 1930 statt. Auch Mitglieder der GLW halfen mit Rat und Tat: „Nach ritueller Eröffnung der Loge begrüßt der Meister vom Stuhl die ... Brüder Gäste und benützt diese Gelegenheit, all denen die sich um den Aufbau des Tempels verdient gemacht haben, den herzlichen Dank auszusprechen.“

Nunmehr war es den DH-Logen zumindest für einige Jahre vergönnt, ihr Logenleben zu entfalten: Man traf sich jede Woche, es gab Arbeitstage und Festarbeiten, Sommerzusammenkünfte, Trauerarbeiten, Baustücke mit Diskussionen, harmonische und polarisierte Stimmungen, Einweihungen, Lohnerhöhungen sowie Austritte und Ausschlüsse. Vieles erinnert an heutige Zeiten: Die Mitglieder kamen zur Arbeit oder auch nicht, sie entschuldigten sich oder auch nicht, sie hielten Baustücke, manchmal spannend, aber manchmal eben nicht. Doch ob sie streitbar oder harmonisch miteinander umgingen – der Schriftführer oder die Schriftführerin hielt viele Details fest.

Aufnahmen, Deckungen und Ausschlüsse konnten damals erst nach einer Bewilligung durch die Holländische Föderation durchgeführt werden. DH-Hochgradlogen haben zu dieser Zeit in Wien noch nicht gearbeitet, doch werden die Brüder und Schwestern in ihren jeweiligen Hochgraden in den Protokollen erwähnt. Somit mussten ihnen diese Grade woanders erteilt worden sein, aller Wahrscheinlichkeit nach in Holland.

Sehr viel Zeit und Energie wurde in die Pflege von freundschaftlichen Kontakten zwischen den beiden Logen, zur GLW und auch zu im Ausland lebende Brüdern und Schwestern investiert. In Anbetracht der damaligen Verkehrsverbindungen reiste man erstaunlich viel, man korrespondierte oder telegrafierte, wenn man eine schnelle Nachricht versenden wollte.

Das Wirken nach Außen

Neben der Arbeit nach Innen blieb auch Zeit für die Gedanken, wie man nach Außen wirken könnte: Es gab am Ende der Arbeiten Vorschläge für Teilnahme an profanen, politischen Bewegungen. Auch die Wohltätigkeit war ein wichtiger Punkt, der immer wieder besprochen wurde. Diese Initiativen für die Verwirklichung der Ideen in der profanen Welt änderten sich zusehends, als die Weltwirtschaftskrise ausbrach. Je tiefer die wirtschaftliche Not war, umso einfacher und bodenständiger wurden die vorgeschlagenen Hilfemaßnahmen. Im Jahr 1928 ging es noch um einen Aufruf zu Teilnahme an einer Friedensdemonstration und einige Arbeiten später um eine Versammlung gegen Faschismus, welcher vom Antifaschistischen Intellektuellenbund veranstaltet wurde. Doch plötzlich ging es um Sammlungen von Kleidungsstücken und Schuhen für arme Menschen, und 1930 schließlich um ganz konkrete Einzelpersonen oder Familien. Beim Weihnachtsfest 1930 wurde eine siebenköpfige Familie beschenkt. Jede Person der Familie erhielt 30 Schilling, zusammen also 210 Schilling. Das entsprach etwa der Summe, die während der Tempelarbeiten über ein ganzes Jahr gesammelt wurde.

Nicht nur das Spendenverhalten änderte sich durch äußere Umstände. Die innere Stimmung wurde immer gespannter. Dieses Phänomen lässt sich unter anderem auf die unterschiedliche Entwicklung der beiden Logen zurückführen: Seit Gründung der Loge „Harmonie“, die sich unter der Leitung der Mary Dickenson-Auner dem theosophischen Gedankengut annäherte, blieb „Vertrauen“ eher auf der laizistischen Linie. Offenbar musste es immer wieder zu sehr polarisierenden Diskussionen gekommen sein, denn es finden sich eine Reihe beschwichtigender oder mahnender Einwände: „…am heutigen Abend wurde an einem bestimmten Entwicklungspunkt ein Schnitt gelegt, der die Arbeit der Loge entscheidend beeinflussen kann. Man darf die Arbeit nicht zur Austragung weltanschaulicher Gegensätze benützen.“

Die Spannungen waren aber auch ein Produkt der Zeit, da die politischen Probleme nicht restlos aus dem Tempel fern gehalten werden konnten: „Buder Paul Pisk richtet eine Mahnung an die Loge, alle profanen und gesellschaftlichen Misshelligkeiten außerhalb des Tempels zu lassen.“

1938: Das Ende

Das bittere Ende des ersten Kapitels des DHÖ brach im schicksalsreichen Jahr 1938 über alle österreichischen Logen in gleichem Ausmaß herein. Sie wurden „gelöscht“ – nach dem offiziellen Sprachgebrauch der Nazizeit. Wir wissen aber heute, dass „gelöscht“ nicht „ausgelöscht“ heißt. Das letzte Winter-Johannisfest wurde gemeinsam mit der Loge „Harmonie“ im Dezember 1937 gefeiert. Die letzte Arbeit oder das letzte Protokoll im 3. Grad datiert auf den 4. Jänner 1938. Das Protokoll ist im Gegensatz zu den vorherigen mit der Hand geschrieben und trägt keine Unterschriften. Generell lassen diese letzten Protokolle im Vergleich zu den früheren viel an Umfang und Präzision vermissen. Auch dürfte die Zahl der Teilnehmer sehr geschmolzen sein.

Am 19. März 1938 führte die SS eine Razzia in der der Berggasse 16 durch, doch der Tempel war leer, sein Inhalt dürfte einige Tage davor entweder von den Eigentümern weggeschafft oder von fremder Hand geraubt worden sein. Der Verbleib des Inventars ist bis heute ungeklärt. Im Bericht von SS-Oberscharführer Schröder heißt es: „…es musste festgestellt werden, dass die Tür gewaltsam geöffnet worden war und notdürftig durch einen Beamten des Polizeikommissariats wieder versiegelt worden war. Beim Betreten der Logenräume bot sich ein furchtbares Bild. Alles war umgeworfen, die Schränke gewaltsam aufgebrochen, Vorhänge usw. lagen verstreut im Raum und kein Aktenstück war überhaupt aufzufinden…“

Die Loge „Harmonie“ wurde offiziell am 26. Juni 1939 aufgelöst, ihr geringes Vermögen auf die NSDAP Wien und zugunsten des Stillhalteabkommens für Vereine, Organisationen und Verbände aufgeteilt. Über das weitere Schicksal der Brüder und Schwestern des DHÖ ist so gut wie nichts bekannt. Mit Sicherheit konnten sich etliche ins Exil retten, andere wurden im NS-Konzentrationslager ermordet oder retteten sich durch Selbstmord davor. Jene nicht jüdischer Herkunft dürften den Zweiten Weltkrieg auch in Wien überdauert haben.


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Siehe auch

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