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Die Freimaurerei in der Tschechoslowakei zwischen den beiden Weltkriegen

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Der Wiener Freimaurer-Forscher Rüdiger Wolf hat in bewundernswerter Kleinarbeit viele Details über dieses versunkene Thema gesammelt, sie in einem Aufsatz zusammengefasst und diesen dankenswerterweise dem Freimaurer-Wiki zur Verfügung gestellt. Rüdiger Wolf war über ein Jahrzehnt Direktor des österreichischen Freimaurermuseums Rosenau. In seinen freimaurerischen Forschungen konzentriert er sich auf Wien, Prag und Tschechien.


Inhaltsverzeichnis

Einführung von Rudi Rabe

Rüdiger Wolfs Text beschäftigt sich mit den zwanzig Jahren von 1918 bis 1938 und der ersten Tschechoslowakische Republik; das war ein Staat, den es heute nicht mehr gibt. Als Teil der habsburgischen Erbmasse nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg umfasste er das heutige Tschechien (früher: Böhmen, Mähren sowie das kleine Tschechisch-Schlesien) und die Slowakei (früher: Oberungarn). Alle diese Regionen waren bis 1918 ein Teil der Habsburgermonarchie. Nach deren Zusammenbruch am Ende des verlorenen Ersten Weltkriegs wurde aus ihnen die mehrsprachige Tschechoslowake: 64% der Bevölkerung gab bei der Volkszählung 1921 als Muttersprache Tschechisch an, 23% Deutsch, 5% Ungarisch.

Unter den Habsburgern war die Freimaurerei nach einer kurzen Hochblüte in den 1780er Jahren ab 1795 im ganzen Reich verboten. 1867 wurde aus dem Imperium eine Doppelmonarchie mit der österreichischen Reichshälfte im Westen, zu der auch Böhmen und Mähren gehörten, und der ungarischen Hälfte im Osten, inklusive dem slowakischen Oberungarn. Die Aufteilung des vormaligen Einheitsstaates in zwei Hälften unter einer Krone ging in die Geschichtsschreibung als „Ausgleich“ ein, weil der politische Hintergrund ein ausgleichender Kompromiss mit den Selbständigkeitswünschen der Ungarn war. Die beiden Reichshälften waren innenpolitisch selbständig, und so hatten sie auch ein unterschiedliches Vereinsrecht: Im ungarischen Teil waren Logen ab nun erlaubt, im österreichischen Teil und somit auch im heutigen Tschechien blieben sie jedoch verboten.

Marienbad (Mariánské Lázně), eines der drei berühmten Bäder in Westböhmen, mit der lebensgroßen Erinnerung an ein aus freimaurerischer Sicht ungleiches Treffen zweier Monarchen: Am 16. August 1904 begegneten einander in Marienbad Franz Joseph I. als "Hausherr" und Edward VII.
Der eine - Franz Joseph (links) - war Kaiser von Österreich und König von Böhmen, wo die Freimaurerei schon mehr als hundert Jahre verboten war; der andere - Edward - war König des britischen Weltreichs, Freimaurer, Schutzherr der britischen Logen und bis zu seiner Krönung sogar Großmeister.

Im 19. Jahrhundert und bis 1918 gab es also keine tschechische Freimaurerei. Rüdiger Wolf weist zwar auf ältere masonische Wurzeln im 18. Jahrhundert hin, sie wurden jedoch erst für die spätere Entwicklung bedeutsam. Wobei: Diese frühe Vergangenheit war masonisch eine rein deutschsprachige. Freimaurerlogen mit tschechischer Sprache gab es erstmalig nach dem Ersten Weltkrieg.

Nach dem Zerfall der Habsburger Monarchie 1918 entwickelte sich in den neuen Republik Tschechoslowakei (ČSR) die jetzt zugelassene Freimaurerei entlang der beiden wichtigsten Ethnien in zwei Hauptrichtungen: eine mit tschechischer Arbeitssprache, die andere in der deutschen Sprache. Doch die daraus entstehenden unterschiedlichen Großlogen trennte noch mehr als die Sprache: Während die deutschsprachigen Freimaurer des neuen Staates an die österreichisch-masonische Tradition anknüpften, die sich in der Grenzlogenzeit vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt hatte, waren die Freimaurer tschechischer Sprache bemüht, sich davon abzugrenzen und eine nationale Freimaurerei zu gründen, die nichts mit der deutsch-österreichischen Tradition zu tun hatte; bis hin zu den Ritualen bezogen sie sich auf französische und italienische Vorbilder, also auf die Siegermächte des Krieges. Neben diesen beiden Hauptrichtungen gab es auch Einflüsse aus der freidenkerischen Freimaurerei Deutschlands (FZAS). Im folgenden Aufsatz werden auch diese behandelt.

Rüdiger Wolf: „Es gehört zu den spannenden Kapiteln mitteleuropäischer Freimaurerei, wie sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges im neu entstandenen Staat Tschechoslowakei die Königliche Kunst organisierte.“


Rüdiger Wolf: Die Freimaurerei in der Tschechoslowakei
zwischen den beiden Weltkriegen

➤ Die Ausgangslage vor 1918

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erlebte die Freimaurerei in Böhmen eine Blütezeit. Prager Logen boten bedeutenden Männern die Möglichkeit, Wissenschaft, Kunst aber auch die Wohltätigkeit zu pflegen. Doch 1795 kam unter Kaiser Franz II./I. das Verbot. Und so erlosch das masonische Licht auch in der Provinzialloge von Böhmen, die ein paar Jahre vorher gegründet worden war.

Im Revolutionsjahr 1848 versuchte Josef Graf Auersperg, die 1795 eingeschläferte Prager Loge ‘Vereinigte Freunde zur Wahrheit und Einigkeit’ zu reaktivieren. Der Antrag wurde abgelehnt und Graf Auersperg nach Brünn versetzt. Analoge Versuche gab es in diesem Jahr auch in Wien, wo die Loge ‘Zum heiligen Joseph’ hätte reaktiviert werden sollen. Auch das wurde von den Machthabern unterdrückt.

Weitere Versuche gab es in Prag auch nach 1848: Freimaurer, die deutschen Logen in Berlin, Köln, Breslau und Dresden angehörten, wollten die Freimaurerei Böhmens wieder beleben. Sie scheiterten: 32 Brüder wurden verhaftet. Es kam am 26. Februar 1856 zu einer Verhandlung, doch wurde das Verfahren auf Intervention der Preußischen Gesandtschaft eingestellt. Die österreichische Behörde war blamiert, die Observation der Brüder wurde jedoch intensiviert.

Der nächste Anlauf folgte dann nach dem „Ausgleich“. Und so wurde 1870 wieder versucht, die Prager Loge ‘Zur Wahrheit und Einigkeit’ zu beleben: ohne Erfolg. Da im Königreich Böhmen das gleiche Vereinsgesetz wie in Österreich galt, wurde auch dieser Antrag von den habsburgischen Behörden abgelehnt.

Eine Prager Notlösung ab 1870: Bruderkreise

Während die Brüder in Wien, die mit denselben Einschränkungen konfrontiert waren, auf der anderen Seite der nahen innerstaatlichen österreichische-ungarischen Grenze sogenannte Grenzlogen gründeten, beschlossen im August 1869 in Prag einige Brüder Freimaurer, die verschiedenen Mutterlogen (vor allem deutschen) angehörten, ein maurerisches Kränzchen zu gründen. Nachdem sie aber erkannten, dass eine Logengründung von der Behörde untersagt würde, gründeten siebzig Freimaurer den politischen Verein ‘Prager Bruderkreis’. Bald gab es jedoch Querelen und einige Brüder gründeten einen neuen Bruderkreis, der ‘Amicitia’ benannt wurde.

Die prägende Persönlichkeit für diese Entwicklung war Christian F. A. Jahn. Er übernahm 1874 die Führung des ersten Bruderkreises, der nunmehr den Namen ‘Harmonie’ führte. Bei der Behörde war er als Geselligkeitsverein angemeldet. Der zweite Bruderkreis ‘Amicitia’ wuchs stetig und hatte als hervorragende Mitglieder prominente Fabrikanten, Advokaten, Künstler und Gelehrte.

Nach dem Tode von Jahn im Jahr 1894 übernahm Jaromir Hanĕl die Leitung des Kreises ‘Harmonie’. Er gilt als Wiedererwecker der Freimaurerei in Böhmen. Seit 1889 gehörte er der Loge ‘Archimedes zu den drei Reißbrettern’ im sächsischen Altenburg an. Es gelang ihm, die beiden Prager Bruderkreise Harmonie und Amicitia wieder zu vereinen.

In Karlsbad existierte seit 1874 der Bruderkreis ‘Munificentia’, in welchem viele prominente Kurgäste verkehrten. Das Protektorat übernahm Bruder Frederic Prinz der Niederlande. Bald folgten Bruderkreise in Tetschen (‘Freundschaft’), in Teplitz (‘Philantropia’), in Reichenberg (‘Latomia’), in Pilsen (‘Harmonie’), in Saaz (‘Kette’), in Asch (‘Astraea’), in Marienbad (‘Goethe’) und in Prag (‘Charitas’).

Im Jahre 1907 bestanden elf derartige Kränzchen mit etwa 350 Mitgliedern. Alle Initiativen zur Bildung der freimaurerischen Kränzchen gingen von Deutschsprachigen aus, nur wenige Tschechen traten den Bruderkreisen bei. So bedeutsam die Wiederbelebung des freimaurerischen Gedankens durch die verschiedenen Kränzchen war, so uneinig waren sich die Brüder jedoch in Fragen der Organisation und der Rituale.

Die Prager Grenzloge ‘Hiram zu den drei Sternen’

Nach einiger Zeit war für die böhmischen und vor allem die Prager Brüder der Zeitpunkt gekommen, eine Grenzloge nach Wiener Vorbild zu gründen. Die Initiative ging von einem Mitglied des Kränzchen ‘Amicitia’ aus, dem Prager Leopold Pick. Er gehörte seit 1887 in Pressburg (damals Oberungarn; heute: Bratislava in der Slowakei) der Wiener Grenzloge ‘Schiller’ an. Es gelang Leopold Pick, 28 Brüder aus dem Bruderkreis ‘Amicitia’ und weitere 14 aus dem Kränzchen ‘Harmonie’ für den Plan zu gewinnen. Die Symbolische Großloge von Ungarn genehmigte am 12. Mai 1909 eine Arbeit unter freiem Himmel.

In Prag wurde ein Geselligkeitsverein ‘Charitas’ bei der Behörde eigetragen. Der Bruderkreis ‘Amicitia’ löste sich auf, die ‘Harmonie’ stellte sich am 16. November 1910 unter dem Schutz der Loge ‘Archimedes zu den drei Reißbrettern’ in Altenburg (Sachsen). (Zehn Jahre später wurde dann im Mai 1920 in der jetzt neu gegründeten Tschechoslowakei aus dem Bruderkreis ‘Harmonie’ eine gerechte und vollkommene Loge gebildet.)

Am 2. Mai 1910 wurde in Pressburg die böhmische Grenzloge ‘Hiram zu den drei Sternen’ durch die Symbolische Großloge von Ungarn installiert. Bei der Gründung war es die Absicht der 42 Gründungsmeister, in Böhmen die Freimaurerei ins tschechische Volk zu tragen und Männer zu suchen, die dann tschechische Logen gründen. Diese erste und einzige Grenzloge von Böhmen vereinte deutsche, ungarische und tschechische Brüder in harmonischer Arbeit bis zum Ende der Monarchie 1918.

Im Jahr 1914 wies die Loge 76 Mitglieder aus, 48 Brüder waren aus Prag. Zweimal im Monat trafen sie einander in Prag in den Räumen ihres Geselligkeitsverein ‘Charitas’. Einige tschechische Brüder wurden dann nach 1918 zum Kristallisationskern für die neu gegründeten tschechischen Logen, etwa Alfréd und Ottokar Bařtýř, Vincenz Červinka, Ladislav Moučka, Jaroslav Kvapil, Vladislav Uhlíř und Victor Stretti.

Die letzte Arbeit der Loge in Pressburg fand knapp vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 14. Mai 1914 statt. Fast auf den Tag genau Jahre danach, am 28. Mai 1919, wurde in der Prager Loge eine Festarbeit abgehalten: Erstmals wurde in Böhmen wieder ungehindert masonisch gearbeitet. Die Rolle der Loge ‘Hiram zu den drei Sternen’ als Grenzloge war beendet.

Die Bedeutung dieser Grenzloge für die Freimaurerei in der ersten Tschechoslowakischen Republik kann nicht hoch genug bewertet werden. Nationale oder sprachliche Differenzen spielten während dieser Zeit noch keine Rolle.

Der Beitrag des ‘Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne’ (FZAS) für die Freimaurerei in Böhmen

Ende des 19. Jahrhunderts versuchten Freidenker in Deutschland die orthodoxe Freimaurerei zu reformieren. Im Ritual sollten biblische Reminiszenzen beseitig werden, natürlich ging es „um die Bibel“.

Im Jahre 1906 wurde in Nürnberg eine Freidenker/Reform-Loge gegründet und bereits am 27. Juni 1907 in Frankfurt die unabhängige Großloge ‘Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne’ (FZAS). Die übrige deutsche Freimaurerschaft lehnte diese Bewegung ab. Der FZAS wuchs jedoch und hatte 1909 in 33 Logen 520 Mitglieder, ein Jahr später eintausend. Er bekannte sich zum Pazifismus und war übernational. Die Großlogen von Deutschland distanzierten sich strikt von den „Vaterlandsverrätern“.

Auch in Pressburg arbeitete bereits 1910 eine Loge als Ableger des deutschen FZAS. In Prag wurde 1912 eine FZAS-Loge unter dem Namen des Literaturvereins ‘Freilicht’ installiert. Ein Jahr später wurde in Teplitz-Schönau eine weitere FZAS-Loge unter der Bezeichnung ‘Zur Quelle des Heils’ gegründet.

Als in Reichenberg 1919 eine dritte Loge ‘Zur Leuchtenden Warte’ eingerichtet worden war, entstand nun in der jungen Tschechoslowakei die ‘Großloge Bohemia’ des FZAS und machte sich von der Deutschen Großloge FZAS unabhängig. Sie wurde vom Mainstream der Freimaurerei weiterhin als irregulär angesehen.

Wir werden nachfolgend beleuchten, wie der FZAS in der ČSR mit den neugegründeten zwei „regulären“ Großlogen (‘Lessing zu den drei Ringen’ und ‘Nationale Großloge der Tschechoslowakei’) in Verbindung stand.

➤ Die Zeit von 1918 bis 1938

Die erste tschechische Loge ‘Jan Amos Komenský’ entsteht

Gleich als der Erste Weltkrieg zu Ende war, kam es am 26. Oktober 1918 zu einem „Treffen unter freiem Himmel“ in der Wohnung von Alfréd Baštýř von der Grenzloge ‘Hiram zu den drei Sternen’. Elf tschechische Freimaurerbrüder aus dieser Loge, aus dem Kränzchen ‘Harmonie’ und drei weitere Mitglieder französischer Logen waren dabei. Man beschloss, eine Loge mit dem Namen ‘Jan Amos Komenský’ zu gründen. Als ersten Stuhlmeister der nun zu gründenden Loge wählte man Jaroslav Kvapil (seit 1911 Mitglied der Grenzloge ‘Hiram zu den drei Sternen’).

Die neue Loge wurde am 28. Mai 1919 konstituiert, und am 28. September 1919 wurde das Licht vom ‘Grand Orient de France’ (GODF) eingebracht. Die tschechischen Gründungsmeister wollten bewusst nicht an die deutsche und österreichische Freimaurertradition anschließen. Alles bisherige, das deutsche und das österreichische Element in der Freimaurerei und im profanen Leben, war unerwünscht.

Eine Schlüsselfigur war dabei der Künstler Alfons Mucha, Mitglied der Pariser Loge ‘Les inseparables du progres’. Alle Gründungsmeister hatten genügend masonische Erfahrung, gearbeitet wurde nach dem Ritual des GODF. Die Loge arbeitete bis zum 14. Juni 1922 unter dem Schutz des GODF und schied dann aus diesem Bund aus, um mit weiteren in der Zwischenzeit gegründeten tschechischen Logen eine nationale Großloge zu bilden.

Die Loge Národ und das Werden der Nationalen Großloge der Tschechoslowakei (Národní Veliké Lóže Československé)

Die Gründung der ersten Loge in der ČSR, die Loge ‘Jan Amos Komenský’ erfolgte durch erfahrene Freimaurer, mehrheitlich aus deutschsprachigen maurerischen Vereinigungen wie die Grenzloge Hiram oder aus einem der Bruderkreise kommend. Es war der Anschluss an die in den Kronländern geübte Johannis-Freimaurerei.

Nun wurde nach Bildung des neuen Staates sogleich eine zweite selbständige maurerische Vereinigung ins Leben gerufen, die sich dezidiert nicht an die bislang geübten Traditionen der deutsch-österreichischen Freimaurerei anlehnen wollte: die Loge ‘Národ’ (Národ = Nation). Die Schlüsselrolle bei Bildung hatte der Redakteur der Wochenschrift „Národ“ František Sís.

Während des Ersten Weltkriegs hatte sich in Prag eine konspirative Gruppe tschechischer Nationalisten (Mafie) etabliert, die für die Errichtung einer selbständigen Republik kämpfte. Intellektuelle, Künstler, hohe Beamter (darunter auch Freimaurer) nahmen sich unter anderem die Freiheitsbewegung Italiens (Garibaldi) zum Vorbild.

Schon 1914/1915 versuchte František Sís auch mit italienischen Freimaurern Kontakt zu finden. Die Dinge nahmen ihren Lauf, als Sís nach dem Umsturz im November 1918 in Prag mit dem Presseattaché an der Botschaft Italiens, dem Freimaurer Ugo Dadone, Kontakt aufnahm. Dieser stellte den Kontakt zur ‘Gran Loggia Nazionale Italiana’ her, die Unterstützung versprach. Vorerst war es nötig, dass die Prager Interessenten Mitglieder einer Loge in Italien werden, um dann die Berechtigung zu bekommen, in Prag eine entsprechende Loge einzurichten. Die Aufnahmeansuchen stellten die tschechischen Brüder in Januar 1919. Ugo Dadone erledigte als offizieller Abgesandter der Römer die weiteren Formalitäten, und auf dem Wege der Delegation wurden die Tschechen als Gründungsmeister der künftigen Loge Národ historisch (d.h. es wurden gleich alle Grade erteilt) in die Loge ‘Loggia Nazionale Or. Di Roma valle del Tevere’ aufgenommen.

Die italienische Loge arbeitete im Schottischen Ritus, in welchem auch die Loge Národ arbeiten wollte. Neben der national-tschechischen Ausrichtung war auch durch die Wahl dieses Ritus – der bislang in den habsburgischen Kronländern keine Tradition hatte – eine Differenzierung mit der deutsch-sprachigen böhmischen Freimaurerei vollzogen.

Nun stand der Installierung der Loge ‘Národ’ auf Prager Boden nichts mehr entgegen: Am 28. März 1919 versammelten sich die Gründungsmeister unter der Leitung von Ugo Dadone als Vertreter des „Höchsten Rates“ (HR). Es kam zur Wahl der Logenführung (MvSt der Loge: František Sís) und Festlegung der Statuten. Am 2. April 1919 leitete Ugo Dadone die Arbeit zur Installierung. In Rom wurde am 30. April 1919 publiziert, dass in Prag die Loge ‘Praga Nazionale N. 40’, Nr. 339 (richtig: Loge ‘Národ’) unter dem Schutz der ‘Federazione Universale Del Rito Scozzese Antico ed acceptato, gegründet wurde: Annuario 1918/1919, 30.4.1919, Supreno Consiglio die SS 99, lt 99 del 33˚.

Gründerliste der Loge Národ Nr.1 (Národ = Nation)

Ab nun arbeitete in Prag die Loge ‘Národ’ in tschechischer Sprache im Schottischen Ritus unter dem Schutz der ‘Gran Loggia Nazionale Italiana’. Eine politische Elite, herausragende Künstler und Intellektuelle, als Mafie bekannt, fand den Eingang in den Bund der Freimaurer. Diese Geheimgesellschaft – vom ersten Staatspräsidenten Masaryk gebilligt – verfolgte das Ziel, nationalrevolutionäre Aktionen vorzubereiten und den Gedanken der staatlichen Selbständigkeit ins Volk zu tragen. Die Organisationsform „Freimaurerloge“ diente als Vorbild. So wurde die Freimaurerei politisch benutzt, nicht im Einklang mit den Alten Pflichten. Es ging vorrangig darum, sich von allem deutsch-österreichischen Einfluss dauerhaft zu lösen. Die Mehrheit der Mitglieder hatte keine maurerischen Erfahrungen, die Inhalte der Instruktion wurden erst in die tschechische Sprache übersetzt. Bis zum Jahre 1924 fanden die Arbeiten im Schottischen Ritus nur im Ersten Grad statt.

Es war vorgesehen (Treffen vom 19.Dezember 1919 im Prager Nationalverein), dass die Loge ‘Národ’ als Mutterloge weitere Logengründungen fördern sollte, was auch geschah: ’28. Říjen’ (Říjen = Oktober) 1920 in Prag; ‘Dílo’ ebenfalls 1920 in Prag; ‘Josef Dobrovský’ 1922 in Prag und weitere.

Am Anfang schlugen deutsch-tschechische Logen vor, in der Tschechoslowakei die Einsetzung einer mehrsprachigen Großbehörde nach dem Vorbild der Schweizer Großloge ‘Alpina’ zu gründen. Von diesem Gedanken wollten aber die Brüder der Loge ‘Jan Amos Komenský’ nichts wissen, der Weg für eine nach Amtssprache und Ritual unterschiedliche Freimaurerei in getrennten Obödienzen in der ČSR war gewiesen.

Bald stellte sich heraus, dass die ‘Gran Loggia Italiana’ – die für die Loge ‘Národ’ zuständige Großbehörde – ein fragiles Gebilde war. Im Jahre 1908 hatte sich vom ‘Grande Oriente’ eine Gruppe des Schottischen Ritus abgespaltet und 1910 die ‘Gran Loggia dʼItalia’ (Piazza del Gesú) gebildet. In den Jahren 1919 bis 1925 prägte der Großmeister Raoul Palermi die Großbehörde. In Italien existierten im Schottischen Ritus vier „Höchste Räte“, also vier Richtungen, und die für die ČSR zuständig Großloge wurde als dissident angesehen. So war es nicht unklug, dass im Jahre 1922 die Internale Konferenz des AASR dem tschechischen Delegationsleiter Alfons Mucha empfahl, in der ČSR einen neuen Höchsten Rat zu etablieren, was auch geschah. Kurze Zeit später wurde der Machtantritt der Faschisten mit Benito Mussolini für die italienische Freimaurerei zur Katastrophe. Es wurde später bekannt, dass sich sowohl der Großmeister Raoul Palermi als auch Ugo Dadone dem Faschismus zuwandten. 1925 lösten sich unter dem Großmeister Torrigiani alle italienischen Logen auf.

Die Nationale Großloge der Tschechoslowakei

Natürlich war es das Ziel der neu gegründeten Logen in der Tschechoslowakei, eine Großbehörde zu gründen, diesen Auftrag hatten ja die Brüder der Loge ‘Národ’ erhalten. Im Jahre 1920 bildeten sich in Prag die Logen ’28. Říjen’ und ‘Dílo’, beide unter dem Schutz der ‘Gran Loggia Italiana’. Anfang 1922 existierten in der ČSR dann drei Logen unter italienischer Aufsicht und im Schottischen Ritus arbeitend; außerdem unter dem Schutz des französischen GODF die Loge ‘Jan Amos Komenský’, welche 1922 ihrerseits die Loge ‘Josef Dobrovský’ in Pilsen gründete, diese ging aus dem Verein Sinceritas hervor. Lichteinbringung durch den GODF am 18. Mai 1922.

Schon wenige Wochen später, am 14. Juni 1922, wurde die Loge ‘Jan Amos Komenský’ aus dem GODF entlassen. Im November beschlossen die Brüder der Logen ‘Jan Amos Komenský’ und ‘Národ’ die Gründung einer „Tschechoslowakischen Großloge des Schottischen Ritus“ unter italienischer Obödienz. Nicht definitiv eingesetzt, wurde diese tschechische Großloge vorläufig am 25.Februar 1923 konstituiert. Zum Großmeister wählte man Bruder Sv. Machar. Manche Brüder der ersten Loge ‘Jan Amos Komenský’ wechselten so innerhalb von drei Jahren dreimal die Obödienz, den Ritus und die Sprache. Bis in das Jahr 1924 arbeitete man nur im Ersten Grad.

Mittlerweile verschlechterte sich die Situation für die Großloge in Italien, und so konnte in die ‘Nationale Großloge der Tschechoslowakei’ das Licht nicht durch die ‘Gran Loggia Italiana’ eingebracht werden. Erst rund ein Jahr später, am 27. Oktober 1923, konnte in diese Großloge schließlich das Licht eingebracht werden, und zwar durch die jugoslawische Großloge.

Vom Beginn der tschechischer Freimaurerei 1918 bis 1923 hatten die Brüder keinen gemeinsamen Ort für ihre Arbeiten. Die Entwicklungslinie der Loge ‘Národ’ wurde als partikuläre Freimaurerei konsequent verfolgt.

Die United Grandlodge of England anerkannte die ‘Nationale Großloge der Tschechoslowakei’ am 4.Juni 1930, zeitgleich mit der deutschsprachigen Großloge ‘Lessing zu den drei Ringen’. 1934 schlossen die beiden Großlogen der Tschechoslowakei ein Konkordat ab.

Im Jahre 1938 gab es 25 Logen als Mitglieder der Nationalen Großloge der Tschechoslowakei.

Die deutschsprachige Großloge ‘Lessing zu den drei Ringen’

Lessing zu den drei Ringen.jpg

Im Gegensatz zu den Anfängen der nationalen tschechischen Freimaurerei verliefen die Bestrebungen der deutschsprachigen Brüder zur Wiederbelebung der Freimaurerei in der neu errichteten ČSR praktisch reibungslos. Anfangs verfolgten die deutschen Brüder nach dem Umsturz 1918 die naheliegende Idee der Gründung einer mehrsprachigen masonischen Oberbehörde nach dem Vorbild der Schweizer Alpina. Dieser Gedanke wurde von den tschechischen Brüdern nicht aufgenommen, und so kam es zur Bildung einer eigenen deutschsprachigen Großloge in der ČSR.

Wie bereits erläutert, kam es vor 1918 im Königsreich Böhmen und Mähren zur Bildung zahlreicher Freimaurerkränzchen, oft bezeichnet als „Freimaurerei in der Diaspora“. In Karlsbad entstand unter der Obödienz der Großloge Bayreuth aus dem bereits existierenden Bruderkreis ‘Munificentia’ eine Loge des Namens ‘Munificentia zur Verbrüderung am Sprudel’ (28.November 1918). Unter dem Schutz der ‘Großen Sächsischen Landesloge’ wurde in Prag am 15.Mai 1920 die Loge ‘Harmonie’ (Umwandlung des Kränzchens) konstituiert und einen Tag später durch Brüder der Loge ‘Archimedes zu den drei Reißbrettern’ im sächsischen Altenburg das Licht eingebracht. Logengründungen in Saaz (‘Kette zur Freiheit’) und in Reichenberg (‘Latomia in den Bergen’) wurden schon am 14. Februar 1920 installiert.

Am 28.Oktober 1920 wird die Loge ‘Harmonie’ aus dem Verbunde der ‘Großen Landesloge von Sachsen’ entlassen und gründete mit vier Logen aus Böhmen und drei Logen der Slowakei die Großloge ‘Lessing zu den drei Ringen’. Erster Großmeister war Adolf Girschik (Meister vom Stuhl der Saazer Loge), zum Großsekretär wählte man der Karlsbader Arzt Oskar Posner.

Nach §5 der Konstitution war die deutsche Sprache die Handelssprache und man arbeitete im Johannis-Ritual (System Bluntschli). Höhere Grade werden nicht erteilt.

Natürlich war es von Vorteil, dass die Brüder Maurererfahrung hatten, die sie in Jahrzehnten der Existenz der Kränzchen gewannen. Im Arbeitsjahr 1922/1923 arbeiteten bereits 17 Logen der Großloge im Staatsgebiet der ČSR.

Eine besonders bedeutende Loge war die ‘Harmonie’. Im Mitgliederverzeichnis von 1920 finden sich 111 Namen angesehener Industrieller, Advokaten, Ärzte, Beamte. Wir kennen Johannes Urzidil (Pressechef der Deutschen Gesandtschaft in Prag), den Prager Kinderarzt Ernst Steinert (letzte Großmeister der Großloge 1938 beim deutschen Einmarsch), aber auch Max Turnauer (er baute nach seiner Vertreibung 1945 in Österreich einen namhaften Industriezweig auf).

Die historisch bedeutsame Großloge ‘Hiram zu den drei Sternen’ in Pressburg schied aus dem Verband der ‘Symbolischen Großloge von Ungarn’ aus und wandelte sich mit ihren neunzig Mitgliedern in einer Festarbeit am 28. Mai 1919 in eine Loge um.

Die Großloge Lessing zu den drei Ringen, die Großloge Bohemia des Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne (FZAS) und die Logen Brücke/Most in der ČSR

Im Bunde der Freimaurer in der ČSR zeigte sich im Jahre 1922 folgendes Bild:

  • Seit Februar 1920 die Großloge ‘Bohemia’ des FZAS
  • Seit 23.Oktober 1920 die Großloge ‘Lessing zu den drei Ringen’
  • Seit November 1920 die vorläufig, nicht definitiv installierte ‘Nationale Großloge der Tschechoslowakei’.

Bei der Besprechung der Großloge ‘Lessing zu den drei Ringen’ ist es auch dringend geboten, das weitere Schicksal der masonischen Vereinigung Großloge ‘Bohemia’ und damit des FZAS in der neugegründeten Republik zu beleuchten.

Natürlich war es naheliegend, dass sich die als irregulär angesehen ‘Großloge Bohemia’ (FZAS) an die Großloge ‘Lessing zu den drei Ringen’ annäherte. Im Jahre 1921 gliederte sich die Teplitzer FZAS-Loge ‘Zur Quelle des Heils’ in die reguläre Karlsbader Loge ‘Munificientia’ ein, und die Reichenberger FZAS-Loge ‘Zur leuchtenden Warte’ fand Aufnahme in die Loge ‘Latomia in den Bergen’. Erscheint diese Entwicklung als noch nachvollziehbar, nahm das Schicksal noch einen anderen Verlauf.

Die an Mitglieder stärkste FZAS-Loge war die Loge ‘Freisicht’. Sieben Meister dieser Loge begehrten im Herbst 1921 Aufnahme in die reguläre Loge ‘Hiram zu den drei Sternen’ in Prag. Dies wurde gerne gewährt, und schon bald ersuchten diese ehemaligen Brüder einer FZAS-Loge um die Konstituierung einer eigenen Organisation innerhalb der ‘Großloge zu den drei Ringen’ an. Dem Begehr wurde entsprochen und am 9. November 1922 wurde in die Loge ‘Freiheit zur Eintracht’ das Licht eingebracht.

Diese Loge wollte im Rahmen der Großloge Lessing ihren Reformcharakter bewahren: Keine Anerkennung eines Großen Baumeisters aller Welten und statt der Bibel Auflegen eines Buches mit weißen Seiten. Was dann kam, ist unschwer nachzuvollziehen: Obwohl anfangs die Abweichung von den Regeln der regulären Freimaurer geduldet waren, erhob sehr bald die Mehrheit der Brüder aus der Großloge Lessing Einwände und am 31. März 1924 beschloss man, dass die Bibel bei allen rituellen Arbeiten aufgelegt werden muss. In der Folge deckten viele Brüder (= sie verließen den Bund), andere dachten an die Gründung einer neuen Loge.

Im November wurde in Prag die Freimaurerloge ‘Brücke/Most’ (Most = Brücke) nach den Grundsätzen des FZAS gegründet, sie erklärte sich unabhängig und keiner Großloge untergeordnet. Durch diesen Vorgang lösten sich die Freidenker bzw. Reformfreimaurer wieder von der regulären Großloge ‘Lessing zu den drei Ringen’ ab. Die neue, unabhängige Loge ‘Brücke/Most’ nahm sich den französischen GODF als Vorbild und näherte sich diesem System. Der GODF war geneigt die Loge anzuerkennen, dagegen protestierte aber die ‘Nationale Großloge der Tschechoslowakei’.

Bald folgten zwei weitere Logengründungen ‘Brücke/Most’ am 19. Juli 1927 in Brünn und in Prag 1933 die Brücke/Most-Loge ‘Baruch Spinoza’: Alle Brücke/Most-Logen arbeiteten in deutscher, tschechischer und ungarischer Sprache und förderten die Annäherung zwischen Tschechen, Deutschen und den ungarischen Minderheit. Die Frage der Regularität wurde nicht vorrangig behandelt.

Im Jahre 1930 wurde entschieden, für die Brücke/Most-Logen einen Dachverband einzurichten. So wurde der Verband der Freimaurerwerkstätten Most/Brücke konstituiert. Die Freimaurerlogen ‘Brücke’ in Prag, Brünn und Bratislava vereinigten sich im Januar 1931 zur Großloge ‘Großorient der Tschechoslowakei’.

Bereits ein Jahr später kam es zu einer Abspaltung: einige Brüder aus ‘Brücke/Most’ gründeten eine unabhängige Loge ‘Anthony Sayer’ und diese wiederum im Jahre 1932 eine weitere Loge ‘Jan Neruda’. Diese beiden neuen Logen konstituierten eine eigene Großloge ‘Werkstatt der Menschlichkeit’. Zwei Jahre später kamen noch zwei weitere Logen hinzu: ‘M.R. Štefánik zum flammenden Stern’ und in Pilsen der Zirkel ‘Augustin Smetana zu den alten Pflichten’.

Im Laufe der nächsten Jahre kam es zu einer weiteren Annäherung der Logen ‘Brücke/Most’ und damit des ‘Großorientes der Tschechoslowakei’ an die ‘Nationale Großloge der Tschechoslowakei’. Der Großorient in der ČSR suchte am 27. Oktober 1935 in Prag um Aufnahme in die ‘Nationale Großloge der Tschechoslowakei’ an. Das Gesuch wurde angenommen.

Das Verhältnis der Nationalen tschechischen Großloge und der Großloge Lessing zueinander

Im Jahre 1929 bildeten elf Logen mit 416 Mitgliedern die ‘Nationale Großloge der Tschechoslowakei’, während unter dem Schutz der ‘Großloge Lessing zu den drei Ringen’ zwanzig Logen und ein Kränzchen mit 1.175 Brüdern arbeiteten. Im Jahre 1935 sah es so aus: zwanzig tschechisch-nationale Logen und fünf Kränzchen mit 992 Mitgliedern und 29 deutsche Logen und zwei Kränzchen mit 1.410 Mitgliedern.

Im Jahre 1928 wurde der Verein deutscher und tschechischer Freimaurerforscher Quatuor Coronati coetus Pragensis gegründet. Hier spielte Oskar Posner eine entscheidende Rolle. Folgt man Berichten von Brüdern beider Obödienzen, so war das Verhältnis untereinander freundschaftlich, man besuchte einander gerne.

Am 2.Februar 1928 hielt Bruder Eduard Beneš, Mitgründer des Staates und Außenminister, in der Loge ‘Harmonie’ vor 400 Brüdern einen Vortrag in deutscher Sprache: „Weltkrise und Freimaurerei“.

Man muss daran erinnern, dass es sich bei beiden Großlogen um in der Sprache national orientierte Organisationen handelte, die auch masonisch völlig anders organisiert waren. Die Tschechen entschieden sich bei ihren Logengründungen ab 1918 für den Schottischen Ritus, d.h. ein System der 33 Grade, geleitet durch den Höchsten Rat. Die deutschen Brüder wählten die Fortsetzung der Tradition der Johannis-Freimaurerei mit drei Graden und die Großloge als Souverän.

Im Zusammenleben der beiden Systeme kam es am 26. April 1934 zum Abschluss eines Konkordates mit dem Ziel der gegenseitigen Anerkennung und Abgrenzung. Beide Großlogen beanspruchten das Recht, auf dem Gebiet der ČSR alle drei Grade zu bearbeiten. Damit in einem Land zwei Obödienzen diese Souveränität beanspruchen, bedurfte es eines eindeutigen Merkmal der Abgrenzung: die deutsche Großloge praktizierte den Ritus der Johannis-Freimaurerei, die Tschechen den Schottischen Ritus. Die Unterschiede in der Sprache allein genügten nicht.

Bevor die tschechisch-sprachige ‘Nationale Großloge der Tschechoslowakei’ mit der deutsch-sprachigen ‘Großloge Lessing’ ein Konkordat abschließen konnte, musste man intern das Verhältnis der nationalen Großloge zum „Höchsten Rat“ klären, was dann auch mit einer gewissen Logik erfolgreich gemacht wurde: Im Jahre 1933 kam es zur Vereinbarung, dass die tschechisch-nationale Großloge die ersten drei Grade im Ritus souverän bearbeiten kann, während der Höchste Rat die Souveränität über die Grade 4 bis 33 behielt.

Der Abschluss des historisch so bedeutsamen Konkordates vom 26. April 1934 hatte natürlich auch einen politischen, ernsten Hintergrund. Alle Brüder Freimaurer in der ČSR empfanden nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland im Jahre 1933 in Sorge um die Zukunft ihres Landes und der Freimaurerei. Im Artikel 4 des Konkordates gab es eine Abmachung, dass beide Obödienzen keine neuen Mitglieder aufnahmen, die das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Rassen, Nationalitäten und Weltanschauung nicht anerkennen.

Nachdem beide Großbehörden in der ČSR am 4. Juni 1930 der von der ‘United Grand Lodge of England’ anerkannt wurden, hatte im Jahre 1936 die Großloge Lessing Anerkennungsverhältnisse mit 87 Großlogen.

Das Ende der Freimaurerei in der ČSR im Jahre 1938

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 erlosch das Licht in der ‘Großloge von Wien’. Wie man heute aus Dokumenten kennt, verschaffte sich die deutsche Heeresleitung schon 1938 Unterlagen über die Freimaurerei in der ČSR. Die Mitgliederlisten beiden Großlogen wurden dem SD der SS Berlin übersandt. So hatten die Deutschen schon ein Jahr vor dem Einmarsch in die ČSR die für sie interessanten Unterlagen.

Unter dem Eindruck der Ereignisse in Österreich und dem Münchner Abkommen, in dem Frankreich und Großbritannien die Aufteilung der Tschechoslowakei im Sinne Hitlers billigten, beschlossen beide Großlogen in der ČSR am 10. Oktober 1938 die freiwillige Auflösung.

Während der Okkupation verloren viele tschechische Brüder, die sich dem Widerstand anschlossen, ihr Leben.

Ab dem Kriegsende im Mai 1945 verloren alle deutschsprachigen Freimaurer ihre Heimat. Unbeschadet ob sie Antifaschisten, Juden oder Kommunisten waren, auch sie wurden aus der Tschechoslowakei vertrieben. Es gehört zu den tragischen Seiten im Brüderbunde, dass bei der Vertreibung die Hilferufe der deutsch-tschechischen Brüder bei den national-tschechischen Brüdern kein Gehör fand. Auch nicht bei Bruder Eduard Beneš.

Es ist dem Autor auch nicht bekannt, dass in Tschechien nach der Wiederbelebung der Freimaurerei ab dem Jahre 1990 eine Würdigung der gemeinsamen Geschichte, auch mit Betonung auf die ‘Großloge Lessing zu den drei Ringen’, erfolgt wäre - vom Verschwinden von eineinhalbtausend Freimaurern deutscher Sprache ganz zu schweigen.




Danksagung durch Rüdiger Wolf:

Ich danke den Brüdern Miroslav Šipovič (Forschungsloge Quatuor Coronati Nr. 9 in Prag) und Robert Minder (ehemaliger Archivar der ‘Großloge von Österreich’). Ohne ihre Unterstützung beim Zusammentragen der Unterlagen hätte diese Arbeit nicht gemacht werden können.


Verwendete Quellen:

JIŘÍ SYLLABA, PETR WEGER, QC-BERICHTE Wien, Nr.15 (1995), S. 7-9.

MIROSLAV ŠIPOVIČ, QC-Logde Nr. 9, SBORNÍK 2002-2005 (deutsch), S. 135-155 und 178-192.

FRANTIŠEK SÍS, QC-Logde Nr. 9, SBORNÍK 2004, S. 185-201.

ALFRED FANTIS, QC-Jahrbuch Bayreuth Nr. 22 (1985), S. 173-197.

FESTSCHRIFT „GROSSLOGE LESSING z.d. 3 Ringen“, 1930, (Archiv der GLvÖ).

ZEITUNG „DIE 3 RINGE“, Reichenberg, Jg. 1-14 (1925-1938), (Archiv de GLvÖ).

KONVOLUTE „HIRAM z.d. 3 Sternen“, 1909-1918 (1923), (Archiv der GLvÖ).

FESTSCHRIFT LOGE „HARMONIE“, Prag, 1870-1930, (Archiv der GLvÖ).

BRUDERBUND „SOCIÉTÉ“, Prag, 1910-1935, (Archiv der GLvÖ).

US HOLOCAUST MEM. MUS., Washington: Berichte über FMEi in ČSR, 1931-1936 aus dem RSHA, Dok. Nr. 528.

MARCUS G. PATKA, Österreichische Freimaurer in Nationalsozialismus, BÖHLAU-Verlag, 2010.

Kopie Brief Frau Dr. E. SCHENK an GLvWfÖ vom 13. Dezember 1946, (Archiv der GLvÖ).

FESTSCHRIFT LOGE MOST/BRÜCKE/BRIDGE, Prag, 2000.


Siehe auch

Seiten im Freimaurer-Wiki, die auf der Forschungsarbeit von Rüdiger Wolf basieren:


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