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Freimaurerei in Deutschland bis 1932

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Inhaltsverzeichnis

Die Geschichte der Freimaurerei in Deutschland bis 1932

Quelle: Internationales Freimaurer-Lexikon von Eugen Lennhoff und Oskar Posner (1932)

Frühzeit

Die Freimaurerei fand in Deutschland frühzeitig Eingang. In den Listen der englischen Logen tauchen sehr früh Namen aus Deutschland auf, die besonders bei den regen Handelsbeziehungen der deutschen Hafenstädte gelegentlich ihrer Geschäftsreisen Zutritt zu den englischen Logen erlangten. Auch adelige Persönlichkeiten, wie etwa der Graf Albrecht Wolfgang von Schaumburg-Lippe, waren schon in England Freimaurer geworden, bevor noch in Deutschland selbst Logen festen Fuß gefaßt hatten.

Der Großmeister Herzog von Norfolk ernannte 1729 den Herrn Thuanus, außerordentlichen Gesandten von Braunschweig-Lüneburg und Sachsen-Gotha am großbritannischen Hof, auch du Thon, du Thom genannt, zum Provinzial-Großmeister von Niedersachsen (Anderson, Konstitutionsbuch 1738). Von einer Tätigkeit dieses Provinzial-Großmeisters ohne Provinz ist allerdings nichts bekannt. 1733 gab der Großmeister Earl of Strathmore elf deutschen Gentlemen die Erlaubnis, eine Loge in Hamburg zu stiften. Dieser Versuch verunglückte. Als eigentlicher Begründer der Freimaurerei in Deutschland kann ein sonst unbekannter Br. Charles Sarry (s. d.) bezeichnet werden, der im Jahre 1737 in Hamburg lebte und dort als "Deputiertert Großmeister des Königreichs Preußen und des Kurfürstentums Brandenburg" eine Reihe von jungen Leuten, die in dem Weinhause "Taverne d'Angleterre" des Jens Arbien in der Bäckerstraße zusammenkamen, für die Freimaurerei zu gewinnen wußte. Darunter waren ein hannoverscher Kavalier, Georg Ludwig v. Oberg, der Jurist Dr. Peter v. Stüven, der Stadtwundarzt Peter Carpser. Auch der Dichter Friedrich v. Hagedorn gehörte zu diesem Kreise, schloß sich aber der Freimaurerei nicht an. Das älteste Dokument, welches die Gründung einer Loge auf deutschem Boden nachweist, ist die "Fondation, Régles, charges, Loix et Minutes de la trés vénérable Société des acceptés Maçons Libres de la Ville de Hambourg, érigée l'an MDCCXXXVII, le sixiéme Décembre". Diese in französischer Sprache abgefaßte Gründunggurkunde, die unter anderem auch die Hausgesetze der Loge d'Hambourg betrifft, ist die älteste freimaurerische Urkunde auf deutschem Boden. Gearbeitet wurde im Lehrlings und Meistergrad, wobei die Prichardsche Verräterschrift als Ritual diente. Durch eine Deputition dieser Loge wurde in der Nacht vom 14. auf den 15. August 1738 der Kronprinz von Preußen, spätere König Friedrich der Große, in Braunschweig im alten Kornschen Gasthause aufgenommen, wobei v. Oberg den Prinzen und nach ihm einen Grafen v. Wartensleben aufnahm.

Die Hamburger Loge war zwar aus reglären Freimaurern zusammengesetzt, aber sie war eigentlich eine Loge ohne Autorisation seitens einer Großloge. Der zweite Meister dieser Loge, der Blaufärber Luttman, ließ sie daher am 23. Oktober 1740 in das Register der Londoner Großloge eintragen, wo sie unter Nummer 108, bei späterer Numerierung im Jahre 1755 als Nummer 119 mit dem Namen "Bunch of Grapes, Becker Street Hamburg" erscheint. Gleichzeitig erhielt Luttmann vom englischen Großmeister John Keith, Earl of Kintore, eine Bestallung als Provinzial Großmeister von Hamburg und Niedersachsen mit der Vollmacht, Maurer zu machen und Logen zu gründen, wodurch erst in Deutschland eine legale maurerische Instanz geschaffen war. Die Hamburger Loge nennt sich zum ersten Male 1743 mit einem unterscheidenden Namen "Absalom", eine Bezeichnung, die notwendig wurde, weil eine zweite Logengründung in Hamburg bevorstand.

Die Aufnahme des Kronprinzen von Preußen leitet die weitere Ausbreitung der Freimaurerei in Deutschland ein. Auf Schloß Rheinsberg führte v. Oberg eine Zeitlang die eigene Loge Friedrichs. 1739 übernahm der Prinz selbst den Hammer seiner Loge und hielt auch noch als König nach seiner Thronbesteigung (1740) Logenarbeiten im Schloß Charlottenburg ab - die Berliner Loge selbst hatte keinen unterscheidenden Namen, wird aber wiederholt als "Loge premiere", auch "Loge du Roi notre Grand-Maître" bezeichnet. Durch den Sekretär des Königs, Geheimrat Jordan, wurde 1740 eine weitere bürgerliche Loge begründet die den Namen "Aux trois Globes" ("Zu den drei Weltkugeln") annahm.

Die Loge des Königs bestand bis Dezember 1740. Beim Abgang des Königs zur Armee ging sie ein; die Mitglieder traten zu den "Drei Weltkugeln" über. 1742 wollte Graf Gotter die Loge als Adelsloge wieder beleben infolge des Einschreitens Bielfelds (s. d.) gegen solche Exklusivität versagte der König seine Genehmigung.

Während diese Entwicklungslinie somit auf englischen Ursprung verweist, ging eine zweite auf französische Einflüsse zurück. Hier ist besonders der sächsisch-polnische Marschall Rutowski (s. d.) zu erwähnen, ein natürlicher Sohn August des Starken, der, wahrscheinlich in Frankreich aufgenommen, seit 1738 als Logengründer in Sachsen und im benachbarten Böhmen tätig war. Über das rasche Wachstum des Freimaurertums in diesen Gründungsjahrzehnten informiert die nachstehende Tabelle:

  1. Hamburg: Absalom: 6. Dezember 1737.
  2. Dresden: Aux trois aigles blanes, 1738.
  3. Berlin: Aux trois Globes, 1740.
  4. Bayreuth: Zur Sonne, 31. Januar, 1741.
  5. Leipzig (ohne Namen): 20. März, 1741.
  6. Meiningen: Aux trois boussoles, September 1741.
  7. Breslau: Aux trois squelettes 18. Mai 1741.
  8. Frankfurt a. d. 0.: Deputationsloge, 1741.
  9. Frankfurt a. M.: L'Union, 1741.
  10. Altenburg: Aux trois compas, 31. Januar 1742.
  11. Wien: Aux trois Canons, 14. September 1742.
  12. Hamburg: St. Georg, 14. September 1743.
  13. Braunschweig: Jonathan, 1744.
  14. Kopenhagen: Zorobabel, 1745.
  15. Marburg: "Zu den drei Löwen",1745.
  16. Hannover: Friedrich, 1746.
  17. Celle: Augusta, 1748.
  18. Oldenburg: Abel, 1752.
  19. Schwerin: St. Michael, 1754.
  20. Wien: Aux trois cours, 1754.

Unter dem Einflusse dieser raschen Ausbreitung entstanden bald auch höhere Organisationsstufen, Provinzial-Großlogen oder Mutterlogen, die für sich das Recht in Anspruch nahmen, als übergeordnete Instanzen die Arbeiten zu regeln und neue Logen nach bestimmten Grundsätzen zu gründen. So entstand die Provinzial-Großloge von Hamburg und Niedersachsen, konstituiert von der Großloge von England 1740, die von England aus patentierte Loge "l'Union von Frankfurt", begründet 1741, die sich die Befugnisse einer Mutterloge zulegte und die preußische Loge "Zu den drei Weltkugeln", die sich seit 1744 Große königliche Mutterloge "Zu den drei Weltkugeln" nannte. Schließlich die vom Marschall Grafen Rutowski begründete sächsische Gruppe, die sich seit 1741 als obersächsische Großloge "Aux trois aigles blancs" bezeichnete und Logen gründete. Bis hierher liegen die Entwicklungslinien der deutschen Freimaurerei ziemlich klar und übersichtlich. Wohl bestanden hier und dort Seitenzweige die sich noch nicht angeschlossen hatten (mit der Bezeichnung Winkellogen kann in dieser Periode nicht sparsam genug umgegangen werden). Aber im großen ganzen sind gut entwickelte Kristallisationszentren erkennbar. Die Entwicklung der Schotten- und vor allem der Templermaurerei und ihre Folgen warf dann die Systematik der deutschen Freimaurerei vollkommen über den Haufen.

Das Chaos der Systeme

Es begann mit der Einführung sogenannter schottischer Logen, die 1742 von sieben Mitgliedern der "Trois Globes" in Berlin und 1744 auf Betreiben des Grafen Schmettau in Hamburg unter dem Namen "De l'Union" begründet wurden. Diese Schottenlogen stammten aus Frankreich, waren durch Emigranten oder Kriegsgefangene sowie durch die vielen an den Höfen tätigen Kaufleute usw. nach Deutschland verpflanzt worden, wo sie bereitwilligst Nachahmung fanden. Sie sind bald in Berlin, Hamburg, Leipzig, Frankfurt a. M. nachweisbar. In Kürze entwickelten sich auch zahlreiche, der Freimaurerei nachgebildete Orden (Abeliten, Glückseligkeit, Pilgrime usw.), die auch Frauen aufnahmen. Trotzdem sie bald wieder eingingen, haben sie doch viel zur Verwirrung beigetragen. Einer der wesentlichsten war der Adoptionsorden der Möpse (s. Mopsorden), hinter dem man lange Zeit eine katholische Gegengründung gegen die Freimaurerei vermutete. Ein französischer Kriegsgefangener, der Marquis Filley de Lerneu (s. d.), führte 1760 mit Unterstützung des Freiherrn v. Printzen das System des Clermontschen Kapitels (s. d.), auch Clermont Rosasches System genannt, in Berlin ein. Der Kriegsrat und Kanonikus Karl Friedrich von Köppen begründete ein paar Jahre später den sonderbaren Orden der Afrikanischen Bauherren (s. d.); im gleichen Zeitraum traten auch die Gold- und Rosenkreuzer (s. d.) auf, die sich durchwegs auf freimaurerische Kreise stützten. Zum Gipfel der Verwirrung führte jedoch der eine Zeitlang sozusagen allmachtige Templerorden des Freiherrn v. Hund (s. d.), die Strikte Observanz, die den eigentlichen Gedanken des Freimaurertums vollkommen zugunsten eines auf falschen Voraussetzungen aufgebauten, eine unhaltbare Tradition behauptenden Ritterordens verschob. Diese Periode der deutschen Freimaurergeschichte ist allgemein kulturgeschichtlich noch nicht genügend gewertet worden.

Sie ist ein Beweis für den kritischen Tiefstand eines Teils der damaligen, zumeist aus Adeligen bestehenden geistigen Oberschichte. Neben ehrlichen unkritischen Schwärmern, die Gutes erstreben und dem vermeintlichen Ideal ihre besten Kräfte weihen, da sie auch hinter der falschen Maske das wahre Freimaurertum ahnen und ersehnen tauchen Betrüger auf, wie Johnson (s. d.) und Gugomos (s. d.), die die unklaren Köpfe mit den verworrensten Ideen füllen, um ihnen um so leichter die Taschen leeren zu können.

Man muß es urkundlich nachlesen wie beispielsweise ein Bürgermeister von Roßkampf (Heilbronn) (s. d.) mit sich selbst kämpfen muß, ehe er sich zugesteht, daß der verehrte Magus ein Erzbetrüger und Ausbeuter ist, um diese sonderbarste aller Zeiten zu begreifen. Seitdem die Strikte Observanz noch mit dem Klerikat des Johann August von Starck (s. d.) verbunden war, hatte sie überhaupt jede Richtung verloren. Daran konnte auch der Schutz des Herzogs Ferdinand von Braunschweig (s. d.) nichts ändern, der nach Hunds Tode der eigentliche Führer der deutschen Freimaurerei geworden war. Die allgemeine Verwirrung war so weit gediehen, daß man schließlich nach so und so vielen Konventen auf dem Konvente von Wilhelmsbad (s. d.) 1782 endgültig Ordnung zu schaffen versuchte. Das gelang nicht. Aber die Templerlegende wurde hier endlich zu Grabe getragen und die Strikte Observanz gehörte praktisch nunmehr der Geschichte an. Liest man Logenakten dieser Zeit durch, dann muß man sich häufig genug erst daran erinnern, daß die Grundlage der verschiedenartigen Systeme doch eigentlich die Freimaurerei war. Da spukt Okkultismus und Spiritismus in seiner wüstesten Form (s. Schrepfer), da wird Gold gebraut, es werden mit Hilfe von kabbalistischen Tafeln und Heptamerondarstellungen Schätze gehoben, der Tau der jungfräulichen Erde gesammelt u. a. m. Besonders einzelne Personen, wie der Landgraf Ludwig von Hessen (s. d.), verstehen es meisterhaft, einen wahren Hexensabbat um sich zu entfesseln.

Mitten in diese geistige Misere platzt dann auch noch der Ingolstädter Professor Adam Weishaupt mit seinem Illuminatensystem hinein. Diese anti-jesuitische, aber den Jesuiten ihre Methoden nachahmende "Weisheitsschule" mit sicherlich gut gemeinten, aber doch höchst nebulosen Kampfzielen fand merkwürdigerweise viel Zulauf; Bode, Knigge, Nicolai, der Weimarer Herzog Karl August und Herder, Goethe (s. alle diese) traten bei. Wieso diese mit untauglichen Mitteln Aufklärung verbreiten wollende doktrinäre Koterie mit Sturm- und Drangallüren in den Verdacht kommen konnte, daß sie die Trägerin aller auf staatlichen Umsturz gerichteten Pläne gewesen sei, ist auch dann unverständlich, wenn man selbst das aus persönlichen und Konkurrenzgründen gegen sie entfesselte wüste Kesseltreiben in Betracht zieht. Das Interessanteste ist dabei wohl, daß diese, namentlich in Bayern wirkenden Illuminaten eigentlich durch ihre Stiefbrüder gestürzt wurden, die Gold- und Rosenkreuzer in Preußen, die dort durch Wöllner und Bischoffwerder (s. beide) zu verhängnisvollem Einfluß gelangt waren.

Klärung und Reform

Der Wilhelmsbadner Kongreß begrub die Strikte Observanz, und man sah nicht allzuviel Leidtragende. Und wenn es auch noch einige Jahrzehnte dauerte, bis stabilere Verhältnisse den Sieg davontrugen: nach Wilhelmsbad hebt eine neue Ära der deutschen Freimaurerei an. Allerdings wirkte sich die deutsche Kleinstaaterei und der eigentlich bis zum heutigen Tage [1932] nicht ganz überwundene Partikularismus der deutschen Stämme auch in der Freimaurerei aus. Ein Beweis hierfür ist die Überzahl von deutschen Großlogen. Die aus der Loge des Königs Friedrich hervorgegangene Berliner Loge "Aux trois Globes" war 1744 zur Großen Königlichen Mutterloge "Zu den drei Weltkugeln" geworden. 1772 wurde sie unter der Großmeisterschaft des Herzogs Wilhelm von Braunschweig zur Großen National Mutterloge der Preußischen Staaten. 1770 begründete der Feldmedikus Johann Wilhelm Kellner v. Zinnendorf (s. d.) unter Absage an die Strikte Observanz und die vorher von ihm geleitete Mutterloge auf Grund der vom schwedischen Kanzleirat Friedrich v. Eckleff (s. d.) erhaltenen Akten die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland, die seither nach dem etwas modifizierten Schwedischen System arbeitet.

Die dritte Berliner Obedienz, die "Große Loge von Preußen, genannt Royal York zur Freundschaft", heute nur noch genannt "Zur Freundschaft", ging 1798 durch Teilung aus der Loge "de l'Amitié " hervor, die 1752 oder 1754 von französischen Freimaurern, Gelehrten, Künstlern und Beamten in der Hauptstadt Preußens ins Leben gerufen wurde. 1761 nannte sie sich "de I'Amitié aux trois Colombes", 1765, als sie den Bruder des Königs von England, den Herzog von York, der Freimaurerei zugeführt und dessen Protektorat erlangt hatte, "La loge Royale de York de l'Amitié". Alle diese drei Großlogen waren im Besitze königlicher Schutzbriefe, ihre Stellung wurde nach außen hin auch dadurch gestärkt, daß ein von König Friedrich Wilhelm III., dem Großneffen Friedrichs des Großen, 1798 erlassenes Edikt (s. d.) in Preußen die Teilnahme an allen geheimen Verbindungen und Gesellschaften untersagte, aber die drei Großlogen und deren Tochterlogen ausdrücklich von dem Verbot ausnahm. Anderen Logen blieb so die Tätigkeit auf preußischem Boden versagt, ein Umstand, der später zu erheblichen Mißhelligkeiten führen sollte (s. Settegast).

Außerhalb Preußens wirkten in der Zeit der freimaurerischen Reformation der Eklektische Bund in Frankfurt (als englische Provinzial-Großloge), ferner die englische Provinzial-Großloge von Hamburg und Niedersachsen.

Der erste Ruf zur Reformation war auf Betreiben des Wetzlarer Kammergerichtsassessors Ditfurth (s. d.) und des Stuhlmeisters der Frankfurter "Einigkeit", Brönner (s.d.), im "eklektischen Rundschreiben" ergangen. Welchen Widerhall dieser Ruf nach Rückkehr zur alten Einfachheit, zur Gründung eines Bundes, dessen Grundlage Freiheit und Gleichheit im freimaurerischen Leben sein sollten, hervorrief, geht wohl daraus hervor, daß nicht weniger als 53 Logen aus verschiedenen Ländern ihre Zustimmung bekundeten. Es fehlte allerdings auch nicht an Feindseligkeiten. Wie schon so oft, erklärten die Mystiker die Neugründung für einen Herd des Deismus wenn nicht gar des Atheismus. In Frankfurt setzte man sich gegen diese Anwürfe energisch zur Wehr und erklärte dem Aberglauben, der Astrologie, dem Obskurantismus aller Art den Krieg. Nur die drei Johannisgrade sollten in Hinkunft als für die ganze Maurerei verbindlich anerkannt sein. Im übrigen sollte jeder Loge die Freiheit gelassen werden, nach Belieben auch höhere Grade zu bearbeiten.

Von Hamburg aus hielt in den neunziger Jahren das "Schrödersche System" in deutsche Logen seinen Einzug. Friedrich Ludwig Schröder (s. d.), der den von Wieland übersetzten Shakespeare in den Spielplan der deutschen Schaubühne einführte und selbst ein bedeutender Shakespeare-Darsteller war, war 1774 in der Loge "Emanuel zur Maienblume" Freimaurer geworden. Es spricht für seine starke Persönlichkeit, daß er, obwohl "Komödiant", also Angehöriger eines Standes, dem man in der damaligen Zeit im allgemeinen nicht mit allzu großer Achtung begegnete, ohne Kugelung aufgenommen wurde. Was Schröder mit seiner Reform anstrebte, war:

strengeres Sittlichkeitsgefühl und Unterordnung, Abschaffüng der Hochgrade mit ihrer Herrschaft über die Johannisgrade. Er stand auf dem Standpunkt, daß letztere alles enthalten, was symbolisch "als Leitfaden zur sittlichen Freiheit und Bruderliebe von der Geburt bis zum Tode dem denkenden Menschen hellend und erinnernd zu Seite stehen" könne, und verfocht mit Entschiedenheit die Idee, die Würde des Meistergrades sei die Vollendung der maurerischen Bildung.

Alles, was im Laufe der Zeit zu der bei aller Schönheit und Tiefe so einfachen Symbolik des englischen Rituals an überflüssigem Beiwerk hinzugefügt worden war, wurde von Schröder ausgemerzt. Nicht ohne daß er, bevor er mit seiner Schöpfung an die Öffentlichkeit trat, Goethe und Herder und seinen Freund Hufeland, den ausgezeichneten Arzt und Eklektiker der medizinischen Wissenschaft, mit den wesentlichen Zügen des Reinigungswerkes vertraut gemacht hatte. "Da die Wahrheit einfach ist, so muß auch das Symbol einfach sein", war der Leitsatz des Reformators, und bei erfreulich vielen drang er damit durch. Eine sehr große Zahl von Logen arbeiten bis auf den heutigen Tag [1932] nach der Schröderschen Lehrart, die auch das englische Konstitutionsbuch mit seiner Verneinung jeder religiös-kirchlichen Beschränkung wieder in seine Rechte eingesetzt hat.

Was Schröder in Hamburg vollbrachte, leistete in Berlin bis zu einem gewissen Grade Feßler (s. d.). Dort war harte Arbeit zu tun. Die Strikte Observanz hatte zwar ziemlich abgewirtschaftet. Im preußischen Staat war aber bis 1797 der Staatsminister von Wöllner (s. d.), der Chef des Departements für geistliche Angelegenheiten, allmächtig. Ein Zelot und blinder Schwärmer, der 1788 durch sein Glaubensedikt und die Wiedereinführung der Zensur fast alles wieder zerstört hatte, was unter Friedrich dem Großen an Aufklärung und tolerantem Geist ins Land gekommen war. Auch für die Freimaurerei hatte er sich in hohem Maße als schädlich erwiesen. In mittelalterlichster Mystik befangen und einer der fanatischsten Bekenner der Rosenkreuzerei, hielt er die Lehre von der Gemeinschaft mit den Geistern für das einzig wahre Wissen. Als eines der Oberhäupter des Gold- und Rosenkreuzerordens (der mit der rätselvollen geheimen Gesellschaft, wie Andreä sie sich vorstellte, kaum mehr etwas zu tun hatte), machte er dessen Doktrinen beinahe zur Grundlage des kirchlichen und politischen Systems in Preußen. Er konnte das tun da es ihm gelungen war, in Gemeinschaft mit dem ihm geistesverwandten General von Bischoffwerder, auch König Friedrich Wilhelm II. ganz in den Dunstkreis der Geisterseher zu bannen.

Feßler (s. d.) ging 1796, nachdem er ein Werk über Marc Aurel beendigt hatte, nach Berlin. In der Loge "Royal York" angenommen, machte er sich sofort daran zu purifizieren, zu verbessern. Er ging allerdings weniger radikal zu Werk als Schröder, vielleicht weil er als Süddeutscher seiner Phantasie mehr Lauf ließ als der klar und nüchtern denkende Schweriner.

Aber auch er entkleidete unter Anlehnung an das altenglische Ritual die Sinnbilder der schwülstigen Zierate, machte aus den Hochgraden Stufen der Erkenntnis, gab den Symbolen einen vernünftigen Sinn und dem Brauchtum einen Zweck und eine von hoher Sittlichkeit erfüllte Grundlage. Die Gebräuche sollten nichts anderes mehr sein als sinnliche Darstellungen der Natur und der Ziele der Freimaurerei. Diese nach Kräften fortzupflanzen, sollte jeder ihrer Jünger angeleitet werden. Es ware hier auch anderer Reformatoren zu gedenken, die mit mehr oder weniger Glück Geist und Ritual zu erneuern suchten: In erster Linie des Philosophen Krause (s. d.), der seine Lehre allerdings auf von ihm irrtümlich für echt gehaltene Urkunden stutzte, aber von der Freimaurerbruderschaft als umfassendem Menschheitsbund ein hellstrahlendes Bild entwarf, das von der Mehrheit seiner Brrüder noch nicht verstanden wurde. Krause zur Seite stand sein Freund Friedrich Moßdorf in Dresden, der später als Herausgeber der ersten "Enzyklopädie der Freimaurerei" von Lenning die Grundlage zum "Allgemeinen Handbuch der Freimaurerei" schuf, dem heute leider vergriffenen bedeutendsten Werk der deutschen Freimaurerei. Wesentliche Verbesserungen führten auch der Berliner Oberkonsistorialrat Zöllner und der Wofrat Johann Schneider (s. beide) in Altenburg ein, welch letzterer auch der freimaurerischen Geschichtsforschung neue Wege erschloß.

Sehr wesentlich war auch, daß die deutsche Freimaurerei nunmehr daranging, ihre Selbständigkeit zu erobern. Den Anfang machte der Eklektische Bund, der mit der am 18./21. März 1783 verfaßten und genehmigten Bundesurkunde den Grund zur eigenen Großlogenselbständigkeit legte. 1783 hatte sich auch die Mutterloge "Zu den drei Weltkugeln" selbständig erklärt. Am 4. Februar 1811 sagte sich auch die Provinzial-Großloge von Hamburg und Niedersachsen von der englischen Großloge los und wurde die Großloge von Hamburg. Ihr folgte die Große Landesloge von Sachsen (28. September 1811) und die Großloge "Zur Sonne" in Bayreuth (11. Dezember 1811), so daß die Aufteilung der deutschen Großlogen bereits ungefähr den Verteilungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsprach. Einzelne später entstandene Großlogen verschwanden infolge politischer und staatlicher Neuordnungen wieder, so die Großloge von Hannover, als dieses 1866 an Preußen fiel. Dafür entstanden 1846 die Große Freimaurerloge "Zur Eintracht" in Darmstadt, 1924 aus der Vereinigung der fünf unabhängigen Logen die Großloge "Deutsche Bruderkette" mit dem Sitz in Leipzig und 1931 die von den übrigen deutschen Großlogen einstweilen nicht anerkannte "Symbolische Großloge von Deutschland".

In der Frühzeit der systematischen Reinigung erfuhr die deutsche Freimaurerei von zwei Seiten wesentliche Impulse. Der eine ist zu suchen im Aufklärungszeitalter und in der von gesteigertem Weltgefühl erfüllten Periode des deutschen Klassizismus. Der zweite stammte von den Triebkräften des Nationalidealismus, der sich in der Zeit der Befreiungskriege besonders lebhaft äußerte. Der deutsche Klassizismus hat die deutsche Freimaurerei reichst beschenkt. Es genügt hier, die Namen Lessing, Herder, Wieland, Joh. Heinrich Voß, Matthias Claudius, Gottfried August Bürger, Johann Wolfgang Goethe, Johann Gottlieb Fichte anzuführen. Von den Helden und Sängern des deutschen Befreiungskampfes gegen Napoleon den Freiherrn v. Stein, Blücher, Scharnhorst, Gneisenau, |Hardenberg, Schenkendorff, Rückert u. v. a. (s. alle diese).

Die Synthese von Nationalismus und Kosmopolitismus, wie sie Fichte in die Worte gekleidet hatte: Vaterlandsliebe ist des Freimaurers Tat, Weltbürgersinn ist sein Gedanke, wurde von K. Chr. Fr. Krause (s. d.) in seinen auf Gründung einer Völkergesellschaft, eines Menschheitsbundes abzielenden Werken gesteigert. In den Tagen des deutschen Biedermeier, im Vormärz, ist unter dem Einflusse der romantischen Strömungen diese Betonung eines ideellen Menschheitsbundes von deutschen Freimaurern bis zu einer gewissen Weltfremdheit emporgetrieben worden.

Das 19. Jahrhundert

Solche Weltfremdheit deutschen Logentums trat auch zutage in den Perioden großer politischer und sozialer Bewegungen, wie etwa im Jahre 1848. Sie zeigte sich auch in dem Fehlschlagen des von dem Prinz-Protektor Wilhelm, später Kaiser Wilhelm I. (allerdings als Gegengewicht gegen die emporkommende Arbeiterbewegung), unternommenen Versuches, die Freimaurer für die Arbeiterfrage zu interessieren. Die deutsche Freimaurerei hatte das Glück oder auch Unglück, daß sie unter dem Schutze der regierenden Häuser mehr als ein Jahrhundert sozusagen ungestörter Entwicklung hinter sich bringen konnte.

Das galt insbesondere für Preußen, wo die Hohenzollern das Protektorat über die vaterländische Freimaurerei ausübten. Wilhelm I., dem Bismarck den leisen Vorwurf macht, daß er mit einer fast religiösen Treue an seinen Freimaurerbrüdern hing, und sein Sohn Friedrich III., der in seinem Kronprinzenliberalismus die Hoffnung aller fortschrittlichen Elemente war, waren jahrelang durchaus aktive Freimaurer. In den Tagebüchern Friedrichs ist von der Freimaurerei mit einer Herzlichkeit die Rede, die ein Beweis mehr dafür ist, wie ernst es ihm um seine Zugehörigkeit zum Bunde war (s. Preußen) Die Angriffe protestantischer Zeloten (s. Hengstenberg und Möller) oder die des sächsischen Denunzianten Advokaten Eckert (s.d.) erregten wohl die deutschen Logen. Aber da sich z. B. gegen den Magdeburger Generalsuperintendenten Möller sofort der Hohenzollernprinz Wilhelm erhob und ihm kräftig die Leviten las, nahm das deutsche Logenleben wenig mehr als die Rolle des interessierten Zuschauers ein. Etwas lebhafter war die Anteilnahme, als Bluntschli (s. d.) die Angriffe des Papstes zurückwies, und als Findel (s. d.) den Taxil-Schwindel aufdeckte. Große geistige Gesamtbewegungen gehen der deutschen Freimaurerei des 19. Jahrhunderts aber im Grunde genommen ab.

An Leistungen hat sie zu buchen die Reformbestrebungen des Vereins deutscher Freimaurer (1861) und die nach dem Kriege von 1871 nach erfolgter Reichseinheit endlich zuwege gekommene Bildung des Deutschen Großlogenbundes, der durch 50 Jahre zumindest die Fiktion einer einigen deutschen Freimaurerei vorstellte und sich gelegentlich als Mittel zu fruchtbarer Arbeitsanregung erwies. Sonst aber war dieses Jahrhundert der deutschen Freimaurerei ein mehr oder weniger scharf akzentuierter, manchmal auch ganz abebbender geistiger Kampf der Systeme gegen- und untereinander, demgegenüber die von sehr hochwertigen Persönlichkeiten, wie Krause, Mossdorff, Findel, Seydel, Schauberg u.v.a., angeregten Reformplane zurücktreten. Insbesondere war es die Spaltung in die humanitäre und christliche Freimaurerei (s. d.), welche die deutschen Logen Jahre hindurch absorbierte und so alle auf Gemeinschaftsleistungen zielenden Absichten lahmlegte. Es verdient in diesem Zusammenhange auf die sicherlich paradoxe Erscheinung hingewiesen zu werden, daß die deutsche Freimaurerei, wie keine andere Gruppe der verschiedenartigen Freimaurereien der Erde, von der Erörterung einer Frage zweiter Ordnung eigentlich nie losgekommen ist. Das ist so seltsam dies auch klingen mag die Judenfrage (s. d.). Im wesentlichen drehten sich die Debatten der beiden deutschen Freimaurergruppen immer nur um zwei Kernprobleme:

  1. Hochgrade oder nur Johannisgrade und
  2. die Judenfrage, die in der deutschen Freimaurerei für so bedeutungevoll angesehen wurde, daß aus diesem Streit heraus sogar neue Großlogen entstanden: "Eintracht" und die Settegast-Großlogen "Kaiser Friedrich zur Bundestreue, daß altpreußische Großmeister, wie v. Etzel (s. d.) und Settegast (s. d.), den Hammer niederlegten und ganze Zeitepochen der deutschen Freimaurerei von diesem Streite widerhallten.

Wobei bemerkt sei, daß es sich hier wenigstens im 19. Jahrhundert, um eine prinzipielle Frage innerhalb der deutschen Freimaurerei selbst, ohne Rücksichtnahmen auf Stimmungen und Beurteilungen in der Außenwelt, gehandelt hat. Soweit gemeinsame Leistungen der deutschen Freimaurerei im 19. Jahrhundert zu verzeichnen sind, beziehen sie sich auf Großlogeneinrichtungen wie Stiftungen (Viktoria-Stiftung u. ä.). Das geistige Leben wurde immer reicher durch die Tätigkeit des "Vereins deutscher Freimaurer" befruchtet, der, anfangs von den Großlogen stark angefeindet, sich zum Hüter des deutschen freimaurerischen Gemeinschaftegeistes entwickelte.

Der Verein darf für sich buchen, die Standardwerke des deutschen freimaurerischen Schrifttums: das "Allgemeine Handbuch der Freimaurerei" und die von Wolfstieg begründete, von Beyer und Quint (s. d.) fortgeführte Bibliographie, ermöglicht zu haben.

Seitdem Findel, Schauberg, Seydel, Nettelbladt u. a. die Basis zu einem modernen freimaurerischen Schrifttum in deutscher Sprache gelegt hatten, ist diese Literatur zu einer ansehnlichen, man darf sagen führenden Höhe emporgestiegen.

Abgesehen von einer reichen Zeitungsliteratur, aus der Findels "Bauhütte" hervorragt, haben Begemann, Keller und Wolfstieg neben Sonnenkalb, den beiden Brüdern August und Ernst Horneffer, Hieber, Wanner, Kneisner, Beyer, die philosophischen Autoren Caspari, Heinichen, Wagler, die Ritualbearbeiter Fischer, Marbach, Bluntschli und Selter u.v.a. ein Schrifttum hervorgebracht, das den besten Vorbildern englischer Leistungen gleichkommt, sie aber an Gefühlstiefe wesentlich übertrifft. Einen ganz neuen Stil schuf Diedrich Bischoff, der verdiente Vorsitzende des Vereins deutscher Freimaurer, der die soziale Bedeutung des Freimaurertums in zahlreichen Werken darzustellen und in Leistung umzusetzen versuchte. Das Humanitätsideal, das eine Eigenart deutschen Freimaurertums ist, schuf sich in der Comenius Gesellschaft Ludwig Kellers eine besondere Ausdrucksform, die aber den Logenrahmen weit hinausging. Und so nahm um die Jahrhundertwende bis zum Ausbruch des Weltkrieges die deutsche Freimaurerei einen geistigen Aufschwung, der sie bereits zu befähigen schien, ein wirksamer Faktor des deutschen Kulturlebens zu werden. Die Beschaulichkeit des deutschen Logenlebens schien überwunden, und es kündigte sich eine Epoche an, wo die deutsche Freimaurerei, ohne ins Politische abzuirren, in den Kampf der Geister wohlvorbereitet einzutreten berufen war.

Der [Erste] Weltkrieg und seine Folgen

Im Weltkrieg sah sich die deutsche Freimaurerei plötzlich allein. Die Beziehungen zum freimaurerischen Ausland hörten mit einem Schlage auf. Die belgische Freimaurerei erhob durch ihren Großmeister Magnette (s. d.) Beschuldigungen gegen die deutschen Freimaurer, die sich nach dem Kriege bei abgekühlter Beurteilung als falsch und ungerecht erwiesen. Aber die feindselige Stimmung war einmal geschaffen. Selbst ein so kluger und kühler Kopf wie der Schweizer Kanzler der internationalen freimaurerischen Weltgeschäftsstelle, Quartier-La-Tente (s. d.), trat gegen die deutschen Freimaurer mit Bezichtigungen hervor, die nicht von realen Gegebenheiten, sondern von leidenschaftlicher Erregung des Nationalismus bestimmt waren. Als nach dem unglücklichen Ausgange des Krieges überdies ein Funkspruch die Freimaurerei der Welt zur Hilfeleistung für das notleidende Volk aufrief verhallte dieser Notschrei im Älther.

Und als 1921 die Freimaurer einiger Siegerstaaten die Frage der Wiederanknüpfung der Beziehungen erörterten, schlug bei einem allerdings kleinen Teil von ihnen zunächst die Kriegspsychose noch so deutlich durch, daß ein Wiedereintreten der deutschen Freimaurerei in die internationale Kette, selbst wenn die Neigung hierzu auf deutscher Seite überhaupt vorhanden gewesen ware, damals durch Bedingungen, die an die deutsche Selbstachtung rührten, unmöglich gemacht worden ware. Allerdings hat dann in den Freimaurereien der Siegerstaaten diese Kriegspsychose erfreulich rasch wieder rein freimaurerischen Erwägungen Platz gemacht. Es muß anerkannt werden, daß besonders auf französischer Seite nach 1920 ein ehrlicher, in breitester Öffentlichkeit betonter Versöhnungswille zu verzeichnen war. Aber durch die gewissenlose völkische Hetze gegen das Freimaurertum war die deutsche Freimaurerei jetzt im eigenen Lande in die Verteidigung gedrängt. Weite Volksschichten beschuldigten sie des Vaterlandsverrates.

Offiziersverbände, Studentenvereinigungen, die Adelsgenossenschaft, kirchliche Kreise suchten seelische Entlastung, indem sie bei der Suche nach den an der Katastrophe Schuldigen sich an die deutschen Freimaurer hielten. Eine ins unendliche angeschwollene gegnerische Literatur (Wichtl, Rosenberg, Haiser, Schwartz-Bostunitsch, Ludendorff [s. alle diese] verbreitete den Haß gegen die "überstaatlichen Mächte", wozu auch die Juden und von einem Teil der Angreifer (Ludendorff !) auch die Jesuiten gezählt werden. In Wort und Schrift ergoß und ergießt [1932] sich eine Sturzflut von Gehässigkeiten, Verdächtigungen und Beschuldigungen gegen die deutschen Brüder (s. hierzu "Vernichtung der Unwahrheiten über die Freimaurerei", herausgegeben vom "Verein deutscher Freimaurer in Leipzig" und zahlreiche polemische Streitschriften von Buddecke, Fluhrer, Pfannkuchen, Kretschmer, Bonhoff, Bachmann u. v. a). Und hier macht sich auch wieder die in Deutschland nur periodenweise ruhende antisemitische Bewegung in besonderem Maße geltend. Die Freimaurer als "Judenknechte, als künstliche Juden, als zu Juden Abgestempelte, als Handlanger Alljudas, als Werkzeuge der Weisen von Zion" sahen sich plötzlich einer Welt des Hasses gegenüber, der nicht nur von Einzelpersonen genährt wurde, sondern der sogar im Programm großer politischer Parteien (z. B. Nationalsozialisten) zum Schlagwort wurde.

Die Art, wie die deutsche Freimaurerei auf diese Angriffe reagierte, hat bei Angehörigen anderer Freimaurereien Befremden und harte Urteile ausgelöst, die beweisen, das die psychologische Grundlage der deutschen Freimaurerei nie recht verstanden worden ist. Im Gegensatze zur romanischen Freimaurerei, die eine kulturpolitisch orientierte progressive Einrichtung vorstellt, hat die deutsche Freimaurerei immer schon ein Eigenleben ganz anderer Art geführt. Sie setzte sich vorzugsweise aus dem Bürgertum und den Beamtenkreisen zusammen. Der Kleinbürger, der Staatsbeamte, der Lehrer, der protestantische Geistliche, die akademischen Berufe, vereinzelt auch Offiziere füllten die Logen. Das heißt also Menschen, die außerhalb der Loge ganz bestimmten politischen Gesinnungen huldigten. Man war außerhalb der Loge mehr oder weniger konservativ politisch, nationalliberal oder deutschnational, nach links ging die Entwicklung im allgemeinen höchstens bis zum Demokraten.

Die Zahl der Sozialdemokraten in den deutschen Logen der Vorkriegezeit dürfte an beiden Händen abzuzählen sein. Selbstverständlich war man monarchistisch, auch wenn man mit Wilhelm II. nicht immer sympathisieren konnte, man war vaterländisch aus innerem Drang hing an dem von Bismarck geeinten Reich, feierte mit Begeisterung den Sedantag und trat für die durch die starke Armee und Flotte nach außen hin gesicherte Staatautorität ein. Das alles brach mit dem Kriegsende zusammen. Man kann der deutschen Freimaurerei, die der Mehrzahl nach aus konservativen Elementen zusammengesetzt war, keinen Vorwurf daraus machen, daß sie sich nicht im Handumdrehen umstellen konnte. Es liegt auf der Hand, daß ein Großteil dieses mit Beamten des alten Kurses stark durchsetzten Bürgertums seine Vorbehalte gegenüber der neuen Staatsform haben mußte. Mag die deutsche Freimaurerei immer wieder erklären, sie sei unpolitisch, mag jede Erörterung politischer Fragen noch so strenge aus den deutschen Logen ausgeschlossen bleiben, eines kann nicht verhindert werden: daß eine im Politischen ziemlich einheitlich denkende Mitgliedschaft in Fragen, wo die Freimaurerei mit dem Außenleben in Berührung tritt, diesen politischen Grundzug deutlich erkennen läßt. Das zeigte sich besonders im Fall Stresemann.

Die ausländische Freimaurerei, insbesondere in Frankreich, hatte erwartet, daß dessen versöhnliche Tätigkeit gerade bei den deutschen Großlogen Widerhall finden und zumindest Gesten auslösen werde die eine Annäherung ermöglichen würden. Das Gegenteil trat für den Kenner nicht unerwartet ein. Während Stresemann in Genf und Locarno Reden hielt, die von freimaurerischem Weltgeiste erfüllt waren, schwieg sich die deutsche Freimaurerei vielsagend aus, nicht zuletzt deswegen, weil das mit den neuen staatlichen Verhältnissen unzufriedene Bürgertum, das mit einem Zipfel in die Logen hineinreichte, von dieser Versöhnungspolitik einfach nichts wissen wollte. Was half es denn, daß die französischen Freimaurer gegen die Friedensverträge, gegen die Ruhrbesetzung Reden hielten und Manifeste erließen? Die französische Regierung, auf die sie keinen Einfluß hatten, setzte deswegen doch ihre Gewaltpolitik fort. Die fortschreitende Not radikalisierte den politischen Geist in Deutschland. Und von dieser Radikalisierung wurden auch jene Kreise ergriffen, die unter der Not der Verhältnisse aus behäbigen, durch eigener Hände Arbeit gesicherten Bürgern zu verarmten, mißvergnügten, verzweifelten Menschen wurden.

(Es sei hier eine Briefstelle angeführt in der es heißt, daß; der Logenbesuch in einer geistig sehr regsamen Loge nicht zuletzt deswegen so schlecht geworden sei, weil die in der Loge zahlreich vertretenen Staatsbeamten usw. die Ausgabe für das Glas Bier beim Klubabend scheuen müssen ! ) Aus dem Radikalismus dieser Stimmungen entwickelte sich in der deutschen Freimaurerei jener Typus, der mit dem Überkommenen brechen und eine neue Form der deutschen Freimaurerei aufstellen will, die man die christlich-national-deutsche nennen kann. Da die völkische Öffentlichkeit den Freimaurern ihren Nationalismus nicht glauben wollte, ging man darauf aus, ihn um jeden Preis zu beweisen. Daher die zahllosen nationalen Erklärungen der deutschen Freimaurer gegen die Kriegsschuldlüge, gegen die Verträge von Versailles usw. daher das schroffe Ablehnen aller internationalen Bindungen, die Verurteilung des Pazifismus, der als eine schwächliche, volksschädigende seelische Entartung aufgefaßt wird, daher die strengen Verbote aller internationalen Freimaurergruppierungen, wie z. B. der Allgemeinen Freimaurerliga. Dies blieb nicht unwidersprochen. Denn in der deutschen Freimaurerei leben eine ganze Anzahl ehrlicher, wertvoller Menschen, die diese Schwenkung der Freimaurerei in der sie einen Bruch mit der Vergangenheit zu sehen glauben, nicht mitmachen wollten.

Eine ganze Reihe deutscher Freimaurer vertritt den Standpunkt, daß Nationalgefühl und Internationalismus nicht Gegensätze, sondern Stufen sind. Aber diese Richtung ist in der Minorität geblieben. Ihre Vertreter haben entweder sich der Majorität fügen müssen, oder sie sind aus ihren Großlogen ausgeschieden. (So Rackhorst, Quint, Leo Müffelmann, Endres, Littmann.) Die Gründung der Symbolischen Großloge von Deutschland (s. d.) im Jahre 1930 stellt einen Versuch dar, auch dieser Richtung eine Vertretung zu geben, das heißt jener deutschen Freimaurerei, die national und international zu gleich sein will, und die ihrem Volke dienen will nicht durch Abschließung, sondern durch eine planmaßige Annäherung. Zwischen diesen beiden Strömungen geht der Kampf hin und her.

Es ist im wesentlichen nur das Bild der großen politischen Parteiungen, die Deutschland heute spalten, die sich auch im Logenleben widerspiegeln. Die Freimaurerei ist immer noch der Ausdruck ihres Milieus gewesen. Besonders in Deutschland hat sie immer die geistigen Strömungen des Bürgertums wiedergegeben. Von diesem Gesichtspunkte aus will sie auch heute verstanden werden.

Damit soll selbstverständlich nicht alles entschuldigt werden, was in den letzten 13 Jahren [vor 1932] von seiten der führenden deutschen Freimaurerkreise veranlaßt wurde. Es ist da mancher schwere Prinzipienbruch unterlaufen der Deutsche Großlogenbund ist darüber in Trümmer gegangen und viele, sehr viele deutsche Freimaurer sind innerlich unbefriedigt, viele haben sich vollkommen zurückgezogen. Aber es geht auch nicht an, die deutsche Freimaurerei in Grund und Boden zu verurteilen, weil sie anders ist. Die deutsche Freimaurerei, oder um es präziser auszudrücken: die deutschen Freimaurereien, sind ebenso ein Opfer des Krieges und seiner Folgen wie die deutsche Wirtschaft, die deutsche Wissenschaft. Ihr Zustand ist auch ohne Vergleich in der Freimaurergeschichte. Bei großen Umwälzungen (Frankreich, Rußland, Italien, Ungarn) wurde die Freimaurerei entweder zerstört, oder aber sie zog es vor, ihre Arbeit selbst einzustellen. Hier aber lebt eine Freimaurerei die stürmische Zeit krisenhafter Umwaälzungen durch. Alles in ihr selbst ist Krise.

Es ist nicht ihr Schicksal, das sie lebt, sondern die schicksalhafte Verbundenheit mit ihrem Volke bestimmt ihre weitere Entwicklung. Wie die deutsche Freimaurerei diese furchtbare Kulturdammerung überdauern wird, kann niemand voraussagen. Am allerwenigsten dieses Buch, das Bestehendes verzeichnen, nicht aber Künftiges prophezeien soll.


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