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Traktat: Der Johannes-Effekt

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Der Johannes-Effekt

von Gerd Scherm



Johannes

Unter dem Meeresspiegel
35°36’ östlicher Länge
31°50’ nördlicher Breite
bei El Maghtas
öffnet sich ein neuer Weg

Es sind andere Klänge
als einst im nahen Jericho
Dennoch
werden Mauern stürzen
und die Wasser des Jordan
benetzen mehr als Körper

Ein kleines Rinnsal
mit dem Willen zum Fluss
entspringt inmitten der Menschen
in eine neue Zeit

Und das Wasser teilt sich
gezwungen von den Worten
von hundert Propheten
in Kanäle fern der Quelle

Doch unbemerkt
von den gemauerten Flüssen
sprudelt immer noch
der kleine Bach

Unter dem Meeresspiegel
im Zentrum der Herzen

Ändert Euren Sinn


(Aus „Inmitten der Brombeerhecke“, Gerd Scherm)


„Tut Buße!“
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die bekanntesten Worte, die wir von Johannes dem Täufer kennen, ein Übersetzungsfehler sind.
Martin Luther hatte bei seiner Bibelübersetzung wohl bewusst den Bußgedanken eingebracht, doch in Wahrheit rief Johannes den Menschen zu: „Ändert euren Sinn!“.

Sein Anliegen war nicht, die Menschen auf Knien büßend im Staub zu sehen, sondern er wollte, dass sie ihren Sinn, ihre Einstellung ändern.
Er forderte zum Umdenken auf!
Johannes der Täufer, ein Mann, der durch sein Tun wesentlich mehr bewirkte, als man es von einem jüdischen Wanderprediger um die Zeitenwende erwarten oder erahnen konnte.
Im Neuen Testament finden sich vier bedeutende Männer mit dem Namen Johannes: Johannes, der Lieblingsjünger Jesu;
Johannes der Evangelist, den die Freimaurer an Winterjohanni, der Wintersonnwende feiern;
Johannes, der Autor der nach ihm benannten Apokalypse;
und Johannes der Täufer, dessen Feiertag der Tag der Sommersonnwende ist.

Warum nun spielt Johannis der Täufer eine so große Rolle bei den Freimaurern, dass sie sogar ihre Logen Johannislogen nennen?

Der Täufer ist seit uralten Zeiten der Schutzpatron der Steinmetzen, vor allem in England. Er wird bereits 1136 auf einer Inschrift der Monroe Abtei als Patron bezeichnet. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die erste Großloge 1717 in London ausgerechnet am Johannistag gegründet wurde.

Doch wer war eigentlich dieser Johannes?

Das Leben des Johannes, Sohn des Zacharias, hebräisch Jochanan ben Sacharja, weist erstaunliche Analogien zum Leben von Jesus Christus auf.
Auch die Geburt des Johannes wurde vom Erzengel Gabriel angekündigt, auch seine Empfängnis liegt im göttlichen Bereich, da seine Mutter Elisabeth bereits ein hohes Alter hatte und unfruchtbar war.
Auch er verbrachte einen Teil seiner Jugend in der Wüste, um dort an Körper und Geist zu wachsen bis zu dem Tag, an dem er seinen göttlichen Auftrag vernehmen sollte. Auch Johannes der Täufer scharte Jünger um sich, zog als Wanderprediger durchs Land und auch er starb gewaltsam durch die Hand der Machthaber im damaligen Galiläa.

Zu dieser Zeit litten die Juden weniger unter der römischen Herrschaft, als unter einem fundamentalistischen Pharisäertum.

Der Religionsforscher Moriz Friedländer bezeichnete in seinem 1904 erschienenen Buch „Die religiösen Bewegungen innerhalb des Judentums im Zeitalter Jesu“ die Situation so: „An jedem Haar hing ein Doppelzentner Vorschriften“.
Das Land litt unter Korruption, willkürlichen Steuereintreibern, in der Bibel „Zöllner“ genannt, einer marodierten einheimischen Soldateska, die ihre Niederlage gegen die Römer am eigenen Volk ausließ und einer rigorosen Priesterschaft.

In dieser Zeit nun tauchte am Jordan ein Mann auf, der die Herrschenden als „Schlangenbrut“ bezeichnete, ihnen verkündete, dass „die Axt schon an die Wurzel der Bäume gelegt ist“ und seine Zuhörer zu Umkehr aufforderte.
„Ändert euren Sinn“ rief er ihnen zu und selbst die verhassten Zöllner kamen und ließen sich von ihm taufen. Sie fragten ihn, „Meister, was sollen wir tun?“ und er antwortete „Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist“. Und auch Soldaten fragten und er sagte ihnen, „Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold“. Und allen predigte er: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.“ (Lk, 3, 10-14)

Das erinnert doch sehr an das, was später Jesus predigte.

Denn alles was wir in den spärlichen Überlieferungen zum Wirken des Johannes finden, finden wir inhaltlich und teilweise sogar wörtlich bei den danach von Jesus verbreiteten Lehren wieder.

Da das öffentliche Wirken des Jesu erst nach der Verhaftung des Johannes durch Herodes, des Tetrarchen von Galiläa, begann, liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei der Beziehung zwischen Johannes und Jesus um ein Lehrer-Schüler-Verhältnis gehandelt hat. Jesus beginnt sein Wirken in allen vier Evangelien erst nach der Verhaftung des Johannes.

Jesus wurde von Johannes durch die Taufe initiiert und durch seine Predigten inhaltlich geprägt. Auch seine ersten Jünger waren ursprünglich Jünger des Johannes. Im Johannes Evangelium finden wir die Stelle (Joh. 1,35):

„Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.“

Zu einem der beiden sagte Jesus, du sollst Kephas heißen, was Fels bedeutet, - dieser Jünger ist uns besser bekannt unter der griechischen Übersetzung seines Namens: Petrus.
Johannes lediglich als Verkünder Jesu zu betrachten, wird seiner entscheidenden Rolle sicher nicht gerecht. Die neutestamentliche Überlieferung spiegelt denn auch die Auseinandersetzung zwischen Täuferanhängern und der urchristlichen Gemeinde wider. Vorstellbar ist auch der Prozess einer schrittweisen Einbindung früherer Johannesjünger und deren religiöser Erfahrungshorizonte in die christlichen Gemeinden.

Die populären, und daher nicht einfach zu unterdrückenden, ursprünglichen Inhalte der Überlieferung über Johannes wurden später von den Redakteuren der Evangelien mit erkennbaren Schwierigkeiten mit der Christusverkündigung harmonisiert.

Täuferüberlieferungen, aus denen sich ein Bild des historischen Johannes rekonstruieren lässt, wurden übernommen und verändert, um eine konkurrierende Verehrung des Johannes abzuwehren.

Ein Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen Johannes und Jesus aus Nazareth scheint der frühesten Tradition bekannt gewesen zu sein (Mt 3,11f. par.), was sich aus dem vehementen Bemühen der Evangelisten, ein solches Verhältnis umzukehren, rückschließen lässt. Für sie konnte und durfte es nicht sein, dass Jesus der Schüler und Johannes der Lehrer war.
Diese redigierten, verfremdeten Täuferüberlieferungen wurden jedoch solcherart in die urchristliche Literatur aufgenommen, dass sich hinter ihrer christologischen, auf Jesus fixierten Übermalung noch ursprüngliche Inhalte erkennen lassen.

Doch was waren diese Inhalte?

Es war die Forderung nach Ehrlichkeit und Gerechtigkeit, der Aufruf zur Mitmenschlichkeit und Brüderlichkeit. Sein Wirken war ein Auftreten gegen die Willkür der Herrschenden und die Unterdrückung durch knebelnde religiöse Vorschriften. Seine Botschaft war die Möglichkeit der Umkehr und der Veränderung.

Für diese Inhalte setzte Johannes sogar sein Leben ein.

Der beim Volk populäre Täufer war eine Bedrohung für die Herrschenden, denn er klagte Herodes Antipas wegen dessen Gesetzlosigkeit öffentlich an. Dieser ließ ihn daraufhin festnehmen, vor allem, weil die Täuferbewegung inzwischen ein politischer Faktor geworden war.
Selbst vom Gefängnis aus hielt Johannes laut Matthäus Evangelium noch durch Boten Kontakt zu Jesus (Mt. 14,3), der in der Zwischenzeit sein Wirken in der Öffentlichkeit begonnen hatte.

Für den Tod des Johannes ist nach den Evangelien die Stieftochter des Herodes, Salome, verantwortlich, die seinen Kopf als Belohnung für ihren Tanz gefordert haben soll. Doch hier haben die Evangelisten wohl die unhistorische, volkstümliche Legende unredigiert übernommen, um dadurch die Sünd- und Lasterhaftigkeit des Herodes noch wirksamer zu propagieren.

Nach Darstellung des zeitgenössischen jüdisch-römischen Geschichtsschreibers Josephus Flavius hingegen, ließ Herodes Johannes aus dem Weg räumen, weil dieser fürchtete, er könnte das jüdische Volk zum Aufruhr treiben.

Doch wie die Geschichte zeigte, ließ sich der Aufruf des Johannes zur Umkehr, dieses „Ändert euren Sinn“, nicht mehr umkehren. Ein Umdenken war angebrochen. Ein anderer war an seine Stelle getreten und andere trugen seine Botschaften weiter.

Der „Johannes Effekt“ war eingetreten.

Aus den Wassern des Jordan wurden eine Quelle der Hoffnung und ein Strom der Veränderung. Johannes hat gezeigt, dass man sich gegen das Unrecht wehren muss, wo immer es sich zeigt und dass man der Not und der Armut nicht den Rücken kehren darf.

Wir Freimaurer könnten uns keinen besseren Schutzpatron und für unsere Logen keinen besseren Namensgeber wünschen, als Johannes den Täufer. Lassen wir sein Vorbild in uns wirken.


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