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Traktat: Gibt es ein freimaurerisches Geheimnis?

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Inhaltsverzeichnis

Gibt es ein freimaurerisches Geheimnis?

Von Alfried Lehner

Wir Freimaurer der neueren Zeit können sie schon fast nicht mehr hören, die berühmte Frage nach dem freimaurerischen Geheimnis, wissen wir doch spätestens seit unserer Aufnahme in diesen Bund, daß hier kein Wissen im Sinne von Zauberei oder Geisterbeschwörung vermittelt wird. Die Zeiten, da man (angeblich) einen weiten Bogen um das Logenhaus machte – man kann ja nie wissen – und da die Familie (angeblich) nichts von der Zugehörigkeit des Ehemannes und Vaters zu einer Loge wußte, sind hierzulande endgültig vorbei.

Zugegeben: es hat in der Vergangenheit da und dort eine übertriebene Geheimniskrämerei von Seiten der Freimaurer gegeben. Heute sind unsere Frauen regelmäßige Gäste in der Loge zu Vortragsabenden und geselligen Veranstaltungen, sie arbeiten mit an humanitären Projekten der Loge, fertigen Gegenstände zur Ausstattung des Tempels an und erleben in sogenannten Schwesternfesten im Tempel etwas von der Atmosphäre freimaurerischer ritueller Arbeiten. Auf Gästeabenden werden Interessenten über Wesen und Ziele dieses Bundes informiert, und die Anschriften der Freimaurerlogen finden sich häufig in den Telefonbüchern. Wo dies nicht der Fall ist, kann man sich an die Großloge in Bonn wenden, deren Anschrift – Ettighofferstraße 64 in 53123 Bonn – dort öffentlich bekannt ist. Wer ernstlich interessiert ist, dem ist auch eine Fülle seriöser Literatur über die Freimaurerei zugänglich. Hier sei nur auf den Verlag Die Bauhütte in Bonn hingewiesen (gleiche Anschrift wie die Großloge).

Aber es muß doch ein Geheimnis geben. Jene Gerüchte - wenn es welche sind - können doch nicht von Anfang an aus der Luft gegriffen sein. Es muß doch auch einen Anlaß für die übertriebene Geheimnistuerei mancher Freimaurer gegeben haben.

Zeichen, Worte und Griffe

Nun, da sind zum Beispiel die sogenannten Zeichen, Worte und Griffe, seit alters Erkennungszeichen (Ausweise), welche verhindern sollten, daß Uneingeweihte mit unredlichen Absichten in eine Bauhütte (unsere Vorgänger) Eingang fanden. Man könnte hier von „Werkspionage“ sprechen; aber auch das soziale Unterstützungssystem der Bauhütten – spezielle Gabenkassen zur Hilfeleistung an bedürftige Steinmetzen – sollte den Mitgliedern vorbehalten bleiben. In der symbolischen Freimaurerei hat sich dieses Brauchtum als Prüfstein der Tugend der Schweigsamkeit erhalten. Von wirklichen Geheimnissen kann hier also wohl nicht die Rede sein.

Wie aber verhält es sich mit dem Gelöbnis bei der Aufnahme zum Freimaurer, „die inneren Angelegenheiten meiner Loge nicht nach außen zu tragen und verschwiegen zu bewahren, was mir ein Bruder anvertraut“? – Hier begegnen wir einer Verschwiegenheit, die von jedem vertrauenswürdigen Menschen erwartet wird.

Tempelarbeiten

Verbleiben auf der Suche nach dem freimaurerischen Geheimnis die sogenannten Tempelarbeiten, jenes rituelle Brauchtum, das hinter verschlossenen Türen im Kreise der Eingeweihten gepflegt wird. Hier kommen wir unserer Frage schon näher, auch wenn das freimaurerische Geheimnis nicht in der äußeren Form, den Worten und dem Handlungsablauf der Rituale besteht. Davon ist manches nachlesbar, (wobei vieles falsch wiedergegeben wird). Aber selbst wenn ein Uneingeweihter ein komplettes freimaurerisches Ritual durchlesen würde, er würde vergeblich nach dem Geheimnis suchen. Vieles würde ihm absonderlich und umständlich, manches sinnlos erscheinen.

In das Wesen des rituellen Geschehens kann man nicht durch Studium von Ritualen oder durch Vorträge eingeführt werden; man muß es erleben. Hier hat sich die Welterfahrung ältester Weisheitslehren der Menschheit erhalten, die stets in kultischen Handlungen ihren Ausdruck fand. Und wer fähig ist zu empfinden und seine Seele zu öffnen, der wird in der Tat in diesem Geschehen eine Annäherung an das Geheimnis von Leben und Schöpfung erfahren; er wird seine Erfahrung aber nicht mit Worten weitergeben können. Das war zuweilen Dichtern und Künstlern vergönnt; aber auch sie vermochten es nicht mit Worten unmittelbar, sondern nur im Symbol: im Hörbarmachen jener geheimnisvollen Saiten, jener Obertöne, welche aus der Welt des Geistigen herüberklingen und sich nur dem Ohr des Geistes öffnen.

Kunstwerke

Wer vor einem Kunstwerk steht oder einem solchen aus der Welt der Dichtung oder Musik lauscht, dem können sich seelische Bereiche erschließen, die für ihn zu einer Erleuchtung werden, während dem Betrachter neben ihm ein Eindringen in jene Sphären versagt bleibt. Unsere Tempelarbeiten sind mit solchen Kunstwerken vergleichbar, und deshalb ist das Verraten des freimaurerischen Geheimnisses nicht möglich. Beschreiben wir die Einzelheiten eines Liebeserlebnisses, so profanieren wir das Heilige und schaden damit unserer Liebe und uns selbst; der Hörer oder Leser dieser Beschreibung hat dennoch nichts über unser eigentliches Erleben erfahren.

Natur

Es gibt noch einen Bereich, der uns jenes Urgeheimnis verraten kann: Das ist die Natur, die Schöpfung selbst. Dort erfahren wir es also aus erster Hand. Und weil es im Grunde jedem zugänglich ist, nennt der Freimaurer Goethe es „heilig öffentlich Geheimnis“:

Müsset im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten:
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen;
Denn was innen, das ist außen.
So ergreifet ohne Säumnis
Heilig öffentlich Geheimnis.

Das kann im Erstaunen vor dem Wunderwerk einer Blüte geschehen, in der Abend- oder Morgendämmerung, wenn die Wolken sich zu überirdischen Farbenschleiern verwandeln, oder was immer von dem großen Bau unser geistiges Auge zu empfangen vermag. Der freimaurerische Schriftsteller Franz Carl Endres drückte dies einmal so aus:

„An der Schönheit der Blumen, an ihrem Duft, an ihrem Eindruck als sichtbar gewordener Harmonie das große Geheimnis zu ahnen, sich zu freuen und vor der Offenbarung der Gemeinsamkeit des Lebens zu erschauern.“

Und erst in diesem Zusammenhang verstehen wir Endres, wenn er sagt: „Der Mensch, der zum ersten Mal innere Sehnsucht nach der Harmonie der Natur empfand, war der erste Freimaurer.“

Die polare Struktur allen Seins

Für denjenigen, dem es geschenkt ist, sich jenem Geheimnis nähern zu dürfen, hebt sich in solchen Augenblicken das Urprinzip der Schöpfung, die polare Struktur allen Seins auf: Innen und Außen, Oben und Unten werden eins. Die geheimnisvolle Tabula smaragdina des Hermes Trismegistos sagt, kurz gefaßt: „Wie oben, so unten“, und der „Eingeweihte“ Novalis drückt seine Erleuchtung wie folgt aus: „Das Äußre ist ein in Geheimniszustand erhobnes Innre - / (Vielleicht auch umgekehrt.)“

In der freimaurerischen Tempelarbeit wird dies durch feierliches Zusammenfügen von Winkelmaß und Zirkel, jener uralten Symbole des Weltenbaus, angedeutet: Das Winkelmaß steht (in der Bauhüttensymbolik) für die Arbeit des Steinmetzen, also das irdische Handeln des Menschen; der Zirkel weist auf den Plan des Baumeisters – übertragen: auf den göttlichen Schöpfungsplan. Es handelt sich hier um eine Symbolik, die über Darstellungen auf chinesischen Steinabreibungen der Zeitenwende, weiter über das pythagoreische Lambdoma des 6. Jh. v. Chr. bis auf jungsteinzeitliche Höhlenmalereien zurückreicht. Die Vereinigung von Oben und Unten, der geistigen mit der irdischen Welt, gehört zur ältesten Sehnsucht des Menschen, einer Sehnsucht, die man als Ursprung aller Religionen und Philosophien bezeichnen darf.

Ja, es gibt ein freimaurerisches Geheimnis

Ja, es gibt ein freimaurerisches Geheimnis. Diesem Bund ist es vergönnt, etwas von jener Welterfahrung in seinen Brauchtümern zu bewahren. Unsere Rituale sind eine Chance für den Teilnehmer, das Einswerden mit der geistigen Welt zeitweilig zu erfahren. Geschieht dies, dann springt jener Funke über, der durch Ausstrahlung nach außen auch in der profanen Welt etwas zu bewirken vermag. Das ist nichts Selbstverständliches. Es bleibt eine Chance.

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