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Traktat: Ist die Freimaurerei eine Religion?

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Inhaltsverzeichnis

Traktat: Ist die Freimaurerei eine Religion?

Reflexionen von Bruder Reinhard aus Wien.
Traktate in diesem Wiki geben die Meinung des Autors wieder.
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Vorbemerkung

Freimaurerei und Religion: Das ist eine alte Beziehung und eine fast ebenso alte Konfliktzone. Jedoch: Wer sich mit dem Thema beschäftigt, ist gut beraten, Religion einerseits und Konfessionsgemeinschaft oder Kirche andererseits zu unterscheiden.

Zwischen der Freimaurerei und den verschiedensten Religionsgemeinschaften gab es historisch gesehen immer wieder Reibereien aus politischen und aus religionsideologischen Gründen, wobei die beiden Motive oft nicht klar auseinander zu halten sind.

  • Konflikte aus politischen Gründen gab es eineinhalb Jahrhunderte lang vor allem mit den katholischen Päpsten, die bis 1870 auch weltliche Herrscher des mitten in Italien gelegenen Kirchenstaats waren. Die italienischen Freimaurer gehörten zu jenen Kräften, die für die Einigung des bis ins 19. Jahrhundert zersplitterten Italiens und damit für die Beseitigung des Kirchenstaates waren. Konflikt pur: von beiden Seiten erbittert ausgefochten.
  • Konflikte aus vorwiegend religionsideologischen Gründen gab es ebenso mit der katholischen Kirche, aber auch mit der Orthodoxie und vor allem in den ersten Jahrzehnten nach dem Entstehen der Freimaurerei mit protestantischen Kirchen. Wobei diese Konflikte eher von den Religionsgemeinschaften ausgingen, weil diese ihr sinnstiftendes Monopol bedroht sahen. Diese Meinungsverschiedenheiten scheinen weitgehend abgekühlt zu sein. Bis heute wird die Freimaurerei aber in der islamischen Welt abgelehnt. Das einzige islamisch dominierte Land, in dem es eine nennenswerte Freimaurerei gibt, ist die Türkei.

Im Sinne dieser Unterscheidung zwischen Religion und Konfessionsgemeinschaft geht es im folgenden Traktat primär nicht um Konflikte mit Kirchen und Religionsgruppierungen sondern um die auch innerhalb der Freimaurerei immer wieder diskutierte Frage, welche Parallelen und Unterschiede es zwischen Religion und Freimaurerei gibt. Oder ob die Freimaurerei gar selbst eine Art Religion ist, was aber vom Mainstream der Freimaurer und Freimaurerdenker abgelehnt wird. Bruder Reinhard von der österreichischen Loge ‚Lux Rosenau’ hat im Oktober 2010 versucht, in einem Vortrag diesem Fragenkomplex auf den Grund zu gehen.

Die ‚Lux Rosenau’ ist eine Deputationsloge im Verband der ‚Großloge von Österreich’. Mehrmals im Jahr veranstaltet sie im österreichischen Freimaurermuseum Rosenau Symposien zu Fragen innerhalb und außerhalb des freimaurerischen Themenkreises. 2015 hat sie die Vorträge eines Jahrzehnts im internen Protokollbuch „Auf den Flügeln der Morgenröte“ abgedruckt. Den folgenden Text entnehmen wir diesem mehr als sechshundertseitigen großformatigen Werk.

Das Freimaurer-Wiki dankt dem Autor Bruder Reinhard und der ‚Lux Rosenau’ für die Genehmigung, den Vortrag hier wiedergeben zu dürfen. Rudi Rabe.


Freimaurerei und Religion

... und wenn jemand die Freimaurerei als seine Religion versteht?

Was ist, wenn jemand sagt, die Freimaurerei wäre seine Religion? Was tun wir mit ihm? Was sagen wir ihm? Halten wir ihn für einen maurerischen Fundamentalisten? Oder für einen religiösen Schwärmer? Kann die Freimaurerei überhaupt als Religion verstanden werden?

Argumente gegen die Freimaurerei als Religion

Das Internet gibt dazu sehr unterschiedliche Antworten. Die ‘Großloge of British Columbia and Yukon’ stellt klar: „Freemasonry is not a religion nor is it a substitute for religion.” Sie liefert auch gleich zahlreiche Gründe, warum das so ist. Die Freimaurerei sucht keine Konvertiten oder Proselyten. Sie tätigt keine Aufwendungen für religiöse Zwecke. Sie hat kein Dogma und keine Theologie. Die Freimaurerei kennt keine Sakramente und keine Erlösung. Also: Die Freimaurerei unterstützt die Religion, aber sie kann nicht als Religion angesehen werden. (Eine Anmerkung sei gestattet: Wenn man diese Kriterien auf die Weltreligionen anwendet, wie viele würden dann noch als Religionen überbleiben?)

Ähnlich argumentiert die ‚Masonic Service Association of North America’: Die Freimaurerei ist keine Religion und will auch keine sein. Auch in den ‘Basic Priciples of Freemasonry’ heisst es: “Freemasonry is not a religion, nor is it a substitute for religion.”

Und seltsame Argumente dafür

Ganz anders dagegen die Website Gotquestions, die sich rühmt, die Antworten auf 238.302 religiöse Fragen (sic!) zu kennen. Sie listet die „Grundlagen des maurerischen Glaubens“ auf und fasst zusammen: Nach freimaurerischer Lehre wird die Erlösung erlangt durch die Arbeit des Menschen. Jesus ist für die Freimaurer nur einer von mehreren gleichrangigen Propheten. Die Freimaurer treten in die Loge in echter und symbolischer Dunkelheit, obwohl die Christen bereits im Besitze des Lichtes sind. Der freimaurerische Eid ist Blasphemie u.s.w. Daraus ergibt sich: Freimaurerei ist eine Religion, aber eine sündhafte Irrlehre.

Und schliesslich noch die Christian Chapel Church of Dallas/Texas. Für sie ist klar, die Freimaurerei ist eine nicht-christliche, okkulte Religion. Schon das Gradsystem würde zeigen, dass das wahre Ziel ist, die Wahrheit zu verbergen.

Aber was sagen wir selbst dazu?

Nun, man hat geradezu den Eindruck, viele Brüder hätten eine Scheu davor, in zu grosse Nähe zur Religion gebracht zu werden und möchten an der Religion nicht wirklich anstreifen. Die beiden zitierten masonischen Vereinigungen legen grossen Wert darauf, dass die Freimaurerei keine Religion ist, obwohl sie betonen, dass die Freimaurerei an sich natürlich nichts gegen Religion hat. Mir kommt vor, auch in der ‚Großloge von Österreich’ ist man eifrig bemüht, jede auch nur vermutete Nähe der Freimaurerei zu Religion zu vermeiden.

Die Freimaurerei selbst hat ein merkwürdiges Verhältnis zur Religion. Die ‚Alten Pflichten’ beginnen mit dem Kapitel: „Von Gott und der Religion“. Dort heisst es:

“Aber obwohl in alten Zeiten die MR in jedem Land verpflichtet waren, von der Religion des Landes oder Volkes zu sein, welche auch immer es sein mochte, so hält man es jetzt doch für sinnvoller, sie nur der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen übereinstimmen, ihre besonderen Meinungen aber ihnen selbst zu überlassen: das heisst, gute und redliche Männer zu sein, Männer von Ehre und Rechtschaffenheit, durch welche Glaubensbekenntnisse sie auch unterschieden sein mögen, wodurch die Maurerei der Mittelpunkt und zum Werkzeug wird, treue Freundschaft unter Menschen zu stiften, die sonst in steter Entfernung von einander hätten bleiben müssen.“

Diese überraschende Definition der Religion der Freimaurerei, die Definition einer universalen, und gleichzeitig in ihren Inhalten eingeschränkten Religion, in der alle Menschen übereinstimmen und die in Wahrheit eine Religion der Ehre, der Rechtschaffenheit und der Freundschaft ist, hat in der Literatur zu vielfältigen Diskussionen Anlass gegeben.

Eine unserer Regeln: Kein Streit über Religion (und Politik)

Das berühmte Verbot von Diskussionen über Religion – im übrigen auch über Politik – findet sich im Kapitel VI. der ‚Alten Pflichten’: „Vom Verhalten“. Dort heisst es unter Pkt.2, „Verhalten nach Schluss der Loge und vor dem Auseinandergehen der Brüder“:

“Deshalb dürfen keine privaten Streitereien und Reibereien über die Schwelle der Loge gebracht werden, noch viel weniger Streitigkeiten über Religion oder Völker oder Regierungen, weil wir als Maurer allein von der oben erwähnten allgemeinen Religion sind.“

Da ist sie wieder, diese allgemeine Religion der Freimaurer, die Religion der Rechtschaffenheit und Freundschaft, in der alle Menschen übereinstimmen. Sie wird uns in der Folge noch beschäftigen.

Entgegen der allgemeinen Vermutung steht in den ‚Alten Pflichten’ interessanterweise kein Verbot der Diskussion über Religion in offener Loge. Lediglich in der nach Ende der Loge häufigen „Stammtischatmosphäre“ ist die Diskussion über Religion und Politik aus gutem Grund verboten. Das Verbot einer Diskussion über Religion in der Loge stammt aus viel späterer Zeit, nämlich aus den „Aims and Relationships of the Craft“ der ‚United Grandlodge of England/UGLE’ vom 7. September 1949. Dort wird dekretiert:

„…neither in any Lodge, nor at any time in his capacity as a Freemason, is he permitted to discuss … his views on theological or political questions.”

Das „Supreme Beeing“: Ist damit Gott gemeint?

Im selben Dokument erhebt die UGLE im übrigen auch eine wesentliche Forderung an einen regulären und von England anerkannten Freimaurer:

“The first condition of admission into, and membership of, the Order is a belief in the Supreme Being. This is essential and admits of no compromise.”

Nicht “belief in a Supreme Being” heisst es, sondern “in THE Supreme Being”, was immer damit gemeint sein mag. Es wird nicht ausgesagt, was das „Supreme Being“ ist, an das der Freimaurerei unabdingbar glauben muss. Ist „Gott“ gemeint? Hat nur der Mut gefehlt, „God“ anstelle von „Supreme Being“ zu setzen? Gibt es nur ein „Supreme Being“ oder gibt es mehrere, verschiedene? Jedenfalls resultiert daraus sofort die Frage: Kann ein überzeugter Atheist Freimaurer sein? Man behilft sich mit Konstruktionen wie den Glauben an ein ordnendes Prinzip im Kosmos, den Glauben an etwas wie Brahman, die Weltseele der Buddhisten. Aber einem Bruder, der für sich sicher ist, dass es nichts gibt, was „Gott“ sein könnte und der überzeugt ist, dass die Welt von Chaos bestimmt ist, dem hilft sein ganzer Humanismus nichts. Nach Meinung der UGLE kann er kein Freimaurer sein.

Was ist Religion überhaupt?

Was ist Religion überhaupt?

Wir zerbrechen uns den Kopf über Freimaurerei und Religion, haben uns aber noch gar keine Gedanken darüber gemacht, was Religion eigentlich ist bzw. was wir darunter verstehen wollen. Das Lexikon definiert Religion als das „Ergriffenwerden vom Göttlichen“. Es äussert sich im religiösen Erleben, dem Gebet und der Verehrung des Heiligen, wobei unter Gebet die Lobpreisung und Anrufung Gottes verstanden wird, unter Verehrung die Hingabe bis zur Selbstentäußerung. Das Wesen der Religion ist der Glaube, der keiner naturwissenschaftlichen Erklärung bedarf, auch wenn tiefgläubige Menschen ihren Glauben als ein Wissen aus transzendentem, mystischem Ursprung verstehen. Häufig rührt der Inhalt des Glaubens aus einer geheimnisvollen Offenbarung in Form heiliger Texte oder aus Dogmen, aus unwandelbaren Glaubensinhalten. Ein bisschen erinnert diese Definition daran, dass in der Alltagssprache Religion verstanden wird als Frömmigkeit, als Glaube - ohne dass diese Begriffe näher definiert würden, weil ohnedies jeder weiss, was gemeint ist.

Häufig wird zur Definition der Religion auf das lateinische Wort „religio“ und auf die auf Cicero zurückgehende Herleitung dieses Wortes aus „religere“ verwiesen, auf „immer wieder lesen“, „immer wieder aufsammeln“, wobei mit „immer wieder“ die gewissenhafte Einhaltung des Tempelkultes gemeint ist. Sehr überzeugend ist diese Definition nicht. Aber auch die aus dem 4. Jahrhundert stammende Herleitung von „religio“ durch Lactantius aus „religare“, „zurückbinden“ (an Gott) als Symbol für das Band der Frömmigkeit, das den Gläubigen an Gott bindet, ist wenig begeisternd. Überhaupt ist der Begriff „religio“ erst verhältnismässig spät in der Geschichte aufgetaucht. Plautus und Cato verwenden ihn erstmalig im 2. Jhdt v. Chr. und meinen damit die Gottesfurcht, die Frömmigkeit, die Heiligkeit, wobei alle diese Begriffe ihrerseits wieder einer Definition bedürfen würden. Für eine Untersuchung, ob die Freimaurerei auch als Religion herhalten kann, sind alle diese Definitionen wenig geeignet.

Vom Wandel des Religionsverständnisses

Wenn wir heute von Religion reden, dann reden wir meist auch von einer Trennung zwischen dem täglichen Leben und dem Bereich der Religion. Ein Teil der gegenwärtigen Religionskrise liegt darin, dass es der Religion nicht gelingt, sich neben dem immer übermächtiger werdenden Bereich des täglichen Lebens zu behaupten. Das war nicht immer so. In der Antike gab es ein Kontinuum bestehend aus dem täglichen Leben, der Philosophie und der Religion, wobei man gelegentlich die Physik noch dazurechnen kann.

Die Philosophie hat sich im Zuge der fortschreitenden Christianisierung abgespalten und wurde von der Religion an den Rand gedrängt. Aber Leben und Religion waren im Mittelalter eng miteinander verbunden. Entscheidungen des Alltages wurden – zumindest vorgeblich – auf religiöser Grundlage getroffen. Die Gestaltung des Lebens war von Gottgefälligkeit bestimmt – oder sollte es zumindest sein. Die Gesellschaft wurde weitgehend nach religiösen Grundsätzen gestaltet, wobei hier die jahrhundertelange politische Einflussnahme der Kirche bewusst ausser Acht bleiben soll.

Erst die Aufklärung hat begonnen, der Religion ein eigenes Gebiet ausserhalb des täglichen Lebens zuzuweisen und die enge Bindung zwischen täglichem Leben und Religion aufzulösen. Wir kennen dieses Phänomen als Säkularisierung. Der Islam kennt eine Aufklärung nicht. Daher finden wir dort nach wie vor eine Durchdringung von täglichem Leben und Religion. Der Islam ist von einer Säkularisierung noch weit entfernt. Es gibt aber zahlreiche islamische Intellektuelle, die die Notwendigkeit einer islamischen Aufklärung betonen. Nur am Rande sei angemerkt, dass auch wir in der Trennung von Religion – das heißt von Kirche – und täglichem Leben noch ein schönes Stück zu gehen haben.

Unsere christlich-abendländische Prägung

Eines wird aus dieser historischen Betrachtung sofort erkennbar: Unser Verständnis von „Religion“ ist kein abstrakter Religionsbegriff, sondern weitgehend geprägt von einem christlichen Verständnis von Religion und der christlichen Religionsgeschichte. Religion bedeutet Heilige Dreifaltigkeit, Jesu Wirken, wie es im Neuen Testament überliefert ist, Sakramente, die Belohnung für ein gottgefälliges Leben im Diesseits durch das ewige Leben im Jenseits, wie überhaupt das ewige Leben im Christentum einen zentralen Platz einnimmt und unser Gottesbild prägt. Hat doch Gott nach christlichem Verständnis durch die Opferung seines Sohnes den Tod überwunden, auch wenn dadurch nur der „Beweis“ für die Überwindung des Todes aus christlicher Sicht erbracht wurde. Das Ewige Leben ist nur eine Verheissung des Evangeliums, ist Gegenstand des Glaubens.

Dieses Bild der Religion ist uns von Kindheit an vertraut und hat unseren Begriff von Religion geprägt. Mit anderen Formen der Religion tun wir uns schwer. Antike Religionen sind vorchristlich und heidnisch. Die Religionen der Naturvölker – sind das überhaupt Religionen oder ist das nicht eher Brauchtum und Folklore? Wie schwer uns das Verständnis des Islam fällt, erleben wir täglich. Die anderen Weltreligionen erscheinen uns seltsam, bisweilen heidnisch, eben weil sie vieles nicht oder anders haben, was für uns selbstverständlich zu einer – das heisst, zu unserer – Religion gehört. Was tun wir mit einer Religion, die keinen Gott kennt, deren Ziel nicht das ewige Leben ist, sondern das Gegenteil, nämlich das Ende des als leidvoll empfundenen Kreislaufes von Werden und Vergehen – auch wenn diese Religion über 350 Mio. Anhänger hat?

Bei einer Beurteilung der Freimaurerei bezüglich ihrer „Eignung“ als Religion müssen wir gerade die in unserem Denken nahezu unvermeidliche Reduktion auf die christliche Religion überwinden, denn: eine Religion im christlichen Sinn ist Freimaurerei sicher nicht. Dazu fehlt ihr tatsächlich so ziemlich alles, was die eingangs zitierte ‚Grandlodge of British Columbia and Yukon’ als Kriterien für eine – nämlich dort klar erkennbar, christliche - Religion definiert.

Freimaurerei und Religion: Ähnlichkeiten und Unterschiede

Wir müssen eine allgemein gültige Definition von Religion suchen, die man als „Schnittmuster“ über die Freimaurerei drüber legen kann, um festzustellen, wo gibt es Ähnlichkeiten, wo gibt es Unterschiede.

Versuchen wir es mit einem Grundgerüst, das aus der christlichen Religion abgeleitet ist, aber lassen wir den christlichen Inhalt der Begriffe beiseite und beschränken uns auf deren jeweilige Erscheinungsform. Sagen wir, in einer Religion muss es zumindest einen Gottesbegriff geben oder einen Begriff einer übergeordneten spirituellen Idee. Es muss eine Art von Offenbarung geben, das heißt Wissen, das die Anhänger der Religion von anderen – Nichtwissenden – unterscheidet, ohne dass wir jetzt untersuchen wollen, woher dieses Wissen stammt. Und es muss etwas wie eine Eschatologie geben, die erklärt, woher alles kommt und wohin alles geht. Selbstverständlich ist das ein ganz mageres Gerüst einer fiktiven Religion, das von allen Weltreligionen weit übertroffen wird. Aber schauen wir einmal, was passiert, wenn wir dieses Gerüst der Freimaurerei zugrunde legen.

Die (reguläre) Freimaurerei selbst kennt keinen persönlichen Gott, aber sie kennt das Symbol des ‚Großen Baumeisters aller Welten/GBAW’. Sie verlangt von jedem Bruder, dass er dieses Symbol für sich persönlich mit Inhalt und Leben füllt und – wie oben erklärt – das – oder besser, ein – „Supreme Being" anerkennt. Das Wesen dieses „Supreme Being“ liegt ausserhalb der Freimaurerei. Es liegt innerhalb der Religion, der der einzelne Bruder - unabhängig von und ausserhalb der Freimaurerei – anhängt. Es kann seinen Ursprung auch in der individuellen Gedankenwelt des einzelnen Bruders haben. Wenn ein Bruder überzeugt ist, dass die Welt von einer übergeordneten Ordnung erfüllt ist und dass die Naturgesetze gleichsam den Inbegriff der Logik des Kosmos darstellen, der durch eine Quantenschwankung aus sich selbst heraus oder aus dem Nichts entstanden ist, dann werden wir ihm zugestehen müssen, dass er einen Begriff von einem „Supreme Being“ hat, auch wenn wir selbst vielleicht geneigt sind, unter einem „Supreme Being“ einen persönlich gedachten Vatergott zu verstehen, den vielzitierten „Alten Mann mit dem Rauschebart“. Auch einem buddhistischen Bruder der in seiner Religion kein göttliches Wesen kennt, werden wir gestatten müssen, das buddhistische Prinzip des „bedingten Entstehens“ und die Karma–Lehre als sein „übergeordnetes Prinzip“ zu verstehen.

Zonen der Toleranz und des Konflikts

Daraus können wir erkennen, dass die Freimaurerei – wenn sie denn eine Religion ist – keinen Ausschliesslichkeitsanspruch gegenüber anderen Religionen erhebt. Sie gerät dadurch auch nicht in Konflikt mit dem ersten Gebot des Judentums und Christentums, weil sie einfach selbst keinen Gott kennt, sondern nur verlangt, den Gottesbegriff einer anderen, neben der Freimaurerei bestehende Religion anzuerkennen. Wenn die Freimaurerei eine Religion ist, dann ermöglichst sie es ihren Anhängern, die Inhalte, die von ihr nicht abgedeckt werden, durch andere Religionen abzudecken, wenn diese dafür eine spirituelle Notwendigkeit sehen. Die Freimaurerei wäre demnach eine sehr tolerante Religion.

Allerdings gerät die Freimaurerei mit anderen Religionen in einem Bereich in Konflikt, wo man es auf ersten Blick nicht erwarten würde. Die Toleranz ist eines der höchsten Güter der Freimaurerei, sei sie jetzt eine Religion oder nicht. Was geschieht, wenn eine der Religionen, mit denen die Freimaurerei grundsätzlich harmoniert, gegen das Toleranzgebot verstösst? Und das ist bei den Weltreligionen gar nicht so selten. In Matthäus 28,19 steht der berühmte Auftrag: „Drum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes“ – ein klarer Auftrag zur Mission, der mit Toleranz gegenüber anderen Religionen wenig zu tun hat. Im Gegenteil: Es hat bis zum II. Vatikanum gebraucht, bis die katholische Kirche andere, nichtchristliche Kirchen als zumindest möglich anerkannt hat, und mit den Protestanten hat sie noch immer ein Problem. Den katholischen Antisemitismus wollen wir jetzt einmal beiseite lassen. Man möchte meinen, die Grenze der Toleranz ist dort erreicht, wo die Intoleranz beginnt.

Die Freimaurerei ist anthropozentrisch

Aufgrund des fehlenden eigenen Gottesbegriffes kennt die Freimaurerei keinen göttlichen Eingriff in das menschliche Leben. Sie kennt keine Wunder oder aussersinnliche Erscheinungen. Jede Änderung kann nur durch den Einzelnen selbst bewirkt werden, ebenso jede Veränderung der Welt als ganzes. Dafür hat die Freimaurerei eine Methode, die zentraler Punkt ihres Gedankengebäudes ist, nämlich die Wandlung des Einzelnen: „Erkenne dich selbst!“ – „Beherrsche dich selbst!“ – „Veredle dich selbst!“ Im Wege der Wandlung des Einzelnen soll auch die Verwandlung der Welt zum Besseren herbeigeführt werden, aber nicht durch göttliches Wirken, sondern durch menschliche Anstrengung, durch die intellektuelle und physische Anstrengung jedes Einzelnen.

Das ist eine ausschliesslich anthropozentrische Sicht der Welt und ihrer Gestaltung. Die oben angesprochene Website Gotquestions hat irgendwie recht, dass diese anthropozentrische Weltphilosophie der christlichen Auffassung grundsätzlich widerspricht. Sie ist auch in keiner Weise christlich. Aber ist es deshalb keine zulässige Sicht der Welt? Darf niemand diese Weltsicht als seine Religion betrachten?

Die Freimaurerei ist in ihrer heutigen Form ein Kind der Aufklärung. Der aufgeklärte Mensch soll sich nicht mehr durch die hergebrachten geistlichen und politischen Obrigkeiten und Zwänge des Zeitgeistes unterdrückt fühlen, sondern soll als freier Bürger sein Leben selbst gestalten. Mit den drei Imperativen „Erkenne dich selbst!“ – „Beherrsche dich selbst!“ – „Veredle dich selbst!“ zeigt die Freimaurerei den Weg, diese Gestaltung zu bewältigen. Der Weg der Gestaltung ist ein rationaler, getrieben vom menschlichen Intellekt. Wenn die Freimaurerei eine Religion ist– bzw. eine Religion sein kann - dann ist sie eine Religion aus dem Geist der Aufklärung. Die Aufklärung hat den Anstoss gegeben, die Einheit von Religion und täglichem Leben aufzubrechen und die Religion vom täglichen Leben abzugrenzen. Das tägliche Leben sollte dominiert sein vom Verstand. Kant spricht vom Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Demgegenüber sollte der Religion der Bereich des Glaubens überlassen bleiben, wenngleich sich Kant auch Gedanken darüber gemacht hat, wie sich Vernunft und Religion vereinbaren lassen. Die „freimaurerische Religion“ nimmt den Geist der Aufklärung auf und trägt ihn weit in den Bereich des Religiösen hinein.

Ist die Freimaurerei eine Religion der Vernunft?

Die Freimaurerei – als Religion betrachtet - ist eine Religion, die getragen ist von der Vernunft. Sie kennt keine Dogmen, die von ihr vermittelten Wahrheiten sind sämtliche der Vernunft zugänglich und können mit dem Verstand erfasst werden. Die Freimaurerei hat sich aus der Aufklärung die Idee erhalten, der Mensch ist im Grunde gut, er muss nur lernen, dieses Gute in ihm zur Entwicklung zu bringen. Damit steht sie dem Buddhismus, aber auch dem Christentum, nicht völlig fern. Der Weg zur Entwicklung des Guten ist allerdings jeweils ein völlig anderer. In der Freimaurerei ist es ausschliesslich der menschliche Verstand und die menschliche Kraft, die das Gute schaffen können, die den „Rauhen Stein“ glätten. Der Buddhismus kennt das „Erwachen“, das „Bodhi“ , das den Menschen zum vollständigen Begreifen der „Vier edlen Wahrheiten“ führt. Das buddhistische „Erwachen“ ist ein Erwachen des menschlichen Geistes. Demgegenüber ist es im Christentum alleine die göttliche Gnade, die den Wandel des Menschen herbeiführt.

Ähnlich sind sich Freimaurerei, Christentum und Buddhismus darin, dass die Vollendung im irdischen Leben – nach buddhistischer Lehre zumindest in einer einzigen Lebensspanne – nicht möglich sein würde. Die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis sind allerdings sehr unterschiedlich. Ist es im Buddhismus das Ziel, die Vollendung anzustreben durch Unterbrechung des Kreislaufes von Vergehen und neuem Entstehen und letztlich das Nirvana zu erreichen – das Nichts, das „Verlöschen“, das Ende des Kreislaufes der Wiedergeburten - so muss der Freimaurer lernen, mit der Unvollkommenheit zu leben, ohne dass ihn das dazu verleiten dürfte, in seiner Arbeit am Rauhen Stein nachzulassen. Für den Freimaurer ist der Weg zur Vollendung das anzustrebende Ziel.

Freimaurerischer Realismus

Als Brüder Freimaurer wissen wir, dass wir unsere Arbeit am Rauhen Stein im Leben nicht vollenden werden, dass die Vollkommenheit im Leben ein unerreichbares Ziel ist. Der Mensch ist der Rauhe Stein und der Rauhe Stein ist zu rau, als dass er in einer Lebensspanne geglättet werden könnte. Der Rauhe Stein wird - wenn wir die Kunst recht verstehen und recht ausüben – durch unsere Arbeit glatter werden, aber ein glatter Kubus wird er nie. Wie glatt er wird, liegt in der Hand des Einzelnen und an der Intensität seiner Arbeit am Rauhen Stein.

Ganz anders Paulus zur Frage der Vollendung im Brief an die Römer (3,23-24):

"Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten. Und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Christum Jesum geschehen ist.“

Auch Paulus ist der Meinung, der Mensch wäre ein Rauher Stein – in seiner Sprache „ein Sünder“ - aber nicht durch eigene Anstrengung kommt der Sünder ins Himmelreich. Der Weg in den Himmel führt nur über die göttliche Gnade, wobei Paulus nicht versäumt hinzuzusetzen, es ist ausschliesslich die Gnade, die das bewirken kann, die Sünder werden nur durch Gottes Gnade gerecht, obwohl sie sich im Leben keine eigenen Verdienste erweben.

Der Freimaurerei ist der Begriff der Gnade fremd. Von wem sollte die Gnade auch kommen? Es ist das Bemühen des Menschen, seine mühevolle Arbeit am Rauhen Stein, die den Menschen auf den Weg der Vollendung führt. Es ist nicht wichtig, gut zu sein, es ist wichtig, besser zu werden. Dieses „Besser werden“ ist ein Postulat der Vernunft. Der Weg zur Vollendung führt für den Freimaurer über seinen Verstand und über die Einsicht der Zweckmässigkeit.

Die Freimaurerei und der Jenseitsglaube

Gehen wir weiter zur Eschatologie, die wir oben als ein Kennzeichen unserer fiktiven Religion definiert haben.

Die Theologie versteht unter Eschatologie die Vollendung des Einzelnen und die Vollendung des Universums. Gemeinhin bezeichnet man als Eschatologie die Lehre von den letzten Dingen. Die letzten Dinge, die Frage: „Was geschieht nach dem Tod?“, die Vorstellung von einem Jenseits , das ausserhalb der diesseitigen Welt liegt, haben in vielen Religionen einen hohen Stellenwert. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass die Frage des Todes in den meisten Religionen eine zentrale Stelle einnimmt. Wie sieht es damit in der Freimaurerei aus?

Die letzten Dinge haben auch in der Freimaurerei große Bedeutung, auch wenn das vielleicht nicht gleich auf den ersten Blick zu erkennen ist. „Der Freimaurer soll den Tod nicht fürchten, sondern gelassen seiner stets gewärtig sein“ heisst es in einem Ritual. Der Freimaurer soll den Tod als ein unabdingbar zur Welt gehörendes Element anerkennen und annehmen. Die Freimaurerei verspricht kein ewiges Leben im Jenseits, das auf einen Ausgleich für das mühsame und beschwerliche Leben im Diesseits, das Leben im „irdischen Jammertal“, hoffen lässt. An Stelle dessen erwartet sie von jedem Bruder, dass er alles daran setzt, im Diesseits sich selbst, sein Leben und die Welt zu verbessern. Aber was ist mit dem Tod? Ist mit dem Tod alles zu Ende? War alles Bemühen, war alle Arbeit am Rauhen Stein umsonst?

Die Freimaurerei bietet dafür eine wunderbare Erklärung. Der Tod ist das unausweichliche und endgültige Ende des Menschen. Aber sein Geist, seine Ideen werden ihn überleben. Wenn der Maurer die Kunst recht versteht und dafür sorgt, dass ein neuer Maurer erhoben wird, dann werden seine Gedanken im neuen Maurer weiterleben, und wenn auch dieser die Kunst recht versteht, werden auch dessen Ideen wieder in einem neuen Maurer weiterleben. Und dieser Kreislauf wird sich fortsetzen, solange das Geheimnis der Kunst bewahrt wird, denn „alles Leben bewegt sich im Kreislauf, in dessen Mittelpunkt die schöpferische, uns unerforschliche Wesenheit wirkt, die wir Freimaurer im Symbol des Großen Baumeisters aller Welten verehren“. Es besteht eine Kontinuität im Geist. Die Ideen des vollendeten Maurers leben über seinen Tod hinaus fort in einer anderen Person. „Lebt weiter in seinem Geiste“ ist der Auftrag an die neu erhobenen Meister. Der neu erhobene Meister ist keine Wiedererscheinung des alten Maurers, er wird nicht wiedergeboren, er wird durch die Erhebung zum Meister gewandelt, aber er wird dabei als eigenes Individuum neu geboren.

Parallelen zum asiatischen Denken

Das sollte uns an das erinnern, was der Buddhismus als den Kreislauf des „bedingten Entstehens" lehrt. Jedes Lebewesen ist nach Buddhistischer Lehre in einen ewigen Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt eingebunden. Jede Wiedergeburt bedeutet den Beginn eines neuen Kreislaufes, wobei bei jeder Wiedergeburt nicht die Seele weiterwandert, sondern von der verlöschenden Existenz eine neue Existenz angestossen wird. „Wieso aber, o Herr, kann es Wiedergeburt geben ohne eine Seelenwanderung ?“ fragt der Schüler den Lehrer. „Wenn zum Beispiel ein Mann eine Lampe an einer anderen Lampe anzündet, würde da wohl das Licht der einen Lampe zur anderen Lampe wandern?“ ist die Antwort des Lehrers. Der Schüler weiss es sofort: “Nicht doch, o Herr“. Daraus zieht der Lehrer den Schluss: „Ebenso auch wird man wiedergeboren, ohne dass dabei irgend etwas hinüber wandert.“ Davon ist die Freimaurerei mit ihrem Verständnis nicht weit entfernt: Der, der die maurerische Flamme im seinem Leben pflegt und weitergibt, der mag als Person, als Körper tot sein, seine Ideen, sein Wirken aber werden weiter leben im neuen Meister. Nur der ist endgültig tot und verschwunden, der die maurerische Flamme nicht pflegt und sie verlöschen lässt.

Die Arbeit am Rauhen Stein geht in ihrer Zielsetzung über die Veredlung des einzelnen Bruders hinaus. Die Freimaurerei erwartet – besser, verlangt – dass jeder Bruder auf dem Wege der Selbstveredlung auch die Welt und die Menschheit als Ganzes verbessert. „Die Bruderschaft der Freimaurer ... will Geist und Seele bilden und so im Sinne echter Humanität für das Wohl der ganzen Menschheit arbeiten“ heisst es im Ritual. Und weiter: „Die Bruderschaft der Freimaurer … strebt den Fortschritt der Menschheit an auf dem friedlichen Wege der Belehrung und Bildung, die Veredelung der Menschheit auf dem friedlichen Wege der Veredelung des Einzelnen ... Ziel der Freimaurerei ist es, alle Menschen als Glieder einer einzigen Familie zu vereinen und mit solcher sittlicher Kraft, mit solcher Humanität zu erfüllen, dass sie einander als Brüder anerkennen, lieben und helfen.“

Es beginnt beim Einzelnen und seiner Arbeit am Rauhen Stein. Ausser ihm arbeiten auch andere Brüder an ihrem Rauhen Stein, bis genügend Steine verfügbar sind, die sich in das Bauwerk, dessen Errichtung sich alle Brüder zum Ziel gemacht haben, einfügen lassen – den ‚Tempel der Allgemeinen Menschenliebe’. Aus kleinen Anfängen wird letztlich etwas ganz grosses, ein alle Menschen umfassendes Bauwerk der Liebe unter den Menschen.

Einen ähnlichen Gedanken hat Kung Fu Tse vor mehr als 2.500 Jahren gefasst. Wer dem Anstand und der Sitte entsprechend lebt, verändert sich zum Guten. Die Veränderung des Einzelnen zum Guten bewirkt, dass nach und nach die Familie in Harmonie gerät. Harmonie in den Familien bewirkt Harmonie im Dorf, Harmonie in den Dörfern hat Harmonie in der Provinz zur Folge. Sind die Provinzen in Harmonie, ist es auch das Reich, sind die Reiche in Harmonie, dann verbreitet sich Harmonie im ganzen Kosmos. Die Harmonie des Einzelnen mit sich selbst ist letztlich der Keim der Harmonie des Kosmos. Die Arbeit des einzelnen Bruders an sich selbst ist ein Schritt zum Fortschritt der ganzen Menschheit.

Die Beziehung des Freimaurers zu den verstorbenen Brüdern

Grabstelle in Dessau Friedhof III.
In Halle/S auf dem Gertraudenfriedhof gibt es einen Musterfreimaurerfriedhof. Foto: Lutz Hoheisel
Siehe auch: Freimaurer-Grabsteine

Loyalität, die Verehrung der Eltern und Ahnen und die Wahrung von Anstand und Sitte sind nach Kung Fu Tse die drei sozialen Pflichten des Menschen. Die Verehrung der Ahnen sollte uns als Freimaurer nicht ganz unbekannt sein. Vor Beginn jeder Arbeit „denken wir an die Brüder, die vor uns am Rauhen Stein gearbeitet haben und die uns in den Ewigen Osten vorausgegangen sind“. Sie sind uns Vorbild und Mahnung, nicht nachzulassen in der Arbeit am Rauhen Stein. Das ist auch die Botschaft des Dritten Grades, ohne dass jetzt hier auf den dritten Grad weiter eingegangen werden soll. Ein grosses Vorbild wird dem jungen Meister vor Augen geführt, dessen Wirken ihm Anleitung und Massstab für sein weiteres maurerisches Leben als Meister sein soll.

Am Ende jeder Arbeit in der Loge bilden die Brüder die Kette als Symbol der untrennbaren Gemeinschaft. Diese Bruderkette ist vielleicht das mächtigste Symbol der Freimaurerei überhaupt. Sie erinnert die Brüder in jeder Arbeit an die Gemeinschaft aller Brüder und macht diese Gemeinschaft im wahrsten Sinne „greifbar“. Diese Kette ist für jeden Bruder sinnlich fassbar die Kette der lebenden Brüder. Aus dieser Kette der Lebenden wird ein vollendeter, also ein verstorbener Bruder an seinem Grab mit den Worten entlassen "Wir entlassen Dich aus der sichtbaren Kette ... mit der Gewissheit, dass Du unvergessen bleibst und somit in unserem Kreis für immer lebendig“. Es wird festgehalten, dass der vollendete Bruder im Kreis der Brüder im Geist für immer lebendig bleibt, was man als Erinnerung daran verstehen kann, dass der Geist des vollendeten Meisters in den jungen Meistern weiterlebt. Und in der Trauerarbeit werden die vollendeten Brüder ersucht, „mitzuhelfen, die ewige Kette zu bilden, die auch durch das Reich des Geistes geht ...“. Tatsächlich ist die Kette, die wir in jeder rituellen Arbeit bilden, nicht ausschliesslich die Kette der anwesenden oder die Kette der lebenden Brüder. Es ist in Wahrheit die ewige Kette des Bundes, in der alle Brüder, die lebenden und die vollendeten, in Gemeinschaft vereint sind. Nach alledem kann es wenig Zweifel geben, dass die Freimaurerei eine eigene Eschatologie und – damit zusammenhängend – auch das kennt, was die Religionswissenschaft einen „Ahnenkult“ nennt – nennen wir es besser die „Verehrung früherer Vorbilder“.

Freimaurerische Lebensweisheit als „Offenbarung“

Bleibt uns von den Elementen unseres Religionsgerüstes – nämlich Gott, Eschatologie und Offenbarung – noch die Suche nach der Offenbarung in der Freimaurerei. Nun, die ist nicht schwer zu finden.

Die „blaue Freimaurerei“ vermittelt ihr Wissen vom Leben in drei Graden. Die Erkenntnis, die in den höheren Graden vermittelt wird, unterliegt in den niedrigeren Graden der strengen Geheimhaltung. Die Einführung in das Wissen des Grades, die dem neu beförderten Gesellen oder dem neu erhobenen Meister zuteil wird, entspricht einer Offenbarung neuen, bisher unbekannten Wissens. Jeder Grad bedeutet einen Fortschritt, eine Vertiefung des bisher erworbenen Wissens, bis letztlich dem Meister die ganze Erkenntnis der Freimaurerei offenbar wird. Die weitere Deutung des entdeckten Wissens obliegt jedem einzelnen Bruder, der dieses Wissen in seine persönliche Erfahrung einbeziehen muss.

Die Freimaurerei lebt aus dem Geist der Aufklärung. So ist auch die Offenbarung der Freimaurerei keine göttliche Offenbarung, sondern das Ergebnis menschlicher Einsicht und menschlicher Erkenntnis. Sie besteht aus Weisheit über das Leben und seine zweckmässige Gestaltung im Interesse des Einzelnen und im Interesse der Menschheit.

Dem Buddhisten mag das durchaus vertraut vorkommen. Der Mensch kommt zur Erleuchtung durch das Erwachen, durch die fundamentale und befreiende Einsicht in die Grundbedingungen alles Lebens. Durch die Einsicht in die „Vier edlen Wahrheiten“ erkennt der Mensch auch die vierte der „Vier edlen Wahrheiten“, den „Achtfachen Pfad“, der ihn auf den rechten Weg in ein rechtes Leben und in die Vollendung führt. Dabei ist das Erwachen ein sich selbst befreiender Schritt des menschlichen Geistes. Buddha selbst warnt davor, seine Lehre dogmatisch zu befolgen. Kontemplation und die Einsicht in die Natur des eigenen Geistes und das Verständnis der Natur aller Dinge zeigen den wahren Weg des Erwachens. Der FMR würde sagen: „Erkenne dich selbst!“ – „Beherrsche dich selbst!“ – „Veredle dich selbst!“

Die stufenweise „Erleuchtung“

Der Begriff der Erleuchtung ist der Freimaurerei nicht fremd. „Helft mir, die Bauhütte zu erleuchten“ bittet der Meister die Aufseher in jeder Arbeit. Er sagt bewusst nicht „beleuchten“ oder „erhellen“, er sagt „erleuchten“, denn jede Arbeit ist ein weiterer Schritt auf dem Wege der maurerischen Erleuchtung, wie insgesamt die Freimaurerei aus einer schrittweisen Erleuchtung besteht, die sich über alle Grade hinweg erstreckt. Der Mensch tritt bei seiner Aufnahme als neugeborenes, unwissendes und blindes Wesen in die Bauhütte. Mit der Rezeption wird ihm „das Licht erteilt“, nicht nur im physischen Sinn, nein, es wird ihm auch eine erste maurerische Erleuchtung zuteil.

Der erste Grad ist in der Folge gekennzeichnet durch Unsicherheit und Unselbständigkeit. Wesentlich ist die Führung durch andere, die Anleitung durch die Meister. Im zweiten Grad lernt der Geselle, auf sich selbst – Beherrsche dich selbst! – und auf die Gemeinschaft zu vertrauen, "denn ihr könnt und müsst der eigenen Kraft vertrauen“, wie es im Ritual heisst. Im dritten Grad schliesslich steht der Freimaurer alleine dem Tod gegenüber. Dahinter verbirgt sich ein mehrstufiger Prozess der Menschwerdung, der vom unwissenden Neugeborenen zum erwachsenen Mann führt, der mit der einzigen unabdingbaren Wahrheit des Lebens konfrontiert wird. Die maurerische Erleuchtung besteht im Wissen um diesen Prozess. Die maurerische Erleuchtung macht dem Bruder diesen Prozess bewusst und gibt ihm den Anstoß, sein Leben entsprechend diesem Prozess zu gestalten. Tun – das heißt die Erleuchtung erkennen und umsetzen – muss es jeder Bruder selbst.

Fazit: Die Freimaurerei ist den Religionen nahe ...

Kehren wir zurück an den Anfang. Wir wollten gleichsam am Reissbrett eine Religion konstruieren und prüfen, was sich ergibt, wenn wir dieses Schnittmuster über die Freimaurerei drüberlegen. Das Ergebnis mag den einen oder den anderen überraschen. Die Freimaurerei ist in vielen ihrer Denkansätze nicht so weit von den Weltreligionen entfernt wie manche es vermuten würden. Daneben gibt es auch grosse Gegensätze. Aber Gegensätze, teilweise unüberwindliche Gegensätze, gibt es auch zwischen den Weltreligionen, und doch verstehen wir alle als „Religion“.

Trotz aller ihrer Widersprüche bietet die Freimaurerei ein weitgehend durchgängiges Gedankenmodell, in dem sich Antworten auf viele Fragen finden, die über die Jahrhunderte hinweg von den Religionen gestellt wurden. Eines sollte uns dabei freilich bewusst sein: Man hat der Freimaurerei nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen, synkretistisch zu sein. Tatsächlich hat sich in der Freimaurerei unterschiedlichstes Gedankengut erhalten. Traditionen der mittelalterlichen Bauhütten finden sich ebenso wie Ideale der Aufklärung. Antike Mysterienreligionen haben ihre Spuren ebenso hinterlassen wie die jüdische Religion, daneben stehen christliche Motive und alte Handwerksbräuche. Aber wenn wir meinen, in der Freimaurerei Spuren der Weltreligionen zu finden, dann wäre es falsch, zu vermuten, die Freimaurerei hätte auch bei den Weltreligionen Anleihen genommen. Die Verwandtschaft einzelner Ideen der Freimaurerei mit den Weltreligionen rührt wohl eher daher, dass es ein Grundbedürfnis des Menschen gibt und immer gegeben hat, Antworten auf die ihn bewegenden fundamentalen Fragen seines Lebens zu erhalten: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Warum ist alles um mich so, wie es ist?. Auch die Freimaurerei hat darauf keine grundlegend anderen Antworten gefunden als die angestammten Religionen.

... aber sie will keine Religion sein

Und trotz alledem: Die Freimaurerei ist keine Religion, sie will keine Religion sein, sie tritt nicht in Konkurrenz zu den überkommenen Religionen.

Warum manche der herkömmlichen Religionen die Freimaurerei als Konkurrenz verstehen und bekämpfen, ist nicht recht verständlich. Die Freimaurerei wurde auch nicht als Religion oder als Religionsersatz erdacht. Die Freimaurerei ist aber sehr wohl eine Lebensphilosophie, die Antwort gibt auf die Frage, die schon Walter von der Vogelweide formuliert: „do dahte ich mir viel ange, wie man zer werlte solte leben“. Die Freimaurerei gibt auf diese Frage eine Antwort und bietet das gedankliche Rüstzeug und die geistige Stütze, dass die Brüder ihr Leben auf dieser Grundlage einrichten.

Und wenn jemand die Freimaurerei als seine Religion versteht? Damit kehren wir zurück zur eingangs gestellten Frage, die dieser Arbeit ihren Titel gegeben hat. Wenn jemand die Freimaurerei als seine Religion versteht?

Doch letztlich bleibt die Antwort jedem Bruder selbst überlassen

Wenn jemand sagt, dass er in den herkömmlichen Religionen nicht das findet, was er von einer Religion erwartet, dass seine persönliche Vorstellung von Gott eine andere ist als die, die von den Weltreligionen gelehrt wird, dass aber gerade die Freimaurerei die Erwartungen seines religiösen Empfindens für ihn zufriedenstellend abdeckt? Was machen wir mit so jemandem? Wir werden ihn wohl nicht als religiösen Spinner abtun können, als einen Sonderling, der sich verschrobenen jenseitigen Gedanken hingibt. Wir werden akzeptieren müssen, dass die Freimaurerei soviel an Gedanken in sich birgt, die auch religiös gedeutet werden können, dass jemand – naturgemäss ein Bruder - der sich ausser mit der Freimaurerei intensiv mit Religiosität und Glaubensinhalten beschäftigt, in der Freimaurerei auch seine Religion erkennen kann.

Die Freimaurerei ist sicherlich keine Religion für Massen. Dazu sind ihre Inhalte viel zu individuell und weichen viel zu stark vom herkömmlichen Bild einer Religion ab – in unseren Breiten, vom Christentum. Die Grundlage der Aufklärung, auf der die „freimaurerische Religion“ steht, mag auch viele, die erwarten, dass ein höheres Wesen – „Gott“? – schützend seine Hand über sie hält, von einer „freimaurerischen Religion“ abschrecken.

Aber ein Bruder, für den der „Rauhe Stein“ der Mittelpunkt seines Weltbildes ist und der es als die ehrenvollste Aufgabe seines Lebens versteht, hier und jetzt mitzuwirken an der Verbesserung seiner selbst und an der Verbesserung der Welt, warum soll dieser Bruder nicht – in Abrundung seines Weltbildes – die Freimaurerei als Religion – als seine ganz persönliche Religion – erkennen und leben können? Die Freimaurerei ihrerseits hätte dafür einiges anzubieten.


FMy is not a Religion.jpg
ÖFlag.jpg

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