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Traktat: Mensch und Mysterium

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Traktat: Mensch und Mysterium

Von Bruder Leon, Wien

Umuntu ngumuntu ngabantu

Umuntu ngumuntu ngabantu – der Mensch wird zum Menschen erst durch andere Menschen, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Die Frage, was denn nun das Menschsein in der Essenz ausmacht, bleibt offen, und das wird sie wohl auch noch eine Zeitlang bleiben, ebenso wie die Frage, was die Freimaurerei damit zu tun hat. Aber ich will versuchen, mich der Antwort – aus meiner ganz persönlichen Sicht – ein kleines Stück anzunähern.

Wenn mein Vater ausdrücken wollte, dass er für jemanden besondere Wertschätzung empfand, pflegte er ihn mit einer stets trocken und wie beiläufig hingeworfenen Bemerkung zu adeln: „Er ist a Mensch“.

No na, könnte man entgegnen. A Tiger wird er sein.

Doch halt. Bei genauerer Betrachtung dürfte sich das Tigersein (um beim Beispiel zu bleiben) als wesentlich einfacher herausstellen als das Menschsein. Die Ausbildung zum Tiger ist spätestens nach zwei Jahren abgeschlossen. Danach ist der Tiger entweder Tiger, lege artis und in jeder Hinsicht, oder tot. Wir Menschen benötigen meist drei, fünf und sieben Jahre, bevor wir uns überhaupt zum ersten Mal die Frage stellen, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen. Wir Menschen, oder immerhin manche von uns, empfinden als einziges Geschöpf der uns bekannten Natur das Bedürfnis, uns ein Leben lang (zum Beispiel in initiatischen Schulen) zum idealen Seinszustand unserer Spezies heranzubilden. Und wenn ein Mensch dann schließlich die letzte, absolut und allgemein gültige Antwort auf die Menschheitsfragen gefunden zu haben meint, sperrt man ihn entweder in eine Anstalt mit grüngetünchten Wänden, oder man nagelt seine Überreste in eine schwarzlackierte Kiste.

Nun wissen wir aber, dass Tiere – genauer: alle Einzelwesen einer tierischen Gattung – über ein instinktives Programm verfügen, das die Wissenschaft „Schwarmintelligenz“ nennt. Zumindest theosophische Denker sind jedenfalls davon überzeugt, dass es im Tierreich gar keine Individualität gibt, jedenfalls nicht in dem Sinne, in dem wir Menschen diesen Begriff verstehen. Das Tier hat, soweit wir das beurteilen können, keine Wahl, als seinen genetischen Programmen und den äonenalten Gesetzen seiner Art und seines Rudels zu folgen. Nun, das ist etwas, das auch Menschen gelegentlich versuchen. Aber die Geschichte lehrt uns, dass dies meist in ein Desaster führt. Ein Bruder nannte dieses Phänomen einmal „Schwarmdummheit“. Solcherlei Schwarmdummheit eignet bezeichnenderweise nur dem Menschen. Wir haben fast immer die Wahl, notfalls auch gegen den Strom zu schwimmen.

Das Versprechen der Schlange

Das Buch des Heiligen Wissens zeigt uns (in seiner Erscheinungsform als Tora) ein einleuchtendes Symbol (1): „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen“, spricht Gott, „doch vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen darfst du nicht essen, denn sobald du davon isst, wirst du sterben“. Die Schlange relativiert diese Lehre später (2) ein wenig : „Nein, ihr werdet nicht sterben. Die Götter wissen: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet werden wie die Götter, und ihr werdet Gut und Böse erkennen.“

Mit anderen Worten und sehr verkürzt gesagt: Gott ist. Der Mensch ist im Werden begriffen - im Wieder-Ganz-Werden nämlich.

Seit dem Versprechen der Schlange war es quasi vorbei mit den paradiesischen Zuständen. Seit der Mensch die Polarität des Lebens zu verstehen begann (für die das Gegensatzpaar „Gut und Böse“ ja nur ein einzelnes Beispiel darstellt), ersehnt er ihre Überwindung, erstrebt er die Wiedervereinigung der Gegensätze, die er im Göttlichen verwirklicht sieht.

Das Prinzip der Ma’at

So entwickelten sich allmählich unsere Begrifflichkeiten von Ursache und Wirkung, vom sogenannten „Freien Willen“ und davon, dass alle unsere Handlungen Konsequenzen nach sich ziehen. Wir machten uns daran, die Gesetze des Kosmos und der Natur zu beobachten, zu beschreiben und zu unseren eigenen zu machen. Vorstellungen wie Verantwortlichkeit, Erkenntnis, Konsequenz, Gerechtigkeit oder Ehre entwickelten sich. Diese sind jedoch von höchst abstrakter Natur. Es war wohl die Hochkultur im Niltal, der es erstmals gelang, dieses neue, hochkomplexe System von Abstrakta in ihrer Götterwelt darstellbar und (mit der Entwicklung der Mysterienschulen) erfahrbar zu machen. Das ägyptische Mem (3) Ma’at beispielsweise bezeichnet eine ganze Anzahl von Abstrakta wie etwa Ordnung, Gerechtigkeit, Recht, Staatsführung, Wahrheit und Weltordnung. Diese Begriffe fielen (der Struktur der Sprache geschuldet) alle in eins zusammen. Ma’at ist aber auch der Name der Göttin, die all dies verkörpert und in der diese Begriffe als idealtypisch verwirklicht erkannt wurden. Ma’at ist also vor allem ein Prinzip (4). (Vereinzelte freimaurerische Strömungen, namentlich des Ritus von Memphis und Misraim, gingen – sehr viel später – übrigens so weit, Ma’at gleich pauschal mit „Freimaurerei“ zu übersetzen, was aus heutiger Sicht vielleicht denn doch etwas weit hergeholt erscheint. Oder vielleicht auch nicht ...)

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Ma’at spielt (als Göttin) unter anderem im Totengericht eine hervorragende Rolle. In den auf Papyrus gemalten Totenbüchern findet sich oft die Darstellung eines unterirdischen Gerichtssaales. Dieser wird māt māt genannt, „Saal der beiden Wahrheiten“, d.h. der seligmachenden und der verdammenden Wahrheit. Hier trifft der Verstorbene auf das Gericht der Götter, dem Osiris vorsteht.

Im Verlaufe des Verfahrens wird sein Herz in eine Waagschale gelegt, und Ma’at wiegt das Hauptattribut ihrer Macht, ihre Feder, dagegen ab. Ist das Herz des Toten leichter als die Feder der Ma’at, öffnen sich ihm die Tore zu den Hallen von Amenti. Besteht er diese Prüfung nicht, erleidet er den „zweiten Tod“, das heißt, seine Seele ist verloren, er wird von den Torwächtern gnadenlos vertilgt. Thot, der Schreiber, verzeichnet kühl und unbeteiligt das Ergebnis. Die Vorstellung, dass rechtschaffenes Leben ein leichtes Herz und somit einen „guten“ Tod, wenn nicht gar „ewiges Leben“ zur Folge hat (was immer man sich unter letzterem vorstellen mag), findet sich in den Mysterienschulen und initiatischen Bünden aller Völker und Zeiten bis heute wieder. Selbst die „modernsten“ Formen des freimaurerischen Rituals kennen sie noch. Immer wieder stelle ich erfahrenen, betagten und weitgereisten Brüdern und Schwestern die gleiche Frage: „Was hat dir die Freimaurerei gebracht?“ - Und immer wieder höre ich die gleiche Antwort: „Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod.“

Die Großen und Kleinen Mysterien

Die griechischen Mysterien von Eleusis stand nicht nur den höchsten Schichten der Gesellschaft offen, nicht nur Edelmännern, sondern auch Frauen, Bürgerlichen und – jedenfalls in einzelnen Fällen – sogar Sklaven. Die inneren Angelegenheiten von Eleusis waren durch einen letalen Eid nach außen gehörig gedeckt, der bis heute wirkt – in der Tat wissen wir sehr wenig darüber, wie genau die Ausbildung der Mysten vor sich ging. Im Namen und im Geiste des polaren Prinzips Demeter/Persephone (5) wurde hier nicht nur die spirituelle und intellektuelle Elite der Antike, sondern auch ihre politische Führungsschicht erzogen. Das Erreichen des siebten und höchsten Grades der Eleusinischen Mysterien war Voraussetzung zur Übernahme hoher öffentlicher Ämter. Dies galt von den Jahrtausende zurückliegenden Anfängen bis zum Verfall der Mysterien um 400 n.Z. – auch die römischen Kaiser der Spätantike hatten großteils noch ihre Ausbildung in Eleusis erhalten.

Fast wäre man, aus der Sicht unseres ehernen, am Materiellen klebenden Zeitgeistes, versucht, von einer goldenen Ära zu sprechen: Welchem Politiker, Präsidenten, Gewerkschaftsfunktionär wird denn heute noch eine tiefgreifende geistig-spirituelle initiatische Schulung verpflichtend vorgeschrieben? Franz Carl Endres (6) (Alte Geheimnisse um Leben und Tod, 1938) schrieb: Alle Mysterien gehen auf das dem Menschen von Anfang an innewohnende Gefühl zurück, dass die Welt, das Ganze, das All in seiner objektiven Realität dem menschlichen Intellekt nicht fassbar, nicht erkennbar ist, dass ein dem Wesen nach Unerkennbares waltet, das schlechthin Göttliche, das nur im Symbol erlebbar ist. Nicht den Okkultismus pflegen diese Mysterien. Sie wollen nicht, wie die Magie, übersinnliche Kräfte in die Ebene des Sinnlichen herabziehen durch Zwang zur Materialisation, sondern im Gegenteil: Die Mysterien zeigten dem Menschen die unverrückbare Grenze seines Intellekts und damit seiner Erkenntnis und gaben ihm für das Nichterkennenkönnen die ganze unaussprechliche Seligkeit des Erlebenkönnens. Hier liegt das gewaltige Geheimnis der Mysterienwirkung.

Die Großen Mysterien der antediluvianischen Ära (7), von denen uns die Mythen aus der Zeit der ersten Lieder noch eine Ahnung vermitteln, bleiben wohl noch bis auf weiteres geschlossen. Wir leben, wie gesagt, in ehernen Zeiten. Die Kleinen Mysterien haben sich jedoch hie und da noch relativ unverfälscht erhalten, und sie dürften sogar in der Lage zu sein, zufriedenstellend zu funktionieren. Sie erlauben uns zwar nicht, „wie die G’tter zu werden“, aber immerhin ermöglichen sie uns, uns selbst im Du wiederzuerkennen, ohne Zerrbilder sehen zu müssen. Sie lehren uns, dem Tod ohne Angst gegenüberzutreten. Sie geben uns die Möglichkeit, drinnen durch das Wort wie draußen durch die Tat an der Wiederkehr des Lichtes zu arbeiten. Suchen, finden und nutzen wir sie dort, wo wir sie (unter anderem) noch finden können: in unseren Logen. Bemühen wir uns weiter darum, wieder ganz zu werden.

Fußnoten

1 B’reshith (Gen) 2,16f

2 B’reshith (Gen) 3,4f

3 Mem: Bewusstseinsinhalt (z.B. ein Gedanke), der durch Kommunikation weitergegeben und so vervielfältigt werden kann

4 Zur Erinnerung: Auch der Allmächtige Baumeister aller Welten sollte ja, allgemeiner freimaurerischer Übereinstimmung folgend, als Prinzip und nicht personal verstanden werden

5 Demeter, Göttin der Fruchtbarkeit und des Getreides; Persephone, Demeters Tochter, Göttin des Totenreiches und der Unterwelt. Vgl. das Symbol der Musivischen Flur.

6 Franz Carl Endres (1878-1954), bayerischer Offizier, Historiker, Schriftsteller und als Freimaurer in Münchener, Wiener, Luzerner und Pariser Logen tätig. Ab 1912 einige Jahre im Range eines Hauptmanns im Dienste der türkischen Armee. Führendes Mitglied der Deutschen Liga für Menschenrechte. Innerhalb der Freimaurerei engagierte er sich für völkerverbindende Bestrebungen.

7 der Zeit vor der Sintflut

Siehe auch


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