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Traktat: Rudi Rabe - Über das Supreme Being

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Der Tarantelnebel - schlappe 179.000 Lichtjahre entfernt - aufgenommen mit dem Hubble-Teleskop:
Ein Blick Richtung Supreme Being? Oder sind wir selbst mittendrin? Wir wissen nicht viel. Demut ist angesagt ...

Inhaltsverzeichnis

Traktat: Über das „Supreme Being"
Von Rudi Rabe

Natürlich handelt dieses Traktat nicht vom Supreme Being schlechthin, also von dem, was wir üblicherweise Gott nennen; damit würde sich wohl so ziemlich jeder Mensch übernehmen. Vielmehr handelt es vom Begriff „Supreme Being“, der vor allem in der sogenannten regulären Freimaurerei eine große Rolle spielt. Und natürlich fließt wie bei jedem Traktat ganz bewusst persönliche Meinung ein, doch ich versuche, auch anderen Sichtweisen und anderen spirituellen Bedürfnissen gerecht zu werden.

❋ Mein persönliches Gottesverständnis

Mir gefällt erstens der Ansatz der Negativen Theologie. Etwa so: Aussagen, die Gott definieren, können wir nicht machen; dazu sind wir zu klein. Am ehesten können wir noch sagen, was Gott nicht ist.

Und zweitens ist das Wort Gott für mich nur ein Platzhalter, ein leeres Gefäß. Letztlich ist mein Gottesverständnis von der Astrophysik und der Quantenphysik beeinflusst. Etwa so: Hinter allem, was diese Fundamentalwissenschaften erkennen und noch erkennen werden, gibt es eine Wirklichkeit, die wir nie durchschauen können.

Es ist wohl kein Zufall, gerade große Quantenphysiker und Astrophysiker sind durchwegs keine „engstirnigen Gottesleugner“, wie es in Andersons Alten Pflichten von 1723 heißt. Offenbar ist etwas dran am Ausspruch von Werner Heisenberg 
(1901-1976), weltberühmter Quantenphysiker und Nobelpreisträger: 
"Der erste Schluck aus dem Becher der Wissenschaft führt zum Atheismus, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“

Und von Hans-Peter Dürr (1929-2014) , Atomphysiker und Schüler von Heisenberg habe ich einmal einen Vortrag gehört, den ich dann so zusammengefasst habe: „Wir Physiker haben immer noch kleinere Teilchen gesucht und entdeckt, viel kleinere noch als das Atom, von dem man lange glaubte, es sei unteilbar. Schließlich mußten wir aber zur Kenntnis nehmen, dieser ganze Teilchenzoo ist nicht die letzte Wirklichkeit. Auch die allerkleinsten Materieteilchen sind nämlich nur vordergründig, denn es gibt letztlich gar keine Materie, also nichts von dem, was wir im Alltag und in der Wissenschaft als stofflich wahrnehmen.

Im Allerkleinsten löst sich das alles auf in etwas, das wir nicht mehr verstehen können und nie verstehen werden: nichts mehr zum Angreifen, daher auch nichts mehr zum Begreifen. Dieses Etwas ist weder zerlegbar noch zusammensetzbar, es ist ein unteilbares Ganzes, daher auch nicht zählbar oder vergleichbar, und so etwas kann das menschliche Gehirn nicht mehr denken. Es ist etwas, das irgendwie schwingt. Aber wie sollen wir das verstehen, wenn nichts Stoffliches mehr das ist, das schwingt!? Am ehesten passt noch die Vorstellung einer völlig immateriellen ‚Beziehungsstruktur’, also einer Struktur ganz ohne Substanz. Statt ‚Beziehungsstruktur’ könnte man auch sagen ‚Liebe’, so dass die Beschreibung für die allerletzte Wahrheit schließlich lauten könnte: ‚Alles ist Liebe’.“

Wie theologisch das ist, zeigt ein Anspruch von des Universalgelehrten Nikolaus von Kues im 15. Jahrhundert: „Gott ist die Unsichtbarkeit des Sichtbaren.“

❋ Der freimaurerische Begriff des „Supreme Being“

Die Großlogen der englischen Richtung, also die sogenannte reguläre Freimaurerei, orientieren sich an den Basic Principles der Grand Lodge of England aus dem Jahre 1949, die in den darauf folgenden Jahrzehnten immer wieder einmal bestätigt worden sind (Originalquellen siehe unten). Das sind acht Vorgaben, welche Großlogen einhalten müssen, wenn sie von den Engländern anerkannt werden wollen. Eine dieser Vorgaben lautet: „Freemasons under its jurisdiction must believe in a Supreme Being.“

Im deutschen Sprachraum wird das gewöhnlich so übersetzt, dass Freimaurer der betreffenden Großloge „an ein höchstes Wesen glauben“ müssen. (Im freimaurerischen Alltag wird oft sogar nur von einem „höheren Wesen“ gesprochen, was besonders seltsam ist, weil es dann darüber noch ein Höchstes gäbe.)

❋❋ Supreme Being = Höchstes Wesen?

Nun wissen wir, dass jeder Übersetzung ein Tendenz innewohnt. „Höchstes Wesen“ mag in Ordnung gehen, aber mich stört sie, weil das „Wesen“ in diesem Zusammenhang auf mich wie eine Art wabernder Geist wirkt, wie etwas Personales, etwas Antropomorphes, jedenfalls etwas Abgegrenztes.

Das haben offenbar auch die Architekten des Rituals der Großloge von Österreich gespürt. Daher heißt es in ihrem Rezeptionsritual nicht „höheres Wesen“, sondern „die schöpferische, uns Menschen unerforschliche Wesenheit, die wir Freimaurer im Symbol des ‚Großen Baumeisters aller Welten‘ verehren.“ Also: „Wesenheit“, und nicht „Wesen“, das klingt für mich viel umfassender, nicht abgegrenzt, nicht personal.

❋❋ Supreme Being = Höchstes Sein?

Die Übersetzung „höchstes Sein“ ist genau so möglich wie die mit dem „Wesen“. Und sie gefällt mir persönlich viel besser, weil sie offener ist und noch weiter weg ist vom alten Gottesbild, das durch die vielen Darstellungen der Vergangenheit tief in uns verankert wurde, nämlich der „alte gütige oder zornige Mann mit dem weißen Bart“. Das passt einfach nicht mehr in unser heutiges Denken, und da hilft mir das „Höchste Sein“ viel besser raus in Richtung Heisenberg und Dürr als die Bezeichnung „höchstes Wesen“.

Diese Offenheit in der Bedeutung wird auch unterstützt vom Englische Wikipedia. In diesem gibt es ein eigenes Stichwort „Supreme Being“. Darin heißt es: „Der Begriff Supreme Being wird oft einfach nur als Gott definiert, und in dieser Bedeutung wird er von Theologen vieler Religionen verwendet … Jedoch kann sich der Begriff ebenso auf komplexere oder philosophische Interpretationen des Göttlichen beziehen. Viele Bruderschaften wie zum Beispiel die Freimaurer verwenden den Ausdruck als einen Gattungsbegriff, der es dem Mitglied freistellt zu entscheiden, welcher Gottheit oder welchem Konzept er sich zuwendet.“

Und das englische Lexikon Mirriam-Webster vom Verlag Encyclopaedia Britannica nennt für Supreme Being folgende Synonyme: Allah, Almighty, Author, Creator, Divinity, Eternal, Everlasting, Father, God, Godhead, Jehovah, Lord, Maker, Providence, deity, Yahweh. Alles auch sehr offen …

❋❋ Supreme Being = Supreme Being?!

Mir ist schon klar: Den einen ist das „höchste Wesen“ lieber, weil es näher am traditionellen Religionsverständnis liegt; den anderen (wie eben mir) das „höchste Sein“, weil es mit unserer naturwissenschaftlichen Weltsicht besser vereinbar bleibt, auch wenn klar ist, dass diese nur vorläufig ist und immer sein wird - aber das gilt ja auch für die alten Gottesbilder.

Daher also: Wie wäre es, wenn wir in der deutschsprachigen Freimaurerei einfach das „Supreme Being“ übernehmen würden?! Das kann dann jeder in seinem Inneren so deuten wie er will. Auf einen Anglizismus mehr oder weniger kommt es ja auch nicht mehr an.

❋❋ Das Bewusstsein wächst - ein Beispiel:

Vor Jahren las ich, dass die von mir geschätzte Internetloge die Basic Principles auf ihrer Website wie üblich leider nur mit „höchstes Wesen“ übersetzte. Darauf meldete ich mich bei den Brüdern mit meinen Einwänden. Ich fand sofort Verständnis, und die entsprechende Seite wurde innerhalb eines Tages mit folgender Ergänzung angereichert:

„Die Übersetzung vom Terminus 'Supreme Being' als 'höchstes Wesen' unterliegt einer von der jeweiligen freimaurerischen Lehrart berührten Sichtweise. Hans-Hermann Höhmann, Altstuhlmeister der Freimaurer Forschungsloge Quatuor Coronati, führt z. B. auf den Seiten der Forschungsgruppe Alpina in seiner Abhandlung 'Freimaurerische Identität - Versuch über das Selbstverständnis des Freimaurerbundes in der Gegenwartsgesellschaft' im Abschnitt ’Freimaurerei ist weder Nebenkirche noch Ersatzreligion’ aus:

’Als diesseitsorientierte Freundschaftsbünde mit primär ethischer Zielsetzung sind Logen und Großlogen keine Religionsgemeinschaften und bieten folglich auch keine Ersatzreligionen an. Die Freimaurerei entwickelt keine Theologie und kennt keine Dogmen sowie Sakramente. Allerdings verwenden die Freimaurer Symbole, die dem religiösen Bereich entlehnt sind, wie z.B. das Symbol 'Großer Baumeister aller Welten'. Dieses Symbol verkörpert jedoch keinen eigenen freimaurerischen Gottesbegriff, den es nicht gibt. Es begründet - wie gelegentlich missverstanden wird - auch keine relativierenden religiösen Minimalanforderung an den Freimaurer. Es ist vielmehr Ausdruck der Überzeugung, dass moralisches Handeln die Anerkennung eines übergeordneten sinngebenden Prinzips voraussetzt, eines höheren Seins, eines 'supreme being', das Verantwortung begründet und auf das die Ethik des Freimaurers letztlich rückbezogen ist. Als umfassendes Symbol für Lebenssinn und transzendenten Bezug des Menschen ist es vom einzelnen Freimaurer gemäß seiner eigenen weltanschaulich-religiösen Überzeugung ohne kritische Befragung und ohne jeden Rechtfertigungszwang zu deuten. Der Freimaurer hat sich moralisch, nicht religiös zu verpflichten.’„

❋ Annex: Was war vor dem „Supreme Being“?

Wiederum meine ich natürlich nicht das Supreme Being an sich, sondern nur den freimaurerischen Begriff: Dieser ist jedenfalls in diesem Umfeld erst wenige Jahrzehnte alt.

Lange davor gab es in der Freimaurerei die oben erwähnten ’Alten Pflichten’ von Anderson aus dem Jahr 1723, die heute noch gelten. In diesen gibt es mehrere Vorgaben, darunter auch für unser Thema, wenn es dort heißt: „Wenn der Bruder die Freimaurerei recht versteht, wird er weder ein dummer Atheist sein, noch ein religionsfeindlicher Wüstling. … In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Land zwar verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute jedoch hält man es für sinnvoller, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen.“

Ich finde, auch wenn es für unsere heutigen Ohren sehr altertümlich klingt, ist der Inhalt sehr liberal.

Vor und nach 1900 kam es dann in der Weltfreimaurerei zu einem Schisma, bei dem auch die Religion eine gewisse Rolle spielte: Die französische Richtung kippte alles Religiöse hinaus. Die Engländer reagierten mit einem Abbruch der Beziehungen und kodifizierten 1929 erstmals jene Bedingungen, die ausländische Großlogen einzuhalten hatten, wenn sie zur englischen Familie der Freimaurerei gehören wollten; sie nannten sich selbst und diese Richtung „regulär“ und die andere „irregulär“.

Einer der Punkte betraf auch damals das Religionsthema. Der entscheidende Satz lautete, den regulären Großlogen und ihren Mitgliedern sei vorgeschrieben „a belief in the G.A.O.T.U. (= ‚Great Architect of the Universe‘) and his ‚revealed will.“

Als ich das zum ersten Mal las, war ich schon irritiert: Ein dogmatischer Unterton und inhaltlich ein ziemlicher Rückschritt gegenüber dem zwei Jahrhunderte älteren Anderson. Dieser Satz lässt offen, ob der „Great Architect of the Universe“, also der Große Baumeister aller Welten, nur als Symbol gemeint oder als konkretes transzendentales „höchstes Wesen“ zu verstehen ist. Und fast noch schlimmer: „His revealed will“, also sein geoffenbarter Wille, das deutet doch darauf hin, dass der „Great Architect“ ein personaler Gott welcher Art auch immer wäre.

Da war Anderson zweihundert Jahre vorher viel klüger: „Weder ein dummer Atheist ... noch ein religionsfeindlicher Wüstling“ und die Brüder „nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen Übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen.“

Doch diese erste Generation der Basic Principles war offenbar auf Dauer nicht zu halten: Vor allem die europäisch-kontinentale Freimaurerei ist einfach säkularer („humanitärer“). Daher gab es ab 1949 eine revidierte Fassung, die auch später immer wieder veröffentlich wurde: Kein Wort mehr von der Offenbarung, und der Great Architect wurde zum Supreme Being.

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Siehe auch


Links zu Originalquellen der UGLE

  • Website der United Grand Lodge of England/UGLE:
    http://www.ugle.org.uk
  • Book of Constitutions der UGLE aus dem Jahr 2018:
    http://www.ugle.org.uk/images/files/Book_of_Constitutions_-_Craft_Rules_March_2018.pdf
    In diesem Pdf sind verschiedene konstitutionellen Texte der UGLE seit 1815 enthalten, auch die Basic Principles in den Fassungen 1929 und 1949 - im zweiten Fall unter dem Titel 'Aims and relationships of the craft'; der Ausdruck 'basic principles' kommt dann erst im Text vor.
    Die UGLE-Unterlagen sind für das schnelle Suchen ziemlich unübersichtlich.
    Empfehlung: Pdf aufmachen und in die Suchfunktion des Browsers Stichworte eingeben - etwa "revealed will" (1929) oder "Supreme Being" (1949) oder eine der beiden Jahreszahlen.

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