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Traktat: Vom Selbstverständnis der Freimaurer

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Vom Selbstverständnis der Freimaurer

Zeichnung zur 7. Leipziger Buchloge der Leipziger Loge Minerva zu den drei Palmen Nr. 7 im Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig am 31. März 2017

Autor: Br. Bastian Salier - zug. Meister v. Stuhl -


Auf das Jahr 1717 datiert bekanntlich die Gründung der ersten Großloge, der Großloge von London und Westminster. 300 Jahre moderne, spekulative Freimaurerei feiern wir in diesem Jahr. Und kaum ein Redner, der seine Zeichnung auflegt, kommt daran vorbei dieses Ereignis zu erwähnen. Auch wenn das Datum historisch nicht genau belegt ist und man eher davon ausgehen kann, dass es sich um einen Prozess der Gründung handelte, so sind solche Jubiläen doch immer wieder ein schöner Anlass innezuhalten, sich auf Vergangenes zu besinnen. Wer seine Geschichte nicht kennt, ist nicht reif für die Zukunft, heißt es.

Aber sind wir denn reif für die Zukunft, nur weil wir uns auf unsere Geschichte besinnen? Reicht es aus, stolz, aber tatenlos derer zu gedenken, die so wunderbar wirkten in der Vergangenheit? Ich denke, damit würden wir unseren Vorgängern unrecht tun und sie wären ziemlich sauer auf uns. Unter ihnen befanden sich viele tatkräftige und entschlussfreudige Männer.

Und wenn ich heute hier in die Kolonnen blicke – auch wenn es recht dunkel ist im Bauch des Wales – sehe ich sie auch: tatkräftige und entschlussfreudige Männer, die ihrer Zeit Impulse geben, die sich sorgen um die Zukunft und die deshalb – handeln. Genau so, wie es uns das Ritual vorschreibt: „Geht hinaus in die Welt und bewährt Euch als Freimaurer!“ – Dieser zündende Satz hat Bestand, selbst wenn wir alle Symbolik und Rhetorik aus der Freimaurerei streichen würden. Daran werden wir gemessen und uns messen lassen müssen: An der Tat!


Gerade einmal 24 Jahre nach der Gründung der Englischen Großloge, traten hier in Leipzig Brüder – sehr junge Brüder, Studenten – auf den Plan, wurden tätig, um eine Loge zu errichten. 1741 – am 20. März – gründeten sie die erste Bauhütte dieser Stadt, die Loge de Leipsic, die spätere Minerva zu den drei Palmen. 276 Jahre Minerva zu den drei Palmen in Leipzig – 300 Jahre Freimaurerei – das liegt ja gar nicht so weit auseinander.

Die Buchloge ist – seit ihrer ersten Auflage im Jahr 2008 – also immer auch die Geburtstagsfeier der Minerva gewesen. Und es erfüllt uns mit Stolz, dass stets so viele Gäste zu diesem Geburtstag gekommen sind. Heute mehr als 200 Brüder aus über 90 Orienten der unterschiedlichsten Obödienzen.

Tatkräftige Männer also – damals wie heute.

Als ich kürzlich von einem Bekannten gefragt wurde, was denn eigentlich das Ziel der Freimaurer sei, zuckte ich zunächst zusammen, wie das wahrscheinlich viele von uns tun, so angesprochen. Wir kennen diese lästigen Fragen. Spontane Antworten darauf sind oft nicht unsere Sache. Das Selbstverständnis der Freimaurer liegt manchmal ein wenig zu sehr im Dunkeln, selbst für Eingeweihte. Und es wird schnell phrasenhaft und man druckst herum. Da erinnerte ich mich an eine T-Shirt-Aufschrift – ich weiß, das klingt jetzt doch sehr profan (es war aber ein Freimaurer-T-Shirt). Ein Spruch in englischer Sprache, sinngemäß übersetzt: „Mein Ziel als Freimaurer ist es nicht, besser zu sein als irgendjemand anderes. Mein Ziel ist es, besser zu werden, als ich es selbst bin.“ Naja, das klingt natürlich, und deckt sich einfach zu schön mit unserem Anspruch, den Spitzhammer nur für die Bearbeitung des eigenen Steins zu verwenden, nicht auf dem Stein des Anderen herumzuhauen. Obwohl das natürlich viel einfacher ist. Mit dem eigenen Garten ist man schneller zufrieden als mit dem des Nachbarn.

Vielleicht wäre dies eine Aufgabe für die kommenden mindestens 300 Jahre, die unserem Bruderbund zu wünschen sind: Unser Selbstverständnis zu konturieren, zu profilieren. Wir werden keine allgemeingültigen Antworten finden auf jegliche Probleme unserer Zeit, aber wir sollten sie mit Selbstbewusstsein angehen. Wir sollten uns vor Augen führen, was wir eigentlich bezwecken wollen mit unsrem Tun.


Und da hilft es uns vielleicht ein bisschen, wenn wir uns einmal umsehen, hier in diesem Denkmal, dem Koloss von Leipzig, dem Monstrum, wie es auch schon genannt wurde: Das Völkerschlachtdenkmal ist die Stein gewordene Erinnerung an mehr als 115.000 tote Soldaten aus allen Armeen dieses Erdteils. Es ist die Stein gewordene Trauer um die vor mehr als 200 Jahren hier an diesem Ort Gefallenen. Es ist die eindrucksvolle Mahnung vor jedwedem Krieg – früher, heute und in Zukunft.

Und wenn wir es sinnvoll und gut und richtig finden, dass wir uns an dieser Stelle treffen, dann müssen wir uns genau das vor Augen halten. Wenn wir uns das Völkerschlachtdenkmal als Symbol zu eigen machen – und ich weiß, es gibt in der deutschen Bruderschaft auch Stimmen, die das ganz blöd finden –, und wenn wir dieses Symbol mit Sinn füllen wollen, kommen wir dann einem Selbstverständnis der Freimaurerei wesentlich näher, indem wir uns die Fragen stellen: Sind wir als Freimaurer in der Lage, über unseren nationalen Schatten zu springen? Sind wir in der Lage territoriale, konfessionelle, soziale Schranken zu überwinden? Denn das ist für mich ein ganz wesentlicher Grundstein des freimaurerischen Selbstverständnisses. Und dazu gehört auch die Diskussion darüber, ob wir beispielsweise in der Lage sind, Freimaurerinnen als gleichberechtigte Partner beim Bau des Tempels der Humanität anzuerkennen, oder – Gott bewahre – bekennenden Atheisten den Zutritt zu unserem Bruderbund nicht zu verwehren.

Ich weiß, es ist provokant, dies überhaupt nur anzusprechen. Da gehen viele gleich in Deckung. Auch im Jahre 2017 noch!

Aber ich gehe noch weiter: Dazu gehört auch, dass wir uns – bei aller Toleranz und allem Streitverbot gegen religiöse und politische Fragen – massiv einmischen und unsere Stimme erheben sollten: Gegen Intoleranz, gegen religiösen Fundamentalismus jedweder Couleur, gegen Islamismus, gegen Rassismus, gegen alle möglichen -ismen und – das sage ich ganz bewusst hier in Leipzig – gegen Pegida, gegen rechten und linken Radikalismus. Gegen die Feinde der offenen Gesellschaft, gegen die Unterdrücker von Aufklärung und Freiheit und Frieden. Wir sprechen immer davon, dass wir in schwierigen Zeiten leben. Überall liest man das: Die Zeiten sind hart, wir steuern auf neue Kriege zu, wir müssen unsere liebgewordenen Besitzstände aufgeben. Da ist die Flüchtlingskrise, da ist der widerliche islamistische und sonstige Terrorismus.

Es ist alles ganz, ganz furchtbar. Angst geht um in Europa, die anscheinend wichtigste Emotion des 21. Jahrhunderts. Natürlich – die Dinge sind kompliziert und werden sicherlich auch im Laufe der Zeiten nicht einfacher. Die Wissenschaft schreitet voran, Grenzen fallen, woanders werden neue gezogen, die Ökonomie ist ein globales Netzwerk mit immer stärker verschachtelten und konkurrierenden Interessen. Als Verbraucher, als Familienväter und -großväter, als Arbeitnehmer oder Arbeitgeber müssen wir uns immer wieder auf ganz neue Konstellationen und Lebenssituationen einstellen.

Aber – bei Lichte betrachtet – die Zeiten waren immer schwierig. Und es gab wirklich bedeutend schlimmere als die, in denen wir heute leben. Früher war durchaus nicht alles besser und auch schon damals war früher nicht alles gut. Mehr als 70 Jahre ohne Krieg in Mitteleuropa. Das ist der längste Zeitraum, in dem jemals in diesem Gebiet Frieden herrschte. Ich weiß, das Argument hat man vielfach gehört – ein sogenanntes „Gutmenschen“-Argument, es klingt abgedroschen. Aber das ist es nicht. Das kann man nicht oft genug betonen. Die Abwesenheit von Krieg, von Grausamkeit, von Gewalt und menschengemachtem Leid sollte uns allen doch als erstrebenswerter Zustand gelten. Gerade einmal ein Dreiviertel Jahr nach Fertigstellung dieses Denkmal, das an die bis dato wohl größte und opferreichste Schlacht der Weltgeschichte erinnern sollte – brach der Erste Weltkrieg vom Zaun, mit noch viel mehr Opfern. Bruder Clemens Thieme, der Erbauer und Initiator des Denkmals hatte es zur Einweihung so formuliert: „… denn gibt es ein Siegesdenkmal auf der ganzen weiten Welt, das sich in vornehmer Weise von jedweder, auch der leisesten Brüskierung anderer Völker fernhält, das nimmermehr völkerverhetzend, sondern Völker zur Eintracht erziehend zu wirken vermag, so ist es das Leipziger Völkerschlachtdenkmal.“

Schade, dass sich diese schöne Idee so wenig durchsetzen konnte. "Friede ernährt, Unfriede verzehrt." Dieser weise Ausspruch eines wettinischen Fürsten ist das einzige, was wir als Lehre aus all dem ziehen können und müssen. Deshalb an alle Männer der Tat: Unser Selbstverständnis muss es sein: Das Trennende zu überwinden, Toleranz in Akzeptanz zu verwandeln, den Frieden zu bewahren, Humanität und Menschenliebe zu verbreiten. Unser Selbstverständnis muss es sein: unsere Grundwerte zu verteidigen – nicht gegen die, die in Not und nicht in schlechter Absicht hierherkommen, sondern mit ihnen und auch für sie. Lassen wir bitte den Stammtisch, der neuerdings auch in den Logen massiv Einzug zu halten scheint, und in den Freimaurer-Gruppen der sozialen Medien hat er sich sowieso schon breit gemacht, lassen wir den Stammtisch bitte dort, wo er hingehört.

Seid für etwas, statt immer nur gegen etwas! Und beachtet die Forderung von Astrid Lindgren, die sie 1978 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in einen flammenden Appell für Kinderrechte gekleidet hat – und die auch in allen anderen Belangen des menschlichen Zusammenlebens gilt:

„Niemals Gewalt!“

Und das hat nichts mit einer bunten Pipi-Langstrumpf-Sicht auf die Dinge zu tun: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Nein, das ist ein essenzieller Baustein des menschlichen Zusammenlebens und Überlebens. Dies ist für mich der wahre Kern der Aufforderung aus dem Ritual: „Geht hinaus in die Welt und bewährt Euch als Freimaurer!“ Ich wünsche meiner geliebten Bauhütte zu ihrem Geburtstag auch weiterhin ein gutes und friedliches Gedeihen.

Ebenso der Freimaurerei im Allgemeinen, die in ihrer modernen Erscheinungsform ja gar nicht mal so viel älter ist. Ich wünsche der Königlichen Kunst noch viele Männer und Frauen der Tat.

Und uns allen Kraft und Entschlussfreude – für alles, was vor uns liegt, vor jedem von uns Einzelnen.

Ich danke Euch!


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