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Ueber die von dem Monde und der Sonne abgeleiteten heiligen Zahlen

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Inhaltsverzeichnis

Ueber die von dem Monde und der Sonne abgeleiteten heiligen Zahlen

Vergleichendes Handbuch der Symbolik der Freimaurerei mit besonderer Rücksicht auf die Mythologieen und Mysterien des Alterthums von Dr. Josef Schauberg, Zürich 1861

B a n d I. - Kapitel I

Der unter allen Himmelskörpern uns am nächsten stehende und so sehr in die Augen fallende Mond wurde zuerst näher und sorgfältiger beobachtet und an dem Monde lernte die Urmenschheit zuerst die Zeit messen, wesshalb auch bei fast allen Völkern der Erde der Mond und die Mondsgottheit, ein Gott oder eine Göttin, als der Vorsteher, Beherrscher und Eintheiler der Zeit erscheint und an den Mond sich die ganze Zeiteintheilung, die siebertägige Woche, der viertheilige oder vierwöchentliche Monat und das zwölfmonatliche Monds- und spätere Sonnenjahr mit den vier oder auch wie bei den Aegyptern nur drei 1) Jahreszeiten oder Jahresabschnitten unmittelbar anlehnt. Nicht allein aber das Leben und die Geschichte der Menschheit wurden auf diese Weise messbar, erhielten ein Mass, eine Zeiteintheilung, sondern die ganze Schöpfung selbst musste in dieser Zeit erfolgt sein und sich vollenden. Sieben Tage - auf den Ueberschuss achtete man nicht - gebraucht der Mond, um von dem Neumonde zum ersten Viertel zu gelangen; aber nur sechs Tage lang ist die Veränderung dem gewöhnlichen Auge bemerklich, am siebenten scheint der Mond zu ruhen, worauf eine neue Veränderung der Mondsphase in derselben Weise beginnt und abläuft. 2) Wenn man also nur ungenau oder so genau, als dieses im Anfange der Menschheit geschehen konnte, die Zeit von einer

1) Uhlemann, ägypt. Alterthumskunde II, S. 81. 2) Rhode, die heilige Sage des Zendvolks, S. 204.

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Mondsveränderung bis zur andern und den Zeitraum der vier Mondsphasen zusammen beobachtete und berechnete, erhielt man leicht und einfach die siebentägige Woche mit dem Tage der Ruhe darin und den vierwöchentlichen Monat oder den Mondsmonat von 28 Tagen. Sobald einmal die Verwandlungen der Mondsscheibe beobachtet und der Zeitrechnung, der Berechnung der Zeit zu Grunde gelegt wurden, musste man auch finden, dass während eines tropischen Jahres sich diese monatlichen Verwandlungen des Mondes, der Monat, zwölfmal wiederholen und zwölfmal von Neuein beginnen womit das zwölfmonatliche Mondsjahr gegeben war. 1) Schon die Urmenschheit, die Menschheit vor ihrer Trennung in verschiedene Stämme und Völker scheint die siebentägige Woche, den vierwöchentlichen Monat und das zwölfmonatliche Jahr mit den vier Jahresabschnitten oder vier Jahreszeiten gekannt zu haben, wofür wenigstens Einiges angeführt werden kann. Zunächst deutet die so merkwürdig übereinstimmende Mythe des Zendvolkes und der Juden, der Zendschriften und der mosaischen Genesis, also der Arier und der Semiten von der Schöpfung der Welt in sechs Tagen, von den sechs Schöpfungstagwerken 2) darauf hin, dass die Arier und die Semiten gleichzeitig aus ihrem Ursitze die siebentägige Woche mitgenommen haben, obwohl allerdings beide Völker auch selbständig und getrennt den Mond beobachtet und an demselben die siebentägige Woche gefunden haben können. Jedoch macht die Übereinstimmung in der Siebenzahl und zugleich in den sechs Tagwerken die gleichzeitige oder vereinte Auffindung wahrscheinlicher. Dass die Genesis von sechs Schöpfungstagen und die Zendschriften von 6000 Schöpfungsjahren reden, ist ohne Bedeutung, indem nach einer bekannten orientalischen Anschauung 1000 und mehr irdische Jahre gleich einem Tage Gottes sind und die mosaischen Tage gleichfalls als solche Gottestage, als sechs Schöpfungsperioden verstanden werden müssen. Sodann möchte die schon in

1) Sommer, Gemälde der physischen Welt, I. Bd. Prag 1819, S. 158 ff. und S. 181 ff. 2) Rhode, a. a. 0., S. 229.

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den ältesten Zeiten bei den verschiedensten Völkern in göttlichen und weltlichen Dingen angewandte Zwölfzahl und besonders das Zwölfgöttersystem 1) für deren Angegestammten oder für deren Mitbringen aus dem Ursitze der Völker und Menschheit angeführt werden dürfen. Bei den Parsen und Indern ist das Jahr mit den vier Jahresabschnitten zum grossen Schöpfungs- und Weltjahre mit den vier großen Weltperioden oder Weltzeitaltern geworden, indem man sich die Weltgeschichte und Weltzeit, das grosse Weltjahr als dem Verlaufe des natürlichen oder irdischen Jahres entsprechend und gleichend dachte, worauf diese Welt untergehen und eine neue bessere Welt, ein neues Weltiahr entstehen und beginnen sollte. Getreuer der Grundanschauung theilen die Parsen das grosse Weltjahr in vier gleiche Abschnitte oder Weltzeitalter von je 3 Jahren, während die Inder das Weltjahr und Weltperioden nach dem Verhältnisse von 4, 3, 2 und 1 theilen. 2) Die Weltperioden und der und der Weltuntergang mit deer neuen besseren Welt erscheinen auch in der griechischen, deutschen und nordischen Mythologie , wenn schon in anderer Gestaltung. Dass der Mond schon der Urmenschheit der ursprünglichste und allgemeine Zeitmesser und Zeittheiler, der Messer und das Mass schlechthin gewesen sei, ist aber am überzeugendsten aus dem in den Sprachen der Völker darüber urkundlich Niedergelegten und Erkennbaren zu schliessen und zu erweisen. Noch in dem heutigen Hochdeutschen stellen sich die Wörter Mond, Monat, das Mass, die Messung, der Messer, messen, sich mässigen, mässig und unmässig u. s. w. sofort als stammverwandt und als einem und demselben Vorstellungskreise entsprungen dar. Durch dieselben Wörter und Vorstellungen tritt aber die deutsche Sprache nicht nur mit den übrigen indogermanischen oder arischen Sprachen, sondern selbst mit dem Semitischen und Aegytischen in Verwandtschaft. Sehr Schönes und Beachtenswerthes über die Verwandtschaft der ägyptischen, semitischen

1) Meine Alpina für 1859, Zürich 1859, S. 133 ff. und Alpina 1860, Zürich 1860, S. 242 ff. 2) Rhode, a. a. O., S. 201 ff.

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und arischen Sprachstämme überhaupt und besonders in der hier in Frage stehenden Beziehung findet sich bei Bunsen, Aegyptens Stelle in der Weltgeschichte, V. Bd., S. 171 ff., zusammengestellt.

An das deutsche Zeitwort messen, ahd. mëzen, mizun, mittelhd. mëzzen, mizzen, mit dem davon abgeleiteten und damit zusammenhängenden Wortkreise schliesst sich aus den arischen Sprachen zunächst an:

   1. im Gothischen mitan messen, mitaths Mass, mena, althd. mâne, mittelhd. mâne und mânde Mond, mênôd, althd. mânôt, mittelhd. mânot, mânet und mânt Monat;
   2. im Griechischen messen und Mass halten, - das Mass, - der Monat und der Mond, im plur. die monatliche Reinigung der Frauen, - und der Mond;
   3. im Lateinischen metiri und mensurare messen, - meta Ziel, - modus Mass, Art und Weise, - modius der Scheffel, - mensis, ital. mese, franz. mois, engl. month, Monat, - mensus, mensio und mensura das Abmessen;
   4. im Sanskrit ma, mas messen, woher mas Mond, mâs der Mond und der Monat, - mah wachsen, mächtig sein, daher maha, griech. , lat. magnus, goth. mikils; auch bei dem Zendvolke oder im Baktrischen heisst mah der Mond und gross, mâ messen, man denken, - maga die Grösse, das grosse Gut, die von Zarathustra verkündigte Lehre, - magh gross sein; im Altindischen heisst der Mond, der Vollmond auch indus, das lat. idus;
   5. im Gälischen mios der Monat und modh, engl. measure, ital. misura, modano, modo das Mass.

Im alten Aegyptischen heisst mah, koptisch mahi, hebräisch ammah die Elle, der Vorderarm, - makha, kopt. masi, hebr. môznaim, aramäisch mas'ha die Waage, woran sich das hebräische mâsah messen, mdd ausbreiten, messen, und das chaldäische ms'h messen reiht. Das ägyptische mal kopt. meï, bezeichnet Wahrheit, Recht, sich rechtfertigen, daher matu der Gerechtfertigte, der Selige. Ment heisst im Aegyptischen der Scheffel , hebr. mad, middah Mass. - Auch kann hierher bezogen werden, dass bei den Griechen und Römern das Jahr, griech. und lat. annus, ihren Namen von dem stets wechselnden Alt-

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und Neumonde tragen, wie daher auch die römische Jahresgöttin Anna Perenna oder Peranna, die Alte und Junge, genannt ist. 1)

Die wissenschaftliche Zeitrechnung, die wissenschaftlichen Gestirnbeobachtungen, die erste und älteste Astronomie und Astrologie sind wohl von den arischen Chaldäern, welche nach Babylon gezogen waren und dort ihre arische Sprache mit der semitischen vertauscht hatten, ausgegangen und haben sich von ihnen zu den sie umgebenden Völkern, besonders zu den Sinesen und Indern, Phöniciern und Aegyptern, und von ihnen wieder zu den Griechen und Römern bis zuletzt zu den Germanen und über die ganze heutige gebildete Welt verbreitet, so dass in dieser Richtung die Chaldäer unendlich tief in die Weltgeschichte und Weltbildung eingreifen. Wenn die Chaläer urünglich keine Semiten, sondern Arier gewesen sind, wie dieses auch Görres und Lajard 2) annehmen, wäre also die Astronomie mit der eigentlichen Chronologie die Erfindung der Arier, des japhetischen Volkstammes, - ein natürliches Erzeugnis des den arischen Völkern eigenthümlichen Licht- und Gestirnglaubens. 3) Auch Semper, der Styl I. S. 323 ff. spricht sich für die Hypothese aus, in das südliche Euphratthal den Ursitz der menschlichen Civilisation und eines ihm angehörenden Baustyles zu verlegen. Gewiss gehört es jedenfalls dem Gestirnglauben, dem astrologischen Glauben der chaldäischen Priester, der Magier an, dass die sieben Wochentage der Leitung und Herrschaft, der Regierung von sieben Gestirnen, den sieben sog. Planeten, den auffallendsten und deshalb auch am frühesten beobachteten Gestirnen untergeordnet wurden, nämlich dem Saturn, der Sonne, dem

1) Preller, röm. Mythologie, S. 306. Mond bedeutet in der ägyptischen Hieroglyphik nach Horapollo I, 4. 66 symbolisch den Monat. 2) Recherches sur le culte du cyprès pyrawidal, Paris 1854, S. 71 u. 73. 3) Die ältere chronologische Literatur sehe bei Beck, Anleitung zur genauern Kenntniss der allgemeinen Welt- und Völkergeschichte, I. Thls. erste Hälfte, Leipzig 1813, S. 24 ff. Auch die lichtgläubigen Peruauer kennen die siebentägige Woche.

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Monde, dem Mars, Merkur und Jupiter und der Venus. 1) Die Reihenfolge der Planeten, wornach sich ihre Herrschaft über die einzelnen Wochentage, wenn man mit dem Saturn als Herrscher begann, bestimmte und wornach noch heute die Wochentage benannt werden und auf einander folgen, behielten nach den Chaldäern die übrigen Völker des Alterthums und besonders die Aegypter bei und bei den letztern hiessen die sieben Planeten, welche sie Stabträger, Scepterträger () genannt haben sollen: 2) Rephan (Saturn), Ra (Sonne), Jah, Joh (Mond), Molek (Mars), Hermai (Mercur, Hermes), Amun (Jupiter) und Siurot (Venus). 3) Dass die Planetenwoche in ihrer bis auf heute gebräuchlichen Gestalt von den Chaldäern und Astronomen zu Babylon ausgegangen sei, beweisen besonders auch die durch Obrist Rawlinson neuerlich zu Birs Nimrud oder in dem alten Borsippa bei Babylon aufgefundenen Trümmer des babylonischen Planetenthurmes. des Tempels der sieben Sphären, welches Gebäude wohl gleichmässig als Tempel wie als Sternwarte diente. 4) Diesen den sieben Planeten geweihten Thurm soll schon um das Jahr 1120 vor Chr. Merodacha Danakhi, der Besieger Tiglath Pilesers des Ersten, erbauet haben, worauf ihn Nebucadnezar im Jahr 580 vor Chr. wieder herstellte. 5) Auch die um 700 vor Chr. gegründete medische Stadt Ekbatana mit ihren sieben Mauerringen nach den sieben Planeten darf hier angereiht werden. 6) - Die siebentägige Planetenwoche war, über Aegypten kommend, um das zweite Jahrhundert nach Christi Geburt im römischen Reiche allgemeiner zur Anwendung gekommen. Um das vierte Jahrhundert fand sie bei den heidnischen Franken Eingang, welche die Namen der Planetengötter (Sol, Luna,

1) Vergl. Bunsen, die Bibel, zu Genesis, 2, 2. 2) Uhlemann, ägyptische Alterthumskunde, IV. S. 221. 3) Oppel, Kemi oder Aegyptens Bedeutung für die Kulturentwicklung der Menschheit, Frankfurt a. M. 1859, S. 18, Anm. 6 Uhlemann, Thot, S. 210. 4) Allgeineine Zeitung von 1856, Nr. 164; Alpina für 1860, 188. 5) Semper, der Styl, I. Bd. Frankfurt a. M. 1860. S. 355. 6) Alpina für 1860, S. XXIII; Semper, a. a. O., §. 70.

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Mars, Mereurius, Jupiter, Venus) in die Namen einheimischer Gottheiten (Sunna, Mâno, Zio, Wôdan, Thunar, Frîa) übersetzten. Nach und nach verbreitete sich die siebentätige Woche zu den übrigen germanischen Stämmen und noch zur Zeit des Heidenthums nahmen auch die nordgermanischen Stämme dieselbe an, nur veränderten sie den Namen des Freitags, welcher bei ihnen Friggiar dagr (Tag der Frigg = Friâ) lauten musste, in Freyjudagr (Tag der Freyja. 1) Nach Tius (Zio), Tyr, dem Gotte des lichten Himmelsgewölbes, wurde der heutige dritte Wochentag bei den Angelsachsen Tiwesdäg, englisch Tuesday, in Schwaben und Bayern Ziestag, ahd. Ziwestac genannt und auch unser Dienstag ist aus Tag des Tiu verderbt. 2) Altnordisch heisst der dritte Wochentag Tyrsdagr, Tysdagr, schwed. Tisdag, dän. Tirsdag. Der Mittwoch (dies Mercurii) hiess von Wodan bei den Angelsachsen Vôdenesdäg und heisst noch heute im Englischen Vednesday, niederl. Woensdag, westphälisch Gudensdag. 3) Der fünfte Wochentag wurde Thunaresdag, adh. Donarestac genannt. 4)

Schon in sehr frühen Zeiten scheinen die Arier und besonders die Chaldäer, die chaldäischen Priester und Astronomen in Babylon das ungenügende und zu kurze Mondsjahr aufgegeben und das Sonnenjahr von 360 Tagen mit fünf Ergänzungs- oder Zusatztagen gefunden zu haben, womit es dann zusammenhängt, dass die Ekliptik, die scheinbare Bahn der Sonne an dem Himmel, von den chaldäischen Astronomen in zwölf gleiche Theile von je dreissig Graden mit drei Unterabtheilungen von je zehn Graden, den Dekanen, getheilt wurde, für welche zwölf Theile, Dodekatemorien, sie zugleich Bilder erdachten und diese mit den sie bezeichneten Namen bezeichneten. Also nicht allein die Planetenwoche, sondern auch den ganzen Thierkreis, den Zodiacus, mit den noch heute üblichen Bildern

1) Mannhardt, die Götterwelt der deutschen und nordischen Völker, 1. Bd. Berlin 1860, S. 77. 2) Mannhardt, a. a. O., I., S. 262. 3) Mannhardt, a. a. O., I., S. 108: Grimm, Mythologie, S. 108 ff. 4) Mannhardt, a. a. O., I. S. 187.

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und Zeichen desselben und mit Allem, was in der Astronomie und in der Chronologie sich daran anschliesst und allmählig daraus hervorgegangen ist, verdanken wir den Chaldäern. 1) Dass bei den Chaldäern der Thierkreis uralt sei, hat besonders Ideler und zuletzt in seiner Schrift über den Ursprung des Thierkreises, Berlin 1838, gründlich nachgewiesen. Im Bun-Deltesch II. ward daher die Eintheilung der Ekliptik in die zwölf Zeichen des Thierkreises und die davon abhängende Eintheilung des Jahres in zwölf Monate dem Ormuzd selbst bei der Schöpfung der Welt beigelegt, 2) d. h. für eine uranfängliche erklärt. Nach dem Bun-Dehesch sind die Namen und die Reihenfolge der zwölf babylonischen oder chaldäischen Thierzeichen nachfolgende: Lamm (Widder), Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Aehre, Wage, Scorpion, Bogen, Steinbock, Schöpfeimer und Fische. Da die wenigen Ueberreste der heiligen Schriften der Parsen erst seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts durch Anquetil du Perron wieder aufgefunden worden sind und kaum jetzt übersetzt und verstanden zu werden beginnen, - da ferner man erst vor mehreren Jahren Babylon und Ninive aus ihren Trümmern zu graben angefangen hat und noch auszugraben unternehmen muss, und da die Keilschriften der Babylonier, der Assyrier und Perser noch unentziffert und ungelesen sind: kann auch über den chaldäischen Thierkreis nichts Näheres gesagt werden und wir müssen deshalb mehr an Das uns halten, was darüber bei den Aegyptern, bei dem Volke der Monumente, aufbewahrt worden ist. Auf dem berühmten und eine ganze kleine Literatur habenden Thierkreis in einer obern Kammer und in dem Pronaos des Tempels zu Tentyra oder Dendera sind nun die zwölf Thierzeichen folgendermassen abgebildet:

   1. ein rückwärts schauender liegender Widder;
   2. ein springender seitwärts blickender Stier;
   3. als Zwillinge zwei menschliche Figuren, von denen die eine gehend, die andere stehend dargestellt ist und

1) Lassen, indische Alterthumskunde, II. Bd. S. 1122 ff. 2) Rohde, a. a. O., S. 107.

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   die erstere mit der Rechten die linke Hand der letztern erfasst;
   4. ein Krebs;
   5. ein Löwe;
   6. eine stehende weibliche Figur (Jungfrau), welche eine Aehre 1) in der linken Hand trägt;
   7. eine Waage;
   8. ein Scorpion;
   9. ein Schütze, gebildet aus dem springenden Leibe eines vierfüssigen Thieres und einem menschlichen Oberkörper mit Armen, Bogen und Pfeil; das Bild ist ausserdem geflügelt und hat zwei Gesichter, von denen das eine vorwärts und das andere rückwärts schaut; der Kopf trägt die bekannte mit Straussfedern geschmückte Königs- und Götterkrone;
   10. ein Bock. dessen Körper in einen Fischschwanz ausläuft;
   11. eine schreitende, mit dem birbörmigen Helme geschmückte Figur, welche aus zwei Urnen Wasser auf den Boden giesst (d. i. der Wassermann);
   12. zwei Fische, an Schwanze durch ein langes Band verbunden.

Ueber die Bedeutung, die Entstehungszeit und den Entstehungsort der Bilder dieses Thierkreises mag J. G. Rhode, Versuch über das Alter des Thierkreises und den Ursprung der Sternbilder, Breslau 1809, und derselbe, die heilige Sage des Zendvolkes, S. 237 ff., verglichen werden, obwohl besonders die erstere Abhandlung zum grösseren Theile veraltet ist und weit hinter den heutigen ägyptischen Forschungen zurücksteht. Ganz besonders verfehlt ist die Deutung des Sternbildes der Waage, beziehungsweise des ägyptischen Todtengerichtes , indem Rhode von dessen eigentlicher Bedeutung auch nicht die leiseste Ahnung hatte. Auch die Grundabsicht von Rhode, den Thierkreis in Aegypten localisiren zu wollen, ist eine falsche, da er entweder Mesopotamien oder noch eher Baktrien angehört. Dass der Thierkreis dem Zendvolke oder den Baktriern

1) Nicht eine Blume, wie Uhlemann, ägyptische Alterthumskunde, IV., S. 220 angibt.

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schon in der vorhistorischen Zeit bekannt gewesen sei, erhellt auch aus dem in so mancher Hinsicht, geschichtlich graphisch, wichtigen ersten Kapitel oder Fargardgard des Vendidad, indem darin (l. 9 1) das zwölfmonatliche Jahr als etwas Hergebrachtes oder längst Bestehendes berührt wird. Rhode, die heilige Sage S. 106, vermuthet, dass schon zu den Zeiten Zoroasters, welcher nach ihm um 2100 vor Chr. lebte, das Jahr von 365 Tagen üblich gewesen sei, weil das Bun-Dehesch versichert, dass in dem Gesetze d. h. in den dem Zoroaster zugeschriebenen Schriften stehe, Ormuzd habe die Welt in 365 Tagen geschaffen. Das im Vendidad erwähnte Jahr wäre somit ein förmliches Sonnenjahr, was an und für sich aus dem Vendidad nicht ersichtlich ist. Wenn aber die Vermuthung begründet ist, dass die Sinesen und die Aegypter das Jahr von 365 Tagen und den Thierkreis von den Ariern, von den Chaldäern empfangen haben, reichen diese bei den letztern noch weit über das Zeitalter Zoroasters hinauf. Die geschriebenen historischen Annalen der Sinesen reichen nämlich bis zum Jahre 2698 vor Chr. hinauf , und damals schon kannten die Sinesen fast alle Erfindungen, welche der höchsten Civilisation angehören, wie z. B. die runde und abgeplattete Form der Erde an den Polen, das kopernikanische Planetensystem, die Magnetnadel, den Metallguss, die Seidenzucht und den Seidewebstuhl, die feinsten Töpfereien u. s. w. 2) Die eigentliche Zeit der Entstehung des Thierkreises mit seinen zwölf Sternbildern in Aramäa oder zu Babylon hat Bunsen, Aegyptens Stelle in der Weltgeschichte Va, S. 17 an dem Sternbilde des Stieres zu erweisen gesucht. Der Stier (Tor) ist das astronomische Frühlingszeichen, oder zur Zeit der Einführung des Thierkreises durch die Chaldäer stand die Sonne um die Frühlingsnachtgleiche in dem Stier, was aber nur zwischen 3000-4000 Jahren vor Chr. der Fall gewesen ist, indem wegen des Zurückweichens der Ekliptik bald nach 2000 vor Chr. die Sonne im Nachtgleichepunkt schon in das Sternbild des Widders

1) Spiegel, die heiligen Schriften der Parsen, I., S. 62. 2) Semper, der Styl I, S. 241.

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trat, wie Bunsen durch eine beigefügte astronomische Karte des Professor Heiss in Münster veranschaulicht hat. Das astrale Svmbol des Stieres für die wiedererwachende Zeugungskraft der Natur, für die Sonne in der Frühlingsnachtgleiche, kann daher nach Bunsen bei den Chaldäern und überhaupt in Asien nicht über das Jahr 3500 vor Chr. hinaus gehen. Nach dieser astralen Symbolik ist der Stier in Asien, in Aegypten und Griechenland das vielgebrauchte Symbol und Attribut der zeugenden und lebengebenden Götter und Göttinnen, der Frühlingsgottheiten, des wiederauflebenden Sonnen- und Erdlebens, der asiatischen Venus unter ihren verschiedenen Gestaltungen und Benennungen und der ägyptischen Hathor. 1) Die ägyptischen Widdersphynxe sind durchaus nur das Symbol der Sonne im Widder, der Frühlingssonne. Selbst in dem jüdischen Jehovadienste scheint der Stier als Symbol des Schöpfers und Erzeugers gebraucht worden zu sein und die vier Hörner an dem Opferaltare des salomonischen Tempels können nur hierauf bezogen werden, wie auch der griechische Dionysos und die griechischen Flussgötter solche Stiefhörner tragen. 2) Eben damit hängt zusammen, dass die Juden das Jahr anfingen und das Frühlings-, das Osterfest feierten, wenn die Sonne im Sternbilde des Widders stand, 3) wie überhaupt die drei höchsten religiösen Feste der Juden blose an den Jahreslauf sich genau anschliessende Naturfeste waren: das Frühlings- (Passah- oder Oster-), das Erndte- (Pfingst-) und das Herbst- (Laubhütten-) Fest. Auch die Römer begannen zuerst das Jahr mit dem Frühlingsgotte und Monate Mars, dem der Akerstier geheiligt war 4) und dessen Priestercollegien, die Salier, zwölf Mitglieder, zählten. Dass in vielen symbolischen Darstellungen der Alten ein Löwe einen Stier tödtet, hatte gewiss ursprünglich nur den astralen Sinn, dass die in dem Sternbilde des Löwen angekommene Sonne, die Gluthhitze des Sommers, den blühenden Frühling, den schönen Jüngling

1) Lajard, a. a. O., S. 188. 2) Preller, griech. Mythologie, I, S. 442. 3) Dunker, Geschichte des Alterthums, I. (1855) S. 515. 4) Preller, röm. Mythologie, S. 299 u. 300.

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Adonis tödte, welchem die Sonne in dem Sternbilde des Stieres das Leben gegeben hatte.1) Als der Thierkreis zu den Aegyptern kam, behielten sie zwar die chaldäische Sternen- und Sonnensymbolik und den Jahresanfang um die Frühlingszeit bei, aber diese letztere fällt in Aegypten in den Monat Juli, wenn die Ueberschwemmungen des Nils eintreten, weshalb an diese und an den damit verbundenen Helikalaufgang des Sirius, der göttlichen Sothis oder Isis, der Anfang des Jahres angeknüpft wurde. Unbegründet ist die Behauptung Uhlemann's, a. a. O., II. S. 238, dass der Ursprung der Astronomie in Aegypten zu suchen sei und dass die Chaldäer nach Diodor die Schüler der ägyptischen Priester seien.

Ueber das Alter des ägyptischen Thierkreises, d. i. über die Zeit, wann der chaldäische Thierkreis nach Aegypten gebracht worden und dort in Gebrauch gekommen sei, herrschen sehr ungleiche und ganz entgegengesetzte Ansichten, die besonders durch den Thierkreis von Tentyra veranlasst worden sind, obwohl das Alter dieses Thierkreises und das Alter des Thierkreises in Aegypten überhaupt zwei durchaus verschiedene Dinge sind oder das letztere gar nicht durch das erstere bedingt und bestimmt wird. Während nun Einige, wie namentlich Bode und Rhode in der vorgehenden Abhandlung dem Thierkreis in Aegypten ein sehr hohes Alter, sogar von vielleicht 16,000 Jahren, ertheilen, behauptet z. B. Bunsen, Aegyptens Stelle in der Weltgeschichte, Va S. 17, dass der bei den Chaldäern uralte und bei den Griechen neue Thierkreis den Aegyptern bis zu Trajans Zeiten gänzlich unbekannt gewesen sei. Aehnlich äussert auch Lepsius, Chronologie S. 65, man finde die Thierkreisbilder ausschliesslich gerade auf den jüngsten der ägyptischen Denkmäler und bis jetzt seien sie mit Sicherheit nicht früher als im Uebergange von der ptolemäischen zu der römischen Herrschaft nachweisbar. Bezüglich des Thierkreises zu Tentyra gelangt daher Lepsius S. 102 zu der Ansicht. dass

1) Vergl. auch, was Schwarz, der Ursprung der Mythologie, Berlin 1860, S. 181 ff., über die Rindergottheiten, die Frühlingsdonnerbullen sagt.

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"die Constellation des Rundbildes nach der Stellung der Planeten nur auf das Jahr 23-22 v. Chr. bezogen werden könne, in welchem Augustas das imperium proconsulare und die tribunicia potestas perpetua annahm." Nach Seyffarths Methode, die ägyptischen Gestirnconstellationen zu berechnen, setzt Uhlemann, a. a. O., III. S. 8, die in dem runden Thierkreise zu Denderah enthaltene Constellation auf den 11. Februar 37 nach Christus, das Geburtsjahr des Kaisers Nero, dessen Name an verschiedenen Stellen des Pronaos des Tempels zu Denderah auch hieroglyphisch geschrieben stehe. Wie es aber auch mit dem Thierkreis zu Denderah sich verhalten sollte und wenn derselbe wirklich in eine so späte Zeit herabgesetzt werden müsste, dennoch müssen die ägyptischen Astronomen den Thierkreis schon viele Jahrhunderte, ja Jahrtausende früher gekannt und gebraucht haben, indem sie eine sehr ausgebildete Chronologie mit dem Jahre von 365 Tagen besassen, welche durch die astronomisch sehr genau berechneten Sothisperioden von 1460 Jahren sicher bis zum J. 2782 v. Chr. mindestens zurückgeht. "Wenn irgendwo," sagte daher in dieser Rücksicht schon der alte Diodor, "so werden bei den Aegyptern genaue Beobachtungen der Stellung und der Bewegungen der Gestirne gemacht. Die Aufzeichnungen über eine jede derselben bewahren sie seit einer unglaublichen Reihe von Jahren; auch die Umläufe und Stationen der Planeten haben sie genau beobachtet, und die Verfinsterungen der Sonne und des Mondes wissen sie bestimmt vorherzusagen." - Im Palaste Ramses des Grossen lag einst nach Diodors Erzählung ein grosser goldener Ring nach der Zahl der Jahrestage 365 Ellen lang und eine Elle breit. Auf diesem Ringe waren sämmtliche Tage mit den Auf- und Niedergängen der Gestirne an jedem Tage sammt deren astrologischer Bedeutung verzeichnet. Kambyses soll dieses Kunstwerk fortgeführt haben. 1) Nach diesem Berichte Diodors, welcher durch eine Unmasse auf den Obelisken, Tempelwänden, Sarcophagen u. s. w. noch heute in Aegypten erhaltener Ge-

1) Dunker, a. a. O., I., S. 86; Uhlemann, ägypt. Alterthumskunde, II. S. 324.

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stirnconstellationen bestätigt wird, hatten also unter allen und jeden Umständen die Aegypter Stationen des Mondes und der Sonne, um die Umläufe derselben und der übrigen Planeten berechnen und die Verfinsterungen der ersteren vorher bestimmen zu können, d. h. einen Thierkreis mit genauer Eintheilung und mit sich daran auschliessenden Sternbildern. So alt nun eine genauere Zeitrechnung mit dem Sonnenjahre und festen Beobachtungen der Planeten, besonders des Mondes und der Sonne sind, eben so alt müssen nothwendig der Thierkreis, ein Kreis zur Berechnung der scheinbaren Monds- und Sonnenbahn sein. Dieser Kreis ist der uralte chaldäische mit dessen Bildern, weil von einem andern Kreise und andern Bildern bis jetzt in Aegypten keine Spur entdeckt worden ist. Vermuthlich haben diesen Kreis die Aegypter nach ihrer geographischen Lage und nach den dadurch begünstigten häufigeren Berührungen von den Chaldäern noch früher erhalten als die Sinesen und jedenfalls mit Hinsicht auf die Sothisperiode mindestens 3000 Jahre v. Chr., möglicher Weise noch einige Jahrhunderte früher. Ob die Constellationsberechnungen von Seyffart und Uhlemann 1) an und für sich richtig sind, darüber steht nur dem wirklichen Astronomen ein Urtheil zu; jedoch könnten sie richtig sein, auch wenn dieselben noch tausend und mehr Jahre höher hinauf sich erstrecken würden. Dass die Aegypter nicht die arische und semitische siebentägige Woche ursprünglich kannten, sondern nach Dekaden den Monat theilten, ist eine ganz untergeordnete Abweichung von den Chaldäern, wie der verlegte Frühling oder Jahresanfang es ist, denn mit und von den Chaldäern besitzen die Aegypter die sieben Planetengottheiten, die sieben Kabiren, das siebentägige Mondsviertel, die sieben schöpferischen Grundkräfte der Welt, gleich wie die 36 Dekangottheiten. Die hieroglyphischen Namen der sieben Planeten und 36 Dekane auf dem Thierkreise zu Denderah hat Uhlemann, a. a. O., IV. S. 206 zu lesen versucht. Wenn das Labyrinth eine symbolische Darstellung der Sonnenbahn war wie z. B. Uhlemann a. a. O., III. S. 138, annimmt, muss der Thierkreis in

1) A. a. O., III. S. 8, und IV. S. 206. vergl. mit II. S. 239

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Aegypten wenigstens schon zur Zeit der Erbauung des Labyrinthes, also 3000 Jahre vor Chr. bekannt gewesen sein. 1) Auch das ägyptische Todtenbuch, Kap. 7, handelt von Osiris als dem Schöpfer des Thierkreises, so dass wenigstens zur Zeit der Abfassung des Todtenbuches, welche nach Lepsius im 15., 14. und 13. Jahrhundert, nach Brugsch, Seyffart und Uhlemann (a. a. O., IV. S. 155), aber nicht vor dem Jahr 600 v. Chr. erfolgte, den Aegyptiern der Thierkreis bekannt war. In Kap. 149 des Todtenbuches werden nach Uhlemann die einzelnen Sternbilder beschrieben. Nach dem Vorbilde des Thierkreises soll auch schon Sesostris das ägyptische Land in drei Regionen, 12 Provinzen und 36 Nomen eingetheilt haben.

Wie an die Mondswoche und die sieben Wochenplaneten, die sieben göttlichen Beherrscher der sieben Wochentage, an den Mond mit seinen vier Vierteln sich fast bei allen Völkern als eine überaus heilige und alle weltliche (kosmogonische), staatliche und bürgerliche Verhältnisse durchdringende die Siebenzahl anschliesst und dadurch selbst wieder überall das hohe Alter, die Ursprünglichkeit der siebentägigen Woche, der Beobachtungen des siebentägigen Mondsviertels erweiset, ebenso ist aus der zwölf getheilten Sonnenbahn mit den vier Jahresabschnitten und Zeiten die heilige Zwölfzahl als eine göttliche und menschliche, himmlische und irdische hervorgegangen, so dass die Versammlung und der Rath der Götter und der Menschen , die himmlischen und die irdischen Vereine und Bünde, der Himmels- und der Erdenweg, - das Leiden Christi und die Prüfungen der in die Mysterien des Mithra, des Sonnengottes Einzuweihenden (qui initiandi erant, per duodecim cruciatus ducebantur, bei Windischmann, Mithra S. 69), - das Götter- und das Menschenjahr, der Tag und die Nacht aus zwölf Theilen bestehen und dem Himmel und der Erde oder der Welt mit der zwölften Stunde die letzte Stunde, die hohe Zeit, das vollendete Mass schlägt. Die zwölfte Stunde ist die wahre Geisterstunde, denn die Erde schwindet und der Himmel öffnet sich, die Nacht vergehet und der ewige

1) Vergl. auch Beck, Anleitung zur genauern Kenntniss der Welt und Völkergeschichte, I. 1. S. 376.

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Morgen, der neue Tag bricht an; was die Erde als Hochmitternacht, als Sterben und Tod bezeichnet, das ist der Anbruch des himmlischen Morgens, des Auferstehens und ewigen Lebens. Aehnlich, wie jeder Tag der Woche unter dem besonderen Einflusse eines Gestirns, des Planetengottes gedacht und geglaubt wurde, erhielten zunächst bei den Ariern und Chaldäern in Uebereinstimmung mit ihrem gesammten Licht- und Gestirnglauben auch die zwölf Theile der Sonnenbahn, die zwölf himmlischen Sonnen- und Sternenhäuser, die zwölf Bilder des Thierkreises und die zwölf Monate einen besonderen göttlichen Beherrscher, so dass wenigstens zwölf höchste Götter aufgestellt werden mussten, um jedem der zwölf Theile einen Beherrscher und Führer vorsetzen zu können. Nach einer Stelle des Diodoros über das babylonische Göttersystem, welche auch Lassen, a. a. O., II. S. 1124, bespricht, scheinen die Babylonier sogar ein System von 36 Göttern insofern gehabt zu haben, als sie jedem der 36 zehngradigen Theile oder Dekane der Sonnenbahn einen göttlichen Beherrscher zugetheilt haben, unter welchen 36 Dekangottheiten sich aber zugleich die zwölf höheren Gottheiten des Thierkreises befanden. Diodoros berichtet nämlich, dass bei den Babyloniern jedem der zwölf Herren unter den 36 rathgebenden Göttern oder Dekanen ein Monat und ein Bild der Ekliptik zugetheilt gewesen sei. Die astrologische Fortbildung und Durchbildung hatten allem Vermuthen nach die Babylonier, wie die ihnen ganz gleich stehenden und nachfolgenden Aegypter, selbst dahin geleitet, einen jeden Grad der 360gradigen Sonnenbahn oder des 360tägigen Jahres dem beherrschenden Einflusse eines gewissen Gestirns und Gestirngottes zu untergeben, wodurch erst die Mondswoche und das Sonnenjahr in vollständige Uebereinstimmung miteinander gebracht worden waren und in der Kenntniss welcher vermeintlicher Gestirneinflüsse eben wesentlich die Astrologie der Babylonier und Aegypter bestand. 1) Von den alten Aegyptern wissen wir auch, dass sie 19 Glieder des menschlichen Körpers und die mit den-

1) Vergl. Bechstein, Geschichte der Astrologie, Sondershausen 1860; Uhlemann, a. a. 0., II., S. 242 ff.

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selben in Verbindung stehenden Gebrechen und Krankheiten unter die sieben Planetengötter und die zwölf Zodiahalgottheiten vertheilt hatten. 1) Mit der chaldäischägyptischen Astrologie steht die Astrologie der Griechen und Römer und des ganzen Mittelalters begreiflich in dem innigsten Zusammenhange.

An die babylonischen und ägyptischen zwölf Sonnenhäuser, zwölf Stationen des scheinbaren Laufes der Sonne an dem Himmel, reihen sich bei den Sinesen und nach ihnen bei den Indern die 28 Mondhäuser (chines. sieu und ind. naxatra), die 28 Theile oder Stationen, in welche die Ekliptik auch eingetheilt ward, um den Lauf des Mondes zu bestimmen. Die sieu oder naxatra sind Fundamentalsterne in der Nähe des Aequators, die in demselben oder beinahe in demselben Declinationskreise mit Circumpolarsternen liegen, deren Meridiandurchgänge die chinesischen Astronomen beobachteten, um die Bewegungen der Sonne, des Mondes und der Planeten und dadurch die Tages- und Jahreszeiten zu bestimmen. Dieser Gebrauch wird von den Sinesen dem Kaiser Yao zugeschrieben, dessen Regierungsantritt in das Jahr 2357 v. Chr. G. gesetzt wird. Aus den Erwähnungen des Tscheouli oder des Ritualbuches der Kaiser der Dynastie Tscheou, die seit dem J. 1122 v. Chr. G. regierten, geht mit Sicherheit hervor, dass unter dem ersten Kaiser derselben, Wu-wang, diese 28 Fundamentalsterne den Sinesen bekannt waren und wahrscheinlich vor seiner Zeit nur 24 bestimmt worden waren, und dass sein Bruder Tscheukong zu denselben vier neue hinzufügte. 2) Es darf angenommen werden, dass diese Eintheilung des Himmels, von welcher allein die Sinesen nach Lassen einen practischen Gebrauch gemacht haben sollen, was aber kaum glaublich, - die Inder erst seit dem Jahre 1100 v. Chr. haben kennen lernen. Ob und wie viel hierin die Sinesen von den Chaldäern gelernt und erfahren haben, steht freilich nicht genau zu ermitteln; jedoch ist auch chaldäischer Einfluss wahrscheinlich, weil die Sinesen ge-

1) Uhlemann, a. a. O., IV. S. 101 ff. 2) Lassen, a. a. O, I, S. 742 ff.

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wiss den Thierkreis mit den dazu gehörigen Zeichen und Bildern, gleich den Aegyptern, Indern und Griechen, nur von den Chaldäern erhalten haben. Noch mehr aber spricht hiefür die Thatsache, dass zufolge Rhode, die heilige Sage S. 248, auch die Araber 28 Häuser oder Constellationen des Mondes haben, welche sie gewiss schwerlich von den entfernten Indern, wie z. B. A. W. Schlegel in der Vorrede zu Prichard's ägyptischer Mythologie S. XXXII behauptet, oder gar den noch entfernteren Sinesen, sondern von den benachbarten Chaldäern oder Babyloniern entlehnt haben werden, wenn man nicht etwa annehmen will, dass die Araber erst in den Zeiten der Sassaniden und noch später, als die indische Bildung nach dem Westen Asiens, besonders zu den Persern sich ausbreitete, 1) den Thierkreis mit den Mondstationen erhalten haben. Da der Mond überdem früher beobachtet und als Zeitmass gebraucht wurde als die Sonne, könnten nach einer begründeten Bemerkung von Rhode die Mondhäuser leicht selbst älter als die Sonnenhäuser sein, jedoch mit der Einführung des Sonnenjahrs und der Sonnenhäuser ausser Gebrauch gekommen und in Vergessenheit gerathen sein. Die Parsen haben wenigstens viermal sieben Izeds der 28 Mondstationen 2) und vielleicht soll hierauf nach Lajard, recherelles sur le culte de cyprès pyramidal S. 280, ein zu Apulum in Siebenbürgen aufgefundenes Mithrasdenkmal anspielen, welches in sieben Feldern je einen Dolch, einen Feueraltar, eine phrygische Mütze und eine Cypresse enthält. Auch die Aegypter haben die 28 Mondstationen gekannt und sie kommen zuweilen auf den Denkmälern als 28 Gottheiten vor, deren Namen in einem koptischen Manuscripte erhalten sind. 3)

Jetzt liegt wohl die Heiligkeit der dem Monde und der Sonne angehörenden Zahlen 4, 7 und 12 aufgeschlossen und in ihren tieferen und weltgeschichtlichen Gründen begreiflich. Mit diesen Zahlen stieg die Gottheit zu der

1) Spiegel, Avesta, I. S. 29. 2) Creuzer, Symbolik, I. S. 702 ff. und S. 720; Spiegel, Avesta, I. S. 273. 3) Uhlemann, a. a. O., II. S. 240

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Menschheit herab und ist die Menschheit gottgleich geworden; mit diesen Zahlen hat die Menschheit sich die Zeit und den Raum, den Himmel und die Erde - sie messend und theilend - unterworfen, - dem Monde, der Sonne und allen Sternen gleichsam ihre Bahnen angewiesen. Auf diesem Standpunkt dürften auch die drei maurerischen Lichter der Sonne, des Mondes und des Meisters dahin verstanden werden, dass der Mensch der die Bahn der Sonne und des Mondes begreifende und messende Meister, in gewissem Sinne ihr Beherrscher sei; ein Meister ist ein Messer im natürlichen und ethischen Sinne, - ein Messer und ein Mass Haltender oder Mässiger. Das Mass, die Ordnung, die Harmonie ist gleichmässig das grosse Gesetz der Sterne und Weltsysteme und der Menschheit, der Geister. Daher lehrten auch die Pythagareer, die vorzüglichsten Zahlensymboliker des Alterthums, dass Alles durch Nothwendigkeit und Harmonie werde, indem der Demiurg Alles harmonisch geordnet habe, ja alles Gute und Gott selbst Harmonie sei. Aeschylos, der pythagoreische Dichter, spricht dieses in dem gefesselten Prometheus in dem Satze aus:

nie können über die Harmonie des Zeus der Sterblichen Rathschläge hinausgehen." Noch erhabener spricht Jesaja 40, 12 den Gedanken Gottes als des allmächtigen Weltschöpfers, Bildners und Ordners aus:

   Wer mass mit seiner hohlen Hand die Wasser
   und grenzte ab den Himmel mit der Spanne?
   und fasste in einen Scheffel den Staub der Erde?
   wer wog mit einem Gewicht die Berge?
   und die Hügel in einer Wage?
   Wer ermass den Geist des Ewigen
   Und wer unterwies ihn als sein Rathgeber?

Daran darf angereiht werden aus Jesaja 64, 7:

   Und nun Ewiger, du bist unser Vater:
   Wir sind der Thon, und du bist unser Bildner
   Und das Werk deiner Hand sind wir alle.

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In der Ueberschrift des Kapitels 147 des Todtenbuches wird Osiris nach Uhlemann, ägyptische Alterthumskunde, I. S. 103, genannt ponderator et mensurator terrarum. Hieran darf auch angereiht werden der Deus O. M., der der Römer und der Griechen, die Divina Mens bei Cicero. In den Zahlen erkannte die Urmenschheit das göttliche Gesetz, die göttliche Ordnung, und dieses Gesetz und diese Ordnung waren ihr heilig. Das Schaffen Gottes, des allmächtigen Baumeisters, ist ein Messen, Zählen, Wägen, Abgrenzen und Ordnen, und in derselben Weise soll der Mensch, der kleine Baumeister, das sittlich Gute schaffen, den Bau der Menschheit bauen. Die Zahlen 4, 7 und 12 hatte die Urmenschheit zuerst in den Sternen messend und betend erkannt und gelesen und nach dem Bilde des Himmels wurde sodann die irdische Wohnung, - der Tempel, die Loge, die Kirche, der Staat, die Stadt, das Dorf und das Haus gestaltet und eingerichtet. Nach den vier Himmelsgegenden theilen sich der Himmel, die Erde und die Erdenräume und vier Abschnitte hat der Tag, der Monat, das Erden- und das Gottesjahr; in sieben Tönen erschallt der Himmels- und der Erdenaccord und zu dem Hirten mit der siebenstrahligen Sternenkrone flehen sieben Schafe, die Menschheit, denn die Erde und die Menschheit empfangen das Geschenk des Lichtes nur von der Sonne, von Gott; mit zwölf Schritten eilen der Tag und die Nacht, das Erden- und das Weltenjahr der neuen Zeit und dem neuen Leben entgegen.

Die gemessene und messende Monds- und Sonnenbahn haben den asiatischen Völkern, den Aegytern und der gesammten ihnen nachfolgenden Menschheit nicht bloss die heiligen Zahlen 4, 7 und 12 gegeben, sondern an die Bilder des Thierkreises knüpft sich noch eine weitere sehr reiche und bedeutungsvolle heilige Symbolik, indem die Bilder sich gleichsam belebten und in den Mythen und Sagen ihre Geschichte erhielten. Jedenfalls sind die bei den Asiaten und Aegyptern, bei den Griechen und Römern und durch das ganze Mittelalter bis herab auf die Gegenwart so viel gebrauchten Symbole des Lammes und des Widders, des Stiers und des Löwen ursprünglich durchaus nur die Sonne und die Sonnenkraft in dem betreffenden

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Zeichen des Thierkreises, wie oben von dem Stiere und anderwärts 1) von dem Lamme und Löwen nachgewiesen worden ist. Nach der Abbildung des ägyptischen Thierkreises in dem Tempel zu Tentyra möchte auch die bei den Indern und Aegyptern, bei den Parsen, bei den Griechen und Römern (Themis, Tyche), bei den Hebräern 2) und sonst erscheinende Todtenwage, die Wage der ewigen Gerechtigkeit mit dem Thierkreise zusammenhängen. Das Sternbild der Zwillinge schuf vielleicht die Dioskuren, Apollo und Axtemis und ähnliche mythologische Zwillings- und Brüderpaare. Ferner schliesst sich an das bei den Aegyptern und bei den Juden, bei den Persern, bei den Griechen und Römern vorkommende Symbol des Jahres von 365 Tagen, so wie das damit verwandte Symbol des Mondjahrs und die symbolische oder wirkliche Darstellung der sieben Planeten und des Thierkreises. Ebenso darf das Kreuz und der am Kreuze sterbende Gott mit den zwölf Leidensstationen auf die Sonnenbahn, auf die Sonne nach der Herbstnachtgleiche bezogen werden. 3) Verwandt hiemit ist, dass nach Diodor I. 22 das Grabmal des Osiris auf der Insel Philä mit 360 Giessgefässen umgeben war und Typhon mit 72 Gesellen oder Mitverschwornen, d. h. die 36 Dekane und 36 Halbdekane, den Osiris erschlagen. 4) An den leidenden und sterbenden Sonnengott lehnte sich aber untrennbar der wiederkehrende Gott, der siegreiche Erlöser und Retter, der parsische Heiler (Caosyâc, Sosiosch) mit den Unsterblichkeitsmysterien des Mithra, des Osiris und der Isis , des Hiram, des Dionysos, der Proserpina und Aphrodite u. s. w. innigst an. An dem Thierkreise oder vielmehr in demselben spiegelt und spinnt sich das ewige Drama des Erden- und des Weltlebens, des Lebens der

1) Alpina für 1860, S. 235 ff. 2) Hiob 31, 6 wird gesagt: "So wäge man mich mit rechter Wage und Gott wird erfahren meine Frömmigkeit." - Eben in diesem Sinne wird die Wage Apokalypse 6, 5 erwähnt. Auch Zeus hat eine Wage, auf welcher er nach Homer die Geschicke des Menschen abwägt. 3) Krause, Kunsturkunden, I. 2, S. 462 u. 63. 4) Uhlemann, ägyptische Alterthumskunde, II. S. 167.

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Gottheit und der Menschheit in der Zeit und dem Raume der ab; Alles hienieden ist dem Wechsel und dem Tode, der Nacht und dem Winter unterworfen, aber dort hoffen wir das unvergängliche Licht und Leben, den Unsterblichkeitstrank. In diesem Sinne sagt auch Osiris im Todtenbuche 148, 16 von sich: "Ich bin der Vater der Götter, ich bin die Mutter der Götter, ich bin der Gott, welcher die Welten geschaffen, der euch befreiet von euren Leiden." 1) Auch stand hierrnit in Uebereinstimmung die Hauptinschrift auf den ägyptischen Mumiensärgen, indem diese gewöhnlich mit den Worten begann: "N. N. ist hinübergegangen zur Wiedervereinigung mit Osiris."

1) Uhlemann, ägypt. Alterthumskunde, II S. 156.


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