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Zur Geschichte des Vereins deutscher Freimaurer - Teil 1

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Zur Geschichte des Vereins deutscher FrMr.

Quelle: Die Bauhütte, 18. August 1866, No. 34, IX. Jahrgang

Der Gedanke, eine innigere Verbindung gleichgesinnter Brr. zum Zwecke maurerischer Reformen herzustellen und damit gewissermassen die Idee des Vereins deutscher Freimaurer kam zuerst zur Aussprache in einem Briefe des Br. Seydel an Br. Findel, im Jahre 1859, worin es u. A. heisst: „Wichtiger, als irgendwo wäre es aber hier, wenn die Reformfreunde sich wirklich in der Bauhütte beriethen und einigten, und sich ausdrücklich verbänden, in dem Sinne, in welchem sie sich geeinigt, praktisch fortzuwirken. Dann erst würde die Bauhütte, was sie von Anfang sein sollte, ein Sprechsaal oder eine ideelle Centralbehörde, was dann einmal dazu führen könnte, einen Centralverein zu stiften, welcher die bessernde Gestaltung des Bundes in die Hand nehme." In einem weiteren Briefe vom 6. Juli von Br. Seydel an denselben heisst es: „Dass Du an Rituale denkst, höre ich gern; Es ebenso an den Centralverein, ist immer besser, etwas Positives bieten, als bloss das Alte tadeln. Aber Du hast Recht, dass wir erst noch weiteren Boden in der Maurerwelt gewinnen müssen." Nach diesem Austausch ruhte die Idee fast ein volles Jahr, indem sie erst im April oder Mai 1860 im Briefwechsel zwischen den Brn. Findel und Schauberg wieder auftauchte, diesmal aber, um alsbald eine festere Gestalt zu gewinnen. Schon am 15. Mai schreibt Br. Schauberg an Erstgenannten: „Um Ihnen gefällig zu sein, empfangen Sie anbei den versprochenen und gewünschten Aufsatz über einen neu zu gründenden Verein der wissenschaftlichen Freimaurer Deutschlands und der Schweiz. Sind Sie und Br. Seydel mit meinem Vorschlage einverstanden, müsste natürlich von Ihnen in der Bauhütte die Sache weiter besprochen und ein Gründungskommittee in Anregung gebracht werden. Ueber die dem Verein zu gebende Einrichtung glaube ich alles Wesentliche bemerkt zu haben." Der oben berührte Artikel*) erschien in Nr. 23 der Bauh. v.J. 1860 (2. Juni), womit die erste öffentliche Anregung zur Verwirklichung der Idee gegeben war. „Ein höheres und allgemeines geistiges Bewusstsein, Streben und Leben" — heisst es in demselben — „sollte geweckt und gepflegt und als das einigende Band um die deutschen und schweizerischen Br. geschlungen werden; wie die Hände und die Herzen längst sich liebend verbunden haben, sollten auch die kämpfenden und strebenden Geister sich vereinen und versammeln." Zum Vorbild sollte die morgenländische Gesellschaft genommen werden, deren Statuten auch die des Vereins nachgebildet wurden. „Die Gesellschaft der deutschen Freimaurer soll der wahre geistige und mächtige Protektor der wissenschaftlichen Freimaurerei in Deutschland sein und weiden." Der geschäftsleitende Ausschuss sollte seinen Sitz in Leipzig haben u. s. w. In Nr. 25 und 27 der Bauhütte (III. Jhrg.)**) wurde der Plan zunächst von den Brn. Findel und Seydel befürwortet, indem der Erstere den Nutzen archivalischer und bibliographischer Centralisation hervorhob, Letzterer die Meinung aussprach, der Verein müsse aus einem maurer. Congresse hervorgehen. Wie alles Neue zunächst mit Misstrauen betrachtet wird, so auch der Verein. Die Bedenken, welche älteren Brüdern die Abhaltung eines Congresses und die Gründung eines Vereins einflösste, fanden ihren Ausdruck in dem Artikel***) „Auch ein Wort zur Congressfrage"

*) lieber einen zu stillenden wissenschaftl. Verein der deutschen und der schweizerischen Freimaurer mit jährlichen Zusammenkünften. Von Dr. J. Schauberg.

**) „Der Verein wissenschaftlicher Freimaurer." — „Wissenschaftlicher Freimaurerischer Verein und allgemeiner Freimaurer-Congress." Sendschreiben etc. von lt. Seydel.

***) III. Jahrg. Nr. 36.

von einem ungenannten Br. (Acacia) aus Danzig, welcher an den Berliner Grossmstr.-Verein verwies, der sich erweitern lasse, sowie an die Grosslogen, welche allein „im Besitz der maurerischen Geschichte" seien. „Die Maurerei ist keine Wissenschaft, sie ist eine Kunst; sie kann nicht gelehrt, sie muss geübt werden. Darum, geliebte Brr., seid ruhig, überstürzet nichts und vertrauet der leitenden Hand euerer Grosslogen; sie und nur sie allein kann euch würdig dem erstrebten Ziele zuführen." Während Br W. Keller sich vorzugsweise mir gegen einige Bemerkungen des Br. Schauberg richtete, sprachen sich zu Gunsten des Vereins die Brr. Leutbecher in Erlangen, Loth in Altenburg und wiederholt Br. Schauberg (Vgl. III. Jhrg. Nr. 31. 34. 37. 39. 41.) aus.

Nachdem in dieser Weise die - Vorberathungen über das Unternehmen zur Genüge stattgefunden, wurden in Nr. 40 der Bauhütte endlich die provisorischen „Statuten" veröffentlicht und Beitrittserklärungen entgegengenommen. Den Entwurf der Statuten hatte Br. Schauberg schon am 27. Juli eingesandt, mit der Bemerkung: „Sie sind möglichst kurz und einfach, aber dennoch hoffe ich auf Ihre und Br. Seydels Zustimmung. Der Statutenentwurf ist der Ausfluss eines gleichmässig durchgeführten Gedankens; jedoch werden, alle Ihre Gegenvorschläge unter keinen Umständen mich verletzen; denn es handelt sich um die Sache und um eine schöne Idee."

In gleich brüderlicher und echtmr. Weise hatte sich Br. Schauberg in Nr. 41 ausgesprochen, was wir besonders hervorheben müssen, da leider persönliche Antipathie gegen diesen Br. der Grund war, weshalb manche Brr. dem Verein sich nicht anschlossen und andere denselben längere Zeit hindurch mit Misstrauen ansahen und befehdeten. Es heisst a. a. 0.: „Auch Br. Keller in Giessen billigt den Gedanken des Vereins an sich, und hält denselben der Verwirklichung werth, hat aber in Nr. 34 der Bauhütte (1859) sich verleiten lassen, daran eine literarische Fehde mit mir über die maurer. Geschichtschreibung zu knüpfen. Da ich für das allein Nothwendige und Nützliche erachte, dass die Brr. unter dem Banner der Wissenschaft zuerst sich vereinen und gemeinsam handeln, nehme ich den von Br. Keller eingeleiteten Streit absichtlich nicht auf, sondern bitte ihn brüderlichst, dem Verein beitreten und denselben im Interesse der schönen und guten Sache, welche auch mein einziges Interesse ist, aus allen Kräften fördern zu wollen. — Denken Br. Keller und ich über die maurerische Geschichtschreibung verschieden, so sollte dieses ein brüderliche Zusammenwirken für die Zwecke und das Wohl des Bundes, dem wir beide angehören, der uns beiden gleich am Herzen liegt, nicht entfernt hindern." — «Der Verein soll kein Bund im Bunde, sondern ein Bund für den Bund sein, — er soll zum Herzen möglichst den Geist und das Wissen hinzufügen, er soll die vereinzelt schwachen Kräfte und Bestrebungen zu einem starken Bande zusammenknüpfen."

Der Beitrittserklärung des Mstrs. v. St. der [ ] „Teutonia zu Potsdam", Br. F. W. Puhlmann, folgten der Redner und Deput. Mstr. derselben Loge, sowie die Brr. Levison in Minden, Nütten in Aachen, Merzdorf in Oldenburg, Leutbecher in Erlangen, Br O. Puhlmann in Potsdam, Dr. Edm. Leipoldt in Planitz und Ende November endlich zu gleicher Zeit 11 Brr. aus Wiesbaden, an ihrer Spitze Br. Dr. Genth, damals Mstr. v. St. und mehre andere Brr.

Da die Theilnahme eine nur sehr geringe blieb und die einzelnen Beigetretenen sehr weit umher zerstreut wohnten, war es eine höchst schwierige Aufgabe, einen geeigneten Orient für die constituirende Versammlung zu finden. Nur in Potsdam und Wiesbaden war auf eine grössere Theilnehmerzahl zu rechnen; beide Oriente lagen aber, als zu weit vom Mittelpunkt Deutschlands entfernt, ungünstig. Wiesbaden hatte überdies gebeten, die erste Versammlung dort nicht zu halten, da die Loge noch sehr jung und die Maurerei in Nassau nur geduldet sei. In Dresden fand Br. Seydel zwar zuerst ein geneigtes Ohr, als er um Ueberlassung des Logenhauses bat, aber während schon in voller Freude die ersten Vorbereitungen zur Abhaltung der constituirenden Versammlung in Dresden getroffen wurden, erhielt Br. Seydel plötzlich und unerwartet eine Zuschrift von den beiden dortigen Stuhlmstrn., den Brn. Dr. Richter und Dr. Küchenmeister, worin mitgetheilt ward, dass man vor der Hand ausser Stande sei, dem Verein das Logenhaus zu überlassen und sich an dem Verein zu betheiligen und zwar aus Rücksicht gegen die Regierung. „Wollten wir Ihnen gegenwärtig die Loge zu Ihrem Unternehmen überlassen, wollten wir uns selbst betheiligen, so würden wir eine That an die Stelle eines unklugen Worts setzen, die gar leicht missdeutet werden könnte und desshalb unklug zu nennen wäre. Leicht könnte man meinen, es seien hinter dem maurerischen Deckmantel politische Beweggründe massgebend und würden Versuche gemacht, ähnliche Richtungen zu verfolgen, als an der Spitze stehende Persönlichkeiten sie im profanen Leben verfolgen." — „Sobald übrigens die Tendenz, welche der neue Verein verfolgt, uns klarer geworden ist, als dies bisher uns möglich war, sobald thatsächliche Beweise Ihres Strebens in der maurerischen Literatur uns begegnet sind, werden wir im Stande sein, auch ein sachlich maurerisches Urtheil uns zu bilden und über die Richtschnur unseres Handelns und unserer Stellung dem neuen Verein gegenüber uns ein Urtheil zu bilden. Bis dahin werden Sie ein zuwartendes Verhalten als gerechtfertigt erachten. Wir werden auf keinen unserer Brr. einen Druck ausüben, der gegen Ihren Verein gerichtet wäre." (Dresden, 26. März 1861.)

Unter diesen Umständen nun gab es nur einen einzigen Ausweg: — Potsdam. In aller Eile wurden daher Verhandlungen mit dem gel. Br. Puhlmann angeknüpft, welche denn auch zu einem glücklichen Resultate führten, so dass die Versammlung (in der Bauhütte vom 11. Mai) auf den 18. und 19. Mai 1861 nach Potsdam einberufen werden konnte. Von auswärts freilich war nun auf grosse Theilnahme keinesfalls zu rechnen; indessen war sie doch zur Gründung des Vereins genügend. Wir erlauben uns den Bericht über die constituirende Versammlung vollständig hier einzuschalten. Er lautet:

Die s. e. [ ]1 „Teutonia zur Weisheit" im Or. von Potsdam hat sich das grosse und hoffentlich bis in die fernsten Zeiten hinauswirkende Verdienst erworben, dem „Vereine deutscher Maurer" dessen Gründung im Verlaufe des letzten Winters durch provisorische Verhandlungen und Mitgliedsbeitritte vorbereitet worden, in ächter maurerischer Liberalität eine Geburtsstätte in ihren Räumen bereitet zu haben. Die Geburt ist erfolgt unter den günstigsten Vorbedeutungen; die Wiege war umstanden von einer gewählten, wenn auch verhältnissmässig kleinen Anzahl würdiger und wahrhaft gebildeter Brr. verschiedener Oriente, und den Händen eines noch jugendfrischen edlen Greises, der neidlos von Allen als der Würdigste und Beste erkannt wurde, und dem in Ehrfurcht und Liebe sich unterzuordnen Jeder als eine hohe Freude empfindet, ist die erste Pflege des neugeborenen Kindes übertragen. Pfingsten 1861 wird allen Brüdern, welche mit uns tagten, auf Lebenszeit in schöner, dankbarer Erinnerung bleiben; selbst die Natur, die sich so spröde zeigen wollte in der Entfaltung ihrer Frühjahrsreize, ja anstatt des Blüthenschnee's sogar boshaft und frostig über die um Liebe flehenden Brr. bisweilen wahrhaftigen Winterschnee ausschüttete — auch sie wurde auf den lohnendsten Punkten der herrlichen Umgebung Potsdams gerade in den wenigen Momenten überrascht, wo die Sonne im glänzendsten Siege war und die schönsten Effecte der Beleuchtung hervorbrachte. Und hätte die Natur auch wirklich durchgetrotzt, so wäre sie dennoch unterlegen, beschämt durch die ausserordentliche Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit der dortigen Brüder und ihrer lieben Schwrn. Möge es in der Maurerei immer so sein, und in dem künftigen Leben unseres Vereins insbesondere, dass alle Sprödigkeit durch Sonnenschein und Liebe überwunden wird!

Die erste allgemeine Begegnung unter den Brn., die sich zum Theil erst kennen lernten, erfolgte am Sonnabend den 18. Mai im Gebäude der [ ], Abends gegen 7 Uhr. Unter dem Vorsitze des hochw. Brs. Dr. Fr. Wilh. Puhlmann, dortigen Oberstabsarztes, Mstrs. v. St. der [ ], fand eine Lehrlingsaufnahme nach der Lehrart der 3 Weltk. statt. Die fremden Brüder traten am Arme einheimischer Brüder, meistens der Beamten der [ ], in den Saal, durch vollstimmigen Gesang begrüsst, und erhielten ihre Plätze im Osten, zu den Seiten des hochw. Vorsitzenden. Dieser hiess die Besuchenden in seiner freundlich-würdigen Weise willkommen, und wies hin auf den Zweck ihrer Dahinkunft, gemäss welcher sie „heute noch Gäste seien, aber morgen an derselben Stätte als in ihrem Eigenthume zu arbeiten gedächten." Br. Findel aus Leipzig erwiderte im Auftrage der Uebrigen diese Anrede mit Gruss und Dank. Nach der Aufnahme, war Tafel[ ], an der sich viele Brr. dortigen Or. betheiligten, und bei welcher die [ ] die fremden Brr. im ausgedehntesten Sinne als Gäste empfing. Die Toaste der Brr. Puhlmann, Vater und Sohn, Marggraff, Findel, Sausse aus Guben, Seydel aus Leipzig, Marsch u. A. trugen das Gepräge der Geistesfreiheit und des maurerischen Schwungs, und die musik. Brr. würzten das Mahl durch ihre Vorträge (Quartettgesang und Piano).

Am ersten Feiertage Vormittag 11 ½ Uhr fand nun die eigentliche Vereinsversammlung statt. Auch sie wurde in der Form einer Logenarbeit, mit abgekürztem Ritual, abgehalten, wiederum unter dem Vorsitze des hochwürdigen Br. Puhlmann des ältern. Dieser eröffnete die Sitzung mit einem längeren freien Vortrage, der in ausserordentlich lichtvoller und erschöpfender Weise, mit einer seltenen maurer. Geschichtskenntniss und mit fortwährenden Seitenblicken auf die verschiedensten Gebiete auch der nicht-maurererischen Wissenschaft, den Zweck des zu gründenden Vereins entwickelte, seine Nothwendigkeit darthat, den Einwand widerlegte, dass dieser Verein etwa durch die Erkenntnissschätze der Grosslogen oder durch die Engbünde überflüssig gemacht sei, das Verhältniss schilderte, welches dieser Verein gegenüber den Grosslogen und Mutterlogen gesetzlich und seinem Zwecke gemäss einzunehmen habe, und aus einer Ueberschau über die geschichtlich bekannten ähnlichen Bestrebungen früherer Zeiten Lehren und Warnungen zog für die unsrige. Bezüglich des Verhältnisses des Vereins zu den Mutterlogen sprach er sich dahin aus, dass der tiefere Grund der Sonderung beider darin bestehe, dass die Mutterlogen mehr das erhaltende, der Verein mehr das frei fortschreitende Element vertreten; das einheitliche gemeinsame Streben sei für die lebendige Fortentwicklung des Bundes ein Bedürfniss. Ein Vorbild biete Israel in der Stellung des Priester- und Prophetenthums; beide hätten, jedes in seiner Art, wohlthätig gewirkt, so lange sie friedlich und einträchtig neben einander bestanden. Baco nenne den Geschichtsforscher einen rückwärts schauenden Propheten; erheben wir uns zu dieser belebenden und vergeistigenden Durchdringung der Vergangenheit und folgen wir hierbei dem Thomas, unter den Aposteln gekennzeichnet durch das Winkelmaass, welcher bei aller Glaubenstreue, bei aller opferfreudigen Liebe dennoch dem forschenden Zweifel sich nicht verschloss. Wie der erste der Propheten, der gotterleuchtete Moses, der geistige Held des Judenthums, so sei der letzte der Propheten, der Täufer, unser Führer. Er, der grösste unter allen vom Weibe Geborenen, war dennoch der Kleinste im Himmelreich, uns eine Mahnung, dass alle Wissensfülle nur unter Menschen zu erhöhen vermöge. Deshalb beschränke der Verein seine Thätigkeit nicht auf das Gebiet wissenschaftlicher Forschung, sondern erhebe die höhere Forderung, Freundschaft und Bruderliebe zu bethätigen und somit das Gebot des Bundes zu erfüllen: den Verstand zu erleuchten und das Herz für die Tugend zu erwärmen. [Anm.d.Red.: Hervorhebung nicht im Original]

Die Besonnenheit und Zartheit, der Tact und die Würde, die Geistesfreiheit und die Friedensliebe, womit Br. Puhlmann alle maurerischen Interessen und alle gegebenen Verhältnisse behandelte, garantiren den Bestrebungen unsres Vereins die sichersten und erfreulichsten Erfolge. Alle anwesenden Brüder waren nach seiner Rede von dem wärmsten Danke und der wahrsten Liebe erfüllt zu dem guten wackern Alten, der so schön die entlegensten menschlichen Vorzüge in sich vereinigt, und Jeder fühlte, dass ein gütiges Geschick über dem Unternehmen walte, von dessen Tragweite und Wichtigkeit, so wenig sie sich auch in klaren Begriffen absehen lässt, doch Jeder gar bald eine Ahnung empfing.

An den Vortrag des Br. Puhlmann schloss sich eine Debatte über den Zweck des Vereins, an der sich die Brr. Puhlmann I. u. II., Marsch, Marggraff, Findel, Soydel, Schottki aus Posen (Appell.-Ger.-Rath und Abgeordneter in Berlin), Van Dalen aus Berlin, betheiligten. Das Resultat war, dass der Verein die maurerische Wissenschaft nach ihren beiden Seiten hin, d. i. nach der historischen sowohl, als nach der philosophisch-praktischen Seite, durch zu veröffentlichende Arbeiten, Zusammenkünfte und Sammlungen zu fördern gedenke; dass die Zusammenkünfte dazu dienen sollten, den Vertretern verschiedener Auffassungen der Maurerei, sowie verschiedener Meinungen über alle möglichen Angelegenheiten des Bundes einen Centralboden des gegenseitigen Austausches und der gegenseitigen Belehrung zu gewähren, sowie dass die Zusammenkünfte u. A. auch zu Discussionen und Abstimmungen über die fraglichen Punkte, und somit zu Votis führen sollten, welchen man wohl als Votis einer Versammlung der Intelligenteren unter den Maurern einen gewissen thatsächlichen Werth werde zuerkennen müssen. Nach solcher Festsetzung des Zweckes und der Tendenz des Vereins wurde derselbe als constituirt erklärt, und ihm an Stelle des früher vorgeschlagenen Namens „wissenschaftlicher Verein u. s. w.", um nicht das Vorurtheil zu erwecken, als hege er nur specifischgelehrte Absichten, nach kurzer Debatte der einfache Name „Verein deutscher Maurer" ertheilt. Nun ging es an die Berathung des früher in der „Bauhütte" veröffentlichten Statutenentwurfs des Br. Schauberg in Zürich. Er wurde in den Hauptzügen genehmigt, wiewohl auch mehrfach amendirt und zu einer wesentlich kürzeren Redaction empfohlen. Die bedeutendsten Aenderungen waren: ein Zusatz zu der Bezeichnung des Zwecks § 1, von Br. Findel, und ein anderer, von Br. Leutbecher in Erlangen brieflich vorgeschlagen, durch Br. Kruthoffer aus Wiesbaden mitgetheilt; die Erwählung der „Bauhütte" zum Organ des Vereins, auf Antrag und Unterstützung der Brr. Leutbecher, van Dalen und Seydel, jedoch auf Antrag des Br. Findel unter der ausdrücklichen Bestimmung, dass damit keinem Mitgliede des Vereins ein Zwang auferlegt sei rücksichtlich der Anbringung und weiteren Verwerthung seiner Arbeiten; ferner die Erhöhung des Mitgliedsbeitrags auf 4 Thlr. — jährlich, wofür aber jedem Mitgliede vom 1. Juli d. J. ab das Organ des Vereins, die „Bauhütte", gratis zu liefern ist, indem der Verein auf seine Kosten auf die „Bauhütte" abonnirt, Antrag des Br. Dr. Marggraff. Der Herausgeber der genannten Zeitschrift sprach dagegen, indem er vorschlug, den Beitrag auf 2 Thaler — festzusetzen und die Anschaffung der Bauhütte jedem Einzelnen freizuzustellen; mehrere Brr. machten aber geltend, dass die Vereins-Mitglieder ein bleibendes Bindemittel haben und von allen Vereins-Angelegenheiten und -Arbeiten unterrichtet sein müssten u. s. w. — Ferner die Reduction der Anzahl der Vorstandsmitglieder auf drei, von denen der Vorsitzende mit ausdrücklicher Bestimmung für dieses Amt gewählt wird, während die Andern sich in die übrigen Geschäfte theilen und von denen der Vorsitzende den Verein nach aussen zu vertreten hat, auf Antrag des Br. Puhlmann I.; endlich die Beschränkung der Beitrittsfähigkeit auf Brr. Mstr., auf Antrag von Br. Findel. In Folge dessen war es den anwesenden Brr. Lehrlingen Mentzhausen aus Berlin und Burchardt aus Landsberg a. d. W. vorläufig noch nicht möglich, dem Vereine beizutreten. Nach einer definitiven Anfrage, welche der anwesenden Brr. — aus der [ ] „Teutonia" waren inzwischen noch mehre Brr. beigetreten — sich nunmehr zu Mitgliedern des Vereins erklären wollten, und nachdem als selbstverständlich beschlossen worden war, die provisorisch beigetretenen Brr. noch einmal nach Veröffentlichung des nunmehrigen Statuts um ihr Beharren zu befragen, wurde zur Wahl geschritten.

Die Brr. Findel und Seydel lehnten den Vorrang ab, der zunächst vom hochw. Br. Puhlmann I. in Uebereinstimmung mit Br. Schauberg, dem Or. Leipzig zugedacht wurde, und schlugen, unterstützt durch die Rede noch mehrer anderer Brr., den hochw. Br. Puhlmann I. selbst zum Vorsitzenden vor. Derselbe wurde durch Acclamation gewählt, und hierauf ebenso die Brr. Findel und Seydel zu Vorstandsmitgliedern. Br. Kruthoffer aus Wiesbaden machte für diese Wahl namentlich geltend, dass durch dieselbe von den Leipziger Brn. jeder Verdacht ferngehalten werde, als verfolgten sie irgendwelche Nebeninteressen — ganz abgesehen natürlich von der Jedem in die Augen springenden Angemessenheit des Br. Puhlmann für das Amt des Vorsitzenden, welche Br. Findel in Bezug auf sich und Br. Seydel schon um des Alters und der Erfahrung willen in Frage stellen musste. Die Wahl wurde von allen Dreien angenommen.

Die Bestimmung des nächsten Versammlungsortes wurde dem Vorstand anheim gegeben, aber zugleich der Wunsch ausgesprochen, dass die Versammlung möglichst im Monat August möge abgehalten werden.

Die Sitzung, die sonach volle drei Stunden gewährt hatte, ward dann um ½ 3 Uhr ritualmässig geschlossen, nachdem Br. Gross, der Schriftführer der [ ] und Mitglied des Vereins sein aufgenommenes Protokoll verlesen, welches er der Redaction der „Bauhütte" in schnell gefertigter Abschrift freundlichst zur Verfügung gestellt hat.

Im Hotel „zum Einsiedler" bei Br. Kast wurde ein vortreffliches Mahl eingenommen im trauten engeren Kreise, der zumeist aus Vereinsmitgliedern bestand.

Den spätem Nachmittag, ebenso wie am Sonnabend geschehen war, wurde von gel. Brn. Potsdams mit Einigen der fremden eine Ausfahrt nach den schönsten Punkten der Umgegend angestellt. Die gel. Brr. Sausse, Schottki und van Dalen hatten bereits die Rückreise angetreten. Am Vormittag des zweiten Feiertags verabschiedeten sich die letzten. Alle sind mit dem Eindrucke abgereisst, dass ein Werk gethan ist, dass es in gute Hände gelegt worden, und dass sie einen schönen Kreis tüchtiger und liebenswürdiger Brüder kennen gelernt haben, mit denen es sich gut leben liess."

Während der junge Verein nur aus weiter Ferne, aus Amerika, Zeichen freundlicher Theilnahme erhielt — die Brr. Barthelmess und Röhr begrüssten ihn mit grosser Freude — wurde in der Nähe nicht blos insgeheim gegen ihn agitirt, sondern auch sofort ein offener Feldzug gegen ihn eröffnet. Dies geschah in einem Joh.-Rundschreiben*) der ehrw. [ ] „Zu den zu den 3 Schwertern und Asträa z. gr. R." in Dresden, worin es u. A. heisst:

„Die Brüderschaft unserer Loge wurde im verflossenen Maurerjahre besonders lebhaft durch die in der deutschen Maurerwelt jetzt so vielfach auftauchende Reformfrage beschäftigt, welche namentlich in der freimaurerischen Zeitschrift „Die Bauhütte" nun schon seit Jahr und Tag verhandelt wird und bereits zur Bildung eines maurer. Reform-Vereins geführt hat. — Da es in so bewegter Zeit nothwendig ist, eine feste Stellung einzunehmen und mit der eigenen Ueberzeugung nicht hinter dem Berge zu halten, so übergeben wir Ihnen, verehrte und gel. Brr., in dem Folgenden ein Votum über diesen Verein und seine Tendenzen, das im Auftrage unserer Mstrschaft von unserm ehrw. Br. Rumpelt-Walther abgefasst und in wiederholten Conferenzen approbirt, die Stellung bezeichnet, welche unsere Loge zu diesem Vereine, wie zu der Reformfrage überhaupt einnimmt. —"

*) Vgl. Bauhütte 1861, Nr. 41

Nun wird aus einzelnen Aussprüchen von Mitstiftern die Behauptung abgeleitet, es herrsche „bei allen, diesen Vereinsbestrebungen einerseits ein ebenso grosses Verkennen der Zwecke und Aufgaben der Freimaurerei und ein Vergessen der bei der Aufnahme übernommenen Verpflichtungen, als auf der andern Seite Unklarheit über das, was eigentlich angestrebt und erreicht werden soll."

(Fortsetzung folgt.)

1 "[ ]" ist im Originaltext ein liegendes Rechteck.

Geschichte

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