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Österreich 1938: "Eine moderne Inquisition"

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Inhaltsverzeichnis

Österreich 1938: "Eine moderne Inquisition"

Ray V. Denslow: "A modern Inquisition"
The Last Days of the Grand Lodge of Austria

Ray V. Denslow

Eine moderne Inquisition: Die letzten Tage der Großloge von Wien im Frühjahr 1938 nach der Okkupation Österreichs durch Adolf Hitler. Eine Publikation des vor und nach dem Zweiten Weltkrieg bekannten amerikanischen Freimaurerpublizisten Ray V. Denslow aus dem Jahr 1942. Basis: Vor allem die Erinnerungen von Wladimir Misar, Großsekretär der Großloge von Wien (heute: Großloge von Österreich). Für das Freimaurer-Wiki dokumentiert von Rudi Rabe.

Anfang März 1938 ließ Adolf Hitler seine Armee in Österreich einmarschieren und die kleine Republik dem Deutschen Reich anschließen. Für die österreichischen Freimaurer war das eine finale Katastrophe: Ihre Logen und die Großloge wurden in wenigen Tagen geschlossen. Führende Mitglieder wurden verhaftet und verhört, der bereits schwerkranke Großmeister Richard Schlesinger starb ein paar Wochen später im Gestapogefängnis an einer Sepsis. Viele von den knapp tausend Freimaurern emigrierten.
Siehe auch: 1938:_Wie_Hitler_die_österreichische_Freimaurerei_auslöschte

Wladimir Misar

Immer wieder verhört wurde auch Wladimir Misar, ein Volkshochschullehrer, der dem Großmeister seit 1922 als Großsekretär zur Seite stand. Er konnte das Land zusammen mit seiner Frau Olga, einer engagierten Pazifistin und Frauenrechtlerin, erst ein Jahr später Richtung England und Amerika verlassen. Unser Wissen über das Schicksal der Großloge und der Logen in jenen Märztagen basiert vor allem auf seinen Erlebnissen.

Wladimir Misar (geb. 1872 bis) hatte mit Ray Denslow (1885 bis 1960) einen freundschaftlichen Briefwechsel gepflegt. Denslow war in den USA als ‚inoffizieller Botschafter zur Förderung der Kommunikation zwischen den Großlogen auf der ganzen Welt’ bekannt. Als Misar das Hitlerreich endlich verlassen konnte, meldete er sich im März 1939 bei Denslow und bot ihm seine Aufzeichnungen an. In dem Brief an Denslow schrieb er: „Du hast recht, wenn du in deinem letzten Briefe sagst, dass geschichtliche Daten niedergeschrieben werden sollen, so lange sie noch frisch im Gedächtnis haften. So tat auch ich, musste aber, der Hausdurchsuchungen wegen, wieder alles vernichten. Manches lernte ich auswendig und – ein zweites Mal niedergeschrieben – versteckte ich es unter unauffälligen, wissenschaftlichen Notizen. Kannst du dir vorstellen, wie dem zu Mute ist, der seiner einstigen Heimat entrann? Man muss sich erst gewöhnen, wieder frei schreiben und sprechen zu dürfen.“
Zitiert nach Marcus Patka: Rezension:_Marcus_Patka_-_Österreichische_Freimaurer_im_Nationalsozialismus

Ray Denslow veröffentlichte das Gedächtnisprotokoll Misars in den USA 1942: angereichert mit Erinnerungen von Hans Schlesinger, ebenfalls Freimaurer und Sohn des Großmeisters Richard Schlesinger. Er konnte auch in die USA emigrieren. Der Text geht über 14 Seiten.

Es folgen zuerst ein Scan dieses historischen Dokuments (Originale zum Lesen vergrößern) und dann eine Übersetzung:

Übersetzung aus dem Jahr 1960 von G.R. Kuéss (unwesentlich korrigiert) aus den Beständen des Archivs der Großloge von Österreich:

Ray V. Denslow: Masonische Märtyrer

Wir haben geglaubt, die Tage der Inquisition seien vorüber, aber neuerdings haben Ereignisse in Spanien, Portugal und jüngst erst in den besetzten Ländern Europas gezeigt, dass sie noch unter uns ist und bleiben wird bis die vier Freiheiten sich über alle vier Weltrichtungen erstrecken werden. Und der Tag möge sich beeilen!

In dieser Beziehung haben wir über Österreich viel zu sagen, nicht weil Österreich etwa mehr leidet als andere besetzte Länder, sondern weil wir einige persönliche Freunde besitzen, welche in der Lage waren, uns über dieses Land die letzten Informationen zu liefern. Wir haben in diese Broschüre auch das Foto des ersten und letzten Großmeisters von Österreich eingefügt: Doktor Richard Schlesinger. Es wurde von einem Gemälde abgenommen, und es ist eine schöne Darstellung dieses edlen Freimaurers.

Großmeister Dr. Richard Schlesinger wurde am 19. Dezember 1861 in Wien geboren. Nach Vollendung seiner Studien wurde er Rechtsanwalt und als solcher sehr bekannt, gesellschaftlich und von allen politischen Parteien sehr geachtet, Mitglied der Advokatenvereinigung, des Obersten Gerichtshofes und der Steuerberufungsbehörde. Er besaß eine ausgezeichnete Bildung in philosophischer, künstlerischer und literarischer Beziehung. Er beherrschte die klassischen Sprachen in Wort und Schrift und besaß gute Kenntnisse in mehreren fremden Sprachen.

Um 1908 interessiert er sich für die Freimaurerei und wurde im Dezember 1909 Mitglied der Loge ‚Zukunft’ in Wien. Als Katholik wurde er dadurch ‚latae sententiae’ exkommuniziert. Nach Beendigung des Ersten Weltkrieges wurde die Freimaurerei in Österreich gesetzlich erlaubt und Bruder Schlesinger zum ersten Großmeister der im Jahre 1919 neuerrichteten Großloge von Wien gewählt. Er wurde nach Ablauf seiner Amtsperioden immer wieder gewählt und versah dieses Amt noch als im Jahre 1938 die Nazis in Österreich zur Herrschaft kamen.

Von Bruder Dr. Hans Schlesinger (jetzt in St. Louis), dem Sohn des letzten Großmeisters der Großloge von Österreich, Bruder Dr. Richard Schlesinger, erfahren wir:

„Am 16. März 1938 wurden mein Vater und ich in der Früh von der Gestapo verhaftet: er in seiner Wohnung und ich in meiner. Beide wurden wir eingekerkert. Anfang 1938 hatte mein Vater sich einer chirurgischen Operation unterziehen müssen. Er hatte noch ärztliche Betreuung notwendig, die ihm im Gefängnis fehlte. Er war nicht imstande, seine Kleider zu wechseln, da die Zelle so überfüllt war. Es war zwar eine Toilette in vorhanden, aber keine Möglichkeit, sie rein zu halten. Die Ernährung war schrecklich und bestand aus fast nichts. In wenigen Tagen brach er zusammen. Meine Mutter war im Jahre 1918 gestorben und so unternahm es meine Frau, einen einflussreichen Nazi-Rechtsanwalt zu finden, welcher (mit einem Gestapomann) in die Zelle meines Vaters ging. Als sie seinen jämmerlichen Zustand sahen, durfte er nach Erlag einer hohen Kaution in einem Krankenwagen der Gestapo in ein Spital gebracht werden, doch wurde ihm nicht gestattet, Verbindung mit der Außenwelt aufzunehmen.

Bemühungen, ihm eine private Pflegerin beizustellen, blieben ohne Erfolg. Selbst sein alter Hausarzt durfte ihn nicht besuchen. Aber die physischen Strapazen des Gefängnisses, seine Behandlung als Verbrecher und als Gefangener, das Schicksal seines geliebten Landes und der Brüderschaft und die Verfügung der Gestapo, dass ich das Land verlassen müsse, raubten ihm seine letzten Kräfte. Er starb am 5. Juni 1938 an Pneumonie. Meine Frau eilte zur Gestapo, als sie merkte, dass es mit ihm zu Ende ging, um für mich die Erlaubnis zu erwirken, ihn noch einmal zu sehen. Als Antwort drohte man ihr mit dem Gefängnis.“

Über seine eigenen Erlebnisse berichtete uns Hans Schlesinger:

„Ich wurde vom 16. März bis zum 25. Mai 1938 gefangen gehalten: in einer Zelle, welche für einen einzigen Häftling bestimmt war, in welcher aber nun acht hausten. Als ich wieder heimkam kam, hatte ich 20 kg Gewicht verloren und mir durch den Schmutz eine Furunkulose zugezogen. Es gab keine Untersuchung und kein Verhör. Am 25. Mai wurde ich zum Hauptquartier gebracht, wo man mir sagte, ich habe binnen sechs Wochen (später auf zwölf Wochen erstreckt) das Land zu verlassen, weil Deutschland keinen führenden Freimaurer tolerieren könne, welcher internationale Verbindungen habe. Mein gesamtes Vermögen wurde mir unter dem Titel „besondere Auswanderungsgebühren“ genommen, selbst der Schmuck meiner Frau. Mir wurde bloß erlaubt, einigen Hausrat, Kleider, Schuhe und zehn Dollar in bar mitzunehmen.“

Bruder Hans Schlesinger wurde im Jahre 1923 Freimaurer und Mitglied der Loge seines Vaters („Zukunft“). In den Jahren 1933 bis 1936 war er deren Stuhlmeister. Seine Wohnung wie auch die seines Vaters wurde von der Gestapo durchsucht und alles die Freimaurerei betreffende – Papiere, Aufzeichnungen, Zeitungen, Abzeichen, Bücher, Fotos – beschlagnahmt, woraus hervorgeht, dass die Gestapo nur an ihren maurerischen Verbindungen interessiert war. Nach der Aussage des Sohnes war er während seines mehrwöchentlichen Aufenthaltes im Gefängnis keinen körperlichen Misshandlungen ausgesetzt.

Und er schreibt weiter:

„Es fällt mir nicht leicht, über die letzten Monate meines Vaters zu sprechen oder zu schreiben. Ich habe ihn sehr geliebt; er war eine wunderbare Persönlichkeit. Er besaß einen feinen Charakter; er war ein lebendes Beispiel der maurerischen Ideale. Und so ein Ende!“

Wahrlich, Bruder Richard Schlesinger war eine hervorragende Persönlichkeit; ein wahrer Freimaurer und ein Märtyrer der Königlichen Kunst. Möge sein Andenken immer lebendig bleiben in den Herzen seiner Brüder, bis sie sich einmal wieder erheben werden aus der Sintflut, welche über sie herein gebrochen ist.

Die letzten Tage der Großloge von Wien

Der 12. März 1938 war ein unheilvoller Tag in der Geschichte der Großloge von Wien, denn er markierte das Ende einer kurzen Blüteperiode, welche bald nach dem Ende des Ersten Weltkrieges begonnen hatte. Wir haben das Vergnügen gehabt, mit mehreren Beamten und Mitgliedern dieser ehemaligen Großloge in Verbindung zu stehen. Sie alle waren charaktervolle Männer von Rang. Wiederholte Bitten um Informationen bezüglich der letzten Tage der Großloge von Wien haben bis jetzt keine ausreichende Beantwortung gefunden. Die Vorfälle, welche mit diesem letzten Tagen in Verbindung standen, waren noch zu frisch in der Erinnerung dieser Brüder, als dass diese imstande gewesen wären, die Ereignisse niederzuschreiben oder sich gar darüber zu verbreitern.

Ein Bruder in prominenter Stellung bei der Großloge von Wien, deren langjähriger und verdienter Großsekretär Doktor Wladimir Misar, den wir auch befragten, antwortete:

„Die letzten Tage? Wie weit reichen Sie zurück, diese ‚letzten Tage’? Die Freimaurerei hatte in Österreich nie ein glückliches Los. Sie durfte erst nach dem Ersten Weltkrieg offiziell in Erscheinung treten, und als sie dies als Institution tat, fand sie sich einer Reihe von antagonistischen Parteien gegenüber, zum Beispiel der extrem römisch-katholischen Partei, der deutschnationalen und der sozialdemokratischen. Alle waren gegnerisch eingestellt und huldigten nicht jenen Prinzipien, auf denen die maurerische Bruderschaft beruht.

Auf diese Weise erschienen die Existenz der Freimaurerei und deren ganze Zukunft von Anfang an unsicher und zweifelhaft, und schon die ersten Tage der Großloge von Wien kann man als den Beginn ihrer letzten Tage ansehen. Es gibt ein historisches Ereignis, welches den Beginn dieses letzten Zeitabschnittes markieren kann: Es ist der 15. Juli 1927, an dem die Macht der sozialdemokratischen Partei abzunehmen begann. Erbitterte Kämpfe zwischen sozialistischen und nationalistischen Parteien, Straßendemonstrationen sowie Verwundete und Tote auf beiden Seiten boten Gelegenheit zu außergewöhnlichen Angriffen. Zu dieser Zeit begannen parteiische Gerichtsverhandlungen, bei denen in der Regel die Sozialisten verurteilt und die Nationalisten freigesprochen wurden.

Das erbitterte die sozialistische Arbeiterschaft und am 14. Juli 1927 wurde ein allgemeiner Verkehrsstreik ausgerufen. Tausende Arbeiter legten die Arbeit nieder und überfluteten die Straßen der Stadt, insbesondere die Straßen jenes Gebäudes, welches all die Parteilichkeit, Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten zu repräsentieren schien: den Justizpalast. Vergeblich versuchten die sozialistischen Führer die erregte Masse zu beruhigen; sie warnten vor den Folgen einer gewalttätigen Vorgangsweise. Die Massen waren aber einmal in Bewegung und nahmen eine aggressive Haltung gegenüber ihren Unterdrückern ein. Sie wollten der ganzen, dem Volke feindlichen Regierung ein Ende setzen und steckten den verhassten Justizpalast in Brand, ohne zu bedenken, dass sie durch diese Tat der bereits zweifelhaften und erschütterten Macht des arbeitenden Volkes ein beschleunigtes Ende bereiteten.

Diese Tat lieferte der Polizei einen willkommenen Vorwand und eine Rechtfertigung für repressive Maßnahmen gegen die revoltierenden Massen. Große Aufgebote bewaffneter Polizei stellte sich dem Volk entgegen, das in seiner Wut alle möglichen Waffen gegen seine Widersacher gebrauchte, und in wenigen Stunden bedeckten Verwundete und Tote sowohl von Seiten der Demonstranten als auch der Polizei das Pflaster.

Dieses Ereignis war nur das erste in einer Reihe von zunehmender Bedeutung. Die deutschnationale Partei nahm an Stärke immer mehr zu und gefährdete ihre früheren Bundesgenossen, die römischen Katholiken. Damals hätte ein Bündnis zwischen den Katholiken und den Sozialisten die Zukunft Österreichs retten können, aber der Kanzler Dollfuss versäumte diese Gelegenheit, und sein Nachfolger Schuschnigg, der die Gefährlichkeit der Entwicklung sah, kam zu spät, um den drohenden Umsturz und das Unheil zu verhindern. Im Jahre 1934 kam es zu einem Streik der sozialistischen Arbeiter. Kanonen wurden gegen sie aufgefahren, und die Arbeiter verteidigten ihre schönen und großen Wohnhäuser in den Vorstädten von Wien, als wären sie wehrhafte Festungen. Diese Kämpfe bedeuteten sowohl das Ende der sozialistischen Machtposition als auch des parlamentarischen Regimes und den Beginn des Einflusses der Deutschnationalen in Österreich. Die folgenden Jahre bis zum Einmarsch Hitlers in Österreich waren einer wohlvorbereiteten und systematischen Aktion zur endgültigen Eroberung Österreichs gewidmet, denn in diesen letzten Jahren wurde alle Freiheit in Österreich systematisch abgeschafft. Was immer zur Rettung und Erhaltung Österreichs beigetragen hätte, wurde von der herrschenden Regierung unter dem Vorwand der ‚Sicherheit’ abgewürgt.“

Der Anfang vom Ende

Bruder Misar nimmt die Geschichte an der Stelle wieder auf, wo er auf unsere eigene Bruderschaft zu sprechen kommt:

„Es ist nicht erstaunlich, dass unter allen demokratischen und liberal gesinnten Vereinigungen die Freimaurerei die erste war, welche Einschränkungen und Leiden zu erdulden hatte. Der Beginn dieses letzten Zeitabschnittes kann auf den 24. März 1934 angesetzt werden, an welchem Tage ein für die Freimaurerei freier Nationen unerhörtes Ereignis eintrat: Ein Polizeibeamter erschien vor der Öffnung der Jahresversammlung der Großloge und blieb während ihres Verlaufes anwesend. Die Brüder unterließen es natürlich, sich maurerisch zu bekleiden, und die Versammlung vollzog sich ohne rituelle Formen, wie die Jahresversammlung irgendeines profanen Vereines.

Die Polizei wohnt den Versammlungen bei

Seit diesen Tagen kamen Polizeibeamte zu fast allen maurerischen Versammlungen. Die Großloge von Wien besaß kein eigenes Gebäude. Die Brüder versammelten sich an verschiedenen Orten. Die ältesten Logenräume befanden sich im Hause Dorotheergasse 12, wo die älteste Wiener Loge ‚Humanitas’ ihren Sitz hatte. Das Haus gehörte einem österreichischen Adeligen und ist dadurch berühmt, dass in einem Kellerlokal, acht Meter unter dem Straßenniveau, Bruder Mozart den Versammlungen seiner Loge beizuwohnen pflegte. In den gleichen Räumen hielten die meisten Logen ihre regelmäßigen Wochenzusammenkünfte ab, und auch die Großloge hatte hier ihre Kanzlei.

Im Hause Annagasse 18 unterhielten zwei Logen ihre Räume, ebenso im Hause Schwindgasse 8, das im Besitz eines eifrigen Mitgliedes der nationalsozialistischen Partei war, des Rechtsanwaltes Baron Ettinghausen.

An allen drei Orten fanden wochentags Versammlungen verschiedener Logen statt, und auf diese Weise waren regelmäßig zwei oder drei Polizeibeamte zur gleichen Zeit im Einsatz. Sehr oft warteten sie auch noch außerhalb des Speisesaales, bis das Brudermahl vorüber war und alle Teilnehmer das Haus verlassen hatten. Es ist nicht verwunderlich, dass unter solchen Umständen die Zahl der Teilnehmer an den Versammlungen sehr schnell abzunehmen begann und die Logen selbst es vorgezogen, auf solche Zusammenkünfte ohne rituelles Arbeiten und unter polizeilicher Kontrolle zu verzichten.

Nach all dem wird es umso überraschender erscheinen, dass diese anscheinend letzten Tage der österreichischen Freimaurerei noch nicht ganz die allerletzten gewesen sind. Die Verhältnisse besserten sich wieder und nach einigen Monaten konnten wieder reguläre Arbeiten mit Verwendung des Rituals, Aufnahmen und Graderteilungen etc. in gewohnter Weise stattfinden. Natürlich fühlte man während der folgenden drei Jahre ständig das Damoklesschwert knapp über dem Haupt der Freimaurerei hängen, denn das waren Jahre der geheimen und energischen Untergrundarbeit der Nationalsozialisten sowie auch der verzweifelten Anstrengungen der römisch-katholischen Regierung, deren Forderungen teilweise nachzukommen. In diesen drei Jahren steuerte das freie Österreich mit zunehmender Geschwindigkeit seinem tragischen Ende zu. Am Beginn des vierten Jahres war es dann soweit.

Das verhängnisvolle Jahr 1938

Bedeutende und bedrohliche politische Ereignisse folgten einander in den ersten zwei Monaten dieses Jahres, und viele Brüder sahen damals in ernster Sorge der nahen Zukunft entgegen. Verschiedene Maßnahmen wurden vorgeschlagen und erwogen bezüglich Bewahrung und Rettung des Vermögens der Großloge und der einzelnen Logen, des Archivs und der Fonds. Aber damals herrschte die Meinung vor, dass es nichts gäbe, was die Freimaurerei zu verbergen und zu verhehlen hätte, und dass man ihrem oberstes Prinzip, dem der Loyalität gegenüber dem Staate, nicht zuwiderhandeln dürfe. Es wurden aber auch Stimmen laut, dass gegen einen Gegner, der alle Grundsätze der Moralität mangelte, die Prinzipien der Selbsterhaltung mit Recht angewendet werden können. Wieder andere aber meinten, dass eine Beseitigung eines Teils des Eigentums und der Archive und der Mitgliederlisten etc. erst recht Verdacht erregen und als Beweis für die gegnerischen Beschuldigungen gegen die Freimaurerei dienen könnte. So wurde in jenen Tagen nichts weggeräumt und nichts verborgen, und die österreichischen Freimaurer erwarteten tapfer ihr kommendes Schicksal.

Am 12. Februar 1938 forderte Hitler den Kanzler Schuschnigg auf, vor ihm in Berchtesgaden zu erscheinen: wie ein widerspenstiger Vasall vor dem drohenden Oberbefehlshaber. Er erschien nicht nur widerwillig sondern auch stolz, mutig und besorgt um seine Verantwortung gegenüber seinem geliebten Land und gewillt, dessen Freiheit und Unabhängigkeit aufs äußerste zu verteidigen. Da es in diesem Stadium unmöglich schien, die bisher verfolgte Politik der Unterdrückung gegenüber der anwachsenden Nazipartei in Österreich fortzusetzen und da es unvermeidlich schien, ihr eine parlamentarische Vertretung und sogar eine Vertretung in der Regierung einzuräumen, stimmte Schuschnigg am 16. Februar 1938 der Ernennung des Nationalen Seyss-Inquart zum Minister des Inneren zu. Am 17. Februar stellte sich der neue Minister Hitler vor, um dessen offene und geheime Instruktionen zu empfangen.

Hakenkreuze in Österreich

Am 20. Februar erfolgte dann Hitlers große Rede vor dem Deutschen Reichstag, welche alle nichtnazistischen Österreicher für die nächste Zukunft das Schlimmste befürchten ließ. Hakenkreuze, welche in den letzten Jahren nicht zu sehen waren, erschienen zu tausenden in den Straßen, um damit den vorherrschend nationalen Geist der Bevölkerung zu demonstrieren.

Nichtsdestoweniger hegten jene, welche mit der wirklichen politischen Überzeugung der großen Masse des Volkes vertraut waren, keinen Zweifel, dass die große Mehrheit desselben diese letzten Ereignisse nicht billigte, und sie waren überzeugt, dass eine öffentliche Abstimmung eine Majorität für das Schuschnigg-Regime ergeben würde. Dies scheint auch die Meinung der Regierung gewesen zu sein, denn tatsächlich wurde für den nächsten Sonntag, den 13. März, eine Volksabstimmung geplant über die einzige Frage: Ein unabhängiges, christliches, katholisches, deutsches Österreich.

Am 9. März lud Großmeister Dr. Richard Schlesinger die Stuhlmeister aller Logen zu einer Konferenz in sein Büro, um sich mit der entstandenen Situation zu beschäftigen. Und am Abend desselben Tages lauschten die Brüder der Rundfunkansprache Schuschniggs in Innsbruck. Trotz des hoffnungsvollen Tones erweckte die Ansprache tiefste Besorgnis und Befürchtungen unter der nichtnazistischen Bevölkerung und mehr noch unter den Freimaurern. Nichtsdestoweniger verbanden sich ihre heißen Hoffnungen mit dem innigen Wunsch, dass die sonntägliche Abstimmung günstig ausfallen möge.

Die Anregung, die österreichische Freimaurerei möge ihre helfende Hand bei der Vorbereitung der Abstimmung leihen, wurde von der Großloge strikte abgelehnt, sie hatte aber nichts einzuwenden gegen eine private Unterstützung durch einzelne Mitglieder. Als am nächsten Tag die Meister neuerlich beim Großmeister zusammenkamen, waren die Straßen im Zentrum von Wien von ungeheuren Haufen demonstrierender Nazis erfüllt.

Versammlung der Großbeamten

Am folgenden Tag, Freitag der 11. März, wurde in den Räumen der Großloge in der Dorotheergasse eine Versammlung der Großbeamten abgehalten. Während die verschiedenen Umstände des drohenden politischen Umsturzes diskutiert wurden, öffnete sich plötzlich die Tür, und Bruder Hans Schlesinger, der Sohn des Großmeisters, erschien und berichtete, dass die Volksabstimmung abgesagt worden sei. Da diese Tatsache offensichtlich auf eine Niederlage des Schuschnigg-Regimes hinwies und damit die schon lange befürchtete Katastrophe unmittelbar bevorstehend zu sein schien, schloss der Großmeister die Sitzung und die Großbeamten gingen durch die von heulenden Masse erfüllten Straße nach Hause.“

Der ‚World Almanac’ beschreibt die Ereignisse vom 11. bis 13. März 1938 wie folgt:

„Einem Ultimatum aus Berlin folgend, resignierte Doktor Kurt Schuschnigg, der österreichische Kanzler, am 11. März 1938 und wurde von dem österreichischen Naziführer Arthur Seyss-Inquart abgelöst. Unmittelbar darauf bat Seyss-Inquart das Deutsche Reich um Entsendung von Truppen zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Gegen 50.000 schwer bewaffnete und motorisierte Soldaten überschritten die Grenze. Reichskanzler Adolf Hitler kam am 12. März nach Österreich. In einer Ansprache vor einer großen Menge in Linz proklamierte er die Vereinigung des Landes mit dem Reich. Er wurde von starken Truppenkontingenten begleitet, die wichtige Städte besetzten. Ein Detachement ging in die Hauptstadt und ein anderes zum Brennerpass an der italienischen Grenze. Schuschnigg wurde in Haft genommen und Österreich am 13. März formell dem Reich einverleibt. Präsident Wilhelm Miklas wurde zum Rücktritt gezwungen, und Hitler ernannte Seyss-Inquart zum Statthalter.“

Der Pöbel stürmt den maurerischen Tempel

Bruder Misar fährt fort:

„Und dann kam der unheilvolle 12. März 1938. Am Morgen um 3 Uhr wurde der Großsekretär (Bruder Misar) vom Kustos der Loge telefonisch angerufen und erhielt von ihm die Mitteilung, dass eine große Volksmenge das Gebäude der Loge in der Dorotheergasse belagere und dass die Polizei die Schlüssel zum Gebäude verlange, um es in Beschlag nehmen zu können. Der Kustos erbat dringend Instruktionen.

Der Großsekretär wagte nicht, auf eigene Verantwortung zu handeln und entweder die Schlüssel auszufolgen oder dies zu verweigern. Um dem Großmeister unnötige Aufregungen zu ersparen (dieser hatte sich vor einem Monat ein sehr ernstes Blasenleiden zugezogen, dass sich sehr übel fühlbar machte), konsultierte er dessen Sohn, Bruder Hans Schlesinger, und rief dann sogleich den deputierten Großmeister Bruder Robert Pelzer an, mit welchem er die ganze Angelegenheit beriet.

Sie kamen überein, dass das Verlangen der Polizei, das Gebäude zu betreten, zweifellos nicht ungesetzlich sei und dass dessen Erfüllung einfach mit Gewalt erzwungen werden könnte. Daher wurde beschlossen, die Schlüssel sofort der nächsten Polizeiwachestube auszuhändigen.

Später am Tag gingen einige Großbeamte in das Büro des Großmeisters, und der deputierte Großmeister Ludwig Altmann riet diesem, sich in ein Spital zurückzuziehen. Leider erhielt dieser kluge Rat nicht die Zustimmung des Patienten.

In der Zwischenzeit bekamen die Einwohner von Wien zu wissen, dass in derselben Nacht das freie und unabhängige Österreich aufgehört hatte zu existieren. Hitlers Okkupationsarmee hatte die österreichische Grenze überschritten.

Der Anschluss wird proklamiert

Am Sonntag, dem 13. März, wurde die Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich (der Anschluss) offiziell proklamiert. Am Nachmittag dieses Tages erschien eine Kommission von sechs Mitgliedern der Nazipartei in der Wohnung des Großmeisters und befahl ihm die Übergabe des Vermögens der Großloge. Der Großmeister, dessen Krankheit sich in diesen letzten Tagen verschlimmert hatte, rief den Großsekretär an und bat ihn, die Aufträge der Gestapo durchzuführen und zu diesem Zweck mit der in den Logenräumen Schwindgasse 8 sich einfindenden Kommission zusammen zu treffen.

Als der Großsekretär zu dem erwähnten Haus kam, war er nicht überrascht, die Kommission bereits in den Logenräumen vorzufinden, denn der Hausbesitzer war ein prominentes Mitglied der Partei, und die Kommission fand bei ihrer Ankunft die Türen weit geöffnet. Es hatte den Anschein, als bestünde keine Notwendigkeit mehr, dass Eigentum zu übergeben. Weder brauchte man die Türen zu öffnen, da dies bereits der Hausbesitzer oder sein Hauswart getan hatten, noch war es notwendig, einzelne Teile des Eigentums formell auszuhändigen, denn auf dem Tisch, der den Großsekretär bei seinem Eintritt begrüßte, waren wohlbekannte Dinge ausgebreitet: Die beiden Schreibmaschinen aus dem Büro der Großloge, der Multiplikator und viele andere Gegenstände. Die Exemplare der Rituale, eine große Zahl von Briefordnern, große Schachteln mit Briefpapier und Kuverts, Bücher etc. waren auf dem Tisch, auf Stühlen und am Fußboden ausgebreitet. Daher schien sich eine formelle Übergabe zu erübrigen. Anstatt dessen kam es zu einem eingehendes Verhör des Großsekretärs durch den Vorsitzenden der Kommission, Herrn Leopold Schneider, dessen anmaßender Titel ‚Kulturrat’ in diesem Augenblick eine traurige Satire zu sein schien.

Die Verhöre beginnen

Die Liste der Namen alle Logen, die Namen und Adressen der Stuhlmeister, die Verzeichnisse aller Mitglieder, all das wurde von dem ‚Kulturrat’ aufgehäuft. Nichtsdestoweniger verlangte er, alle diese Daten bestätigt zu hören, und es schien ihm noch wichtiger, die Namen und Adressen der Schatzmeister zu erfahren. Er erschien sehr enttäuscht zu sein, als er erfuhr, dass dies das Büro der Großloge nicht interessiert habe und eine Angelegenheit jeder Loge gewesen sei. Als der Großsekretär darauf hinwies, dass er die Namen und Adressen der Schatzmeister nicht kenne, äußerte sich der ‚Kulturrat’ teils ironisch, teils betrübt: ‚Wahrscheinlich werden sie alle mittlerweile über der Grenze sein.’ Weiter war er sehr enttäuscht, als ihm mitgeteilt wurde, dass der Wiedemann-Fonds der Loge ‚Freundschaft’, den er angeblich dem Namen nach (als den Namen eines Opernsängers) kannte, ein Fonds zur Unterstützung notleidender Brüder war und derzeit inaktiv sei.

Ein anderer Umstand, der ihn mehr zu interessieren schien, waren die Logen in den österreichischen Bundesländern. Da war er wieder enttäuscht, als ihm gesagt wurde, dass die drei Logen, welche dort bestanden hatten (‚Pythagoras’ in Wiener Neustadt, ‚Wolfgang Amadeus Mozart’ in Graz und ‚Paracelsus’ in Klagenfurt) sich aufgelöst haben und dass in Linz keine Loge existiert hat, sondern nur ein Bruderzirkel.

Erkundigungen über die chinesische Loge

Dann erkundigte er sich über die Loge ‚Lux Orientis’ in Shanghai und war höchstwahrscheinlich sehr erbost darüber, dass er augenblicklich ihre Existenz nicht hindern und ihr Vermögen nicht fassen konnte. Der Großsekretär wies darauf hin, dass die Großloge diese Loge (deren Mitglieder österreichischer Herkunft sind) unter ihren Schutz genommen habe, nachdem sie sich der Zustimmung der Vereinigten Großloge von England versichert hatte. Bei dieser Gelegenheit stellte der ‚Kulturrat’ zum ersten Mal eine Frage, die bei den folgenden Verhören mehrmals wiederholt wurde, nämlich ob zu erwarten sei, dass England sich zu Gunsten der österreichischen Freimaurer verwenden werde. Er konnte informiert werden, dass die Freimaurerei das Prinzip vertrete, sich von aller Politik fernzuhalten, und dass die englische Freimaurerei in dieser Hinsicht führend ist. Daher könne die österreichische Freimaurerei leider nicht hoffen, von dort her Hilfe zu erwarten.

Weitere Fragen betrafen das Verhältnis zwischen der Großloge und den einzelnen Logen, zwischen der Freimaurerei und sozialen Organisationen. Wieder schien der Frager enttäuscht zu sein, als er vernahm, dass überhaupt keine solchen Beziehungen existieren. Die Freimaurerei als solche stehe gemäß ihren Prinzipien in keinerlei Beziehung zu anderen Organisationen, was nicht hindere, dass Freimaurer persönlich Mitglieder solche Organisationen seien.

Maurerei und B’nai B’rith

Hinsichtlich der so genannten jüdischen Freimaurerei oder ‚B’nai-Brith’ betonte der Großsekretär, dass früher eine gleichzeitige Mitgliedschaft bei beiden Organisationen nicht erlaubt war, in den letzten Jahren aber als vereinbar erklärt worden sei.

Als die Befragung soweit beendet war, hatte der Großsekretär die Kommission zu den Räumen der Großloge in der Dorotheergasse zu begleiten, wo die Nachforschungen sich auf einen einzigen Gegenstand konzentrierten: auf Geld. Die Kasse wurde geöffnet, der Kassenstand durch die Bücher festgestellt, das Geld gezählt, die Sparkassenbücher vorgelegt, und der ganze Vorgang wurde begleitet von derselben auffallenden und merklich wahrnehmbaren Enttäuschung über die unerwartet kleinen Beträge und von der oft wiederholten Frage, ob denn wirklich keine anderen Fonds vorhanden seien.

Nach der Beschlagnahme des ganzen Vermögens verschloss die Kommission die Räume und verließ das Haus.

Offenbar wollte der Großmeister die Stuhlmeister über all diese Ereignisse informieren und die Frage besprechen, welche Haltung in Zukunft einzunehmen sei bezüglich der weiteren Verhandlungen mit den Nazibeamten und der Gestapo. Zu diesem Zweck hat er sie für den folgenden Tag, den 14. März, zu einer Konferenz in seinem Büro eingeladen. Nachdem aber bekannt wurde, dass Hitler an diesem Tag in Wien sein würde und der Verkehr dadurch wesentlich behindert und eingeschränkt sein dürfte, wurde die Konferenz auf den 16. März verschoben. Als der Großmeister diese Verfügung traf, konnte dieser alte und weise Führer seiner geliebten Großloge und dieser gute und gewissenhafte Vater der Wiener Brüderschaft nicht voraussehen, dass er seine geliebten Brüder nie mehr sehen würde, und dass er zum ersten Mal seit dem Antritt seines hohen Amtes bei einer Konferenz nicht anwesend sein werde.

Der Großmeister abwesend

Als am Morgen des nächsten Tages die Stuhlmeister sich im Büro des Großmeisters zu versammeln begannen, erfuhren sie zu ihrem Erstaunen, dass der sonst streng pünktliche Großmeister noch nicht gekommen sei. Und dann entnahmen sie allmählich aus den verwirrten und traurigen Minen seiner Angestellten, dass er nicht mehr erscheinen würde.

Tatsächlich war der Großmeister am selben Morgen in seiner Wohnung von der Gestapo aus dem Bett geholt und in das Gefängnis auf der Elisabeth-Promenade gebracht worden. Er wurde in eine Zelle gesteckt, welche mit anderen Gefangenen überfüllt war, und obgleich von einem ernsten Blasenleiden befallen, wurde ihm zugemutet, die folgende Nacht auf dem nackten Fußboden zu verbringen. Durch die Güte eines Mithäftlings, der ihm seine Matratze anbot, wurde der kranke alte Mann wenigstens vor dem harten und kalten Holz des Bodens bewahrt. Ein anderes Ungemach wurde ihm aber auferlegt durch den Mangel an ärztlicher Betreuung, die seine Krankheit dringend erforderte. Es kann kein Zweifel bestehen, dass diese erste Nacht, in welcher ihm seine gewohnte medizinische Hilfe fehlte, die Ursache der septischen Erkrankung gewesen ist, von der er nicht wiederherzustellen war, obgleich ihm später gestattet wurde, in ein Spital zu übersiedeln, nachdem einige arische Kollegen für ihn bei der Gestapo interveniert hatten. Im Spital wurden ihm keine Besuche erlaubt mit Ausnahme seiner Schwiegertochter, mit welcher er nur in Anwesenheit eines Gestapobeamten über private Angelegenheiten sprechen durfte. Durch diese ganze Behandlung verschlimmerte sich seine Krankheit derart schnell, dass auch eine neuerliche Operation keine Hilfe mehr bringen konnte.

Am Nachmittag desselben Tages, dem 14. März, wurden alle Stuhlmeister der Wiener Logen zur Gestapo gerufen, wo ein eingehendes Verhör begann, das bis 2 Uhr des nächsten Tages dauerte. Wieder betraf der wichtigste Teil der Befragung das Vermögen und die Handfonds der Logen, und wieder war die große Enttäuschung bemerkbar über die Geringfügigkeit der Beträge, welche infolge der großen Zahl bedürftiger Mitglieder, ausgewiesen wurden.

Als interessante Einzelheit mag angeführt werden, dass die Kommission, welche bis dahin mit der Untersuchung betraut gewesen war, einige Tage später vollkommen verschwand, was auf den folgenden Umstand zurückzuführen sein dürfte: Bei der Auslieferung aller Fonds der Großloge am 13. März war ein einziger Fonds – der maurerische Hilfsfonds – der Aufmerksamkeit der Kommission entgangen, da dieser Fonds vom Großalmosenier separat verwaltet worden ist. Als der Großalmosenier am 21. März dieses Übersehen entdeckte, fühlte er sich verpflichtet, die Bilanz des Fonds dem Vorsitzenden der Kommission vorzulegen, aber bei den verschiedenen Abteilungen der Gestapo wollte diesen Betrag niemand der Kommission übergeben, so das ihn schließlich eine Abteilung der Polizei in Verwahrung nahm.

Hausdurchsuchung beim Großsekretär

Am 21. März fand in der Wohnung des Großsekretärs eine Hausdurchsuchung statt, bei welcher viel Privatkorrespondenz und eine große Zahl von Büchern beschlagnahmt wurden.

Am 23. und 24. März wurden Hausdurchsuchungen bei allen Stuhlmeistern vorgenommen und am letzteren Tag alle jene Stuhlmeister und einige Schatzmeister verhaftet, welche beim ersten Verhör anwesend waren. Diese Aktion erfolgte ganz oberflächlich und mit der gleichen Inkonsequenz wie das ganze weitere Verfahren. Alle anderen Schatzmeister, die beim ersten Verhör nicht anwesend waren, wurden in Freiheit belassen. Als später alle ehemaligen Stuhlmeister der Loge ‚Goethe’ eingekerkert werden sollten, wurde einer, der zufällig zu dieser Zeit krank war, nicht einmal mehr verhört.

Am 25. März wurde der deputierte Großmeister Bruder Robert Pelzer samt einigen anderen Beamten seine Loge verhaftet. Sie wurden in einer überfüllten Zelle interniert, zuerst auf der Elisabeth-Promenade, dann in Landesgericht. Während solche unterschiedliche und inkonsequente Behandlung dem planlosen Verfahren zuzuschreiben war, wurden auch absichtliche Unterschiede gemacht, speziell zwischen jüdischer oder nichtjüdischer Abstammung. Dem Großsekretär wurde mitgeteilt, dass man ihn – weil er Arier war – so lange nicht verhaften würde, als er bei den Untersuchungen Auskunft erteilen würde.

Versuche zum Nachweis von Internationalismus

Im Verlaufe des ganzen Jahres 1938 fanden viele solche Verhöre sowohl in den Büros der Gestapo als auch in der Wohnung des Großsekretärs statt. Im Gegensatz zum üblichen Durcheinander beim Verfahren des Gestapoapparates schienen die Untersuchungen eines Vorladers hauptsächlich auf die Ideen, den Grundprinzipien und auf die Hauptziele der Freimaurerei gerichtet zu sein, natürlich vom Standpunkt der Nazis aus gesehen. Die gestellten Fragen betrafen die Universalität und Internationalität der Freimaurerei, ihren universellen Einfluss in allen Staaten, ihre Einmischung in die politischen Angelegenheiten aller Staaten, ihren Mangel an Nationalgefühl und ihre Abhängigkeit von jüdischen Einflüssen.

Zwei der untersuchenden Beamten hatten überraschende Kenntnisse über die Freimaurerei. Einer von ihnen hatte sie mehrere Jahre zum Gegenstand spezieller Studien gemacht. Bei aller im Laufe der Befragung gezeigten Einsicht konnte er nicht verbergen, dass er persönlich nicht an all die gegen die Freimaurerei vorgebrachten Beschuldigungen glaubte, insbesondere nicht an ihre angebliche universelle Weltregierungsmacht. Hingegen schien er großes Interesse zu haben an der tatsächlichen Haltung der österreichischen Freimaurerei hinsichtlich der oben erwähnten Fragen. Er wünschte genaue Informationen zu erhalten über ihre Abhängigkeit von der englischen Freimaurerei, über die Beziehungen zu Ministerien, zu politischen Parteien, und er zeigte großes Verständnis für den Grund, weshalb in der Mitgliedschaft der österreichischen Freimaurerei das jüdische Element vorherrschend sei.

Weitere Fragen betrafen die Beziehungen zwischen der Großloge und der jüdischen Freimaurerei (B’nai B’brith) sowie der Freimaurerei der ‚Le Droit Humain’ (Loges mixtes). Die Stellung der österreichischen Freimaurerei inmitten der universellen Freimaurerei wurde untersucht durch Fragen über die Verbindung mit der ‚Association Maconique Internationale’ und der Internationale Freimaurer-Liga, den Zusammenhang mit der Großloge von England und die Stellung des englischen Königs. Mit viel Interesse stellte er die Frage, ob der englische König selbst Schritte unternehmen werde zugunsten der österreichischen Freimaurerei und ob es Engländer in hohen Positionen gäbe, die sich für eingekerkerte Freimaurer interessieren werden.

Hinsichtlich der Universalität der Freimaurerei wünschte der Befrager informiert zu werden über das Interesse der Freimaurerei am Ergebnis Volksbefragung in der Schweiz (kurz zuvor über die Zulassung der Freimaurerei). Was die Tätigkeit der deutschen Freimaurerei anbelangt, versuchte er Informationen zu erlangen über die Beziehungen zwischen der Großloge von Wien und der Symbolischen Großloge von Deutschland (die von den anderen deutschen Großlogen nicht anerkannt worden war). Er erkundigte sich über den Besuch des Großmeisters dieser Großloge, Bruder Müffelmann, in Wien und über die Verbindungen mit der Symbolischen Großloge von Deutschland im Exil (in Palästina). Dann versuchte er vergeblich herauszubekommen, ob nach Auflösung der deutschen Freimaurerei irgendwelche deutsche Freimaurer in österreichischen Logen als Besucher erschienen sind.

Untersuchungen über die höheren Grade

Von der Annahme ausgehend, dass auch die Hochgrade der Freimaurerei zur Verbindung mit der Freimaurerei anderer Länder beigetragen haben, fragte er nach dem Zusammenhang zwischen den drei Johannisgraden und den Hochgraden, und verlangte die Zahl und die Namen der Mitglieder des Obersten Rates. Er nahm an, dass auch nichtmaurerische internationale Organisationen verwendet worden seien zur Unterstützung maurerischer Ziele und vielleicht zur Tarnung der Freimaurerei, zum Beispiel die Pan-Europa-Organisation, die Internationale Liga für Menschenrechte und andere pazifistische Organisationen. Sogar die Weltsprache Esperanto und deren Unterstützung durch die Freimaurerei war Gegenstand einer speziellen Frage.

Eine sehr gründliche Untersuchung wurde den kulturellen, sozialen und humanitären Institutionen in Österreich und deren angeblicher Zusammenhang und Abhängigkeit mit und von der Freimaurerei gewidmet. Alle verschiedenen erzieherischen und ethischen Gesellschaften passierten Revue, und als sich herausstellte, dass viele von ihnen von der Großloge sowohl durch jährliche Zuwendungen als auch durch persönliche Mitarbeit unterstützt worden sind, erklärte der Examinator, dass alle diese Gesellschaften aufgelöst werden würden. Worauf der Großsekretär erwiderte, dass alle Organisationen und Institutionen von irgendwelchem sozialen oder humanitären Charakter, wie zum Beispiel auch das große Spital der Barmherzigen Brüder, dieses Schicksal zu teilen haben würden, da sie alle von der Freimaurerei unterstützt wurden und die meisten von ihnen sogar von den Freimaurern in Zeiten gegründet worden sind, in denen sonst niemand dieser Pflicht nachkam.

Die Frage, ob die Freimaurer vielleicht geheime Zusammenkünfte abhalten, konnte verneinend beantwortet werden. Eine sehr eindringliche Warnung vor einem derartigen Versuch wurde hinzugefügt. Das Verlangen, dass Freimaurer sich nicht einmal gegenseitig besuchen oder Familien in kleinen Gruppen von drei oder vier Personen in ihren Wohnungen oder in einem Kaffeehaus zusammenkommen dürften, wurde vom Großsekretär energisch abgelehnt, indem er auf die Unmöglichkeit eines solchen Verbotes hin wies.

Der Großsekretär wurde davor gewarnt, irgendwelche Briefe von ausländischen Freimaurern zu empfangen, wenn er sie nicht sofort der Gestapo übergebe. Als er aufgefordert wurde, einen Bericht niederzuschreiben über die Empfindungen und Einstellungen, welche bei den österreichischen Freimaurern nach der Auflösung ihrer Organisationen herrschten (ist sei bemerkt, das den Funktionären der Großloge niemals eine formelle Auflösung mitgeteilt noch diese Auflösung in den offiziellen Mitteilungen der ‚Wiener Zeitung’ veröffentlicht wurde), wies der Großsekretär auf den Umstand hin, dass viele von ihnen an den Ereignissen doppelt litten, sowohl als Freimaurer als auch als Juden. Daher könne nicht erwartet werden, dass sie den Wechsel der Situation begrüßten. Nichtsdestoweniger würden sie sicher keinerlei Schritte unternehmen gegen das herrschende Regime, da sie als Freimaurer zur Loyalität verbunden sind. Der Großsekretär fühlte sich verpflichtet, diesen Umstand zu betonen, um seine Brüder so weit als möglich vor weiteren Verfolgungen zu bewahren.

Viele der oben erwähnten Fragen an den Großsekretär wurden bei den folgenden Einvernahmen mehr oder weniger wiederholt, obzwar nicht in diesem logischen Zusammenhang und mehr zu dem Zweck, weitere personelle Einzelheiten zu erfahren über die Namen von österreichischen und deutschen Freimaurern. Ähnliche Fragen wurden auch an andere Freimaurer gerichtet, welche an den folgenden Tagen und Wochen zur Gestapo vorgeladen wurden, speziell an solche, welche von der Gestapo als Inhaber höherer Grade festgestellt worden sind.

Terror gegen Juden

Weitere Einkerkerungen fanden das ganze Jahr hindurch statt, insbesondere nach jenem unheilvollen 10. November, an welchem 28 jüdische Synagogen in Wien durch eine spontane Aktion der Bevölkerung gegen das jüdische Element in Brand gesteckt wurden, wie die Nazis glauben machen wollten. Hunderte jüdische Wohnungen wurden überfallen, ausgeraubt und die Bewohner verhaftet.

Die angebliche ‚Rechtfertigung’ für dieses Vorgehen kann nicht besser gekennzeichnet werden als durch das Erlebnis des Großsekretärs, der an einem der folgenden Tage zur Gestapo vorgeladen worden war und zuerst den Raum nicht betreten durfte, in welchen gewöhnlich seine Einvernahme stattgefunden hatte. Später konnte er zufällig beobachten, wie die Gestapo große Kisten voll allerlei Silbergegenständen auspackte. Daher wollte die Gestapo die Anwesenheit eines Zeugen für diese Aktion vermeiden.

Die meisten verhafteten Freimaurer wurden überhaupt nicht einvernommen. Nach Wochen fragte man einige von ihnen, aus welchem Grund sie eingesperrt worden seien, und sie wurden freigelassen, nachdem sie erklärten, dass sie keinen Grund wüssten. Sie alle aber hatten vor Verlassen des Gefängnisses einen langen Fragebogen auszufüllen und feierlich zu versprechen, niemals Einzelheiten über ihre Inhaftierung und Behandlung im Gefängnis zu verlautbaren, widrigenfalls sie das Land binnen einer bestimmten Frist verlassen müssten oder – wurden sie gewarnt – nach Dachau gebracht würden.

Diese Bedingungen, das Land innerhalb einer gewissen Zeit verlassen zu müssen, bedeutete in vieler Hinsicht eine große Härte. Einreiseerlaubnisse mussten besorgt werden; dann hatte eine 25-prozentige Vermögensabgabe als ‚Reichsfluchtsteuer’ erlegt zu werden. Da dieser Betrag oft nicht aufgebracht werden konnte, musste das ganze Eigentum zu einem sehr geringeren Preis verkauft werden.

In Gefangenenlagern

Die Mehrzahl der inhaftierten Freimaurer wurde nach drei oder vier Monaten wieder freigelassen, aber einige wurden nach Dachau oder Buchenwald gebracht, wo sie Schaden erlitten durch harte Arbeit und brutale Behandlung. Einer der Stuhlmeister, der krank ins Lager kam, wurde frei gelassen, nachdem sein Zustand sich so verschlechtert hatte, dass die Gestapo es vorzog, ihn außerhalb des Stacheldrahtes sterben zu lassen. Daher gelang es endlich seiner Frau, welche mit allen Mitteln versucht hatte, ihn freizubekommen, die Erlaubnis zu erhalten, ihn abzuholen und mit einem Wagen zur Bahnstation und dann heim nach Wien zu schaffen. Es wurde ihr jedoch nicht erlaubt, vor 3 Uhr am Nachmittag zu erscheinen. Als sie zur angegebenen Zeit ankam, erfuhr sie, dass die Tragbahre mit ihrem Gatten schon seit ein Uhr im Torweg des Lagers stehe in der eisigen Zugluft und in heftigem Schneesturm. Zwei Tage nach seiner Ankunft in Wien starb dieser arme Märtyrer der Freimaurerei, dieser gütige, sanfte junge Rechtsanwalt, der zu Beginn des Jahres von seinen Brüdern überredet worden war, die Meisterwürde seiner Loge zu übernehmen, welche er aus Bescheidenheit nicht annehmen wollte.

Der Tod des Großmeisters

Am 31. Mai wurde der Sohn des Großmeisters freigelassen. Zu dieser Zeit hatte sich die Krankheit seines Vaters derart verschlimmert, dass sogar der Patient selbst die Gefährlichkeit seines Zustandes erkannte. Es war nur sein einziger Wunsch, zu Hause in seinem Bett zu sterben und seinen Sohn nochmals zu sehen. Keiner dieser Wünsche wurde ihm erfüllt. Er starb am 6. Juni nach einer neuerlichen Operation. Niemandem außer der Familie wurde erlaubt, an seinem Leichenbegängnis teilzunehmen. Der Großsekretär wurde nachher gefragt, ob die Brüderschaft etwas davon gewusst habe und ob ein Kranz gesendet worden sei und ob Beileidsschreiben eingelangt seien. Noch einmal wurde ihm eingeschärft, alle Briefe, welche von auswärtigen Freimaurern ankommen sollten, der Gestapo auszuliefern. Da an die Adresse der Großloge nicht einmal mehr Drucksachen geliefert wurden, befahl man dem Großsekretär, alle maurerischen Zeitungen, welche an seine Privatadresse kämen, ebenfalls abzuliefern.

Nach einiger Zeit teilte ihm der Gestapobeamte mit, dass an die Herausgeber aller maurerischen Zeitungen geschrieben und sie ersucht worden wären, ihre Publikationen weiterhin an private Adresse zu senden. Falls die ausländischen Herausgeber den Großsekretär fragen sollten, ob die Zeitungen von ihm bestellt worden seien, wünschte der Beamte, dass der Großsekretär dies bejahen möge. Da appellierte der Großsekretär an das Ehrgefühl dieses hochkultiviertem Gestapobeamten und versuchte, ihm verständlich zu machen, dass er als ein Mann von Ehre diese Zumutung ablehnen müsse und diesem Auftrag nicht Folge leisten könne.

Es scheint, dass die ausländischen Großbehörden und ihre Verleger dieses Manöver glücklicherweise durchschaut haben und kein einziges Exemplar mehr schickten. Wenige Monate später erschien der Beamte wieder und fragte, ob der Großsekretär vielleicht die Zeitungen gewarnt hätte (obgleich dies gar nicht möglich gewesen wäre, da sicher war, dass seine Korrespondenz gründlich kontrolliert wurde). Er wurde sodann benachrichtigt, dass er – falls es ihm früher gelänge, seine Emigration nach England zu sichern – noch einige Monate der Gestapo zur Verfügung stehen müsse und wahrscheinlich in naher Zukunft die Ausreiseerlaubnis nicht erhalten werde. In der Tat schien seine Emigration noch bis zu dem Augenblick zweifelhaft zu sein, an dem er im März 1939 (im englischen Original steht versehentlich 1930) endlich glücklich die Grenze überschreiten konnte.

Die Freimaurer fliehen das Land

Die meisten seiner Brüder hatten vor ihm ihr Heimatland verlassen und inzwischen eine vorläufige Zuflucht in der Schweiz, in Frankreich, Luxemburg oder in den Niederlanden gefunden, oder es war ihnen gelungen, den Ozean nach Amerika zu überqueren. Ein Teil von Ihnen, welcher die Flucht in die Tschechoslowakei bewerkstelligen konnte, kam ein zweites Mal in Gefahr, als dieses Land von Hitler überfallen wurde. Einige von ihnen leiden heute noch unter dem Naziregime in diesem unglücklichen Land. Andere wieder wurden von den Nazis in anderen Zufluchtsländern, in Frankreich, in den Niederlanden etc. gefangen. Ihr Schicksal ist unbekannt. Eine große Zahl von Brüdern hatte keine Möglichkeit, Österreich zur rechten Zeit zu verlassen; sie hatten weiterhin die größten Unbille zu erleiden: Hunger, Trennung von ihrer Familie etc., ohne Hoffnung auf eine andere Veränderung als eine Deportation nach Polen, wie dies kürzlich einem der verdienstvollsten Großbeamten der Großloge, dem Großalmosenier, widerfahren ist.

In allen genannten Ländern trafen die österreichischen Freimaurer auf die größte Sympathie und brüderliche Hilfsbereitschaft seitens der Freimaurerei dieser Länder. Sie wurde unterstützt durch private oder öffentliche Zuwendungen, durch Beschaffung von Arbeit und Einkommen.

Die Flüchtlinge finden Freunde

Eine große Zahl von österreichischen Freimaurern fand Zuflucht in England, wo sie ihre Visa für Amerika erwarteten. Einige von ihnen hatten das Glück, durch die Hilfe humanitärer Organisationen (Society of Friends etc.) Arbeit in anderen Berufen zu finden, und einige wurden von diesen Organisationen unterstützt mit kleinen wöchentlichen oder monatlichen Zuwendungen. Ein großer Teil dieser Flüchtlinge konnte seinen Weg in die Freiheit und in eine neue, wenn auch unbekannte Zukunft fortsetzen. Sie überquerten den Ozean nach verschiedenen Kontinenten und ließen sich in den USA und anderen Teilen Amerikas, in Australien, Neuseeland und auf den Philippinen nieder. In vielen dieser Länder wurde den österreichischen Freimaurern nicht nur geholfen bei ihrem Unterhalt, sondern sie wurden auch von den maurerischen Körperschaften gerne als reguläre Freimaurer anerkannt und aufgenommen. Man lud sie zu den Versammlungen ein und ersuchte sie, über ihre Erlebnisse zu berichten. In New York, wo eine große Zahl von österreichischen Brüdern sich niedergelassen hat, wurde den Flüchtlingen erlaubt, eine Organisation für sich zu bilden und in einem Logenraum maurerische Versammlungen abzuhalten. Sie wurden zu den maurerischen Versammlungen amerikanischer Logen zugelassen, bis sie nach einer gewissen Zeit als reguläre Mitglieder affiliiert werden konnten.

Nachdem nun die geistige Hinterlassenschaft der Großloge von Wien behandelt worden ist, die in den Herzen ihrer Brüder untilgbar bewahrt und durch ihre unaufhörliche Liebe und Begeisterung für die maurerischen Ideale in die Zukunft getragen wird, müssen noch einige Worte über die materiellen Güter der Großloge gesagt werden.

Was mit dem Mobiliar und der Ausrüstung der Logenräume geschehen ist, ist nicht bekannt. Die schöne Bibliothek, welche eine große Zahl alter Dokumente von großem Wert enthielt, wurde nach Berlin transportiert, wie die Gestapo dem Großsekretär mitgeteilt hat. Die Gegenstände spezifisch maurerischen Charakters, wie Tapis, Leuchter, Gemälde, Pulte, Kanzeln mit maurerischen Emblemen, Ritualbücher und Bibeln und alle maurerischen Insignien wurden in Wien belassen, und am 29. Oktober wurde eine Ausstellung eröffnet, welche alle Geheimnisse eines freimaurerischen Tempels den neugierigen Augen der Wiener Bevölkerung darbot.

Kaum ein Mitglied der Wiener Logen wird Lust gehabt haben, diese Ausstellung zu besuchen. Aber die Beschreibung derselben, wie sie in den Tageszeitungen zu finden war, lieferte einen trefflicheren Beweis für die Tatsache, dass die kostbaren Werte der Symbole in den Herzen jener liegen, welche ihren höchsten Sinn und ihre Bedeutung in die Tat umsetzen. Es ist keineswegs für Unwissende schwer, das lächerlich zu machen, was den Wissenden heilig ist.

Die Zukunft

In den Herzen dieser Wissenden leben die heiligen Ideale, welche diese Symbole repräsentieren, ein unzerstörbares Leben, und in allen diesen treuen Herzen lebt die heiße Hoffnung, dass die äußeren Symbole ihres Glaubens in nicht allzu ferner Zukunft wieder aufgestellt werden an ihren alten und geliebten Plätzen, und dass am gleichen Ort, geheiligt durch die unvergesslichen Namen der Vorfahren, dieselbe geliebte und verehrte Großloge von Wien wiederhergestellt werden wird.“

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