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Freimaurerische Erinnerungskultur

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Inhaltsverzeichnis

Freimaurerische Erinnerungskultur

Autor:Hans-Hermann Höhmann Mit freundlicher Genehmigung.

In: TAU, Zeitschrift der Forschungsloge „Quatuor Coronati“, I, 2005, S. 3-8

Freimaurer erinnern sich gern: an ihre Herkunft, an ihr aufklärerisches Erbe, an ihre historische Bedeutung, an ihre hervorragenden Männer. Doch manchmal scheint die Erinnerung mühevoll und selektiv: Zu schmerzhaft ist das Zurückdenken an manche Phasen freimaurerischer Vergangenheit, und als zu lästig wird die Reflexion über die bisher geleistete Erinnerungsarbeit empfunden. Dann droht die Gefahr, dass Ver-drängung an die Stelle von Erinnerung tritt und historische Erfindung an die Stelle von Fakten. Es gibt für die Freimaurerei eben nicht nur Geschichte, es gibt auch ein spezifisches Verhältnis zur Geschichte, eine Kultur der Erinnerung, verstanden als die Art und Weise, wie historisches Wissen erworben und verloren wird, d. h. wie sich der erinnernde Freimaurer mit Wissen um die Vergangenheit umgeht.

Der folgende Beitrag versucht in zwei Schritten eine Auseinandersetzung mit freimaurerischer Erinnerungskultur.

Historisches "Crossover"

I. Am Anfang soll die Auffassung stehen, dass Freimaurerei in der Form, wie sie entstand und wie sie bis heute praktiziert wird, nur historisch begründbar ist. Schon die frühen englischen Freimaurer standen in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts vor der Notwendigkeit, sich in ihrer Besonderheit durch Rückgriff auf Vergangenes zu legitimieren. Nur auf diese Weise konnten sie sich ihrer Identität versichern und sich von den anderen Assoziationen der üppig sprießenden Londoner Clubwelt unterscheiden. Allein die Tatsache, dass die Freimaurerei Formen, Zeichen und Riten im Vollzug ihres historischen „crossovers“ von der „operativen“ auf die „spekulative“ Freimaurerei und damit auf einen ethisch-sozialen Kontext übertrug, brachte für den Bund von Anfang an einen umfangreichen Bedarf an Selbstthematisierung und Legitimierung mit sich, wie er in Organisationen mit Zwecken, die an Organisationsstruktur und Funktionsweise klar erkennbar sind, nicht entsteht. Das „operative“ Bauen einer Baukorporation versteht sich von selbst, das „spekulative“ Bauen einer Loge bedarf der Erläuterung und Legitimation. So war und blieb die Freimaurerei auch deshalb eine „geheime Gesellschaft“ ganz besonderer Art, weil sie stets bemüht bleiben musste, ihrem eigenen Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Andersons "kahle Rhapsodie"

In diesem Sinne war bereits James Andersons – von Lessing als „kahle Rhapsodie“ verspottete – Entstehungsgeschichte der Freimaurerei von Adam bis zur damaligen Gegenwart nichts anderes als der Versuch eines entschlüsselnden und legitimierenden Rückgriffs auf Geschichte. Denn auch Geschichten, Legenden und Mythen gehören ihrer sozialen Funktion nach zur Geschichte. Auch später sind immer wieder historische Ableitungen aufgetaucht, um Freimaurerei in unterschiedlichen Entstehungsgeschichten legitimierend zu verankern, sei es in der Geschichte der Mysterienbünde, der Dombauhütten und Handwerksgilden, der Ritterorden, der „bürgerlichen Gesellschaft“ (Lessing) und schließlich – als Ausdruck der Annäherung an den Nationalsozialismus – in keltisch-germanischen Riten und Gemeinschaftsformen, wie sie zur „Sonnwendfeier“ 1933 von deutschen Freimaurern an den Externsteinen beschworen und gefeiert wurden.

Der „ontologische“ Begründungsbedarf

Dieser, gleichsam „ontologische“ Begründungsbedarf der Freimaurerei wurde bald doppelt verstärkt: einmal durch Angriffe von außen, die argumentativ begründete Apologien erforderlich machten, zum anderen durch innere Auseinandersetzungen, mit denen um die „echte und eigentliche“ Form der Freimaurerei gerungen wurde.
Freimaurerei war zwar durch bestimmte Grundelemente bestimmt, die über Länder und Zeiten hinweg dieselben blieben. Zu diesen Elementen gehörte neben Organisationsformen, Symbolen und Ritualen auch ein Kanon von Werten und religiösen Orientierungen, der ursprünglich um aufklärerisch-humanitär geprägte Begrifflichkeiten wie Menschenliebe, Brüderlichkeit, Duldsamkeit (Toleranz) und Gottesfürchtigkeit kreiste, inhaltlich aber von Anfang an flexibel interpretierbar war, vor allem in seiner Bedeutung für politisch-gesellschaftliche und philosophisch-religiöse Kontexte, innerhalb deren sich Logen und Logensysteme definierten.

Dies bedeutet, dass die Freimaurerei in ihrer historischen Entwicklung mit sehr verschiedenen politischen Strukturen vereinbar war, zunächst (und vor allem) mit den sich im 18. Jahrhundert etablierenden Strukturen der Bürgergesellschaft, als Freimaurerei phasenweise zum Katalysator zukünftiger politischer Reformen, ja tiefgreifender Veränderungen im Sinne von bürgerlicher Gleichheit, Demokratie und nationaler Unabhängigkeit wurde.

Doch wegen der für die Freimaurerei konstitutiven Trennung von Innenraum und Außenraum, von inneren (privaten) Tugenden und äußeren (öffentlichen) Tugenden erwies sich der Kanon auch mit vordemokratisch-absolutistischen und – dies zeigte sich insbesondere an der Wende zu den 1930er Jahren – auch mit nicht-demokratischen, politisch-autoritären sowie nationalistisch-völkischen Leitvorstellungen vereinbar.

Suche nach neuen Inhalten

In Zeiten von gesellschaftlich-politischen Umbrüchen oder von Krisen freimaurerischer Systeme, wurde – im Zuge einer als notwendig empfundenen Suche nach neuen Inhalten und veränderten Formen – der Bedarf an historischen Verankerungen und ihrer analytischen Begründung besonders dringlich. Und vor allem dann hatten das historische Erinnern der Freimaurer sowie die freimaurerische Geschichtsschreibung mit der Verlockung zu kämpfen, vorrangig jene Geschichte zu erforschen bzw. als wirklich gewesene Vergangenheit darzustellen, die für die Begründung bestimmter Spielarten, Lehrsysteme und politischer Orientierungen der Freimaurerei zweckmäßig erschien. Dann wurden jeweils jene Vergangenheiten entworfen, die zu den aktuellen Gestaltungswünschen passten. Kehrseite davon war, dass der Entwicklungsprozess der Freimaurerei aus der Vergangenheit heraus auf diese Weise kaum in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Gebrochenheit empirisch-verstehend verfolgt wurde.

Reflexionen über freimaurerische Erinnerungskultur hätten sich nun mit Inhalt und Funktion freimaurerischer Vergangenheitsentwürfen zu beschäftigen. Es wäre nach Möglichkeiten zu suchen, sich so weit wie möglich von den erörterten Begründungszwängen und ideologischen Sichtweisen zu entfernen. Freimaurerei wäre mit all ihren Facetten und Widersprüchlichkeiten, Höhen und Tiefen empirisch (und nicht normativ) zu betrachten. Ihr Verständnis hätte auf der Grundlage von Fakten in ihren jeweiligen historischen Zusammenhängen und aus diesen Kontexten heraus zu erfolgen. Das im Gegensatz zu einem solchen Vorgehen zu geringe und zu wenig differenzierte Wissen vieler deutschen Freimaurer macht dagegen einen Teil der freimaurerischen Orientierungsschwierigkeiten in der Gegenwartsgesellschaft aus.

Freimaurerei und Nationalsozialismus

II. Will Freimaurerei bei aufmerksamen Zeitgenossen ernstgenommen werden, will sie insbesondere Vertreter der Bildungs- und Verantwortungseliten ansprechen, so muss sie ihre Erinnerungskultur im zuvor erörterten Sinne pflegen. Dies gilt nicht zuletzt für den Umgang mit dem Thema „Freimaurerei und Nationalsozialismus“, um den es immer noch unbefriedigend steht. Gewiss: in den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich mehr Freimaurer als in der Nachkriegszeit davor um ein kritisches Aufarbeiten der massiven Annäherung beträchtlicher Teile der deutschen Freimaurerei an Nationalsozialismus und NS-Regime bemüht.

So ist etwa hinzuweisen auf einige Artikel im Jahrbuch der Forschungsloge „Quatuor Coronati“ (Werner Freudenschuß und Jürgen Luckas), auf einige nachdenkliche Reflexionen in Bruno Peters Buch über die „Freimaurerei im Deutschen Reich“, auf einige kritisch reflektierende Beiträge in „Humanität“ (darunter immer wieder unverdrossen von Rolf Appel) sowie auf einige kritisch-differenzierend erinnernden Berichte aus der Perspektive einzelner Brüder und Logen. Vor allem aber ist das dreibändige Werk über die Große National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ zwischen 1933 und 2000 hervorzuheben, das als „Versuch einer Standortbestimmung“ in Herausgeberschaft der GNML 3WK im Jahre 2002 erschien. Dieses Buch ist deshalb so wichtig, weil es sich hier um den ersten umfassenden, von einer deutschen Großloge unternommenen Versuch handelt, abwägend und zeitkritisch sowie unter Rückgriff auf viele Quellen aufzuarbeiten, was sich innerhalb eines breiten Segments der deutschen Freimaurerei in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts an Entfernungen vom Ursprungsideal vollzog. Das Werk begründet ein neues Anspruchsniveau, von dem bei weiteren derartigen Bemühungen ausgegangen werden sollte.

Insgesamt ist jedoch einzuräumen, dass die analytisch überzeugendsten, material-reichsten und wissenschaftlich unbefangendsten Arbeiten zur hier erörterten Thematik von Wissenschaftlern außerhalb der Freimaurerei vorgelegt wurden, wobei vor allem auf drei Arbeiten hinzuweisen ist, deren Lektüre für den deutschen Freimaurer in diesem Zusammenhang unverzichtbar ist:

  • Helmut Neubergers „Freimaurerei und Nationalsozialismus“, Hamburg 1980 (2001 unter dem Titel „Winkelmaß und Hakenkreuz, Die Freimaurer und das Dritte Reich“ neu ediert)
  • Wolfgang Fenners und Joachim Schmidt-Sasses Studie „Die Freimaurerei als ‚nationale Kraft’ vor 1933“ (im Sammelband „Weimars Ende“, herausgegeben von Thomas Koebner, Frankfurt/Main 1982) und *Ralf Melzers „Konflikt und Anpassung. Freimaurerei in der Weimarer Republik und im ‚Dritten Reich’“, Wien 1999.

Zusätzlich zu verweisen ist auch in diesem Zusammenhang auf

  • Stefan-Ludwig Hoffmanns Buch „Politik der Geselligkeit. Freimaurerlogen in der deutschen Bürgergesellschaft 1840-1918“, Göttingen 2000. Viele Kapitel dieses – von der Forschungsloge für ihre Mitglieder unmittelbar nach seinem Erscheinen als „Jahresgabe“ erworbenen Werkes – behandeln die Vorgeschichte und die Grundlagen späterer Entwicklungen, wobei auf das Kapitel „Fremde Brüder: Juden und Freimaurer“ besonders zu verweisen ist.

Legitimitätsproblem

Trotz der zuvor erwähnten Veröffentlichungen von Freimaurern und freimaurerischen Institutionen muss aufs Ganze allerdings nach wie vor gelten, dass die Beschäftigung mit dem Thema „Freimaurerei und Nationalsozialismus“ unverändert zögerlich erfolgt und dass die freimaurerische Selbstdarstellung für diese Zeit immer noch von Mythen und Legenden durchzogen ist.

Dies hat nun wiederum mit dem Legitimitätsproblem, vor allem mit der Angst vor Legitimationsdefiziten zu tun. Zwischen dem heutigen Selbstverständnis des Bundes als einem weltoffenen, humanitären Freundschaftsbund und der freimaurerischen Realität und Selbstdarstellung der zwanziger und frühen dreißiger Jahre besteht nun einmal ein tiefer Riss.

Humanitäre Grundhaltung und Annäherung an den Nationalsozialismus passen nun einmal nicht zusammen. Also lag die Versuchung nahe, im nachhinein, das heißt im Zuge der Wiedergründung der Freimaurerei nach dem Zweiten Weltkrieg, allerlei Strategien zur Überwindung dieser Kluft anzuwenden, die einem Bemühen um historische Wahrheit in ihrer Gesamtheit kaum entsprachen. Zu diesen Strategien gehören: Leugnung und Verschweigen von Fakten, historische Relativierung, verschleiernde Stilisierung der NS-Zeit als einer Periode allgemeiner „Menschheitsferne“, Hin- und Herschieben des „schwarzen Peters“ nach dem Motto „Ihr habt euch mehr angepasst als wir!“, Umdeutung von Verfolgung durch in Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Kennzeichnung von Anpassung und geistiger Selbstgleichschaltung als Tarnung.

Doch es ist nun einmal historische Tatsache, dass sich große Teile der deutschen Freimaurer als Bestandteil eines politisch weitgehend rechts-konservativ orientierten Bürgertums an den Nationalsozialismus anpassten, ja in vielen Fällen mit teils innerer, teils offen artikulierter Zustimmung auf die Nazis zugingen. Was diese Freimaurer störte – dies belegen die Quellen aus den frühen dreißiger Jahren nur allzu deutlich – , war weit weniger der Nationalsozialismus selbst, als der von den Nazis verfügte Umstand, dass sie als Freimaurer – oder gewesene Freimaurer – am Aufbau des neuen Deutschlands nicht teilhaben sollten.

Wer die Zeitschriften der deutschen Großlogen aus den zwanziger und dreißiger Jahren aufmerksam liest, kann sich auch nicht mit der These der taktischen Tarnung befreunden. Leider ziehen sich Konsequenz und Kontinuität von der verbreiteten Ablehnung der Weimarer Republik – prominente Freimaurer bekannten später stolz, dass bei ihnen nie die „schwarz-rot-gelbe“ Fahne der Republik wehen durfte – bis hin zu jenen Glückwunschtelegrammen an Hitler, mit denen Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund als Wiederherstellung nationaler Ehre gepriesen wurde. Und so steuerte auch die deutsche Freimaurerei ihren Teil zu jenem Vakuum an freiheitlich-demokratischer Gesinnung bei, in dem die Feinde der Demokratie überhand gewinnen konnten.

Selbstverständlich verbieten sich Verallgemeinerungen:

Es gab in allen Großlogen engagierte Demokraten – oder zumindest doch „Vernunftrepublikaner“ –, von denen viele allerdings die Freimaurerei mit fortschreitender Identifizierung mit dem sich breitmachenden NS-Zeitgeist verließen. Auch gab es Kritik am Nationalsozialismus im Großlogenschrifttum, bei den humanitären Großlogen mehr als bei den altpreußischen, und am deutlichsten in den Zeitschriften des „Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne“ und der „Symbolischen Großloge von Deutschland“. Als Großlogen standen die beiden letztgenannten ohnehin zuletzt weitgehend allein für jene freimaurerischen Tugenden, zu denen sich – dank 1945 – deutsche Freimaurer heute wieder in ihrer Gesamtheit bekennen können: allgemeine Menschenliebe, umfassende Toleranz, Weltbruderkette und Friedensliebe.


Ebenso muss zwischen Anpassung von Logen und Großlogen auf der einen und der unveränderten freimaurerischen sowie menschlichen Integrität vieler ihrer Mitglieder auf der anderen Seite unterschieden werden. Auch gab es persönlichen Widerstand von Freimaurern, und auch Treue zur Menschlichkeit bis in den Tod hat es in der Tat gegeben. Es ist dabei nicht wichtig, ob diese Männer starben, weil sie Freimaurer, Demokraten, Sozialisten oder Pazifisten waren: Namen wie Wilhelm Leuschner, Leo Müffelmann und Carl von Ossietzky stehen für ein anderes Deutschland – und eine andere, nicht angepasste Freimaurerei.

Gelegentlich hat die Annäherung an den Nationalsozialismus in der Nachkriegspolemik zwischen den Großlogen innerhalb der VGLvD eine Rolle gespielt, in dem vornehmlich den altpreußischen Großlogen der Schwarze Peter völkischer Orientierung und die Pflicht der selbstkritischen Aufarbeitung zugeschoben wurde. Dies ist so nicht angängig.

Erstens gehören zahlreiche 3WK- und Royal-York-Logen seit 1949 der Großloge AfuAM bzw. ihrer Vorgängergroßloge an, und diese Logen (nicht zuletzt die Logen des Bielefelder und des Wetzlarer Ringes) waren in den frühen dreißiger Jahren vielfach stärker völkisch orientiert und an das NS-System angepasst als die Großlogen in Berlin. Zweitens gab es seit Mitte der zwanziger Jahre Absetzbewegungen namhafter humanitärer Logen von ihren bisherigen Großlogen zu altpreu-ßischen (oder zumindest zu stärker völkisch angesiedelten) Großlogen. Und in der Anpassung zwischen 1933 und 1935 gab es dann drittens kaum noch wirkliche Unterschiede zwischen den nochverbliebenen Logen und Großlogen. Wenn in diesem Erinnerungsjahr 2005 an das Ende der Freimaurerei im Jahre 1935 zurückgedacht wird, so sollte daher auch bewusst werden, dass das endgültige Verbot der Freimau-rerei durch die Nazis in jenem Jahr wenigstens den weiteren, vermutlich endgültigen Wesens- und Substanzverlust des Bundes beendet hat.

Abschied von Legenden

Es geht nun nicht um Schuldzuweisungen, es geht darum, zu wissen, wie es war, es geht um Abschied von Legenden, es geht um eine sorgfältig differenzierte Aufarbeitung der Fakten. Es geht für den Freimaurer-Bürger von heute aber auch um die his-torisch begründete Einsicht, wie nötig es für die Lebensfähigkeit einer Demokratie ist, die breite Mitte der Gesellschaft vor dem Vordringen extremer Vorstellungen zu bewahren. Die Forschungsloge „Quatuor Coronati“ hat sich auf ihrer Frühjahrsarbeitstagung 2005 in einem ersten Ansatz um eine solche Aufarbeitung bemüht und wird diese Bemühungen auf ihrer Altenburger Tagung am 8. und 9. Oktober 2005 fortsetzen. Auch die regionalen Zirkel der Forschungsloge nehmen sich der Thematik an, so etwa der Zirkel Franken auf seiner Frühjahrstagung 2005.

Es geht aber auch um die Erinnerung an die wirklichen Opfer, die Opfer etwa unter den jüdischen Brüdern, die in den zwanziger Jahren in den Bruderketten deutscher Logen gestanden haben: Wer kennt sie, wer weiß, was aus ihnen geworden ist, wer hat ihre Namen aufbewahrt, wer hat nach dem Krieg an sie gedacht oder sich um sie gekümmert? Werden sie nicht abermals aufgegeben, wenn sie namenlos bleiben?

Gewiss: Sich an geschichtliche Wahrheiten zu erinnern kann unbequem sein, es erfordert Mut und die Bereitschaft, auf bequeme „Neuerfindungen der Vergangenheit“ zu verzichten. Es ist dem Politikwissenschaftler Stefan Wolle darin zuzustimmen, dass alles, was gemeinhin unter dem Signum von „Aufarbeitung“ und „Vergangenheitsbewältigung“ rubriziert wird, der natürlichen Gravitationskraft des Alltagsdenkens widerstrebt, und dass die „Schlussstrichzieher aller Zeiten“ stets den gesunden Menschverstand auf ihrer Seite zu haben scheinen.

Wir Heutigen haben als Bürger und Freimaurer nicht die Vergangenheit der neunzehnhundertdreißiger Jahre zu verantworten. Wohl aber sind wir verantwortlich für das, was wir aus dieser Vergangenheit in der Gesellschaft von heute weiterwirken bzw. wieder aufleben lassen, und wir haben die Art und Weise zu verantworten, wie wir mit Vergangenheit handelnd und erinnernd umgehen.

Für mich steht hierbei fest, dass der Umgang der deutschen Freimaurerei mit der Vergangenheit in der Nach-kriegszeit, insbesondere mit der Geschichte der zwanziger und frühren dreißiger Jahre sowie die Laxheit, mit der ehemaligen Nationalsozialisten nicht selten prominente Plätze im Nachkriegsbund eingeräumt wurden, dringend der Reflexion, Aufarbeitung und Korrektur bedürfen.

Zum Schluss:

Schadet eine offene Reflexion auch belastender Vergangenheiten dem Ansehen der Freimaurerei und ihrer zukünftigen Entwicklung?

Wohl kaum. Im Gegenteil: Wenn Freimaurerei heute „reflexive Aufklärung“ (Helmut Reinalter) sein will, so muss sie um ihrer Glaubwürdigkeit willen sich selbst und ihre Vergangenheit in diesen Aufklärungsprozess einbeziehen.

Freimaurerei hat viel zu viel Substanz, als dass sie historische Wahrheiten nicht vertragen könnte. Und wenn Freimaurerei vor allem als Ausdruck von Lebenskultur verstanden wird, so muss Erinnerungskultur einen festen Platz in ihr haben. Das schulden sich die Freimaurer selbst. Aber auch die von ihnen angestrebte respektierte Rolle in der Öffentlichkeit hängt von der Fähigkeit ab, im Umgang mit der eigenen Vergangenheit redlich und wahrhaftig zu sein.

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