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Rede von Jonas Furrer, 1844: Unterschied zwischen den Versionen

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[[Jonas Furrer]] (1805-1861), Jurist, Bürgermeister von Zürich, massgebender Mitarbeiter an der Bundesverfassung, erster Bundespräsident der Schweiz 1848. Mitglied der Winterthurer Loge „Akazia“, erster Grossredner der Schweizerischen Grossloge Alpina.
 
  
 
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Mögen wir den ernstmahnenden Ruf der Zeit vernehmen und möge der allmächtige Baumeister der Welten unser heutiges Bundesfest in seiner wahren Bedeutung segnen, auf daß einst in später Nachwelt der hammerführende Meister freuderfüllt erkläre:
 
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:„Am Joh. Fest des Jahrs 1844 hat eine neue, segensreiche Epoche der vaterländischen Maurerei begonnen."—
 
  
 
Was muß nun aber geschehen, wenn unser doppeltes Bundesfest nicht ein leerer Schall sein, wenn es für kommende Zeiten nachhaltige Wirkungen äußern soll? —
 
Was muß nun aber geschehen, wenn unser doppeltes Bundesfest nicht ein leerer Schall sein, wenn es für kommende Zeiten nachhaltige Wirkungen äußern soll? —
 
  
 
Die Maurerei muß vor allem im Innern des Bundes einen regen Aufschwung nehmen; sie muß, wenn da und dort, wie es nicht anders möglich ist, äußere Verhältnisse oder innere Erschlaffung eine Lauheit des Geschäftsganges herbei führten, oder wenn der Geist der ehrwürdigen Institution einem Formentand zu unterliegen drohte, kräftig vom Schlummer sich aufraffen. — Täuschen wir uns nicht, meine geliebten Brüder! In unserer Zeit reicht die Maurerei nicht damit aus, unter Formen und Sinnbildern, seien sie auch noch so erhaben und durch ihr Alter ehrwürdig, genußreiche Stunden zuzubringen. —- Wenn jemals, so gelten in jetziger Zeit des großen Dichters Worte:
 
Die Maurerei muß vor allem im Innern des Bundes einen regen Aufschwung nehmen; sie muß, wenn da und dort, wie es nicht anders möglich ist, äußere Verhältnisse oder innere Erschlaffung eine Lauheit des Geschäftsganges herbei führten, oder wenn der Geist der ehrwürdigen Institution einem Formentand zu unterliegen drohte, kräftig vom Schlummer sich aufraffen. — Täuschen wir uns nicht, meine geliebten Brüder! In unserer Zeit reicht die Maurerei nicht damit aus, unter Formen und Sinnbildern, seien sie auch noch so erhaben und durch ihr Alter ehrwürdig, genußreiche Stunden zuzubringen. —- Wenn jemals, so gelten in jetziger Zeit des großen Dichters Worte:
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Aktuelle Version vom 2. Januar 2018, 12:02 Uhr

[Bearbeiten] Rede von Jonas Furrer

am Johannisfest bei der Konstituierung der Schweizerischen Grossloge Alpina , 22.-24. Juni 1844

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Ausgearbeitet von Dr. phil. Roland Müller, Switzerland / Copyright © by Mueller Science 2001-2015 / All rights reserved - ESOTERIK von Dr. phil. Roland Müller

Kurzlebenslauf aus dem „Handbuch des Freimaurers“, hrsg. von der Forschungsgruppe Alpina. Lausanne, 1999, 331:

Jonas Furrer (1805-1861), Jurist, Bürgermeister von Zürich, massgebender Mitarbeiter an der Bundesverfassung, erster Bundespräsident der Schweiz 1848. Mitglied der Winterthurer Loge „Akazia“, erster Grossredner der Schweizerischen Grossloge Alpina.

Ein zweiseitiger Lebenslauf findet sich in:

Schweizerische Grossloge Alpina. Buch der 150 Jahre. Lausanne 1993, 39-40.
Er schliesst mit einem Geständnis von Jonas Furrer:
„An mir selbst habe ich erfahren, dass die Massonei kein eitler Wahn ist.“

Bei den Unterlagen des 1997 in Zürich begründeten Jonas-Furrer-Preises
http://jonasfurrer.ch/
finden sich folgende Literaturangaben:
Alexander Isler: Bundesrat Dr. Jonas Furrer. Winterthur, 1902, 234 + 67 Seiten.
Fritz Brandenberger: Unser Bundesrat Br. Jonas Furrer. Winterthur, 1934, 35 Seiten.
Urs Widmer: Bausteine zur Winterthurer Stadtgeschichte. 1998, 19 Seiten.

Unter den zahlreichen weiteren biographischen Publikationen ragt ein umfangreiches Werk hervor:
Emanuel Dejung, Alfred Stähli, Werner Ganz: Jonas Furrer von Winterthur 1805-1861. Winterthur: Gemsberg 1948, 550 Seiten.
Neueren Datums ist der Bericht von Otto Zuber über Dr. Jonas Furrer aus freimaurerischer Sicht im Quatuor Coronati Jahrbuch, Nr. 18, 1981, 57-91.

Im Archiv der „Akazia“ sind 16 handgeschriebene Logenreden von Jonas Furrer zu verschiedenen Anlässen erhalten.

[Bearbeiten] Des Festes Bedeutung

für die
Vaterländische Maurerei.
und
deren Zukunft

von
Br. J. Furrer


Geliebte Brüder!

Das jährliche Bundesfest Johannis des Täufers, das Fest der maurerischen Bruderliebe ist wiedergekehrt. Mit aufrichtiger Freude vernahm die Bauhütte Akazia den Ruf der Schwester-Loge am Or. von Zürich zu gemeinsamer Festfeier. —

Dreimal schön aber glänzt dieser Tag uns entgegen durch die nationale Vereinigung der vaterländischen Logen. —

Sonst mußten wir uns darauf beschränken, an diesem festlichen Tage der fernen Bauhütten mit brüderlicher Liebe und stillem Gruß zu gedenken und im Geiste bloß ihnen die weiße Rose zu reichen; — heute aber sind sie alle, die das Band des Ordens und zugleich das des gemeinsamen Vaterlandes umschlingt, in unsrer Mitte vertreten, um ihre Gefühle und Empfindungen auszutauschen, mit vereinter Kraft, was in und außer dem Bunde Noth thut, zu berathen und dadurch der heutigen Feier eine höhere Weihe zu ertheilen. —


Nach allem, was für die Förderung dieses Zweckes theils durch den Ausdruck hoher Begeisterung und edler Gesinnung, theils durch geistreiche Behandlung wesentlicher Fragen bereits geschehen, ist ein, leider schwaches, Organ in meiner Person beauftragt, noch einige Worte zu Ihnen zu sprechen über des Festes Bedeutung für die Vaterländische Maurerei und deren Zukunft. —
Ich darf hiebei nichts anderes wünschen und hoffen, als daß Sie mit brüderlicher Nachsicht wenigstens den redlichen Willen in die Waagschale der Beurtheilung legen. —

Feste zu feiern ist wohl eine der allgemeinsten und ältesten Sitten der Welt. — Wo sind die Völker, wo die religiösen Genossenschaften, wo irgend welche Gesellschaften von einiger Bedeutung, die nicht ihre Feste feiern? — Bald sind es denkwürdige Ereignisse, bald große verdienstvolle Männer der Vorzeit, bald erhabene Ideen oder schöne und gemeinnützige Institutionen, die durch Feste verherrlicht werden sollen. — Das Bedürfniß dazu liegt in der menschlichen Natur, die oft über dem Treiben der Gegenwart eine große und lehrreiche Vergangenheit vergißt und in der Sorge für die eigenen Bedürfnisse und Wünsche den Eifer und die Begeisterung für jedes höhere Streben untergehen läßt. —
Auch die Maurerei, als ein menschliches Institut, hatte zu jeder Zeit ihre lauen Perioden, was sämmtliche Bauhütten wol schon erfahren haben ; auch sie feiert daher ihre Feste zur Wiederbelebung maurerischer Bestrebungen, zur Erhebung des Gemüthes, zur Begeisterung für die Zwecke des Bundes. —

Uns, meine geliebten Brüder, versammelte heute nicht nur das gewohnte Jähresfest, um im -Hinblick auf das Vorbild Johannis des Täufers uns über allgemein maurerische Verhältnisse zu belehren und zu ermuntern und um sämmtlicher Bauhütten des Erdenrunds, die in diesen Tagen mit uns die Bruderkette bilden, liebend zu gedenken; uns berief auch des Meisters Hammerschlag zur festlichen Feier des historischen Monumentes für die vaterländische Maurerei, das wir heute gegründet. —

Es lag im Bedürfniß und in der Richtung der Zeit, daß die schweizerischen Bauhütten ein gemeinsameres Wirken, eine größere Einheit und zu diesem Behuf einen veränderten äußern Organismus anstrebten. Die großherzige Gesinnung der bisherigen schweizerischen Ordensobern ist diesem Streben der Zeit auf edle Weise entgegengekommen und nach reiflicher Berathung der vaterländischen Logen ist dieser Gedanke zur That geworden. —
Dem Gedanken folgte zwar die That; dieser That feiern wir ein Fest; aber beide verschwinden sofort im Strome der Zeit, wenn die große Idee nicht Durchbruch gewinnt im Herzen der Brüder sämmtlicher schweizerischen Bauhütten. — Denn eines Festes wahre Bedeutung besteht nur in der nachhaltigen Wirkung, die eine edle und andauernde Begeisterung für die Idee desselben hervorbringen kann. —Und wahrlich, meine geliebte Brüder, wir bedürfen eines Aufschwunges, einer gemeinsamen Kraft des großen Ganzen. —

Die Würfel sind gefallen, jetzt oder nie wird die vaterländische Maurerei sich erheben; denn die äußern Bedingungen einer segensreichen Wirksamkeit, sofern man sie erkennen will, sind vorhanden und mit ihnen hat sich der innere Aufschwung der schweizerischen Bauhütten vereinigt. — Man fühlte im Innern des Bundes, daß etwas Ungenügendes, etwas Vereinzeltes, etwas Trennendes vorhanden sei oder sogar vorherrsche, das jedem erheblichen Wirken entgegentrete. —
Und nach außen — verhehlen wir es uns nicht, meine geliebten Brüder! — ist das Ansehen der Maurerei bedeutend gesunken , während dieses doch eine wesentliche Bedingung ihres Einflusses ist. — Auf der einen Seite gelten wir als eine Ausgeburt des bösen Prinzips, um mich keines übel klingenden, biblischen Ausdruckes zu bedienen, und in neuester Zeit ist sogar der Bericht oder das Gerücht anhergekommen, daß wir die Ruhestörer des vielbewegten Vaterlandes seien. Andere und wohl die große Mehrzahl, halten uns für ein altes verrostetes Rüstzeug früherer Jahrhunderte und zeihen uns eines erbärmlichen Spiels mit kindischen Formen und Zeichen und eines verächtlichen Zehrens am Traum einer größern Vergangenheit! — So bleibt denn eine kleine Schaar übrig, welche, was Gutes an dem Orden ist, anerkennt und das Mangelnde den äußern Verhältnissen der Zeit zuschreibt. —

So kann es nicht bleiben, meine geliebten Brüder! Ein Aufschwung der Kräfte im Innern des Ordens und eine Befestigung seines Ansehens nach Außen muß erfolgen, oder der ehrwürdige Bau stürzt zusammen in den Gauen des Vaterlandes. — Darum ist es des Festes Bedeutung für die vaterländische Maurerei und deren Zukunft, den Geist der Maurerei den Zeitverhältnissen anzupassen und den ernsten Entschluß zu fassen, mit erneuerter Kraft und Begeisterung in diesem Sinne zu wirken. —
Mögen wir den ernstmahnenden Ruf der Zeit vernehmen und möge der allmächtige Baumeister der Welten unser heutiges Bundesfest in seiner wahren Bedeutung segnen, auf daß einst in später Nachwelt der hammerführende Meister freuderfüllt erkläre:
„Am Joh. Fest des Jahrs 1844 hat eine neue, segensreiche Epoche der vaterländischen Maurerei begonnen."—

Was muß nun aber geschehen, wenn unser doppeltes Bundesfest nicht ein leerer Schall sein, wenn es für kommende Zeiten nachhaltige Wirkungen äußern soll? —

Die Maurerei muß vor allem im Innern des Bundes einen regen Aufschwung nehmen; sie muß, wenn da und dort, wie es nicht anders möglich ist, äußere Verhältnisse oder innere Erschlaffung eine Lauheit des Geschäftsganges herbei führten, oder wenn der Geist der ehrwürdigen Institution einem Formentand zu unterliegen drohte, kräftig vom Schlummer sich aufraffen. — Täuschen wir uns nicht, meine geliebten Brüder! In unserer Zeit reicht die Maurerei nicht damit aus, unter Formen und Sinnbildern, seien sie auch noch so erhaben und durch ihr Alter ehrwürdig, genußreiche Stunden zuzubringen. —- Wenn jemals, so gelten in jetziger Zeit des großen Dichters Worte:

Grau, Freund, ist jede Theorie,
Doch grün des Lebens goldner Baum.

Die Maurerei muß in ihren Schulen mit möglichster Energie den Geist über die Formen zu erheben trachten, sie muß vom gnothi seauton des Lehrlings aufwärts bis zum Baurisse des lichtvollsten Meisters einen Kurs praktischer Lebensweisheit in angemessener Steigerung durchführen und dadurch ihre Zöglinge zu einer beharrlichen Anwendung der maurerischen Grundsätze in den verschiedenen Richtungen des praktischen Lebens befähigen. —
Diesem Streben muß der Organismus der einzelnen Logen und die Methode der Behandlung des maurerischen Stoffes angepaßt werden; nur gewissenhafte Prüfung soll den Fortschritt beurkunden, und eine herkömmliche Wartezeit soll nicht ein Privilegium der Beförderung auch für die gleichgültigsten und nachläßigsten Brüder sein. —

Es ist nicht Gegenstand der heutigen Berathung, viel weniger meine Aufgabe, reglementarische Bestimmungen hierüber anzurathen; gewiß aber ist, daß die Maurerei, wenn sie einen würdigen Standpunkt in unserm Zeitalter einnehmen will, auf eine ernstere und tüchtigere, praktische Lebensbildung hinwirken muß. — Und wenn die Vereinigung der sämmtlichen vaterländischen Logen in dieser Richtung etwas fördern will, so kann und soll bei der größten individuellen Freiheit der einzelnen Logen eine gegenseitige Mittheilung der gemachten Versuche und Erfahrungen und eine reifliche Prüfung derselben einst zu gedeihlicher Einheit führen.

Wie im profanen Leben die Schule den Menschen und Bürger erzieht, wie von deren Einrichtung und Lehrplan und von der Persönlichkeit der Lehrer die geistige und gemüthliche Richtung einer ganzen Generation bestimmt werden kann, so muß die Maurerei dafür sorgen, daß in ihren Schulen durch eine beharrlich konsequente und vernunftgemäße Entwicklung der maurerischen Grundsätze Meister erzogen werden, die edel und großartig ins praktische Leben eingreifen und Zeugniß geben von dem Geiste, der sie genähret und gebildet hat. —

In dieser Richtung soll meines Erachtens im Innern der Logen kräftig gewirkt werden, auf daß der Orden eine würdige Kette vaterländischer Brüder immerfort heran bilde, und daß auch die Außenwelt erkenne, es sei kein leerer Wahn, der in unsern ehrwürdigen Tempeln uns versammle. —

Wenn Sie, meine geliebten Brüder! diese Ansichten theilen, so möge die heutige Festfeier Ihren Entschluß befestigen, den vaterländischen Bauhütten diejenige innere Wirksamkeit zu ertbeilen, die allein unserm Bunde für ferne Zeiten Kraft und Gehalt verschaffen und dessen Stärke und Ansehen begründen kann.—

Der Bund der Maurer soll aber auch nach außen wirken und diese Festfeier soll uns ermuntern, mit erneuter Thäthigkeit diesem Pflichtruf zu folgen. —

Es ist eine große Idee der Maurerei, an einem Tempel menschlichen Glücks unabläßig zu arbeiten; aber in welcher Weise soll sie realisirt werden und in welchen Beziehungen ist es möglich in unserm Vaterlande? —
Ich vermesse mich nicht, den Schleier der Isis zu lüften und das große Geheimniß der Maurerei errathen zu wollen; gewiß aber hat sie auf obige Frage die nächste Antwort:
„Der Zeiten wahrstes und tiefstes Bedürfniß zu erkennen und demselben durch Mittel der Weisheit und auf dem Wege der Humanität und Liebe zu begegnen ist eine der größten Aufgaben der Maurerei, und steht in engster Verbindung mit dem Endzweck ihres Wirkens." —

Darum hat sie bald eine helleuchtende Fackel in ein finsteres Jahrhundert getragen, bald einer verderblichen Richtung des Zeitgeistes sühnend entgegengewirkt und bald ist sie in Tagen des Unglücks als ein milder Stern der Hoffnung erschienen. Die Frage, ob die Maurerei thatkräftig eingreifen soll ins äußere Leben, ist in gewisser Richtung längst entschieden; der Maurer soll die Grundsätze, die der Orden aufgestellt, nach besten Kräften ins praktische Leben übertragen, er soll des Unglücks Thränen stillen, wo er sie finden mag.—

Diese Zwecke kann aber jeder einzelne Maurer und jede Bauhütte genügend erfüllen. Der Bund der vaterländischen Logen und mit diesem die Bedeutung des heutigen Festes muß also weiter gehen, wenn sie eine Realität haben sollen. —
Es giebt Übelstände im Großen, allgemeines Unglück, welchem einzelne Brüder oder Bauhütten nicht genügend entgegentreten können. Daher kann der Bund sämmtlicher vaterländischer Logen keine andere, wesentliche und ihm eigenthümliche Realität haben, als des Vaterlandes Noth, und sein Bedürfniß zu erkennen und mit Liebe und Humanität es zu stillen, soweit seine Kräfte reichen. — Es muß demnach die Frage, ob die schweizerische Maurerei auf die öffentlichen Verhältnisse und Zustände des Vaterlandes einwirken soll, bejaht werden. Dieselbe kann aber, ohne den Keim des Todes in ihre Mitte zu pflanzen, nicht entschieden politische Richtungen verfolgen und als die ihrigen erklären, es ist vielmehr ihre Aufgabe, mit Achtung aller individuellen Überzeugungen, wo immer Gewalt und Unrecht triumphirend das Haupt erheben, mit dem Geiste der Milde und Bruderliebe sühnend, helfend und vermittelnd entgegenzukommen. —

Den Kampf zwischen Licht und Finsterniß, zwischen Freiheit und Beknechtung des Geistes möchte ich das geistige Unglück des Vaterlandes nennen. Im sogenannten Jahrhundert der Kultur, das so zahlreiche Anstalten der Bildung besitzt, ist es zwar nicht die vorherrschende Richtung und Aufgabe der Maurerei von sich aus Aufklärung herbeizuführen; aber wo immer dieser Kampf noch besteht, da ist ihr Platz nicht im Reiche der Finsterniß; denn nur in Licht und Freiheit kann die Blüthe sich entfalten, deren Pflege dem Heiligthum der Maurertempel anvertraut ist. —
Wo sie aber auch in unsern Tagen berufen sein mag, Licht und Bildung zu verbreiten, da geschehe es mit derjenigen Schonung der Gefühle und religiösen Überzeugungen, die allein der Wahrheit dauerhaften Einfluß verschaffen kann. —

Des Vaterlandes moralisches Elend ist der Kampf politischer und kirchlicher Gegensätze und die Art wie er geführt wird. — Fessellos walten oft die Leidenschaften, Haß und Verfolgung der Partheien suchen ihre Opfer, und verschmähen es, eine Frage der Zeit auf dem Wege des Gesetzes und durch die Hülfe des Geistes zu lösen. — Eine demoralisirte und darum demoralisirende Tagespresse schürt das glimmende Feuer, und bedarf bald der Dampfkraft, um den Anforderungen der Leidenschaften zu genügen. —
Trauernd vernimmt der Freund des Vaterlandes fast alle Jahre den Schall der Waffen, von Brüdern gegen Brüder getragen und sieht die Muttererde mit dem Blute ihrer Söhne getränkt. —

Hier, meine geliebten Brüder, ist ein großes Feld maurerischer Tätigkeit. Es ist Aufgabe der Humanität, also auch der Maurerei, die Achtung des Menschen gegen den Menschen herzustellen, Glauben und Vertrauen zu begründen, die Schroffheit der Gegensätze zu mildern und eine würdige, achtungswerthe Entwicklung des Kampfes der Meinungen zu befördern. — Und sollte es der vaterländischen Maurerei nicht möglich sein, zur Lösung dieser Aufgabe Vieles und Wesentliches, wenn auch nicht Alles beizutragen? —

Höher steigt meine Hoffnung, freudiger hebt sich mein Muth, wenn ich diese ehrwürdige Versammlung überblicke, so viele Männer von Geist und Bildung, von Ansehen und Einfluß, entschlossen, den Grundsätzen der Humanität, die sie beschworen, Geltung zu verschaffen, und wenn ich der Hunderte gleichgesinnter Brüder gedenke, die am heimathlichen Herde verweilend, dem Gruß und dem Werk dieser Festfeier entgegenharren, auch sie alle in dem neuen Bunde vereinigt, um das große Werk in besten Treuen zu fördern. —

Wenn die einzelnen Brüder den ernsten Entschluß fassen, sei es in einflußreicher, bürgerlicher Stellung, sei es in bescheidenen Kreisen des Privatlebens mit Wort und That des Ordens Grundsätze zu pflegen und die Richtung zu verfolgen, die als zeitgemäß vom vaterländischen Bunde erkannt wird — und wenn die sämmtlichen Bauhütten der Zeiten Bedürfniß und die Möglichkeit einer heilsamen Einwirkung innerhalb der Schranken rein maurerischer Grundsätze berathen und zu gemeinsamem Streben sich ernstlich die Bruderhand reichen; — dann kann ein segensreiches Wirken nicht ausbleiben und unser heutiges Bundesfest hat eine wahre Bedeutung für die maurerische Zukunft- —

Gleichwie wir endlich jede Logenarbeit mit einem Werke der Milde und Barmherzigkeit heiligen, so wende sich auch unsre Festfeier dem physischen Unglück des Vaterlandes zu, das in vielfacher Gestalt mahnend vor das Bruderherz tritt. —
Hier hat die Gewalt entfesselter Elemente das Werk der Menschenhände zertrümmert und die Früchte des Fleißes für lange verheert, dort droht ein Felssturz einer ganzen Gemeinde Tod und Vernichtung und noch haben die Unglücklichen, auf ihren Häuptern das Schwert des Damocles, kein Obdach, keine Rettung; weiterhin sieht des Menschenfreundes bekümmerter Blick durch des Vaterlandes Fluren und Wälder eine Schaar Verstoßener von Herd zu Herd irren, von allem entblößt, was des Lebens Bürde erträglich macht, und ohne alle Pflege dessen, was sie allein zu Menschen macht. —
Große Bedrängnisse der Industrie und des Handels haben in zahllose Hütten den herben Kummer der Armut gebracht und viele denkende Edle des Vaterlandes veranlaßt, nach Mitteln und Anstalten zu forschen, um das Unglück zu heben oder zu mildern. —

Wenn wir uns nicht darauf beschränken, heute eine Festgabe auf den Altar der Menschenliebe niederzulegen, sondern diese Gesichtspunkte emsig und beharrlich in den Kreis der künftigen Thätigkeit einschließen, dann kann durch die vereinte Kraft so vieler Bauhütten manche heilsame Anstalt Unterstützung und Gedeihen finden und dann wird auch in dieser Richtung die Bedeutung unsers Festes zur segensreichen Wahrheit werden! —

Weit geöffnet, meine geliebten Brüder! sind die Furchen der Zeit, um die Aussaat hochherziger Gesinnungen und edler Thaten in sich aufzunehmen. —

Der Genius des Vaterlandes läßt einen Aufruf an das Pflicht- und Ehrgefühl seiner Söhne erschallen. Möge er tiefen Anklang finden in den Herzen Aller, die sich heute aus allen Gauen vereinigten um den Bund der Bruderliebe und Humanität neu zu gestalten, und, wenn der allmächtige Baumeister seinen Beistand schenkt, neu zu beleben. —

Möge es kein bloßer Traum bleiben, daß auch für das theure Vaterland ein neuer Stern aufgehe am Orient der Alpina! — Es geschehe!

[Bearbeiten] Siehe auch