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Traktat: Die Bedeutung des Gesellengrades

Version vom 1. Januar 2018, 11:10 Uhr von Kai Stührenberg (Diskussion | Beiträge)

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von Kai Stührenberg, im Orient Bremen, anlässlich der Beförderung eines Gesellen.

Der Geselle – Eine große Aufgabe

Im Lehrlingsgrad finden wir den Zirkel unter dem Winkelmaß liegen. Das Symbol zeigt uns, dass im Lehrlingsgrad die Materie noch stärker ist als der Geist. Heute im Ritual des zweiten Grades sehen wir, dass einer der Schenkel schon über dem Winkelmaß liegt. Der Geist beginnt also die Materie zu beherrschen. Wen wir darüber nachdenken drängt sich die Erkenntnis auf, dass die Freimaurerei vielleicht dazu da ist, dass der Geist im Laufe des freimaurerischen Weges über die Materie siegen soll und wir zu Meistern unserer selbst werden können. Eine Vorstellung, die etwas sehr machtvolles in sich trägt.

Als Lehrling werden wir erst einmal damit konfrontiert, dass wir wenig wissen. Egal, was wir für eine Stellung in der profanen Gesellschaft haben, in der Loge lernen wir Demut und erkennen, dass wir viel zu lernen haben. Wir erleben die Brüder, die mehr wissen als wir selbst, die uns beistehen auf diesem Weg und wir lernen erst einmal, wie man sich in der Loge richtig zu benehmen hat. Als Lehrling dürfen wir ohne Begleitung nicht einmal eine andere Loge besuchen, weil man davon ausgeht, dass wir wohl zu unwissend und hilflos wären, um unsere Loge würdig zu vertreten.

Unsere Aufgabe als Lehrling ist „schaue in Dich“. Was für eine große Aufgabe.. Manche Menschen verbringen ein ganzes Leben damit und die Psychologie hat viele Methoden entwickelt, die uns dabei helfen, sollen.

Den meisten von uns wird es so ergangen sein wie mir. Kurz vor der Beförderung stellt man fest, dass man im Grunde außer ein paar Unterrichtsstunden sehr wenig Zeit mit dem Erlernen des Brauchtums und noch weniger Zeit mit der Selbsterkenntnis verbracht hat. Erst bei der Benachrichtigung zu meiner Beförderung fiel mir wieder ein, dass ich als Lehrling ein kleines Büchlein mit der Werklehre bekommen habe und dieses Büchlein seit dem Tag unberührt in meinem Regal stand.

Wenn es dem neuen Gesellen ebenso gegangen ist, ist es vielleicht eine gute Gelegenheit, den Beginn der Gesellenzeit damit zu verbringen, das versäumte aus dem Lehrlingsgrad nachzuholen.

Im Gesellengrad ändert sich einiges. Nun heißt es „schaue um Dich“. Der Geselle soll sich die Brüder anschauen. Vor allem die Brüder, mit denen er noch nicht viel Zeit verbracht hat. Er soll sich aber auch in seinem Leben umschauen. Seine Familie, seine Freunde und Kollegen. Wie verhalte ich mich ihnen gegenüber? Was schätze ich an ihnen, was stört mich? Dabei soll uns immer die Frage lenken, was wir als Freimaurer tun können, um hier etwas im Verhältnis zu unseren Mitmenschen zu verbessern. Nicht die Kritik am anderen ist die freimaurerische Art, sondern die eigene Handlung zum Wohle aller.

Unser Katechismus verlangt viel vom Gesellen: Er soll weiter daran arbeiten, an seinen Fehlern zu arbeiten und negative Leidenschaften abzulegen. Er soll die Wahrheit lieben, das sittlich schöne üben, anderen Menschen helfen, Anteil nehmen an seinen Brüdern und Mitmenschen und er soll sich auch aktiv für das Gute einsetzen.

Der Geselle soll streng gegen sich selbst sein, liebevoll gegenüber die Seinen, mild und freundlich gegen die nächsten, versöhnlich gegen die Feinde, barmherzig gegen die Notleidenden und geduldig in schweren Zeiten. Der behauene Stein ist sein Symbol, der mit glatten Kanten gut eingefügt werden kann in den Tempel der Humanität.

Das sind hohe Ansprüche und keiner hier im Tempel wird von sich behaupten können, dass er sie alle erfüllt. Aber vergessen wir nicht, dass wenn wir nur ab und an etwas von diesen Dingen beherzigen, dann tun wir etwas für eine bessere Welt und daher ist es gut, dass wir uns diese Aufgaben bei jeder Gesellenbeförderung wieder in Erinnerung rufen, denn auch als Meister sollen wir diese Aufgaben erfüllen und der Anspruch an uns selbst sollte noch größer sein, als er im Gesellengrad schon formuliert wurde.

Auf den heutigen Reisen hat der junge Geselle den flammenden Stern gesehen, der in der Lehrart der Großloge zu den 3 Weltkugeln ein Hexagramm ist. In den meisten anderen Lehrarten finden wir hier das Pentagramm, dass an dieser Stelle auch sinnvoller ist, denn wo der Lehrlingsgrad die Zahl 3 zum Kern hat, so ist es die 5, die dem Gesellengrad besser entspricht als die 6.

Es ist wahrscheinlich dass der zu befördernde Geselle die Bedeutung dieses Symbols noch nicht gleich verstehen kann, unabhängig ob es das Pentagramm ist, dass die vier Elemente und die Möglichkeit, sich über die Materie zu erheben andeutet oder das Hexagramm, dass die "Unio Mystica", das Ende des Weges und die Erlösung, sowie die Vereinigung mit dem Großen Baumeister Aller Welten aufzeigt.

Das Hexagramm in der 3WK besteht aus zwei Dreiecken, das eine mit der Spitze nach oben, das andere mit der Spitze nach unten. Das eine steht für den Mikrokosmos von uns Menschen und das andere für den Makrokosmos des Universums. Sie stehen auch für Feuer und Wasser und auch für männlich und weiblich. Die Gegensätze vereinen sich zum Siegel Salomons, dem Erbauer des Salomonischen Tempels.

Das Hexagramm symbolisiert auch das hermetische Prinzip „wie oben so unten“ und wird von manchen Gelehrten für das Symbol der Vervollkommnung angesehen. Dort wo sich die Gegensätze vereinen und sich Geist und Materie verbinden und zu etwas Neuem werden ist der Endpunkt der Entwicklung des Menschen. Das G in der Mitte. Steht für die Geometrie, die Ordnung, die der weise Mann in der Schöpfung erkennen kann. Es steht für manch einen Bruder auch für Gott den Schöpfer selbst. Vielleicht steht es aber auch für Glorie oder Gravitation oder den Geist. Vielleicht für die Genesis also die Schöpfung selbst oder für die Gnosis also die Erkenntnis?

Dem Gesellen wird keine eindeutige Bedeutung mit auf seinen Weg mitgegeben, nur die Aufgabe darüber nachzudenken, was der Buchstabe für ihn selbst bedeutet. Der Flammende Stern soll dem Gesellen ein Ziel sein für dessen Erreichung er viele Jahre als Freimaurer benötigen wird. Aber von Jahr zu Jahr wird sich ihm mehr von der Bedeutung dieses Symbols erschließen.

Mit den sieben Schritten über den Teppich hat der Geselle symbolisch die 7 Ebenen zum Allerheiligsten im Salomonischen Tempel überwunden. Die Gesellenzeit soll er nutzen, um die 7 Künste Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik , Geometrie, Musik und Astronomie zu studieren. Er soll sich aber auch in den sieben Tugenden üben, die da sind: Mäßigkeit, Standhaftigkeit, Arbeitsamkeit, Redlichkeit, Verschwiegenheit, Vorsicht und Barmherzigkeit. Symbolisch stehen die sieben Stufen auch für die sieben Lebensabschnitte des Menschen. Die sieben Stufen mögen den Gesellen daran erinnern, das er einen bedeutsamen Weg geht.

Die Gesellenzeit ist also die Zeit des Wanderns, ganz so wie es die Gesellen in den Zünften tun. Der Geselle soll andere Logen besuchen und nach Möglichkeiten auch Logen anderer Lehrarten kennenlernen. Dort hat er die Gelegenheit, viele Brüder zu erleben und sich mit ihnen auszutauschen. Es ist ein großes Geschenk der Freimaurerei, auf der ganzen Welt Brüder treffen zu können, mit denen man durch eine gleiche Grundhaltung und ein gemeinsames Erlebnis verbunden ist. Als Geselle sollte man diese Chance nutzen. Wenn er andere Lehrarten besucht wird der Geselle auch andere Rituale erleben. Vieles wird ihm bekannt vorkommen, manches wird ihn überraschen. Rituale verändern sich im Laufe der Jahrhunderte und manchmal erlebt man ein Detail im Ritual einer anderen Loge, dass einem beim Verständnis des eigenen Rituals weiterhilft. Vor allem merkt der Geselle aber, dass er mit jedem Besuch sicherer wird und sich souveräner in der Bruderkette bewegen wird.

Der Gesellengrad ist auch der Grad des Lebens. Er gibt uns für den profanen Alltag und die gelebte Brüderlichkeit den größten sozialen Nutzen. Die Gesellenzeit soll dazu dienen uns mit der Welt um uns herum in Einklang zu bringen. Gleichzeitig stellt sie den Übergang zur nächsten Stufe des Meisters dar, in der wir voranschreiten, unseren Geist und unser Ego noch besser zu beherrschen. Das Wesen des Gesellen äußerst ich durch seine Tätigkeit. Es geht darum, dass als Freimaurer gelernte in die Praxis zu übertragen. Wenn nur ein kleiner Funke dieses Geistes ins profane Leben überspringt ist schon viel für ein besseres Miteinander in der Welt getan.

Im Lehrlingsgrad stehen wir an der Säule J..... Sie steht für das männliche, aktive und schöpferische Prinzip. Als Geselle empfangen wir unseren Lohn an der Säule zur Rechten B.... Sie steht für das passive, anziehende und empfangende. Als Geselle geht es also darum, seinen Empathiefähigkeit zu schulen, Verständnis zu haben. Es geht darum, das erlernte zu erfühlen und zu empfinden. In der Kombination mit dem männlich aktiven Suchen in sich selbst im Lehrlingsgrad hat der Geselle das erste Mal die Chance, diese Prinzipien in sich zu Ausgleich zu bringen und das ist eine wichtige Übung auf dem Weg zu einem ausgeglichenen Charakter.

Wie man sieht gibt es für den Gesellen viel zu tun, Zum Einen muss er das nachholen, was er als Lehrling versäumt hat und zum anderen muss er die kommenden 2 Jahre nutzen, um in sich die Qualitäten herauszubilden, die ihn befähigen, als Meister in den Bund erhoben zu werden. Eine wichtige Zeit, die oft viel zu sehr als reine Übergangszeit mißverstanden wird. In Wirklichkeit ist sie eine Zeit des aktiven Gestaltens.

Für uns Meister ist die Beförderung eines Bruders immer wieder Erinnerung uns selbst zu fragen, ob wir uns den Aufgaben als Geselle ausreichend gewidmet haben. Mit Sicherheit werden wir dabei erkennen, dass es bei jedem von uns das eine oder andere nachzuholen oder zu verbessern gibt. Ich wünsche dem neuen Gesellen eine erkenntnisreiche und arbeitsreiche Zeit als Geselle.


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