Traktat: "Wo der Tempel wiederkehrte" von Rolf Ohler

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Welckerstrasse 8 – Verlust, Wiederkehr und Vermächtnis eines Hamburger Ortes der Freimaurerei
Eine historische Handreichung für interessierte Brüder
Br. Rolf Ohler
2026

Persönliches Vorwort: Vom Wissen zur Erkenntnis

Bevor ich den Blick auf die wechselvolle Geschichte der Welckerstrasse 8 richte, möchte ich erläutern, was ich unter einer Handreichung verstehe. Seit mehr als drei Jahrzehnten begleitet mich die pythagoräische Philosophie. Aus ihr hat sich für mich ein Gedanke zu einem persönlichen Merksatz verdichtet:

Nicht das Gelesene oder Gehörte allein führt zur Erkenntnis. Erst das Geprüfte, Durchdachte, Erfühlte und Erfahrene kann Erkenntnis werden. Dabei verstehe ich diesen Satz nicht als wörtlich überliefertes Diktum des Pythagoras, sondern als persönliche Verdichtung eines philosophischen Grundgedankens, der mein Verhältnis zu Wissen und Erkenntnis prägt. Eine Handreichung ist für mich deshalb keine wissenschaftliche Monografie. Sie erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch darauf, sämtliche erreichbaren Quellen ausgewertet oder jede historische Frage endgültig beantwortet zu haben.

Sie soll aber ebenso wenig eine bloße Sammlung angelesener Informationen sein. Sie soll Quellen zusammenführen, Aussagen prüfen, Widersprüche sichtbar machen und dort, wo Gewissheit noch nicht erreichbar ist, die Frage offenlassen. Gerade die Geschichte der Welckerstrasse zeigt eindrucksvoll, wie notwendig eine solche Haltung ist. Ein überliefertes Datum zur Grundsteinlegung des heutigen Logenhauses hält der Gegenprüfung mit zeitgenössischen Quellen nicht stand.

Aus einer vermeintlichen Gewissheit wird wieder eine Frage. Das empfinde ich nicht als Schwäche historischer Arbeit. Es ist ihr eigentlicher Beginn. Denn Quellenkritik bedeutet nicht, um jeden Preis Antworten zu produzieren. Sie bedeutet zunächst, die richtigen Fragen zu stellen. Diese Handreichung möchte deshalb etwas an die Hand geben: Daten, Dokumente, Zusammenhänge, Widersprüche, Gedanken und Fragen. Erkenntnis entsteht für mich besonders dort, wo Brüder bereit sind, ihr Wissen miteinander zu teilen und ihre jeweilige Sicht der Prüfung durch andere auszusetzen.

Wir begegnen einander dabei – im besten freimaurerischen Sinne – auf der Winkelwaage. Vielleicht besitzt ein Bruder ein unbekanntes Dokument. Vielleicht erinnert sich ein anderer an einen Zeitzeugen. Vielleicht erkennt ein Dritter einen Zusammenhang, der bisher übersehen wurde. Vielleicht widerspricht ein Bruder einer Schlussfolgerung und zwingt gerade dadurch zu erneuter Prüfung. Dann wird aus Mitteilung Gespräch. Aus Gespräch wird Prüfung. Und aus Prüfung kann Erkenntnis entstehen.

Darin liegt für mich ein freimaurerisches Credo: Wissen sollte nicht gehortet werden. Erkenntnis sollte weitergereicht werden. In diesem Sinne ist diese Handreichung nicht als letztes Wort über die Welckerstrasse gedacht. Sondern als Einladung zum nächsten.

Prolog: Ein Haus ist mehr als seine Mauern

Ein Logenhaus ist mehr als ein Gebäude. Über Jahre und Generationen nimmt es Erinnerungen auf. Menschen betreten seine Räume als Suchende, werden zu Brüdern, übernehmen Verantwortung und verlassen irgendwann die Kette, während andere ihren Platz einnehmen. So entsteht etwas, das sich mit Quadratmetern, Baukosten und Architekturzeichnungen nur unvollkommen beschreiben lässt: Heimat. Für kaum einen Ort der Hamburger Freimaurerei gilt dies eindrucksvoller als für die Welckerstrasse 8.

  • Hier entstand 1890/91 ein repräsentatives Logenhaus.
  • Hier wurde die Freimaurerei während der nationalsozialistischen Herrschaft aus ihrer Heimat verdrängt.
  • Hier wurde ein freimaurerischer Ort für antifreimaurerische Propaganda missbraucht.
  • Hier wurde das Gebäude schließlich abgerissen.
  • Und hier entstand Jahrzehnte später erneut ein Logenhaus.

Die Geschichte der Welckerstrasse erzählt deshalb nicht nur von Architektur. Sie erzählt von:

  • Aufbruch und Blüte,
  • Verfolgung und Verlust,
  • Erinnerung und Beharrlichkeit,
  • Wiederkehr und Verantwortung.

Und sie führt zu einer Frage, die weit über Baugeschichte hinausweist: Wie wird aus einem Gebäude ein Tempel – und aus einem Ort Heimat?

Die Vorgeschichte – An der Drehbahn

Die Geschichte der Welckerstrasse beginnt nicht in der Welckerstrasse. Am 4. Februar 1799 berieten Hamburger Freimaurer über den Bau eines eigenen Logenhauses. Am 17. Mai 1799 trat eine Baukommission zusammen. Am 15. November 1800 konnte das Logenhaus „An der Drehbahn“ eingeweiht werden. Dort wirkten jene fünf Hamburger Logen gemeinsam, die sich bereits 1795 zu den Vereinigten fünf hamburgischen Logen zusammengeschlossen hatten. Damit entstand eine räumliche Tradition, deren spätere Fortsetzung die Welckerstrasse werden sollte. Dass ein Logenhaus dabei nicht ausschließlich nach innen wirken musste, zeigte sich während des Großen Hamburger Brandes vom 5. bis 8. Mai 1842. Nachdem auch die Börse betroffen war, stellte das Logenhaus seinen großen Festsaal vorübergehend für deren Tätigkeit zur Verfügung. Hamburger Freimaurer sammelten zudem 25.000 Mark Courant für die leidende Bevölkerung. Diese Episode trägt bereits einen Gedanken in sich, der die weitere Geschichte begleitet: Das Logenhaus war Heimat der Brüder – und zugleich Teil der Stadt.

1890/91 – Die Welckerstrasse wird freimaurerische Heimat

Als am älteren Logenhaus größere Reparaturen notwendig wurden, reifte der Entschluss zu einem Neubau. Schließlich wurde ein benachbartes Grundstück an der Welckerstrasse erworben. Als Kaufsumme sind 90.000 Mark überliefert. Für den Neubau wurden weitere etwa 350.000 Mark aufgebracht – getragen von den Brüdern selbst.

Am 15. Juli 1890 begann der Bau. Bereits am 7. Februar 1891 konnte das neue Logenhaus Welckerstrasse 8 eingeweiht werden. Damit begann die erste große Epoche dieses Ortes. Das Gebäude verkörperte das Selbstbewusstsein der Hamburger Freimaurerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Es war nicht verborgen, sondern sichtbar in die Stadt eingebunden.

  • Hier arbeiteten Brüder.
  • Hier entstanden Bindungen.
  • Hier wurde aus einem Gebäude über Jahrzehnte ein geistiger Ort.
  • Die Welckerstrasse wurde Heimat.

Ein Haus im Strom der Geschichte

Auch ein freimaurerischer Rückzugsort bleibt von seiner Zeit nicht unberührt. Während des Ersten Weltkrieges mussten am 7. August 1918 die Messingbeschläge des Logenhauses für die Rüstungsproduktion abgegeben werden. Die Stadt vergütete die Abgabe mit 630 Mark. Es war eine vergleichsweise kleine Episode.

Der eigentliche Bruch kam nach 1933. Mit der nationalsozialistischen Herrschaft wurde die Freimaurerei Teil eines ideologisch konstruierten Feindbildes. Logen gerieten unter politischen Druck, ihr Eigentum wurde bedroht und ihre organisatorische Existenz zunehmend unmöglich. 1935 mussten sich auch die Hamburger Logen unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur auflösen. Das freimaurerische Leben in der Welckerstrasse verstummte. Die Bibliothek wurde entfernt. Das Gebäude selbst wurde für eine Anti-Freimaurer-Ausstellung benutzt. Damit geschah eine besonders perfide Umkehrung: Ein Haus, das der freimaurerischen Arbeit gedient hatte, wurde nun gegen die Freimaurerei verwendet. Der Ort wurde seiner eigenen Geschichte entfremdet.

1937 – Der Tempel verschwindet

Im Januar 1937 wurde das Logenhaus abgerissen. Beim Abbruch sollten die Arbeiter darauf achten, ob sich irgendwo vermeintliche freimaurerische Geheimnisse verborgen fänden. Anschließend nutzte die Post das Grundstück als Parkplatz. Gerade dieses Bild besitzt eine bedrückende Symbolkraft:

Wo Brüder jahrzehntelang am inneren Tempel gearbeitet hatten, blieb eine leere Fläche zurück. Nicht nur die Organisationen sollten verschwinden. Auch die sichtbaren Orte freimaurerischen Lebens sollten aus dem Stadtbild getilgt werden. Doch die Geschichte der Welckerstrasse war damit nicht beendet. Sie war unterbrochen.

1945 – Das Licht kehrt zurück, der Tempel noch nicht

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft konnte die Hamburger Freimaurerei nicht einfach dort fortsetzen, wo sie 1935 hatte abbrechen müssen. Brüder fehlten. Besitz war verloren. Organisationen mussten neu geordnet werden. Und die einstigen Häuser standen nicht mehr zur Verfügung. Hamburger Logen arbeiteten zunächst an verschiedenen Orten – unter anderem im „Remter“, in der „Erholung“ am Dragonerstall, in einem Wandsbeker Gymnasium und in Harburg. Diese Jahre vermitteln eine wesentliche Erkenntnis: Das Licht konnte zurückkehren, bevor der Tempel zurückkehrte. Die Freimaurerei lebte wieder. Aber ihre frühere Heimat existierte noch nicht.

Die Rückkehr auf historischen Boden

Erst später gelangte das Grundstück an der Welckerstrasse wieder in freimaurerischen Besitz. Damit geschah mehr als eine immobilienrechtliche Rückübertragung. Die Brüder kehrten an einen Ort zurück, dem ein Teil seiner Geschichte gewaltsam genommen worden war. Doch das verlorene Haus konnte nicht einfach zurückgeholt werden. Auch wurde nicht versucht, die Architektur von 1891 zu rekonstruieren. Die neue Welckerstrasse sollte ein Haus ihrer eigenen Epoche werden. Damit stellte sich eine Herausforderung, die weit über Bauplanung hinausging: Wie errichtet man an einem historischen Ort einen neuen freimaurerischen Tempel, ohne so zu tun, als hätte es den Bruch der Jahre 1933 bis 1945 niemals gegeben?

1964–1968 – Der Neubau wird zum gemeinsamen Werk

Die erschlossenen Jahrgänge des Hanseatischen Logenblattes lassen erkennen, wie lang der Weg zum Neubau tatsächlich war. Bereits 1964 befand sich das Projekt in einer behördlichen Genehmigungsphase. 1965 erschien die hoffnungsvolle Frage: „Grundsteinlegung im Frühjahr?“ Noch aber fehlten notwendige Genehmigungen. 1966 findet sich die bemerkenswerte Meldung: „Kein Logenhaus in der Bebelallee – Ablehnung aus rechtspolitischen Gründen.“ Unmittelbar daneben steht: „Logenhausneubau in der Welckerstrasse geplant.“

Damit wurde der historische Standort erneut zur konkreten Zukunftsperspektive. Im selben Jahr stellte der Architekt Gerd Pempelfort ein Modell des geplanten Neubaus vor. Ein unmittelbar anschließender Beitrag verband die Baupläne ausdrücklich mit dem Selbstverständnis der Logen.

Damit wurde deutlich: Architektur war nicht nur technische Planung. Sie war Ausdruck einer geistigen Frage: Wie muss ein modernes Logenhaus gestaltet sein, damit es seiner Zeit entspricht und dennoch freimaurerische Heimat werden kann? 1967 spricht das Logenblatt ausdrücklich vom „Projekt Wiederbebauung Welckerstrasse 8“. Das formulierte Ziel war bemerkenswert: „Erschwingliche Arbeitsplätze für möglichst viele Logen.“ Der Neubau sollte also nicht allein repräsentieren. Er sollte dienen. Er sollte dauerhaft finanzierbar sein. Und er sollte möglichst vielen Brüdern Heimat geben.

Wirtschaftlichkeit als Voraussetzung geistiger Arbeit

Auch die Architektur des späteren Hauses folgte diesem Gedanken. Die freimaurerischen Räume wurden in den unteren Bereichen vorgesehen; andere Flächen des Gebäudes konnten wirtschaftlich genutzt werden. Darin liegt ein deutlicher Unterschied zum Haus von 1891. Das erste Gebäude war Ausdruck des bürgerlichen Selbstbewusstseins seiner Epoche. Das zweite musste zugleich Tempel, Arbeitsort und wirtschaftlich tragfähiges Haus sein. Darin lässt sich ein bemerkenswerter Zusammenhang erkennen: Der äußere Bau musste so gestaltet werden, dass er den inneren Bau dauerhaft möglich machte.

1969 – Aus Planung wird Wirklichkeit

Für den 1. März 1969 war bereits im Vorjahr der Baubeginn angekündigt worden. Am 2. Januar 1969 wurde die Baugenehmigung erteilt. Der betreffende Beitrag im Hanseatischen Logenblatt trug die bezeichnende Überschrift: „Zum Werke, das wir ernst bereiten …“ Ein profaner Verwaltungsakt erhielt damit eine freimaurerische Deutung. Aus Planung wurde Bau. Aus einer Idee wurde gemeinsames Werk. Das Logenblatt berichtete nun: „Die Bauleute sind am Werk.“ Die Brüder konnten verfolgen, wie aus Zeichnungen und Modellen allmählich ein Haus entstand. Und sie mussten zugleich die materielle Voraussetzung dafür schaffen. Ein weiterer Beitrag mahnte: „Jetzt ist es an der Zeit, unsere Kreditwürdigkeit zu beweisen.“ Ein Logenhaus entsteht eben nicht aus Symbolen allein. Es braucht Vertrauen. Verantwortung. Finanzielle Opferbereitschaft. Und Brüder, die bereit sind, für ein gemeinsames Ziel einzustehen. Der Neubau war damit auch ein Solidaritätsprojekt der Bruderschaft.

Die Grundsteinfrage – Quellenkritik als Verpflichtung

Gerade die Grundsteinlegung ist ein Lehrstück historischen Arbeitens. Eine spätere Hamburger Darstellung nennt den 15. Juli 1971 als Datum. Diese Angabe kann jedoch mit der zeitgenössischen Quellenfolge nicht übereinstimmen. Bereits für den Jahrgang 1969 verzeichnet das Hanseatische Logenblatt: „Der Grundstein ist gelegt – Logenhausneubau Welckerstrasse 8“.

Für 1970 folgt der Beitrag: „Sechs Monate nach der Grundsteinlegung – Wie sieht es heute in der Welckerstrasse aus?“ Damit steht fest: Die Grundsteinlegung erfolgte vor 1971. Ob der überlieferte 15. Juli zutrifft und lediglich das Jahr falsch übertragen wurde, ist noch anhand der Originalquelle zu verifizieren. Die Annahme 15. Juli 1969 erscheint plausibel. Doch Plausibilität darf nicht als Gewissheit ausgegeben werden. Deshalb sollte bis zur vollständigen Primärquellenerschließung formuliert werden: Die Grundsteinlegung ist für die Bauphase 1969 zeitgenössisch belegt; das genaue Tagesdatum bleibt noch abschließend zu verifizieren. Gerade darin zeigt sich der Wert kritischer Geschichtsarbeit: Ein häufig wiederholtes Datum wird nicht dadurch wahr, dass es häufig wiederholt wurde. Was macht einen Raum zum Tempel?

Einen besonders aufschlussreichen Quellenkomplex bildet die Diskussion um den großen Logensaal. Ernst-Günther Geppert veröffentlichte 1969 den Beitrag: „Der große Logensaal im Neubau Welckerstrasse“. Unmittelbar anschließend äußerten sich Gerd Pempelfort und Carl-Hermann Zeitz. Schon diese Quellenfolge zeigt: Die Gestaltung des Hauses wurde diskutiert. Der Architekt stand im Gespräch mit denjenigen, die seine Räume später freimaurerisch erleben sollten. Damit berührte die Baugeschichte eine viel tiefere Frage:

Was macht einen Raum zu einem freimaurerischen Raum?

  • Sind es seine Proportionen?
  • Seine Symbole?
  • Das Licht?
  • Die Ausstattung?
  • Oder wird ein Tempel letztlich erst durch die Menschen geschaffen, die darin gemeinsam arbeiten?

Diese Frage sollte 1971 noch eine unerwartet eindringliche Formulierung erhalten.

1970 – Der Richtkranz über der Welckerstrasse

1970 war der Neubau sichtbar geworden. Das Hanseatische Logenblatt berichtete vom Richtkranz und sprach von der „Halbzeit beim Bau des V-5-Logenhauses“. Für den 10. Juli 1970 ist eine Einladung zum Richtfest dokumentiert. Zugleich wurde angekündigt: „Welckerstrasse 8 wird Sitz der Distrikts Loge Nord.“

Damit zeigte sich bereits während der Bauphase: Das Haus sollte mehr werden als die erneuerte Heimat der Vereinigten fünf Hamburgischen Logen. Es sollte erneut ein bedeutendes Zentrum der Hamburger und norddeutschen Freimaurerei werden. 25. Februar 1971 – Aus einem Gebäude wird ein Logenhaus

1971 vollzog sich der entscheidende Übergang. Rolf Appel dokumentierte: „Die erste Arbeit im Freimaurerhaus Welckerstrasse am 25.02.1971“. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Architekten geplant. Behörden genehmigt. Brüder finanziert. Handwerker gebaut. Nun aber geschah das, wofür all dies unternommen worden war: Es wurde wieder freimaurerisch gearbeitet.

Damit veränderte sich die Bedeutung des Gebäudes. Denn ein Haus kann geplant und errichtet werden. Ein Logenhaus entsteht erst durch die Arbeit der Brüder, die es mit Leben erfüllen. Der 25. Februar 1971 gehört deshalb zu den geistig bedeutsamsten Daten der gesamten Geschichte der Welckerstrasse. Nach mehr als drei Jahrzehnten war der historische Ort wieder mit seinem ursprünglichen Zweck verbunden.

„Mir fehlt der Sternenhimmel“

Zu den eindrucksvollsten Quellen gehört der Titel eines Beitrages von Jens Westermann: „Mir fehlt der Sternenhimmel – Erster Rundgang durch das Freimaurerhaus Welckerstrasse“. Solange der vollständige Beitrag nicht erschlossen ist, wäre es unzulässig, aus der Überschrift seinen Inhalt zu rekonstruieren. Doch bereits dieser Satz lässt erkennen, dass beim Betreten des Neubaus Erinnerung und Gegenwart aufeinandertrafen. Der Sternenhimmel ist im freimaurerischen Raumverständnis kein belangloses Dekorationselement. Wenn er beim ersten Rundgang vermisst wird, berührt dies deshalb eine grundlegende Spannung:

  • Tradition und Moderne.
  • Erinnerung und Neubeginn.
  • Vertraute Symbolsprache und Architektur der Nachkriegszeit.

Das neue Haus wollte das alte nicht kopieren. Vielleicht mussten deshalb auch die Brüder erst lernen, in einer neuen architektonischen Sprache wieder Heimat zu empfinden. So wird der Satz „Mir fehlt der Sternenhimmel“ zu einer der faszinierendsten offenen Fragen dieser Hausgeschichte.

Einweihung und Rückkehr in die Öffentlichkeit

1971 dokumentiert das Hanseatische Logenblatt schließlich die interne Einweihung des neuen Hauses. Am 11. Mai 1971 folgte die offizielle Vorstellung des neuen Logenhauses gegenüber der Öffentlichkeit. Auch darin liegt eine besondere historische Bedeutung. Nur wenige Jahrzehnte zuvor hatten Gegner der Freimaurerei an diesem Ort öffentlich erklärt, was Freimaurerei angeblich sei. Nun konnten Freimaurer wieder selbst sprechen. Das Haus wurde nach innen Heimat und nach außen wieder Teil der Stadt. Damit schließt sich ein weiter historischer Kreis zurück zu jenem alten Logenhaus an der Drehbahn, das 1842 während des Großen Brandes seine Räume der Hamburger Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hatte.

Zwei Häuser – zwei Epochen

Zwischen den Logenhäusern von 1891 und 1971 liegen achtzig Jahre. Historisch aber liegen Welten zwischen ihnen. Das erste entstand im Deutschen Kaiserreich. Das zweite nach

  • Diktatur,
  • Verfolgung,
  • Krieg,
  • Zerstörung
  • und demokratischem Wiederaufbau.

Das Haus von 1891 konnte freimaurerisches Selbstbewusstsein repräsentativ nach außen tragen. Das Haus von 1971 musste andere Fragen beantworten:

  • Wie bleibt ein Logenhaus wirtschaftlich tragfähig?
  • Wie können möglichst viele Logen darin arbeiten?
  • Wie verbindet moderne Architektur freimaurerische Tradition und Symbolik?
  • Wie viel Bewahrung braucht ein Tempel?
  • Und wie viel Veränderung verträgt er?

Die Würde des Neubaus liegt deshalb vielleicht gerade darin, dass er nicht vorgibt, zwischen 1937 und 1971 sei nichts geschehen. Er ist kein wiedererrichtetes 19. Jahrhundert. Er ist ein Zeugnis des Neubeginns.

Die Welckerstrasse als Gedächtnisort

Wer heute die Welckerstrasse 8 betritt, betritt einen Ort mit mehreren historischen Schichten:

  • 1799/1800 – Entstehung des gemeinsamen Logenhauses an der Drehbahn.
  • 1890/91 – Bau und Einweihung des ersten Hauses an der Welckerstrasse.
  • 1935 – erzwungenes Ende des freimaurerischen Lebens unter nationalsozialistischer Herrschaft.
  • 1937 – Abriss des Hauses.
  • Nach 1945 – Wiederbeginn an provisorischen Orten.
  • 1964–1968 – Genehmigungen, Modelle, Bauplanung und Finanzierung.
  • 1969 – Beginn der konkreten Bauphase und Grundsteinlegung.
  • 1970 – Baufortschritt und Richtfest.
  • 25. Februar 1971 – erste dokumentierte freimaurerische Arbeit.
  • 1971 – Einweihung und Rückkehr in die Öffentlichkeit.

Diese Schichten machen die Welckerstrasse zu mehr als einem Logenhaus. Sie machen sie zu einem freimaurerischen Gedächtnisort.

Die eigentliche Rückkehr

Vielleicht lässt sich die gesamte Nachkriegsgeschichte der Welckerstrasse in einer einzigen Bewegung lesen:

  • Zuerst kehrten die Menschen zurück.
  • Dann die Logen.
  • Dann der historische Ort.
  • Dann entstanden die Pläne.
  • Es folgten Genehmigungen und Finanzierung.
  • Dann kamen die Bauleute.
  • Schließlich stand wieder ein Haus.

Und zuletzt kehrte das zurück, worauf alles zulief: die freimaurerische Arbeit. Diese Reihenfolge führt zu einer der wichtigsten Erkenntnisse dieser Geschichte: Nicht das Haus brachte die Freimaurerei zurück. Die zurückgekehrte Freimaurerei brachte das Haus hervor. Chronologie:

  • 4. Februar 1799 Beratungen über ein gemeinsames Hamburger Logenhaus.
  • 17. Mai 1799 Zusammentritt der Baukommission.
  • 15. November 1800 Einweihung des Logenhauses an der Drehbahn.
  • 1842 Nutzung des Hauses für die vom Großen Brand betroffene Hamburger Börse und freimaurerische Hilfe für Geschädigte.
  • 15. Juli 1890 Baubeginn Welckerstrasse.
  • 7. Februar 1891 Einweihung des ersten Logenhauses Welckerstrasse 8.
  • 1935 Auflösung der Logen unter nationalsozialistischem Druck; Entfernung der Bibliothek und antifreimaurerische Nutzung des Gebäudes.
  • Januar 1937 Abriss des Logenhauses.
  • Nach 1945 Wiederaufnahme freimaurerischer Arbeiten an verschiedenen Hamburger Orten.
  • 1964–1968Genehmigungsverfahren, Modelle, Finanzierung und konkrete Planung der Wiederbebauung.
  • 2. Januar 1969 Erteilung der Baugenehmigung.
  • 1969 Baubeginn und zeitgenössisch belegte Grundsteinlegung; das exakte Tagesdatum bleibt zu verifizieren.
  • 10. Juli 1970 Richtfest.
  • 25. Februar 1971 Erste dokumentierte freimaurerische Arbeit im neuen Haus.
  • 1971 Interne Einweihung.
  • 11. Mai 1971 Offizielle Vorstellung des neuen Hauses gegenüber der Öffentlichkeit.

Offene Fragen

Historische Redlichkeit verlangt, nicht nur das Erkannte, sondern auch das noch Ungeklärte sichtbar zu machen. Drei Fragen verdienen weitere Primärquellenarbeit:

  1. Die Grundsteinlegung
    Das Jahr 1971 ist aufgrund der zeitgenössischen Quellenfolge nicht haltbar. Ob 15. Juli 1969 das exakte Datum ist, sollte anhand des vollständigen Grundsteinberichtes abschließend geprüft werden.
  2. Der große Logensaal
    Die vollständigen Beiträge Gepperts, Pempelforts und Zeitz' könnten sichtbar machen, welche Vorstellungen von einem modernen freimaurerischen Tempel damals miteinander konkurrierten.
  3. „Mir fehlt der Sternenhimmel“
    Der vollständige Beitrag Jens Westermanns könnte eine seltene Quelle dafür darstellen, wie Brüder das neue Haus nicht nur sahen, sondern empfanden.

Diese offenen Fragen sind keine Schwäche der Handreichung. Sie sind ihre Einladung zur Fortsetzung.

Vom äußeren zum inneren Tempel

  • Ein Logenhaus kann gebaut werden.
  • Ein Tempel muss entstehen.
  • Architekten können Wände entwerfen.
  • Handwerker können Decken schließen.
  • Tischler Türen einsetzen.
  • Elektriker Licht schaffen.
  • Doch kein Bauplan kann Brüderlichkeit konstruieren.
  • Keine Architektur kann Verbundenheit verordnen.
  • Und keine Baugenehmigung kann einem Raum geistige Bedeutung verleihen.

Diese entsteht erst durch die Menschen, die ihn betreten. Vielleicht erklärt gerade dies, weshalb die Geschichte der Welckerstrasse nicht mit der Fertigstellung des Hauses endet. Eigentlich beginnt sie dort erneut.

Schlusswort: Ein Haus, das zweimal Heimat wurde

Wer heute die Tür der Welckerstrasse 8 öffnet, betritt ein Gebäude der Nachkriegszeit. Und doch betritt er einen wesentlich älteren Ort.

  • Unter seinen Füßen liegt Geschichte.
  • Hier planten Brüder ihre gemeinsame Heimat.
  • Hier wurde gebaut und gearbeitet.
  • Hier entstanden Gemeinschaft und Erinnerung.
  • Dann wurde diese Gemeinschaft zum Feind erklärt.
  • Das Haus wurde genommen.
  • Seine Räume wurden gegen jene verwendet, denen sie zuvor Heimat gewesen waren.
  • Schließlich verschwand das Gebäude selbst.
  • Doch der Gedanke, für den es gestanden hatte, blieb bestehen.

Nach 1945 trafen Brüder sich wieder:

  • Zunächst anderswo.
  • Sie organisierten ihre Logen neu.
  • Sie gewannen ihren historischen Boden zurück.
  • Sie planten.
  • Sie diskutierten.
  • Sie überzeugten Behörden.
  • Sie brachten Geld auf.
  • Sie ließen bauen.
  • Sie sahen den Richtkranz über der Welckerstrasse.

Und schließlich öffnete sich wieder eine Tür. Am 25. Februar 1971 wurde an diesem Ort erneut freimaurerisch gearbeitet. Vielleicht fehlte einem Bruder beim ersten Rundgang noch der Sternenhimmel. Aber das Entscheidende war bereits geschehen: Die Brüder waren zurückgekehrt.

  • Nicht in das alte Haus.
  • Nicht in die alte Zeit.
  • Aber an den alten Ort.

Die Geschichte der Welckerstrasse erzählt deshalb nicht davon, dass Vergangenheit wiederhergestellt werden könnte. Vergangenheit lässt sich nicht wiederholen. Sie erzählt vielmehr davon, dass Menschen nach Verlust und historischem Bruch entscheiden können, eine Überlieferung fortzuführen. Das erste Haus konnte zerstört werden. Das zweite musste neu errichtet werden. Doch zwischen beiden bestand etwas fort, das weder beschlagnahmt noch abgerissen werden konnte: der Wille, weiterzubauen.

Vielleicht ist deshalb der wichtigste Stein der Welckerstrasse in keiner Mauer zu finden. Er liegt in der Entscheidung jener Brüder, die nach Verfolgung, Verlust und jahrzehntelanger Unterbrechung nicht sagten: Es ist vorbei. Sondern: Wir beginnen wieder.

So verbindet die Welckerstrasse drei Zeiten:

  • Erinnerung an das Gewesene.
  • Verantwortung für das Gegenwärtige.
  • Vertrauen in das Kommende.

Und vielleicht liegt darin ihre tiefste freimaurerische Botschaft:
Ein Tempel besteht nicht fort, weil seine Steine unzerstörbar wären.
Er besteht fort, solange Menschen bereit sind, ihn immer wieder neu zu errichten.

Die Nationalsozialisten konnten in ihrem blinden Hass Logenhäuser schänden, Symbole zerschlagen und freimaurerisches Kulturgut vernichten. Im Falle der Welckerstrasse konnten sie sogar ein bedeutendes Logenhaus Stein für Stein abtragen und seine Statuen zerstören. Doch eines vermochten sie nicht: Sie konnten den Geist der Freimaurerei nicht vernichten. Denn dieser Geist wohnt nicht im Stein. Er lebt nicht allein in Säulen, Tempeln oder Symbolen. Er lebt im Menschen – in seiner Haltung, seinem Gewissen und in der brüderlichen Verbundenheit derer, die Freiheit, Humanität und Toleranz auch dort bewahren, wo Unfreiheit und Hass sie auszulöschen versuchen. Gerade deshalb besitzt die Welckerstrasse 8 eine Bedeutung, die weit über die Geschichte eines Gebäudes hinausreicht. An diesem Ort begegnen sich Verlust und Wiederkehr, Zerstörung und Neubeginn, Erinnerung und Verantwortung. Wo einst ein freimaurerischer Tempel gewaltsam aus dem Stadtbild getilgt wurde, entstand Jahrzehnte später wieder eine freimaurerische Heimat.

Das heutige Logenhaus steht damit nicht nur auf historischem Grund. Es trägt die Erinnerung an seine Geschichte in sich. Was zerstört werden sollte, kehrte zurück. Was zum Schweigen gebracht werden sollte, erhielt wieder eine Stimme. Und was aus dem Gedächtnis getilgt werden sollte, lebt heute in den Herzen der Brüder weiter.

Darin liegt zugleich eine besondere Verpflichtung gegenüber den jüngeren und kommenden Generationen von Brüdern. Geschichte darf nicht allein in Chroniken bewahrt werden. Sie muss sichtbar, begreifbar und innerlich erfahrbarbleiben. Gerade historische Bilddokumente vermögen etwas zu vermitteln, was Jahreszahlen und Worte allein kaum erreichen können: Sie lassen uns unmittelbar erkennen, wohin Menschenverachtung, ideologische Verblendung und staatlich organisierter Hass führen können.

Die nachfolgenden Bilder sind deshalb nicht lediglich historische Illustrationen.

  • Sie sind Zeugnisse.
  • Sie zeigen, was verloren ging.
  • Sie zeigen, was zerstört wurde.

Und im Wissen um das heutige Logenhaus zeigen sie zugleich, was nicht zerstört werden konnte.

Siehe auch