1717 oder 1721?

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Immer wieder kommt dieses Thema zur Sprache: Wurde die Großloge von England (genauer: von London und Westminster) wirklich 1717 gegründet oder doch erst 1721? Die Frage hat eine gewisse quasi-rituelle Bedeutung, weil dieser Vorgang als Start der modernen Freimaurerei verstanden wird. Entsprechend große wurde das Ereignis 2017 in London und überall in der Freimaurer-Welt gefeiert.
Von Rudi Rabe.

In der Nummer 2/2021 des monatlich erscheinenden englischen Online-Magazins The Square hat sich der Autor Hugh O’Neill in einer sehr kompakten und verständlichen Weise wieder damit beschäftigt. Hugh O’Neill ist Past Master von (blauen) Logen der United Grand Lodge of England/UGLE. Außerdem ist er Mitglied der englischen Quatuor Coronati Loge 2076, der ältesten Forschungsloge der Welt, und schließlich auch noch Freimaurer-Historiker sowie Vortragender für freimaurerische Themen.

Rudi Rabe hat seinen Artikel ins Deutsche übertragen.


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Am 31. Oktober 2017 fand in der Londoner Albert Hall ein beeindruckender masonischer Festakt statt, bei dem der 300. Geburtstag der englischen Großloge gefeiert wurde.

Aber so wie manch andere historischen freimaurerischen Gewissheiten stimmt auch diese nicht ganz. Was 1717 in der Stadt London und in dessen Zentrum Westminster wirklich stattfand, das war nicht die Gründung einer Großloge, sondern ein Treffen von vier Logen zu einem Festmahl.

In den 1723 zum ersten Mal veröffentlichten Constitutions von James Anderson, die auf George Payne’s Vorarbeiten von 1720 zurückgehen, wird das Ereignis von 1717 mit keinem Wort erwähnt. Ist das nicht seltsam! Auch in den Zeitungen jener Zeit, die gesellschaftliche News dieser Art üblicherweise sehr gern verbreiteten, kommt das Treffen nicht vor. Mit keinem Wort.

Das Meeting von 1717 wird zum ersten Mal erst 1738 in der zweiten Auflage der Constitutions erwähnt, mehr als zwanzig Jahre nachdem die Großloge angeblich gegründet wurde. Und nach allem, was wir wissen, war Anderson 1717 bei keinem dieser wie immer gearteten Treffen dabei, weswegen sein ziemlich fehlerhafter Bericht bestenfalls auf Erzählungen aus zweiter Hand zurückgehen kann.

1721 wurde überall und auch im Ausland sehr registriert, dass zum ersten Mal ein adeliger Großmeister in der Stationers’ Hall gewählt wurde, der Prinz John Herzog von Montagu, und dass außerdem zwei bemerkenswerte Ereignisse stattfanden.

Über das erste heißt es in den Protokollen der Loge „Antiquity“, einer der vier Logen, die sich 1717 trafen:

„This day the Free Masons of London in the name of themselves and the rest of their Brethren of England vested their separate and distinct rights and powers of congregating in Chapter &c. in the present old Lodges in London in trust and the same was this day Publickly Recognised and Notified to their Brethren in Grand Lodge assembled. The Masters of the Old Lodges Accepted the Trust for their Lodges and were sworn accordingly.“

1723: Erste Ausgabe der Constitutions

Also: Die ursprünglichen und inhärenten Rechte der Logen, sich zu versammeln wann immer und wo immer sie wollten, wurden erst 1721 aus ihrer eigenen Zuständigkeit an eine Großloge übertragen, und zwar nicht nur einer Großloge für London und Westminster, sondern für ganz England.

Und zweitens ist bemerkenswert: John Payne’s vorbereitende Studien für die Constitutions aus 1720 wurden erst jetzt von dieser Großloge angenommen. Einige Zeit danach wurde James Anderson beauftragt, dieses Material weiter auszuarbeiten.

Was soll’s, könnte man sagen. Ganz einfach: bis zur Installierung des Adeligen Herzog von Montagu 1721 gab es keine Großloge, nur eine gelegentliche Vollversammlung samt Festmahl der unabhängigen Logen von London und Westminster unter dem Vorsitz eines ihrer Meister, der als eine Art „Großmeister vom Stuhl“ firmierte. Der Zusatz „Groß“ bedeutete: etwas mehr als nur für eine einzige Loge. Außerdem hat dieser adelige „Großmeister“ ein Set von Regeln für die Logen des ganzen Landes in Kraft gesetzt: die Constitutions.

Nun denn, sollten wir in diesem Jahr der (Corona-)Pandemie nicht noch eine große Party wie die 2017 schmeißen? Oder haben wir dafür kein Budget mehr?



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