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Esoterik: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 24. Mai 2019, 12:45 Uhr

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Die Beziehungen zwischen Spiritualität, Esoterik und Religion auf der einen und Freimaurerei auf der anderen Seite sind von großer Bedeutung für das Selbstverständnis des Freimaurerbundes und für sein Verhältnis zum öffentlichen Raum. Diese Seite soll einer strukturierten Information über die unterschiedlichen Auffassungen dienen.

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Inhaltsverzeichnis

Spiritualität, Esoterik, Religion: Wo steht die Humanistische Freimaurerei?

Von Br. (Prof. Dr.) Hans-Hermann Höhmann

Es ist hohe Zeit, sich des Komplexes Religion und der damit verbundenen Zusammenhänge offen anzunehmen. Schieben wir den fälligen Religionsdiskurs weiter auf, so droht Schaden für die humanitäre Freimaurerei in Deutschland, die sich doch immer wieder darauf beruft, in der Tradition von Humanismus und Aufklärung zu stehen.[1]

Ich möchte meine Grundeinstellung zum Kontext Spiritualität, Esoterik, Religion im Folgenden umreißen und beginne thesenhaft mit sechs, meine Sichtweise pointierenden Feststellungen:

  • Freimaurerei ist spirituell.
  • Freimaurerei ist nicht Esoterik, kann aber Forum esoterischer Diskurse sein.
  • Freimaurerei ist keine Religion, sie ist eine Wertegemeinschaft und keine Glaubensgemeinschaft im religiösen Sinn.
  • Auf der anderen Seite wäre es gleichermaßen falsch und irreführend, den Begriff des „Religiösen“ allzu strikt von der Freimaurerei fernzuhalten. Im Sinne der Religionssoziologie religiös, aber weder Religion noch religiöse Vereinigung, so ließe sich pointiert formulieren.
  • Die Brüder einer Loge haben die Freiheit, die persönlichen und gruppenspezifischen Mischungsverhältnisse von Spiritualität, Esoterik und Religiosität im gemeinsamen Erleben, im Nachdenken und im Diskurs herauszufinden und zu praktizieren.
  • Die Großlogen der VGLvD stimmen in ihrer Einstellung zur Religion nicht überein. Hierzu sind eindeutige Klarstellungen erforderlich, und es muss nach innen und außen Transparenz hergestellt werden.


Freimaurerei und Spiritualität

Spiritualität, wie ich sie verstehe, ist die mehr oder minder bewusste Beschäftigung mit Sinn- und Wertfragen des Daseins. Spiritualität umfasst die besondere Lebenseinstellung eines Menschen, der sich auf die Suche begibt nach Lebenssinn und Orientierung. Innerhalb einer sich humanistisch verstehenden Freimaurerei ist die vom Ritual vermittelte Spiritualität ein komplementärer Faktor zu Freundschaft und ethischer Orientierung. Zur Spiritualität des Freimaurers gehört vor allem die Motivation, sich mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben zu beschäftigen.[2] Das Ritual setzt hierfür den Rahmen und vermittelt immer wieder neue Impulse, die auch außerhalb des Rituals weiterwirken können und auf Dauer die Reflektiertheit und geistige Offenheit des Freimaurers generell fördern. Die Formel des leitenden Meisters „Die Loge ist geöffnet“ kann ja nichts anderes bedeuten als Bewusstsein, Empfindungen und Gemüt des Bruders für neue Erfahrungen zu öffnen. Dann kann sich ereignen, was Friedrich Nietzsche mit den Worten beschreibt: „Die größten Ereignisse — das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.“[3]

Spirituelle Bedürfnisse sind gemüthafte Bedürfnisse: sie reflektieren das Verlangen nach Sinn, Ziel, Halt, Ordnung, Trost, Mut im Leben. Wie alle geistigen Bedürfnisse, die zur Natur des Menschen gehören, können sie eine religiöse und eine nicht-religiöse Antwort finden. Jedenfalls ist es sachlich falsch und intellektuell unredlich, bereits diese Bedürfnisse selbst religiös zu vereinnahmen und mit Hilfe eines weitgefassten, funktionalistischen Religionsbegriffs jeden Sinnsucher zum Gottsucher zu mystifizieren.

Eine „offen“ erlebte Spiritualität führt zur Erfahrung geistig-emotionaler Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Verantwortung, Sorge für andere, Geduld, Toleranz, Demut, Vergebung, Zufriedenheit und Harmonie, alles Aspekte des Lebens und der menschlichen Wahrnehmung, die über eine rein materialistische Sicht der Welt hinausgehen, ohne notwendigerweise den Glauben an eine übernatürliche Wirklichkeit oder ein göttliches Wesen vorauszusetzen.

Auch zu einer säkular verstandenen Spiritualität des Freimaurers gehört es, sich mit Sinn- und Wertfragen des Daseins zu beschäftigen, mit der Beschaffenheit der Welt und den Lebensmöglichkeiten der Menschen und besonders mit der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben sowie in der Vorbereitung auf den Tod.

Das Ritual bekräftigt die für Bund und Brüder unverzichtbaren Gestaltungsprinzipien der Freimaurerei – Weisheit, Stärke und Schönheit –, die dem Freimaurer allerdings nicht zufallen, sondern erarbeitet werden müssen.

  • Weisheit meint wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit, Redlichkeit der geistigen Vermittlung, Reflektiertheit, skeptisches Hinterfragen, Erkennen der eigenen Grenzen, Bescheidenheit, Besonnenheit, Wissen darum, dass törichtes Daherreden und Provozieren um jeden Preis nicht nur die eigene Würde beschädigt, sondern auch Diebstahl der begrenzten Lebenszeit anderer ist.
  • Stärke bedeutet Tatkraft, bedeutet das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen. Weisheit allein reicht nicht aus, Sinn genügt nicht, wenn nicht sinnvoll gehandelt wird. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, so kurz und knapp beschied bekanntlich Erich Kästner die wortreich Ausufernden.
  • Wie die Stärke, so ist neben der Weisheit auch die Schönheit unverzichtbar als Gestaltungs¬prinzip des Freimaurerbundes und Maßstab für den brüderlichen Habitus, als Prinzip, das ausgehend vom Ästhetischen, von der apollini¬schen Dimension, von der Schönheit der Sym¬bole und Rituale, von der Musik im Tempel und bei der Tafel hinüberreicht zur Lebenskunst und Lebenskultur, worin sich ja Freimaurerei – wenn sie gelingt – als „Königliche Kunst“ erst vollendet.

Noch einmal: Spiritualität bedeutet die Bereitschaft zur Reflexion über Grundfragen menschlicher Existenz, die Grundsolidarität mit anderen Menschen, die Empfänglichkeit für die Sphäre des Moralischen, die Verbundenheit mit dem Bereich des Ästhetischen, die Offenheit für das Schöne. Das freimaurerische Konzept der „Lebenskunst“ ist ohne Spiritualität nicht denkbar. Zu einer ganzheitlichen – Verstand und Gefühl umschließenden – Art von Spiritualität gehört auch das Gespür für die Wirkungskraft von Metaphern, Symbolen und Ritualen und deren nichtsprachlichen, visuellen und multimedialen Ausdruck. Freimaurerische Spiritualität beinhaltet die Fähigkeit, gleichzeitig mit Gedanken und Gefühlen wahrzunehmen, und heißt nicht zuletzt, die kognitiven Qualitäten des Emotionalen zuzulassen. Wichtigstes Medium für spirituelle Erfahrungen in der Freimaurerei ist das Erlebnis eines kreativen Rituals, denn das Ritual ist die Inszenierung aller Sinne und Wertvorstellungen des Freimaurers: Verstand, Gefühl und Körperlichkeit werden gleichermaßen angesprochen und im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung gebracht.


Freimaurerei und Esoterik

Der Begriff der „Esoterik“[1] ist sowohl innerhalb der wissenschaftlichen Forschung als auch im Rahmen öffentlicher Kontroversen umstritten. Stehen sich in der akademischen Diskussion ideengeschichtliche, sozialgeschichtliche und diskursive Zugriffe auf „Esoterik“ gegenüber, so bestimmen seit etwa zwanzig Jahren in der breiten Öffentlichkeit die unterschiedlichsten Schlagworte das Bild: „New Age“, „Sekten“, „Jugendreligion“, „Okkultismus“ usw. Während eine von den Medien beherrschte Öffentlichkeit „Esoterik“ meist vage mit „New Age“ gleichsetzt, versucht die religionswissenschaftliche Forschung seit den 1990er Jahren, zu einem differenzierteren Verständnis zu gelangen.

Entscheidenden Anteil an der Profilierung der Esoterikforschung hat der französischer Religionswissenschaftler Antoine Faivre. Seit den 1980er Jahren setzte er sich intensiv mit der Religionsgeschichte der Renaissance und der Neuzeit auseinander und erarbeitete ein Verständnismodell des Esoterischen, das mehrere Traditionslinien und Disziplinen systematisch zusammenfasst. Dazu gehören einerseits die „okkulten Künste“ Astrologie, Alchemie und Magie, deren Wurzeln in der Antike zu suchen sind, die jedoch seit dem fünfzehnten Jahrhundert kulturell neu positioniert wurden; hinzu kommen das neuplatonische und hermetische Denken sowie die Kabbalah, die als antikes Geheimwissen galt und mit philosophischen Anschauungen verknüpft wurde. Die Zusammenhänge jener Traditionslinien wurden schon in der Frühen Neuzeit erkannt und mit dem lateinischen Begriff „philosophia perennis“ („Ewige Philosophie“) belegt. Mit diesem Begriff verband sich der Anspruch, einer Wahrheit auf der Spur zu sein, die älter als alle historischen Religionen ist und die in verschiedenen Disziplinen auf je eigene Art ihren Ausdruck findet.

Nach Antoine Faivre[2] ist Esoterik eine historisch nachweisbare Denkform, die durch sechs Eigenschaften oder Komponenten bestimmt werden kann, die in unterschiedlicher Gewichtung innerhalb eines weiten historischen und empirischen Kontextes nachweisbar sind. Vier davon sind „wesentlich“, und zwar in dem Sinn, dass ihr gleichzeitiges Auftreten eine notwendige und hinreichende Bedingung dafür darstellt, dass ein gegebenes Untersuchungsmaterial zur „Esoterik“ zu rechnen ist. Zu diesen vier kommen weitere hinzu, die Faivre als sekundär, d.h. als nicht grundlegend bezeichnet, deren Vorkommen im Verein mit den vier anderen allerdings häufig ist.

Die vier grundlegenden (Komponenten) von Esoterik sind die folgenden:

  • 1. Die Entsprechungen: Esoterik geht davon aus, dass zwischen allen Teilen des sichtbaren und unsichtbaren Universums symbolische und reale Entsprechungen bestehen. Die Natur, sogar das Universum, ist der Schauplatz wechselseitiger Abspiegelungen.
  • 2. Die lebende Natur: Esoterik beinhaltet die Idee einer Natur, die in all ihren Teilen als wesentlich lebendig angesehen, erkannt und erfahren wird.
  • 3. Das Prinzip von Imagination und Vermittlung: Es ist die „Imagination“ oder Einbildungskraft, die es ermöglicht, Mittler, also Symbole und Bilder, zum Zweck der Erkenntnis zu verwenden, die Hieroglyphen der Natur … zu entschlüsseln, die Idee der Entsprechungen in konkrete Praxis umzusetzen und die zwischen der göttlichen Welt und der Natur vermittelnden Wesenheiten zu entdecken, zu schauen und zu erkennen.
  • 4. Die Erfahrung der Transmutation: Das Wort „Transmutation“ entstammt der alchemistischen Literatur. Ohne diesen vierten Bestandteil würden alle drei zuvor genannten kaum über die Grenzen einer spekulativen Spiritualität hinausgehen. Voll wirksam werden sie erst durch Transmutation, durch eine „zweite Geburt“, durch eine hierdurch erleuchtete Erkenntnis.

In Faivres Sicht gesellen sich nun diesen vier grundlegenden Komponenten zwei weitere hinzu, die nicht unabdingbare Bestandteile seiner Esoterik-Definition sind, aber häufig im Verein mit den vier anderen Elementen auftreten – und, so ergänze ich, eine besondere Bedeutung für manche Formen der Hochgradfreimaurerei gewonnen haben.


Diese beiden Komponenten sind:

  • 5. Die Konkordanzbildung, die sich dadurch auszeichnet, dass nach gemeinsamen Nennern zwischen verschiedenen Esoterik-Traditionen gesucht wird, in der Hoffnung, durch ihre Zusammenführung eine „Erkenntnis“, höheren Ranges zu erreichen, und
  • 6. die Transmission, die Auffassung, dass esoterischen Lehren auf vorgezeichneten Wegen (etwa durch Rituale) und unter Einhaltung bestimmter Stadien (etwa durch Grade) vom Meister an seine Schüler weitergegeben werden können.

Nach Kocku von Stuckrad handelt es sich bei der Esoterik nicht um eine eigenständige „Tradition“ oder „Strömung“ europäischer Geschichte, sondern um ein analytisches Konstrukt moderner Forschung, und so ließe sich im Grunde auch keine „Geschichte der Esoterik“ schreiben.[3] Dennoch bestehe in der Wissenschaft weitgehend Einigkeit darüber, dass die folgenden Themenfelder und religiösen Kontexte für die Esoterik als zentral zu bezeichnen sind:

  • (1) Wissensansprüche, die auf „Gnosis“ (gr. „Wissen“) im Sinne absoluter Erkenntnis abheben, insbesondere die Rezeption antiker Gnosis in Neuzeit und Moderne sowie der Bezug auf Hermes Trismegistos (Hermetismus);
  • (2) die so genannten „okkulten Wissenschaften“ (insbesondere Astrologie und Alchemie);
  • (3) mystische Traditionen in Judentum, Christentum und Islam (insbesondere Kabbalah und Sufismus sowie deren Rezeption in der Christlichen Kabbalah);
  • (4) der Neuplatonismus der Renaissance, der mit den Ideen einer „theologia prisca”, einer „Urtheologie“, und einer „philosophia perennis“, einer ewigen Philosophie verbunden wurde. Die „theologia prisca“ geht davon aus, dass es ein gemeinsames Urwissen von der Wahrheit Gottes gibt, dessen Träger der Ägypter Hermes Trismegistos, der Perser Zoroaster, der Hebräer Mose und andere waren;
  • (5) die christliche Theosophie, die von der Bedeutung individueller göttlichen Eingebungen im Rahmen eines inneren „geistigen Schauens“ ausgeht;
  • (6) die initiatischen Gemeinschaften (wie die Rosenkreuzer und die Freimaurer, hier insbesondere die Hochgradfreimaurerei des amerikanischen „Schottischen Ritus“);
  • (7) die Bewegungen im Umfeld der Theosophischen Gesellschaft, die 1875 von Helena Blavatsky und anderen in New York gegründet wurde und die beträchtlichen Einfluss auf nachfolgende esoterische Bewegungen genommen hat;
  • (8) Teile der als „New Age“ bezeichneten religiösen Bewegung nach 1960.

Die vorstehend aufgezeigten Darlegungen Antoine Faivres und Kokku von Stuckrads lassen nun – vor allem in historischer Perspektive – zweifellos Beziehungen zwischen Freimaurerei, vor allem ihren Hochgradsystemen, und Erscheinungsformen der Esoterik erkennen. Allerdings ergeben sich aus meiner Sicht dabei auf drei für die Freimaurerei wichtigen Bedeutungsfeldern beträchtliche Spannungen, die nicht folgenlos bleiben können und die mit den gleich zu erörternden Stichwörtern „freimaurerische Inhalte und Organisationsformen“, „Verhältnis Esoterik – Christentum“ sowie „Einschätzung der Freimaurerei in der Gesellschaft“ umrissen werden können.

Zunächst machen es die Ideen und Strukturen einer in der Tradition von Humanismus und Aufklärung stehenden Humanistischen Freimaurerei unmöglich, sich auf eindeutige Weise als „esoterisch“ zu verstehen oder gar den Versuch zu unternehmen, in ihre Ritualstruktur die ganze Fülle oft sehr heterogener Esoterikelemente aufzunehmen. Dies würde ganz einfach ihren humanistisch-aufklärerischen Kern beschädigen und zu einem dem Ansehen der Freimaurerei abträglichen Durcheinander der Formen und Ideen führen.

Dazu kommt, dass eine „esoterische“ Freimaurerei auch in organisatorischer Hinsicht zu sehr bedenklichen Konsequenzen führen kann. Nur ein Beispiel dafür: Manly Palmer Hall, Mitglied des 33. Grads des AASR in den USA, fasst die freimaurerische Sendung, wie er sie versteht, in seinem Buch „The Lost Keys of Freemasonry“ folgender Maßen zusammen:[4]

„The Masonic order is not a social organization, but truly is composed of those who have banded themselves together to learn and to apply the principles of mysticism and the occult rites“. Und an anderer Stelle:

„Es gibt tausende von Maurern, die nur dem Namen nach Brüder sind, denn ihre Unfähigkeit, die Ideen ihrer Kunst zu verstehen, macht sie sprachlos gegenüber den Lehren und Zwecken der Freimaurerei. Eine wahrhafte Maurerei erst gewährt den Schlüssel zum Tempel und ohne diesen Schlüssel kann keines seiner Tore geöffnet werden. Erst wenn dies besser verstanden und gelebt wird, wird die Freimaurerei erwachen und das solange vorenthaltene Wort aussprechen. Die spekulative Zunft wird operativ werden und das alte, lange verborgene Wissen wird aus den Ruinen des Tempels auferstehen als die größte spirituelle Wahrheit, die jeden Menschen enthüllt wurde.“[5]

Dies ist gelinde gesagt, eine bedenkliche Ideologie, die außerhalb des Bundes zu Recht großes Misstrauen erregt und nur allzu leicht den Eindruck erweckt, es handele sich bei der Freimaurerei um eine esoterische Sekte. Ein solches Verständnis unseres Bundes wäre für mich als einem durchaus spirituellen aber doch eindeutig aufklärerisch-ethisch orientierten Freimaurer nicht akzeptabel. Und ganz allgemein und deutlich gesagt: Alle analytischen Überlegungen und alle empirischen Beobachtungen der gesellschaftlichen Realität machen deutlich – ja überdeutlich -, dass nur eine eindeutig auf Humanismus und Aufklärung gestützte Freimaurerei auf Dauer überlebensfähig ist.

Nicht nur zwischen Esoterik und Freimaurerei, sondern auch zwischen Esoterik und Christentum bestehen gravierende Spannungen, die sich immer wieder im Verhältnis der Kirchen zur Freimaurerei niederschlagen. Monika Neugebauer-Wölk, emeritierte Professorin für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, hat den Hintergrund dieser Spannungen deutlich gemacht:

„Stellt man … die Frage nach den strukturellen Unterschieden (zwischen Esoterik und Christentum H.-H. H.), so bietet der elitäre Charakter esoterischer Glaubensgewissheit einen guten Ausgangspunkt, um die Relevanz der Unterschiede zum Christentum deutlich zu machen. Die religiöse Grundkonzeption des Christentums besitzt im Gegensatz zur Esoterik kein hierarchisch geordnetes Menschenbild, dessen Strukturen sich vom Zugang zum heiligen Wissen ableiten. Prinzipiell ist die Offenbarung für alle Menschen dieselbe und ist auch allen zugänglich. Es gibt keine höhere Offenbarung, die dem Nicht-Wissenden verschlossen wäre; es gibt keine privilegierte Heilsweisheit. Wunder, d. h. Überschreitungen der regulären Funktionsweisen der Natur, sind im Christentum nur auf der Basis göttlichen Wirkens möglich, d. h. Wunder tut Gott, nicht der Magus. Ja, man kann darüber hinausgehen und formulieren, dass der Begriff des ‘Wunders’ überhaupt nur im religiösen Horizont des Christentums Sinn macht, esoterisch dagegen nicht. Es hat nichts ‘Wunderbares’, also Irreguläres, wenn der Weise Blei in Gold verwandelt, Kontakt zu Engeln oder Toten aufnimmt, wenn er die Zukunft kennt, sondern es ist das erwartbare Resultat höheren Wissens und höherer Kompetenz und entspricht den Funktionszusammenhängen von Makro- und Mikrokosmos. Es ist das Wissen um die verborgenen Qualitäten aller Dinge, das Gestaltungsmacht verleiht, und dieses Wissen ist das Wissen Adams vor dem Sündenfall. Der Christ kann den Folgen der Erbsünde nur durch die Gnade Gottes und das Heilswerk seines Sohnes entgehen. Der Esoteriker ist immer auf dem Weg, dieses Ziel durch Erkenntnis zu erreichen.“[6]

Will man den skizzierten Spannungen zwischen Esoterik, Christentum und Freimaurerei endgültig und ein für alle Mal entgehen, so hilft wiederum nur die humanistisch-aufklärerische Form und Praxis der Freimaurerei, in der Freimaurerei ganz eindeutig Wertegemeinschaft und nicht Glaubensgemeinschaft oder esoterische Sekte ist.

Das von mir bisher zu Freimaurerei und Esoterik dargestellte bzw. zitierte macht meine folgende zusammenfassende These plausibel:

Die Freimaurerei bietet zwar Platz für esoterische Diskurse, doch eine esoterische Freimaurerei wäre höchst bedenklich und zwar (1) wegen der Konsequenzen für die konzeptionellen, rituellen und organisatorischen Strukturen der Freimaurerei und (2) wegen unnötiger Konflikte mit Religion und Kirche.


Freimaurerei und Religion

Wie eingangs festgestellt, bedarf das Verhältnis zur Religion aus der Sicht einer sich humanistisch verstehenden Freimaurerei dringend der Klärung. Als Teilnehmer am gegenwärtigen Religionsdiskurs in der deutschen Freimaurerei möchte ich, zwecks weiterer Diskussion, meine Sicht der Beziehungen zwischen Freimaurerei und Religion in fünf Thesen folgendermaßen umreißen.

  • 1. Freimaurerei ist eine ethisch orientierte Vereinigung und keine Religion, und sie will auch keinen Ersatz für eine Religion bieten, denn sie vermittelt kein Glaubenssystem und kennt weder sakramentale Heilsmittel noch Theologie und Dogma. Auf der Internetseite der Vereinigten Großloge von England heißt es dazu auch durchaus zustimmungsfähig: „Freemasonry does not seek to replace a Mason’s religion or provide a substitute for it. It deals in a man’s relationship with his fellow man, not in a man’s relationship with his God.” Dass die Freimaurerei für manchen Bruder den Charakter einer Ersatzreligion angenommen hat, bedeutet nicht, dass eine solche Funktion von ihr angestrebt würde.
  • 2. Die Freimaurer haben und brauchen auch keinen gemeinsamen Gottesbegriff. Die symbolische Präsenz eines „Großen Baumeisters aller Welten“ in ihren Ritualen darf nicht mit den verschiedenen Gottesverständnissen der Religionen verwechselt oder gar gleichgesetzt werden.
  • 3. Das Symbol des „Großen Baumeisters“ stellt vielmehr das umfassende Symbol für den Sinn der freimaurerischen Arbeit dar und ist als solches vom Freimaurer zu respektieren. Denn ethisch orientiertes Handeln setzt die Anerkennung eines sinngebenden Prinzips, eines die Unverbindlichkeiten des Alltags transzendierenden „höheren Seins“ voraus, das – weltanschaulich bestimmt, oder empirisch gefunden – Verantwortung begründet und auf das die Ethik des Freimaurers letztlich rückbezogen ist. Das Symbol des „Großen Baumeisters“ deutet den transzendenten Bezug des Freimaurers an, ohne ihn auszufüllen, wobei Transzendenz auch als eine immanente, nicht auf einen religiösen Glauben bezogene Transzendenz, als „ein „Übersichhinausgehen innerhalb des Seins des Menschen“ – so der Philosoph Ernst Tugendhat – verstanden werden kann. In diesem Sinne ist auch die Bibel im Kontext der Freimaurerei kein Buch der Offenbarung, sondern ein moralisches Symbol. Zugleich enthält die Bibel den Kernmythos des Bundes, den Bau des symbolischen Tempels der Humanität. Wenn sie im Verlauf des Rituals aufgeschlagen wird, sollte sie daher da aufgeschlagen werden, wo von Salomos Tempelbau die Rede ist (1. Könige 6, 2. Chronik 3).
  • 4. Die freimaurerische Tempelfeier ist kein Gottesdienst. Das Brauchtum des Bundes soll vielmehr menschliches Miteinander, ethische Lebensorientierung und emotionale Spiritualität durch Symbole und rituelle Handlungen in der Gemeinschaft der Loge darstellbar, erlebbar und erlernbar machen.
  • 5. Als ethisch orientierte Gemeinschaft ist Freimaurerei offen für Menschen aller Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen und auch für Menschen ohne Glaubensvorstellungen im herkömmlichen Sinne. Ob Gläubige, Agnostiker oder Atheisten: Unabdingbar ist allerdings, dass sie mit den im Diskurs gefundenen ethischen Überzeugungen und moralischen Prinzipien des Freimaurerbundes übereinstimmen und zu aktiver Wertschätzung seiner symbolisch-rituellen Ausdrucksformen fähig sind.
  • 6. Aufgrund einer solchen Festlegung und Abgrenzung kann das Verhältnis zu den großen christlichen Kirchen – wie zu Religion und Religionsgemeinschaften generell – entspannt und selbstbewusst entwickelt werden, zumal an zwei bedeutsame Gemeinsamkeiten von Freimaurerei und Kirchen zu erinnern ist:

die gemeinsamen Wurzeln in der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte sowie die Verpflichtung zum ethischen Handeln, insbesondere zu praktischer Mitmenschlichkeit. Im Hintergrund meiner Überlegungen und Abgrenzungen stehen Begriffe von Religion und Religiosität, die Glaubensinhalte und religiöse Funktionen auseinanderhalten und die ihren Ursprung in der Religionssoziologie haben.

Talcott Parsons etwa, einer ihrer wichtigsten Vertreter, sieht die Aufgabe des Religiösen darin, kulturelle Werte und Normen den durch Rekurs auf eine letzte Wirklichkeit – Parsons spricht von „ultimate reality“ – lebendig und verbindlich zu halten. Das was Parsons „Rekurs auf eine letzte Wirklichkeit“ nennt, ist nun aber nichts anderes als das, was der Begriff Religion jenseits aller ihrer konkreten Erscheinungsformen und Glaubensinhalte meint, nämlich Rückbindung an und Vertrauen auf eine sinnspendende Ordnung. Genau das aber will Freimaurerei leisten: die Herstellung eines tragfähigen, das bloß materielle Sein transzendierenden Sinn- und Wertbezugs, der freilich spezifisch religiöser Rückbindungen oder eines Glaubens an Gott im traditionellen Sinne nicht bedarf.

Auch der Soziologe Thomas Luckmann stellt die konstruktive gesellschaftliche Rolle der Religion in den Vordergrund, indem er auf deren Potenzial bei der Krisenbewältigung und bei der Stabilisierung der Gemeinschaft in Phasen sozialer Umbrüche hinweist. Religiosität ist für Luckmann eine anthropologische Konstante, die sich in der Moderne nur neue Formen der Repräsentation sucht und nicht – wie die Säkularisierungsthese behauptet – verschwindet. Luckmann hat im Rahmen seiner Religionssoziologie Aufgabe und Wirkungsweise der Religion als „Einübung … in ein das Einzeldasein transzendierendes Sinngefüge“ bezeichnet.

Bei aller Ablehnung der Religionseigenschaft der Freimaurerei im Sinne eines inhaltlich definierten Glaubens wäre es folglich gleichermaßen falsch und irreführend, den Begriff des „Religiösen“ allzu strikt von der Freimaurerei fernzuhalten. Im Sinne der Religionssoziologie religiös, aber weder Religion noch religiöse Vereinigung, so ließe sich pointiert formulieren.

Noch einmal: Freimaurerei ist kein Heilsweg, sondern ein Weg zur Bewährung im Hier und Jetzt.

Ein Weg – es gibt viele andere. Die Gleichzeitigkeit des Respekts vor Religion und des Verzichts auf Nachahmung von Religion und/oder Einmischung in Religion kann die Freimaurerloge zu einer Gemeinschaft machen, in der sich gläubige Menschen ganz verschiedener Religionen mit religiös skeptischen, ja ungläubigen Menschen auf der Grundlage verpflichtender Werte freundschaftlich miteinander verbinden. Hierin sollten Freimaurer eine integrierende Kraft sehen, die – wenn auch gewiss nur in bescheidenem Maße – dazu beitragen kann, die moderne (oder postmoderne) Gesellschaft mit all ihren Auflösungs- und Spaltungstendenzen auf der Basis einer gemeinsamen Wertbasis zusammenzuhalten.



Esoterik

Vorbemerkung

Der Begriff der Esoterik bezeichnete ursprünglich eine Form des Wissens oder Lerninhalte, die nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich gemacht wurden. Darüber hinaus bezeichnete der Begriff Lerninhalte, die sich auf einen inneren 'spirituellen' Enwicklungsprozess bezogen. In den verschiedenen Geheimgesellschaften verbinden sich beide Dimensionen des Begriffes. Sie werden dort als 'wahres', höheres' oder 'absolutes' Wissen um das Selbst, die Welt, den Kosmos und das Göttliche apostrophiert, das exklusiver und gegenüber Außenstehenden akribisch geheimgehaltener Besitz der jeweiligen Geheimgesellschaft ist.

Die Esoterik galt der akademischen Forschung bis ins späte 20. Jahrhundert nicht als seriöser Forschungsgegenstand. In jüngerer Zeit hat sich aber innerhalb der Geschichtswissenschaften und der Religionswissenschaft eine Auseindersetzung mit esoterischen Themen etabliert, der es allerdings um eine historische Auseinandersetzung mit esoterischen Lerninhalten und Systemen, nicht aber um eine Bewertung geht, ob diesen Inhalten eine Wirklichkeit korrespondiert. Exponenten dieser akademischen Auseinandersetzung sind unter anderem Antoine Faivre, Wouter J. Hanegraaff, Karl Hoheisel und Kocku von Stuckrath.

Innerhalb der Freimaurerei wird der Begriff Esoterik oft 'unscharf' als Sammelbegriff für all das verwendet, was manchen unter den Mitgliedern bedeutsam ist, von anderen aber 'scharf' abgelehnt wird. Es ist nicht möglich, qualifizierte und valide Zahlen darüber zu erheben, wie hoch der Anteil der Freimaurer heutzutage ist, die den folgenden Inhalten ablehnend gegenüberstehen.

Das Zeitalter der Aufklärung als 'Sieg der Geistesherrschaft' über eine "Geisterherrschaft", sowie der wissenschaftliche und technische Fortschritt und die Entwicklung der Gesellschaft, lassen manche Vorstellung aus der Zeit der frühen Freimaurerei schlichtweg überholt wirken. Auch ist die Vorstellung im Besitz eines 'höheren' oder 'verborgenen' Wissens zu sein, für viele unvereinbar mit dem schlichten - und in sich höchsten - Anspruch der Selbstveredelung, Humanität und Menschenliebe.

Der Grundtenor zeitgenössischer - oder zeitgemäßer - freimaurerischer Veröffentlichungen liest sich folgendermaßen:

Es gibt kein vermittelbares Geheimnis der Freimaurerei, denn geheimzuhaltende Erkennungsmerkmale wie auch Rituale lassen sich online oder in gut sortierten Bibliotheken finden. Das eigentliche Geheimnis besteht in dieser Auslegung im individuellen Erlebnis selbst, welches unvermittelbar, unerklärlich, nicht greifbar und unveräußerlich ist.

Wie zu jeder Zeit gibt es eine persönliche Auslegung und Gewichtung von Symbolen, Wurzeln, Einflüssen, Legenden und Idealen. Wie zu jeder Zeit versuchen auch heute die einen den anderen zu erklären, dass ihre eigene Sicht die richtige sei.

Rational veranlagte Freimaurer sind geneigt, viele der nachfolgend aufgelisteten Themen als Obskurantismus anzusehen. Mit der 'Fackel der Wissenschaft' möchten sie das Okkulte (also das Dunkle) erhellen. Spirituell veranlagte Freimaurer sind geneigt, viele der nachfolgend aufgelisteten Themen als das wahre Licht zu begreifen. Mit dem 'Licht der Erkenntnis' möchten sie das Dunkel der Unwissenheit erhellen. In beiden Lagern gibt es die Zweifler: Diejenigen, die sich selbst fragen, ob die anderen nicht mehr und besser Bescheid wissen, als man selbst. Dazwischen, in der 'goldenen Mitte' ruhen in sich diejenigen, die den Mittelweg gefunden haben. Eine der vielen möglichen Deutungen des musivischen Pflasters ist, beide Seiten (Verstand und Gefühl) in einen harmonischen Einklang zu bringen.

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