Rezension: Heinz Sichrovsky (Hg.) – Als ich König war und Maurer

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Rezension: Heinz Sichrovsky (Hg.) – Als ich König war und Maurer

Freimaurerdichtung aus vier Jahrhunderten


Den Schutzumschlag des Buches schmücken Dichter-Porträts - eine Auswahl von 24 aus 90, die der Grazer Künstler
Oskar Stocker für das Buch geschaffen hat: Jeder Dichter im Buch bekam sein Porträt.

„... das zeug zum Klassiker“

Viele Bücher sind heutzutage Bücher für eine Saison. Weniger halten sich einige oder mehrere Jahre lang. Dieses Buch hat das zeug zu einem Klassiker. Es kann und wird auch in Jahrzehnten noch zur Hand genommen werden. Eine Buchvorstellung von Rudi Rabe.

Zehn Jahre lang sammeln, sichten und sortieren: Das Ergebnis von Sichrovskys geradezu monomanischer Arbeitswut liegt nun vor und füllt mehr als 600 Seiten. Freimaurerrische Lyrik aus vier Jahrhunderten, von Freimaurern entweder für den Logengebrauch geschrieben oder durch Gegenstand, Symbolik und Wortwahl nachvollziehbar konnotiert: Das füllt mit 62 Dichtern an die 400 Seiten. Weitere nicht ganz hundert Seiten enthalten von zwölf Freimaurern geschriebene Prosa, weil es sich um bedeutende Schriftsteller handelt, die aber keine Lyrik hinterlassen haben. Und die letzten hundert Seiten enthalten von sechzehn Freimaurern nichtfreimaurerische Lyrik.

Insgesamt sind das 124 Texte von 90 Autoren aus 21 Ländern: Große Namen wie Lessing, Goethe, Claudius, Heine, Puschkin, Tucholsky und Kipling, aber auch weniger geläufige wie Blumauer, Schönwiese oder der Zeitgenosse Gerd Scherm. Der Schwerpunkt liegt bewusst auf deutschsprachigen Texten, ist doch das Angebot an Übersetzungen begrenzt. Nachdichtungen und literarische Übertragungen wurden prinzipiell bevorzugt, Texten in englischer, französischer, italienischer und spanischer Sprache steht die deutsche Version synoptisch gegenüber. Entlegenere Sprachen wurden nur berücksichtigt, wenn literarisch relevante Übersetzungen vorliegen.

Auch die Buchpräsentation am 18. November 2016 war ein künstlerischer Event

Wie schon bei seinem ersten großen Freimaurerbuch Musik und Dichtung der Freimaurer inszenierte Sichrovsky die öffentliche Vorstellung seines Buches auch diesmal gemeinsam mit Schauspielern, Sängern und Musikern im Wiener Mozarthaus, also in dem heute als Mozartmuseum genutzten seinerzeitigen Wohnhaus des großen Meisters im Zentrum von Wien.

Heinz Sichrovsky (rechts) bei der Buchpräsentation im Wiener Mozarthaus. Neben ihm der Wiener Burgschauspieler
Nicholas Ofczarek, einer der Künstler, die bei der Buchvorstellung Gedichte oder Lieder aus dem Buch vortrugen.

Der Österreichische Rundfunk/ORF hat mehrfach berichtet, so auch am 21. November 2016 im Radiokulturprogramm ‚Österreich 1’ in der Sendung ‚Leporello’.
Mit Genehmigung des Senders hier zwei Ausschnitte zum Nachhören; jeder ist gut eineinhalb Minuten lang:
Österreich 1: Leporello - Erster Teil der Sendung
Österreich 1: Leporello - Zweiter Teil der Sendung
Lassen wir Heinz Sichrovsky sein Werk also selbst präsentieren (gekürzt):

„Wir stellen Ihnen heute ein Buch vor, an dem ich seit gut 10 Jahren arbeite. Im Verlauf meiner Forschungen über Freimaurerliteratur und Freimaurermusik habe ich mir immer etwas zur Seite gelegt: einen Text, einen bibliographischen Verweis.“

„Als vorläufiges erstes Resultat darf ich dem Freimaurerbund meinen Respekt erklären: Wo sonst gibt es eine Vereinigung, aus deren Reihen sowohl ‚Fuchs, du hast die Gans gestohlen’ (von Bruder Ernst Anschütz, Loge ‚Apollo’ in Leipzig) als auch die ‚Internationale’ (Bruder Eugéne Pottier, Loge ‚Le Libre Examen’) hervorgegangen sind. Zu Recht also haben der führende Freimaurerforscher Helmut Reinalter von der Innsbrucker Universität und der Verleger Markus Hatzer vom angesehenen Studienverlag das Ganze in eine hochnoble Reihe aufgenommen, und da sind wir jetzt.“

„’Als ich König war und Maurer’ ist nicht nur die erste Zeile des Gedichts ‚The Palace’ von Rudyard Kipling, sondern auch der Titel meiner Anthologie: 124 Freimaurertexte, überwiegend Lyrik, von 90 Autoren aus vier Jahrhunderten, beginnend mit dem 1688 geborenen Alexander Pope, endend mit dem österreichischen Poeten Stephan Eibel-Erzberg, geboren 1953 in Eisenerz. Wobei lebende Personen wegen der Geheimhaltung nur in geringster Zahl aufgenommen werden konnten; 124 Texte also von 90 Autoren aus vier Jahrhunderten, vier Kontinenten – nur in Australien konnte ich keinen abdruckfähigen Freimaurerdichter finden – und 21 Ländern.“

„Gehen wir also in medias res. Der Freimaurerbund ist im schönen Wortsinn ein Kunst-Produkt. Seine Gründer waren Architekten und Steinbildhauer aus dem englischen und französischen Mittelalter; der Gesang begleitete früh seine Rituale; und seine Stiftermythen beruhen auf großer Literatur. ... Tausende literarische Amateure dichteten für den Logengebrauch. Schon aus dem 18. Jahrhundert sind 15.000 Logenlieder überliefert. Aber die Resultate, meist pädagogisch-moralische Appelle oder Trinklieder für das Brudermahl nach der Tempelarbeit, gelangten nur in Glücksfällen über den Status der Gebrauchsliteratur hinaus. Umso spannender ist das Aufspüren freimaurerischer Konnotationen in profanen (also nicht-freimaurerischen) Texten.“

„Literaturgeschichtlich bedeutsame Texte zum unmittelbaren Gebrauch in der Loge schrieben unter den Größten nur Goethe, Herder, Matthias Claudius und, kurioserweise, der Nicht-Bruder Friedrich Schiller, der die Ode ‚An die Freude’ im freimaurerischen Auftrag schuf. Lessing, Autor der fundamentalen Abhandlungen ‚Ernst und Falk – Gespräche für Freimaurer und Erziehung des Menschengeschlechts’, war ein singulärer Fall. Wie auch Matthias Claudius gehörte er der Hamburger Loge ‚Zu den drei Rosen’ an. Doch während sich Claudius mit zumindest anfänglicher Begeisterung in der Bruderkette etablierte, betrat Lessing die Loge nach seiner Aufnahme nie wieder: Die ‚Drei Rosen’ arbeiteten nach einem streng christlichen System, Angehörige anderer Konfessionen wurden nicht akzeptiert. Der Weltbürger und Freigeist Lessing zog die Konsequenzen und schuf aus der Entfernung bedeutendste freimaurerische Literatur, die im anti-christlichen Kampfstück Nathan der Weise zur Vollendung gelangte.“

„Lessing ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall. Goethe erschrieb aus weitgehender Distanz den gesamten freimaurerischen Kosmos, von den alchimistischen Rosenkreuzern bis zu den radikalpolitischen Illuminaten. Ich habe von ihm sechs Gedichte in meiner Sammlung, das berühmteste ist die ‚Selige Sehnsucht’ aus dem ‚West-östlichen Divan’. Das speist sich eigentlich aus der islamischen Mystik, Spiritus rector ist der persische Dichter Hafis. Aber der Vorgang ist auch ein inbegrifflich freimaurerischer: Der Mensch in seiner Sehnsucht nach dem Licht der Vollkommenheit fliegt in die Kerzenflamme, sein früheres Ich erstirbt, um einem besseren, edleren Ich Platz zu machen.“

„Die Thematik des realen oder symbolischen Todes findet sich in sehr vielen Freimaurertexten. Insgesamt sind die Themen gut zu katalogisieren:

  • Der Große Baumeister aller Welten, das überkonfessionelle Gottessymbol, Gegenstand vieler Logengebete vor allem aus dem protestantischen Raum;
  • die Sonnen- und Mondsymbolik;
  • die freimaurerischen Grundtugenden Weisheit, Stärke und Schönheit (oft Große Lichter oder Säulen genannt), die in zahllosen Varianten auftauchen;
  • die nicht minder präsente Arbeit am rauen Stein als Synonym für die Selbstveredelung: Der Freimaurer versteht sich als unbehauener Stein, der im Bruderkreis lebenslang an sich arbeitet, an seiner Toleranz, seiner Wohltätigkeit, der Erkenntnis der eigenen Unvollkommenheit, um zum Baustein am Tempel der allgemeinen Menschenliebe werden zu können. Das zentrale Symbol ist, wie gesagt, der erste Salomonische Tempel, um den die freimaurerische Mythenschreibung vorrangig kreist,
  • der Weg der Initiation vom Dunkel ins Licht, den der Aufzunehmende geht, indem er mit verbundenen Augen durch den Tempel geführt wird, bis ihm durch das Abnehmen der Binde
  • der Meistergrad mit dem rituellen Todeserlebnis, dessen Ziel es ist, das Sterben in Würde zu lehren, indem der Tod als Vollendung im Licht des Ewigen Ostens kommuniziert wird;
  • die radikale Demokratie des Todes;
  • diverse Regalien aus der Loge, etwa Wasserwaage, Lot oder Winkel.

„Meine Damen und Herren, das Buch ist deshalb so spannend, weil es eine einheitliche Weltfreimaurerei nicht gibt. Sie hat sich früh gespalten: Im protestantischen Raum, von England ausgehend, war sie immer legitimistisch, aufklärerisch – reformatorisch, aber nicht revolutionär – und zur Achtung vor den Landesgesetzen und vor der Religion verpflichtet. Friedrich der Große war Freimaurer, fünf englische und 12 schwedische Könige, und 80 Prozent der Gründerväter der USA. Auch die Großloge von Österreich arbeitet englisch, also keine Sorge.“

„Im übrigen katholischen Raum hingegen, vor allem im romanischen Raum bis Latein- und Südamerika, da war die Freimaurerei immer eine Revolutions- und Freiheitsbewegung. Der italienische Revolutionär Garibaldi war Freimaurer, Marat und Desmoulins, zwei Häupter der Französischen Revolution, und die lateinamerikanischen Freiheitshelden Simon Bolivar und Benito Juarez. Folgerichtig waren sowohl der Dichter der Marseillaise als auch jener der ‚Internationale’ französische Freimaurer.“ „Kehren wir wieder in die Chronologie zurück. Während in Österreich die Freimaurerei von 1795 bis zum Ende der Monarchie im Jahr 1918 verboten war, gab es im deutschen Biedermeier sogar sehr prominente Freimaurer. Zum Beispiel der Märchendichter Ludwig Bechstein, der ein langes Instruktionsgedicht zum Thema ‚Schiboleth’ geschrieben hat. Nicht zu reden vom Nervenarzt Doktor Heinrich Hoffmann, Freimaurer in Frankfurt. ... Er bezieht seine Unsterblichkeit aus dem Kinderbuch ‚Der Struwwelpeter’, das aus heutiger unhistorischer Sicht einen ganz schlechten Ruf hat. In Wirklichkeit war er ein Philanthrop, Vorkämpfer einer menschenwürdigen Psychiatrie und Begründer der deutschen Kinderpsychatrie.“ „Meine Damen und Herren, sehr, sehr große Dichter waren Freimaurer: außer den Genannten etwa Oscar Wilde, Arthur Conan Doyle, Alexander Puschkin, Federico Garcia Lorca, Kurt Tucholsky, Gabriele D’Annunzio, John Steinbeck, Mark Twain, Karel Capek und Ivo Andric. Ein wahrer Gigant unter ihnen war der englische Nobelpreisträger des Jahres 1907, Rudyard Kipling, der neben Goethe und Matthias Claudius die bedeutendste Freimaurerlyrik geschrieben hat. Er ist in den indischen Kolonien als junger Mann Freimaurer geworden und war vom radikaldemokratischen Gang des Logenlebens inmitten des Kolonialsystems und des Kastenwesens begeistert. Ein Großteil seines Werks ist freimaurerisch konnotiert, aber als er dann nach England übersiedelt ist, wo die Freimaurerei ein Teil des Staatsgefüges war, hat er nie mehr eine Loge betreten. Sein Gedicht ‚The Mother Lodge’ – ‚Die Mutterloge’ ist eine einzige Sehnsuchtsbekundung.“

„Die Freimaurerei war immer ein Abbild des Lebens, im Guten wie im weniger oder gar nicht Guten. Deshalb hat das Buch einen Anhang mit nicht-maurerischer Lyrik von Freimaurern zur Weltpolitik. Hier krachen alle Gegensätze der Jahrhunderte aufeinander: Freimaurer schrieben die bedeutendsten linken Kampflieder; starben in lateinamerikanischen Freiheitskriegen wie der eminente kubanische Dichter Bruder José Martí; bekämpften die Sklaverei in Brasilien wie der Bruder Castro Alves; betrieben mit glühender Emphase die Befreiung Ungarns von den Habsburgern wie der große Lyriker Endre Ady; entwarfen pazifistische Manifeste wie der Anti-Imperialist Mark Twain; sie propagierten als islamistische Visionäre das Kalifat wie der türkische Nationaldichter Mehmet Emin Yurdakul; sie waren Verbreiter östlicher Weisheit wie der Libanese Mikhail Naimy; sie bereiteten in Rumänien den Holocaust vor wie der Lyriker und Kurzzeit-Staatspräsident Octavian Goga, der per Gesetz einem Drittel der jüdischen Bevölkerung die Bürgerrechte aberkennen ließ und zu dessen Begräbnis Hitler einen Kranz schickte; sie wurden von den Franco-Faschisten hingerichtet wie der Bruder Garcia Lorca; und sie hetzten im Ersten Weltkrieg unwürdig gegen den Feind wie der Österreicher Anton Wildgans. Aber die Kunst, das lehrt uns auch dieses Buch, ist stärker als Opportunismus und Bestialität.“


Ein Buch von Heinz Sichrovsky (Herausgeber), Studien-Verlag, Innsbruck 2016, 608 Seiten.

Heinz Sichrovsky: geboren 1954 in Wien, Kulturchef und Chefredakteur des Wochenmagazins ‚News’, Moderator der Literatursendung ‚erLesen’ im Fernsehprogramm ORF III.
Oskar Stocker: geboren 1956 in Lienz/Osttirol, Maler in Graz, international bekannt durch seine Portraitsereie ‚Facing Nations’, die 2010 im UN-Hauptquartier in New York ausgestellt wurde.

Siehe auch


Weitere Hörproben im Freimaurer-Wiki

Zeitgenössische Freimaurermusik

Historische Freimaurermusik


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