Rezension: John Dickie "Die Freimaurer"

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Rezensionen

Rezension "Die Freimaurer"

"Der mächtigste Geheimbund der Welt" von John Dickie


Wer lediglich die Klappentexte des Buches oder die Verlagsankündigungen liest, könnte - je nach Vorkenntnis oder Sichtweise - ein weiteres Pamphlet am Rande einer Flut ausufernder Konspirations-Unterstellungen erwarten. Allein die Reputation des Autors John Dickie sollte jedoch auch jene Aufmerksam werden lassen, die zur eigenen Bildung bereits alle seriösen Werke über Freimaurerei verschlungen haben.

Und so erscheint es fast legitim, sich in die Rolle eines Freimaurer-Gegners zu versetzen, der eigentlich destruktives Kanonenfutter für seine nächste Offensive gesucht hatte. Der würde durchaus fündig, wenn er nach den originären und noch nicht deformierten Ursprüngen seiner verzerrten und selektiv im Laufe der Jahrhunderte menetekelartig strapazierten Feindbilder suchte.

Die Promotion des S. Fischer-Verlages bedient also sehr geschickt gleich zwei Zielgruppen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Das signalisiert leider bereits der auf dem Cover vermerkte Untertitel "Der mächtigste Geheimbund der Welt". Man kann dann nur noch hoffen, dass der Freimaurer-Hasser das Buch nicht vorschnell zur Seite legt.

Wenn er ähnlich fasziniert wie der vorgebildete Freimaurer weiter liest, wird sich sein Denken im günstigsten Fall verändern. John Dickie versteht es vorzüglich, knöcherne und spinnwebverhangene Sachverhalte in ein kleidsames Gewand zu hüllen. Längst bekannte Fakten zur Freimaurer-Geschichte werden zu unterhaltsamen Anekdoten - ganz so, als erführe man sie erstmals in dieser Komplexität. Man könnte wie gewohnt darüber streiten, ob er zuviel preisgibt, aber diese Frage ist ohnehin der menetekelartig bemühte Stolperstein aller freimaurerischen Dispute über Publikationen und Öffentlichkeitsarbeit. Ich meine, er hat seine Grenzen klug taxiert.

Einer der roten Fäden durch dieses Buch ist der katholische Antimasonismus. John Dickie beschreibt in diesem Zusammenhang auch die praktische Verschmelzung von Antisemitismus und Freimaurerhass. Geradezu auffällig waren und sind die alttestamentarischen Themen im riesigen Arsenal freimaurerischer Symbole. Dieses war Despoten und Gegner immer schon Beweis genug dafür, dass die Freimaurer und die Juden im Bunde seien. Die antimasonische Verschwörungstheorie wurde so zur Blaupause für den modernen, in Deutschland besonders spürbaren Antisemitismus.

Dickie schildert auch bildhaft und empathisch, und das liegt mir besonders am Herzen, die Zerschlagung der deutschen Freimaurerei durch die Nazis. Er erwähnt die bewegende Abschiedsrede des Grossmeisters Bröse genau so bewegend, wie die Grundsteinlegung für das Capitol durch George Washington. Er stellt die wichtige Frage: "Bildet die Schließung der Grossloge in Hamburg wirklich alles ab, was wir über die Art und Weise wissen müssen, wie rechte Diktaturen die Freimaurerei zerschlagen haben?" Viele Fragen grundsätzlicher Art werden profund und einfühlsam auf 540 Seiten weitestgehend beantwortet. Ein ausführliches Glossar und wertvolle Quellenangaben ermöglichen eigene Recherchen.

Dickie spart nicht an Kritik und man spürt mehr als einmal, dass er selbst kein Freimaurer ist. Diese Kritik komprimiert er, indem er den Freimaurern rät, ihren eigenen Werten besser gerecht zu werden, wenn sie ihre Geschichte weniger geschönt darstellen würden. Auch interne, soziale Konflikte sollten sie offener behandeln: "Die Vergangenheit der Freimaurer ist ebenso schwarz-weiss, wie ein Logenboden." Damit trifft er beiläufig das Credo des Freimaurer-Wiki´s, in dem diese Rezension erscheint. Ein wichtiger Grund, weshalb mir dieses Buch so gut gefällt. Er schließt mit den Worten:

"Selbst diejenigen unter uns, die nicht im Traum daran denken würden, einer Loge beizutreten, können einiges lernen, wenn sie die Geschichte aus der Sicht der Freimaurer betrachten. Globalisierung und Internet zwingen uns, ein fundamentales menschliches Bedürfnis neu zu denken und neu zu definieren: Gemeinschaft. Dieser tage stünde es uns in unserem Streben nach Wohlstand vielleicht gut zu Gesicht, nachzusinnen über die tragikomische Geschichte einer Gemeinschaft, entstanden in einer anderen zeit, die einige unserer kostbarsten Ideale zu leben versuchte."


Jens Rusch am 21. Oktober 2020