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Freimaurerei in Deutschland: Ein Überblick im Kontext von Geschichte, internationalen Entwicklungen und freimaurerischen Konzeptionen: Unterschied zwischen den Versionen

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#REDIRECT[[Hans-Hermann Höhmann: Freimaurerei - Freimaurerei in Deutschland]]
== Freimaurerei in Deutschland: Ein Überblick im Kontext von Geschichte, internationalen Entwicklungen und freimaurerischen Konzeptionen ==
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»Sieh, Konstant, so steht es mit dem Orden, dessen Geheimnis Du ergründen willst; über
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den Verfolgung und Spott, Unwissenheit und Verrat nichts vermögen. So wie man zuweilen
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im Spaß gesagt hat: Das größte Geheimnis der Freimaurer ist, dass sie keins haben; so
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kann man mit Recht sagen: das offenbarste und dennoch geheimste Geheimnis der Freimaurer
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ist, dass sie sind und fortdauern. Denn – was ist es doch, was kann es doch sein,
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das alle Menschen von der verschiedensten Denkart, Lebensweise und Bildung zusammen
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verbindet und unter tausend Schwierigkeiten, in dieser Zeit der Erleuchtung und
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Erkaltung, beieinander erhält?«
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Johann Gottlieb Fichte: Philosophie der Maurerei. Briefe an Konstant
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== Vorbemerkung ==
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Freimaurerei ist ein weltweiter Freundschaftsbund, und gilt – so die Internetseiten vieler USamerikanischer
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Großlogen – als »the largest and oldest fraternity in the world«.1 Freimaurerei
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stellt aber auch eine spezifische symbolisch-rituelle Lehr- und Erfahrungsmethode dar,
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die von Anfang an auf Einübung einer ethisch fundierten Art und Weise der Lebensführung
+
angelegt war: »A Mason is oblig’d, by his Tenure, to obey the moral Law« hieß es bereits in
+
den »Andersons Konstitutionen« von 1723, und eine spätere, viel zitierte Definition, ebenfalls
+
aus der englischen Freimaurerei, nahm diesen Gedanken auf: »Freemasonry is a peculiar
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system of morality, veiled in allegory, and illustrated by symbols«. Freimaurerei versucht
+
dabei, die gesellige, die intellektuelle und die emotionale Seite des Menschen gleichermaßen
+
anzusprechen. Verstand und Gefühl werden nicht getrennt, und insbesondere die in den Logen
+
geübte Ritualpraxis soll dazu beitragen, Einsichten in Lebenswirklichkeiten gleichzeitig
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denkend und fühlend zu gewinnen.
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Freimaurerei stellt allerdings keine Einheit dar. Von Beginn an gab es unterschiedliche
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Erscheinungsformen des Freimaurerbundes, die sich – mit der Entwicklung von Hochgradsystemen
+
– vor allem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts weiter ausdifferenziert
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haben. Viele damit verbundene Forschungsfragen sind bisher unbeantwortet, doch
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hat besonders seit den 1950er Jahren eine intensive multidisziplinäre wissenschaftliche
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Beschäftigung mit der Freimaurerei eingesetzt, an der in zunehmendem Maße auch Wissenschaftler
+
an Universitäten und Forschungsinstituten teilnehmen, die selbst nicht dem
+
Freimaurerbund angehören. In Deutschland sind die wichtigsten dieser Forscherinnen und
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1 So z.B. Grand Lodge of Michigan, www.gl-mi.org.
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Forscher am »[[Netzwerk Freimaurerforschung]]« beteiligt, das im Jahre 2001 in Anlehnung
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an die Universität Bielefeld begründet wurde.
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Der folgende einleitende Beitrag des Bandes soll die historisch-analytische Basis für die
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folgenden Untersuchungen und Überlegungen schaffen. Er verbindet zentrale Gesichtspunkte
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der freimaurerischen Geschichte und Ritualistik mit analytischen Gesichtspunkten
+
und Hypothesen zum Verständnis der sozialen Struktur des Freimaurerbundes und einem
+
Aufriss von Selbstverständnis, Problemen und Entwicklungstendenzen der deutschen Freimaurerei
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am Beginn des 21. Jahrhunderts.
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== Zentrale Aspekte der Geschichte des Freimaurerbundes ==
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Der folgende Abschnitt beansprucht nicht, die Geschichte des Freimaurerbundes zusammenfassend
+
oder gar detailliert zu beschreiben. Er ist vielmehr auf ein Aufzeigen und Erörtern
+
von Aspekten angelegt, die mir für die Beurteilung von Entstehung und Entwicklung
+
der Freimaurerei wichtig erscheinen. Der Freimaurerbund ist ein Produkt der Moderne. Entwicklungsanstöße
+
und Strukturmaterial aus der älteren Geschichte aufnehmend, entstand
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er als soziale Gruppierung von Gewicht zu Beginn des 18. Jahrhunderts in England und
+
blickt inzwischen auf eine Entwicklung von fast 300 Jahren zurück. Die Vorgeschichte des
+
Bundes reicht weiter zurück und beginnt mit den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen
+
Steinmetzbruderschaften und deren Bauhütten, aus denen (und unter Bezug auf die) sich
+
nach 1717, dem Jahr der ersten Großlogengründung, fast explosionsartig die modernen Freimaurerlogen
+
entwickelten. Die Einzelheiten dieser »großen Transformation« von den Bauhütten
+
der Steinmetze zu den Logen der »Gentlemen Masons« liegen immer noch im Dunkel
+
der Geschichte und sind Gegenstand wissenschaftlicher Hypothesen sowie vielfältiger
+
Spekulationen. Insbesondere ist noch nicht hinreichend geklärt, ob und inwieweit es sich
+
bei dem, was später als »Esoterik der Freimaurerei« bezeichnet werden sollte, um das Ergebnis
+
eines allmählichen, durch die Bauhütten des Mittelalters und der frühen Neuzeit vermittelten
+
Einfließens alter Denkformen und Symbole in die Freimaurerei hinein handelt oder
+
ob das zunehmende Gewicht der Esoterik in der Maurerei der zweiten Hälfte des 18. und
+
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Resultat eines großen Prozesses des Einsammelns hermetischer,
+
symbolischer und gedanklicher Elemente aus der Kultur- und Religionsgeschichte
+
des Abendlandes gewesen ist und insofern mehr mit Rückprojektionen als mit Kontinuitäten
+
zu tun hat.
+
Die wissenschaftliche Aufarbeitung der freimaurerischen Vergangenheit wird nicht nur
+
durch die oft spärliche Quellenlage erschwert, vor allem, was die Praxis der frühen Freimaurerei
+
betrifft. Hinzu kommt, dass quellengestützte Forschungsergebnisse nicht selten durch
+
Entstehungslegenden überlagert werden, die aus der Freimaurerei selbst stammen. John
+
2 Das Netzwerk Freimaurerforschung wurde im Rahmen des Forschungsprojekts »Deutsche Freimaurerei
+
der Gegenwart – Zur Wechselwirkung von (post)moderner Geselligkeit und bürgerlicher Gesellschaft«
+
an der Universität Bielefeld eingerichtet und von folgenden Forscherinnen und Forschern initiiert: Prof.
+
Dr. Jörg Bergmann (Bielefeld), Prof. Dr. Klaus Hammacher (Aachen), Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann
+
(Köln), Dr. Stefan-Ludwig Hoffmann (Bochum), Dr. Florian Maurice (München), Prof. Dr. Monika
+
Neugebauer-Wölk (Halle-Wittenberg), Prof. Dr. Linda Simonis (Köln) und Prof. Dr. Jan Snoek
+
(Heidelberg). Homepage: http://www.freimaurerforschung.de/.
+
 
+
14
+
Hamill unterscheidet in seiner Geschichte der englischen Freimaurerei3 »authentische«
+
(wissenschaftliche) Schulen, die sich auf die Analyse überprüfbarer Fakten stützen, von
+
»nicht-authentischen« Schulen. Letztere setzen die Freimaurerei unzulässigerweise durch
+
Rückschlüsse aus dem, was später – insbesondere in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
+
– zur Freimaurerei, vor allem zur Freimaurerei von Hochgradsystemen, geworden ist,
+
in eine direkte Beziehung zu Religionen, Mysterien, Kulten und hermetisch-esoterischen
+
Traditionen vergangener Jahrhunderte. Generell sind die Freimaurer immer in der Versuchung
+
gewesen, die Wurzeln der von ihnen in der jeweiligen freimaurerischen Gegenwart
+
gewollten Form der Freimaurerei in der Vergangenheit zu entdecken, um sie hierdurch zu
+
legitimieren.
+
 
+
Fest steht jedoch, dass die Symbole und Rituale der Freimaurer, die bis auf den heutigen
+
Tag in den Logen zur Anwendung kommen, in erster Linie den Formen- und Ideenwelten
+
der europäischen Bautradition, ihren organisatorischen Zusammenschlüssen, ihren Legenden
+
(Salomonischer Tempelbau, Baumeister Hiram, Märtyrerlegende der »Quatuor Coronati
+
«) sowie den Verfahren der Mitglieder der Bauhütten, sich gegenseitig als Maurer zu
+
erkennen, entstammen und damit insgesamt der Vorgeschichte der Freimaurerei angehören.
+
Dabei sind neben den englischen vor allem die schottischen Traditionen von besonderer
+
Bedeutung gewesen. David Stevenson hat in seiner grundlegenden Studie zu den Ursprüngen
+
der Freimaurerei darauf hingewiesen, dass wesentliche Elemente des Bundes – die
+
vor der Öffentlichkeit verborgenen Rituale, die geheimen Modalitäten der gegenseitigen
+
Erkennung als Maurer, die feierlichen Initiationen neuer Mitglieder sowie die Aufnahme
+
von Nichtmaurern in die Logen – neben praktischen Regeln für die Ausübung des Gewerbes
+
und sozialen Einrichtungen – bereits Mitte des 17. Jahrhunderts für die schottischen
+
Logen nachweisbar sind.4 Stevenson hat weiter deutlich gemacht, dass innerhalb der Rituale
+
neben der Bausymbolik auch esoterische Vorstellungen an Bedeutung gewannen, die
+
auf hermetische Traditionen der Renaissance zurückzuführen sind. Nicht zuletzt deshalb
+
stieß die Freimaurerei schon in ihrer Formierungsphase auf Widerstand von Vertretern
+
und Institutionen der etablierten christlichen Kirchen. Es ist allerdings wohl anzunehmen,
+
dass die frühe Hermetik in den Logen der schottischen Freimaurer nicht direkt zu den
+
mit allerlei zusätzlicher Symbolik rituell aufgefüllten Hochgradsystemen führte, die in der
+
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts populär wurden.5 Einmal war die Hermetik in den
+
frühen schottischen Logen Bestandteil einer organisatorisch einfachen, noch nicht einmal
+
dreigradigen Freimaurerei gewesen, zum anderen hatte sie sich über längere historische
+
Perioden hinweg entwickelt und war insofern überlieferungsverbunden und nicht bewusst
+
angeeignet. Deshalb kann sie auch als wesentlich authentischer gelten als die nicht selten
+
gesuchte und willkürlich anmutende Esoterik in den Symbol- und Ritualkreationen der
+
Hochgradsysteme des späten 18. Jahrhunderts. Hermetik und Alchemie, Wahrheitssuche
+
3 Hamill, John: The Craft. A History of English Freemasonry, Great Britain Crucible 1986, S. 15–25. Great
+
Britain Crucible 1986.
+
4 Stevenson, David: The Origins of Freemasonry, Cambridge 1998.
+
5 »In der Freimaurergesellschaft scheint Hermes Trismegistos in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
+
noch keine bedeutende Rolle zu spielen. Salomons Tempel oder die Tempelritter sind die wichtigsten
+
historischen Bezüge. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ändert sich das grundsätzlich.« Ebeling,
+
Florian: Das Geheimnis des Hermes Trismegistos. Geschichte des Hermetismus. Mit einem Vorwort
+
von Jan Assmann, München 2005, S. 161.
+
15
+
in religiösem Eklektizismus, Hoffnung auf einen »Consensus der Religionen«, all das hatte
+
ja für die Intellektuellen der Spätaufklärung eine beträchtliche Faszinationskraft, nicht als
+
feste dogmatische Lehre, sondern als »Sammelbecken unterschiedlicher nichtorthodoxer
+
Bild- und Gedankenfiguren«,6 die an die Stelle eines orthodoxen Christentums treten konnten.
+
 
+
In diesem Kontext schreibt etwa Goethe im achten Buch seiner Erinnerungsschrift
+
»Dichtung und Wahrheit«:
+
 
+
»Ich studierte fleißig die verschiedenen Meinungen, und da ich oft genug hatte sagen
+
hören, jeder Mensch habe am Ende doch seine eigene Religion, so kam mir nichts
+
natürlicher vor, als dass ich mir auch meine eigene bilden könne, und dieses that ich
+
mit vieler Behaglichkeit. Der neue Platonismus lag zum Grunde; das Hermetische,
+
Mystische, Kabbalistische gab auch seinen Beitrag her, und so erbaute ich mir eine
+
Welt, die seltsam genug aussah.«7
+
Es kann wohl auch davon ausgegangen werden, dass es den Übergang von der »operativen«
+
(bauhandwerklichen) zur »spekulativen« (symbolisch-philosophischen) Freimaurerei in der
+
bisher angenommenen Form als einer, vor allem auf das 17. Jahrhundert datierten zeitlichen
+
Abfolge nicht gegeben hat. Die Bauhütten waren bereits lange vor dem Entstehen der Freimaurerei
+
als moderner Sozialform »spekulativ«, und gerade dies hat die berufsfremden Außenstehenden,
+
die in zunehmender Zahl als »Angenommene Maurer« (»accepted masons«)
+
hinzukamen, stark angezogen. Ernst Bloch etwa hat auf die Bedeutung der über Rohstoffe,
+
Technik und Zwecke der Bauten, insbesondere auch der sakralen Bauten, hinausgehenden
+
Bauideen und Bausymbole, das in den Bauhütten lebendige »Kunstwollen«, im Architekturkapitel
+
(»Bauten, die eine bessere Welt abbilden, architektonische Utopien«) seines monumentalen
+
Werkes »Das Prinzip Hoffnung« hingewiesen:
+
»Damals war ein anderes Kunstwollen am Werk als das der sogenannten Zweckkunst,
+
und weil es ein Kunst-Wollen war, zeigte es außer Rohstoff, Technik, Zweck die wichtigste
+
Bestimmung: die der Phantasie. Es war hier diejenige der kanonischen Bauvollkommenheit,
+
im Hinblick auf ein geglaubtes symbolisches Vorbild. Dieses Vorbild
+
leitete gerade die Ausführung des Werks, nicht nur, wie der Archetyp, seinen Traum
+
und Plan ante rem, es gab den Meisterregeln selber die Regel. Daher war das jeweilige
+
große architektonische Kunstwollen das gleiche wie die jeweilige Symbolintention,
+
die in der Ideologie des alten Bauhandwerks traditionell wirksam war. Diese Intention
+
aber suchte mit Dreieck und Zirkel ›den Maßen eines als vorbildlich imaginierten
+
Daseins-Baus überhaupt abbildlich näherzukommen‹« (Hervorhebung von
+
E. Bloch).8
+
 
+
6 Hermetik, Eklektik, Consensus, www.jgoethe.uni-muenchen.de/…/hermetik.html, download 17.03.2011.
+
7 Goethe, Johann Wolfgang: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, Zweiter Teil, Achtes Buch, in:
+
Heinemann, Karl: Goethes Werke, Zwölfter Band, Leipzig und Wien o.J., S. 387.
+
8 Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung, Zweiter Band, Frankfurt am Main 1982, S. 837. Blochs Verhältnis
+
zur Freimaurerei ist ambivalent: »Wie bekannt, gebraucht die Maurerei sowohl die Abzeichen des Baugewerks
+
wie vor allem: sie phantasiert ihre Geschichte durch die gesamte Baugeschichte hindurch. Es
+
ist höchst unwahrscheinlich, daß diese bürgerlich-edelmännische Verbrüderung selber … aus der Werkmaurerei
+
hervorgegangen ist. Aber es ist noch unwahrscheinlicher, daß sie die grundlegende architektonische
+
Gleichnis-Spielerei, die sie gebraucht, rein aus sich heraus erfunden hat.« Ebenda, S. 838f.
+
16
+
Die Tatsache, dass bereits im 17. Jahrhundert Logen im späteren Sinne existierten, deutet
+
darauf hin, dass der Bund aus historischen Kontinuitäten hervorgegangen ist, und dass es
+
insofern nur bedingt zutreffend ist, den meist genannten Stichtag für den Übergang von
+
der Vorgeschichte zur Geschichte der Freimaurerei, den 24. Juni 1717, als sich vier Londoner
+
Logen zur ersten Großloge der Welt zusammenschlossen, als Gründungsdatum der modernen
+
Freimaurerei herauszustellen, ganz abgesehen davon, dass kaum belastbare Quellen für
+
Datum und Ereignis vorhanden sind.9 Dennoch war die Londoner Gründung von großer, ja
+
ausschlaggebender Bedeutung für die weitere Entwicklung der Freimaurerei. Denn mit der
+
Großloge von London und Westminster begann die logenübergreifende Institutionalisierung
+
und inhaltliche Ausrichtung der Freimaurerei, die die organisatorischen und konzeptionellen
+
Grundlagen für die nun einsetzende dynamische Entwicklung der Freimaurerei in
+
England und sehr bald auch über England hinaus geschaffen hat. Die Londoner Großloge
+
gab sich 1723 ihre erste Verfassung, die nach ihrem Verfasser, dem aus Schottland stammenden
+
presbyterianischen Geistlichen James Anderson, die »Andersonschen Konstitutionen
+
« genannt werden, konzeptionell aber sehr wesentlich auf den eigentlichen Vater der
+
modernen Freimaurerei, John Theophilius Desaguliers (1683–1744) zurückgehen.10 Desaguliers
+
wurde 1719 zum dritten Großmeister der Londoner Vereinigung gewählt. Er war französischer
+
Emigrant und protestantischer Geistlicher, gehörte zum Freundeskreis von Isaac
+
Newton, war als Naturphilosoph Mitglied der Londoner »Royal Society« und führte dem
+
Freimaurerbund mit dem Herzog John von Montague den ersten bedeutenden Vertreter des
+
englischen Hochadels zu, der dann selbst 1721 Großmeister wurde.
+
 
+
 
+
In Deutschland sind die »Andersonschen Konstitutionen« als die »Alten Pflichten«
+
bekannt und richtungweisend geworden.11 Programmatisch ist vor allem die erste dieser
+
Pflichten mit der Überschrift: »Von Gott und der Religion«:
+
»Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, dem Sittengesetz zu gehorchen; und wenn
+
er die Kunst recht versteht, wird er weder ein engstirniger Gottesleugner, noch ein
+
bindungsloser Freigeist sein. In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Land zwar
+
verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute
+
jedoch hält man es für ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle
+
Menschen übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu
+
belassen. Sie sollen also gute und redliche Männer sein, Männer von Ehre und Anstand,
+
ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugungen sie
+
sonst vertreten mögen. So wird die Freimaurerei zu einer Stätte der Einigung und
+
zu einem Mittel, wahre Freundschaft unter Menschen zu stiften, die einander sonst
+
ständig fremd geblieben wären.«
+
Die »Alten Pflichten« enthalten tatsächlich die bis in die Gegenwart gültigen Grundlagen
+
der Freimaurerei: Die moralische Verpflichtung des Maurers, den von ihm geforderten Ha-
+
9 Hinweise finden sich in der zweiten Ausgabe der »Konstitutionen« von 1738.
+
10 Vgl. hierzu und zum folgenden Voges, Michael: Aufklärung und Geheimnis. Untersuchungen zur Vermittlung
+
von Literatur- und Sozialgeschichte am Beispiel der Aneignung des Geheimbundmaterials im
+
Roman des späten 18. Jahrhunderts, Tübingen 1987, S. 24.
+
11 Eine Wiedergabe der »Alten Pflichten« findet sich in: Lennhoff, Eugen/Posner, Oskar/Binder, Dieter
+
A.: Internationales Freimaurer Lexikon, München 2000, S. 16–23.
+
17
+
bitus von Ehre und Anstand, den Verzicht auf trennende religiöse Festlegungen und die Praxis
+
der Toleranz als Grundlage von Einigkeit und Freundschaft.
+
Nach der Gründung der ersten Londoner Großloge im Jahre 1717, zu der 1751 eine
+
zweite, die »Grand Lodge of Ancients« hinzukam12, erfolgte eine stürmische Entwicklung
+
der Freimaurerei. In England, Schottland und Irland – als den Heimatländern der modernen
+
Freimaurerei – wuchs die Zahl der Logen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts auf über
+
1000 an.13 Schnell griff die Freimaurerei auf die überseeischen Gebiete Großbritanniens
+
über, insbesondere auf die amerikanischen Kolonien, die späteren Vereinigten Staaten. 1733
+
wurde von England aus die Provinzial-Großloge von Massachusetts in Boston eingesetzt.
+
Wenige Jahrzehnte später sollten Freimaurer in der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung
+
sowie der Verfassungsgeschichte der USA eine führende Rolle spielen.14
+
Auch auf dem europäischen Kontinent breitete sich die Freimaurerei rasch aus. Wie in
+
England fanden die Ideen, Organisationsformen und Symbole des Bundes eine große Resonanz.
+
Selbst der schon früh einsetzende Widerstand der katholischen Kirche konnte seine
+
Ausbreitung nicht verhindern, zumal die päpstlichen Verurteilungen nicht in allen Bistümern
+
veröffentlicht wurden und viele hochrangige katholische Geistliche dem Freimaurerbund
+
angehörten. Das erste Land außerhalb Großbritanniens, in dem die Freimaurerei
+
auf breiter Basis Fuß fasste, war Frankreich. Spuren von Logengründungen in Paris lassen
+
sich bis in das Jahr 1725 zurückverfolgen. Aufklärerische Diskursfreude, später aber auch
+
die Neigung zu phantasievollen Hochgradsystemen, waren kennzeichnend für die weitere
+
Entwicklung der französischen Freimaurerei. Bedeutsam war auch die Entwicklung der
+
Freimaurerei in den Niederlanden, wo nach 1731 zahlreiche Logen entstanden. In diesem
+
Jahr war im Haag Herzog Franz Stephan von Lothringen, später Ehegatte Maria Theresias
+
und als Franz I. römisch-deutscher Kaiser, von einer Deputation hochrangiger englischer
+
Freimaurer in den Freimaurerbund aufgenommen worden.
+
 
+
 
+
Die erste Loge in Deutschland entstand 1737 in Hamburg (Loge en Hambourg, seit
+
1743 »Absalom«, heute »Absalom zu den drei Nesseln«). Bald folgten Logengründungen in
+
Dresden, Berlin, Bayreuth und Leipzig. Der preußische Kronprinz Friedrich (der spätere
+
Friedrich der Große) wurde bereits 1738 in die Freimaurerei aufgenommen. Die quantitative
+
Dynamik der deutschen Freimaurerei war bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts
+
hinein beträchtlich. In Deutschland, im »alten Reich«, wurden in den ersten 50 Jahren der
+
Existenz
+
von Logen, d.h. von 1737 bis 1787, rd. 400 Logen gegründet, in denen ca. 25.000
+
Mitgliederaufnahmen stattfanden. Zu einer weiteren Gründungswelle kam es im (neuen)
+
Deutschen Reich nach 1871. So entstanden zwischen 1871 und 1925 weitere 300 Logen,
+
und die Zahl der Mitglieder aller deutschen Logen erreichte Mitte der 1920er Jahre ihren
+
Höchststand mit über 80.000. Dabei dominierten die »altpreußischen« Großlogen mit
+
annähernd 70 Prozent der deutschen Freimaurer. Zwar hatte der Zusammenbruch der
+
12 Die Großloge der »Ancients« beanspruchte die größere freimaurerische Legitimität für sich und nannte
+
die Gründung von 1717 abwertend Großloge der »Moderns«. Im Jahre 1813 schlossen sich beide Großlogen
+
zur »United Grandloge of England« zusammen, in der die Tradtion der »Ancients« dominierte.
+
13 Vgl. Clark, Peter: British Clubs and Societies 1580–1800. The Origins of an Associational World, New
+
York 2000, S. 309–349.
+
14 Vgl. Bullock, Steven C: Revolutionary Brotherhood – Freemasonry and the Transformation of the American
+
Social Order 1730–1840, Chapel 1996; Hodapp, Christopher: Solomon’s Builders: Freemasons,
+
Founding Fathers and the Secrets of Washington D.C., Berkeley CA 2007.
+
18
+
Hohenzollern-Monarchie kaum negativen Einfluss auf die Expansion der Großlogen – der
+
Zustrom zu den Logen war vielmehr nach 1918 besonders stark –, doch führte die Loyalität
+
mit den untergegangenen königlichen Protektoren bei einer generell vorwiegend nationalkonservativen
+
Einstellung der meisten deutschen Freimaurer zu einer oft feindlichen,
+
bestenfalls abwartend indifferenten Einstellung zur Weimarer Republik.15 Gleichzeitig war
+
das deutsche Großlogensystem stark zersplittert. 1933 – vor dem Untergang in der NS-Zeit
+
– bestanden in Deutschland elf Großlogen, von denen allerdings zwei – der Freimaurerbund
+
zur Aufgehenden Sonne und die Symbolische Großloge von Deutschland – von den
+
anderen nicht als regulär anerkannt wurden.16
+
Die soziale Zusammensetzung der deutschen Logen war durch den dominierenden
+
Anteil des »gehobenen Bürgertums« bestimmt (Beamte und – oft ehemalige – Offiziere;
+
Wissenschaftler, Lehrer, Künstler; Unternehmer, Banker, leitende Angestellte). Die religiöse
+
Struktur war vorwiegend protestantisch: Die Loge »Apollo« in Leipzig z.B. hatte im
+
Jahre 1906 89,2 Prozent evangelisch-lutherische, 3,2 Prozent katholische und 6,0 Prozent
+
jüdische Mitglieder.17 Die jüdischen Mitglieder in »humanitären« Großlogen beliefen sich
+
– so ermittelte und schrieb der »Verein deutscher Freimaurer« in einer Erwiderungsschrift18
+
auf Ludendorffs Antifreimaurerpamphlet »Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung
+
ihrer Geheimnisse« – Ende der zwanziger Jahre auf ca. 3000. Bei 24.000 Mitgliedern der
+
»humanitären« Großlogen in Deutschland würde dies einen beträchtlichen jüdischen Anteil
+
bedeuten und unterstreichen, wie sehr sich deutsche Juden vor der Nazi-Katastrophe
+
als deutsche Bürger fühlten und an Assoziationen des deutschen Bürgertums Anteil hatten.
+
Freimaurerei als gesellschaftliches Erfolgsmodell – warum?
+
Die für die dynamische Entwicklung der modernen Freimaurerei in den ersten Jahrzehnten
+
nach ihrer Begründung bestimmenden Faktoren lassen sich mit den Stichworten »historische
+
Erinnerung« und »gesellschaftlicher Wandel« umschreiben. »Historische Erinnerung«
+
bedeutet vor allem Erinnerung an die europäischen Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts,
+
die zu einem hohen Toleranzbedarf und zur Sehnsucht nach gesellschaftlichen Brückenschlägen
+
zwischen den religiös zerstrittenen Parteien geführt hatten. »Gesellschaftlicher
+
Wandel« meint zunächst den vieldimensionalen Prozess der Säkularisierung, Individualisierung
+
und Autonomisierung, der im 18. Jahrhundert mit Macht einsetzte. Dieser Wandel von
+
Sinnstrukturen und Weltdeutungen ging mit tiefgreifenden Veränderungen der sozialen und
+
ökonomischen Verhältnisse einher. Die zunehmende standesmäßige und berufliche Differenzierung
+
der Gesellschaft, die sozio-politischen Funktionsverlagerungen auch beim Adel,
+
das allmähliche Entstehen von Bürgertum und modernen kapitalistischen Wirtschaftsformen,
+
das erhöhte Bildungsangebot, die Urbanisierung und die – unter dem Vorzeichen
+
15 Vgl. Höhmann, Hans-Hermann: Europas verlorener Friede, die national-völkische Orientierung innerhalb
+
der deutschen Freimaurerei und die »freimaurerische Erinnerungspolitik« nach dem Zweiten Weltkrieg,
+
in diesem Band, S. 51–87.
+
16 Vgl. Steffens, Manfred: Freimaurerei in Deutschland. Bilanz eines Vierteljahrtausends, Flensburg 1964.
+
17 Hoffmann, Stefan-Ludwig: Die Politik der Geselligkeit, a.a.O., S. 368.
+
18 Die Vernichtung der Unwahrheiten über die Freimaurerei durch 116 Antworten auf 116 Fragen, herausgegeben
+
vom Verein deutscher Freimaurer, Leipzig 1928, S. 33.
+
 
+
19
+
des europäischen Kolonialismus – sich auch international, ja interkontinental verstärkende
+
räumliche Mobilität: all das führte dazu, dass Menschen aus ihren traditionellen Bindungen
+
und sozialen Verankerungen gelöst wurden und auch in der Wahrnehmung ihres eigenen
+
Selbst über Generationen hinweg praktizierte Deutungsmuster ablegen mussten.19 Diese Veränderungen
+
führten nicht nur zu Verunsicherungen, ja Krisen. Sie ließen auch eine ausgeprägte
+
Neigung entstehen, neue Einstellungs-, Bindungs- und Verhaltensoptionen aufzuspüren
+
und zu nutzen. Es entwickelte sich eine Nachfrage nach neuen Formen von gesellschaftlichen
+
Vernetzungen – modern ausgedrückt nach neuen Formen von »sozialem Kapital«
+
– und so wurde das 18. Jahrhundert zur Epoche der Assoziationsbildung und Geselligkeit.
+
Die Freimaurerei erwies sich offensichtlich als eine besonders attraktive Form neuer gesellschaftlicher
+
Einbindung. Dies resultierte ebenso aus der breiten Nutzbarkeit des Bundes
+
für die Befriedigung vieler sozialer, weltanschaulicher, religiöser und politischer Bedürfnisse
+
wie aus der Möglichkeit, die Logen und Logensysteme durch Veränderungen weiterzuentwickeln
+
und an konkrete Bedürfnisse anzupassen. Es waren vor allem vier Funktionen, oder
+
besser: Funktionsgruppen, welche die Freimaurerei rasch zu einer gesamteuropäischen sozialen
+
und kulturellen Bewegung werden ließen:
+
• die soziale Funktion, Menschen über Standesgrenzen hinweg als »bloße Menschen« (Lessing),
+
als Mitmenschen, als Menschenbrüder zusammenzuführen und ihnen neue gesellschaftliche
+
Netzwerke, neue Geltungs- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten sowie
+
neue Formen von Geselligkeit und Unterhaltung anzubieten;
+
• die ideell-geistesgeschichtliche Funktion, Menschen dazu aufzufordern, sich der eigenen
+
Vernunft zu bedienen, sich am autonomen Gewissen zu orientieren und im Sinne eines
+
»nichts geht über das laut denken mit einem Freunde« (Lessing) nach dem jeweiligen freimaurerischen
+
Grundverständnis den Diskurs über die Ideen der Aufklärung und andere,
+
vor allem das Ritual und die als »Hieroglyphen« verstandenen Symbole20 betreffende
+
Themen zu führen;
+
• die religiöse Funktion, Menschen durch ein neues, aber auf alten Wurzeln beruhendes,
+
zunehmend esoterisch ausgerichtetes Symbolsystem eine optimistisch-positive Einstellung
+
zu sich selbst, zum Kosmos und zur Transzendenz zu vermitteln und die im 18.
+
Jahrhundert weit verbreitete Unzufriedenheit mit dem etablierten Kirchentum zu kompensieren,
+
und
+
• die politische Funktion, Menschen in den Logen der absolutistisch verfassten Gesellschaft
+
einen unabhängigen »Moralischen Innenraum« (Reinhart Koselleck) zu bieten, in dem
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das »Geheimnis der Freiheit« als »Freiheit im Geheimen« erlebt werden konnte, in dem
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es später aber auch – etwa im Falle der »Strikten Observanz« und der mit der Freimaurerei
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verbundenen Illuminaten – zu politischen Instrumentalisierungen der Freimaurerei
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kommen konnte.
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Es kann nicht überraschen, dass dieses ja durchaus nicht homogene Bündel von Motiven
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bald zu mannigfaltigen Veränderungen und Verzweigungen der Freimaurerei geführt hat.
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Adolph Freiherr Knigge, Zeitzeuge und Mitgestalter als Freimaurer, Illuminat und kritischer
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19 Vgl. van der Loo, Hans/van Reijen, Willem: Modernisierung. Projekt und Paradox, München 1992, S. 62f.
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20 Vgl. Maurice, Florian: Freimaurerei um 1800. Ignaz Aurelius Feßler und die Reform der Großloge Royal
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York in Berlin, Tübingen 1997, S. 31f.
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20
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Geist, beschrieb die masonische Landschaft im kontinentalen Europa der zweiten Hälfte des
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18. Jahrhunderts folgendermaßen:
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»Man weiß, dass es Freymaurer-Systeme gibt, deren ganze Verfassung auf politische
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Pläne und Einwirkung in die Staaten beruht; man weiß, dass es andere gibt, die dergleichen
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Operationen als schädlich und unerlaubt verbannen.
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Man weiß, dass es Systeme gibt, welche die Einführung einer natürlichen allgemeinen
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Religion zum Endzweck haben, und selbst die Lehre Jesu nach dieser Art erklären;
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man weiß, dass es andere gibt, welche die Aufrechterhaltung der geoffenbarten
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christlichen Religion zum Grundpfeiler machen.
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Man weiß, dass es Systeme gibt, welche speculative Wissenschaften zum Gegenstand
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des Ordens machen; man weiß, dass andere die Grenzen der Maurerey auf mögliche
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Tätigkeit zum Guten einschränken.
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Man weiß, dass jene besondere Überlieferungen in der Hieroglyphen-Sprache (zu
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entdecken glauben), wo diese nur nach conventionellen Zeichen zu Beförderung
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grösserer Vereinigung suchen, folglich jene in den Geheimnissen die Hauptsache,
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diese
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(in ihnen) nur (einen) Mittelzweck finden.
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Man weiß, dass einige Systeme, alles was gut und edel ist, als einen Gegenstand des
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Ordens ansehen; andere hingegen nur einen einzigen, bestimmten, speciellen Zwecke
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nachzustreben (für) rathsam halten; dass einige die möglichste Ausbreitung suchen;
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andere sich auf eine kleine bestimmte Zahl einschränken.
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Jedes dieser Systeme muss natürlicherweise in der Art, ihre Zöglinge zu bilden, in ihren
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Aufnahmen, in der Wahl der Mitglieder, in ihren Reden, Handlungen und in den
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Mitteln, welche sie wählen, einen Weg einschlagen, der oft dem schnurgerade entgegen
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ist, worauf andre wandeln.
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Wie werden sie je in einem Punkt zusammentreffen?«21
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Auf dem Hintergrund dieser Entwicklung muss auch die gern betonte Beziehung der Freimaurerei
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zur Aufklärung problematisiert werden. Freimaurerlogen konnten durchaus im
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Sinne der Aufklärung Modelle bürgerlicher Gesellschaft sein, in denen sich bürgerliche
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Moral diskursiv erarbeiten und im Miteinander der Brüder praktisch verwirklichen ließ.
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Geheimnis und Geheimhaltung dienten dabei als Schutz, weil die politischen Verhältnisse
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ein öffentliches Verfolgen derartiger Absichten noch nicht zuließen.22 Dies bedeutet jedoch
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nicht, dass die Mitglieder der Logen, die Logen selbst oder gar die sich im Verlauf des 18.
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Jahrhunderts herausbildenden freimaurerischen Systeme durchweg und generell »Beförderer
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der Aufklärung«23 waren. Aufklärung war eine Möglichkeit unter vielen. Aufklärer »konnten
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die Freimaurerlogen als Möglichkeit des lokalen Zusammenkommens nutzen«, doch
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21 Versuch über die Freymaurerey, oder Von dem wesentlichen Grundzwecke des Freymaurer-Ordens; von
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der Möglichkeit einer Vereinigung seiner verschiedenen Systeme und Zweige; von derjenigen Verfassung,
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welche diesen vereinigten Systemen die zuträglicheste seyn würde; und von den Maurerischen gesetzen.
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Aus dem Französischen des Br. B. *** übersetzt durch den Br A.R. v. S. 1785 (5785), S. VI—VIII.
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22 Vgl. hierzu und zum folgenden Vierhaus, Rudolf: Aufklärung und Freimaurerei in Deutschland, in:
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ders.: Deutschland im 18. Jahrhundert. Politische Verfassung, soziales Gefüge, geistige Bewegungen, Göttingen
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1987, S. 110–125, hier S. 118.
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23 Vgl. die Beiträge in: Balász, Éva, H./Hammermayer, Ludwig/Wagner, Hans/Wojtowicz, Jerzy: Beförderer
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der Aufklärung in Mittel- und Osteuropa. Freimaurer, Gesellschaften, Clubs, Berlin 1979.
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21
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umgekehrt waren »die Logen nicht auf die Aufklärung als Inhalt angewiesen«, und auch die
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Betrachter, die gern einen durchgehend engen Zusammenhang zwischen Freimaurerei und
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Aufklärung feststellen würden, müssen der Feststellung von Rudolf Vierhaus zustimmen,
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dass auch ganz andere als Aufklärungsgedanken in die Freimaurerei eingeströmt sind, selbst
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solche, die direkt anti-aufklärerischen Charakter hatten. Für Vierhaus wurde dieser Einstrom
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durch diejenige Tendenz der Freimaurerei begünstigt, »die neben dem Versinken in bloße
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Honoratiorengeselligkeit ihre größte Gefahr ausmacht: die Anfälligkeit für Esoterik, Pseudomystik
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und Geheimnistuerei als Ausdruck einer selbst beigelegten, nach außen nicht rechtfertigungsbedürftigen
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Bedeutsamkeit«.24
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Aktuelle Version vom 8. November 2012, 22:54 Uhr

  1. REDIRECTHans-Hermann Höhmann: Freimaurerei - Freimaurerei in Deutschland