Traktat: Die Rolle der Freimaurerei in Zeiten gesellschaftlicher Veränderung

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Die Rolle der Freimaurerei in Zeiten gesellschaftlicher Veränderung

Von Kai Stührenberg - Juli 2016

Dieses Traktat wurde auf Bitte der Redaktion anlässlich der 5.000sten veröffentlichten Seite im Freimaurer WIKI geschrieben.

Die Rolle der Freimaurerei in Zeiten gesellschaftlicher Veränderung Wir erleben zurzeit eine geschichtliche Phase die geprägt ist von Auflösung, Chaos und Veränderung. Auf der einen Seite verliert sich der Wertekanon der westlichen Welt unter dem Paradigma der Ökonomisierung und auf der anderen Seite orientieren sich Gläubige zunehmend an fundamentalistischen Gedankengut. Der Terror des IS kommt nach und nach auch in Deutschland an und wir lernen neu, mit der Angst vor Anschlägen umzugehen.

Die massenhafte Einwanderung im Herbst 2015 hat uns eine „Willkommenskultur„ erleben lassen, die manch einen stolz auf unser Land gemacht hat. Aber auch wenn wir uns gefreut haben, über diese Geste der Menschlichkeit, so haben viele gespürt, dass dies vielleicht nur von kurzer Dauer sein wird. Die erste Reaktion unserer Gesellschaft war vielleicht auf einen kollektiven Akt des Humanismus zurückzuführen. Vielleicht aber auch auf die damit verbunden Absolution für das kollektive schlechte Gewissen bzgl. der Taten des Deutschen Volkes in der Nazizeit und danach durch Kolonialisierung und wirtschaftliche Ausbeutung im Nahen Osten. Es scheint so zu sein, dass wir Deutschen nur so oder so können, schwarz oder weiß.

Jetzt, wo viele Menschen erleben, dass nach „Wir schaffen das“ nur wenige der eigentlich notwendigen Maßnahmen zur Integration ergriffen wurden, ein Großteil der Flüchtlinge offensichtlich in eine ungewisse und hoffnungslose Zukunft gehen wird und einzelne in ihrer Frustration sich dem vermeintlichen Heil des Islamismus hin geben, verändert sich das Gefühl des unbedingten Willkommens in unserem Land von Tag zu Tag, mit jeder neuen News.

Fragen werden gestellt: Entstehen Parallelgesellschaften? Wird es zunehmend eine Hinwendung zum Islamismus geben? Importieren wir Konflikte aus dem Nahen Osten nach Deutschland? Wird es eine stärkere Orientierung hin zu den Rechtspopulisten geben? Werden die Rechtspopulisten den politischen Alltag bestimmen? Wird sich die soziale und mentale Spaltung des Landes noch vergrößern? Ist mein Job gefährdet? Wie sieht die Zukunft meiner Kinder aus?

Diese Fragen können uns verunsichern, denn die Antworten sind nicht leicht zu finden. Wie schnell kann das dazu führen, dass wir uns in so einer Situation wenige Gedanken über die anderen machen sondern erst mal sehen, wo wir selbst und unsere Familien bleiben.

Alle diese Themen kann man eigentlich nur aushalten und vielleicht lösen, wenn man dies auf der Basis eines einheitlichen Wertekonsens tun kann und einer Vision von Hoffnung. Aber genau diesen Wertekonsens haben wir weitestgehend verloren und das bedeutet, dass wir den Menschen und insbesondere der Jugend kaum eine Alternative zu extremen Werten und Individualismus bieten können. In unserer Gesellschaft herrscht das Paradigma des Erfolgs. Diesem ordnet sich jeder andere Wert, wie Altruismus, Selbstaufopferung, Einsatz für andere, Gerechtigkeit und so weiter unter. Der Vorstand eines Unternehmens, oder der B-Promi taugen heute eher als Rollenmodell als der Mensch, der sich täglich für seine Mitmenschen im Ehrenamt einsetzt.

Als Bestandteil der Elite kann man damit leben aber wenn man rausfällt aus dem System, und das tun heute viele schon in der Kindheit, wird es oft schwer. Die Generation der Babyboomer hat viel dazu beigetragen, bestehende Werte zu negieren. Auch ich habe mich damals gegen Religion und Moral gewehrt, weil ich sie als von außen aufgestülpte und herrschaftsstützende Instrumente interpretiert habe. Bei dem Kampf gegen diese Rahmenbedingungen hat meine Generation ganze Arbeit gelassen, nur leider dabei vergessen, ein neues Wertesystem zu etablieren.

Vielleicht haben wir die Reife der Menschen überschätzt und gedacht, sie könnten ein eigenes Wertesytem schaffen. So wie Aleister Crowley es im Buch des Gesetzes formuliert hat: „Tu was Du willst soll sein das ganze Gesetz – Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen.“

Dieses Prinzip, das bei intensiver Meditation darüber viel Weisheit erkennen läßt funktioniert für den reifen und vernünftigen Menschen, der sein Tun mit den übergeordneten Moralgesetzen in Einklang gebracht hat. Das funktioniert aber nicht mit der breiten Masse. Denn so wie der Satz von Crowley fast immer als Aufruf zum Hedonismus missverstanden wurde, so sind nur wenige Menschen in der Lage aus sich heraus das richtige zu tun. Wir Freimaurer arbeiten daran aber auch uns gelingt es nicht immer.

Die „Geiz ist Geil Mentalität“ und die Casting Shows vermitteln der Jugend ein Bild, das alles erlaubt ist, solange man erfolgreich ist. Aspekte, des „etwas für andere tun“ kommen medial sozusagen gar nicht vor. Wenn wir antizipieren, dass diese Werte auch von vielen Eltern nicht mehr vermittelt werden können, dann haben wir es mit einer in weiten Teilen wertelosen Gesellschaft zu tun, die vielleicht ein Grund für viele der heute beobachteten Phänomene ist.

Wir Freimaurer besitzen den Schatz einer Ethik. Und diese Ethik ist einfach und für jeden verstehbar. Freiheit, Toleranz, Brüderlichkeit. Mit der christlichen Nächstenliebe können wir uns gut identifizieren.

So weit so gut aber reichen diese einfachen Begriffe heute noch aus, um der Masse der Bevölkerung als Richtschnur zu dienen?

In der französischen Revolution waren diese Schlagworte ausreichend, weil man sich gegen ein feudales Regime wenden konnte. In unserer Welt, die vordergründig so unendlich frei ist, wird das schwieriger zu vermitteln. Gegen wen soll sich ein Jugendlicher heute noch auflehnen? Welche Unfreiheit erlebt er direkt? Wer unterdrückt ihn eigentlich wirklich? Die soziale und wirtschaftliche Unfreiheit, die manch einer erleben muss, nimmt er wahr aber zu erkennen, wer für sie verantwortlich ist, das ist angesichts der großen Komplexität für die meisten unmöglich.

Aus diesem Grund wird oft nach Projektionsflächen gesucht und meistens trifft es dann die, die gar nichts dafür können. Die Folge ist Polarisierung und Extremismus, gespeist von einer inneren Frustration, Isolation und mangelnden Erklärungsmodellen, dem Gefühl, dass man nichts hat, an dem man sich orientieren kann.

Wir als Freimaurer haben all das. Wir haben Symbole, die Brüder, die Regeln und die Gewissheit, dass alles was wir erleben Teil eines großen Plans des allmächtigen Baumeisters aller Welten ist. Wir haben den Weg auf dem wir gehen, das Ziel vor Augen, irgendwann vielleicht die Kanten des ruane Steins bearbeitet zu haben, um an dem Tempel unseres Selbst, am Tempel der Bruderkette und auch am Tempel der Welt beizutragen. Wir haben eine Tradition, die mindestens einige hundert Jahre zurückreicht und die wahrscheinlich Verbindungen zu viel älteren Weisheiten besitzt.

Das alles kann uns helfen, als Individuum mit den Herausforderungen der Neuzeit umzugehen. Vielleicht können wir nicht alle Fragen beantworten aber wir können die Dinge als Lehrmaterial nehmen, um daran zu wachsen und uns besser zu erkennen.

Aber als Freimaurer interessieren wir uns nicht nur für uns selbst. Auch die Welt um uns herum ist uns lieb und teuer. Was uns in dieser Welt heute fehlt ist ein etabliertes und von der Mehrheit akzeptiertes Wertesystem, dass neben ein paar Schlagworten auch klare Regeln beinhaltet.

Regeln, auf die wir uns beziehen können, die uns helfen, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, zu beurteilen was gut und was böse ist. Regeln, die dabei helfen, uns und unser Tun in ein Verhältnis zur Gesellschaft zu stellen. Da wir der christlichen Religion wohl nicht zur Renaissance verhelfen können, müssen wir aber trotzdem der Bedeutung von Werten zu mehr Raum verhelfen. Sind wir als Freimaurer hier vielleicht gefragt, ein Beispiel zu sein? Wir stehen für eine ethisch orientierte bürgerliche Mitte, die sich ernsthaft mit Werten auseinandersetzt und die daran arbeitet, diese auch im täglichen Leben umzusetzen. Die Freimaurerei wirkt nicht nur exoterisch, wir arbeiten auch am rauen Stein und das tut jeder für sich als Individuum. Das ist Persönlichkeitsentwicklung und inneres Wachstum im Kreis der Brüder. Wir sind aber auch der weltlichen Ethik verpflichtet und versuchen gegenüber der profanen Welt, wohltätig und gerecht zu sein. Wir streben danach so zu wirken, dass wir im Einklang mit den Moralgesetzen stehen und einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten können. Wir sind keine besseren Menschen aber wir bemühen uns darum.

Warum kommunizieren wir diese Botschaft nicht? Einer sollte es vielleicht tun und warum nicht wir.

Vielleicht laufen wir Gefahr, uns als vermeintlich „bessere Menschen“ dem Vorwurf der Anmaßung auszusetzen aber könnten wir das nicht aushalten? Können wir nicht aktiv damit umgehen, indem wir dieser Kritik die freimaurerische Demut entgegensetzen. Wir können offen bekunden, dass wir alle nicht perfekt sind und Fehler machen. Wir können aber mit dem Brustton der Überzeugung sagen, dass wir nach dem Rechten streben und uns dabei die Symbole Winkelmaß und Zirkel helfen. Moral wird im Geschäftsleben oft mit Naivität gleichgesetzt. Corporate Social Responsibility Initiativen sind oft nur in PR Abteilungen ausgedacht aber ihnen fehlt die echte Orientierung, die nicht allein auf Gewinnmaximierung ausgelegt ist, sondern auf Werten wie Nachhaltigkeit und Verantwortung aufbaut.

Wir werden aus der Freimaurerei keine Massenbewegung machen aber wir können als Gruppe eine Orientierung bilden und wir können zeigen, dass freie Männer von gutem Ruf für Werte und für Ethik stehen. Wir können zeigen, dass es so etwas bei gestandenen Männern gibt und dass man damit ein normales Leben führen und beruflich erfolgreich sein kann.

Vielleicht würden wir aber auch den einen oder anderen damit verwirren oder vorführen und wir ernten Anfeindungen und neue Verschwörungstheorien. Das Ergebnis ist offen aber die Debatte darüber könnte sich lohnen. Wir erleben hier und da neue Impulse für ein neues Menschenbild. Neue Konzepte für unternehmerische Ethik und menschenorientierte Führung entstehen in Unternehmen und Organisationen.

Das ist eine gute Entwicklung und wir sollten solche Dinge als Freimaurer offen unterstützen. Wir kommen aus unterschiedlichen Schichten und jeder kann dort täglich wirken.

Es könnte vielleicht helfen, wenn wir uns zu diesen Themen hier und da öffentlich äußern. Nein wir nehmen nicht politisch Stellung aber wir können betonen, dass uns Werte etwas bedeuten, dass sie wichtig sind und dass es etwas Gutes ist, danach zu leben. Vielleicht gelingt es uns, diese Werte von dem Stigma des Gutmenschentums zu befreien und die Freimaurerei mit dieser Thematik in der Öffentlichkeit positiv aufzuladen.

Mit Sicherheit ist dies ein schmaler Grat mit vielen Fallstricken und vielleicht ist es gut, wenn die einzelnen Glieder der Bruderkette für sich wirken und als Individuum zum Beispiel werden. Vielleicht ist es aber auch für die profane Welt gewinnbringend ab und zu eine Stimme zu vernehmen, die nicht nur mahnt, sondern eine Vision zur Verfügung stellt, die den einen oder anderen Geist entzündet. Wer es probiert kann verlieren aber wer es nicht probiert hat schon verloren. Die Welt braucht Impulse und die sollten wir ihr geben.

Und wenn wir dabei gar nicht viel bewirken, sondern nur den einen oder anderen Bruder für unser Werk am Tempel gewinnen, ist auch schon etwas gewonnen.