Traktat: Ein Traum eines Freimaurers

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Ein Traum eines Freimaurers

Drei verschiedene deutsche Fassungen (frz. 1745)


Der neu-aufgesteckte Brennende Leuchter des Freymäurer-Ordens, 1746 115-116, 119-121

Die als zweiter Teil gebrachte Übersetzung als Gedicht bereits in: Die offenbarte Freymäurerey und das entdeckte Geheimniß Der Mopse. 1745, 176-185 (französisch: „Les Francs-Maçons. Songe“ und deutsch: Die Freymäurer. Ein Traum).

Eine ganz andere Übersetzung in: Der verrathene Orden der Freymäurer, Und das offenbarte Geheimniß der Mopsgesellschaft. 1745, im Anhang unter „Lieder der ehrwürdigen Brüderschaft der Freymäurer“, 6-12.


115-116

Ein Traum, aus dem Frantzösischen.

Erlauchter Freymaurer, dessen allzuverschwiegenes Hertz, der Freundschafft den Zoll eines Geheinmisses versaget: wisse, daß ich die Finsterniß des Geheimnisses durchbrochen habe: Höre die Erzehlung eines Traumes, der mir Licht giebet.

Ehe der Gott des Schlaffes noch meine Augen zudrückte, wurde ich von dem schimmernden Bilde derjenigen glückseligen Zeiten gerühret, welche von der Sclaverey, und dem eiteln Stoltz befreyet waren. Da bedaurete ich diejenigen Tage, wo der wahre weise, und über einen eiteln Glantz wenig eyffersichtige Mensch, durch die Tugend allein, die Hoheit entschiede.

Ich seuffzete noch, als ein angenehmer Traum, der dem Schlaffe in diesen dunckeln Minuten auf den Fuß folgete, auf meine Verzweifflung die Hoffnung geben ließ: diese glückselige Zeit wird wiederkommen. Meine Gesetze werden über Franckreich herrschen, das Gegenwärtige ist mir Bürge vor das Zukünfftige, und zwar vor eine glückliche Zukunfft. Diß war die Stimme der Natur. Folge mir, sagte die Göttin, so mir erschien, und dein Hertz bewundere den schnellen Fortgang meiner anfangenden Herrschafft. Deine Begierden zu vergnügen, will ich dir und deinen Augen ein von den Göttern zubereitetes bezauberndes Schauspiel entdecken. Thue deinen Blicken Einhalt, und dein Hertze betrachte meine getreuen in meinem Tempel versammleten Unterthanen. Daselbst lassen alle vereinigte Hertzen, ohne daß sie ihren Ergötzlichkeiten Zwang anthun, die Tugenden in dem Schoos der Vergnügen keimen. Sie ziehen meine Feste dem Tumult der Höfe vor.

Hier siehet man die allerhochmüthigsten Köpfe, ihre grosse Nahmen vor dem Fuß meiner Altäre niederlegen! Und ungeachtet des Stoltzes, welchen das Glück einbläset, stellen sich seine Lieblinge unter ein allgemeines Gesetze: Sie geben dem allergeringsten Sterblichen den Bruder Nahmen. Er erinnert die grossen des Gesetzes der Gleichheit, und tritt das Götzen-Bild der Ehre, das Opffer einer edlen und liebens-würdigen Freyheit, unter die Füsse, welche Könige und Götter ihre Rechte verehren lässet. Mein Reich hat die billige Unterthänigkeit geheiliget, welche die Macht der Götter sowohl als der Könige aufleget. Verwundere dich also nicht mehr über diese glückselige Einigkeit, welche die Vereinigung dieser schimmernden Übereinstimmung gebühret. Der durch meine Sorgfalt vereinigte Hauffen, den du siehest, hat zu seinen Gesetzen die Sitten des goldnen Weltalters erwählet. Ihre Zeichen sind nichts. Sie brauchen kein anderes Merckmahl, erkannt zu werden, als ihre Tugenden. Wenn irgend ein Geheimniß ist, so ist es vor den Augen des Pöbels, für welchen so viel Tugenden allezeit ein Geheimniß gewesen.

Da verschwand der Traum und der Schlaff. Erlaubet mir, daß ich euch wachned [!] bekannt zu machen suche, daß ihr keine Widerwärtigkeiten fürchten dürfft. Ihr dürfft euch nur zeigen, vortrefflichen Bürger, um Franckreich und die gantze Welt, unter eure Gesetze zu bringen.


119-121

Eine neuere Übersetzung

des vorhin schon beygebrachten Traums, welche wegen ihrer schönen Pöesie, und vortrefl. Ausdrucks lesens würdig ist.


Freymaurer, dessen Mund zu meinen Fragen still,
Der Freundschafft ihren Zoll durch schweigen rauben will:
Die Nacht ist nun verklährt, die dein Geheimniß deckte,
Ein Traum hat mir gezeigt, was mir dein Hertz versteckte.
Eh' der gewünschte Schlaff mein Auge zugedrückt,
War mein vergnügter Geist von jener Zeit entzückt,
Da noch kein Selbst-Betrug die Welt in Ketten führte,
Der Mensch noch weise war, und ihn nichts eitels rührte,
Da noch kein falscher Glantz beneidens-würdig hieß
Und da die Tugend blos der Menschen Grösse wieß.
Ach! ist diß Alter nun auf ewig weggegangen?
Erweicht der Himmel denn kein sehnliches Verlangen,
Daß dieser Unschuld Reitz, der jene Zelt geschmückt
Die fast verfallne Welt nur noch einmahl beglückt?
So seuffz' ich, als ein Traum den Schlaff, der mich umschliesset,
Begleitet, und sogleich durchs schönste Bild versüsset
Und wo ich nichts gehofft, mir Trost und Hoffnung beut.
„Des ersten Alters Glück wird bald vielleicht verneut.
Es wird mein glücklich Reich sich durch gantz Franckreich breiten
Was ietzt ist, zeigt mir schon die Wohlfahrt ferner Zeiten.“
So sagte die Natur, in ungeschmünckter Zier,
Von tausend Reitz umgläntzt. Es traten hinter ihr
Vergnügen ohne Schuld, und Tugend als Gefärten,
Die, was ihr Blick entflammt, in festen Hertzen nährten.
Komm, sprach die Göttin, sieh! wie zahlreich man mir dient.
Wie mein erwachsend Reich in schnellsten Fortgang grünt:
Dir öffn ich, um den Wunsch der Sehnsucht zu gewähren,
Ein Schauspiel, das zu sehn die Götter selbst begehren.
Hier weide deinen Blick, sieh meinen Tempel an.
Wer hier versammlet ist, ist auch ein Unterthan.
Hier sieh, bey einen Band, daß keine Fessel schliessen,
Die Tugend ans dem Schooß vereinter Freude spriessen.
Man flieht des Hofs Geräusch und sucht mein ruhig Fest,
Wo hoher Seelen-Stoltz die Flügel sincken läßt,
Des grossen Nahmens Pracht zu meinen Füssen leget,
Die Geister niederdrückt, die ihm sein Stand erreget,
Und meinem Willen treu, so sehr das Glück ihn liebt,
Selbst denen, die es haßt, den Bruder Nahmen giebt.
Wie kont ich rühmlicher der grossen Hertz bezwingen,
Als dieß vergeßne Recht der Gleichheit wiederbringen,
Das vor dem Thron, auf dem sich hier die Freyheit.weist,
Der Ehrsucht Götzen-Bild getrümmert niederreißt?
Nicht froher Ubermuth, den kein Gesetz umschräncket,
Der selbst die Götter höhnt, der Fürsten Rechte kräncket,
Nein, Freyheit herrschet hier, die unterwürffig ist,
Der Götter Donner ehrt, der Fürsten Zepter küßt.
Verwundre dich nicht mehr, stimmt mit beglückten Flammen
Der Hertzen Eintracht hier durchs schönste Band zusammen.
Der Hauffe, den du siehst, den mein Bemühn gesellt,
Hat sich die güldne Zeit zum Muster vorgestellt.
Nicht Argwohn, daß diß Glück Verrähter finden möchte
Verbannet hier mit Schimpf das reitzende Geschlechte.
Wenn mit der Schönheit sich hieher die Liebe schleicht,
So fürcht ich, daß vor ihr die Brüderschafft entweicht.
Vor bittre Eyffersucht, die schönen Blick' erhitzen
Kan weder Freundschaffts-Pflicht, noch Bruder-Nahmen schützen;
Ihr Strahl zwingt Seufzer ab, lockt Thränen aus der Brust,
So stört die Wollust leicht der Freundschafft stille Lust.
Gnug! fuhr die Göttin fort, nun kennst du meine Söhne,
Nun denck, ob ich ein Hertz zu trüben Ernst gewöhne.
Du siehst mein Bild in dem, was ich dir kund gethan.
Geh, zeige nun der Welt der Brüder Sitten an.
Beschäm des tollen Volcks beschimpfende Gerüchte,
Und mach das Hirn-Gespinnst, das Rätzel sucht, zunichte.
Was man von Zeichen sagt, ist nichts und nur erdacht,
Nur ihre Tugenden sind, was sie kenntlich macht.
Hier sucht der Pöbel blos ein unbegreifflich Wissen,
Denn so viel Tugenden sind vor ihm Finsternissen.
Nun wichen Traum und Schlaff; Freymaurer gebt es zu,
Daß ich der Göttin Winck euch zu entdecken thu.
Was waget ihr hierbey? Ihr braucht nur euch zu zeigen,
Um Franckreich und die Welt in euer Joch zu beugen.