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Traktat: Freimaurerei und der Anspruch an uns selbst: Unterschied zwischen den Versionen

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Aktuelle Version vom 23. Juni 2019, 16:13 Uhr

Ich möchte heute darüber sprechen, welchen Anspruch die Freimaurerei an uns und unser Verhalten stellt und wie wir davon profitieren können.

Wir leben in einer Zeit des offensichtlichen Werteverfalls, den wir im Umgangston in den sozialen Medien genauso erkennen können, wie im Umgang mit Polizisten oder Feuerwehrleuten auf der Straße. Geprägt durch die Werbeindustrie und die „Geiz ist geil“ Mentalität steht heute das Individuum im Mittelpunkt des Geschehens und nicht das Kollektiv.

Der eigene Vorteil ist das Maß aller Dinge und die eigene Meinung wird zur Ultima Ratio, die wir in unserer Filterblase pflegen, um mit Vehemenz auf andersdenkende zu schimpfen. Die grundsätzlichen Werte der Offenheit, des Diskurses, der Wertschätzung anderer Meinungen und dem Willen zum Lernen scheinen verloren zu sein.

Gilt das auch für uns Freimaurer? „Nein“ wollen wir dann schnell mit stolz geschwellter Brust rufen, denn schließlich ist das der Kern unserer Lehre. Wir haben Kerzengespräche und wir tragen Werte wie Toleranz, Brüderlichkeit und Humanität vor uns her. Und doch beschleicht viele von uns in diesem Augenblick der Gedanke, dass wir vielleicht nicht ganz so laut rufen sollten. Wir erinnern uns an manch einen Konflikt, den wir selbst geführt haben, sei es in oder außerhalb der Loge.

Ein Konflikt vielleicht, in dem wir, wenn wir ehrlich sind, genau diese Werte nicht befolgt haben. In denen wir uns in unserer Diskussionskultur vielleicht gar nicht so sehr vom profanen Menschen unterschieden haben.

Nun, keiner von uns ist deshalb ein schlechter Mensch, oder? Zumindest versuchen wir uns das einzureden. Wir geben uns daher Mühe, unsere Meinung als die beste zum Wohle aller zu empfinden und mit Sicherheit betrachten wir uns selber nicht als Auslöser von Konflikten sondern als Brüder, die sagen was gesagt werden muss. Manches von uns gesagte ist vielleicht auch schlicht nur so daher gesagt, ohne dass wir uns über mögliche Folgen Gedanken gemacht haben.

Wenn wir uns aber fragen, wie sehr wir dem freimaurerischen Ideal entsprechen, dann müssen die meisten von uns zugeben, dass auch wir oft nur unsere eigene Meinung für richtiger halten als die des anderen. Das wir dem Gegenüber mit unfairen Argumenten begegnen, das wir uns keine Mühe machen, die Situation des anderen zu verstehen oder wie wir einfach nur gewinnen oder Recht haben wollen, anstatt das Wohl des Ganzen im Auge zu haben.

Wir sind also nicht perfekt - aber sind wir trotzdem gute Freimaurer?

Unsere Lehrart der Nationalen Mutterloge zu den drei Weltkugeln hat sieben Erkenntnisstufen. Sieben Stufen, die symbolisch unsere Weiterentwicklung zum Ausdruck bringen. Sieben Stufen, die uns schrittweise mit neuen Inhalten konfrontieren, mit denen wir uns auseinandersetzen können. Aber was bedeutet das eigentlich?

Können wir uns etwas darauf einbilden, wenn wir weiter in diesen Stufen fortgeschritten sind als andere? Ist der Meister aufgrund des Erlebens der Erhebung dem Lehrling überlegen? Wahrscheinlich können wir das nicht, denn im Katechismus heißt es, dass wir alle immer Lehrlinge bleiben. Außerdem sollte uns als Freimaurer jede Art von Hochmut sowieso fremd sein. Wenn wir ein Buch gelesen haben, heißt das weder, dass wir den Inhalt verstanden haben noch dass wir das Verstandene auch zur Anwendung bringen können. Wir haben uns lediglich die Basis erarbeitet, aus der wir etwas machen können.

Die höheren Stufen stellen also nicht mehr und nicht weniger als ein Angebot dar, ein Angebot, dass wir so nutzen können wie es uns möglich ist. Es ist also nicht entscheidend, welchen Grad wie inne haben, sondern was wir daraus gemacht haben. Die Aufgabe bleibt immer gleich und sie heißt arbeiten am rohen Stein. Wenn wir es ernst meinen mit unserer Freimaurerischen Haltung, dann ist die Kommunikation untereinander ein wunderbarer erster Ansatz zur Arbeit. Lernen wir dazu von den alten Weisen:

Ich erzähle Euch die Geschichte von den drei Sieben des Sokrates eine gute Basis für unsere Kommunikation:

Zum weisen Sokrates kam einer und sagte: "Höre, Sokrates, das muß ich dir erzählen!" "Halte ein!" unterbracht ihn der Weise, "hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?" "Drei Siebe?", fragte der andere voller Verwunderung. "Ja, guter Freund! Laß sehen, ob das, was du mir sagen willst, durch die 3 Siebe hindurchgeht: Das erste ist die Wahrheit. - Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?" "Nein, ich hörte es jemanden erzählen und..." "So, so! Aber sicher hast du es im zweiten Sieb geprüft. - Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst, gut?" Zögernd sagte der andere: "Nein, im Gegenteil..." "Hm", unterbrach ihn der Weise, "so laßt uns auch das dritte Sieb noch anwenden. - Ist es notwendig, daß du mir das erzählst?" "Notwendig nun gerade nicht ..." "Also”, sagte lächelnd der Weise, "wenn es weder wahr noch gut noch notwendig ist, so laß es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit." Es lohnt sich, darüber einmal in Ruhe nachzudenken.

Wenn wir also überlegt haben, was wir erzählen und zu dem Schluss kommen, dass wir es erzählen wollen, dann kommt die zweite Frage, die wir uns stellen sollten: „Wie“ wollen wir es erzählen. Wie wir alle wissen, gesellt sich zu den Worten die wir wählen auch noch der Kontext, in dem wir das erzählen, unsere Gestik und Mimik, unsere eigene Haltung und vor allem auch das was der Zuhörer in die Worte hineinprojiziert. Wir sollten daher auch intensiv über dieses „Wie“ nachdenken.   Die Regeln für eine gute Kommunikation sind gar nicht so schwer zu lernen. Umso schwerer ist es, diese auch anzuwenden. Im Vordergrund eines brüderlichen Gesprächs sollte immer das Ziel stehen, eine wertschätzende Beziehung zu leben.

Kennt Ihr das nicht auch, dass Ihr während der andere redet schon überlegt, was Ihr gleich sagen werdet? Nun, wenn Ihr das erlebt, dann wisst Ihr schon, dass Ihr gar nicht zuhört und offensichtlich kein Dialog stattfindet, sondern lediglich zwei Monologe. In so einem Fall kann man kaum von einer Konversation sprechen und die Wahrscheinlichkeit dass sich die Brüder aufeinander zu bewegen ist gering.

In einer freimaurerischen Kommunikation geht es darum, Provokationen und Forderungen zu vermeiden und stattdessen aus der „Ich-Position“ zu sprechen. Ich beschreibe was ich fühle, ohne damit eine Forderung zu verbinden. So gebe ich meinem Gegenüber die Möglichkeit zuzuhören, ohne sich wehren zu müssen. Der Kern des freimaurerischen Umgangs miteinander ist unsere Haltung. Wollen wir lernen oder überzeugen? Wollen wir verstehen oder missionieren? Wollen wir uns selber verbessern oder den anderen? Diese Fragen sollten wir uns jeden Tag und bei jedem Gespräch stellen.

„Freimauer sind keine besseren Menschen“ sagen wir oft mit einem Hauch von mehr oder weniger ernst gemeinter Selbstkritik. „Sollten sie aber sein“, erwidere ich darauf. Denn wenn wir jeden Tag an uns arbeiten, einmal die Woche mit den Brüdern zusammenkommen und mindestens 12 mal im Jahr Rituale durchleben, dann muss das einen Effekt haben. Denn wenn es ohne Effekt bliebe, dann könnten wir uns alle viel Zeit ersparen.

Wir arbeiten am rohen Stein. Wir wollen uns selbst erkennen. Wir wollen unser Wesen veredeln. Wir haben bei unserer Aufnahme geschworen, dass wir unser Leben diesen Zielen widmen wollen. Manch einer wird fragen, ob das denn nicht nur symbolisch gemeint war und dass man das auch nicht zu eng auslegen darf. Nun, dem halte ich entgegen: Ein Versprechen ist ein Versprechen. Und wenn uns Freimaurer etwas von den profanen Menschen unterscheidet, ist es der Umstand, dass uns ein Versprechen, ein Eid oder ein Schwur etwas bedeutet. Verbindlichkeit ist ein hoher Wert.

Wir haben uns vor den Brüdern und dem Bund dazu bekannt haben, an uns zu arbeiten, unaufhörlich, bis zum Eingang in den ewigen Osten. Wenn wir das nicht ernst meinen, dann stellen wir die Freimaurerei ansich in Frage und riskieren, dass wir irgendwann ein anachronistischer Klub alter Männer sind, die historische Rituale aufführen, um hinterher ein Bier zu trinken.

In unserer Lehrart hat man den Schwur in Verbindung mit hohen Strafen irgendwann abgeschafft. In anderen Lehrarten ist er noch präsent auch wenn heute niemandem mehr die Zunge herausgeschnitten, der Bauch aufgeschlitzt und die Eingeweide im Meer verstreut werden. Ich muss aber zugeben, dass es Augenblicke gab, in denen ich darüber nachgedacht habe, ob nicht eine etwas strengere Auslegung dieser Regeln, die Verbindlichkeit hier und da erhöhen und damit hilfreich sein könnte.

Vielleicht hat die Aufklärung auch hier und da eine zu hohe Erwartung an die Selbstdisziplin des Einzelnen gestellt und manch eine gesellschaftliche Entwicklung könnte als Argument dafür dienen, dass zu viel Freiheit auch überfordern kann. „Das Gesetz nur kann uns Freiheit geben“ sagte dazu Goethe in seinem Sonett. Aber das ist ein Thema für einen anderen Vortrag.

Geben wir uns als Freimaurer nicht damit zufrieden, dass „wir auch keine besseren Menschen sind“. Helfen wir uns alle gegenseitig dabei, am eigenen rohen Stein zu arbeiten und eben doch so zu sein, wie wir es in unseren Ritualen fordern und wie wir es bei der Aufnahme versprochen haben. Und wenn wir auch nicht alle und immer erfolgreich dabei sein werden, dann sollten wir zumindest mit gutem Gewissen sagen könne, dass wir uns jeden Tag auf´s Neue bemühen, diesem Ziel näher zu kommen. Alleine das macht uns schon zu besseren Menschen.

In einer Zeit, in der die Werte in der Gesellschaft an Bedeutung verlieren, da ist die Freimaurerei ein Hort, in dem diese Werte noch Bedeutung haben. Wenn wir im Bund, das, was wir sagen auch umsetzen, dann können alle 15.000 Brüder in Deutschland in der Gesellschaft wirken und dieses Land zu einem besseren machen. Wenn Brüder in der Welt sich so verhalten, wie sie es in ihren Ritualen beschreiben, dann können millionen Freimaurer in allen Ländern die Welt zu einem besseren Ort machen.   Die Freimaurerei ist kein Hobby. Sie ist eine Haltung, eine Lebenseinstellung, sie bedeutet Arbeit und sie ist anstrengend. Sie erfordert Ausdauer, Verlässlichkeit, Disziplin und Aufrichtigkeit. Wenn man Ihr diese Dinge schenkt, dann gibt sie uns aber auch etwas zurück. Brüderlichkeit, Unterstützung in schwierigen Zeiten, Ruhe, Erkenntnisgewinn, Souveränität, persönliches Wachstum, Erfolg und Geborgenheit.

Wir investieren etwas in den Bund und bekommen vom Bund etwas zurück. Im Grunde ein guter Deal. Aber der Deal funktioniert nur, wenn wir neben dem Spaß und der Freude in der Loge auch unserer Verpflichtungen ernst nehmen. Es ist nicht egal wie oft wir kommen, was wir einbringen und wie wir uns verhalten. Jeder von uns trägt zur Qualität der Loge bei, so wie Zellen in einem Körper.

Wenn wir es so betrachten, sollten wir aber das Augenmerk immer auf das legen, was wir investieren und nicht auf das was wir bekommen. Ich verspreche Euch, die Ausbeute ist auf diesem Wege deutlich größer, nicht nur für die Loge sondern auch für jeden einzelnen von uns.

Arbeit am rohen Stein bedeutet, den eigenen Stein zu bearbeiten. Nicht den des anderen. Insofern ist die Freimaurerei eine hoch individuelle Angelegenheit. Zu gerne lenken wir uns davon ab, in dem wir uns überlegen, wie der Freimaurerbund zu bestimmten Themen stehen soll oder wie unsere Brüder das eine oder andere besser machen könnten. Immer wenn wir das tun, haben wir im Grunde eine Chance für unsere Arbeit an uns selbst verpasst.

Das Ritual und die Symbolik sind der Schatz der Freimaurerei, denn sie geben uns seit Jahrhunderten die Werkzeuge an die Hand, mit denen wir in uns selbst dringen können. Unabhängig davon, was wir im Unterricht oder sonst wo lernen. Die Symbole erzählen uns seit Urzeiten die gleiche Geschichte. Eine Geschichte, die wir nicht lesen können, sondern die erkannt werden muss.

Deswegen sollte kein Tag vergehen, an dem wir uns die Symbole aus dem Ritual nicht vor Augen führen. Egal, ob wir darüber nachdenken, was die Vereinigung von materieller und geistiger Welt im Hexagram bedeutet. Oder warum die Knotenschnur 12 Knoten hat. Was uns das musivische Pflaster über die Dualität des Lebens sagt oder was wohl die transzendente Welt, die durch Sonne Mond und Sterne angedeutet wird für uns bedeuten kann oder was Dreieck und Kubus uns über die Schöpfung sagen können.

Und selbst wenn man solche Betrachtungen der Transzendenz für schwärmerische Verirrungen hält, dann bleiben immer noch der 24 zöllige Maßstab, das Senkblei und die Winkelwaage und der rohe Stein als Symbole für das tägliche Leben, aus denen es viel zu lernen gibt.

Die Freimaurerei lebt von Einheit in der Vielfalt und genau diese Vielfalt ermöglicht jedem von uns seinen eigenen Zugang über die Symbole zu sich selbst. Winkelmaß und Zirkel sollten wir jeden Tag an unserem Herzen tragen, Der eine, weil es für ihn die Verbindung der materiellen mit der göttlichen Welt darstellt, und der andere weil es ihm dabei hilft sein Handeln am Winkel auszurichten und das Verhältnis zu seinen Mitmenschen am Zirkel. Es geht darum, ein besserer Mensch zu werden.

Nutzen wir also die Chance, die uns die Freimaurerei gibt. Nehmen wir sie an als Geschenk, dass wir nutzen sollten wie Nahrung: Von allem etwas, im rechten Maß und vor allem regelmäßig. Es geschehe also…



Kai Stührenberg


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