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Der Freymäurer

Aus Freimaurer-Wiki

Die erste deutsche Freimaurerzeitschrift


Der Freymäurer. Im Jahre 1738 herausgegeben.

Leipzig, verlegts Bernhard Christoph Breitkopf.

Herausgeber war Johan Joachim Schwabe (1714-1784).

Der erste Monat der Wochenschrift „Der Freymäurer“, Januar 1738: Vorwort und Seiten 1-32


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Inhaltsverzeichnis

An den alten Freymäurer Sokrates.

Weiser Sokrates!

Die Freymäurer gedenken öfters an dich in ihren Versammlungen. Sie bekennen, daß du in den ältesten Zeiten, eines der würdigsten Mitglieder ihrer Gesellschaft gewesen seyst. Sie stellen sich deine kluge Aufführung, wodurch du deinen Namen unter den Menschen unsterblich gemacht hast, beständig zu einem Exempel vor. Sie befehlen allen ihren jungen Mitbrüdern an, deinem Muster eifrig zu folgen. Bey ihrer Aufnahme, preisen sie dich, und deine Tugend.

Man konnte sie auch in der That einer Nachläßigkeit beschuldigen, wenn sie deiner, bey ihren Versammlungen, vergessen wollten. Damit aber auch meine Mitbrüder öffentlich zeigen mögen, wie hoch sie dich achten: So haben sie mich einmüthig angetrieben, ich möchte meine wöchentlichen Blatter niemanden anders, als dem alten, rechtschaffenen Freymäurer, Sokrates, zueignen. Weil nun so viele Bücher den Lebendigen zugeeignet werden: So will ich einmal meine Anrede an einen Todten richten.

Dein Name, du berühmter Todter, hat uns schon oft zur Vertheidigung gedient. Hat man unsere Gesellschaft durch Unwahrheiten zu beschimpfen gesucht, und sie unerlaubt und schädlich genennt: So haben wir darauf geantwortet: Ist doch Sokrates selbst ein Freymäurer gewesen. Die Athenienser scheuten sich nicht, dir manches erdichtete Verbrechen beyzumessen; und dich, als einen gefährlichen Mann, in ihrer Republik, anzusehen. Auch noch heute zu Tage werden von einigen diese falschen Anklagen wider dich, erneuert. Man will dir den Ruhm eines ruhigen Bürgers, eines bescheidenen Gelehrten, eines nützlichen Staatsmanns, eines guten Hausvaters, eines rechtschaffenen Ehemanns, eines züchtigen und keuschen Freundes, eines vernünftigen, tapfern und großmüthigen Philosophen, nehmen. Allein, du hast schon längst diese Beschuldigungen durch deine weise Lebensart sattsam widerlegt. Und es finden sich noch itzo, hier und da, redliche Vertheidiger deiner Sitten, welche zeigen, daß man dich und deine Aufführung, ohne Grund verdächtig zu machen gesucht hat.
Du hast als ein Liebhaber der Weisheit gelebt; du bist als ein unerschrockener Verehrer der Tugend gestorben. Hast du nicht dadurch den itzigen Freyrnäurern gezeigt, wie sie leben, wie sie die unverdienten Beschimpfungen ertragen, wie sie ihre Feinde auf das nachdrücklichste widerlegen sollen? Verdienst du nicht deswegen, daß ich deinen Namen zur Vertheidigung und Zierde auch diesen Blättern vorsetze?

Ware jemand in dem Alterthume geschickt gewesen, die Bürger zu Athen, und überhaupt die Griechen mit einer wöchentlichen Schrift zu unterhalten: So müßte ich dasselbe gewiß von dir sagen. Die merkwürdigen Reden, welche uns Xenophon von dir aufgezeichnet hat, beweisen dieses zur Gnüge. Du glaubtest, daß der fleißige Umgang mit Menschen von verschiedenem Stande, Geschlechte und Alter, einem Weltweisen zur Erlangung seiner Absichten, besonders nützlich seyn könne. Du hattest die Kunst gelernt, die menschlichen Gemüther zu erforschen. Die Laster konnten sich vor deinen Augen nicht verbergen. Man hörte dich von der Weisheit und Tugend reden; und man lernte, durch deine Vorstellungen, ihren Werth erkennen, und man wurde durch deine Ermunterung angetrieben, sich darum zu bemühen. Du scheutest dich nicht, die Laster auf einem jeden Wege anzugreifen, wo du sie nur antrafest.

Die Laster, welche du an deinen Mitbürgern angemerkt und getadelt hast, gehen noch immer unter den Menschen im Schwange. O! wie nöthig, wäre nicht noch itzo, in mancher Stadt, deine Gegenwart. O! was für nützliche Anmerkungen könntest du nicht noch itzo manchem in Gesellschaft mittheilen. Doch, man darf dasjenige nur lesen, was wir in den alten Schriften von dir finden: So wirst du auch durch deine Aussprüche, und durch deinen Unterricht den Menschen überall nützen können. Der Name eines Weisen ist dir von einem Orakel gegeben worden; und derselbe wird dir noch immer von der erkenntlichen Nachwelt, als einer unparteyischen Richterinn wahrer Verdienste, beygelegt.
Gute Lehren verlieren dadurch nichts von ihrer Stärke, wenn sie auch gleich von einem Jahrhunderte, und von einem Volke zu dem andern, fortgepflanzt werden. Du kannst denen allzeit zu einem Führer dienen, welche die Sitten der Menschen betrachten, und ihre Gedanken darüber ihren Mitbürgern, sowohl schriftlich, als mündlich, mittheilen wollen.

Man rühmt dieses, mit allem Rechte, von dir, daß du so viel Liebe für die Menschen in deinem Leben gezeigt hast. Du bestraftest zwar die Lasterhaften; allein, dabey haßtest du dieselbell nicht, dabey suchtest du ihnen nicht zu schaden. Auch hierinnen habe ich beständig dein Exempel vor Augen gehabt. Ich weis zwar wohl, daß ich mit dir in keine Vergleichung zu setzen bin; und daß dein Andenken wird erhalten werden, wenn man vielleicht meiner, und dieser Blätter vergessen sollte: Doch wird dieses schon Ehre genug für mich seyn, wenn ich unter die Zahl deiner Verehrer und Nachahmer, gehöre, und wenn man dereinst in unseren Nachrichten lesen wird, daß ich, nach deinem Muster, meine Mitbürger zu bessern, gesucht habe.

Die meisten haben, bey ihren Zueignungsschriften an vornehme Gönner, den Endzweck, daß sie dadurch Gunst und Belohnung erhalten mögen. Beydes kann ich mir von dir nicht versprechen. Doch, wer nur ein Liebhaber deiner Weisheit und Tugend ist, der kann die wichtigsten Vortheile dadurch erlangen. Und wie sollten vernünftige Menschen demjenigen nicht gewogen seyn, welcher dich hochschätzt, und nach deiner Vorschrift mit ihnen umgeht? Was kann ich mehr begehren, als dieses?

Da ich künftig mit diesen Blättern fortfahren werde: So werde ich dieselben ebenfalls andern berühmten Männern des Alterthums, derer Namen wir in unserer Gesellschaft öfters nennen, zueignen. Denn warum sollte man nicht gegen diejenigen, von denen man die Weisheit gelernet hat, erkenntlich seyn; und seine Ehrerbietung gegen verstorbene Männer an den Tag legen, da sie sich durch Weisheit und Tugend unsterblich gemacht haben? Daher haben wir auch geglaubt, daß du, weiser Sokrates, dieser Ehre besonders würdig seyst.

Ich werde deine Bemühungen für die Verbesserung der Sitten jederzeit hochschätzen. Ich werde deine klugen Regeln, zu meinem Besten, beständig anwenden. Ich werde es mir mit eben solchem Eifer, als du, ferner angelegen seyn lassen, das Wohl und die Glückseligkeit meiner Mitbürger zu befördern; und alles dasjenige möglichst beyzutragen, was sie von der Ausübung der Laster, als den größten Hindernissen eines reinen Vergnügens, und den Beförderern aller Unruhe und Sorgen, abziehen kann. Und fehlt mir auch gleich hierinnen diejenige Starke, welche du bewiesen hast: So wird doch das zum Tröste und zu der Beruhigung meines Gewissens genug seyn, daß ich der Pflicht eines rechtschaffenen Freymäurers gemäß gehandelt habe.
Ich kann mich zwar deinem Andenken nicht empfehlen: Doch wird sich desto öfters deiner erinnern

der Freymäurer,
M. W. L. S. R. B. I.

Der Freymäurer. Das erste Stück.

Leipzig, Sonnabends, den 4. Jenner 1738.

Vir bonus & prudens dici delector ego, ac tu.

Horat.

Endlich hat mir unsere Gesellschaft die völlige Erlaubniß gegeben, mit ihren Geheimnissen öffentlich hervorzutreten. Man kann leicht denken, daß es viele Schwierigkeiten gekostet hat, solches zu erhalten. Ein heiliges und unverbrüchliches Stillschweigen ist eins von unsern vornehmsten Grundgesetzen. Es hat sich auch niemand unterstanden, solches zu brechen, ausser, daß im verwichenen Jahre Herr Procope, zur Rettung unsers guten Namens, eine Abbildung von uns in französischen Versen gemacht hat.

Wir dürfen uns vor den Augen der Welt eben nicht scheuen; und unter unsern Gesetzen ist kein einziges, welches uns strafbar machte, wenn es offenbaret worden. Unsere Versammlungen sind den Mahlzeiten der alten Lacedämonier völlig gleich. So wie nun bey ihnen den jungen Leuten, wenn sie in den Speisesaal traten, von dem Aeltesten die Thüre gezeigt, und dabey gesagt wurde: Du! trage von dem, was hier gesagt wird, nichts da hinaus: Eben so wird es auch unsern Mitgliedern verbothen, unsere Unterredungen auszuplaudern. Hieraus darf man aber nicht schliessen, daß was unerlaubtes unter uns vorgehen müsse.

Die Geschichte lehren uns, was für Gespräche an den lacedämonischen Tischen geführet worden. Sie waren meistentheils ernsthaft, und betrafen die Wohlfahrt des gemeinen Wesens, die Ausbreitung der Tugend und die Beförderung der Glückseligkeit eines jeden insbesondere. Zuweilen wurden sie munterer. Ein aufgeweckter Scherz würzte sie. Dieser war niemals niederträchtig oder anstößig. So bald man sah, daß jemand anfieng, empfindlich darüber zu werden: So gleich hielt man damit ein. Kurz, es war hier eine Schule der Weisheit und Tugend.

Warum wollten sie aber nichts daraus bekannt werden lassen? Man findet eine Ursache davon aufgezeichnet, die ihre Aufführung bey Vernünftigen völlig rechtfertigen kann. Sie wollten ihre Kinder zur Verschwiegenheit gewöhnen. Diese Tugend war bey einem kriegerischen State höchstnöthig, und bey der Freundschaft ist sie unentbehrlich. Wie wäre es, wenn wir eben den Endzweck hätten? Sollte man uns deßwegen tadeln können?

Allein dieses beyseite gesetzt: So haben wir doch noch Bewegungsgründe, die uns abhalten können, den Vorhang aufzuziehen, und die Freymäurer in ihren Zusammenkünften zu zeigen. Ein jeder wird solche einsehen, wenn ich ihm nur erst eine Beschreibung von einem Freymäurer gemacht habe. Hierzu muß ich vorher den Ursprung und die Bedeutung dieses Namens erklären.

Die Einwohner der Landschaft Sinear waren eins geworden, sich eine Stadt zu bauen. Alles legte hier Hand an, und das ganze Volk war eine Gesellschaft Mäurer. Sie sahen kaum, daß ihnen das Bauen wohl von statten gieng; so verleitete sie der Hochmuth zu einem kühneren Unterfangen. Sie wollten einen Thurm aufführen, dessen Spitze sich in den Wolken verbergen sollte. Dadurch meynten sie dem Himmel zu trotzen, sich vor einer künftigen Sündfluth zu schützen, und ihren Namen zu verewigen. Sepher und Chachmon, ein paar alte weise Männer, riethen ihren Mitbürgern von diesem gottlosen Vorhaben ab. Weil aber ihre Vorstellungen nichts fruchteten: So wollten sie doch für ihre Person keinen Theil an dieser verwegenen Arbeit haben. Man nennte sie daher nach ihrer Sprache Godere-Hachophschit, das ist: Mäurer, die frey sind.
Dieser Name pflanzte sich auch auf ihre Kinder fort, welche mit der Zeit alle diejenigen in ihre Gesellschaft nahmen, die sich von den Lastern der Menschen entfernen, und der Tugend und Weisheit ergeben wollten.

Aus dieser kleinen Geschichte von unserm Anfänge erhellet bereits, was ein Freymäurer für ein Mann seyn muß.
Doch ich will ihn nach unserer itzigen Verfassung etwas ausführlicher abschildern. Das Wohl des Vaterlandes, und die Glückseligkeit seiner Mitbürger ist die vornehmste Absicht seiner Handlungen. Er bemüht sich, die Pflichten zu erfüllen, die ihm das Gesetz der Natur vorschreibt. Er verehret die Gottheit mit einer ungeheuchelten Andacht. Unter was für einer Regierung er auch lebt, so bestrebt er sich doch stets ein getreuer und gehorsamer Unterthan zu seyn, und klügelt nicht über die Befehle seiner Obern.
Ehrgeiz und Habsucht verleiten ihn zu keinen Gewaltthätigkeiten. Seine Vergnügungen sind niemals die Quellen von den Betrübnissen anderer Menschen, und seine Ergötzlichkeiten reizen den Himmel nicht zum Zorne. Er darf weder Reue noch Gewissensbisse befürchten.
Er liebt alle Menschen, und hält sie für seine Brüder. Seinen Freunden giebt er nie Anlaß, sich über seine Wankelmuth und Untreue zu beschweren. Wer seiner Erinnerung bedarf, dem sagt er sie frey heraus, und hält sich verpflichtet, andern ihre Mängel offenherzig, aber doch bescheiden, zu entdecken, sie aus ihrem Irrthume herauszureissen, und von ihrem Verderben abzuhalten.
Er beugt sich vor keiner vergöldeten Kutsche, und schmeichelt keinem sammtenen Kleide. Der Arme und Niedrige ist ihm angenehm, wenn er Wissenschaft und Tugend besitzt. Mit einem Worte, er ist ein Mann, der die schädlichen Folgen des Lasters einsieht, und daher sich und andere davon zu befreyen sucht.


Mit unsern Versammlungen ist es also beschaffen. Es gilt darinnen kein Ansehn der Person, sondern wir sind alle gleiche Brüder, von was für Stande und Alter wir auch seyn mögen. Wer die größte Tugend unter uns besitzt, ist der Vornehmste. Unsre Aufführung ist vollkommen frey. Denn wir erwählen dasjenige, was uns gefällt. Wir haben aber an keiner andern Sache ein Belieben, als an der, welche der Natur und Vernunft gemäß ist.
Wir stellen uns dabey die Zeiten vor, wo man ohne aufgehangene Gesetze alles dasjenige that, was recht und billig war, wo Vertraulichkeit und Liebe unter den Menschen herrschten, und keine andere Nacheiferung zu spüren war, als wie man den andern an Gefälligkeiten und Dienstleistungen übertreffen möchte.
Die unter uns vorfallenden Reden gehen alle auf die Wiederherstellung dieser glücklichen Tage. Wir bestärken einander in dem löblichen Vorsatze auf dem Wege der Tugend unerschrocken einherzugehen. Wir merken uns die Beyspiele der Tugenden und Laster fleissig an, tragen sie mit unsern Anmerkungen in gewisse Bücher, und machen sie uns zu Nutze.
Die Betrachtungen, wozu uns die Thorheiten der Menschen veranlassen, sind nicht immer ernsthaft, sondern nach Beschaffenheit auch aufgeweckt. Niemals aber betrifft unser Scherz eine Person besonders, sondern nur den Fehler überhaupt, welchen auch andere an sich haben können. So vergnügen wir uns.

Was meynt man von einer solchen Zusammenkunft? Sollte sie wohl bey offenen Thüren gehalten werden können? Wäre nicht dabey zu befürchten, daß man uns verlachen, und zu einem Spotte des größten Haufen machen würde, da die gewöhnlichen Gesellschaften von einer ganz andern Beschaffenheit sind? Man kömmt darinnen zusammen, um gezwungen zu leben. Wo kann man da seine Freyheit haben, wo man, nach der eingeführten Sprache, seine Aufwartung macht?

Eine von den ersten Handlungen dabey ist, daß man den einen an der Treppe, den andern an der Thüre, und den dritten im Zimmer bewillkommet. Man weiset jedem seine besondere Stelle in dem Zimmer an, entweder unter dem Spiegel; oder der Thüre gegen über, oder nach der Seite, dem einen auf einem Lehnstuhle, dem andern auf einem Sessel. Derjenige, welcher besucht wird, nimmt seinen Sitz drey Ellen von ihnen. Sie betrachten unter einander ihre Kleider, Sitten, und Geberden. Sie forschen nach Kleinigkeiten, die sie schon weit besser wissen. Sie reden von gleichgültigen und gemeinen Dingen, oder machen sich über die Schwachheiten ihres abwesenden Freundes lustig. Sie suchen einander listig auszufragen, um Gelegenheit zu haben, bey einem andern Besuche eine sträfliche Erzählung davon zu machen.
Endlich werden sie des Redens überdrüßig, und fangen an, einander mit gemalten Blättern das Geld zu entziehen. Ist das schöne Geschlecht mit zugegen: So sucht man das stille Feuer der Begierden anzuflammen. Man spielet mit zweydeutigen Worten, und die vernünftigste Rede wird in einen Scherz verkehrt. So erfordert es die Kunst zu leben; so bringt es der heutige Wohlstand mit sich. Ein andrer Umgang ist lächerlich.
Dieß hat uns zurück gehalten, unsre Zusammenkünfte öffentlich anzustellen. Ein Freymäurer kehrt sich zwar nicht an das unvernünftige Urtheil anderer.

Ist er nur bey sich versichert, daß er nach Vernunft gethan,
Hört er andrer stolzes Bellen mit gelaßner Demuth an.
Günther.

Allein, er will doch die Tugend nicht gern unschuldiger Weise lächerlich gemacht sehen. Er weis, wie viel dieses ihrem Aufnehmen bey den Unwissenden schadet.

Doch wir haben noch eine bessere Ursache, weswegen wir ein so großes Geheimniß aus unsern Anstalten machen. Wir wünschen, daß uns alle Leute gleich seyn möchten, und suchen sie auf alle Wege zur Tugend zu leiten. Unter vielen andern Mitteln bedienen wir uns auch ihrer eigenen Schwachheiten dazu. Wir wissen, daß die meisten Menschen neugierig sind, und sich alle mögliche Mühe geben, hinter eine Sache zu kommen, die man ihnen, als eine große Heimlichkeit, abgemalet; da sie sich sonst wenig darum bekümmern würden. Durch diesen unschuldigen Betrug ist es uns gelungen, viele zu unsern Mitgliedern zu bekommen, die vielleicht nie würden daran gedacht haben, wie sie tugendhaft würden. Es hält uns auch von unserer Entdeckung nichts stärker zurück, als der unvermeidliche Verlust dieses so nützlichen Mittels.
Daher wird man nimmermehr zugeben, daß in Engelland selbst etwas von unserer Einrichtung ausgebreitet werde; obgleich unsere Mitglieder alles sagen können, wenn sie uns nur nicht dabey nennen. Wir sind sicher genug, daß man unsere Zusammenkünfte nicht stören werde, da wir die ansehnlichsten Glieder des Stats unter uns haben.

Mit den ausser Engelland lebenden Freymäurern hat es eine andere Beschaffenheit. Man weis, was für üble Nachreden und Verfolgungen unsere ehrwürdige Gesellschaft leiden müssen, nachdem sie sich über das Meer in andern Reichen ausgebreitet hat. Es kann seyn, daß sich rohe und ungezogene Leute unsers Namens bedienet, und ihn zu ihren Lastern gemisbraucht haben: Allein deswegen hätte man nicht die rechten Freymäurer für Gottesläugner, Freygeister, lasterhafte und gefährliche Leute schelten sollen. Die heiligsten Sachen sind dem Misbrauche ausgesetzt; aber daher nicht verwerflich.

Um aber diesem Uebel Einhalt zu thun, und allen falschen Auslegungen vorzubeugen, die man auch hier von uns hätte machen können, wenn man erfahren, daß sich Freymäurer in diesen Ringmauren befänden: So hat man es mir vergönnet, meine Landesleute zu belehren, wer wir sind, und ihnen durch meine Vorstellungen eine Neigung einzuflössen, Freymäurer zu werden.


Das erstere hoffe ich in diesem Blatte gutentheils gethan zu haben. Damit ich aber auch das Letztere ins Werk richte: So wird nöthig seyn, noch verschiedene Blätter anzufüllen. Ich werde darinnen unterrichten, erinnern, warnen, vermahlten und tadeln. Es sind dergleichen Schriften bey unserer Gesellschaft nichts ungewöhnliches. Der Zuschauer ist ihr Werk, und Herr Mentor Ironside, der den Hofmeister geschrieben, war ihr Mitglied, so wie nach der Zeit der Freye, der Aufrichtige, der Freydenker auch von ihr herrühren. Die alten Urkunden, Manuscripte und Geschichte, die bey ihnen vorkommen, sind aus unsern Büchern; ob sie gleich die Quelle, woraus sie geschöpft, nicht angeben dürfen.
Meine Leser werden es mir leicht glauben, wenn ich ihnen selbst einige alte Stücke daraus künftig werde vorlegen können. Denn vermöge der unter uns eingeführten Gemeinschaft, stehen mir alle Nachrichten zu Dienste; und weil ich einen beständigen Briefwechsel mit der ordentlichen Gesellschaft in Engelland unterhalte: So wird es mir so leicht nicht an erbaulichen Materien fehlen können. So hat mich auch meine vieljährige Beywohnung ihrer Zusammenkünfte in den Stand gesetzet, die Lehrbegierde [!] meiner Leser zu unterhalten. Ich habe darinnen gelernet, die Menschen mit philosophischen Augen anzusehen, und über ihr Thun und Lassen vernünftige Betrachtungen anzustellen.

Ob ich wohl in dieser Stadt kein Fremdling mehr bin, und selten wo eine große Gesellschaft ist, wobey ich mich nicht befinde, oder wo nicht wenigstens einer von meinen hiesigen Mitbrüdern ist, deren ich itzo noch achte habe: So gebe ich doch meinen Mitbürgern die heiligste Versicherung, daß ich niemals auf eine besondere Person mein Auge richten werde. Historische Charactere, die sich nur auf einen einzigen Menschen schicken, dienen einem Sittenlehrer gar nicht, der die Besserung vieler Leute zu seiner Absicht hat. Niemand soll durch meine Papiere vorsetzlich beleidiget werden; und einheimische Begebenheiten sollen keinen Platz darinnen finden, wenn ich gleich die Beyspiele, die ich anführe, also einkleiden werde, daß sie kürzlich geschehen zu seyn scheinen.
Es wird daher einen Betrug verrathen, wenn sich jemand rühmen sollte, den Schlüssel zu den angeführten Namen zu besitzen. Ich wollte mich derselben gern nicht bedienen; allein ich verliere an der lebhaften Vorstellung sehr viel dabey. Es würde ekelhaft seyn, wenn es hiesse: Es war einmal ein Mann, dertrhat das: Es war einmal eine Frau, die lebte so. Dieses zu vermeiden, nimmt man Namen. Dahero wird ein jeder so gütig seyn, und nicht auf den Argwohn fallen, als wenn ich ihn vor Augen gehabt hätte, wenn er eine Abschilderung findet, die ihm etwas ähnlich seyn kann. Ich wiederhole es noch einmal, die Art eines Freymäurers ist nicht, bey Bestrafung der Laster, gewisse Personen durchzuziehen.

So soll der Inhalt dieser Schrift seyn, von deren Art hier in Leipzig fast seit zehn Jahren keine mehr herausgekommen ist. Ich werde keinen Fleiß spahren, meine Sittenlehren durch Witz zu beleben, und meinen Witz mit der Weisheit zu verbinden, damit ich nicht selbst meine Leser abwendig mache.
Sollten meine Gedanken nicht allezeit neu seyn: So wird man bedenken, daß man auch noch die Fehler der Alten an sich hat. Sollten sie aber auch einige Aehnlichkeit mit den Betrachtungen meiner Vorgänger haben: So wird man sich erinnern, daß wir sie in einer Schule gelernet. Sie können, der Gleichheit ungeachtet, dennoch mein eigen seyn. Denn sonst würde nach der Anmerkung des Herrn Pope auch folgen, daß unsere Gesichtsbildungen nicht unser wären, weil sie unsern Vätern sehr gleich kämen.

W.

Der Frevmäurer. Das andere Stück.

Leipzig, Sonnabends, den11. Jenner 1738.

Tum pietate grauem, ac meritis si forte virum quem Conspexere, silent.
Virgil.

Ein Mensch, welcher unverantwortliche Fehler begeht, und eine Menge von Lastern öfters ausübt, kann nichts weniger vertragen, als wenn er erfahren muß, daß andere Menschen auf seine Lebensart aufmerksam sind. Er läßt seinen Verdruß darüber bey aller Gelegenheit merken. Er eifert wider diejenigen, welche ihn, durch die genaue Beobachtung seiner Handlungen, der Freyheit berauben wollen, böses zu thun. Er sieht sie als gefährliche Personen an, durch welche er in seinem Vergnügen gestört, durch welche seine Thorheit der Welt kund gemacht wird. Er erklärt sich, er wolle so großmüthig seyn, und andre Leute nach ihrem eigenen Gefallen leben lassen; er wolle sich um die Fehler und Laster der andern nicht bekümmern: Man solle nur auch auf gleiche Art mit ihm umgehen.

Die verdammte Neugier, spricht Menippus, treibt die Menschen an, daß sie in der Bemerkung der Fehler ihres Nächsten so sorgfältig sind. Was nützet es doch dem andern, wenn er meine Schwachheiten weis? Hat nicht ein jeder Ursache, auf sich selbst zu sehen? Und findet nicht ein jeder an sich Fehler genug?
Diese mag er anmerken, und sich mit seinen scharfsichtigen Augen nicht nach andern umsehen. So redet Menippus. Allein untersucht einmal die Ursachen, welche ihn bewegen, also zu reden. Werdet ihr ihn genauer kennen lernen: So wird euch die Erfahrung lehren, daß er lasterhaft lebt. Er fürchtet sich vor der Entdeckung seiner häufigen Fehler, und darum will ers nicht haben, das andere Leute auf ihn sehen sollen ; darum schmähet er auf die Schriften, in welchen die Laster in ihrer eigentlichen Gestalt, der Welt ;um Abscheu, vorgestellet werden. Denn er glaubt nach seinem Argwohne, daß er überall die Abschilderung seiner Thaten in denselben antreffen werde.

Curiosa, ein Frauenzimmer, welches täglich neue Entdeckungen von Fehlern und Thorheiten der Menschen macht, glaubt ganz gewiß, daß ihre Aufmerksamkeit in der Stadt unentbehrlich sey. Wollt ihr wissen, wie verderbt die gegenwärtigen Zeiten sind: So dürft ihr nur die Gelegenheit suchen, mit ihr zu sprechen. Ihr werdet euch über die Menge geheimer und seltner Begebenheiten, die sie euch erzählt, verwundern. Ihr werdet bey euch selbst gedenken, wie es doch möglich sey, daß sie alles so genau wissen könne, was in den entlegensten Gartenhäusern vorgeht, was man in verschlossenen Zimmern ausübt, worinnen dieser gefehlt, und wodurch sich jene lächerlich gemacht hat.
Sie wird nicht ungeduldig, wenn sie hinter ihrem Fenster etliche Stunden vergebens stehen muß; indem sie ihre aufmerksame Augen auf die gegenüber stehenden Häuser gerichtet hat, und von der Nachricht völlig will überzeugt werden, daß sich ihre Nachbarinn, von einem gewissen jungen Herrn, auf die freundlichste Art, grüssen lasse.
Befindet sie sich mit euch in einer Gesellschaft: So hütet euch, daß ihr auch keinen kleinen Fehler begehet; denn sie wird ihn so gleich wahrnehmen. Ihr glückliches Gedächtniß behalt alles, und in einer andern Gesellschaft wird sie keine bessere Materie zu der Unterredung finden können, als wenn sie euren begangenen Fehler, mir untermischten Urtheilen und Einfällen, lächerlich vorstellt. Euere Gesellschaft wird ihr angenehm seyn, wenn ihr durch häufige Erzählungen ihre Wissenschaft von anderer Leute Thorheiten und Lastern vermehren wollt. Doch laßt euch ja nicht merken, als wenn man auch an ihr vieles wahrnehmen könnte, welches zu tadeln und zu verwerfen sey; denn sonst werdet ihr an derselben eine mächtige Feindinn haben, und sie wird euch die Wirkungen ihres Zorns gewiß empfinden lassen. Denn was sucht fie damit, wenn sie euch fremde Laster zeigt? Sie will, ihr sollt nicht auf sie selbst sehen.

Hat sie die Absicht, die Laster zu unterdrücken, und auszurotten, und der Tugend aufzuhelfen? Das kann man nicht von ihr fordern. Sie belustiget sich nur zum Zeitvertreibe mit der Anmerkung derer Mängel, welche sie an andern findet. Sie will in Gesellschaften nicht arm an Worten seyn. Und wie könnte sie die vortrefflichen Gaben ihres Verstandes besser zeigen, als bey der Erzählung geheimer Geschichte menschlicher Thorheiten, welche bey ihrem aufgeweckten Vortrage erst recht belacht werden.

Soll die Aufmerksamkeit auf das Leben der Menschen dem gemeinen Wesen Nutzen bringen: So muß Tugendhold die Sitten seiner Mitbürger betrachten. Er kennt die Pflichten, zu deren Ausübung wir verbunden sind. Er ist von der Vortrefflichkeit der Tugend vollkommen überzeugt. Eine lange Erfahrung hat ihn gelehrt, daß derjenige allein sich einer wahren Glückseligkeit rühmen könne, welcher tugendhaft zu leben bemüht ist. Er wird nimmermehr einräumen, daß der Zustand lasterhafter Personen in der That beglückt seyn könne.
Sein größtes Vergnügen besteht darinnen, wenn er gutes ausüben kann. Jedermann mag um sein Leben wissen. Sein beständiger Wunsch ist dieser, daß seine Mitbürger die Laster verabscheuen, die Fehler erkennen, und die Tugend, als die größte Zierde eines vernünftigen Menschen, lieben mögen.
Er bemerkt die Laster, welche unter ihnen im Schwange gehen. Dieses thut er nicht aus einer Begierde, nur etwas neues zu erfahren, oder denen damit zu schaden, deren Fehler er entdecket hat. Nein; Er will sie nur erinnern, und durch verschiedene Vorstellungen dahin bringen, daß sie selbst erkennen mögen, wie sehr die Laster einen Menschen verächtlich machen; wie großen Schaden er sich dadurch zufügt; ja, wie vieles Unglück einem Lande bevorstehet, dessen Einwohner durch verderbte Sitten ihren Untergang muthwillig befördern. Kann etwas billigers, als diese Aufmerksamkeit seyn? Gewiß, dergleichen Bemühung wird ein Liebhaber des Vaterlandes und ein Verehrer der Tugend niemals tadeln.

Wer die Menschen kennt, der wird gestehen, daß immer vieles an ihnen zu erinnern vorfällt. Ein güldenes Weltalter ist eine Sache, über welche wir uns bey der Lesung der Poeten zwar vergnügen, welche wir aber nach der itzigen Beschaffenheit der Menschen nicht hoffen können. Die unschuldigen Sitten jener alten Schäfer werden von unsern Dichtern abgeschildert, wenn sie uns ein tugendhaftes Leben beschreiben wollen.
Wie kömmt es, daß sie Menschen aus den ältesten Zeiten dazu wählen? Können sie nicht unter uns dergleichen Leute finden, unter welchen nichts, als Unschuld und Tugend, herrscht? Ich sollte fast auf die Gedanken kommen, als ob sie es für unwahrscheinlich hielten, wenn sie vorgeben wollten, daß sie solche lobenswürdige Gesellschaften, in den neuern Zeiten, gefunden hätten.
Der meiste Theil der Menschen geht in der Ausübung der Laster weiter fort; und wenn betagte Greise die Lebensart junger Leute betrachten: So werden sie öfters die Anmerkung dabey machen, daß sich die Zahl der Laster mehr vergrößere, als geringer und kleiner werde.

Gewisse Arten der Laster werden unter einem Volke oft so gemein, daß nur wenige davon frey gesprochen werden können. Durch die Gewohnheit kömmt es endlich dahin, daß man sich über den entrüstet, welcher dasjenige ein Laster nennt, was so viele für eine erlaubte Sache halten. Die Kinder wachsen nach dem Exempel ihrer Eltern auf, und sie glauben, daß sie demselben sicher Nachfolgen können: Ja sie halten sich für gehorsame Kinder, wenn sie auf das genaueste in die Fußstapfen ihrer Eltern treten; obgleich die Eltern höchstnöthig hätten, daß man erst ihre Sitten verbesserte, ehe sich die Kinder darnach richten könnten.

Es giebt verschiedene Mängel, auf welche in den weltlichen Gesetzen keine besondere Strafe gesetzt ist. Und gleichwohl gereichen dieselben unvermerkt zum Schaden der Bürger eines Staates. Man wird dadurch lächerlich; man beschäfftiget sich dabey nur mit nichtswürdigen Kleinigkeiten; man legt dadurch den Grund zu seinem Verderben. Eine wohlgemeynte Erinnerung muß bey solchen Umständen das Beste thun.
Manche Menschen denken gar nicht nach, und lernen erst, nach vielen Vorstellungen, erkennen, daß sie abgeschmackt, unerlaubt, und unvernünftig handeln. Es kostet viele Mühe, ehe man ihnen die Vorurtheile benimmt, welche durch die Länge der Zeit bey ihnen so eingewurzelt sind, daß sie dieselben für Grundwahrheiten halten. Wird ihnen die Falschheit derselben gewiesen: So müssen sie sich doch zuletzt selbst schämen, die Vertheidigung davon weiter zu führen. Und wollen sich auch gleich nicht alle bessern; genug, wenn einige durch Tugendholds Aufmerksamkeit und Erinnerung gewonnen werden. Viele sind noch bey Zeiten zu retten, und man kann sie noch von den Lastern abziehen, ehe sie sich denselben völlig ergeben.

Tugendhold kennt einen Jüngling, welcher ein tugendhaftes Leben für verdrüßlich hält, und welcher in der Blüthe seiner Jahre vergnügt und lustig seyn will. Er sieht bey der Wahl seiner Freunde nur darauf, daß er in ihrer Gesellschaft eine beständige Abwechselung von Freude finden möge. Diese Freude ist nicht so beschaffen, daß man sie nach den Regeln der Sittenlehre für erlaubt und unschuldig halten könnte. Die Kunst wohl hauszuhalten ist ihm noch unbekannt. Er will nicht gehalten seyn, von der Anwendung seiner Zeit Rechenschaft zu geben; er lebt nach der galanten Art, wenn er das Spiel, als ein unentbehrliches Stück bey einer Zusammenkunft, ansieht, wenn er mit den Personen des andern Geschlechtes frey umgehet, wenn er bey dem Trunke sich an kein gewisses Maaß bindet, und von seinem erhabenen Geiste, welcher keine Beschimpfung vertragen kann, bey der Entblößung seines Degens, ein nachdrückliches Zeugniß ablegt.
Tugendhold merkt dieses alles an. Es ist nichts gewissers, als daß der Jüngling sein Unglück in den folgenden Jahren seines Lebens dadurch befördern werde. Was ist zu thun? Soll man stille schweigen? Soll man ihn nach seinem eigenen Gefallen fortleben lassen? Nein! Tugendhold stellt ihm die Thorheit seiner Handlungen vor. Er sagt ihm, daß er aus aufrichtiger Liebe gegen ihn, aus einer Begierde, ihn glücklich zu sehen, dieses erinnere. Er zeigt ihm die gefährlichen Folgen einer unordentlichen Lebensart; er schlägt ihm die Mittel vor, wie er denselben entgehen könne.
Der Jüngling läßt sich dadurch zwar nicht so gleich gewinnen: Allein Tugendhold wird nicht müde. Er wiederhohlet seine Vorstellungen. Endlich wird jener bewogen, ordentlich und vernünftig zu leben. Er fährt darinnen fort, und wird zu einem Manne, welcher in dein gemeinen Wesen großen Nutzen stiftet.

Erhält auch ein Tugendhafter, welcher auf die Sitten seiner Mitbürger aufmerksam ist, nicht allemal seinen Zweck: So werden doch die Laster nicht so frey und ungescheut getrieben. Man fürchtet sich doch noch immer vor tugendhaften Personen, und will sich ihnen nicht in seiner wahren Gestalt zeigen. Man wird gezwungen, oft vieles nur deswegen zu unterlassen, weil es andere bemerken, weil es andere erfahren. Man weis, daß ein Tugendhafter nichts darnach fragt, ob er lasterhafte Menschen zu seinen Freunden hat oder nicht.

Jungfer Gernfrey würde so viele Liebesstreiche spielen, daß man von ihr, und ihren Verehrern einen ganzen Roman schreiben könnte. Allein man beobachtet sie zu genau, und sie befürchtet, sie möchte zum Gelächter der Stadt werden. Sie muß daher eingezogen leben. Sie beschwehret sich über die gezwungene Lebensart. Sie beklagt sich darüber, daß in gewissen Schriften so gleich alles angemerkt, und ein geringer Fehler, als eine Sache von Wichtigkeit, vorgestellet würde.

Es wäre wohl freylich besser, wenn ein jeder aus freyem Triebe das Böse unterliesse, und nicht nur zum Scheine erbar lebte. Allein da wenige dieses thun, so müssen sich doch zum wenigsten die Laster vor den aufmerksamen Augen der Tugendhaften fürchten. Wäre dieses nicht: So würde das Aergerniß allzugroß, und der Zustand gar zu verderbt seyn.
Ich glaube schwerlich, daß bey den gegenwärtigen Zeiten die Zahl dererjenigen groß seyn werde, welche sich mit jenem tugendhaften Römer ein Haus wünschen, welches also gebaut ist, daß man von allen Seiten her auf das deutlichste sehen kann, was darinnen vorgeht ? Ich weis, Libertina antwortet so gleich: Das wäre mir eben recht; was geht es andere an, daß sie wissen, was in meinem Hause geschieht? Und darum müssen ihre Vorhänge vor den Fenstern so sorgfältig zugezogen werden, wenn sie zweydeutigen Besuch bey sich hat.

Doch wie ? werden meine Leser fragen, kann wohl ein Freymäurer von andern Leuten begehren, daß sie ihre Handlungen so genau von ihm sollen beobachten lassen, da er sich selbst mit seiner Gesellschaft einschließt, und vor den Augen der Welt verbirgt? Warum lassen sich die Freymäurer nicht selbst, an einem jeden Orte, wo sie sich aufhalten, ein Haus bauen, das auf allen Ecken durchsichtig ist? Wie können sie tadeln, daß sich Libertina durch die Vorhänge vor ihren Fenstern in Sicherheit setzt, und vor den scharfsichtigen Blicken ihrer vorwitzigen Nachbarn verstecket? Haben wir nicht eben das Recht, das sie haben?

Ich kann diese Fragen leicht beantworten. Ich darf nur sagen: Es sey ein Unterschied unter denen Menschen zu machen, welche sich einschliessen. Lasterhafte Personen suchen sich deswegen der Aufmerksamkeit der andern zu entziehen, weil sie böses thun wollen : Wir aber halten unsere Versammlungen, und was darinnen vorgeht, wie ich schon im ersten Stücke erwähnet habe, darum geheim, damit wir öffentlich Nutzen schaffen mögen. Unter unsern Mitgliedern befinden sich solche ansehnliche Männer, daß sie auch den Verwegensten einen Scheu einprägen können, in ihrer Gegenwart etwas böses und unerlaubtes vorzunehmen. Man prüfe unsere Sitten in dem Umgange mit andern Leuten: So wird man erfahren, daß wir uns ingeheim dazu bereiten, wie wir uns vor aller Augen aufführen wollen. Sollte der römische Cato noch leben: Ich bin versichert, er würde nichts tadelhastes in unserer Gesellschaft finden, sondern selbst ein Freymäurer werden.

L.

Der Freymäurer. Das dritte Stück.

Leipzig, Sonnabends, den 18. Jenner 1738.

Nil prodest, quod non laedere possit idem.
Igne quid utilius? Si quis tamen vrere tecta
Comparat, audaces instruit igne manus.
Et latro et cautus praecingitur ense viator;
Ille sed infidias, hic sibi portat omem.

Ouid.


Wenn wir in unsern Unterredungen zuweilen auf die Begierde der Menschen nach Hoheit, Macht und Reichthum kommen: So wünschen wir zwar, daß solche nicht so stark unter uns herrschen möchte: Allein sie scheinet uns doch nicht tadelhaft zu seyn, wenn sie in ihren gehörigen Schranken bleibet. Unser Zustand wird ja, durch die Erlangung dieser Güter, gebessert, und unsere äusserliche Vollkommenheiten wachsen dadurch.
Da wir nun verbunden sind, alles dasjenige zu thun, was uns glückseliger machen kann: So weis ich nicht, wie man jemals auf die Gedanken kommen können, das Bestreben darnach für unerlaubt auszuschreyen. Man mag diejenigen Philosophen, als den Diogenes, Crates, und die ganze cynische Secte noch so sehr erheben, daß sie die Glücksgüter großmüthig von sich gestossen : Ich werde ihr Verfahren noch immer für sehr unvernünftig ansehen. Es ist ihnen, auch schon zu ihren Zeiten, vielmals in die Augen gesagt worden, daß der Hochmuth sie zu dieser Verachtung angetrieben; und man hat sie nicht empfindlicher strafen können, als wenn man ihre Aufführung ohne Bewunderung angesehen.

Ich räume es gar gern ein, daß die Güter des Glücks nicht die vortrefflichsten sind. Was unsere Seele schmückt, und den Leib in einem dauerhaften Stande erhält, als Verstand, Weisheit, Tugend und Gesundheit, das ist ihnen unstreitig weit vorzuziehen, und darauf muß man allerdings vielmehr sehn, wenn man sich nicht selbst hassen will. Allein deswegen glaube ich nicht, daß sie ganz und gar nichts taugen.

Es ist wahr, daß sie die Anreizungen und Ursachen zu vielen Bösen gewesen, daß sich viele von ihren Besitzern, durch die abscheulichsten Gewaltthätigkeiten, verewigt haben. Was folget aber daraus? Nichts mehr, als daß man sie misbrauchen könne. Und was für Unheil vermögen nicht lasterhafte und unwissende Leute mit den besten Dingen anzurichten? Ein guter Verstand und ein gesunder und starker Leib sind wohl unstreitig etwas gutes; und ich weis nicht, ob man viele Weltweisen finden werde, welche die Dummheit, oder mit dem berühmten Pascal, einen ungesunden Körper am geschicktesten zur Ausübung der Tugend halten.
Nichts destoweniger stehet man täglich, daß durch eben diese Vortheile viel Unglück gestiftet wird. Es kömmt einzig und allein darauf an, in was für Hände diese Güter gerathen. Sie sind wie ein scharfes Messer, welches nützlich oder schädlich werden kann, nachdem man es braucht. Freylich, wenn ein grausamer Busiris, ein geiziger Pigmalion, ein blutdürstiger Nero, ein wütender Caracalla Vermögen, Macht und Gewalt haben: So gereicht es nicht nur zu anderer Menschen, sondern auch zu ihrem eigenen Verderben. Man gebe hingegen eben diese Güter einem freygebigen Cimon, einem gerechten Aristides, einem großmüthigen Scipio, einem leutseligen August, einem gütigen Trajan: So wird ihre und anderer Wohlfahrt dadurch befördert werden.

Hieraus schließe ich, daß allein ein Tugendhafter geschickt sey, Ansehn und Vermögen recht zu gebrauchen, und daß sie nur in seinem Besitze ein nützliches Gut werden. Ihn halte ich für denjenigen, zu welchem der Gott des Reichthums beym Lucian geschickt zu werden verlangt. Denn da Jupiter ihm befiehlt, er solle zum Timon gehen: So bittet er ihn, er möchte ihn doch nur zu einem solchen Manne senden, der das Geschenk verstünde. Und dieses ist ein Weiser. Denn der hat eine rechte Einsicht in die eigentliche Natur dieser Dinge. Er weis, wozu sie bestimmt sind, und wendet sie auch bloß dazu an. Er bedient sich ihrer, als Mittel, seinen letzten Endzweck zu erhalten, welcher ein beständiges Vergnügen ist. Weil ihm nun nichts angenehmer fällt, als wenn er auch zur Glückseligkeit anderer etwas beytragen kann: So müssen ihm seine Glücksgüter behülflich dazu seyn. Er steht vielen Elenden damit bey. Er wird ein Vertheidiger der Unschuld, ein Beschützer der Unterdrückten, und ein Wohlthäter aller Nothleidenden.

Es wäre also zu wünschen, daß diejenigen, denen das Glück seine Schätze mittheilet, auch tugendhaft seyn möchten; so würden sie sich und dem Vaterlande ersprießlich seyn. Denn wo es einem großen Glücke an einem großen Geiste fehlet, da ist gewiß das Verderben nicht ferne. Ich könnte dieses mit vielen Gründen bestärken: Allein ich will meinen Lesern dießmal die Wahrheit davon in einer alten Geschichte zeigen. Sie ist aus unsern Nachrichten genommen, wiewohl ich mich erinnere, sie auch sonst in einem ausländischen Buche gelesen zu haben. Man wird sich verhoffentlich nicht daran stoßen, daß eine Göttinn darinnen vorkömmt. Die ältesten Erzählungen haben gemeiniglich das Wunderbare zu ihrem Merkmaale.


Bramintes und Euphranor waren zweene Brüder von ungleicher Gemüthsbeschaffenheit. Der Jüngste war angenehm und tugendhaft; der Aelteste aber sehr häßlich und voller Laster. Es verdroß ihn, daß ihm die Mutter den jüngern Bruder, Euphranor, wegen seiner guten Sitten vorzog. Er verläumdete ihn daher bey seinem Vater auf das grausamste, und gab vor, daß er mit einem von seinen Nachbarn im Vernehmen stünde, ihn ums Leben zu bringen. Hierüber erzürnte sich der Vater so sehr, daß er seinen Sohn mit der härtesten Strafe belegte, ihn einige Tage hungern ließ, und endlich wegjagte, mit der Bedrohung, daß er ihn umbringen wollte, wenn er ihm wieder vors Gesichte käme. Die Vorbitte seiner Mutter war vergebens.
Euphranor gieng mit weinenden Augen von Hause, und wußte nicht wohin. Die Nacht überfiel ihn in einem dicken Walde, und er schlief vor Müdigkeit in der Höle eines Felsen ein. Beym Anbruche des Tages erwachte er, und sah ein wohlgestaltes Frauenzimmer, wie eine Jägerinn gekleidet, auf einem weissen Pferde herankommen. Dieses fragte ihn, ob er nicht einen Hirsch vorbey laufen sehen; und als er darauf mit Nein geantwortet, fragte es weiter: Was fehlt dir? Du scheinest mir sehr betrübt zu seyn. Siehe, da hast du einen Ring, der dich zu dem glücklichsten und mächtigsten Menschen in der ganzen Welt machen wird, wofern du ihn recht gebrauchest. Wenn du den Stein daran einwärts drehest: So wirst du gleich unsichtbar seyn. So bald du ihn aber auswärts kehrest: So wird dich ein jeder sehen können. Trägst du ihn an dem vierten Finger: So wirst du dich in deiner natürlichen Gestalt sehen lassen. Wenn du ihn aber an den kleinen Finger steckst: So wirst du ein königlicher Prinz zu seyn scheinen.

Aus diesem Geschenke merkte Euphranor, daß eine Göttinn mit ihm redete. Er wollte ihre Knie umfassen: Allein sie jagte tief in den Wald hinein. Darauf begab er sich eiligst wieder nach seines Vaters Hause, um die Probe mit seinem Ringe anzustellen. Er hörte und sah alles, ohne daß man ihn entdeckte. Er hätte sich auch, ohne die geringste Gefahr zu befürchten, an seinem Bruder rächen können. Aber er war viel zu tugendhaft, auch nur einmal daran zu gedenken. Er zeigte sich bloß seiner Mutter, und erzählte ihr seine wundersame Begebenheit. Damit steckte er den Ring an den kleinen Finger, und im Augenblicke erschien er, wie der königliche Prinz, mit hundert schönen Pferden, und einer großen Anzahl vornehmer Bedienten.
Sein Vater erstaunte, als er den Prinzen in seinem kleinen Hause sah, und wußte nicht, was er ihm recht für Ehrerbiethung erzeigen sollte. Euphranor erkundigte sich nach seinen Söhnen, und wollte sie sehen, damit er sie mit nach Hofe nehmen, und ihr Glück daselbst machen könnte. Der erschrockne Vater brachte ihm nur den Aeltesten, welchen er auch mit sich nahm; wiewohl er nicht zufrieden war, daß er den Jüngsten nicht auch mitnehmen sollte.

Der rechte königliche Prinz war zu der Zeit eben nicht gegenwärtig. Er hatte sich eingeschifft, um eine entlegene Insel zu bekriegen. Er war aber durch einen Sturm an unbekante Küsten verschlagen, wo er nach erlittnem Schiffbruche von wilden Völkern gefangen genommen worden. Euphranor erschien also bey Hofe, als wenn er der wahre Prinz wäre. Er erzählte, daß er durch Hülfe einiger Kaufleute sey erhalten worden. Man stellte große Freudenbezeugungen über diese glückliche Zurückkunft an, und der König und die Königinn konnten sich von der Umarmung dieses für todt gehaltenen Prinzen nicht losreissen.

Eines Tages sagte dieser vermeynte Prinz zu seinem rechten Bruder: Du siehst, Bramintes, daß ich dich in einen bessern Stand setze. Ich weis aber, daß du boshaft bist, und daß dein Bruder, Euphranor, durch deine Verläumdung unglücklich geworden. Er lebt itzo hier am Hofe, und ich will, du sollst mit ihm sprechen, und seinen Verweis wegen deiner Bosheit anhören. Bramintes warf sich mit Zittern und Beben zu seinen Füßen, und gestund seinen Fehler. Du mußt mit deinem Bruder sprechen, sagte der Prinz zu ihm, und ihn um Verzeihung bitten. Du verdienst sie nicht, und er wird sehr großmüthig seyn, wenn er sie dir ertheilet. Er befindet sich in meinem Zimmer, und soll gleich zu dir kommen. Ich will dich mit ihm allein laßen.

Hiermit gieng er hinaus, veränderte seinen Ring, und trat in seiner natürlichen Gestalt wieder ins Zimmer. Bramintes schämte sich, als er ihn ansichtig wurde. Er bath ihn um Verzeihung, und versprach, alle seine Fehler wieder gut zu machen. Euphranor umarmte ihn, vergab ihm alle das Unrecht, das er ihm angethan hatte, worüber Bramintes ganz bestürzt und verwirrt wurde, und sich nicht erkühnte, ihn anzusehn, noch ihn seinen Bruder zu nennen.

Indessen entstund ein heftiger Krieg zwischen dem Könige, Polymon, und seinen ungerechten Nachbarn. Euphranor erfuhr vermittelst seines Ringes alle geheime Anschläge der Feinde Er kam ihnen zuvor, und machte sie dadurch irre. Er ward zum obersten Heerführer ernennt, und die Feinde wurden, unter seiner weisen und tapfern Anführung, gänzlich geschlagen. Sie bathen um Friede, und er machte solchen zu seinem Ruhme, unter sehr billigen Bedingungen, mit ihnen.

Polymon war nunmehr bedacht, seinen vermeynten Sohn mit einer benachbarten Prinzessinn zu vermählen, die eine Erbinn eines mächtigen Königreichs war. Als sich aber Euphranor einst in eben dem Walde, wo er seinen Ring bekommen hatte, auf der Jagd befand: So stellte sich ihm die Göttinn wieder dar. Vermähle dich nicht, sprach sie mit einer ernsthaften Stimme, als wenn du der wirkliche Prinz wärest. Man muß niemand betrügen. Es ist billig, daß der Prinz, für den man dich hält, zurück komme, und seinem Vater in der Regierung folge. Geh und suche ihn auf der Insel, nach welcher ich dich führen werde. Leiste deinem rechtmäßigen Herrn diesen Dienst, und widerstehe deiner Ehrsucht. Wofern du es nicht thust: So wirst du ungerecht und unglücklich seyn, und ich werde dich wieder in dein altes Elend versehen.

Euphranor machte sich diesen weisen Rath zu Nutze. Er gieng, unter dem Vorwande einer geheimen Handlung mit einem angränzenden Staate, zu Schiffe, und kam in die Insel, wo der wahre Prinz als ein Sclave lebte. Er entführte ihn glücklich, und brachte ihn zu seinem Vater. Du hast mich bisher, sagte er zum Könige, für deinen Sohn gehalten. Ich bin solches nicht: Aber ich gebe dir itzo deinen Sohn. Polymon wandte sich voll Verwunderung zu seinem Prinzen, und fragte ihn: Ob er nicht seine Feinde besiegt, und den rühmlichen Frieden geschlossen hätte?
Dieser gestund ihm aufrichtig, daß er von allem dem nichts wüßte; sondern erzählte ihm, wie er Schiffbruch gelitten, und auf einer unbekannten Insel das Vieh hüten müssen, wo er von diesem großmüthigen Helden wäre befreyet worden. Polymon konnte dieses alles nicht begreifen, und es kam ihm ganz unglaublich vor. Euphranor steckte also seinen Ring anders, und da sah der König, zu seiner Erstaunung, zweene Prinzen zugleich.

Polymon both ihm darauf für seine wichtige Dienste eine große Summe Geldes an, die er aber ausschlug. Er verlangte nichts mehr, als daß der König seinem Bruder, Bramintes, die Bedienung, die er hätte, lassen möchte. Er wollte sich zu seinen Eltern begeben, die er die Zeit her von seinen Einkünften unterhalten hatte, und mit ihnen das Feld bauen. Polymon machte indessen doch seinen Eltern ein jährliches Einkommen aus.

So wurde Euphranor der Wohlthäter seiner Familie, und hatte das Vergnügen, einem ganzen Lande, ja auch selbst denjenigen, die ihm böses gethan hatten, gutes zu thun. Weil er sich aber befürchtete, es könnte ihm vielleicht der Besitz seines Ringes mit der Zeit zu einer Anreizung dienen, sich wieder in große Dinge einzulassen: So gieng er in das Gehölze zurück, wo ihm die Göttinn solchen gegeben hatte. Er besuchte die Höle alle Tage, in der Hoffnung, sie da anzutreffen. Endlich fand er sie, und da überreichte er ihr den Ring mit diesen Worten: Ich gebe dir das Geschenk wieder, das sehr kostbar, aber auch sehr gefährlich ist, und welches man leicht misbrauchen kann, wenn uns die Götter nicht Weisheit dazu verleihen.

Währender Zeit da Euphranor den wundersamen Ring wieder loszuwerden suchte, überließ sich Bramintes allen Lastern. Er bemühte sich, den jungen Fürsten, der nunmehr König geworden war, anzureizen, dem Euphranor übel zu begegnen. Die Göttinn sagte daher bey ihrer Unterredung zum Euphranor: Das lasterhafte Gemüth deines Bruders hat sich noch nicht geändert. Er will dich bey dem Könige verdächtig machen und stürzen. Dafür muß er gestraft werden und selbst umkommen. Ich will ihm den Ring bringen, den du mir eingehändiget hast.
Euphranor beweinte das Unglück seines Bruders und sprach: Wie willst du ihn durch ein so wunderbares Geschenk? Wird er sich nicht dessen, zur Verfolgung tugendhafter Personen, misbrauchen? Eben die Dinge, antwortete die Göttinn, die dem einen heilsam sind, sind dem andern ein tödtliches Gift. Das größte Glück ist den Lasterhaften eine Quelle alles Übels. Wenn man einen Boshaften strafen will: So darf man ihn nur sehr mächtig machen; er wird bald fallen.

Sie verfugte sich darauf, in der Gestalt einer alten Frau, zu dem Bramintes. Ich habe deinem Bruder, sagte sie, den Ring wieder weggenommen, den ich ihm geliehen, und womit er sich so vielen Ruhm erworben. Da nimm du ihn itzo, und denke ihn recht zu gebrauchen. Ich will nicht so dumm seyn, wie er, versetzte Bramintes mit Lachen, und hingehen, einen Prinzen zu suchen, an dessen Stelle ich seyn kann.

Er tbat auch mit seinem Ringe nichts anders, als daß er die Geheimnisse aller Häuser entdeckte, Verräthereyen, Mord und Schandthaten begieng, die Anschläge des Königes anhörte, und das Vermögen der Privatpersonen an sich riß. Seine unsichtbare Laster setzten alle Menschen in Erstaunen. Der König sah alle seine Geheimnisse entdeckt, und wußte nicht, wem er solches zuschreiben sollte. Das große Glück und der Ubermuth des Bramintes brachten ihn endlich auf die Muthmaßung, er würde seines Bruders Ring haben.
Um nun solches zu entdecken, bediente er sich eines Fremden von einer feindlichen Nation, den er durch viel Geld gewonnen hatte. Dieser begab sich in der Nacht zum Bramintes, both ihm im Namen des Feindes große Schätze, und die höchsten Ehrenstellen an, wenn er ihm alles kund thun wollte, was er von den Geheimnissen seines Königs erfahren könnte. Bramintes versprach alles, und empfing gleich eine ziemliche Summe zur Belohnung. Er rühmte sich, daß er einen Ring hätte, der ihn unsichtbar machte.
Dieß war genug, ihn gefangen nehmen zu laßen. Man bemächtigte sich des Ringes und fand sattsame Spuren, die sein Verbrechen bewiesen, und ihn strafbar machten. Er ward hingerichtet; und so war der Ring bey ihm so schädlich, als er bey seinem Bruder nützlich gewesen.

Wir vermuthen, daß dieses der Ring sey, den nach der Zeit der lydische Schäfer, Gyges, gefunden, und ebenfalls zu seinen Bosheiten gemisbraucht hat.

S.

Der Freymäurer. Das vierte Stück.

Leipzig, Sonnabends, den 25. Jenner 1728.

Quodcunque ostendis mihi sic, incerdulis odi.

Horat.

Ich hätte es mir nimmermehr eingebildet, daß man mich nicht würde für denjenigen wollen gelten lassen, für den ich mich öffentlich ausgegeben. Ich dachte, im ersten Blatte genug entdeckt zu haben, woraus man von der Wahrheit meines Vorgebens hätte können überführet werden. Indessen ist doch gerade das Gegentheil geschehen. Ich habe zweene Briefe erhalten, worinnen man unumstößlich darthun wollen, daß ich kein rechter Freymäurer sey.
Wie unerwartet mir auch dieses gewesen: So erfreue ich mich doch, daß ich dadurch Gelegenheit bekommen habe, meinen Lesern mehrere Gewißheit von mir zu geben. Ich sehe das gemeine Wesen als einen Monarchen an, zu dem ich geschickt worden. Es ist also meine Schuldigkeit, ihm mein Creditivschreiben zu überreichen, und mich meiner Person wegen bey ihm zu rechtfertigen.

Doch ich will meinen Lesern erst die beyden Briefe unverändert vorlegen.


Mein Herr.

Ich habe mit vielem Vergnügen das erste Blatt gelesen, welches sie, unter dem Namen des Freymäurers, der galanten Welt mitzutheilen, Belieben getragen haben. Ihre Einfälle sind viel zu sinnreich, und ihre Schreibart viel zu aufgeweckt, als daß man sich nicht, nebst dem Vergnügen, welches man an solchen Schriften zu haben pflegt, einen ausnehmenden Nutzen von ihrer Arbeit versprechen sollte.
Wenn ich also an sie schreibe: So ist es keinesweges darum geschehen, ihnen in ihren löblichen Verrichtungen verhinderlich zu fallen; sondern ich versichere vielmehr aufrichtig, daß ich durch die Ausbreitung ihrer Ermahnungen ihre gute Absichten werde befördern helfen. Diesem ungeachtet habe ich dennoch Bewegungsgründe gefunden, warum ich für nöthig erachtet habe, ihnen meine Gedanken mitzutheilen.
Da ich vor kurzer Zeit die Ehre gehabt habe, der vornehmen Freymäurerqesellschaft einverleibet zu werden: So muß ich ihnen frey heraus gestehen, daß unsere Gesellschaft aus ihren Blättern sieht, daß sie kein Freymäurer sind. Ihre Schrift bezeiget Verstand genug; ihre Gedanken sind artig, und die Worte sind geschickt, solche ihren Lesern so einzuprägen, wie sie sich dieselben selber vorgestellet haben. Ich verhoffe, daß ihre Feder mir dem Herzen übereinstimmen werde, und dahero fehlt es ihnen an keiner Eigenschaft, welche sonsten die Menschen geschickt macht, daß ihnen unser Geheimniß kann anverlrauet werden.

Allein, warum bedienen sie sich eines Titels, weicher ihnen nicht zukömmt? Warum wollen sie einen solchen Namen führen, der bey jedermann verhaßt ist, und der ihnen vielleicht gefährlich sevn möchte, wenn ihre dabey begangene Ausschweifung unsern Obermeistern möchte bekannt werden? Bekümmern sie sich besser um unsere Geschichte, und lernen sie doch, da es so vielen, auch ausser unserer Gesellschaft bekannt ist, daß wir nicht allein verschwiegen, behutsam und klug, sondern, merken sie es ja wohl, auch mächtig sind.
Wenn sie sich zwar in ihren Schranken halten werden, wird ihnen unsere Gesellschaft niemals zuwider seyn. Doch sie sind ein Mensch; und Menschen, die noch nicht durch unsere Geheimnisse gereinigt worden sind, können sich in Sachen, die uns angehen, sehr leicht auf gefährliche Abwege begeben.

Die guten Eigenschaften, die ich aus ihren Blättern an ihnen bemerke, machen mich zu ihrem Freunde, und darum sage ich, seyn sie behutsam, und hüten sie sich. Eine jede Zeile ihrer Schrift zeiget es, daß sie ein Philosoph sind, und daher werden sie vielleicht über meine Warnung lachen. Sie sprechen wohl gar, woher wollen doch die Freymäurer wissen, daß ich keiner von ihrer Art bin? Allein ich will ihnen solches so gleich sagen. Wir haben gewisse Kennzeichen sowohl im Reden, als Schreiben, woraus wir unsern lieben Brüdern so gleich bekannt werden. Diese bemerke ich keinesweges in ihren Blättern, da es doch einem redlichen Frevmäurer unanständig gewesen wäre, solche nicht sogleich sehen zu lassen.

Warum sollten wir dabey einiges Bedenken haben? Wir Brüder dürfen uns alle kennen, und andern sind unsere Zeichen doch nicht bekannt, wenn wir solche gleich in ihrer Gegenwart merken lassen. Doch aus der Zurückhaltung dieser Zeichen wäre noch keine sichere Folge zu machen, daß sie kein Freymäurer wären, darum muß ich andere Gründe beybringen.
Wir Freymäurer sind ehrliche und redliche Leute; aber wir suchen niemals den Ruhm einer besondern Gelehrsamkeit, wir suchen vielmehr mit Fleiß dieselbe zu verbergen, damit keine Ungleichheit unter uns Brüdern entstehen möge. Was geht uns der Horaz und der Günther an, den sie in ihrem Blatte anführen? Wer denken kann, der denkt, und braucht nicht zu sagen, was andere denken. Hieraus werden mich meine Brüder schon kennen, obgleich dieses kein sonderbares Kennzeichen ist. Das ist ein Stück, warum ich sie für keinen Freymäurer halte.

Ferner, wer hat ihnen denn die Nachricht gegeben, daß unsere Vorfahren Godere-Hachophschit geheißen? Die Schriften sind falsch, die davon handeln. So viel kann ich sagen. Doch derechumphaschim möchte uns vielleicht eher anstehen. Es ist dieses noch nicht die rechte Sprache: Allein ihre Abweichung ist viel ärger, und darum find sie kein Freymäurer.

Zum dritten, woher wollen sie erweisen, daß sie die Erlaubniß von ihrer Gesellschaft, wie sie sagen, erhalten haben? Wenn, wie sie vorgeben, unserer achte in Leipzig vorhanden sind, so muß ich es ganz gewiß wissen, denn ich gehöre auch mit dazu. Zum wenigsten würde mich Bruder Linkoln und Bruder Quisthon, (denn diese Namen müssen sie wissen, wenn sie ein Freymäurer sind) die ich noch am dritten Jenner gesprochen, ganz gewiß davon benachrichtigt haben. Wie kann das Dreyeck dem Viereck zu seinem Oval beförderlich seyn? welches sie nothwendig aufiösen müssen, wenn sie die Erlaubniß zu schreiben haben wollen.

Und endlich, warum schreiben sie, als ein Freymäurer, eine Sittenschrift, deren ihre Absichten doch niemals dahin gegangen sind, und warum geben sie hierdurch der ganzen Stadt Gelegenheit, unsere Handlungen genauer zu bemerken, daß wir nunmehro nicht werden im Stande seyn, eine Versammlung anzustellen.

Doch ich lasse sie bey ihren Meynungen, indem ich keine andere Absicht gehabt habe, als ihnen zu zeigen, daß sie kein Freymäurer sind. Darf ich ihnen noch einen Vorschlag thun: So will ich ihnen vielmehr anrathen, sich in die Gesellschaft der Freysattler zu begeben, indem sie vielleicht hierbey mehrere Gelegenheit zu der Beförderung ihrer Absichten werden finden können.

Da ich das Glück habe, ohne Eintrag der obigen Gesellschaft ein Mitglied dieser löblichen Zusammenkünfte zu seyn: So will ich sie, so bald sie ihr Verlangen werden entdeckt haben, meinen Vätern und Müttern, Brüdern und Schwestern, Vettern und Muhmen vortragen. Wir besitzen nichts mehr, als daß Geheimniß des Sattels mit seinen Siegeln, dessen Hintertheil den Glanz der Sonnen empfängt, wenn wir Nebel des Vordertheils bey Seite zu schaffen wissen.
Sie werden hierbey eben so viel Vergnügen, als wie bey den Freymäurern haben. Ich habe beydes empfunden, und ihre Verschwiegenheit hat hierbey eben so viel Gelegenheit sich zu erkennen zu geben, als wie bey dem andern.

Ich verhoffe, sie werden meine Freyheit nicht ungütig nehmen, und überlasse ihnen, was sie mit meiner Schrift nun anfangen wollen. Meine redliche Meynung geht nur dahin, sie zu überreden, daß wenn sie ja ein geheimnißvoller Mann seyn wollen, sie lieber ohne Besorgung eines widrigen Zufalls in der Thal ein Freysattler werden, als daß sie mit Gefahr den Schein eines Freymäurers führen mögen.

Wobey ich im übrigen, wenn ich bemerke, wie meine erste Zuschrift ist aufgenommen worden, die Ehre habe, mich fernerhin zu nennen

Meines Herrn
ergebensten Diener,
Leipzig den 5. Jan. 1738.
William Thomson,
wahrhafter Freymäurer aus der l.oge zu Saint-Germain.


Das andere Schreiben, welches ich einige Tage darnach bekam, war also abgefaßt:


Sogenannter Herr Freymäurer.

Sie thun uns eben keinen Gefallen, daß sie unsern Namen ihren wöchentlichen Blättern vorsetzen. Hätten sie nicht einen andern erfinden können, welcher niemanden angienge? Wir fürchten uns nicht, daß sie unsere Geheimnisse entdecken werden; denn diese sind ihnen unbekannt: Dieses aber verdreußt uns, daß sie uns erst in der Leute Mäuler bringen. Wir sehen zum Voraus, daß ihre Blätter in Leipzig mehr Lärmen anrichten werden, als die Operistin Chardon in Paris, welche das ausschwatzte, was ihr ein junger Officirer weis machte.

Wir sind für uns wohl sicher, aber, daß ihnen zu Gefallen der und jener gute Freund durch die Mäuler der Leute gehen soll, können sie nicht begehren.

Wir müssen aber doch noch reiflicher überlegen, ob sie ein Freymäurer sind? Die größte Glückseligkeit eines Freymäurers ist, sowohl für seine Person, als auch für seine Gedanken unbekannt zu seyn. Wenn sie also unsern Character recht ausdrücken wollen, müssen sie schweigen.
Aber sie wollen die Welt lehren. Wir tadeln es nicht. Wenden sie alle Ihre Kräfte an, diejenigen zu unterrichten, welche die Sittenlehren unter einem angenehmen Vortrage hören wollen. Wenn sie aber dieses thun: So nennen sie sich nur keinen Freymäurer.

Unsere Sachen sind von äusserster Wichtigkeit. Niemand darf sie wissen, als nur derjenige, welchen sein hoher Geist zu dieser Wissenschaft geschickt gemacht hat. Wir beklagen diejenigen nicht, welche einer so vortrefflichen Glückseligkeit unfähig sind. Doch die Ursachen sind eben so verborgen, als der Grund unserer Wissenschaft. Wir suchen die Tugend, wir breiten aber dieselbe nirgends aus, als wo wir einen gründlichen Verstand antreffen.

O du guter Tugendlehrer, der du unter unserer Larve steckest, schreib nur immer zu, du wirst doch nicht mehr ausrichten, als deine Vorgänger. Ueberzuckerst du deine Lehren: So werden kindische Gemüther dieselben gern annehmen; so bald sie aber den bittern Kern schmecken, so speyen sie dir denselben wieder ins Gesicht.
Dieses aber bitten wir von ihnen, wenn sie künftig schreiben, so zeigen sie doch, daß sie nur ein verstellter Freymäurer sind; Denn so kommen wir nicht erst mit ihnen ins Spiel, und sie verantworten das, was sie schreiben. Wir werden ihre Blätter zuweilen gerne lesen, ob wir gleich in unsern Gesellschaften wichtigere Dinge abzuhandeln haben.
Wenn sie aus unsern Büchern etwas in ihre Blätter nehmen wollen: So müssen sie Erfinder werden. Denn wir haben keine Bücher, und was da und dort davon gesagt wird, sind Erdichtungen. Unser Verstand ist das beste Buch, so wir haben. Wenn dumme Köpfe in unsere Gesellschaft kämen, hätten wir dergleichen Vorsicht nöthig; so aber kann niemand in dieselbe gelangen, als der, welcher die sichersten Proben der Stärke des Geistes abgelegt hat.

Zum Ueberfluß wollen wir ihnen die Probe eines ächten Freymäurers darlegen: Süden und Morgen stehet mitten in dem Circul mächtiger Sterne, welche erfunden sind. Wenn sie dieses Rätzel verstehen: So bringen sie uns ein anders, welches eben das bedeutet, alsdann wollen wir glauben, daß sie ein ächter Freymäurer sind.

Doch wir sehen schon zum Voraus, daß es unmöglich ist, versichern doch aber, daß wir kein Misfallen an ihren Unternehmungen haben, sondern dieselben mehr befördern, als verhindern wollen. Laßen sie unsere obige Bitte statt finden, so sind wir ihnen noch mehr verbunden. Wo nicht, so glauben wir gewiß, daß wenn auch sie entdeckt werden, wir dennoch immer verborgen bleiben werden.

Geschrieben den 8. Jänner
Die wahre Freymäurergesellschaft in Leipzig.


Obgleich diese beyde Schreiben einerley Absicht zu haben scheinen: So wird doch ein scharfsinniger Leser schon angemerkt haben, daß eines das andere aufhebt, und daß sich beyde verdächtig machen, daß sie von verstellten Personen herkommen. Ist Herr Thomson ein wahrer Freymäurer; warum bezieht sich nicht die ganze Gesellschaft auf sein Schreiben? und hat es mit dieser seine Nichtigkeit; warum fürchtet sie nicht die Entdeckung ihrer Zusammenkünfte, wie jener?
Darinnen kommen zwar beyde überein, daß sie eine Auflösung eines Rätzels von mir fordern. Allein zu geschweigen, daß ihre Aufgaben nicht unsere rechte hieroglyphische Sprache reden, wie ich an einem andern Orte beweisen will: So giebt das schon Verdacht, daß sie mir nicht einerley Probe vorlegen. Einer von beyden Briefen muß also gewiß falsch seyn. Doch ich will beweisen, daß sie es beyde sind, und ich noch derjenige bleibe, für den ich mich ausgebe.

Gleich die Unterschrift des ersten ist verdächtig. Wie kömmts doch, daß der Verfasser, der dem Namen nach ein Engelländer ist, sich von einer französischen Loge schreibt? Warum ist er nicht vielmehr in seinem Vaterlande in unsere Gesellschaft getreten, zumal wir daselbst in größern Ansehen sind? Doch es kann dieses seine Ursachen haben, und ich will daraus noch nichts bestimmen.
Allein der Brief selbst zeuget wider ihn. Er wirft mir darinnen vor, daß er nicht die Kennzeichen eines Freymäurers in meinem Blatte finde. Was kann ich dafür? Wäre er ein wirkliches Mitglied: So würde er sie gewiß auf der 3. 4. und sonderlich der letzten Seite deutlich gesehen haben. Ich schäme mich derselben nicht; weil sie mir eben so viel Ehre geben, als ein Stern oder Hosenband.
Wenn Leser, die mit uns in keiner Verbindung stehen, daselbst nichts besonders antreffen: So dienet ihnen zur Nachricht, daß wir die gemeinsten Dinge zu unsern Zeichen gemacht haben. Daher können wir uns, in ihrer Gegenwart, einander zu erkennen geben, ohne daß sie etwas ungewöhnliches wahrnehmen.

Ich will doch eins von unsern Merkmaalen, wiewohl ein etwas kenntliches, entdecken. Es ist der einzelne große Buchstabe, der am Ende eines jeden Aufsatzes stehet. Man kann sicher glauben, daß darunter etwas wichtiges verborgen liegt. Wer sie alle zusammen nimmt, und in ihre gehörige Ordnung zu bringen weis, der wird ein großes Geheimniß entdecken. Ich behalte mirs vor, in meinem letzten Blatte die Auflösung davon zu geben, wenn es meine Mitbrüder für gut befinden. Bis dahin mag ein jeder versuchen, ob er einen guten Wahrsagergeist besitze.
Ich wollte aber wohl wetten, daß niemand den geheimen Sinn dieser Zeichen ergründen werde, als ein rechter Freymäurer. Wer Namen daraus macht, wie ichs schon von vielen Merlins, Harvays, Urganden und andern Alrunen und Feen weis, der wird sich gewaltig irren. Denn sie machen alle nur eins aus. Genug gesagt. In unserer hiero-glyphischen Sprache mochte ich nicht reden, weil ich Leute vor mir hatte, die solche nicht verstunden.

Darinnen hat mein werther Freund ganz recht, daß ein Freymäurer mit keiner Gelehrsamkeit prahlet. Habe ich das aber gethan? Es ist wahr, daß ich fremde Gedanken angeführet. Allein heißt denn das den Ruhm einer besondern Gelehrsamkeit suchen? Thun nicht Unstudirte eben das? Führen sie nicht vielmals ein Sprichwort an, ob sie gleich ebenso denken können? Erzählen sie nicht die Reden ihres Nachbars, und was in einer Gesellschaft vorgekommen?
Sollte denn nun ein Mensch, dessen meister Umgang mit Büchern ist, nicht das Recht haben, zu sagen, was er hier gelesen, oder dort angemerket hat? Ueberdem so sind wir so hochmüthig nicht, daß wir allein unsere Gedanken für schön halten, und andere verachten sollten. Wir machen uns alles zu Nutze, was gut ist: Doch eignen wir uns nicht die Ehre der Erfindung eines sinnreichen Gedanken zu, den wir von andern gelernet haben. Fremde Meynungen haben auch bey einigen oft mehr Nachdruck, als unsere eigene. Was schadets, daß wir uns nach eines jeden Geschmacke bequemen, um ihn zu bessern?

Daß wir Godere-Hachophschit geheißen, weis ich aus einem bewährten Manuscripte, welches in der Loge zu Witstown liegt, und wovon ich eine beglaubigte Abschrift besitze. Mir ist es gar wohl bekannt, daß man uns auch Derechumphaschim, oder Leute, die von dem gemeinen Wege abgegangen, und sich den Sitten der andern widersetzet, genannt hat. Allein diese Benennung ist nicht sprachrichtig, wie mein Freund selbst erkennt; sondern uns nur zuweilen von Fremden beygelegt worden. Und wie viel andere Namen führen nicht unsere Vorfahren in den alten Geschichten, welche alle zu er zählen, mein Werk nicht ist. Ich bleibe nur bey dem vornehmsten, mit dem unser itziger noch übereinkömmt.


Weil Herr Thomson doch zweifelt, daß ich die Erlaubniß habe, eine Sittenschrift zu schreiben: So will ich ihm, und aller Welt meinen Freyheitsbrief dazu, in unserer geheimen Sprache, hiermit vorlegen: Das Wasser des Feuers fliege durch die zornigsten Berge des Hundssterns und ermorde die vieleckigten Ungeheure des Nebels. Mein erstes Stück ist die Erklärung von diesem unverständlich scheinenden Satze.

Nichts aber beweist mehr, daß Herr Thomson kein ächter Freymäurer ist, als daß er nur, zur Warnung, unsere Macht vorstellt. Sollte ihm, wenn er wirklich das wäre, was er seyn will, wohl unbekannt seyn, daß ein Tugendhafter, oder ein Freymäurer, welches mir gleichgültige Wörter sind, seine Macht allein zum Nutzen anderer gebrauchet? Ich habe von unsern Obermeistern nichts zu besorgen. Sie sind alle wie Lykurgus gesinnt, und machen diejenigen, die sich vergehen, durch ihre weise Vorstellungen, statt der Strafe, vernünftiger und tugendhafter.

Ich will aber nicht hoffen, daß man mich mit Recht einer Ausschweifung soll beschuldigen können. Was sonst noch in seinem Schreiben vorkömmt, das braucht keiner Widerlegung, da nunmehr das Hauptwerk gehoben ist. Ich weis indessen seine wahre Absicht gar wohl. Er will mich bereden, ein Freysattler zu werden. Solches hätte er ohne so viele Umschweife erhalten können. Denn da ich sehe, daß er sehr vernünftig, obgleich etwas muthwillig ist: So trage ich kein Bedenken, mich durch den Eintritt in seine Gesellschaft näher mit ihm zu verbinden. Nur ersuche ich ihn, mir vorhero von ihren Gesetzen und Gebräuchen einige Nachricht zu geben. Es wird ihm solches erlaubt seyn, weil nach seiner Aussage, nur der einzige Sattel ein Geheimniß bey ihnen ist.

Der eigentliche Grund, warum der andere Brief geschrieben worden, ist die Furcht, man möchte diesem und jenem meine Schrift aufbürden. Ich sehe aber nicht, wie diese verkappte Gesellschaft Ursache hat, solches zu befürchten. Denn sie ist ja so verborgen, daß sie nicht kann entdeckt werden, wie ich aus dem Ende des Briefes ersehe. Was soll ich doch erst Gelegenheit geben, von uns zu reden, da wir seit zwey Jahren mehrentheils die Materie der Gespräche gewesen sind? Doch damit niemand anders, als ich, durch die Lästerung der Thoren unschuldigerweise gelobt werde: So will ich mit nächsten mich und meine acht Brüder ausführlich beschreiben, und recht kenntlich abmalen.

Die Freymäurer halten nicht sich, sondern nur ihre Gebrauche geheim. Sie für ihre Person geben sich aller Welt zu erkennen, wie solches durch die Zeitungen vielmals bestätigt worden, wenn man von einem ihrer Aufzüge Meldung gethan. Wie will man denn nun das Gegentheil behaupten? Man wagt noch mehr. Denn man giebt vor, wir hätten keine Bücher. Allein worinnen stünden denn unsere Gesetze? Worinnen unsere Namen? Woher wüßte man, daß wir einige Könige unter uns gehabt? Die mündliche Sage hatte solches nicht erhalten können.
Freylich ist unser Verstand das beste Buch: Allein daneben bedienen wir uns noch anderer Schriften zur Verbesserung unsers Verstandes. Da wir Gelehrte und Ungelehrte, Hohe und Niedrige unter uns haben: So ist solches ein Beweis, daß unsere Mitglieder nicht wegen der Stärke des Geistes angenommen werden. Ein reines und aufrichtiges Herz, und nicht eben ein tiefsinniger Verstand werden zur Ausübung der Tugend, und an unsern Brüdern erfordert. Man giebt zu, daß wir uns der Tugend befleißigen: Aber man leugnet, daß wir solche ausbreiten. Ich weis nicht, wie ich dieses mit dem Begriffe eines Tugendhaften verbinden soll. Muß er sich denn nur allein lieben? oder muß er nicht auch andere glückselig zu machen suchen? Und was ist wohl wichtiger, als seinen und anderer Leute Wandel zu verbessern?

Man sieht daraus, wie unrichtig die Begriffe meiner Correspondenten von unserer Gesellschaft sind, und kann daher sicher schliessen, daß es mit ihnen etwas verstelltes sey. Ich kenne sie außerdem sehr genau, und weis solches unwidersprechlich.

Man mag sich vor mir verstecken, wie man will, man kann mir doch nicht verborgen bleiben. Ich besitze noch vom Paracelsus ein chymisches Geheimniß, wodurch ich die eigentliche Gestalt meiner Correspondenten entdecke. Ich darf nur die Unterschrift von ihren Briefen zu Pulver brennen, und darauf in ein Glas thun: So entsteht daraus, durch die Sympathie, eine Vorstellung von ihnen, und ich sehe sie, wie Paracelsus die verbrannten Blumen wieder in der Blüthe sehen können.

Vermittelst dieses Kunststücks habe ich Herr Thomson, als einen kleinen Mann, in einer schwärzlichen Perücke, den Urheber des andern Briefs aber in solcher Kleidung gefunden, die ein Freymäurer nimmermehr tragen kann. Ich mag mich nicht deutlicher erklären, und will meine Rechtfertigung mit der Anzeige beschließen, daß ich im Jahre 1710 in der Loge zu Mannersmarket, unter den Obermeistern und Aufsehern Herrn I-n S-t R-d S-e und I-h A-n, ein Freymäurer geworden.

Ich wollte wünschen, daß ich nicht dieses Blatt, welches ich besser zum Nutzen oder Vergnügen meiner Leser anwenden können, mit meiner Verantwortung anfüllen dürfen. Doch es ist nunmehr ein für allemal geschehen.
Man mag mich hinführo für einen wahren oder verstellten Freymäurer halten, es wird mir gleich viel gelten, wenn nur meine Lehren Nutzen stiften. Ich freue mich dahero, daß meine beyde Gegner versprechen, dazu beförderlich zu seyn. Ich will hoffen, daß sie Wort halten werden.

W.

Siehe auch.

http://www.muellerscience.com/ESOTERIK/Der_Freymaeurer/Schwabe_Uebersicht.htm Msgruenklein.gif

Ausgearbeitet von Dr. phil. Roland Müller, Switzerland / Copyright © by Mueller Science 2001-2015 / All rights reserved - ESOTERIK von Dr. phil. Roland Müller

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