Ein bekanntes Gebet

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Ein bekanntes Gebet oder Kettenlied von 1775

„Grosser Meister, dessen Allmacht Myriaden Welten baut“

Ausgearbeite von Roland Müller

Wer ist der Autor?


Der erste Nachweis dieses Liedes findet sich in:
Rede über das Grundgesetz der Freymaurerey bey dem Antritt seines Redneramtes in der militairischen Loge zum flammenden Stern in Berlin gehalten von dem Bruder - - - - - --
Gedruckt bey George Jacob Decker, Königl. Hofbuchdrucker, 1775, XXIX-XXX
http://zenisis.de/index.php/logen-a-orden/freimaurer/buecher-faksimileausgaben/458-00346
http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN633722804&LOGID=LOG_0001

Karlheinz Gerlach, Hrsg.: Berliner Freimaurerreden 1743-1804. Frankfurt am Main: Peter Lang 1996 (157 und 159) bringt dieses Gebet am Ende einer Rede von Johann Friedrich Euler, die dieser 1774 in Berlin gehalten hatte und 1775 gedruckt wurde. In der Anmerkung dazu heisst es:
„Autor des Gedichts ist Ferdinand Pr. von Braunschweig, der es am 28. 9. 1778 am Schluss der Errichtung der Magdeburger L. Ferdinand zur Glückseligkeit erstmals vortrug.“

(Johann Friedrich Euler (1741-1800) war 1775 der einzige Zivilist in der Loge zum flammenden Stern. Er war ein Cousin – nicht: Sohn - des bekannten Leonhard Euler. Er war wie dieser Mathematiker und begann 1782 am Hofe des Prinzen von Oranien-Nassau, Wilhelm V., in Den Haag mit kryptologischen Arbeiten.)

Als weiterer Autor der gedruckten Rede von 1775 wird manchmal vermutet: Wadzek.
August Wolfstieg („Bibliographie der freimaurerischen Literatur“, Band II, 1912, 228, Nr. 25032) ist überzeugt es sei: Franz Dan. Friedr. Wadzeck.
(Ein Franz Daniel Friedrich Wadzeck lebte von 1762-1823)
 
In der „Geschichte der Loge Ferdinand zur Glückseligkeit im O. von Magdeburg im ersten Jahrhundert ihres Bestehens“ (1861, 40) berichtet Aemil Funk, dass das am 28. September 1778 bei der feierlichen Installation der reaktivierten Loge zur Glückseligkeit im Schlussritual gesungen Gebet „vom Herzog eigenhändig geschrieben“ worden sei.

Philippe A. Autexier zitiert in seiner Studie „Lyra Latomorum“, 1998, 396, das Lied, wie es am 12. September 1842 in der Loge Agrippina in Köln gesungen wurde. Er schreibt dazu:
„Das Gedicht, das seit Anfang des 19. Jahrhundert so oft mit Unrecht Schiller zugeschrieben wurde, stammt aus der Feder des Herzogs Ferdinand von Braunschweig, der es am 25. Februar 1777 bei einer Tafelloge im Schloß Friedenstein zu Gotha deklamierte. Darüber berichtet u. a. ein Brief aus Gotha am 11. März 1777 (zitiert Dietrich, [1898 oder 1906] S. 202; die Tafelloge erwähnen [Richard Kirchner, um 1834], S. 9, und Reichard, [1877] S. 98). Von diesen Versen existieren soviele Vertonungen (meist für vierstimmigen Chor a cappella), daß es nicht möglich ist, festzustellen, welche am 12. September 1842 in Köln gesungen wurde.“

In: Ehrenkranz für Joh. Wilh. Oelsner. Maurerische Gedichte aus dem Archive der Loge Friedrich zum goldenen Zepter im Oriente zu Breslau. 1843, 3, steht es als „Schluß-Lied“ und mit der Angabe: Geisheim.

(Der Lehrer und Lyriker Johann Karl Wilhelm Geisham (auch: Geisheim) lebte von 1784-1847.)

In: August Wolfstiegs „Bibliographie der freimaurerischen Literatur“, Band II, 1912, 786, ist verzeichnet.
39597. Putsche, [Karl Edu.]: Ein Freimaurerlied von Schiller. [Verf. vermutet, dass nicht Friedr. v. Schiller der Verf. des Liedes: „Grosser Meister, dessen Allmacht Myriaden Welten baut ...“ ist, sondern dessen Sohn, Karl v. Schiller.] HL. 10 1877 S. 738-739.

In August Horneffer: „Freimaurerisches Lesebuch“, 4. Aufl. 1951, 160, findet sich das „Gebet“ Konrad Ekhof (1720-1778) zugeschrieben.

In welchen freimaurerischen Liederbüchern kommt es vor?


Im allgemeinen wird das Gedicht knapp als „Gebet“ bezeichnet.
Ausnahmen sind:
1795, 1801, 1817: An Gott
1817: Kettenlied
1824: Erhebung des Gemüths zu Gott
1832: Zum Lobe Gottes
1834: Gebet vor der Tafelloge
1841 Hymne
1843: Schluß-Lied
1845: Schluß der Arbeitsloge
1853: Schlußgebet (in der Kette)
1860: Am Anfang und Schluss der Arbeit

In Heinrich August Ottokar Reichard: „Erster Nachtrag zu dem Lieder-Anhange in der Sammlung für freye und angenommene Maurer“. 1780, 3, trägt es den Titel: Gebet
Im „Allgemeinen Gesangbuch für Freymäurer“, 1784, 60, trägt es den Titel: „Gebet“
In Böheims „Freymaurer Lieder mit Melodien“, Dritter Theil, 1795, 2-3 trägt es den Titel „An Gott“; als Komponist ist angegeben: Hurka
In „Auswahl der brauchbarsten maurerischen Gesänge herausgegeben von der Loge zum Morgenstern in Hof“, 5801 [= 1801], 3, steht das Gebet in der Rubrik: An Gott, oder zum Lobe des großen Weltenbaumeisters
In „Vollständiges Gesangbuch für Freimaurer“. 1801a, 118, trägt es keinen Titel
In „Maurerische Gesänge für die Loge Archimedes zu den drei Reißbretern in Altenburg“, 1804, 113, trägt es keinen Titel; als Komponist ist angegeben: Bierei
In: Auswahl von Freimaurer Liedern für die Loge Sokrates zur Standhaftigkeit in Frankfurt am Main. 1808, 5-6, hat es keinen Titel
In „Lieder für Freymaurer“, Hannover 1809, 9, steht das Lied in der Rubrik: Gebet
In „Freymaurer-Lieder zum Gebrauch für die St. J. Loge“, 5813 [= 1813], 79, unter dem Titel: Gebete
In „Gesänge für die Loge Ernst zum Compaß in Gotha“, Fortsetzung 1817, 262, trägt es den Titel: „Kettenlied“;
in der Ausgabe 1860, 57, gehört es ins Kapitel: „Am Anfang und am Schluss der Arbeit“ und ist gekennzeichnet: Hurka. -- v. Schiller
In „Maurerische und gesellschaftliche Lieder zur Gebrauch der Großen Landes-Loge von Deutschland in Berlin und ihrer Töchter-Logen“. Berlin: W. Dieterici 1817, 3, gehört es zum Teil: I. An Gott
In „Auswahl maurerischer Gesänge. Zum Gebrauch der Loge: Eleusis zur Verschwiegenheit in Baireuth“. 1823, 43, trägt das Lied keinen Titel
In „Auswahl von Liedern für die Freimaurer-Loge Balduin zur Linde in Leipzig“, 1824, 1-2, steht es in der Rubrik: Erhebung des Gemüths zu Gott
Im „Liederbuch für die Große Landes-Loge von Deutschland zu Berlin und ihre Töchter-Logen“, 1832, 7, gehört es zur I. Abtheilung „Zum Lobe Gottes“ und hat keine weitere Angaben,
1857 und 1869, 2, ist es gekennzeichnet mit: Ged. v. Schiller. --- Comp. von B. A: Weber.
In „Neues Gesangbuch für die große National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln in Berlin“, 1834, 9, gehört es zur I. Abtheilung: Gott, und zwar zu den Gebeten vor der Tafelloge, und hat keinen Autor;
1841, 9, gehört es zur I. Abtheilung „Gott“, und wird „v. Schiller“ zugeschrieben.
In „Liederbuch des Logenbundes im Königreiche Hannover“. 1835, 4, steht das Lied in der Rubrik: Andacht, I. Gebet
In „Freimaurer-Lieder zum Ersten Jahres-Feste der Einweihung der sehr ehrw. gerechten und vollkommenen St. Johannis-Logegenannt Prinz von Preussen zu den drei Schwertern in Solingen“, Am 5. Dezember 5841 [1841], 20, steht das Gebet unter dem Titel: Hymne
In „Gesänge für Brüder Freimaurer. Gedruckt unter Leitung eines Mitgliedes der St. Johannis-Loge Julia Carolina zu den drei Helmen in Helmstedt“, 1845, 3, steht es unter dem Titel: II. Schluß der Arbeitsloge

ferner in:
Die Bauhütte, IV. Jahrgang, N0. 34, Leipzig, den 24. August 1861, 268

Wer hat es vertont?

Der Text wurde offenbar vertont von
Friedrich Franz Hurka,
Gottlob Benedict Bierey,
Bernhard Anselm Weber und
Gustav Albert Lortzing (1829).
http://www.mvmm.org/c/docs/div19/lowv19_1.html

In: Gesangbuch für Freimaurer. Zusammengestellt und arrangirt von Br. Friedrich Erk,
kommt es zweimal vor, beidemale unter dem Titel: Schlußgebet (in der Kette)
2. Aufl. 1853, 5-7 und 105-106;
12. Aufl. 1909,
zuerst (6-8) mit einer Melodie von Br. Friedr. Erk. 1851;
das zweitemal (153-154) mit den Angaben:
Auch nach Mel. Nr. 17 (= Lobgesang. Mel. von H. G. Nägeli. † 1836)
Nach mündlicher Überlieferung

In: Geschichte der Freimaurerloge Pforte zum Tempel des Lichts in Hildesheim, 1863, 30, ist das Gebet als vierstimmiger Schlusschor in der Kette und als Komponist Ph. Tietz angegeben.

In: Allgemeines Handbuch der Freimaurerei“, Band I, 1900, 461 steht, der Leipziger Kapellmeister Franz Anton Hofmeister „soll .. Komponist sein von:‘Grosser Meister, dessen Allmacht Myriaden Welten baut‘, was aber nicht erwiesen ist“.

In: August Wolfstiegs „Bibliographie der freimaurerischen Literatur“, Band II, 1912, 783, ist unter Nr. 39529 verzeichnet.
Maurerisches Gebet für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte comp. von Adolph Kugler. Darmstadt: Zernin (1880) … Nit Noten; „Grosser Schöpfer, dessen Allmacht …“

Wie lautet der Text?

Version 1775 (Loge zum flammenden Stern in Berlin)


Grosser Meister, dessen Allmacht Myriaden Welten baut,
Dessen sonnenhellres Auge segnend durch die Schöpfung schaut;
Sieh herab auf diese Loge, kröne ihrer Hände Werke,
Ihren Bau erfinde Weisheit, schmücke Schönheit, gründe Stärke,
Freyheit thron in ihrer Halle, Tugenden erleuchten sie,
Und der Freundschaft feste Kette, würd’ge Brüder, reisse nie!

Version 1778 (Loge Ferdinand zur Glückseligkeit im O. von Magedburg)


Grosser Schöpfer deß Allmacht
Myriaden Welten bauet
Deßen Sonnen Hellers Auge segnent
durch die Schöpfung schauet
Laß des Maurers Fleiß gelingen
Segne Seiner [!] Hände Wercke
Unsern Bau erhöhe Weisheit
schmücke Schönheit Gründe Stärcke
Freyheit wohn in unsern Hallen
Tugenden erleuchten Sie [!]
Und der Freundschaft feste Kette
würdige Brüder, reiße nie

Verschiedene Versionen ab 1780


Großer [1861: Du aber,] Meister, dessen Allmacht
Myriaden Welten baut,
Dessen sonnenhelles [1784, 1801, 1809, 1813: sonnenhell’res] Auge
Segen [1824, 1841, 1853: segnend; 1909, 6: Segen] durch die Schöpfung schaut:

Laß der Maurer [1780, 1784, 1801, 1808, 1809, 1813, 1823, 1824, 1845 und 1853: des Maurers; 1861: unsern] Fleiß gelingen,
[1835, 1863: Wache ob des Maurers Arbeit,]
Segne ihrer [1780, 1784, 1801, 1808, 1809, 1813, 1823, 1824, 1835, 1845 und 1853: seiner; 1861: uns’rer] Hände Werke,
Unsern Bau erfinde Weisheit,
Schmücke Schönheit, gründe Stärke!
[1841: Gründe Schönheit, bilde Stärke.]

Freiheit wohn' in unsern Hallen,
Tugenden erleuchten sie,
[1835, 1863: Maurerthat bekränze sie,]
Und der Freundschaft feste Kette,
Würd'ge Brüder [1835, 1863: halte ewig,], reiße nie!

[1824, 1861:
Freiheit wohn in unsern Hallen,
Freude, die es redlich meint,
Und der Freundschaft feste Kette
Halt uns bis zum Grab vereint!]

Eine neue Version nach 1946

Eine weiter abgewandelte Version verwendet die Loge Lessing in Frankfurt am Main beim Zeremonial für eine maurerische Trauerfeier:
Trauer-Zeremonien

mit folgenden Veränderungen ab der 4. Zeile:
Unseren Bau begründe Weisheit, schmücke Schönheit, führe Stärke.
Tugend wohn‘ in seinen Hallen, Freundschaft stets erfülle sie,
und der Herzen feste Kette halte ewig, reiße nie!

Lösen wir die Kette unserer Hände, die der Herzen daure fort!

Siehe auch