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Rezension: David Stevenson: The Origins of Freemasonry

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Inhaltsverzeichnis

David Stevenson: The Origins of Freemasonry

Rezension von Roland Müller

Entstand die Freimaurerei in Schottland?

David Stevenson: The Origins of Freemasonry. New York: Cambridge University Press 1988; mehrere Aufl. bis 2004.


Der 1942 geborene David Stevenson hat als Professor für die Geschichte Schottlands an der St. Andrews Universität mehrere Bücher über sein Spezialgebiet geschrieben, 1988 gerade zwei über die Freimaurerei in Schottland. Das eine betrifft die Ursprünge der modernen Freimaurerei, das andere im speziellen einzelne Logen in Schottland mit ihren Mitgliedern.

Die These: Seit 1600 entstand die Freimaurerei in Schottland

Stevenson versucht das weitverbreitete Bild zu korrigieren, dass sich die Freimaurerei in England entwickelt habe. Er meint, dass im 17 Jahrhundert in Schottland „eine Bruderschaft von Männern entstanden sei, welche durch geheime Initiationen, Rituale und Erkennungszeichen verbunden und in Gruppen organisiert waren, die als ‚Logen’ bekannt sind“ (1). Daher versucht er möglichst viel Dokumente und Vermutungen über den Ursprung der Freimaurerei in England auszublenden oder gering zu machen. Bei der Lektüre dieses ausserordentlich dichtgepackten Werkes von fast 250 Seiten wird man daher immer wieder an die uralte Fehde zwischen England und Schottland erinnert, die offenbar auch heute noch virulent ist.

An Autoren lässt er nur die Engländer Douglas Knoop (Freimaurer) und Gwiylym Peredur Jones (nicht Freimaurer) sowie Harry Carr (Freimaurer) gelten – obwohl letzterer 1968 „600 Years of Craft Ritual“ publizierte. John Hamill ist ihm bereits zu „anglocentric“ (237).

Mehr Vermutungen als Beweise

Immer wieder betont Stevenson, dass es um strenge (historische) Wissenschaft geht. Bereits auf Seite 5 behauptet er jedoch, dass George E. W. Begemann 1914 über die „Vorgeschichte und Anfänge der Freimaurerei in Schottland“ geschrieben habe – der Mann hiess mit Vornamen schlicht Wilhelm. Der deutsche Ausdruck „Bauhütten“ (17) wurde im 15. Jahrhundert noch nicht verwendet; er stammt von Goethe.

Zum „wissenschaftlichen“ Gehalt mögen Zitate aus der oberen Hälfte einer einzigen Textseite (17) dienen:

„they are thought“
„there is no direct evidence … but in view of …“
„it is far from fanciful to suppose“
„no doubt“
„may have“
„were in all probability“
„but it is highly probable that“
„indicate“.

Abgesehen davon kann man sagen, dass Stevenson sehr sorgfältig arbeitet und sämtliches verfügbare Material, sofern es Schottland betrifft, verwertet. Was stört, ist die permanente anti-englische Stossrichtung.

Zwar findet Stevenson einige lobende Worte über die beiden (englischen) „Old Charges“ von 1390 und 1410, aber was sie schildern, hält er für ein blosses „Ideal“, nicht für Realität (17-18) und jedenfalls nicht von Bedeutung für die Maurerei als Organisation (217, 232).

Erst um 1600 wurden diese moralischen Schriften mit einer richtigen Organisation von „Logen“ und anderen Ingredienzien zur „Freimaurerei“ vermischt, und das geschah in Schottland. Der Zusammenschluss von vier Londoner Logen im Jahre 1717 zur ersten Grossloge hatte keine Bedeutung („in fact that date is almost an irrelevance“, 4).

William Schaw und die Herren Sinclair von Rosslyn

25 Seiten widmet Stevenson dem Königlichen Bauaufseher William Shaw, der für die Meistermaurer 1598 und 1599 Statuten aufstellte. Dabei malt Stevenson ein anschauliches Bild der Organisation der Maurer in Schottland um 1600 und des neuen „kohärenten Logen-Systems“, das Schaw aufbaute (34-44; vgl. 190-191, 214, 232).

Weitere 25 Seiten gelten den Herren Sinclair von Rosslyn („Lairds of Roslin“) und den folgenden Aufsehern („Masters of Works“) von 1600 bis 1669. Dabei stellen die vorhandenen Dokumente, insbesondere die beiden „St Clair Charter“ von 1601 und 1628, mehr Fragen als sie Antworten geben. Es sieht so aus, als sei der Anspruch der Familie Sinclair auf die Oberaufsicht über die Bauleute stets abgewehrt worden, beispielsweise von James Murray und Anthony Alexander (60-67; vgl. 191).

Im Juli 1634 wurde letzterer, zusammen mit seinem ältern Bruder Lord Alexander und Sir Alexander Strachnan of Thornton (198), in die Loge „Mary’s Chapel“ in Edinburgh aufgenommen. Ob Schaw und die Sinclairs einer Loge angehörten, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Stevenson vermutet es jedoch auf Grund von Indizien und bezeichnet Schaw als ersten „gentleman mason“ (197). Vermutlich war zur selben Zeit auch John Boswell initiiert (197-198).

Der Einfluss von geistigen Strömungen der Renaissance

Sogar 50 Seiten verwendet Stevenson auf die Schilderung der geistigen Strömungen der Renaissance, welche in die früher Freimaurerei eingedrungen sind, darunter Neuplatonismus, Alchemie und Hermetik, also eine Begeisterung für die magische Religion der alten Ägypter. Ausführlich werden auch die Ideen zur Gedächtniskunst anhand des Buchs von Frances A. Yates „The Art of Memory“ (1966; dt.: „Gedächtnis und Erinnern – Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare“, 1990) vorgestellt (87-96). Es könnte sein, dass die Schottischen Maurer bereits vor 1599 eine Art dieser Kunst praktizierten.

Ebenfalls auf eine Untersuchung von Frau Yates – „The Rosicrucian Enlightenment“ (1972; dt. „Aufklärung im Zeichen des Rosenkreuzes“, 1975) – stützt sich Stevenson bei der Beschreibung der Bewegung der Rosenkreuzer in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Schliesslich widmet er sich der Frage, weshalb ausgerechnet in Schottland diese Ideen aus der Renaissance in die Maurerei Einzug gehalten haben; wichtig dafür war jedenfalls auch die Reformation, also die Abkehr von althergebrachten religiösen Denkschemata (117-124).

Erkennungszeichen und Initiationsritual

Gut 40 Seiten gelten nun den Erkennungszeichen der Freimaurer und dem Ritual der Initiation im 17. Jahrhundert. Die Dokumente dafür stammen allerdings erst vom Ende des Jahrhunderts. Das Edinburgh Register House Manuskript von 1696 wird nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen. Es gilt als erster freimaurerischer Katechismus, stellt also wichtige Erkennungsmerkmale in Frage-und-Antwort-Form dar.

Akribisch geht Stevenson vorher den Spuren des sogenannten „Maurerworts“ nach, das seit 1630 in Schottland dokumentiert ist (125-135), doch erst im Katechismus wird klar, worum es sich handelt. Dabei muss in Rechnung gestellt werden, dass der Verfasser des Katechismus wenig von der Freimaurerei verstand (140, 142; vgl. 162). Offenbar handelt es sich um „fünf Punkte der Gemeinschaft“ und zwei oder drei Wörter (143-152). Bei der Behandlung des Initiationsrituals anhand der alten Manuskripte (153-165) spart er merkwürdigerweise ein Erläuterung des Eids aus.

Sir Robert Moray und die „Gentlemen“ in den schottischen Logen

Ein kürzeres Kapitel gilt dem Leben und Wirken von Sir Robert Moray, einem technisch und militärisch engagierten Abenteurer. In einigen Briefen gibt dieser Hinweise auf das, was ihm Freimaurerei bedeutete, obwohl er nur zweimal eine Loge besuchte (1641 und 1647). Eingehend zerpflückt Stevenson Morays „mason mark“, den fünfeckigen Sterns („pentakle“), den dieser als „Agapa“ interpretierte, als Symbol für Liebe und Freundschaft (178).

Längere Erörterungen über den „Kult der Freundschaft“ zu dieser Zeit (179-189) leiten über zu einer Schilderung der ersten schottischen Logen. Von einigen gibt es genaue Aufzeichnungen („records“, „minutes“) über Jahrzehnte, von andern kaum eine Notiz. Liebevoll sucht Stevenson alle Nachrichten zusammen, die man von der Aufnahme von „non-operatives“ von 1600 bis 1720 hat (196-208). Zum damaligen Logenleben hat er nur für fünf Seiten Hinweise gefunden.

Schottland gegen England – 11:4

Im 21seitigen Schlusskapitel fasst Stevenson nochmals zusammen. Er meint, die Mitglieder der schottischen Logen seit 1600 dürften zu Recht als „Freimaurer“ bezeichnet werden, obwohl die Rituale erst seit den Katechismen ab 1696 bekannt sind und es keine Grossloge als Dachverband gab (214-215). Ferner waren in Schottland die Logen stets gemischt, das heisst, die meisten Mitglieder waren operativ, nur wenige nicht.

In England dagegen gab es auch reine „spekulative“ Logen (seit 1620 oder 1646; 217-220; 229). Aber das heisst nicht, dass die schottischen Logen nicht über moralische Lehren (statt religiöse Bräuche) und esoterische Geheimnisse verfügten (215-216).

Auf Grund der wenigen in England erhalten gebliebenen Dokumente („the meagre surviving evidence“, 228) schliesst Stevenson, dass die englischen Logen viel weniger Wert auf das Verfassen von Aufzeichnungen legten als die schottischen und dass es sich eher um lockere Versammlungen von spekulativen Maurern als um richtige „Logen“ handelte („They were occasions rather than institutions“, 220, 221, 224; 229). Immerhin fanden Initiationen statt, vielleicht schon 1581 (217; vgl. 226) – wenn auch nur in einem Grad, nicht wie in Schottland in zwei ,- und war das Maurerwort bekannt, aber nicht so verbreitet.

In einer Zusammenstellung von „masonic ‚firsts’“ (7-8) kommt Stevenson zu einem Verhältnis von Schottland zu England von 11:4.

Das „Sloane Manuskript“: 1700 oder früher?

Erstaunlich ist, dass Stevenson die Vermutung ignoriert, dass vom Sloane Manuskript (allgemein auf 1700 datiert) die Urform vielleicht schon um 1650 entstanden ist. Er setzt den Text sogar in das erste oder zweite Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts (137) und behauptet, dass die Wortwahl zwar englisch sei, der Inhalt aber schottisch. Andernorts erwähnt er freilich, dass bereits 1697 ein „English traveller“ auf dieses Manuskript Bezug genommen habe (161) und dass es doch englischer Herkunft sein könnte (151).. Das ist insofern von Bedeutung, als das darin auftauchende Wort „Mahabyn“ ein Schlüsselwort ist (143-152).

Die Engländer setzten dem schottischen System bloss das Sahnehäubchen auf

Wie dem auch sei, Stevenson wird nicht müde zu behaupten, dass die Engländer die „Worte“ und Rituale von den Schotten übernommen haben (z. B. 163, 228). Er braucht sogar die Formulierung, es habe einen Ansturm von schottischen Praktiken auf England gegeben („the onslaught of Scottish practices“, 228). Auch die „Loge in ihrer modernen Form“ ist von Schottland aus in England eingedrungen (229, 230); man kann nur nicht erklären, warum das geschah („is impossible to say“, 231).

Jedenfalls übernahmen die Engländer im 17. Jahrhundert manches aus der schottischen Maurerei und begannen es nach 1700 „nach ihren eigenen Bedürfnissen umzuwandeln“ (231, 233), aber das war nur das „Sahnehäubchen“ auf dem schottischen System („the icing on the cake baked in Scotland“, 233).

Fazit

Fazit : informativ, aber einseitig

Stevenson hat versucht, das Beste aus den Quellen herauszuholen – für die schottische Sache. Das hat zu einem ausserordentlich informativen und genauen Werk geführt, das einzig an einer bedauerlichen Einseitigkeit leidet. Nicht zum wissenschaftlichen Anspruch passt das oftmals sehr aufdringliche Herausstreichen der schottischen „Errungenschaften“. Aber da die freimaurerische Geschichtsschreibung fast ausschliesslich england-hörig war und ist, kann man das verstehen.

Hinweise auf das Internet

Eine gute, freilich kurze Zusammenfassung seiner Auffassungen gibt David Stevenson in seiner (vernichtenden) Rezension von Margaret Jacobs Buch „The Origins of Freemasonry – Facts and Fiction“ (2006):
http://www.history.ac.uk/reviews/review/517

Eine weitere (vernichtende) Rezension des Buches von Margaret Jacob stammt von Monika Neugebauer-Wölk:
http://www.sehepunkte.de/2008/02/9957.html

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