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Rezension: Walter Göhring - Richard Coudenhove-Kalergi

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Rezension: Walter Göhring - Richard Coudenhove-Kalergi

Ein Leben für Paneuropa

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2016: Endlich gibt es eine umfassende Arbeit über eine der interessantesten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Richard Coudenhove-Kalergi – visionärer Paneuropäer und Freimaurer. Der renommierte Wiener Zeithistoriker Walter Göhring hat in jahrelangen Recherchen Material aus zahlreichen Archiven über den Gründer der Paneuropa-Bewegung und unermüdlichen Kämpfer für ein vereintes Europa zusammengetragen. Göhring hat damit nicht nur eine Biografie über Richard Coudenhove-Kalergi geschrieben, sondern gleichzeitig die jahrzehntelangen (vergeblichen) Bemühungen um Einigkeit auf dem alten Kontinent, auch nach dem Tod des Paneuropa-Initiators, bis in die Gegenwart beleuchtet.

Die folgenden Ausführungen von Gerd Palka aus Wien sind eine Rezension und zugleich eine Wiedergabe dessen, wie Walter Göhring den Freimaurer Richard Coudenhove-Kalergie charakterisiert. Dieser Aspekt nimmt im Buch breiten Raum ein.

Richard Coudenhove-Kalergi (1894 bis 1972) war ein unermüdlicher Kämpfer für seine Vision eines geeinten Europa und Begründer der Paneuropa-Bewegung. Aufgrund seiner Herkunft war er Weltbürger – und, nicht nur in seinem Werteverständnis, Freimaurer. Geboren in Tokio, aufgewachsen später in Böhmen und dann in Wien, der Vater aus altösterreichischem Adel, die Mutter aus japanischer Kaufleutefamilie, beherrschte er bald sieben Sprachen: Neben Deutsch, Englisch und Französisch auch Ungarisch, Russisch, Türkisch und Arabisch. Philosophische Fragen hatten ihn schon während seiner Schulzeit am Wiener Theresianum beschäftigt und veranlasst, Philosophie und Geschichte der modernen Zeit zu studieren.

Die Jahre des Ersten Weltkriegs prägten seine Gedankenwelt und führten ihn 1918 mit dem Friedensnobelpreisträger Alfred Hermann Fried zusammen. Fried, Freimaurer in der Loge Sokrates und dann in der Loge Humanitas, erkannte in Coudenhove-Kalergi einen jungen Mann, der mit seinen Idealen und weltoffenen Gedanken innerhalb der Freimaurerei wesentliche Beiträge für den Frieden in Europa liefern könnte. Fried selbst konnte ihm nicht mehr dem Bund zuführen, hatte aber für Coudenhove-Kalergi bereits etliche freimaurerische Kontakte geknüpft. Vier Monate nach Frieds Ableben stellte Coudenhove-Kalergi am 3. September 1921 sein Aufnahmeansuchen in die Loge Humanitas. Der Zeithistoriker Walter Göhring zitiert in seinem 2016 erschienenen umfassenden Buch „Richard Coudenhove-Kalergi – Ein Leben für Paneuropa“ aus diesem Antrag unter anderem: „Wie ich in manchen meiner Artikel… gezeigt habe, bin ich entschiedener Anhänger des Glaubens, dass die Menschheit geistige und sittliche Führer braucht, um vorwärts zu schreiten und sich höher zu entwickeln.“

Noch im selben Jahr, am 14. Dezember 1921, wurde Richard Coudenhove-Kalergi in die Loge Humanitas aufgenommen und machte sich sofort als sehr engagiertes Mitglied des Bundes bemerkbar. Er trat als Vortragender und Autor (in der „Wiener Freimaurer-Zeitung“) in Erscheinung. Mit Unterstützung der Großloge von Österreich erschien sein grundlegendes Werk „Pan-Europa“, von dem bald 60.000 Exemplare verkauft wurden. Frieds Friedensüberlegungen und Europavisionen, die – wie Göhring feststellt – in der österreichischen und internationalen Freimaurerei noch immer stark verwurzelt waren, entwickelte Coudenhove-Kalergi weiter und knüpfte für seine Vision eines geeinten Europa unermüdlich immer neue Kontakte.

Coudenhove-Kalergi war tatsächlich ein begnadeter Netzwerker, der zahlreiche Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft und Politik für sich interessieren konnte. Wenn es heißt, dass es immer wieder Ideen, Tatkraft und Durchsetzungsvermögen Einzelner sind, die wesentliche Entwicklungen in Gang setzen, dann ist Richard Coudenhove-Kalergi mit seinen vielen, in Göhrings Buch exzellent dokumentierten, Aktivitäten ein herausragendes Beispiel. Mithilfe seiner mittlerweile gewonnenen freimaurerischen Kontakte, unter anderem zum späteren Friedensnobelpreisträger Aristide Briand, bereitete er schließlich den ersten Paneuropa-Kongress vor, der 1926 stattfinden sollte.

Doch im Verlauf des Jahres 1925 wurde merkbar, dass Coudenhove-Kalergi zunehmend Abstand von der Arbeit innerhalb der Freimaurerei nahm. Er war zwar in der Bruderkette nach wie vor hoch angesehen, geriet aber durch seine Arbeiten in der Öffentlichkeit für die Paneuopa-Bewegung immer mehr unter Druck und suchte letzten Endes am 6. Mai 1926 „aus Gründen der Politik“ (wie er schrieb) bei seiner Loge Humanitas um Deckung an, die ihm auch bewilligt wurde.

Im Stadtbezirk Hietzing in Wien.
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Göhring analysiert dazu in seinem Buch, dass Coudenhove-Kalergi versucht hat, die Freimaurerei als große geschlossene Gruppe, seinen Vorstellungen entsprechend, für seine Paneuropa-Bewegung zu gewinnen. Und das obwohl er wusste, dass die Freimaurerei zwar als freier Bund weltweit existiert, aber „sich auch dadurch kennzeichnet, dass sie zum Grundprinzip die verpflichtende Autonomie hat“. Dazu kamen die in der Gesellschaft wachsenden Anfeindungen gegenüber den Freimaurern. Coudenhove-Kalergi stellte dazu selbst in seinen 1966 erschienenen Memoiren „Ein Leben für Europa“ fest: „Eine Zeitlang dachte ich daran, den Freimaurerorden für die Paneuropa-Bewegung zu gewinnen… Bald aber musste ich, nach Besprechungen mit früheren Freimaurern in Europa und Amerika, einsehen, dass die Freimaurerei der Paneuropa-Idee zwar viel Sympathie entgegenbrachte, sie jedoch, genauso wie alle führenden und verantwortlichen Persönlichkeiten, für eine Utopie hielten.“

Obwohl seine Zugehörigkeit zum Freimaurerbund nach nur viereinhalb Jahren zu Ende gegangen war, unterstützten die österreichischen Freimaurer weiterhin seine Vorbereitungen für den ersten Paneuropa-Kongress, der dann im Oktober 1926 unter großer Beteiligung führender Persönlichkeiten aus Europas Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Wien stattfand. Mit seinem Werteverständnis und seinen Visionen eines einigen Kontinents blieb Richard Coudenhove-Kalergi den Gedanken der Humanität und Brüderlichkeit Zeit seines Lebens verbunden. Seine Hoffnungen auf ein einiges Europa – unter, wie von ihm stets gefordert, Einbeziehung Russlands/der Sowjetunion – sind aber letzten Endes an der mangelnden Bereitschaft der Politik, den von ihm vorgezeichneten Weg konsequent mitzugehen, gescheitert. Denn schon bald haben die Nationalsozialisten, vor denen er 1938 in die USA flüchten musste, und dann nach Ende des Zweiten Weltkriegs und seiner Rückkehr nach Europa die Zeit des Kalten Kriegs diese Vision ad absurdum geführt.

Vergeblich haben Freunde des großen Paneuropäers (und er selbst) für ihn den Friedensnobelpreis angestrebt, aber 1950 wurde Richard Coudenhove-Kalergi als Erster mit dem Internationalen Karlspreis für die Einheit Europas ausgezeichnet. Mit seiner Paneuropa-Bewegung und als Berater unter anderem von Charles de Gaulle, Konrad Adenauer und Georges Pompidou war er ein wichtiger Wegbereiter der Gedanken der Europäischen Union. In seiner Biografie würdigt Walter Göhring seine Leistung treffend: „Richard Coudenhove-Kalergi war in vielen Fällen ein wichtiger Impulsgeber. Ein Mann der zweiten Linie, der sein Wissen im Sinne der Weiterentwicklung einer sich globalisierenden Welt an Entscheidungsträger weitergegeben und so Spuren hinterlassen hat“.


Walter Göhring, Richard Coudenhove-Kalergi, Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2016

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