Thule-Gesellschaft

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Thule-Gesellschaft

Die Thule-Gesellschaft war eine völkisch-antisemitisch orientierte Organisation, die kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs im August 1918 in München von Rudolf von Sebottendorf gegründet wurde und in ihrer stärksten Phase um 1919 rund 200 Mitglieder hatte. Sie wurde nach der in der griechischen Mythologie erwähnten Insel Thule benannt. Die Thule-Gesellschaft war rein politisch orientiert. Ihre Aktivitäten bestanden vor allem in der Bekämpfung der Revolution von 1918, der neuen bayerischen Regierung unter Kurt Eisner sowie der wenige Wochen nach dessen Ermordung folgenden Räterepublik. Danach verlor sie schnell an Bedeutung und löste sich um 1925 auf. In jüngerer Zeit ist sie Anknüpfungspunkt vielfältiger Verschwörungstheorien und Fiktionen.

Gründung

Die alldeutsch und antisemitisch orientierte Thule-Gesellschaft wurde am 17./18. August 1918 mit der Bezeichnung „Thule Gesellschaft, Orden für deutsche Art“ von Rudolf von Sebottendorf in München gegründet. Sie ging aus dem geheimen antisemitischen Germanenorden hervor und sollte einen Rahmen für öffentliche politische Aktivitäten bieten, ohne auf den Orden selber aufmerksam zu machen.

Versammlungsort der Thule-Gesellschaft war das Münchener Luxus-Hotel „Vier Jahreszeiten“, dessen Inhaber, die Familie von Alfred Walterspiel, mit zum wichtigsten Gönner wurde. Die Mitglieder waren überwiegend Akademiker, Aristokraten und Geschäftsleute. Als Emblem der Gesellschaft wurde ein Hakenkreuz mit Strahlenkranz hinter einem blanken Schwert gewählt.

Kurzbeschreibung

von Ralf G. Jahn

Bayerische Tarnorganisation, hervorgegangen im August 1918 aus dem „Germanenorden“. Unter der Leitung des Abenteurers, Esoterikers und Okkultisten Rudolf von Sebottendorff (1875-1945) wurde sie nach dem Sturz der Monarchie 1918 zur wichtigsten gegenrevolutionären Kraft in München. In der "Thule-Gesellschaft" tummelten sich 1918/19 mehrere Personen, die später in der völkischen Szene und der NSDAP Bedeutung gewinnen sollten.

Kurz vor dem Fall der Räte-Republik wurden mehrere Mitglieder der Thule-Gesellschaft spektakulär ermordet ("Geiselmord").

Vorgeschichte

Der 1912 gegründete "Germanenorden", der Vorgänger der "Thule-Gesellschaft", hatte sich zwar, was die Formen betrifft, an den Freimaurerlogen orientiert, war aber von der politischen Ausrichtung genau das Gegenteil. Das Ziel des Germanenordens war eine „arisch-germanische religiöse Wiedergeburt“.

Der "Germanenorden" war zwar nach Freimaurer-Vorbild organisiert, aber eher eine Anti-Freimaurer-Organisation. Das Ritual verband Elemente der Freimaurerei mit solchen der völkischen Ariosophie (Guido von List) und mit Musik von Richard Wagner. Zu den verwendeten Symbolen gehörte die Swastika („Hakenkreuz“).

Mit der Gründung der Thule-Gesellschaft 1918 verlor der "Germanenorden" rasch an Bedeutung; seine Mitglieder wanderten dorthin ab.

Historischer Hintergrund

1918/19 herrschte in München eine Räterepublik, die sich immer mehr radikalisierte. Die Gründung und Organisation von rechten politischen Vereinigungen war nahezu unmöglich. Da wurde dann von Münchnern Angehörigen des „Germanenordens“ die "Thule-Gesellschaft" als Kulturvereinigung gegründet, unter deren Decke vielerlei Aktivitäten stattfanden und koordiniert wurden. Sie war eher ein politischer Geheimbund. Sowohl die DAP (später in NSDAP umbenannt), der „Völkische Beobachter“ als auch des Freikorps Oberland sind aus ihr hervorgegangen.

Die „Thule-Gesellschaft“ und die Münchener Räterepublik 1918/19

Die alldeutsch und antisemitisch orientierte Thule-Gesellschaft wurde am 17./18. August 1918 mit der Bezeichnung „Thule Gesellschaft, Orden für deutsche Art“ von Rudolf von Sebottendorf in München gegründet. Mitglieder waren hauptsächlich Akademiker, Adlige und Geschäftsleute. Versammlungsort der Thule-Gesellschaft war das Münchener Luxus-Hotel „Vier Jahreszeiten“, dessen Inhaber, die Familie von Alfred Walterspiel, mit zum wichtigsten Gönner wurde. Ihr Symbol war das Hakenkreuz hinter einem senkrecht stehenden, blanken Schwert, ihr Gruß "Sieg und Heil".

Am 3. August 1919 wurde der Verein unter dem Namen „Thule-Gesellschaft zur Erforschung deutscher Geschichte und Förderung deutscher Art e.V., Sitz München“ ins Vereinsregister eingetragen. Die Gesellschaft stand in deutlichem Gegensatz zu den Freimaurern, kopierte aber deren Organisationsform. "Thule", das Wort für ein sagenhaftes Land im Norden, diente als Deckname.

In den "Vier Jahreszeiten" brachte Sebottendorff auch das Büro der Thule und die Redaktion ihrer Zeitung unter: "Münchener Beobachter" (1920 umbenannt in „Völkischer Beobachter“). Unter dem Dach der „Thule-Gesellschaft“ schlüpften fast alle nationalistischen Gruppen, die ihre bisherigen Räumlichkeiten verloren hatten, unter. Dazu gehörten die Nationalliberale Partei, der Alldeutsche Verband, der Deutsche Wehrverein und der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband.

Nach der Proklamation des Freistaates Bayern am 8. November 1918 wurde der "Kampfbund Thule" als militärischer Arm der Gesellschaft gegründet. Der Thule ging es nicht um die Wiederherstellung der Monarchie, sondern um die Errichtung einer Diktatur auf rassistischer Grundlage. Ihr Kampfbund, aus dem im April 1919 das Freikorps Oberland hervorging, beteiligte sich im Dezember 1918 an den Vorbereitungen eines Staatsstreiches, der in letzter Minute verhindert werden konnte. Es handelte sich um die sog. „Bürgerwehr-Affäre“, die beinahe zum vorzeitigen Ende der Regierungskoalition aus MSPD und USPD geführt hätte.

Die "Thule-Gesellschaft" war in Wahrheit war nichts anderes als ein rassistischer, stark antisemitischer und völkischer Geheimbund, dessen Hauptanliegen im Kampf gegen die Münchener Räterepublik lag. Von allgemeinen okkulten Übungen oder Zielsetzungen ist – trotz Rudolf von Sebottendorff – in den erhaltenen Schriften oder Sitzungsprotokollen der Gesellschaft nichts zu finden.

Für die in den letzten Wochen der Räterepublik in München verbliebenen Mitglieder der Thule-Gesellschaft standen 2 Tätigkeiten im Vordergrund : zum einen die Anwerbung und Überprüfung von Freiwilligen für die Freikorps sowie deren Abtransport aus München und zum anderen das Sammeln von Nachrichten über die Lage in München und ihre Übermittlung an die militärischen Stellungen außerhalb der Stadt.

Die völkische Thule-Gesellschaft organisierte während der Zweiten Räterepublik ein umfangreiches Spitzelwesen und war an zahlreichen Sabotageakten gegen die „Rote Armee“ beteiligt. Im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen deren konspirative Tätigkeit veranlaßte die „Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution“ die Verhaftung von 7 Thulemitgliedern und betrachtete sie unter dem Eindruck der herannahenden Regierungstruppen als Faustfand. Nach kurzer Gefangenschaft wurden die verhafteten Mitglieder der Thule-Gesellschaft und die inhaftierten Regierungssoldaten am 30.04.1919 im Hof des Luitpoldgymnasiums durch Rotarmisten erschossen („Geiselmord“).

Geschichte der Thule-Gesellschaft nach dem Untergang der Räterepublik

Als die Räterepublik 1919 beseitigt wurde, zerfiel auch die "Thule-Gesellschaft" in rivalisierende Gruppen. Sie verkam zu einem kleinen bedeutungslosen Verein von etwa 20 Mann (von früher 1.500 Mitgliedern im Winter 1918/19, davon 250 in München) und spielte in der völkischen Bewegung nur noch eine untergeordnete Rolle. Aktivitäten gab es kaum mehr, NSDAP und Oberland hatten sich längst abgenabelt.

Da schließlich weniger als 20 Mitglieder übrigblieben, die sich zu Gedenksitzungen versammelten, wurde die „Thule-Gesellschaft“ um 1925 aufgrund mangelnder Unterstützung aufgelöst. 1932 wurde sie aus dem Vereinsregister gelöscht.

Mehrere Neugründungsversuche, zuletzt 1933, blieben erfolglos. 1933 veröffentlichte der Vorsitzende "Freiherr" von Sebottendorff ein Buch, in dem er sich als Geburtshelfer von Hitlers Karriere darstellen wollte. Aber bei ihm handelte es sich um einen Hochstapler, bei dem nicht einmal der Adelstitel echt war. 1934 wurde er aus Deutschland abgeschoben.

Die „Thule-Gesellschaft“ und die Frühgeschichte der NSDAP

In der Vorgeschichte der NSDAP spielte die Thule-Gesellschaft als ein völkisches Netzwerk eine bedeutende Rolle. Als aber Hitler der DAP beitrat, war sie nur noch Geschichte. Er selbst hielt von völkischer Esoterik sowieso nicht viel und lehnte "Germanentümelei" sogar ab. Er selbst hatte mit der "Thule-Gesellschaft" nichts zu tun.

Wie bedeutend die Vorreitertrolle der „Thule-Gesellschaft“ für die spätere NSDAP ist, ist umstritten. Auf jeden Fall läßt sich die frühe NSDAP hinsichtlich ihrer Sponsoren, Zeitschriften und Symbole direkt auf die „Thule-Gesellschaft“, den „Germanenorden“ und so auf die Ideen von Guido von List zurückführen.

Nachweisbare Kontakte von den führenden Persönlichkeiten der späteren NSDAP zur „Thule-Gesellschaft“ hatte Dietrich Eckart, der aber nur „Gast“-Status besaß, also nicht Mitglied war. Bei Rudolf Heß liegt zwar eine Mitgliedschaft vor, aber ein Einfluß von „Thule“ auf ihn nach dem Jahr 1919 gilt als unwahrscheinlich. Bei Alfred Rosenberg besteht ebenfalls mit Sicherheit ein Kontakt – nur welcher Art er war, ist umstritten. Auch bei Hans Frank und Gottfried Feder sind Berührungspunkte gegeben, aber nicht von entscheidendem Einfluß. Heinrich Himmler hatte überhaupt keine Kontakte zur „Thule“. Nach dem Rückzug des Thule-Mannes Karl Harrer aus der DAP kann von einem Einfluß der Thule-Gesellschaft auf den Nationalsozialismus keine Rede mehr sein.

Die DAP hatte wenig Interesse an völkisch-kulturellen Belangen. Ihre Linie war von extremem politischem und sozialem Nationalismus dominiert und basierte nicht auf dem arisch-rassistisch-okkulten Denkmuster des „Germanenordens“. Es gibt keinen Beweis dafür, daß Hitler die „Thule-Gesellschaft“ jemals besucht hat. Sebottendorf verließ die „Thule“ nach der Geiselerschießung im Juni 1919, während Hitler die DAP erst im September 1919 kennenlernte.

In „Mein Kampf“ (S. 395-398) denunzierte Hitler die „völkischen Wanderprediger“ und Kulturbegeisterten als völlig ineffektive Kämpfer in der Schlacht um Deutschlands Errettung und schüttete seinen Spott über deren Begeisterung für Altertümer und Zeremoniell aus. Er verachtete verschwörerische Zirkel und okkult-rassische Studien, statt dessen bevorzugte er einen direkten Aktivismus. Hitlers Angriff auf die von ihm verachteten „völkischen Wanderprediger“ spiegelt wahrscheinlich seinen Streit mit Harrer und der verschwörerischen Logen-Einstellung von Gruppen wie der „Thule-Gesellschaft“ und dem „Germanenorden“ wider. Sein Erfolgsrezept waren vielmehr die offenen massenpolitischen Parteiaktivitäten.

Bedeutung

Die Bedeutung der „Thule-Gesellschaft“ sieht Detlev Rose als „die eines Kristallisationspunktes des gesamten völkischen und nationalistischen Widerstandes gegen die Revolution“. Von einem okkulten Treiben ist weit und breit nichts zu bemerken. Das Hauptziel der „Thule-Gesellschaft“ war rein politisch und bestand in der Bekämpfung der Räterepublik.

Zur Bedeutung der Thule-Gesellschaft schreibt der Historiker Nicholas Goodrick-Clarke:

„Aufgrund ihrer Propaganda und ihrer konterrevolutionären Tätigkeit, aber auch wegen des Märtyrertodes der Geiseln spielten die ‚Thule-Gesellschaft‘ und der ‚Germanenorden‘ eine bedeutende Rolle beim Entstehen einer aufgeheizten und emotionsgeladenen Atmosphäre, in der extreme Bewegungen wie der Nationalsozialismus gedeihen konnten.“

Sein Fazit: In Wirklichkeit war die Thule-Gesellschaft eine rein weltliche, politische Kampforganisation, okkulte oder esoterische Rituale wurden nicht praktiziert. Insofern gilt es in der Geschichtswissenschaft als „Trugschluß“, anzunehmen, „der Nationalsozialismus hätte sich hauptsächlich in einem Dunstkreis des Okkultismus entwickelt“.

Mythos Thule

Weil die historische "Thule-Gesellschaft" sehr geheimnisumwittert war und auch kaum interne Dokumente existieren, gab es sehr viele Gerüchte, die insbesondere in der esoterischen Szene von Verschwörungstheoretikern ausgemalt und verbreitet wurden, vor allem nach 1945. Der Mythos "Thule" spielt in dem esoterischen Teil der rechtsextremen Szene immer noch eine besondere Rolle. Die heutige „Thule-Gesellschaft“ ist eine Neugründung und hat mit der historischen Organisation keinerlei Zusammenhang.

Quelle

  • Rudolf von Sebottendorf: Bevor Hitler kam. Urkundliches aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung, München 1933.

Literatur

  • Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Wiesbaden 2004.
  • Hermann Gilbhard,: Die Thule-Gesellschaft. Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz. München 2. Auflage 2015.
  • Heinrich Hillmayr: Roter und weißer Terror in Bayern nach 1918 - Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen der Gewalttätigkeiten im Verlauf der revolutionären Ereignisse nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. München 1974.

Sekundärliteratur

  • Hermann Gilbhard: Die Thule-Gesellschaft. Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz. Kiessling Verlag, München 1994, ISBN 3-930423-00-6.
  • Frank Jacob: Die Thule-Gesellschaft. Uni-edition, Berlin 2010.

Siehe auch

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