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Traktat: "Das Zeitlose in der Freimaurerei" von Wolfgang Kreis

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Inhaltsverzeichnis

Was war, was ist, was bleibt – das Zeitlose in der Freimaurerei

Festzeichnung des Großredners der Großloge A.F.u.A.M.v.D., Br. Wolfgang Kreis, zum Großlogentreffen 2019 in Mannheim


Die Welt verändert sich dramatisch – und wir?“, lautet das Motto unseres diesjährigen Großlogentreffens. „Es muss sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist“, schrieb Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896–1957), ein italienischer Schriftsteller in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“, schrieb Friedrich Schiller (1759–1805) Ende des 18. Jahrhunderts.

Das sind Sprüche, die wir alle mehr oder weniger kennen. Bei genauerer Betrachtung sehen wir schnell, dass diese Aussagen nicht wörtlich genommen werden können. Denn auf den ersten Blick hören sie sich gut an, auf den zweiten ergeben sie aber keinen Sinn. Sie sind also nur im übertragenen Sinn zu gebrauchen. Vieles, was mit der Zeit ging, ist schnell wieder verschwunden. Vieles, was nicht mit der Zeit ging, ist geblieben.

Was hat sich in der Freimaurerei mit der Zeit alles verändert, was ging mit der Zeit, was wurde bewusst aufgegeben, was ging schleichend verloren?

Symbole helfen, uns zu erden und zu norden

Es geht mir hier darum, beispielhaft aufzuzeigen, was sich in der Freimaurerei als dauerhaft erwiesen hat — den Kern sozusagen —, das, was Freimaurerei ausmacht, das Herz der Freimaurerei — und um das Außen, die Hülle sozusagen — das, was sich verändert, neu hinzukommt, wieder verschwindet — das Flüchtige, das, was aber gebraucht wird, damit Freimaurerei auf Dauer weiterbestehen kann.

Der Umgang miteinander, die maurerische Gesprächskultur, die Art, wie wir einen Diskurs führen, wird oft von Außenstehenden bewundert, aber diese Art einfach nachmachen oder kopieren, funktioniert nicht. Es muss also mehr dahinter stecken, als nur eine Technik oder eine Methode, die wir gut anwenden können. Meines Erachtens spielt das Ritual hier eine große Rolle, da es uns hilft, unsere Werte einzuüben und uns auch selbst zu reflektieren. Ob im Ablauf des Rituals oder als längerfristige Folge der Wiederholung dieser besonderen Umstände auch und im Besonderen außerhalb der Loge, ist hier eine dauerhafte Veränderung in den Ausführenden und Teilnehmenden möglich.

Das Ritual ist auch ein Leuchtturm oder eine Landmarke in einer aufbrausenden See, in einer sich beschleunigenden Gegenwart, in der wir auch einmal den Überblick verlieren können oder in der wir in einen Sog gezogen werden können, in den wir gar nicht hinein wollten. In unseren unruhigen Zeiten helfen uns die Symbole und symbolischen Handlungen, uns wieder zu erden oder zu norden. Sie helfen uns zu sehen, wo wir mit unseren nicht nur moralischen Ansprüchen im Alltag und im Berufsleben stehen. Manchmal ändern wir dann auch die Richtung, ändern unseren Sinn.


Ohne Bewährung in der Welt ist Freimaurerei nur Zeitvertreib

Interessant wäre einmal eine Untersuchung, ob nicht jede Generation glaubt, dass sie in unruhigen Zeiten lebt, und dass das zum Menschsein oder zum Leben einfach dazugehört.

In der humanitären Freimaurerei geht es darum, dem Menschen die Möglichkeit zu geben, an sich zu arbeiten, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen. Früher hieß das Selbstvervollkommnung, ein Begriff, den wir heute noch im Ritual verwenden. Zeitgenössischer wäre der Begriff Persönlichkeitsentwicklung, vielleicht auch Unterstützung bei der freien Entfaltung der Persönlichkeit, wie es das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland vorsieht, das übrigens vergangene Woche seinen 70. Geburtstag feierte.

Parallel zu dieser Arbeit an sich selbst sollte aber der nächste Schritt nicht vergessen werden — die Mitarbeit in der Gemeinschaft, auch und insbesondere außerhalb der Bruderschaft. Der Auftrag, uns in der Welt draußen zu bewähren, ist ein dauerhafter Auftrag, den jeder Bruder im Rahmen seiner Möglichkeiten zu erfüllen hat. Ohne diesen Auftrag und seine Erfüllung wäre Freimaurerei nur Zeitvertreib und das Ritual ein Kinderspiel.

Im Ritual ist das Symbol des Tempelbaus etwas Dauerhaftes, wir finden es schon früh darin. Insbesondere bauen wir den Tempel der Humanität. Die Ausgestaltung dieses Tempelbaus war vor 300 Jahren eine andere als heute oder in der Zeit vor und nach den Weltkriegen. Dies können wir deutlich erkennen, wenn wir uns die Zeichnungen unserer Brüder dieser Zeiten ansehen. Bitte seid aber nicht zu kritisch bei der Beurteilung, versucht euch eher in die Zeit zu versetzen, soweit das überhaupt möglich ist, und versucht zu erkennen, was die Brüder damals sagen wollten. Das ist lehrreicher für uns heute, als es heute besser zu wissen.


Symbole sind zeitlos, aber nicht dauerhaft

Was wären nun Beispiele für das Flüchtige, das, was mit der Zeit verschwand oder das, was neu hinzukam? Der berittene Bote wird heute nur noch selten genutzt und wenn, dann hat er sein Pferd gegen eine viele Pferde starke Karosse ausgetauscht. Das meiste geht heute aber elektronisch. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als zu Sitzungen mit Postkarten eingeladen wurde, eine mühsame Arbeit für den Sekretär. Hier sind wir mit der Zeit gegangen. Auch nutzen wir das Internet und die modernen Medien intensiv, damit zeigen wir auch die modernen Möglichkeiten der Freimaurerei, ohne unseren Kern zu verlieren.

Es gibt auch Symbole, die aus den Ritualen verschwanden. In früheren Zeiten scheint der Bienenstock eine symbolische Bedeutung gehabt zu haben, denn wir können ihn auf vielen alten Bildern und Stichen sehen. Mir ist er als rituelles Symbol nicht bekannt.

In einem lehrreichen Beitrag für unsere Forschungsloge Quatuor Coronati beschreibt unser kürzlich verstorbener Bruder Alfried Lehner die Entwicklung und Entstehung unseres aktuellen Rituals. In dem Beitrag erklärt er auch, warum Symbole, wie z. B. der Spiegel und die Geldstücke, heute hierin nicht mehr zu finden sind.

Symbole sind zeitlos, was sie aber nicht davor schützt, nicht dauerhaft zu sein. Hier hat eine geänderte Intention, was das Ritual betraf, dazu geführt, dass die eben erwähnten Symbole keinen Platz mehr hatten.

Wenn Symbole auch zeitlos sind, so kann sich die Interpretation der Symbole mit der Zeit verändern. Jeder Bruder sollte sich eine eigene Interpretation der Symbole erarbeiten. Hier spielt dann auch der Zeitgeist eine wichtige Rolle.


Wir müssen wissen, was wir eigentlich wollen

Wir haben aber keine vollkommene Wahlfreiheit bei der Interpretation der Symbole. Der Hammer bleibt ein Hammer, er lässt sich nicht in einen Zirkel uminterpretieren. Das wäre eine falschverstandene Interpretation. Der Winkel als Symbol der winkelrechten Lebensführung lässt uns aber die Freiheit zu interpretieren, was eine winkelrechte Lebensführung ist — und hier gibt es wohl sehr unterschiedliche Sichtweisen und Überzeugungen. Ein brüderlicher Austausch zwischen den verschiedenen Generationen in der Loge zu diesem Thema z. B. wäre sehr erleuchtend.

„Die Welt verändert sich dramatisch – und wir?“, um diese Frage beantworten zu können, müssen wir auch wissen, was wir wollen.

Br. Viktor Frankl (1905–1997), Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, beschäftigte sich viel mit Sinnfragen. Er meinte dazu: „Im Gegensatz zum Tier sagt dem Menschen kein Instinkt, was er muß, und im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagt ihm keine Tradition mehr, was er soll, und nun scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er eigentlich will.“



Br. Wolfgang Kreis ist seit 2014 Großredner der Großloge A.F.u.A.M.v.D. und Co-Moderator des Collegium Masonicum in Saarbrücken. Er wurde 2008 in den Bruderbund aufgenommen und ist Altstuhlmeister der Loge „Bruderkette zur Stärke und Schönheit“ in Saarbrücken.


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