Wertheimer-Schloß-Medaille

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Wertheimer-Schloß-Medaille

Die Wertheimer-Schloß-Medaille Sie besteht aus zwei Materialien: Einer Silberfassung und einer Kristallglaseinlage mit den gravierten Portraits zweier Männer, einst Brüder unserer Loge, den Brüdern Moritz Wertheimer und Dr. Siegfried Schloß. Das Glas sei uns Symbol für das zerbrechliche Individuum, dargestellt anhand der beiden Brüder, die von den Nazis ganz real zerbrochen, nämlich ermordet wurden. Der Silberring trägt die Lebensdaten der Namensgeber und ist zugleich Schutz für das Glas. Uns sei der Silberring zugleich Symbol für die Mahnung, dass Schutz immer möglich ist, wenn sich Viele - entschlossen für das Recht eintretend - schützend um Bedrängte scharen. Beides zusammen bildet uns eine symbolische Einheit zur steten Erinnerung an die Namensgeber: Die Wertheimer-Schloß-Medaille!

Die Wertheimer-Schloß-Medaille

Festvortrag

Für Moritz Wertheimer, Dr. Siegfried Schloß, von Kurt O. Wörl, Markt Feucht

Werte Festgäste! So ein großer, runder Geburtstag einer humanitären Freimaurerloge, ist immer auch guter Anlass, ein weit über das billigerweise zu erwartende „Normale“ hinausragendes mitmenschliches Engagement zu würdigen. Auch wir wollen diesen heutigen Festtag mit einer Würdigung verbinden und verleihen erstmalig unsere neu geschaffene „Wertheimer-Schloß-Medaille“.

Ich bin beauftragt, Ihnen vor der Laudatio auf jenen, der sie als Auszeichnung erhalten soll, die Medaille sowie ihre Namensgeber vorzustellen. Sie sehen die Wertheimer-Schloß-Medaille auf der Leinwand. Sie besteht aus zwei Materialien: Einer Silberfassung und einer Kristallglaseinlage, mit den gravierten Portraits zweier Männer, die ich Ihnen gleich näher vorstellen werde. (Abbildung folgt)

Das Glas sei uns Symbol für das zerbrechliche Individuum, dargestellt anhand zweier Männer, die von den Nazis ganz real zerbrochen, nämlich ermordet wurden. Der Silberring trägt die Lebensdaten der Namensgeber und ist zugleich Schutz für das Glas. Und uns sei der Silberring zugleich Symbol für die Mahnung, dass Schutz immer möglich ist, wenn sich Viele - entschlossen für das Recht eintretend - schützend um Bedrängte scharen. Beides zusammen bildet uns eine symbolische Einheit zur steten Erinnerung an die Namensgeber: Die Wertheimer-Schloß-Medaille!


Heute zum ersten Mal und künftig im dreijährigen Rhythmus wollen wir sie an Menschen mit Gewissen und vorbildlich mitmenschlich-ethischem Engagement verleihen.

Meine Damen und Herren, 100 Jahre Loge „Zur Wahrheit“ können nicht gefeiert werden, ohne derer zu gedenken, die für ihre Überzeugung und für ihren Lebensstil als Freimaurer gelitten haben, ja, ihr Leben lassen mussten.

Jüdische Mitglieder

Es waren dies in unserer Loge die beiden jüdischen Mitglieder, Justizrat Br. Dr. Siegfried Schloß und der Rechtsanwalt Br. Moritz Wertheimer die der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zum Opfer fielen. Viel wussten wir über die genannten Brüder bis vor zwei Jahren nicht. Die rechtzeitige Selbstauflösung unserer Loge noch vor der „Dunklen Zeit“ war vielleicht Ursache dafür, dass das Logenarchiv – wohl über mehrere Dachböden im Stadtgebiet Nürnberg verteilt – den massiven Bombennächten zum Opfer fiel. Wir wissen es nicht. So tat ich, mit nur vagem Wissen von den Brüdern in der Hand, das Naheliegende und setzte mich mit dem Stadtarchiv Nürnberg in Verbindung. An dieser Stelle sei besonderer Dank entrichtet an Herrn Gerhard Jochem, Mitarbeiter des Archivs, der mich auf das „rechte Gleis“ setzte und mich mit wertvollen Informationen zu unseren Brüdern versorgte. Heute wissen wir vor allem deshalb etwas mehr über sie.

Br. Moritz Wertheimer

Meine Bemühungen, etwas mehr über das Leben und Wirken Moritz Wertheimers zu erfahren, waren schwierig und nur mäßig erfolgreich, weil ich keinen lebenden Nachfahren mehr finden konnte.

Lebensdaten

Aber immerhin fand ich heraus:

Br. Moritz Wertheimer wurde am 15.07.1884 in Bruchsal (Baden) geboren. Er lebte seit 1911 in Nürnberg. Seine letzte Wohnanschrift dort war Heideloffplatz 5. Br. „Fritz“ – wie ihn die Brüder nannten - war dekorierter Offizier im I. WK. Zusammen mit seinem Sozius, Dr. Ludwig Ehrenbacher, vertrat er überwiegend Klienten aus dem linken politischen Spektrum und befand sich deshalb ab 1933 auf der Liste der potenziellen Staatsfeinde. Von den Nazis wurde ihm zusammen mit 42 weiteren jüdischen Rechtsanwälten die Zulassung als Rechtsanwalt entzogen. Von Nazi-Richtern wurde er 1938 zu 100.000 RM Geldstrafe und sechs Jahren Zuchthaus wegen eines „Devisenvergehens“ verurteilt. Näheres ist hierzu nicht bekannt, aber nahe liegt, dass er seine Auswanderung vorbereitete und deswegen sein Vermögen vor den Nazis in Sicherheit bringen wollte.

Deportation

Die Haftstrafe musste er antreten und bis 1942 im Zuchthaus in Amberg verbüßen. Von dort wurde er im September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Weitere Informationen zur bekannten späteren Weiterdeportierung am 18.05.1944 nach Auschwitz fand ich nicht. Er ist seither verschollen. Moritz Wertheimer war der dritte Meister vom Stuhl der Loge „[[Zur Wahrheit (Nürnberg)|Zur Wahrheit“, von 1912 bis 1914.

Br. Siegfried Schloß

Albtraum aus einer anderen Welt

Br. (Dr.) Siegfried Schloß‘ Schicksal liest sich für uns Spätgeborene wie ein Albtraum aus einer anderen Welt und steht doch nur beispielhaft für viele Leidens- und Todeswege deutscher Juden im Naziterror. Br. Schloß wurde am 03.03.1880 in Nürnberg geboren. Er war verheiratet mit Frau Helene, geb. Wallersteiner, sowie Vater von drei Töchtern.

Studiert hat er in Erlangen, München und Berlin und erwarb 1904 den Titel des Dr. jur. in Erlangen. Als Jurist war er von 1907 bis 1938 in Nürnberg tätig, wurde 1928 zum Justizrat ernannt. Er war als Unteroffizier Frontkämpfer im 1. Weltkrieg, SPD-Mitglied, Mitglied des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“ und des „Bunds Akademischer Sozialisten“. Ferner war er Gründer und Vorsitzender des „Volksbunds zur Befreiung der Kriegsgefangenen“, Vorsitzender der Nürnberger „Kriegsgefangenenheimkehrerstelle“. Die „Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener“ ernannte ihn zum Ehrenmitglied, die Ortsgruppe Nürnberg der „Kriegsgräberfürsorge“ zu ihrem Vorsitzenden. Versah er all diese Ämter ehrenamtlich, so galt sein hauptamtliches Engagement, als Syndikus des Mietervereins Nürnberg, von 1918 bis 1933 dem Interessenschwerpunkt Mietsachen, denen er darüber hinaus Vorträge, Gutachten und Publikationen widmete. Ab 1933 vertrat er hauptsächlich jüdische Mieter und Hausbesitzer.

Das von den Nazis inszenierte und euphemistisch als „Reichskristallnacht“ in die Geschichte eingegangene Pogrom vom 9. November 1938 traf die Familie von Schloß in voller Härte: Die Wohnung wurde von SA-Barbaren völlig demoliert. Die etwa 20jährige Tochter Meira Jerusalem (sie hieß damals noch Hildegard Schloß) schildert, in einem 1966 gefertigten und im Stadtarchiv Nürnberg vorliegenden Manuskript, in bewegenden Worten die Ereignisse. Sie können diese ausführlich in unserer Festschrift nachlesen. Über Br. Schloß’ Haltung als Mensch (und Freimaurer, wie wir wissen) schreibt Meira Jerusalem:

[...] „[Mein Vater] [...] fühlte sich als Bürger der Stadt verantwortlich seinen Mitbürgern gegenüber.

[...] Vater fühlte sich als Deutscher, als jüdischer Deutscher. Er glaubte an den Menschen als solchen, an das Gute in ihm. Alle sind gleiche Bürger und müssen versuchen eine bessere Welt zu schaffen, jeder in seinem Kreis, in seinem Volk, er also in Deutschland. Deshalb war Vater in der SPD tätig, gab Kurse an der Volkshochschule und als Rechtsanwalt half er Bedrückten, war z.B. Anwalt des Mieterschutzvereins. In diesem Sinne wurden wir 3 Töchter erzogen:

„Sei ein nützlicher Mensch in deinem Kreise in dem alle gleich sind, gebe soviel du kannst. Das bringt dir Befriedigung, ist den andern eine Hilfe und fördert das glückliche Zusammensein.“

[...]

Solchermaßen inmitten der Gesellschaft stehend, wird verständlich, warum Br. Schloß zunächst Deutschland nicht verlassen wollte. Obwohl Meira (Hildegard) ihre Eltern drängte, Deutschland zu verlassen, zögerte Br. Schloß lange, - leider zu lange. Meira (Hildegard) schildert sein Ringen so:

[...] „Vater glaubte nicht, dass es das letzte Wort sein kann. ‚Man muss den Kopf hochhalten und sich nicht unterkriegen lassen. Der Mensch ist nicht schlecht, er ist verblendet, er irrt, das Gute in ihm kommt wieder. Hier bin ich geboren, ich liebe die deutschen Schriftsteller, Philosophen, Komponisten, die Sprache, wie kann ich das alles aufgeben?’“ [...]

Auf das beharrliche Drängen Meiras (Hildegard), war die Familie zum Jahreswechsel 1939/1940 inmitten der Vorbereitungen für die Auswanderung. Inmitten dieser Vorbereitungen wurde Br. Schloß zum inzwischen fünften Mal verhaftet und im Gefängnis in Fürth eingesperrt, ohne dass ihm der Haftgrund genannt oder eine Anhörung gewährt wurde. Fünf Briefe aus seiner Haft in Fürth an seine Frau Helene geben wieder, was dem Erzähler kaum authentisch möglich wäre. Ich bitte Sie auch diese Briefe, wenn Sie möchten, in unserer Festschrift nachzulesen. Der letzte dieser fünf Briefe aus dem Gefängnis in Fürth waren zugleich die letzten Worte, die Br\ Schloß schriftlich an seine Frau Helene richten konnte. Schon am 10. März 1940 wurde die Frau zur Polizei vorgeladen. Ein Polizeibeamter händigte ihr die Asche ihres zwei Tage vorher in Sachsenhausen ermordeten Mannes aus.

Meira Jerusalems zwölfseitiges Manuskript endet mit den Worten:

[...] „Durch Vaters Erziehung kann ich mit offenem Herzen sagen, dass ich die Deutschen nicht hasse; - ich bin aber glücklich nicht einer von ihnen zu sein.“ Wer ist da, der es ihr verdenken könnte? Meira verstarb hochbetagt vor 3 Jahren in ihrer neuen Heimat Israel. Um so hilfreicher waren die Informationen – darunter die Abschriften der erwähnten Briefe – die mir ihr Ehemann, Michael Jerusalem aus Israel übersandte.

Betrachten Sie also nun die Wertheimer-Schloß-Medaille unter dem Aspekt des Gehörten. Es ist uns sehr wichtig, dass sie in Hände verliehen wird, die ihrer im ethisch-menschlichem Sinn würdig sind. Wir meinen diese Hände gefunden zu haben, doch ein anderer wird gleich die Laudatio auf sie halten.

Preisträger

MvSt. Br. Horst Kramer, Preisträger Karl Rebele, zug. GM Br. Helmut Schlund