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Traktat: England und Frankreich - zwei freimaurerische Rivalen

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Traktat: England und Frankreich - zwei freimaurerische Rivalen


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Graphic: Jens Rusch

Drei Jahrhunderte Wettstreit um Platz Eins

Warum haben sich die englische und die französische Freimaurerei spätestens ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auseinander entwickelt? Und in deren Schlepptau die Logen und Großlogen vieler anderer Länder? Und zwar so weit, dass es zwischen – wie es in der englischen Terminologie heißt – den ‚regulären’ und den ‚irregulären’ Logen kaum mehr Berührungspunkte gibt? Der englische Historiker, Journalist und Freimaurerpublizist Paul Calderwood hat das Mitte 2016 im unabhängigen Freimaurermagazin ‚The Square’ dargestellt. Von Rudi Rabe

Oft wird dieses „Schisma“ zwischen den „Engländern“ und den „Franzosen“ damit erklärt, dass der ‚Grand Orient de France’ (GOdF) gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer säkularer und tendenziell sogar atheistisch wurde. Er habe für seine Mitglieder die Vorgabe des Glaubens an ein „höchstes Wesen“ fallen gelassen und begonnen, im Ritual statt der üblichen „Heiligen Bücher“ einfach ein Buch mit leeren Seiten aufzulegen. Oder so ähnlich halt. Dies habe dazu geführt, dass die „Vereinigte Großloge von England“ (UGLE) alle Kontakte abbrach und die Franzosen mit einer Art Bann belegte.

Ohne ein großes Bild der Entwicklung zeichnen zu können, erschien mir diese Erzählung, seit ich sie kenne, irgendwie konstruiert. Einfach deswegen, weil bei großen Machtkämpfen – und das war das wohl – die nach außen dargestellten Begründungen immer mehr oder weniger vorgeschoben sind. Im Hintergrund geht es regelmäßig um Einfluss, Macht und das Ego der Kombattanten. Warum sollte das in der Freimaurerei anders sein?

Paul Calderwood hat den englisch-französischen Antagonismus über die ganzen dreihundert Jahre seit dem Entstehen der modernen Freimaurerei 1717 nachgezeichnet: aus englischer Sicht zwar, aber doch objektiv. In seinem Artikel legt er dar, wie sich die beiden Großlogen von Anfang an und nicht erst ab dem späten 19. Jahrhundert, wie es oft dargestellt wird, wenn man sich auf das Vordergründige konzentriert, um die ideelle Führung der weltweiten Freimaurerbewegung stritten. Letztlich war es und ist es bis heute ein Machtkampf um die ideologische Vorherrschaft, um die größere Gefolgschaft, um Einfluss und Bestimmungsmacht. Wobei diese Rivalität in den ersten zweihundert Jahren im Kern nichts anderes war als das verkleinerte Abbild des Wettrennens, das sich die damaligen Supermächte Großbritannien und Frankreich im 18. und im 19. Jahrhundert beim Aufbau ihrer globalen Imperien lieferten. Das Deutsch Reich und die Vereinigten Staaten erschienen ja erst später auf dieser Bildfläche.

Mit Genehmigung des Autors und von ‚The Square’ habe ich den Artikel für das Freimaurer-Wiki ins Deutsche übertragen. Er beginnt mit der Zeit vor hundert Jahren und greift dann bis 1717 zurück, dem Jahr also, das heute durch den Zusammenschluss von vier Londoner Logen als Start der modernen Freimaurerei gilt.



Paul Calderwood: Der Erste Weltkrieg und die Rivalitäten der Großlogen

Die 'Freemasons Hall London': Sitz der Vereinigten Großloge von England (Foto: mermaid, flickr cc).
Rue Cadet in Paris: Sitz des Großorients von Frankreich (Foto: Wikimedia Commons).

Der Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 fiel in eine Periode intensiver Rivalitäten zwischen Freimaurer-Großlogen.

Während des 20. Jahrhunderts kämpfte die ‚Vereinigte Großloge von England’ (UGLE) darum, ihre Einflusssphären zu sichern und innerhalb dieser die Ausbreitung anderer Lehrarten von Freimaurerei zu verhindern – besonders jener, die mit dem ‚Grand Orient de France’ (GOdF) zusammen hingen.

Es begann schon im 18. Jahrhundert

Die englisch-französische Rivalität setzte schon im 18. Jahrhundert ein. Die Auseinandersetzung mit dem GOdF war eine Folge der traditionellen Rivalität zwischen Britannien und Frankreich durch die ganze Neuzeit. Manche Historiker verstehen sogar die Gründung der englischen Großloge im Jahr 1717 auch als einen protestantisch-hannoveranischen Schachzug, der verhindern sollte, dass sich die jakobitische Bewegung, die ihr Zentrum in Paris hatte, ausbreiten konnte. (Die Jakobiten waren die Unterstützer des katholischen Hauses Stuart, das bis weit ins 18. Jahrhundert hinein immer wieder um den englischen Thron kämpfte: unmittelbar vor und um 1717 von neuem gegen das letztlich siegreiche protestantische Haus Hannover, das die Macht erst wenige Jahre vorher übernommen hatte. R.R.).

Als die beiden Länder ihren internationalen Einfluss durch die Schaffung rivalisierender Imperien ausdehnten, exportierten auch die britischen und die französischen Freimaurer ihre Logen immer weiter in die Welt hinaus. Manchmal waren es die vorrückenden Armeen, die in den Kolonien Logen gründeten und betrieben.

Die Differenzen zwischen den führenden englischen und französischen Großlogen wurden aber nicht nur durch die jakobitischen Sympathien der Franzosen befeuert, sondern auch durch die Gründung und Verbreitung zusätzlicher höherer Grade in Frankreich. Ebenso durch die Aufnahme von Frauen und durch die aktive Einmischung der französischen Freimaurer in die Politik.

Fortsetzung im 19. Jahrhundert

Mit Ausnahme der jetzt überholten jakobitischen Bewegung hielten die Gegensätze während des ganzen 19. Jahrhunderts an. Die Beziehungen zwischen London und Paris zerbrachen schließlich endgültig im Jahr 1877 als der Großorient die Vorschrift aufhob, dass jedes Mitglied seinen Glauben an Gott bestätigen musste. Im Gegenzug warfen die Franzosen der UGLE vor, andere wichtige Prinzipien nicht mehr zu befolgen und überhaupt die Regeln zum eigenen Vorteil zu verbiegen. Ein französischer Autor schrieb, dass diese Trennung der Wege in Wahrheit „zweifellos vor allem durch nationale Gefühle und politische Anliegen initiiert worden war“.

Sowohl die UGLE als auch der GOdF erkannten Tochter-Großlogen an, die, obwohl sie unabhängig waren, ähnliche Ansichten wie die Mutter-Organisationen teilten, und sie konkurrierten mit dem Ziel, die größere masonische Familie aufzubauen.

Somit erlebte der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zwei rivalisierende Freimaurersysteme, welche ihre globale Expansion anstrebten, wodurch Rempeleien um Territorien und überhaupt um die internationale Vorherrschaft unvermeidlich waren.

Das frühe zwanzigste Jahrhundert

Während der Regierung König Edwards VII. (1901 bis 1910) schoss die englische Presse ganze Breitseiten gegen die Freimaurerei der frankophonen Welt, der sie Säkularismus und Einmischung in die Politik vorwarf. Nicht überraschend freuten sich die Engländer 1913 sehr, als in Frankreich eine neue vom GOdF unabhängige Großloge gegründet wurde. Diese ‚Unabhängige Großloge von Frankreich’ (ab 1945 die ‚Grande Loge Nationale Francaise’) wurde von der UGLE sofort anerkannt. Allerdings schaffte sie es nie, die Größe des GOdF zu erreichen.

Die masonischen Beziehungen zwischen England und Frankreich wären vor 1914 wohl noch schlechter geworden, hätte es nicht den militärischen Aufbau in Deutschland gegeben. Die Kampfeslust mancher führender Freimaurer auf beiden Seiten des Ärmelkanals wurde durch das politische Bündnis der ‚Entente Cordiale’ (Großbritannien und England gegen das Deutsche Reich) gebremst, waren doch viele der politischen und militärischen Führungspersönlichkeiten in beiden Staaten zugleich einflussreiche Freimaurer.

Während des Ersten Weltkriegs 1914 bis 1918

Durch den Ausbruch des Krieges brachen 1914 die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den europäischen Großlogen zusammen. Die deutschen Freimaurer beendeten ihre Beziehungen zur italienischen und zur französischen Freimaurerei, und sie suspendierten die Kommunikation mit anderen Feindstaaten. Als Folge der antideutschen Gefühle in Britannien untersagte die UGLE allen Brüdern, die aus Deutschland, Österreich oder der Türkei stammten, den Zutritt zu ihren Logen.

Während des Kriegs rückten die masonischen Feindseligkeiten zwischen London und Paris in den Hintergrund. Danach wurden sie aber sofort wieder aufgenommen. Vor allem nachdem die Landkarte Europas durch die Friedensverträge neu gezeichnet worden war, ging es mit dem freimaurerische Gerangel weiter. Der Serie politischer Anerkennungen neu entstandener Staaten folgte ein Wettlauf zur Gründung neuer nationaler Großlogen, sei es in Polen oder in Bulgarien, und umgekehrt auch um die Anerkennung durch die führenden freimaurerischen Autoritäten entweder in London oder in Paris.

Die Herausforderungen nach 1918

Im Bestreben, mit der ab 1918 entstehenden neuen Weltordnung zurechtzukommen, organisierte der ‚Großorient der Niederlande’ 1921 eine internationale Freimaurer-Konferenz in Genf. Die UGLE verweigerte jedoch die Teilnahme, weil auch „irreguläre“ Obödienzen anwesend waren. Dieser Weigerung schlossen sich andere mit der UGLE befreundete Großlogen an.

Dennoch nahmen Delegationen aus vielen Ländern an der Konferenz teil. Sie riefen zur Gründung einer weltweiten Organisation auf: einer ‚Freimaurer-Liga’. Für die Freimaurerei, die bis zu dieser Zeit nie ein internationales Forum hatte, waren diese Konferenz und die vorgeschlagene Liga eine ganz außergewöhnliche Entwicklung. Nicht ganz unlogisch, hatte doch schon 1919 auch der Präsident des Ausschusses für allgemeine Fragen in der UGLE, Sir Alfred Robbins, für eine Freimaurer-Liga geworben; allerdings erfolglos.

Inspiriert wurden diese Ideen von einem Gefühl des pazifistischen Internationalismus, das dem – wie man damals meinte – „letzten aller Kriege“ folgte, und von den damit zusammenhängenden Bemühungen zur Gründung des Völkerbunds. Das hatte Erfolg. Es entstand die ‚International Masonic Association’ (IMA; französisch AMI; nicht zu verwechseln mit der UFL): Sie trat 1923 zusammen, wieder in Genf. Delegationen aus 23 Staaten beteiligten sich.

Während also die Bereitschaft für mehr internationale Zusammenarbeit allenthalben gefördert wurde, befürchteten viele Freimaurer in England und Wales, das sei nur eine hinterhältige französische Aktion, um den Einfluss der UGLE zurückzudrängen und die irreguläre Freimaurerei zu verbreiten. Diese Ängste vergrößerten sich schließlich durch einen Übergriff von außen: Groß war 1921 die Empörung bei einem UGLE-Treffen als bekannt wurde, dass in London eine Loge unter der Patronanz des ‚Großorientes von Belgien’ gegründet worden war, und dass der belgische Großmeister vor hatte, diese Loge zu besuchen.

Vielleicht noch mehr waren die englisch-französischen-Beziehungen schon Jahre vorher ruiniert worden durch die Entscheidung der ‚Grand Loge de France’, dem zweitgrößten freimaurerischen System in Frankreich, auch Frauen aufzunehmen. Das schwappte dann mit Unterstützung aus Frankreich 1902 auch nach England hinüber. Ebenso störte die UGLE, dass in England 1908 von Frankreich geförderte Dissidentengruppen wie die ‚Honourable Fraternity of Antient Masonry’ entstanden.

Auch die Deutschen galten als Störenfriede

Der GOdF und die mit ihm verbundenen Systeme waren nicht die einzigen, die jetzt in England als Bedrohung empfunden wurden: Die deutschen Großlogen versuchten ebenfalls ihren Einfluss auszudehnen. Auch wenn sie unmittelbar nach dem Krieg noch im freimaurerischen Abseits standen, organisierten deutsche Freimaurer 1918 ein Treffen zentraleuropäischer Freimaurer in Berlin. Es wurde hauptsächlich von Freimaurern aus Ländern besucht, die während des Kriegs mit Deutschland verbündet gewesen waren: Österreich, Ungarn und Türkei.

Als deutschen masonischen Expansionismus empfand man in England auch, als die Freimaurer aus Zeitungsartikeln erfuhren, dass die ‚Großloge von Norwegen’ an die UGLE einen Brief gesandt hatte mit folgender Information: „Die Provinzial-Großloge Polarstern, die (in Norwegen) unter der Patronanz der deutschen Großloge ‚Zur Sonne’ in Bayreuth gearbeitet hatte, wurde nun als unabhängige Großloge konstituiert. Die Großloge von Norwegen spricht dieser das Recht ab, so zu agieren, weil bereits eine nationale Großloge, die für das ganze Land Norwegen zuständig ist, existiert, und sie verweigert dieser neuen Obödienz daher die Anerkennung.“

Umtriebe dieser Art hatten Tradition, wie Aktionen der ‚Großloge von Hamburg’ demonstrierten, die 1901 in Kopenhagen zum Ärger der ‚Großloge von Dänemark’ eine Loge gegründet hatte.

Alfred Robbins, ein anerkannter Journalist, UGLE-Emissär in Nordamerika und dann Südamerika.
(Foto: The Square).

Englische Bemühungen um die USA

London verstand das alles als ernste Gefahren und reagierte nach 1918 heftig. Die Bedrohung aus Deutschland erwies sich als kurzlebig. Als Antwort auf die Aktionen der französischen Seite und der IMA schickte die UGLE aber einen hochrangigen Emissär, Sir Alfred Robbins, nach Amerika mit dem Auftrag, die Beziehungen zu sichern.

Die USA mit geschätzten drei Millionen Mitgliedern und Dutzenden von unabhängigen Großlogen standen für die größte Freimaurergemeinschaft der Welt. In der Mitte zwischen beiden rivalisierenden Freimaurerrichtungen stehend, sahen sich die Amerikaner viele Jahre in einer schwierigen Lage. Sie trafen sich immer wieder getrennt mit den beiden Lagern.

Robbins ausgedehnte Mission in Nordamerika dauerte 1924 fünf Monate. Er besuchte zehn Großlogen und traf sich mit vielen wichtigen Personen, um sie von seinen Anliegen zu überzeugen, und er hatte Erfolg. Er führte Gespräche mit dem Präsidenten des amerikanischen Höchstgerichtes, mit dem Außenminister und mit Präsident Coolidge, der ihn lobte, weil sich Robbins „einsetzte für die Freundschaft zwischen den beiden Ländern.“

Nach seiner Rückkehr berichtete Robbins der UGLE: „Ich komme zurück mit der vollen Gewissheit, dass die amerikanische Freimaurerei, deren Großlogen wir anerkennen, sich genau so zu den wichtigen freimaurerischen Prinzipien und Lehrsätzen bekennt wie die englische.“

Das Resultat dieser Reise bestätigte den Kurs der UGLE. Die englische und die walisische Presse berichtete darüber. Der Erfolg zeigte sich bald als die größte der amerikanischen Großlogen, die von New York, sich von der ‚International Masonic Association’ (IMA) zurückzog, weil „der Name Gottes und das Heilige Buch des Gesetzes in einigen europäischen Systemen abgeschafft wurde.“

Bemühungen um Südamerika

Schließlich beschäftigte sich die UGLE auch mit der Stärkung ihrer Beziehungen nach Südamerika. In der Tat hatte sie schon knapp vor Robbins’ Besuch in den USA die Großlogen von Mexiko, Panama und Kolumbien anerkannt, und dabei die gleichzeitige Anerkennung durch den französischen GO ausgeschlossen. Am Ende seiner USA-Reise wurde auch die Großloge von Venezuela anerkannt; und zwei Jahre später die von Puerto Rico.

1927 wurde Sir Alfred Robbins noch einmal auf eine lange Reise geschickt: jetzt nach Südamerika mit dem Auftrag, weitere Freundschaften aufzubauen. Seine Besuche wurden von der englischen und walisischen Tagespresse publizistisch begleitet: „Das Ergebnis von Sir Alfred Robbins Besuch in Südamerika manifestiert sich im Austausch von Botschaftern zwischen den regulären Großorienten von Brasilien und Uruguay.“

Obwohl Sir Robbins 1931 starb, gehört zu seinen Erfolgen auch noch die nachträgliche Anerkennung der Großloge von Bolivien im Jahr 1934 und ein Vertrag mit dem Großorient von Brasilien 1935. Weitere Bemühungen führten schließlich zur wechselseitigen Anerkennung zwischen der UGLE und der Großloge von Chile.

1930 hatten sich laut Robbins weniger als 25 Prozent der Weltfreimaurerei zum französischen Großorient bekannt.

Natürlich war das nicht das Ende der englisch-französischen Rivalität in Sachen Freimaurerei. Aber der Tod von Sir Alfred Robbins markierte den Abschluss einer wichtigen Phase in dieser langjährigen Story.

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