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Traktat: Vom Logenpalast zum Leopoldina-Hauptgebäude

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Vom Logenpalast zum Leopoldina-Hauptgebäude

Br. Guntram B. Seidler, AStM der Johannisloge Zu den fünf Türmen am Salzquell i. Or. Halle (Saale)

Die Geschichte des ehemaligen Logenhauses der Johannesloge „Zu den drei Degen“ - einer früheren Tochterloge der altehrwürdigen Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ - ist wohl die ungewöhnlichste aller deutschen Logenhäuser. In diesem mehrmals erweiterten und verschönten großen Palast war neben der Johannisloge deren altschottische Loge „Wilhelm zu den drei Nelken“ und der Delegierte Innere Orient sowie eine seit 1800 ihr angeschlossene bedeutende Kulturgesellschaft, die „Berggesellschaft“, heimisch.

1934 wurde nach der Selbstauflösung der Loge - was wohl ebenfalls einmalig ist - mit höchststaatlicher Genehmigung Grundstück und sonstiges Vermögen auf diese Ge-sellschaft übertragen. Somit fand keine Enteignung durch die Nationalsozialisten statt. Erst unter dem zugenommenen Druck nationalsozialistisch gesinnter Kreise wurde nach internen Absprachen mit dem Oberbürgermeister schließlich erst Anfang 1937 alles der Stadt Halle (Saale) geschenkt, nachdem die Loge bestimmte Materialien beiseite schaffen durfte. Und erstaunlicherweise wurden auch die dabei an die Stadt gestellten Bedingungen, das Haus auch weiterhin ausschließlich für kulturelle Zwecke zu nutzen, von dieser eingehalten.

Durch diese späte Übertragung sind glücklicherweise aufgrund von durch die allgemeine Mobilmachung bedingte Baukapazitätsbeschränkungen - überbaut oder überstrichen - viele wertvolle freimaurerische Relikte erhalten geblieben. Und seit 2012 dient als weitere Besonderheit dieses inzwischen prächtig sanierte Haus als Hauptsitz der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Doch blicken wir zurück! Die während der Strikten Observanz im Jahre 1765 gegründete Loge „Zu den drei Degen“ führte zunächst ihre Treffen in den Häusern von Brüdern oder in gemieteten Räumen durch. Auf Vorschlag ihres prominenten Mitgliedes, des Medizinprofessors Br. Johann Christian Reil, erwarb die Loge ein großes Grundstück neben der Moritzburg des Kardinals Albrecht auf dem sogenannten „Jägerberg“ (hier befand sich früher ein fürstliches Jagdhaus nebst Hundezwinger) am 3. März 1792 für 4.300 Taler. Durch Umbau des größten der ehemals von Hugenotten genutzten Häuser wurden ein Logen- und ein Speisesaal sowie mehrere Gesellschaftsräume geschaffen.

Die feierliche Einweihung des neuen Logendomizils fand am 7. Dezember 1792 statt. Interessant ist, dass Br. Reil ein Jahr danach in die die seit 1652 bestehende „Leopoldina“ gewählt wurde, so dass man mit Fug und Recht behaupten kann, ohne ihr früheres Leopoldina-Mitglied Reil hätte diese altehrwürdige Institution heute nicht so ein wundervolles Hauptgebäude.

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Blick auf den Jägerberg um 1800

1800 wurde hier aus finanziellen Gründen die „Berggesellschaft“ gegründet, die als kultureller Verein auch seriösen Nichtfreimaurern offen stand. Zu diesen zählten so bedeutende Zeitgenossen wie der Kanzler der halleschen Universität und der Franckeschen Stiftungen, der Theologe August Hermann Niemeyer, sowie der Theologieprofessor Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. Hier fanden regelmäßig gelehrte Gespräche zwischen Freimaurern und profanen Männern statt.

So weilte hier sogar der Dichterfürst und Freimaurer von Goethe im Jahre 1805 einige Male. Ab 1810 wurden regelmäßig die berühmten „Bergkonzerte“ durchgeführt, die unter anderem von den bekannten Komponisten Daniel Gottlob Türk, Johann Friedrich Reichardt und Robert Franz dirigiert wurden. 100 Jahre später erschien das Büchlein „100 Jahre Bergkonzerte“. Zeitweise besaß die Berggesellschaft bis zu 100 „Abonnenten“, deren Familienangehörige ebenfalls an Vorträgen, Konzerten und Bällen teilnehmen konnten. Insofern stellte 136 Jahre lang die Berggesellschaft eine bemerkenswerte Öffnung der Freimaurerei gegenüber der profanen Gesellschaft der Stadt Halle dar, was letzten Endes auch zum Ansehen der Loge beitrug, in der sich viele berühmte und verdiente Männer, wie Oberbürgermeister, Stadträte, Gelehrte und Industrielle befanden.

Nach einigen baulichen Erweiterungen wurde wegen der bald zu kleinen Räumlichkeiten zwischen 1821 und 1825 bei parallelem Abriss der alten Häuser ein völlig neues Gebäude errichtet. In diesem waren nun die Räume für die Logenarbeiten als auch ein Fest- und Konzertsaal für die Berggesellschaft vereinigt.

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Das neue Logenhaus um 1825

Doch dann kam der Zeitpunkt, dass das Logenhaus wiederum nicht mehr der gestiegenen Zahl der Logenmitglieder, der bearbeiteten Grade und der vielen Abonnenten der Berggesellschaft genügte. So entschied man 1864, den Westflügel nach teilweisem Abbruch zu erweitern. Bald schon, im Jahre 1887, wurde beschlossen, den mittleren und östlichen Teil des neuen Logenhauses in ähnlicher Weise wie den Westflügel von Grund auf zu erneuern. Im turmartigen Kopfbau entstand der Schottentempel für den 4. Grad, an dessen Außenfront in den Rundbögen drei symbolhafte Tonfiguren der Weisheit, Schönheit und Stärke aufgestellt wurden. Damit war schließlich ein prächtiger Logenpalast mit einem großen Konzertsaal sowie einem Speisesaal, fünf Arbeitssälen sowie vielen Gesellschaftsräumen mit einem wunderschönen Park in exponierter Lage entstanden.

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Der Ostflügel des Logenhauses um 1910

Um einerseits sich nicht dem nationalsozialistischen System durch die sinnlose Umwandlung in einen „Nationalen Christlichen Orden“ mit anzupassen, andererseits das Logenvermögen zu retten, beschloss die Degen-Loge am 27. April 1934 ihre Auflösung. Erstaunlicherweise genehmigte der Staat nach positiver Zustimmung durch den zuständigen Regierungspräsidenten und seiner Staatspolizeistelle am 13. September 1934 die Übertragung des Logeneigentums auf die Berggesellschaft, obwohl klar ersichtlich war, dass damit kein eigentlicher Eigentümerwechsel verbunden war. Denn das Polizeipräsidium Halle vermerkte am 30. August 1935: „Die Berggesellschaft ist der 3 Degenloge gleichzustellen und ist als die getarnte Organisation der Loge anzusehen.“

Als jedoch ab 1935 einzelne Übergriffe auf das Logengrundstück erfolgten und der Druck zunahm, löste sich die Berggesellschaft am 7. Februar 1936 schließlich selbst auf. Und sie übertrug am 29. Januar 1937 ihr Eigentum im Rahmen einer vereinbarten Schenkung an die Stadt Halle, mit der Maßgabe, dass das Haus auch weiterhin für kulturelle Zwecke genutzt wird. Die Stadt verpachtete daher am 12. April 1938 den größten Teil des Hauses an einen Gastwirt zwecks Nutzung als Restaurant mit Tanzsaal für die Bevölkerung. Lediglich die Logensäle im Obergeschoss des Ostflügels wurden zu Repräsentationsräumen der Stadt Halle für gesellige Veranstaltungen ausgebaut. Erst am 20. November 1940 wurden diese Räume durch eine Ratsherrensitzung mit anschließendem Empfang des Gauleiters eingeweiht. Dieser durfte diese Zimmer mieten, verzichtete jedoch bald darauf mit der Bemerkung, er würde ohnehin immer vom Magistrat eingeladen werden. Damit war die langjährige Annahme, dieses Haus sei der Sitz des Gauleiters, widerlegt. Aufgrund der Mobilmachung vor dem Zweiten Weltkrieg wurden glücklicherweise die Möglichkeiten zum Umbau des Hauses beschnitten, so dass so manches dabei nicht völlig zerstört wurde. Nach der Besetzung Halles waren 1945 hier zunächst kurzzeitig die amerikanische Stadtkommandantur und darauf die sowjetische Militäradministration untergebracht, die es dann vorwiegend als Kulturhaus nutzte. 1952 zog die Martin-Luther-Universität ein und benannte es nach dem russischen Schriftsteller und Revolutionär „Tschernyschewskij-Haus“.

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Der ehemalige Tempel I/II zum Empfangssaal des Oberbürgermeisters ausgebaut (1940).

Am 14. April 1998 erfolgte die Rückübertragung des Grundstücks an die gemeinnützige Weltkugel-Stiftung. Leider war es dieser nicht möglich, das große Haus zu sanieren. Bis 2001 wurde es an die hallesche Universität vermietet. Danach stand es leer und verfiel. Als kaum noch eine reale Chance für die Rettung des Gebäudes bestand, geschah 2009 das Wunder! Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina konnte Dank der Sanierungszuwendungen in Höhe von 15,7 Mio. € aus dem Konjunkturpaket II am 22. September 2009 das altehrwürdige Haus erwerben, das bis Ende 2011 als zukünftiges Hauptgebäude saniert, und damit gerettet wurde. Bei den denkmalschützerischen Voruntersuchungen konnten bei Restaurationsarbeiten unter anderem im Tempel V/VI viele eindrucksvolle Malereien und Ornamente teilweise frei gelegt werden. Es ist geplant, diesen Raum zukünftig als „Traditionsraum“ zur Geschichte des Hauses zu restaurieren. Viele der freimaurerischen Leopoldina-Mitglieder aus aller Welt können diesen dann bewundern.

Die vielbeachtete feierliche Einweihung des Hauses durch die Leopoldina fand am 25. Mai 2012 statt. Nicht nur die halleschen Freimaurer, auch die profane Bevölkerung Halles ist glücklich und stolz über die Rettung des nun weithin sichtbaren weißen Palastes. Die große Anteilnahme zeigt sich an den vielen gewünschten Führungen sowie die rege Teilnahme an den „Tagen der offenen Tür“. Diese humanitäre Nutzung für die Allgemeinheit durch die Leopoldina dürfte ganz im Sinne der ehemaligen Degen-Loge sein, in der sich auch früher viele Mitglieder der Leopoldina befanden.

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Das Hauptgebäude der Leopoldina


Anmerkung: Die eindrucksvolle Geschichte der Johannesloge „Zu den drei Degen“ und ihres Logenhauses (138 S., 61 Abb.) kann für 15 € zzgl. Porto und Verpackung vom Autor unter guntram.seidler@gmx.de bestellt werden.


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