2021: Hundert Jahre «Le Droit Humain» in Deutschland

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Auszüge aus einer Festrede, welche die Freimaurerin Susanne Balázs im Oktober 2021 in Berlin bei einer Veranstaltung im Rahmen der 100-Jahr-Feiern des deutschen Droit Humain gehalten hat - von der Autorin angereichert mit mehreren Tabellen, welche die deutschen DH-Logengründungen in diesen hundert Jahren dokumentieren.

Susanne Balázs ist eine österreichische Freimaurerin. Aus Budapest stammend ist sie 1956 nach Österreich geflüchtet: „Wie heisst das heute? Migrationshintergrund. Doch eine sehr gut geglückte Integration. Ich bin unserem Land sehr dankbar, dass ich hier nach meiner Façon habe leben dürfen.“ - Zur Freimaurerei kam sie durch ihren Mann Otto Balázs, der „begeistertes Mitglied der ‚Großloge von Österreich’“ war. Und so ist sie seit 1979 Mitglied im österreichischen ‚Droit Humain’. Als sie 2021 ihre Rede hielt, waren das mehr als Jahrzehnte. - Beruflich ist Susanne Balázs Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie.

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Wo beginnt unsere Geschichte?

Wo soll man den Beginn dieser hundertjährigen Geschichte ansetzen und wo endet sie? In Deutschland, in Holland, in Frankreich oder gar in England?

Diese 100 Jahre des Freimaurerordens für Männer und Frauen Le Droit Humain in Deutschland waren ein Spiegel der Europäischen Geschichte, mit ihren geistigen und politischen Strömungen, mit der wunderbaren demokratischen Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg, mit dem Zusammenbrechen des Erreichten, mit dem Aufrühren der Aggression das den nächsten Krieg brachte, der über 50 Millionen Menschenleben kostete und dann die mühevollen aber energiereichen Jahre des Wiederaufbaues mit all den psychischen Implikationen, als Nachbeben der Kriegsjahre.

Diese 100 Jahre spiegeln ein Auf und Ab einerseits von Aufbruchstimmung, Begeisterung, Schaffenskraft, Kreativität, Zusammenhalt, Weitsicht, Hilfsbereitschaft. Aber andererseits auch Enge, Missverständnisse, keine Bereitschaft zur Konfliktlösung und deshalb zum Teil Verfall von Geschaffenem.

Unser aller Anfang ist zweifelsohne der 04.04.1893, als in Paris die erste Loge, La Grande Loge Symbolique Ecossaise Mixte de France gegründet wurde, in der das erste Mal in der masonischen Geschichte Männer und Frauen gleichberechtigt miteinander rituell gearbeitet haben. Meisterin von Stuhl dieser Loge war die große Kämpferin für soziale Gerechtigkeit Maria Deraismes, der Redner war Georges Martin, Arzt der Armen und als Politiker ebenfalls Kämpfer für Gleichberechtigung der Geschlechter.

Im Laufe der weiteren Entwicklung, bereits 1896 verlangte Georges Martin, dass ähnliche Logen in der gesamten Welt gegründet werden sollen. Zu dieser Zeit welch ein revolutionärer Plan, welch eine Vision! Es zog Ringe, wie ein ins Wasser geworfener Stein! Die Verwirklichung nahm noch im selben Jahr in der Schweiz, in Zürich, seinen Anfang.

Und wie fand diese besondere masonischen Lebensart ihren Weg nach Deutschland?

In diese Richtung geschah 1904 ein wichtiger Schritt: Englische Mitglieder weihten in Amsterdam zehn Suchende aus den Niederlanden ein. Bei dieser Festarbeit hielt die Einweihungsrede Georges Martin als Großredner. Der Samen fiel auf fruchtbaren Boden, denn aus dieser ersten Loge entwickelte sich bis 1919 die Holländische Föderation. Die Schwestern und Brüder waren begeistert und sehr aktiv. Allerdings fegte der erste Weltkrieg ihre Pläne vom Tisch. Erst nach den Internationalen Konvent 1920 in Paris konnten die Pläne mit voller Kraft angepackt werden: Le Droit Humain sollte jetzt Deutschland, Österreich und das neu entstandene Land Tschechoslowakei erreichen.

Die Initialzündung und die helfende, unterstützende Betreuung der Logen dieser Länder ging durch Jahrzehnte von Holland aus. In der Zwischenkriegszeit genauso wie nach dem Zweiten Weltkrieg.

Mit ihrer Hilfe erfolgte am 23. Oktober 1921 die Gründung, die sogenannte Lichteinbringung der ersten DH-Loge in Deutschland. Dies war die Loge Nr. 726 Goethe in Frankfurt/M. Ein Jahr später 1922 leuchteten bereits die Lichter in Prag sogar in zwei Logen: in der Loge Nr.819 Giordano Bruno und am 23.Juli in der Loge Nr.752 Dobrovsky. Die Wiener Loge Nr 900 Vertrauen erlebte die Lichteinbringung auch 1922.

Die Geschichte der Zwischenkriegszeit

Wir wollen aber endlich bei der deutschen Geschichte ankommen, was gar nicht so leicht ist, denn das meiste der schriftlichen Unterlagen, die eine Auskunft über das Leben, über den freimaurerischen Alltag geben könnten sind teils durch das Naziregime und teils durch die Russische Besatzung verschwunden. So ist das Bild, welches ich präsentieren kann, eine Collage aus vielen verschiedenen Quellen. Es sind einerseits offizielle Mitteilungen unseres Ordens oder Arbeitsprotokolle und langjährige Korrespondenzen zwischen leitenden Beamten der Deutsch-Österreichischen Jurisdiktion.

Am 23. Oktober 1921 ist also das Licht in die erste Droit Humain Loge Deutschlands eingebracht worden: in die Loge Nr 726 Goethe in Frankfurt/Main durch die Niederländisch-Indische Föderation. Diese Loge war aktiv, stark und einflußreich. Ihre Strahlkraft erreichte Logen im In- und Ausland. Sie übernahm Patronanzen über die Loge Hansa in Hamburg und über die Loge Giordano Bruno in Prag. Trotz der damaligen Verkehrsverhältnisse waren zum Beispiel die gegenseitigen Besuche zwischen Frankfurt und Wien häufig, und die engen Bande zu den verschiedenen holländischen Logen galten als selbstverständlich.

Ein Zitat aus dem Offiziellen Bulletin 1928, welches jährlich die Meldungen aus den Logen der Niederländischen Föderation veröffentlichte, berichtet:

„Die Verbindung mit der Loge Goethe im Orient Frankfurt wurde Dank der hingebungsvollen Arbeit unseres Bruders Markus …. noch mehr verstärkt ... In Würdigung seiner großen Verdienste um die stete Entwicklung der Arbeit in Frankfurt hat die Loge Goethe Bruder Markus zum Ehrenmitglied ernannt. Bruder Krag hat ferner gelegentlich seines Besuches unserer Loge als Geschenk der Frankfurter Schwesterloge einen kunstvoll gearbeiteten Hammer überbracht."

Um zu sehen, wie damals gearbeitet wurde, legt ein Zitat Zeugnis ebenfalls aus dem Offiziellen Bulletin 1931 ab: Es gaben im Jahresverlauf „8 rituelle Arbeiten im 1°; 3 rituelle Arbeiten im 3°; 15 Vorhofarbeiten mit Übergang vom 1° über den 2° in den 3°; …”. Aufnahmen, Deckungen (= Entlassungen) und Ausschlüsse konnten erst nach einer Bewilligung durch die Holländische Föderation durchgeführt werden.

In Berlin entwickelte sich etwas zeitversetzt zu Frankfurt zunächst 1927 ein sogenanntes Dreieck, welches allmählich zur Loge wurde. Dies war die Loge Nr. 906 Zur Erkenntnis in die 1929 das Licht eingebracht werden konnte. Aus dieser Loge hat das Schicksal ein Schatzkistchen für die Nachwelt aufbewahrt, es enthält einen Teil der Mitgliederkartei.

Spannend und interessant, was uns diese Karteikarten erzählen. Eine der wohl ersten Schwestern, die in Deutschland in unserem Orden aufgenommen wurde, war Erna Oloff, Jahrgang 1881, gebürtig in Odessa, wohnhaft in Berlin-Wilmersdorf. Ihre Karteikarte ist in holländischer Sprache verfasst. Dies zeugt von der Zugehörigkeit ihrer Berliner Loge zu der Niederländischen Föderation.

Alle anderen Karteikarten würden uns schon in die Nachkriegszeit führen – da muss aber noch über einiges berichtet werden: Der politische Umbruch in der deutschen Geschichte traf die gesamte Freimaurerei des Landes hart. Die nationalsozialistische Machtergreifung 1933 führte zur Löschung der Lichter am 01. März jenes schicksalsreichen Jahres. Dies betraf nicht nur die Logen des Le Droit Humain, sondern letztlich alle freimaurerischen Organisationen, trotz vereinzelter Versuche der teilweisen Anpassung.

Leider konnte ich keine Unterlagen über die personellen Verluste finden.

Der Neuanfang nach dem Krieg

Nach 1945 hat der Erholungsprozess schon einige Jahre in Anspruch genommen. Die Neugründungen oder die Wiedererrichtung der Säulen geschah, wie es anders gar nicht zu erwarten war, in Frankfurt, wo der damalige Meister von Stuhl, F.K. Steinberger mit viel Energie und Optimismus die Arbeit anpackte.

Der Neuanfang begann mit viel Korrespondenz. Diese war eine klare Stellungnahme gegen die Nazizeit und auch eine klare Absage gegen die ungewollte Erbschaft dieser Zeit, wie das folgende Zitat aus der Feder Steinbergers bestätigt. Er wollte die zunächst zaghafte Mary Auner-Dickenson aus Wien, die in der Zwischenkriegszeit Meisterin von Stuhl der Loge Harmonie in Wien war, zur Logenneugründung ermutigen. Er schreibt:

”Wenn alle Leute Angst haben wegen dessen, was nun zurückliegt, dann werden wir nie einen kulturellen Fortschritt haben können. Man muss im Leben auch den Mut haben, einmal etwas zu wagen, was man für gut hält. Sonst ist das Leben nicht lebenswert.”

Es war wieder die Ausstrahlungskraft der Loge Goethe, die gegen Mitte der 1950-er Jahre die Lichter in West-Berlin, Hamburg und Wien endlich zu leuchten brachte, und in Dortmund, München und Darmstadt sogar zur Gründung neuer Logen führte.

Erlaubt mir, ein kurzes Zitat aus dem „Mitteilungsblatt für die deutsch sprechenden Mitglieder des Droit Humain“ aus Anlass des offiziellen Besuches des damaligen Großmeisters Charles Cambillard bei dem Sommer Johannisfest 1957 zu bringen. Er besuchte damals die Deutschen, Finnischen und Skandinavischen Logen:

„Die Wiedererweckung oder Neugründung von Logen in Deutschland und Österreich setzte ein Dank der ständigen Bemühungen unseres Hochwürdigen Bruders Thierens von der Niederländischen Föderation und die Wiederaufnahme der Arbeiten ist jetzt voll im Gang. Wir haben jetzt blaue Werkstätten in Frankfurt, Hamburg, Dortmund, West-Berlin, München, Wien und Darmstadt. Anlässlich des Besuches des Großmeisters in Frankfurt waren dort Vertreter sämtlicher Werkstätten mit Ausnahme der Hamburger, deren Besuch für den nächsten Tag vorgesehen war. Eine festliche Arbeit im 1° liess die Stärke und Tatkraft unserer Brüder und Schwestern von jenseits des Rheins erkennen. Unter der Leitung ihres Meisters von Stuhl, Schwester Anna Luise Steinberger und von Bruder Steinberger hat die Frankfurter Loge sich schnell entwickelt. Die harte Arbeit des Wiederaufbaues hätte keinen solchen Erfolg haben können ohne die Aktivität und Opferfreudigkeit von Bruder F.K. Steinberger.
Die Aufnahme des Großmeisters liess die große Liebe für unseren Orden deutlich erkennen. Die verantwortlichen Vertreter der Werkstätten konnten von ihren Schwierigkeiten berichten, die besonders aus der in manchen Orienten immer noch nicht ganz normalen politischen Lage herrühren, ferner von der Dringlichkeit, die in der Maurerei noch recht jungen Schwestern und Brüder in freimaurerischem Sinn auszubilden und in der Symbolik zu erziehen.
Noch an die Niederländische Föderation angeschlossen, bis die Bedingungen für die Aufstellung einer eigenen Germanischen Föderation günstig sein werden, legen unsere Deutschen und Österreichischen Werkstätten schon jetzt eine absolute maurerische Zuverlässigkeit an den Tag und suchen mit ausgesprochener Hingabe innerhalb und außerhalb ihrer Logen das Ideal des Droit Humain zu neuem Leben zu erwecken.“

Wenn man gut hingehört hat, bemerkte man das Gemisch vom Wortgebrauch verschiedener historischer Epochen und auch die Problematik, die sich für die Zukunft abzeichnet. Wie gesagt, dies sind die Großereignisse des Jahres 1957.

Hier möchte ich noch über der Karteikarte der Schwester Frieda berichten, welche auch voll die Nachkriegsproblematik zeigt. Sie war Mitglied der Loge Zur Erkenntnis, geboren 1891, aufgenommen 1954 – also nicht mehr jung. Sie wurde offenbar frühzeitig dement, denn zwei Jahre später, am 4. September 1956, wird sie aus der Loge „Entlassen, weil alt und nicht ganz gesund im Gehirn.“ …

In der Nachkriegszeit kam es also einerseits zu Wiedererrichtung der Säulen in den Logen in Frankfurt, Hamburg und Berlin – man hörte aber nichts mehr von Essen.

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Als wichtig zu erachten sind im Sinne der Weiterentwicklung die Neugründungen. So entstand 1956 in München die Loge Henri Dunant, ein Jahr später am 17. Februar 1957 die Loge Nr. 1063 Pythagoras in Darmstadt. In Dortmund existierte auch eine Zeit lang die Loge Nr.1075 Jupiter, doch wann sie genau entstand, konnte nicht gefunden werden. 1957 war sie noch im Vorstadium eines Dreieckes.

1958 läutete die eigenständige Zeit der Hochgradarbeiten mit Gründung der Perfektionsloge Nr. 26 Hermes Trismegistos ein. Davor wurden die entsprechenden Lohnerhöhungen (= Beförderungen) in den Niederlanden vorgenommen. Die schriftlichen Unterlagen darüber sind leider einem Brand in Holland zum Opfer gefallen.

Über die Gründung der Deutsch-Österreichischen Jurisdiktion

In den deutschen Städten und in Wien gab es insgesamt sieben Logen, die eine gewisse Selbständigkeit gegenüber Holland anstrebten. In diesem Sinne schrieb Steinberger aus Frankfurt an die Meisterin von Stuhl der Loge in Wien, Mary Auner-Dickenson, am 14. Juni 1957 einen Brief mit dem Vorschlag, eine Deutsch-Österreichische Jurisdiktion zu schaffen. Bruder Thierens sollte als Delegierte des Obersten Rates für die Jurisdiktion fungieren. Am 30. Januar 1957 wurde dem Antrag stattgegeben und die feierliche Lichteinbringung wurde am 16. Februar 1958 vorgenommen.

Der Name des Bruder Thierens aus Holland wird in den Dokumenten im darauf folgenden Jahrzehnt bis zu seinem Tod am 2. Juli 1967 immer dankbar und lobend erwähnt. Er war offenbar ein Künstler der Konfliktlösung, ein Helfer und weiser Ratgeber. Denn es gab Probleme, vor allem personeller Natur. Man kannte die Rechte und Pflichten innerhalb einer Loge, welche allein in einer Stadt die gemischte Freimaurerei vertrat, doch man wusste nicht, wie in einer viel größeren Organisation miteinander umgehen und kannte auch nicht die Rolle des Obersten Rates in Paris, da in der „holländischen Zeit“ die entsprechenden Aufgaben vom Leiter der Niederländischen Föderation erledigt wurden. Es kam bereits ein halbes Jahr nach Jurisdiktionsgründung zum Schisma mit ziemlichem „Blutverlust“. Zwei starke Logen, die Loge Goethe in Frankfurt/M und die Loge Henri Dunant in München sind ausgeschieden um eine neue, vom Le Droit Humain unabhängige freimaurerische Organisation zu gründen. Das waren die Anfänge der späteren Großloge Humanitas.

Die über Holland, Deutschland und Österreich verstreute Jurisdiktion musste, wie wir es auch heute tun, Informationen austauschen. Das Telefonieren war zu dieser Zeit viel zu kostspielig, und Telefongeräte waren auch nicht überall vorhanden.

Was wir heute am Computer im Mail-Verkehr schnell erledigen, wurde damals in langen maschingeschriebenen Briefen, in umständlichen, aber sehr höflichen Sätzen postalisch verschickt. Häufig sogar täglich. Was für ein stilistischer Unterschied zum heute üblichen Tonfall in SMS und Mail! Was aber in der heutigen Zeit befremdlich wirkt, sind die Anreden in diesen Schriftstücken. In den 50-er Jahren wurden Schwestern mit Brother angesprochen und man verabschiedete sich „fraternally“ in den Briefen. Erst ab den sechziger Jahren änderte sich das, als die Briefe mit „treu verbunden“ endeten und die Schwestern auch als solche angesprochen wurden.

Margaritha Katz 1954

Als Thierens sich aus Altersgründen zurückzog trat an seine Stelle Margaritha Katz als Delegierte des Obersten Rates. Sie war Gründungsmitglied der Loge Zur Erkenntnis in Berlin, wie ihre Passnummer 4 es zeigt. Sie wurde später zu Meister vom Stuhl dieser Loge gewählt. In der Jurisdiktion übernahm sie zunächst die Aufgaben des Großschriftführers. 1969 ist sie dann zur Delegierten des Obersten Rates für die Deutsch-Österreichische Jurisdiktion ernannt worden. 1973 wurde ihr der 33° erteilt. Zu ihrer Zeit ist Bad Harzburg zum Zentrum der Deutsch-Österreichischen Jurisdiktion geworden. Hier durften die Räume von einer der rein männlichen Großlogen (?) benutzt werden. Die erste Perfektionsloge Deutschlands Nr. 26 Hermes Trismegistos, die 1958 gegründet wurde, arbeitete mit Vorliebe auch in Harzburg.

Die Ära der Stagnation

In den sechziger, siebziger und achtziger Jahren ging die Arbeit der Jurisdiktion immer schleppender voran. Bereits 1971 wird in der englischen Ausgabe des „Bulletin International“ vermerkt: „little progress“. Die Mitgliederzahl ist nur geringfügig gewachsen, es kam in Deutschland nur zu einer einzigen Logengründung in Karlsruhe. Dies war die 1976 als Dreieck gegründete und 1979 geweihte Loge Zur Wahrheit.

Dieses gebremste Wachstum hatte mehrfache Gründe. Einerseits fehlte es an finanzieller Ausstattung. Dies beweisen die klagenden Briefe des Schatzmeisters der Jurisdiktion. Es gab auch persönliche Machtkämpfe. Zusätzlich führte die dogmatisch einengende Haltung der leitenden Beamten des Jurisdiktionsrates zum Austritt so mancher Mitglieder. Die Korrespondenz auf höchster Ebene zeugt über deren Hang zur Theosophie und Negierung anderer Geisteshaltungen. Einige Beamte waren gleichzeitig führend in der Theosophischen und auch in der Astrologischen Gesellschaft. Bei Suchenden wurde als wichtigstes Kriterium zur Aufnahme deren Horoskop gesehen. Merkwürdig die Stellungnahme zum Antrag eines Suchenden ist folgendes Zitat aus einem Brief des damaligen ersten Aufsehers des Jurisdiktionsrates an den zuständigen Meister vom Stuhl:

„Er scheint ein Suchender zu sein, der noch nicht in der geistigen und spirituellen Welt sein Zuhause gefunden hat, wie zum Beispiel wir in der Theosophie.“

Dass es Schwierigkeiten gab, bemerkte man selbstverständlich:

„Die Schwierigkeiten begannen eigentlich schon vor 1966 und machten sich dann während dieses Jahres mehr oder weniger dauernd bemerkbar.“

So heißt es in einem Brief, doch die Stellung der Sterne wurde dafür verantwortlich gemacht, und nicht die eigene Fehlhaltung. Thierens bemühte sich um Klarstellung und empfahl, neben der Theosophie auch andere geistige Strömungen zuzulassen – doch auf lange Strecken ist das nicht gelungen. Persönliche Differenzen nahmen immer mehr zu, bis es schließlich 1990 zur Auflösung der Deutsch-Österreichischen Jurisdiktion kam. Was an Gemeinsamkeit noch weiter funktionierte und bis heute funktioniert, waren die gemeinsamen Arbeiten in der Perfektionsloge und sind die Aufnahmen in die österreichischen Kapitel.

In der nun selbständigen Deutschen Jurisdiktion nahm die Erholungsphase ihren Anfang nicht an den alten Knotenpunkten des Droit Humain, wie es Frankfurt oder Berlin waren, sondern eher in der Nähe der Westlichen Staatsgrenze – und dort mit Hilfe aus Frankreich.

Jede menschliche Gemeinschaft, ob klein wie eine Familie, oder groß wie ein Staat, erlebt positive und negative Epochen. Wir Freimaurerinnen und Freimaurer sind dabei keine Ausnahme.

Ich möchte meinen Bericht mit einem Zitat von Fritz Engel beenden, der in Wien die erste DH-Loge Vertrauen durch viele Jahre geleitet hat, 1938 mit seiner Frau Anni nach England flüchten musste und dort in unserem Orden bis zu seinem Tode sehr aktiv war. Er sagte:

„Nur die Wahrheit kann heilen, und zwar die tiefe und schöne Wahrheit. Das Weltgeschehen muss von einer sehr hohen geistigen Warte aus beurteilt und gesehen werden. Solch einen Ausblick und Einblick bietet die Freimaurerei, wenn sie richtig erfasst und verstanden wird.“
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Siehe auch

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