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Fessler über Selbsterkenntnis

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Die Selbstkenntniß des Freymaurers

Von Ignaz Aurelius Feßler, 1784

Berabeitet von Roland Müller

János Rombauer (1782–1849): Portrait Ignaz Aurelius Feßler

Aus:
Fessler’s sämmtliche Schriften über Freymaurerey. Bd.1, Berlin 1801, 165-188; 2. Aufl. 1805, 132-147 (mit leicht veränderter Schreibweise; nachstehend diese Version).


In wiefern wird Selbstkenntniß In der Freymaurerbrüderschaft erleichtert und befördert?


Mensch, kenne dich selbst! —Wie wenige Worte; wie geschwind sind sie ausgesprochen; wie leicht nachgebetet; und doch fordern sie die anhaltendste Anstrengung unsrer Geisteskraft, um sie zu verstehen, und die Arbeit eines ganzen Lebens, um sie practisch zu realisiren!

Kennen wir uns wirklich schon selbst, wenn wir wissen, daß uns das Spiel nicht leicht zur Leidenschaft werden, daß die Bedürfnisse unsrer thierischen Natur nicht zum unüberwindlichen Hange, Liebe zur Ruhe nicht in Arbeitscheu und in Ekel gegen alle Anstrengung ausarten können? Haben wir den ganzen Umfang unserer Kräfte schon überschaut, wenn wir aus einigen angestellten Erfahrungen eingesehen haben, daß unsre Einbildungskraft schwächer, als unsre Vernunft, unser Gedächtniß schwächer, als unser Verstand, unser Gefühl richtiger ist, als unsre Urtheilskraft, unsere Einsichten mehr mannigfaltig, als tief, und unsere Gesinnungen besser sind, als unsere Grundsätze?
Haben wir alle möglichen Tendenzen unserer Begehrungen, Neigungen und Leidenschaften schon ausgemessen und berechnet, wenn wir mit Bestimmtheit voraussagen können, erlittenes Unrecht könne uns nie zur Rache, Begierde nach fremdem Eigenthum nie zur Ungerechtigkeit, beleidigende Angriffe nie zur Wuth, mißlungene Versuche nie zur Verzweiflung verleiten?

Wenn wir nichts mehr, als diese unbedeutenden Kleinigkeiten, von uns kennen, so gleichen wir jenem blödsinnigen Fürsten des Orients, der sich einen prächtigen Palast erbauen, dort alle Schätze und Kostbarkeiten seines Reiches sammeln und aufstellen ließ, und den Fremden, die ihn besuchten, nichts Wichtigeres und Merkwürdigeres zu zeigen wußte, als die äußern Verzierungen des Gebäudes und die Schlüssel, die es eröffneten.


Selbstkenntniß ist die Fertigkeit, den Gehalt, den Umfang und den Grad seiner Kräfte, Einsichten und Maximen, so wie das Verhältniß derselben zu seinen physischen und geistigen Bestimmungen, deutlich einzusehen und schnell zu überschauen.
— Selbstkenntniß ist also keine müßige, unfruchtbare, einseitige Anschauung, sondern eine den ganzen Menschen umfassende Beschauung, die Frucht einer unausgesetzten Uebung und Reflexion. Sie ist daher auch die einzige Quelle derjenigen Vorzüge, welche über alle Kleinheit, Gemeinheit und Niedrigkeit des alltäglichen Menschen unfehlbar siegen.
Das Erste, was sie hervorbringt, ist ein immer reges lebendiges Selbstgefühl. Der Mann kann den ganzen Umfang seiner Geisteskraft nicht überschaut haben, ohne bey jeder Aufforderung von außen zum Wirken den Drang dieser Kraft zu fühlen. Er ist daher überall, wo er wirkt und handelt, mit ganzer Seele da, Er wird nicht ergriffen; er ergreift. Er nimmt keine Form von außen an, sondern alles muß sich unter seine eigentümliche Form schmiegen.
In dem Gefühle seiner selbst und nirgend anderswo, nicht in dem Urtheile, nicht in dem Beyspiele Anderer, steht der Maßstab seiner Kräfte; er weiß in jedem Falle genau und bestimmt, wie weit sie reichen, Nur zwischen diesem Maßstabe und dem Ziele wechselt sein besonnener Blick; was in der Mitte ist, weibische Thränen oder verschmitzte Ränke, Beyfall oder Tadel, Lob oder Lästerung, sieht und hört er nicht. Sein Selbstgefühl hebt ihn weit über diese kleinlichen Rücksichten empor, an welche den Menschen nur Bewußtlosigkeit und Unbekanntschaft mit sich selbst fesseln können.

Diese mit dem Selbstgefühle verschwisterte und in den verwickeltesten Lagen des Lebens sichtbar hervortretende Besonnenheit und Selbstständigkeit ist der zweyte Vorzug, zu welchem Selbstkenntniß den Mann über den gewöhnlichen Menschen erhebt.
— Der mit sich selbst bekannte und sich ganz fühlende Mann kann durch nichts schwankend gemacht werden. Was er will, will er aus Gründen, die entweder sein Geist gesetzt, oder die ihm die Natur der Sache dargeboten hat. Daher wird Jede seiner Begehrungen zum festen Entschluß, und seine Entschließungen sind unwiderruflich, wie die Rathschlüsse des Schicksals. In der Fülle der Begeisterung steht und handelt er kalt; sein Enthusiasmus für das Edle, Große und Erhabne ist das reine Erzeugniß seiner selbstständigen Kraft: zur Entflammung und Verstärkung desselben bedarf er eben so wenig der Täuschung oder irgend eines andern Zaubers der Einbildungskraft, als der wahre Held des Weines nöthig hat, um in dem Getümmel der Schlacht Stand zu halten, und selbst in seinem Falle noch zu kämpfen.

Wenn ihn nun die mächtigen Schwingen des Selbstgefühls und der Selbstständigkeit so kräftig unterstützen, daß er nie dem Drange äußerer Umstände oder der Willkühr Anderer unterliegen kann, so bürgt ihm der dritte Vortheil der Selbstkenntniß dafür, daß er nie unter sich selbst herabsinken wird, und dieser Vortheil ist eine souveraine Selbstbeherrschung.
— Sein Werth kann von Andern nicht erkannt oder verkannt werden; was kümmert es ihn? Er wird sie kaum einer Verteidigung seines Werthes würdigen; er hat ihn ja schon lange von dem Urtheile oder von der Nachbeterey Anderer unabhängig gemacht. Niedrige Mißgunst oder kleinliche Eifersucht, denen alles Große im Gebiete der Sittlichkeit ein niederschlagender Vorwurf, ein Greuel ist, können Angriffe auf seine Rechte oder Persönlichkeit wagen; er wird nachdrücklichen 'Widerstand leisten; aber er wird nie etwas seiner Unwürdiges begehen, sich nie mit seinem Gegner auf dem Felde des Gemeinen und Niedrigen finden lassen.


Der Grad unsres Selbstgefühls, unsrer Selbstständigkeit und unsrer Selbstbeherrschung ist sodann das ziemlich zuverläßige Kriterium, nach welchem wir den Grad unsrer Selbstkenntniß beurtheilen können. Das Resultat, auf welches uns die Untersuchung desselben leitet, wird uns zugleich auf die Natur und die Macht der Hindernisse aufmerksam machen, welche unsern Fortschritten in der Kenntniß unsrer selbst im Wege stehen.

Unsre früheste Erziehung war größtentheils auf die Verstärkung der Einbildungskraft und des Gedächtnisses, sehr wenig auf die Entwickelung der Denkkraft und des Verstandes, berechnet. Wir lernten eher sprechen, als denken, früher nachbeten, als selbstbeobachten. Die überwiegenden Auctoritäten unserer Eltern, unserer Lehrer, unserer Bücher drückten die Originalität und die Selbstthätigkeit unsres Geistes danieder.
Die Aufmerksamkeit unsres aufkeimenden Verstandes wurde auf Thiere, Pflanzen, Steine, auf Sonne, Mond und Sterne, nur nicht auf uns selbst, geheftet. Die häuslichen Verhältnisse verboten uns frühzeitig, zu zeigen, was wir waren; unsere Vorgesetzten begnügten sich damit, wenn wir schienen, was sie wollten. Wir wurden getäuscht, und wir befanden uns wohl, wenn wir wieder täuschten. So reiften wir zu Jünglingen und Männern heran.

Mit tausend Dingen, nur nicht mit uns selbst, bekannt, traten wir in die ausgedehnteren Kreise der menschlichen Gesellschaft ein. Unzählige Aufforderungen von außen zum Handeln, Arbeiten, Wirken, Kämpfen, Dulden und Genießen gestatten uns nur selten, Blicke in unser Innerstes zu thun. Andere machen uns zu dem, zu was sie uns nach ihrer Weit- oder Kurzsichtigkeit machen können, sie schlagen unsern Werth und Gehalt entweder zu hoch, oder zu niedrig, an; und wir, von dem Drange getrieben, Andere wieder zu etwas zu machen, begnügen uns mit dem stolzen oder kleinherzigen Glauben, daß wir das wirklich sind, wozu uns der anmaßende Dünkel Anderer gemacht hat.

Wir müssen es in der Kenntniß unsrer selbst schon weit gebracht haben, wenn wir die Kraft und den Muth haben, entweder die übertriebene Quantität des fremden Unheils von uns in unserm Bewußtseyn zu berichtigen, oder uns über den verkleinernden Maßstab, nach dem Andere uns maßen, in unsrer Selbstschätzung zu erheben. Gewöhnlich gefallen wir uns selbst in der uns angedichteten Riesengröße am besten, und krümmen uns geduldig, wenn uns Zwerge, in denen wir Riesen zu sehen glauben, zu Zwergen zusammendrängen wollen.


In der gesellschaftlichen Verfassung liegt nichts, was uns zur Entfernung dieser Hindernisse aufforderte, oder die Mittel dazu uns an die Hand gäbe. Alles ist da auf das Scheinen berechnet; wer sich in seiner wahren Gestalt zeigt, wird entweder verlacht, oder verachtet, oder, wenn es hoch kommt, als Original geduldet.
Sey, was du willst; aber scheine alles, was Andere wollen!“
ist der Categorische Imperativ aller gesellschaftlichen Verhältnisse. Wer es demnach wagt, dem Andern seinen Schein streitig zu machen, dem wird, mit Recht, entweder brevi manu die Thüre gewiesen, oder, wenn er es zu arg treibt, durch Verurtheilung zur öffentlichen Abbitte und Arrest das Entscheinen auf immer verleidet.


Der Staat benutzt uns so, wie wir ihm von der Gesellschaft überliefert werden ; unbekümmert um das, was wir in uns sind, bestimmt er, was wir außer uns zu seinem Zwecke seyn sollen. Ihm gilt es gleich viel, ob wir mit dem Gange unserer Gesinnungen, Neigungen, Leidenschaften, etc., vertraut sind, oder nicht, wenn wir nur den Gang der Geschäfte kennen, die er uns anvertrauet. Alle seine Forderungen sind auf unser äußeres Thun, nicht auf unser Denken, beschränkt. Er paßt uns seine Formen an, unter welchen ein Zug unsrer Originalität nach dem andern sich verliert und uns selbst unbekannt wird.

Die Kirche befördert nicht unsre Seelenkenntniß, sondern unser Seelenheil, -welches sie einzig und allein von der Gnade und von dem Glauben abhängig erklärt. Auf das Bedürfniß der Erstern soll uns das Bewußtseyn unsrer Sündhaftigkeit, auf die Nothwendigkeit des Letztem die Beschränktheit unsrer Vernunft, aufmerksam machen.
Wir sollen also mit unsrer Armseligkeit bekannt werden; und so würde uns die Kirche einigermaßen auf uns selbst zurückführen, wenn sie, ohne ihr Symbolum zu verletzen, zugleich erlauben könnte, das Gute in uns eben so, wie das Sündhafte, für das Erzeugniß unsrer eigenen Kraft anzusehen, und die Rechte unsrer Vernunft gegen allen Auctoritätszwang zu behaupten.


Was hat nun die Freymaurerbrüderschaft für Einrichtungen und Anstalten, welche ihren Genossen durch Wegräumung der innern und äußern Hindernisse die Selbstkenntniß erleichtern?
— Ist sie nur durch Aufhellung dessen, was in der Seele dunkel ist, möglich; kann es erst dann über die innere Beschaffenheit des Menschen Tag werden, wenn, durch anhaltende und gespannte Aufmerksamkeit auf sich selbst, dunkle Vorstellungen zum Bewußtseyn, zur. Klarheit und Deutlichkeit gebracht worden sind, so wird Selbstkenntniß in einem Institute sehr wirksam befördert, welches durch seine ganze innere Einrichtung seinen Mitgliedern Aufmerksamkeit und Nachdenken über sich selbst zum Hauptgeschäft macht.

Fremd, und höchstens von drey bis vier Mitgliedern gekannt, kommt der Mensch in die Brüderschaft. Der gemeinschaftliche Zweck stellt ihn gleich bey seinem Eintritte jedem Einzelnen der Gemeinde näher, als er jemahls in einer andern Gesellschaft den Mitgliedern derselben gestanden hat, und eben dieser Zweck entfernt ihn wieder von Jedem gerade so weit, als nöthig ist, um ihn auf dem gehörigen Standpuncte für die Beobachtung, Prüfung und Beurtheilung aller Uebrigen festzuhalten. Diese mögen übrigens das erhabene Wesen und die ehrwürdige Tendenz der Freymaurerey kennen, oder nur ahnen, oder auch innerlich verläugnen; sie mögen den Zweck der Brüderschaft anerkennen, oder an die Stelle desselben ihre eigenen, oft ganz wunderbaren, Zwecke setzen; immer sind sie auf einem Puncte inniger vereint, obgleich in Beziehung auf jedes andere Verhältniß getrennt. Alle hängen entweder an der wirklich gemeinschaftlichen Sache, oder an ihrer eigenen, die sie für die gemeinschaftliche halten, oder dazu machen wollen.
— Daher der ganz eigene, immer forschende, fragende, auflassende Freymaurerblick; daher in den Logenversammlungen die durch Offenheit und Fremdheit, Ernst und Freundlichkeit, besonnene Hingebung und zweifelnde Zurückhaltung ganz eigenthümlich nüancirten Gesichter, mit welchen sich alte und junge Kunstgenossen einander entgegenkommen; daher in der Seele jedes Neuaufgenommenen das sonderbar gemischte Gefühl von Gewissheit und Zweifel, von Wohlbehagen und Verlegenheit, welches sich gewöhnlich erst in der Erkenntnis der Nothwendigkeit, auf sich selbst aufzumerken und über sich nachzudenken, verliert.
Er komme, so oft er will; deutlich wird er auf allen Gesichtern, wenn er zu lesen versteht, die Fragen lesen:
„was suchest du unter uns? was denkest du von der Brüderschaft? in welchen Formen wirst du unsre gemeinschaftliche Sache zu der Deinigen machen?“
und nie wird er in seinen maurerischen Verhältnissen zur völligen Befriedigung gelangen, wenn ihm diese Fragen nicht die lautesten Aufforderungen zur Aufmerksamkeit auf sich selbst sind und bleiben.

Wie aber, wenn ihn eben diese Aufmerksamkeit nicht zur Selbstkenntniß, sondern zur Heucheley, verleitet? Gleichviel; die Tendenz der Freymaurerbrüderschaft zur Beförderung der Selbstkenntniß ist immer gerettet. Wer durch engere Verhältnisse genöthigt wird, Wahrheitssinn, Achtung für Recht und Gesetz, Gefühl für das Gute und Edle zu heucheln, der ist durch eben diese engern Verhältnisse zur Erkenntniß gebracht worden, daß ihm die geheuchelten Vorzüge fehlen. Wenn es nun ganz in diesen Verhältnissen liegt, daß auch das feinste Gewebe der Heucheley sich endlich doch verrathen muß, so wird er bey dem plötzlichen Verschwinden seines angenommenen Scheines nicht nur seiner Blösse, sondern auch seines ohnmächtigen Willens, zu täuschen, sich schämen und nach der Wirklichkeit dessen streben, wovon er selbst den Schein für so wichtig und nothwendig gehalten hat.

Aber auch diese Scham erspart die Freymaurerey Denjenigen ihrer Genossen, die gleich bey ihrem Eintritte in die Brüderschaft fähig waren, die mit ihnen vorgenommenen, ganz einfachen und doch vielbedeutenden Kunsthandlungen zu verstehen und zu durchschauen.
χ in seinem Ψ zur ΦX, wird der Aufzunehmende, der ältesten authentischen Kunsturkunde gemäß, mit der Υ vor den ΩΩ, weder C, noch D, aus der G in das F, und mit einem Q auf die R, welches mehr sein S, als sein U, berühren sollte. W rund um die η geführt, damit alle Br. Br. sehen können, daß er gehörig X sey.

Wer durch dieß alles überzeugend belehrt wird. daß es hier nicht um das Scheinen, sondern um das Seyn, zu thun ist, daß hier keine angenommenen Formen in die Länge täuschen können, daß die Zartheit oder Stumpfheit des S und die wahre Beschaffenheit des Ψ sich hier früh oder spät unverkennbar enthüllen müsse, den werden alle Aufforderungen zur Aufmerksamkeit auf sich selbst nur besonnen machen, nie zur Heucheley seine Zuflucht nehmen lassen, der wird sich der Brüderschaft lieber in seiner erkannten Bloße, als mit erborgtem Flitterstaate vermummt, hingeben.


So nachdrücklich die Kunsthandlungen der Brüderschaft zur Aufmerksamkeit auf sich selbst hinweisen, so unentbehrlich ist dieselbe bey der Theilnahme an ihren Socialangelegenheiten. Die unverletzliche maurerische Freyheit läßt den in einen engern Wirkungskreis zusammengedrängten freyen Kräften freyes Spiel. Nur durch das Streben und Entgegenstreben derselben kann das Gleichgewicht eines gemeinschaftlichen Willens erlangt und erhalten werden.
Wer da den wohlthätigsten Vorschlag zur Verhandlung bringt, und nicht Selbstbeherrschung genug besitzt, sich, trotz allen Widersprüchen, kalt, ruhig und fest an die Sache zu halten, verfehlt nicht nur die heilsame Absicht, die er erreichen wollte, sondern vertiert auch die Achtung und das Vertrauen, wodurch seine Wirksamkeit für die Zukunft gehemmt wird. Mit Recht trifft ihn der Verdacht, daß es ihm weniger um die Sache, als um seinen Willen, zu thun war; gerecht wiederfährt ihm die Demüthigung, daß man auch das Gute aus seinem Munde, welches er, sich selbst fremd und seiner nicht mächtig, aufdringen will, nicht mehr für gut erkennt. Die Zurechtweisung ist ihm heilsam, er wird dadurch nothgedrungen, die Nothwendigkeit der Selbstbeherrschung anzuerkennen, und da diese die Tochter der Selbstkenntniß ist, welche nur durch anhaltende Besonnenheit erlangt werden kann, die Aufmerksamkeit auf sich selbst festzuhalten, und den Gehalt seiner Absichten, die Neigung seiner Schwächen und die Grenzen seiner Kräfte sich nie entschwinden zu lassen.

Allein, auch die gespannteste Aufmerksamkeit würde die Fortschritte des Maurers zur Selbstkenntniß nur wenig begünstigen, wenn in den Einrichtungen der Brüderschaft nicht Mittel vorhanden wären, durch welche nicht selten die alle Selbstkenntniß hindernde Macht der Eigenliebe gewaltig erschüttert und geschwächt werden müsste. Kein Ansehen der Geburt oder des Standes; kein Vorzug des Reichthums oder der Gelehrsamkeit, nichts, was in der bürgerlichen Gesellschaft entschiedenen Werth und Einfluß gibt, wird entweder bey der gemeinschaftlichen Ausübung der Freymaurerey, oder bey der Verhandlung und Entscheidung der Socialangelegenheiten, in Anschlag gebracht.
Der Fürst und der gemeinste Mann gehorchen gleich pünctlich und streng dem Rufe des allgemein geachteten Hammers, ohne auf den Mann zu sehen, der ihn führt Was gesagt wird, nicht wer es sagt, kommt hier in Betrachtung. Die Stimme des Königssohnes gilt hier nicht mehr, als die Stimme des Kaufmanns; die gesetzlich unstatthaften Anmassungen des Erstern würden eben so nachdrücklich, als die widerrechtlichen Forderungen des Letztern, zurückgewiesen werden. Den Behauptungen des größten Gelehrten wird hier eben so freymüthig und beherzt widersprochen, als den Einfällen des Geschäftsmannes, dessen sämmtliche Kenntnisse und Einsichten auf seinen Dienst oder sein bürgerliches Gewerbe beschränkt sind.
Nur die Kenntniß der Kunst und die Anhänglichkeit an die Brüderschaft, nur Verehrung des Rechts und von Weisheit geleiteter Eifer für das Gesetz, nur verdiente Achtung und erworbenes Zutrauen weisen hier Jedem seinen eigenthümlichen Rang an, den er in dem Augenblicke wieder verliert, als er es wagt, an die Stelle der Sache seine Person setzen zu wollen. Scheinvorzüge werden da bald durchgeschauet, und wahre müssen in Begleitung der Bescheidenheit erscheinen, wenn sie anerkannt werden sollen.
Jeder, fühlt es hier bald, worin er Andere übertrifft; aber Jeder wird es auch oft genug gewahr, daß er von vielen Seiten übertroffen wird. Keine Schwäche kann hier lange verborgen bleiben; sie wird schonend getragen, solange sie nicht entweder die gemeinschaftliche Sache, oder die gemeinschaftliche Freyheit, sich unterordnen will; dann aber versagt ihr selbst die innigste Freundschaft den Schutz, und überläßt sie der Ahndung des allgemeinen Unwillens. Der selbstgenügsamste und stolzeste Egoist muß hier von seinem Dünkel zurückkommen und genesen, oder sich aus dem ehrwürdigen, für die Eigenliebe viel zu hellen und engen Kreise zurückziehen.


Darum finden alltägliche Menschen und kalte Egoisten in der Freymaurerbrüderschaft wenig Nahrung und Befriedigung. Aus ihren kraft - und energielosen Gesellschaften, in welchen sie, gleich Johanniswürmchen, in der Nacht leuchten und bewundert werden, unter bessere Muster und in helleres Licht versetzt, finden sie sich auf einmahl klein, unbedeutend und unbemerkt: sie werden neidisch und bösartig, wagen es, sich durch Verläumdungen und Witzeleyen zn heben oder zu entschädigen, und wenn dieß nicht mehr gelingen will, eilen sie in ihre Kreise zurück, in welchen ihre gedemüthigte und verachtete Eigenliebe sich auf‘s neue beleben kann.

Nicht so der ächte Kunstgenosse: die öftere Erschütterung der Eigenliebe hat ihn mit der Zaubermacht derselben bekannt, mithin auf Jede ihrer Regungen aufmerksam gemacht. Er kann es nicht hindern, daß, so oft eine Forderung seiner Eitelkeit zurückgewiesen wird, oder eine Erwartung seines Ehrgeitzes unerfüllt bleibt, ihm das Trugbild seiner Vortrefflichkeit vor Augen schwebe; aber es raubt ihm nicht mehr seine Besonnenheit , verleitet ihn nicht mehr zu Inconsequenzen, welche in den maurerischen Verhältnissen überall schneller bemerkt und strenger beurtheilt werden.
Er darf nur stehen bleiben auf dem Kampfplatze, wo freye Kräfte unter beständigem Streben und Entgegenstreben sich verstärken, und immer nur der gemeinschaftlichen Sache den Sieg verschaffen; er darf nur aushalten in der Werkstäte der Reibung, wo die verschiedenartigsten Interessen sich kreuzen, und am Ende doch in einem einzigen Puncte sich vereinigen. So wird er, mit seinem Innersten vertraut, immer in seinem Selbstgefühl und in seiner Selbstständigkeit die Mittel finden, seine Würde zu behaupten, und durch sie beurkunden , wie sicher und gemessen die Freymaurerbrüderschaft ihre Genossen zur Selbstkenntniß leitet.


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