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Rezension: Gabor Kiszely - Freimaurer-Hochgrade - Lehrarten und Pseudoriten

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Inhaltsverzeichnis

Gabor Kiszely: Lehrarten und Pseudoriten

von Roland Müller


Freimaurer Hochgrade

Gabor Kiszely: Freimaurer-Hochgrade. Lehrarten und Pseudoriten. Innsbruck: Studienverlag/ Edition zum rauhen Stein 2009.


Es ist dreifach schade: Dem ungarische Schriftsteller und Historiker Gabor Kiszely (1949-2011) gelingt eine hervorragende Darstellung von Wesen und Gehalt der Johannismaurerei. Aber er steht mit Daten und Fakten dauerhaft auf dem Kriegsfuss, lässt jegliches Verständnis der nicht-englischen Hochgrade vermissen und zitiert ausnahmslos ohne Quellenangaben.

Manche Hochgradsysteme umfassen 10, 12, 33 oder gar 90 und mehr Grade. Genüsslich listet Kiszely diese alle auf, ohne sie jedoch einzeln zu beschreiben. Zudem gibt er nur die deutschen Bezeichnungen wieder. Auch die Benennungen der Systeme oder Riten sind meist nur deutsch, was vielfach irritiert, da hierzulande die meisten unter ihren englischen resp. französischen Bezeichnungen bekannt sind.

Obskure französische Hochgradsysteme

Die englischen Hochgradsystem behandelt Kiszely einfühlsam. Für die französischen hat er hingegen nur Spott und Hohn übrig. Sein Lieblingswort ist „obskur“.

Der Wahlfranzose André-Michel de Ramsay ist für ihn ein „auch im Bereich der Theologie und Geschichte tätiger Dilettant“ (63), Etienne Morin ein „berüchtigter Hochgradhändler“ (69), und zwar „höchst zweifelhaften Rufs“ (72), Antoine Joseph Pernety ein „von alchemistisch-rosenkreuzerischen Ideen besessener Apostat“, der in seiner Lehrart „Die Erleuchteten von Avignon“ „freilich auch seine eigenen abstrusen Zwangsvorstellungen“ unterbrachte (75).

„Der vom Mystizismuswahn aufgewühlte Marquis Savalette de Langes (1725-?) gründet 1773 seinen Göttlichen Orden der Philaleten“ (77) – üblicherweise nennt man ihn: Charles Pierre Savalette de Lange (1746-1797). „Der unter falschem Namen mit unechten Urkunden agierende Vicomte de Chefdebien gehört ebenfalls zu den Figuren der ‚wahren Maurerei‘, die keinerlei Skrupel kennen“ (79). Martinez de Pasqually leidet unter „Selbsterhöhungswahn“ und ist „ungeklärter Herkunft“ (80). Jean-Baptiste Willermoz war ein „mit bizarren okkultistischen Neigungen reichlich ausgestatteter Mann“ (82). „Zum Hokuspokus des pseudomaurerischen Hochgradunfugs gehört auch noch das Unwesen, das Franz Anton Mesmer mit seinen Lehren trieb“ (95).

Gift und Galle schüttet Kiszely schliesslich über den „Droit Humain“ aus: Er wurde gegründet von der „wegen ihrer notorischen Gottlosigkeit und Uneinsichtigkeit berüchtigten Berufsfeministin Marie Deraismes“ und dem „linksradikalen, von aggressivem Feminismuswahn getriebenen Kadosch Ritter Georges Martin“. „Republikanismusarroganz gekoppelt mit fanatischem Antiklerikalismus, gehässig-primitivem Atheismus und Radikalfeminismus werden in pseudomaurerische Hülle verpackt und anmassend als die ‚wahre Maurerei‘ angeboten“ (100).

Scharlatane und Hochstapler auch in Deutschland

Auch in Deutschland tummeln sich „Abenteurer, Phantasten und Scharlatane aller Art“ oder „zahlreiche maurerische und sich als masonisch ausgebende Hochstapler“ (105). Die Rosenkreuzer versprachen etwa „Aufschluss über die Kräfte der Natur, Kommunikation mit den Geistern der Verstorbenen, Transmutation von unedlen Metallen in Gold, den Besitz des Steines der Weisen sowie eine mystische Union mit Jesus Christus und seinen Engeln“ (107). Die Mitglieder des Klerikats versprachen ebenfalls „die lichtvolle Vereinigung mit Christus und sogar die Fähigkeit, Himmelskörpern und dem Wind zu gebieten“ (109).

In den Gradstufen der Afrikanischen Brüder „wurde eine abstruse Mischung angeboten: Erd- und Luftprobe, zischende Schlangen, nackte Weiber und Sündenfall, Mumien, Abstechen einer ekligen Frauenkreatur, hundertköpfiger Typhon, ‚die gesamte ägyptische Götterlehre‘ mit praktischen Anweisungen zur astrologischen Quacksalberei, Pforten der Hölle, üppige Mahlzeiten an einem gedeckten Sarg, keuchende Skelette und wüste Geheimniskrämerei“ (111):

Im Lehrgebäude der Illuminaten „vermengen sich verworrene Sozialutopie, pseudoreligiöse Heilslehren und abstossende Methoden der Persönlichkeitszermürbung mit dem erschreckenden Selbsterhöhungswahn eines Pseudopropheten“ (115).

Im Johanniterritus von Zinnendorf, angeblich nur 29 Jahre alt geworden, werden die Brüder „zu einem mystisch-spekulativen Denken erzogen, dessen Sinn und Zweck die Erkenntnis der Äusserungsformen des göttlichen Wesens innerhalb und ausserhalb des Menschen ist“ (121).

Und schliesslich: „Fesslers Handhabung der Maurerei weist an unzähligen Stellen auf Unwissenheit und Inkompetenz hin. Von einer Synthese althergebrachter Lehren kann kaum die Rede sein, wenn fehlende Kenntnisse mit grossspurigen Reden und der Angabe unglaubwürdiger Quellen überspielt werden“ (124).

Ein Betrüger konstruierte die schwedische Lehrart

Kiszely beginnt seine Schilderung der schwedischen Lehrart mit der Behauptung, sie habe sich „bis in die Gegenwart hinein als ein höchst effizientes und attraktives System der christlichen Maurerei bewährt“ (129). Doch rasch bezweifelt er die moralische Integrität des Gründers Karl Friedrich Eckleff und berichtet: „Er verarbeitet folgende Elemente: das rosenkreuzerische Gedankengut mit Schwerpunkt, Alchemie, Magie und Kabbalistik; die symbolische Maurerei; die templerischen Hochgradlehren sowie ein mystisch-gnostisches Christentum bestehend aus den Auslegungen des Klerikats, den Ideen der Erleuchteten von Avignon und den Swedenborg‘schen Vorstellungen über die Gottesgebundenheit“ (129).

Gleich zweimal hintereinander bezeichnet Kiszely Eckleff als „Betrüger“ und bemängelt, „dass er sich mit seinen Geschäften auf das Niveau eines ordinären Profitmaurers herabgelassen hat“ (130).


Welche Hochgradsysteme werden von Gabor Kiszely skizziert?

Im folgenden eine Liste der skizzierten Riten – wenn vorhanden, sind die ursprünglichen Bezeichnungen und Gründungsdaten angegeben:

I. England

Das Königliche Gewölbe (Royal Arch) – in den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts

14 Seitengrade (Additional Degrees and Orders) – Mitte des 18. Jahrhunderts,

darunter

  • Markmaurerei -18. Jahrhundert,
  • Königliche Archenschiffer (Ark Mariner) – Ende des 18. Jahrhunderts,
  • Kryptischer Orden – Ende des 19. Jahrhunderts.
  • Rat Verbündeter Meistergrade – 1879,
  • Tempelritter – 1845,
  • Der Alte und Angenommene Ritus/ Alte und Angenommene Schottische Ritus – 1846.

II. Frankreich

  • Die Neutempler – 1743, Nicht-Freimaurer,

Die Schottischen Systeme – um 1740,

darunter

  • Der Heilige Johannes von Schottland/ der Französische Philosophische Ritus -1751,
  • Das Clermont’sche Kapitel - vermutlich erst nach 1740,
  • Der Perfektionsritus von Heredom – 1758,
  • Der Philosophische Ritus von Namur – 1770,
  • Der Alte und Angenommene Schottische Ritus – Anfang der 60er Jahre des 18. Jahrhunderts/ 1804,
  • Der Französische Ritus – 1793,
  • Der Cerneau-Ritus - im damaligen Saint Dominique entstanden,

Hermetische Hochgradsysteme

darunter

  • Die Erleuchteten von Avignon (zuerst: Hermetischer Ritus der Perfektion) – 1766,
  • Ritus der Erleuchteten Theosophen von Avignon – 1767,
  • Der Schottische Philosophische Ritus – 1779,
  • Der Göttliche Orden der Philaleten (auch: Orden Unbekannter Philosophen)– 1773,
  • Der Ursprüngliche Ritus der Philadelphen von Narbonne (Rite primitif) – 1780,
  • Ritus Auserwählter Priester (Elus Coëns) – 1760,
  • Orden der Wohltätigen Ritter der Heiligen Stadt – (zuerst: Orden der Wohltätigen Brüder der Heiligen Stadt) – 1766,
  • Der Rektifizierte Schottische Ritus (= verbesserte) – 1782,

Ägyptische Pseudosysteme

darunter

  • Die Magier von Memphis
  • Cagliostros Ägyptischer Ritus – 1775,
  • Der Misraim-Ritus – gegen 1812,
  • Der Memphis-Ritus – 1815

Der Mesmerismus

Weibliche Freimaurerei in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, z. B.

  • Mops-Orden,
  • Kaiserliche Loge der Freien Ritter – in der kaiserlichen Zeit,
  • Ritus Schottischer Perfektion,
  • Ritus des Berges Thabor – 1809.
  • Droit Humain – Ende des 19. Jahrhunderts.

III. Deutschland

  • Die Strikte Observanz (Hoher Orden der Ritter des Tempels von Jerusalem) – 1751,
  • Die Rosenkreuzer (Bruderschaft des Gold- und Rosenkreuzes/ Fraternitas rosae et aurae crucis) – 1750,
  • Das Klerikat (Nachfolgegemeinschaft der geistlichen Sektion des Templerordens),
  • Afrikanische Brüder (oder: Afrikanische Bauherren),
  • Asiatische Brüder (zuerst: Ritter und Brüder des Lichts; später: Orden der *Ritter und Brüder St. Johannis des Evangelisten aus Asien) – 1782,
  • Die Illuminaten – 1776,
  • Der Johanniterritus von Zinnendorf – in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts,
  • Das Schröder’sche Ritual – 1801,
  • Fesslers System – 1798-1802.

IV. Das Schwedische System - 1759

V. Moderne Pseudosysteme

darunter

  • Neorosenkreuzer/ Moderne Rosenkreuzer (Gesellschaft der Rosenkreuzer in England/ Societas Rosicruciana in Anglia) – 1865,
  • Goldene Morgenröte (Hermetischer Orden der Goldenen Morgenröte) – 1888,
  • Der Swedenborg-Ritus

Yarkers pseudomaurische Riten

  • Souveränes Sanctuarium der Alten und Primitiven Freimaurerei (Memphis) für Grossbritannien
  • Souveränes Sanctuarium und Grossorient der Alten und Primitiven Maurer des Schottischen, Memphis- und Misraim-Ritus

ferner

  • Die Neomartinisten und ihre Kirche (Orden der Martinisten; Universale gnostische Kirche) – 1891,
  • Reuss und der Orientalisch Templerorden (Ordo Templi Orienti) (zuerst: Souveränes Sanktuarium für das Deutsche Reich sowie der Grossorient des Schottischen Ritus der Alten und Angenommenen Freimaurer - 1902); Orientalischer Templerorden (Ordo Templi Orientis)
  • Crowleys Satanskult (Orden des Silbernen Sterns oder Atlantean Adepts Society)
  • Die Theosophische Gesellschaft – 1875,
  • Die Sonderbaren Gesellen (Odd Fellows)/ Unabhängiger Orden Sonderbarer Gesellen
  • Das System des Albert Pike (Pike-Ritus).



Kurioses Literaturverzeichnis

Das 12seitige schlampige Literaturverzeichnis enthält fast nur veraltete Literatur, unzählige Schreibfehler und erstaunlich viele Titel in italienischer Sprache, beispielsweise vom Münchner Marcel Valmy: „I Massoni. Lavorare la ‚pietra grezza‘ con margtello, squadra, compasso.“ Auffallend sind auch viele gegnerische Schriften, etwa von Abbé Barruel, Hildebrand Gerber, Paul Sieberg [besser: Siebertz], Pierre Mariel, Manfred Adler, Jacques Ploncard d’Assac, John J. Robinson, Stephen Knight, Dieter Rüggeberg, Karl-Heinz Zunneck und Guido Grandt.

Dafür fehlen viele wichtige Werke über die Hochgrade, z. B. Harold V. B. Voorhis (1952) und Keith B. Jackson (1980) oder Nachschlagwerke wie Coil’s Masonic Encyclopedia (1961) und Daniel Ligous „Dictionnaire de la franc-maçonnerie“ (1974/ 1998).

Fazit: unsorgfältig, schnoddrig, unnütz

Wenn ein Autor ständig den Hauptharst der Freimaurer der „masonischen Selbstgefälligkeit und Unwissenheit“ bezichtigt, wiegen unzählige falsche Jahreszahlen, halbherzige Zitate und ungenaue Angaben umso schwerer.

Viele Charakterisierungen von Hochgradsystemen enthalten die uralten Klischees wie „gnostisch“ und „gnostisch-okkultistisch“, „altägyptisch“, „magisch-theosophisch“ oder „mystisch-theosophisch“, „Mystizismus“, „pseudochristliche Mystik“, „Kabbalistik“, „eklektische Symbolik“ oder schlicht „Pseudoweisheiten“, Ritterspiele, Gaukelei, Hellseherei, Astrologie, Alchemie, Okkultismus, und dergleichen mehr. Manche Schilderungen enthalten zudem mehr Ressentiments als Informationen.

Schade: Wieder einmal hat es ein Autor verpasst, eine auch nur einigermassen sachliche und zuverlässige Darstellung der maurerischen Hochgradsysteme zu geben.

Fazit: Die Arbeit ist unsorgfältig, der Tonfall schnoddrig, ein Nutzen nicht vorhanden.


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