Rezension: Klaus-Jürgen Grün - Der innere Bund und die Außenwelt
Klaus-Jürgen Grün: DER INNERE BUND UND DIE AUSSENWELT
Eine systemtheoretische Philosophie der Freimaurerei
Dazu von Rudi Rabe eine durchaus subjektive Rezension
Freimaurerei ist ein selbstreferenzielles System in einer Umwelt, die das nur schwer hinnehmen oder auch nur begreifen kann. Wie auch?! … Arbeit im Tempel? Wo ist da ein Tempel? Und was reden die Teilnehmer da Unverständliches miteinander? Und das auch noch in dieser seltsamen Adjustierung? Welchen Sinn soll das alles haben? - Von außen, aus der Umwelt beobachtet, ist das nicht zu begreifen, nicht zu deuten. Ja eben: weil es selbstreferenziell ist. Weil es von außen keiner Erklärung, keiner Begründung bedarf. So verstehe ich diese beeindruckende und einleuchtende These Klaus-Jürgen Grüns vom selbstreferenziellen System, die er gleich am Anfang des Buchs und dann immer wieder darlegt - von mir jetzt herunter gebrochen auf leicht verständliche Äußerlichkeiten; aber das Buch schürft bei diesem Gedanken natürlich viel tiefer.
Nun ist es aber nicht so, dass der Autor diese Sicht nun landauf landab über gut 300 Seiten ständig wiederholt. Vielmehr führt uns das Buch durch einen dichten Wald systemtheoretischen Wissens, einen Wald mit vielfältigstem Grün - ja Grün, einem Wald mit hohen und niedrigen Bäumen, mit oft dichtem Unterholz, und nur hin und wieder gelangt man bei dieser Wanderung auf eine Lichtung, auf der das Freimaurerische direkt ausgeschildert ist. Wohl wegen meiner masonischen Erwartungshaltung hatte ich daher am Anfang durchaus den einen oder anderen Lesewiderstand zu überwinden. Aber dann haben mich die Grün’schen Denkfiguren und auch Zitierungen immer weiter hineingezogen bis zur letzten Seite. Und so wurde bei dieser meiner Waldwanderung das ganze Buch für mich mehr und mehr so etwas wie selbstreferenziell.
Zur Selbstreferenz einige Grundgedanken aus dem Buch
Religion, Philosophie aber auch der Alltagsverstand gehen davon aus, dass wir die Welt objektiv von außen interpretieren können. Dabei wird aber vergessen, dass jeder Mensch ein Teil des Interpretierten ist. Das gilt letztlich auch für Größen der Aufklärung wie John Locke oder Immanuel Kant, stellt Klaus-Jürgen Grün klar.
In der Freimaurerei verlieren somit Kategorien wie „Wahrheit“ oder „Objektivität“ ihren Sinn. Stattdessen „beginnt sie mit Operationen der Beobachtung, dem Insich-Schauen, dem Umsich-Schauen und dem Vorausschauen. Das hat sie … mit der Systemtheorie gemeinsam. … Freimaurerei erweist sich als ein Gesamtkunstwerk, in dem Selbstreferenz rituell vollzogen und sichtbar gemacht wird. Ziel der rituellen Arbeit ist die Herstellung einer gemeinsam geteilten Welt im Symbol des Tempels der Humanität.“ Dabei wird „stets berücksichtigt, dass jeder Beobachter eine andere Perspektive einnimmt und keine der Perspektiven eine absolute ist. Sofern aber keine Beobachtung absolut sein kann, sind Vorstellungen der gemeinsam geteilten Welt mit dem Horizont vergleichbar, den man niemals erreicht, während man ihn doch ständig im Auge behält bei der Fahrt auf offene Meer.“ Wichtig: Bei seinen Überlegungen bezieht sich Klaus-Jürgen Grün immer wieder auf den deutschen Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann (1927 - 1998).
Und vielleicht noch ein sehr aktuell klingendes Zitat aus dem Schlusskapitel des 330-Seiten-Buchs: „Universalistische Forderungen geraten irgendwann in die Paradoxie. Der Prozess der Vernunft-Aufklärung endet in der Paradoxie, dass Vernunft sich zu Unvernunft umbildet; das Toleranzprinzip endet bei der Toleranz gegenüber Intoleranz; Gerechtigkeit endet dort, wo jeder sich ungerecht behandelt fühlen will. - Es bedarf nicht unbedingt neuer Prinzipien des Denkens, sondern vor allem eines geschärften Bewusstsein für die falsche Rationalität alteuropäischer Selbstverständlichkeiten. Die … Krisen der Gegenwart sind auch Krisen der alteuropäischen Selbstverständlichkeiten von Wahrheit, Objektivität, Moral und Ethik.“ Diese These, nämlich das "alteuropäische Denken" sei heute oft nicht mehr auf der Höhe der Zeit, kommt im Buch immer wieder vor.
Klaus-Jürgen Grüns Buch ist nicht immer leicht zu lesen, aber es ist keineswegs so „abgehoben“ wie es diese Zitierungen ungewollt nahelegen könnten. Der Autor fügt häufig Verbindungen zum Konkreten des Lebens ein. Und oft auch Paradoxien, die zum Schmunzeln anregen.
Das Buch ist 2025 im Salierverlag erschienen
Ergänzend die Beschreibung von der Verlags-Website: Freimaurerei als faszinierendes System selbstreferentieller Rituale - Klaus-Jürgen Grün entschlüsselt die verborgene Logik einer jahrhundertealten Gemeinschaft. Was macht die Freimaurerei zu einem selbsterhaltenden sozialen System? Dieses tiefgründige Fachbuch beleuchtet mit den Werkzeugen der Luhmann'schen Systemtheorie die Eigendynamik der freimaurerischen Rituale. Der Autor zeigt, wie die Inszenierung im "Tempel" mehr ist als bloße Tradition: Sie erschafft einen Raum, in dem soziale Wirklichkeit konstruiert wird. Jenseits theologischer oder historischer Zugänge entfaltet sich ein neuer Blick auf die Freimaurerei als "Gesamtkunstwerk" selbstreferentieller Prozesse. Für Philosophinnen, Soziologinnen und kritische Freimaurer*innen, die bereit sind, gewohnte Denkstrukturen zu hinterfragen und die Komplexität sozialer Systeme zu ergründen.
➤ Professor Dr. Klaus-Jürgen Grün ist Philosoph, Autor und einer der führenden Experten zur Symbolik und Ethik der Freimaurerei er verbindet in seinen Schriften Philosophie, Kulturgeschichte und gesellschaftliche Fragen auf spannende Weise.
Siehe auch
- Klaus-Jürgen Grün
- Rezension: Klaus Jürgen Grün - Wörter machen Götter
- Traktat: “Wörter machen Götter” – eine orientalische Entgegnung
- Rezension: Klaus-Jürgen Grün: Menschenähnlichkeit
- Rezension von Christoph Meister
- Rezension von "Triangle"
- Rezension: Klaus-Jürgen Grün: Das verlorene Wort
- Traktat: sapere aude
Links
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