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Rezension: Klaus-Jürgen Grün: Menschenähnlichkeit

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Inhaltsverzeichnis

Rezension: Klaus-Jürgen Grün: Menschenähnlichkeit

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Rezension von Rudi Rabe

"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!" Dieser Satz Erich Kästners klingt wie die Essenz der Freimaurerei. Kein Wunder, dass ihn Klaus-Jürgen Grün im Schlusskapitel zitiert. Ein weiser Satz, der am Ende dieses ebenso streitbaren wie lesenswerten Buches jedenfalls nicht unversöhnlich klingt.

Klaus-Jürgen Grün: "Freimaurerei verbessert die Menschen nicht. Sie ist die Ausbildung des Wissens, was zu bedenken ist, wenn einer selbst besser werden will." Nicht so Religionen: Sie haben ein ganz anderes Selbstverständnis.

Die "Doppelnatur" der Religionen

"Der Unterschied zwischen humanitärer Freimaurerei und Religion liegt in dem Heilsversprechen. Freimaurerei leistet keinerlei Heilsversprechen. Diese sind die Domäne der Religionen." Aber: Religionen haben eine "Doppelnatur". Sie sind nicht nur Heilswege, sie transportieren auch ein verborgenes Maß an Feindseligkeit. Das "ist der wichtigste Anlass, sie stets auch mit Skepsis zu betrachten."

Mit Feindseligkeit meint Klaus-Jürgen Grün zum Beispiel: Wenn jemand für einen anderen betet oder ihn gar missionieren will, erhebt er sich über ihn. Noch schlimmer: Wenn eine Priesterkaste im Namen eines Gottes Tugendkataloge aufstellt, macht sie das, weil ihr dadurch Machtinstrumente zuwachsen. Und wenn sich der so Unterworfene an diese Gebote hält, tut er das nicht seiner Mitmenschen wegen (Verantwortungsethik), sondern um selbst ein gutes Gewissen zu haben (Gesinnungsethik) oder nicht in der Hölle zu landen (Angst). Daher bezeichnen Kenner des Christentums dieses "als eine Religion der Angst".

Freimaurerei als "Einübungsethik"

Die Freimaurerei hat einen lebensnäheren, ja lebensfreundlicheren Ansatz. Im Gegensatz zu den "größenwahnsinnigen" Vorstellungen vom Ebenbild Gottes versteht sie den Menschen als rauen Stein. Und sie verzichtet auf große Theorien: Sie kümmert sich um die Praxis. Weil sie weiß, dass von oben eingetrichterte Tugendkataloge uns Menschen nicht gut machen, begnügt sie sich mit spielerischen Einübungen: "Das Spiel erzeugt die Tugenden, in denen der Spielende im profanen Leben tüchtig sein will." Kinder wissen das: Sie lernen im Spiel. Das wirkt nachhaltiger: "Ob eine Handlung mit den Spielregeln vereinbar ist, kann uns entweder eine Autorität mitteilen oder wir können es im Spiel selbst erfahren. Der Sinn des Gehörigen wird jedoch nur dann ein fester Bestandteil unseres Charakters, wenn wir ihn in der spielerischen Praxis erfahren haben. Autoritäten verlieren im Spiel ihre angemaßte herausragende Stellung. Das Ritual lässt nur gleichwertige Spielteilnehmer zu."

Andersons Sittengesetz als Platzhalter

Die masonische Unbestimmtheit geht so weit, dass die Freimaurer zwar bei jeder Aufnahme den neuen Lehrling auf das 'Sittengesetz' aus James Andersons Konstitutionen von 1723 verpflichten, "aber keiner weiß, was das eigentlich ist." Im Gegensatz zu vielen theologischen Haarspaltereien wird das Sittengesetz ganz bewusst nicht ausdefiniert, "aber wir haben ein intuitives Wissen, worum es dabei geht. ... Das Sittengesetz übernimmt in der Freimaurerei die Platzhalterrolle für einen nicht näher bestimmten Ort höchster moralischer Verbindlichkeit. Es ist die Privatangelegenheit, was ein jeder Bruder darunter verstehen mag. Seine spezielle Auslegung gehört nicht zum Lehrbestand der Freimaurerei. Das Sittengesetz ist somit negativ bestimmt."

Immanuel Kants "Pseudoreligion"

Das also ist Freimaurerei: Kein religiöses Zwangsgehäuse sondern ein Spielraum für das Sittengesetz. Dieses Konzept weist sogar über den großen Immanuel Kant hinaus. Auch seine Ethik basiert auf dem Sittengesetz. Aber "er stilisiert es zu einer Pseudoreligion hinauf." Er beseitigt zwar die "infantile Vorstellung eines Gottes, der wie ein alter, weiser Vater jenseits von Gut und Böse von einem Sitz oberhalb der irdischen Sphäre den Menschen die Antwort gibt auf die Frage: 'Was soll ich tun?'." Aber er ersetzt diesen Gott durch eine neue Autorität: die Reine Vernunft, der "nichts Empirisch-Irdisches mehr anhaftet. Ob es so etwas gibt, ist fraglich. Doch hat dies weder Kant noch die Kantianer jemals interessiert. Kants Vernunft ist nicht von dieser Welt."

Gegen Freimaurerei als "Lastesel für Religion"

Klaus-Jürgen Grüns Streitschrift richtet sich über weite Strecken gegen religiöse Mächte: mehr als es in dieser kurzen Zusammenfassung zum Ausdruck kommt. Und damit im Zusammenhang nimmt sie auch eine spezielle Richtung der deutschen Freimaurerei aufs Korn: die von der 'Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland' (GLL) vertretene sogenannte "christliche Freimaurerei". Deren Mitglieder müssen sich - so zitiert der Autor aus dem GLL-Gesetzbuch - "zur alleinigen Lehre Jesu Christi bekennen, wie sie in der Heiligen Schrift enthalten ist." Das hat laut Klaus-Jürgen Grün nichts mehr mit - wie er stets betont - humanitärer Freimaurerei zu tun: "Freimaurerei respektiert das Bedürfnis nach Transzendenz. ... Aber die Ausmalung der Transzendenz in bunten Farben des Trostes ist nicht ihre Aufgabe. ... Wo Freimaurerei diese Grenze überschreitet, hört sie auf, Freimaurerei zu sein, weil sie dann zu einem Heilsversprechen wird, das in das Aufgabenfeld der Religionen gehört."

MENSCHENÄHNLICHKEIT ist das Buch eines radikalen Aufklärers. Seine Diktion lässt vermuten, dass hinter den klaren Argumenten auch persönliche Verletzungen stehen, die in einem jahrelangen Kampf mit Anhängern der 'Großen Landesloge' entstanden sind (Traktat: sapere aude). Klaus-Jürgen Grün ist ja nicht Irgendjemand. Er ist nicht nur ein anerkannter Philosoph, er bekleidet auch hohe Ämter in der 'Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland' (AFuAM), also der deutschen Mehrheitsmaurerei: Er ist Stuhlmeister der deutschen Forschungsloge Quatuor Coronati (Website: QC).

Für einen Österreicher wie mich mutet dieser Konflikt ziemlich exotisch an, gibt es doch bei uns nur die sich humanitär-laizistisch verstehende Freimaurerei, also die Richtung der AFuAM. Klar: In einem letztlich doch katholisch grundierten Land wäre eine 'christliche Freimaurerei' so etwas wie ein schwarzer Schimmel.

P.S. von Rudi Rabe:

Ein Dreivierteljahr nachdem ich diese Rezension im Wiki online stellte, traf ich Klaus-Jürgen Grün Ende März 2014 bei einer Tagung im österreichischen Freimaurermuseum Rosenau, und ich fragte ihn, warum es ihm so wichtig ist, diese Auseinandersetzung mit der ’Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland’ (GLL/Freimaurerorden) auszutragen ... also eine Auseinandersetzung, die in der deutschen Freimaurerei immer wieder große Wellen schlägt (siehe auch die Texte anderer Rezensenten und die überdurchschnittlich große Zahl an Rezensionen auf dieser Wiki-Seite weiter unten).

Seine Antwort wörtlich aber leicht gekürzt: „Die Diskussion in Deutschland soll zeigen, dass es einen nicht unter den Teppich zu kehrenden Unterschied zwischen humanitärer und christlicher Freimaurerei gibt. Er beruht darauf, dass im Freimaurerorden (FO) ohne die historischen Fakten zu kennen, behauptet wird, man müsse zuerst Christ sein, um dem freimaurerischen Anspruch des Sittengesetzes zu genügen. Tatsächlich aber fordert James Anderson in seinen ’Alten Pflichten’, dass man zuerst das Sittengesetz anerkennen müsse, um von dort aus einen Weg zur Religion eröffnen zu können. Das ist die Position der Toleranz, die in der Moralphilosophie Immanuel Kants ihren systematischen Ausdruck fand. ...

Unter der Hand, indem Funktionäre des Freimaurerordens in geradezu Zensur übender Weise Druck auf die Vereinigten Großlogen von Deutschland ausüben, wird diese Entwicklung nicht nur ignoriert, sondern von den Füßen auf den Kopf gestellt. Es soll verschleiert werden, dass im Freimaurerorden die Auffassung vorherrscht, dass man die Vernunft nur innerhalb der christlichen Religion erfasst und die zum Fundament einer selbstgestrickten Freimaurerei erklärt. Zahlreiche Brüder des Freimaurerordens (FO) wehren sich dagegen, anzuerkennen, dass die Bibel kein Tatsachenbericht ist und im Freimaurertempel nicht von Gott als einem real existierenden Wesen gesprochen wird. Sie haben nicht zur Kenntnis genommen, dass es eine historische Bibelkritik gab, die bereits die Erkenntnis einer Wahrheit über die Existenz und das Wirken eines christlichen Gottes für unmöglich erklärte. Vollkommen ignorant gegenüber dem Stand der Forschung fordert der Freimaurerorden in seinem Gesetzbuch, dass ein in den FO aufzunehmender Bruder ‚die reine Lehre Jesu Christi anerkennen’ müsse. Dieser Gedanke ist mit freimaurerischer Toleranz nicht vereinbar. ...

In jedem Fall aber möchte die Mehrheit der Freimaurer diese Verengung der Freimaurerei auf die christlichen Kirchen nicht anerkennen. Diese Freimaurer bewegen sich auf der oben erwähnten Stelle der ’Alten Pflichten’ und betrachten es als den einzig sinnvollen Weg, vom Sittengesetz zur Religion zu gelangen und nicht umgekehrt. Wir nennen diese Strömung der Freimaurerei die humanitäre.

Vielen Brüdern ist die Verfassung des FO nicht bekannt, und sie können sich kaum vorstellen, was sich abspielt in der Behinderung von Erkenntnissen und der Forschung innerhalb der Freimaurerei.“


Rezension von Christoph Meister

„Menschenähnlichkeit. Zum Unterschied zwischen humanitärer Freimaurerei und Religion“ ist ein anspruchsvolles Buch. Dies nicht nur deshalb, weil es einen sehr weiten philosophischen Horizont besitzt, sondern auch deshalb, weil der Autor, Klaus-Jürgen Grün, Meister der deutschen Forschungsloge Quatuor Coronati, wohl die meisten von uns mit hartnäckigem Zweifel und kritischem Denken in ihrem freimaurerischen Selbstverständnis herausfordert. Lassen wir uns auf Klaus-Jürgen Grüns Befragung und die sich daraus eröffnenden Einsichten aber mit wachem Bewusstsein ein, dann können wir, unabhängig davon, ob wir immer einverstanden sind, zu einem viel deutlicheren Bild der Freimaurerei gelangen, als wir es vorher wahrscheinlich besassen.

Das Buch, das ich in einigen, m. E. besonders wichtigen Aspekten im Folgenden vorstelle, sei deshalb wärmstens zur Lektüre empfohlen! Ins Visier genommen wird hauptsächlich das Verhältnis von Freimaurerei und Religion. Ausgangspunkt ist dabei eine pointiert der Aufklärung verpflichtete, von Klaus-Jürgen Grün als „humanitär“ bezeichnete Freimaurerei. Explizit „religiöse Freimaurerei“, die „ihren Erkenntnisanspruch auf eine Erkenntnis Gottes“ richtet, in der Loge „im Namen des christlichen Gottes Liturgie zelebriert und eine Verschmelzung mit Jesus heraufbeschwört“, kann vor dem Urteil der „humanitären Freimaurerei“ nicht bestehen. Aufklärung, nämlich, „warnt stets davor, die Inhalte unseres Bewusstseins immer und kritiklos für das hinzunehmen, wofür sie sich selbst ausgeben. Wenn wir in unserer Ideenwelt Engeln, Gott und dem sorgenfreien Paradies begegnen, so fordert Aufklärung dazu auf, diese und ähnliche Inhalte unseres Bewusstseins nicht wörtlich zu nehmen…“.

Gemäss Kant erliegen wir, wenn wir solche Inhalte wörtlich nehmen, einem „Religionswahn“, der darin besteht, „die Täuschung, die blosse Vorstellung einer Sache mit der Sache selbst für gleichbedeutend zu halten“(25). Mit Feuerbach ist „der gedachte Gott nichts anderes als der ins Übernatürliche gesteigerte Mensch“(85). Diese Projektion muss zurückgenommen und verkleinert werden, „damit der natürliche Mensch sich näher komme“(85).Sie stellt zudem einen „anmassenden Versuch“ dar, „über Gott Bescheid wissen zu wollen“(17). Für eine vom Denken der Aufklärung geprägte Freimaurerei, wie Klaus-Jürgen Grün sie in diesem Buch mit Entschiedenheit vertritt, kann Gott „nur im Sinne eines Postulats der Vernunft verstanden werden, keinesfalls als real existierende Wesenheit“(17).

Der Allmächtige Baumeister aller Welten ist eine „Metapher“; sie „beruht auf der Einsicht, dass jede explizite Aussage über ein solches Wesen, also auch, ob es existiere oder nicht, nicht mehr zum Bereich der Freimaurerei gehört“(17). Vor dem Hintergrund einer solchen Position ist es nun nicht mehr nur die „explizit religiöse Freimaurerei“, die ins Kreuzfeuer der Kritik gerät, sondern sind es auch diejenigen Freimaurer, die einen religiösen Glauben haben, ohne ihn für den einzig wahren zu halten, und für die sich im ABaW der Gott ihres Glaubens zeigt, ohne dass sie eine Tempelarbeit deswegen für einen Gottesdienst halten.

Aus der Sicht der hier vertretenen „humanitären Freimaurerei“ reicht deren Toleranz nicht aus; sie müsste sich vielmehr so weit erstrecken, dass im eben geschilderten Sinn gläubige Freimaurer, bevor sie den Tempel betreten, auch ihr persönliches Gottesverständnis hinter sich lassen, es also nicht mit dem ABaW des Freimaurerrituals identifizieren. Erst dann sind Freimaurerei und Religion wirklich voneinander getrennt, ist die Religion wirklich eine „Privatsache“ und als solche dann ausserhalb der Betrachtung und des Urteils der Freimaurerei. Sehr deutlich und sicher auch zu Recht weist Klaus-Jürgen Grün darauf hin, dass es heute unter den mit der Religion beschäftigten Freimaurern noch eine dritte Gruppe gibt, nämlich die, der ihre „Religion nicht mehr genügte und trotzdem nicht von ihr loskommt“(17).

Diese Gruppe wird möglicherweise eine ganz besonders diffuse und unbewusste Haltung der Religion gegenüber mitbringen und sieht sich deshalb durch dieses Buch auch entsprechend scharf in Frage gestellt. Interessanterweise wird eine vierte mögliche Haltung, die früher vielleicht selten, heute aber durchaus unter den Freimaurern zu finden ist, unter diesem Gesichtspunkt nicht erwähnt, nämlich die atheistische. Insofern auch sie sich eindeutig festlegt und damit einen ‚Glauben‘ vertritt, verfehlt auch sie dieses, was die Existenzfrage Gottes betrifft, „In-der-Schwebe-Halten“ und erträgt den, will man wirklich darauf verzichten, über Gott zu verfügen, notwendige Zweifeln auch nicht. Einen massiven Zweifel bringt Klaus-Jürgen Grün auch gegenüber in der Freimaurerei weithin anerkannten philosophischen Voraussetzungen der Ethik an, und dabei gerät nun auch das Denken der Aufklärung selbst in die Kritik. Es geht dabei um die z.B. bei Lessing vertretene Überzeugung und gleichzeitig Hoffnung, dass die Zeit komme, in der der Mensch das Gute um des Guten willen tun würde und um die damit verwandte Kantsche „Pflichtethik“. Wenn Kant der Meinung war, „es komme als ‚das wesentliche alles sittlichen Werts der Handlungen … darauf an, dass das moralische Gesetz unmittelbar den Willen bestimme‘“(11), kann man darin eine „Wiederkehr der alten jüdisch-christlichen Tradition“, den „Eintausch des göttlichen Verstandes durch die universelle transzendentale Vernunft“(113) sehen.

Wie Klaus-Jürgen Grün zeigt, ist eine solche ‚Gesinnungsethik‘ mit dem Schwerpunkt auf dem guten Willen der freimaurerischen, auf die Praxis ausgerichteten Haltung eigentlich fremd. Die Freimaurerei leitet keine ethischen Ansprüche aus „einer Analyse der Vernunft“ ab, „nicht Vernunfteinsicht, sondern das Bewusstsein, am selben Bau der Humanität arbeitend tätig zu sein, spannt die Weltbruderkette auf“(113).

Die Ethik einer humanitären Freimaurerei orientiert sich deshalb weit besser an Max Webers ‚Verantwortungsethik‘, die davon ausgeht, „dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat“(123). Weil man Verantwortung für das eigene Tun nicht delegieren und dessen allfälligen schädlichen Folgen nicht durch die gute Absicht entschuldigen kann, ist „zu einem erfolgreichen Handeln auch in sozialer Hinsicht zuerst einmal eine möglichst präzise Einschätzung der Folgen unseres Handelns“(123) erforderlich. Entscheiden sich ethische Fragen im Handeln, im „Tun in der Praxis“(148), dann gewinnt das alte Konzept der ‚Tugenden‘ eine hohe Bedeutung. Tugenden kann man nicht „theoretisch erlernen“(148), man wird ihnen „nur tüchtig durch das Tun“(148): „Wollen wir ein liebenswerter Mensch sein, müssen wir uns in liebenswerten Handlungen üben und äussern; wollen wir ein fleissiger Mensch werden, müssen wir uns im Fleiss üben; wollen wir ein aufmerksamer Mensch sein, dann müssen wir uns in Aufmerksamkeit üben“(148).

Aus den vorangehend skizzierten Gedanken zu ihrem Verhältnis zur Religion und zu ihrer Ethik ist „humanitäre Freimaurerei“, die nicht von einer Theorie ausgeht, sondern sich in der Praxis, und zwar sowohl in der rituellen wie in der Lebenspraxis ereignet und vollzieht, nicht „spekulativ“, sondern durchaus „werktätig“. Die ihr eigentümliche Form der Werktätigkeit oder Arbeit ist für Klaus-Jürgen Grün deshalb von ganz besonderem Interesse. Karl Marx und Friedrich Engels verdanken wir die Erkenntnis, dass wir „in unseren Produkten nicht nur diese Produkte, sondern zugleich auch das Bewusstsein, deren Produzenten zu sein“, herstelen(151). Worin unsere Arbeit besteht und wie wir sie verrichten, hat also einen Einfluss darauf, wie wir uns als Menschen wahrnehmen und sogar, was wir für Menschen sind.

Der Arbeitsprozess müsste also „Elemente enthalten, die es dem Menschen erlauben, sich als Mensch zu reproduzieren“(151). Das ist heute, wo Menschen in sehr erheblichem Masse „Objekte der Ökonomie“ oder „Objekte der Verwaltung“ sind, selten der Fall. Die freimaurerische Arbeit im Ritual begreift sich demgegenüber als einen Prozess der Menschwerdung – Ritualistik und Symbolik der Freimaurerei erinnern also daran, „dass Arbeit nicht nur einen unterwerfenden, verwaltenden und ausbeutenden Sinn hat, sondern auch einen menschlichen“(150). Ort der rituellen Arbeit, sei sie nun Konferenz, Tempelarbeit oder Tafelloge, ist die Loge.

Die Loge begreift Klaus-Jürgen Grün als einen „Spielraum“. In bewusster „Abgrenzung vom profanen Raum“ schaffen Freimaurer „einen Spielraum, in dem etwas stattfindet, was die Wirklichkeit simuliert, aber nicht identisch ist mit ihr“(162). Dieses Spiel „erzeugt die Tugenden, in denen der Spielende im profanen Leben tüchtig sein will“(163). Es ist also kein harmloses Spiel, sondern eines, dass sogar zur Folge haben kann, dass sich jemand den Regeln des die profane Welt beherrschenden ‚Spiels‘ widersetzt. Es will „ein Gefühl und ein Bewusstsein dafür verstärken, was es heisst, sich als Mensch wahrzunehmen und sich als einen solchen erkennen zu geben. Möge der Mensch zeigen, dass er sich selbst und nicht einem anderen Wesen ähnlich ist!“(168)


Redaktionelles Beiblatt als Kurzfassung

Menschenähnlichkeit

Hans-Hermann Höhmann und Christian Meier

„Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.“ Als das Ungeheuer Sphinx die Stadt Theben belagerte, wusste allein Ödipus ihr Rätsel zu lösen: „Es ist der Mensch." Damit prägte er die Antwort auf die meisten Fragen der Aufklärung. Es ist der Mensch.

Aber Aufklärung ist kein abgeschlossener Prozess. Vielmehr liegt es in der Natur des Menschen, dass er sich selbst stets wieder von sich entfernt, wenn er sich gerade einen Schritt näher gekommen ist. Nur vorübergehend ist sich der Mensch kein Fremder. Meistens versucht er anders zu sein als er ist. Keiner scheint ausgenommen. Wer von den Älteren unter uns färbt sich beispielsweise die Haare? Er lügt - oder abgeschwächt gesagt: er täuscht seine Umwelt bewusst -, indem er ein Alter zurückspiegelt, das nicht sein eigenes ist. Aber da ist er unter all den Tieren in guter Gesellschaft. Denn auch Hunde bellen manchmal nur, um eine Kraft vorzutäuschen, die sie nicht besitzen; Pfauen prahlen mit einem Federrad, das ihnen Größe anmaßt, die sie nicht besitzen; Gottesanbieterinnen machen sich den Zweigen eines Astes täuschend ähnlich, damit ihre Beutetiere sich ahnungslos in gefährliche Nähe begeben.

Es gehört zum natürlichen Erfolgsprozess, durch Lüge, Bluff und Täuschung seine Überle-benschancen zu vergrößern. Die Vervielfältigung der Palette der Täuschungen durch den Menschen, aber auch die Verschiedenheit seiner Charaktere macht es dem Verstand schwer auszusprechen, was das eigentliche Merkmal des Menschen sei. Schmerzlich hat sich der Mensch daran gewöhnen müssen, dass auch diejenigen, die er als Nicht-Menschen - vor allem weil sie eine andere Religion hatten als der jeweilige Herrenmensch - abgestempelt hatte, Menschen sind. Das unabgeschlossene Projekt der Aufklärung ist die Menschwerdung des Menschen. Er möge sich selbst ähneln und nicht einem anderen, vielleicht sogar übernatürlichen Geisterwesen.

Die Epoche der Aufklärung erfand eine Reihe von Strategien zur Ausbildung dieses Projekts. Eine davon ist die Philosophie. Sie hat einen großen Nachteil: Durch bloße Mitteilung von Erkenntnissen verändert sich nichts. Zumal der Mensch stets nur so viel Erkenntnis an sich heranlässt, wie der Einschätzung seines Eigenwertes keine Kränkung zugefügt wird.

Es bedarf einer verändernden Praxis. Sie zu pflegen, bildete sich Freimaurerei in der Epoche der Aufklärung heraus. Freimaurerei wollte nicht politisch sein, aber ihre Praxis war es, politisch Verfolgten Asyl zu gewähren; Freimaurerei wollte kein Dogma verkünden, aber sie setzte Männer mit verschiedenen Dogmen an einen Tisch und forderte von ihnen, dass sie lernten, einander zu ertragen; Freimaurerei wollte niemals eine Religion sein, aber sie verwendete die liturgischen Elemente, die in der Kirche zur Ideologie der Gottähnlichkeit dienten, um sie in der Loge humanitär umzumünzen.

Der Mensch sollte nicht versuchen, etwas anderem ähnlich zu werden als sich selbst. Der Anspruch, etwas anderem ähnlich zu sein, ist der Motor der Entfremdung des Menschen von sich selbst. Allzu leicht denkt er nämlich größer von sich als unbedingt notwendig. Ja, man hat ihm vorgeworfen, deswegen verfalle er der Hybris, sich selbst zum Gott zu machen.

Die Freimaurerei hält dem Bruder daher stets die Warnung entgegen, sich wie der raue Stein zu betrachten, der stets der Arbeit bedarf, um in ein Ganzes eingefügt werden zu können. Nur die Arbeit bringt ihn der Vollkommenheit näher, erreichen wird er sie gleichwohl niemals. Denn noch zuletzt erinnert ihn der raue Stein an seine Herkunft und seine Unvollkommenheit. Der Hybris entgeht der Mensch am besten, wenn er seine Abstammung nicht herleitet von der höchsten denkenden und schaffenden Instanz des gesamten Universums. Im Prozess der Aufklärung wird dem Menschen zugemutet, sehr viel bescheidener zu werden. Das Symbol dieser Bescheidenheit ist der raue Stein.

Wir nennen es humanitäre Freimaurerei, wenn der Bruder - oder die Schwester - das Abenteuer auf sich nehmen, ihre Religion, in der sie geprägt wurden, außen vor zu lassen, sobald sie in den freimaurerischen Tempel eintreten. Freilich gehört es zur Forderung nach religiöser Toleranz, das Bedürfnis nach Trost zu respektieren, von dem nicht wenige beherrscht werden, wenn sie die liturgischen Elemente einer Tempelarbeit als eine Bestätigung ihrer Ebenbildlichkeit mit der größten Macht des Universums verstehen wollen.

Doch bleibt dies ihr Privaterlebnis. Und sofern sie dieses Privaterlebnis in ein kollektives umwandeln wollen, gehören sie jedoch in die Kirche und nicht in die Freimaurerei. Nur dort ist in einem realen Sinn von Gott die Rede, der die Welt, den Menschen und seine Zukunft geschaffen habe, der ihn in eine Welt geschickt habe, aus der er ihn am Ende erlösen soll. Die Bescheidenheit der humanitären Freimaurerei besteht darin, dass wir zugeben, nicht zu wissen, ob es sich so verhalte. Die Erwartungen des Jenseits, sofern es ein solchen gibt, spielen bei der Menschenbildung keine Rolle.

Viel wichtiger für die Ausbildung einer Humanität ist die konsequente Aufmerksamkeit auf den Wert des Menschen im Hier und Jetzt. Wenn der Mensch gelernt hat, so zu leben, dass er seine Taten vor anderen Menschen im Hier und Jetzt verantworten kann, reicht dies vollkommen aus für eine humane Welt. Der Versuch, sein Handeln kit inem gewissen zu vereinbaren, das nicht von dieser Welt sei, erscheint als eine nicht notwendige Ablenkung von den eigentlich zu bewältigenden Aufgaben.

Doch es kann dieser Anspruch niemals als eine allgemeine Pflicht ausgewiesen werden. Menschen - so lange wir sie kennen - haben es nur in Ausnahmen vermocht, auf den Trost zu verzichten, dass eine übernatürliche Weltvernunft, meisten inkarniert in einer göttliche Gestalt, die Geschicke lenken wird und die Verantwortung übernehme für das, was sie uns als das Gute vorgesetzt habe. Schon aus diesem Grund, dass es eine Forderung wäre, der die meisten nicht nachkommen könnten, kennt Humanitäre Freimaurerei keine Mission und möchte auch den Kirchen keine Mitglieder abwerben.

Nicht jeder Mensch muss Freimaurer werden. Vielmehr ist es wichtig zu sehen, dass schon eine kleine Anzahl an Freimaurern genügt, um zu bestätigen, dass es sie gibt - die Rücknahme der Entfremdung des Menschen von sich selbst. Es wäre falsch anzunehmen, dass Menschen hierzu gezwungen, überredet oder missioniert werden müssten. Humanitäre Freimaurerei betrachtet sich bloß nicht für zuständig, für die Verbreitung und den Erhalt falschen Wissens vom Menschen tätig zu werden. Ein falsches Wissen ist ein solches, das der Mensch pflegt, wenn er glaubt übernatürliche Eigenschaften zu besitzen, die dem natürlich Menschlichen nicht gemäß sind.


Rezension von "Triangle"

In der Edition Temmen ist das Essay "Menschenähnlichkeit - Zum Unterschied zwischen humanitärer Freimaurerei und Religion" von Klaus-Jürgen Grün erschienen.

Mit seinem Buch hat sich der Autor,, der amtierende Vorsitzende der freimaurerischen Forschungsgemeinschaft Quator Coronatti, laut Klappentext nicht mehr und nicht weniger vorgenommen, als den Unterschied zwischen Religion und Humanitärer Freimaurerei zu erläutern.

Im Folgenden werde ich versuchen zu klären, ob und inwieweit ihm das gelungen ist.

Klaus-Jürgen Grün startet sein gut 170 Seiten starkes Buch mit dem Versuch, die Katholische Kirche und in Ihrem Gefolge alle Religionen als Verursacher aller menschlichen Unfreiheit hinzustellen und deshalb auch die christlich orientierte Freimaurerei, wie sie in der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland praktiziert wird und die er mit einer Religion gleichstellt, zu verdammen.

Dabei wirft er den Religionen, die er als Atheist als Instrument menschlicher Überheblichkeit identifiziert, weil die Gläubigen zuerst einen höher gestellten Gott erfinden, dem Sie sich dann angleichen wollen, ansieht, vor, im Gegensatz zur Humanitären Freimaurerei nicht den Menschen, sondern die Macht über den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

Beweise für seine Sicht findet er dabei in den Verlautbarungen der katholischen Kirche, unter anderem den Enzykliken, also den Lehrschriften der Päpste, Er spart auch nicht mit genüsslichen Hinweisen auf die angeblich kannibalistischen Anklänge im christlichen Abendmahl. Auch konstruiert er einen Unterschied zwischen Humanismus und Religion, explizit der christlichen Religion. Das ist nur folgerichtig, schöpft Grün doch allein aus vatikanischen also vorkonzilliaren oder das 2. Vatikanum ablehnenden Quellen, wie der Kurie selbst. Bei der Lektüre von Hans Küngs "Christ sein", oder Küngs Gespräch mit dem Juden Pinchas Lapide über Jesus (Jesus im Widerstreit, Calwer/Kösel, 1975) hätten diese krasse Fehleinschätzung ebenso verhindern können, wie die Lektüre von Küngs neuem Buch "Jesus".

Und statt das Thema umfassend und offen zu analysieren, arbeitet sich Klaus-Jürgen Grün an der katholischen Kirche und parallel dazu an der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland ab.

Dabei bedient er sich der selben Mittel, deren Nutzung er den Kirchen, Religionen sowie Ethik und Moral vorwirft: Er wertet sie ab, diffamiert sie gezielt.

So unterstellt er der katholischen Kirche mit Magie zu arbeiten (Seite 30ff) oder verdeckten Kannibalismus zu betreiben (Seite 24ff). Bei der GLL geht er sogar soweit, ihr Antisemitismus zu unterstellen, in dem er auf den Nachdruck des Buches " Die Geschichte der Freimaurerei bis 1932" von Ferdinand Runkel verweist, der von der Forschungsvereinigung Frederik beworben wird. Dabei übersieht er, dass der Runkel kein offizielles GLL-Lehrbuch ist und heute allenfalls als Zeitleiste taugt oder um "Name-Picking" zu betreiben.

Die Ablehnung allen Magischen stellt Klaus-Jürgen Grün jedoch vor einen scheinbar unlösbaren Konflikt. So lehnt er Magie zwar als Kennzeichen der Religion ab (S. 30ff) doch gleichzeitig interpretiert er z.B. den Verdacht zum Beispiel der ärmeren Bevölkerungsschichten, dass nur die Reichen noch reicher werden (nach dem Motto: Der Goldesel macht immer auf den größten Haufen oder Geld und Geld vermehrt sich gerne) als einer Art Glauben an einen Ähnlichkeitszauber. (Seite 64). Dies ist aber ein magischer Zusammenhang.
Eine Begründung bleibt Grün dafür jedoch schuldig.

Dass mit der Annahme, dass Reichtum sich eher vermehrt, wo er schon ist, einer Lebenserfahrung und nicht einem magischen Formel-Glauben entspringt, erwägt der Autor nicht einmal.

Desweiteren ist für ihn zwar das Prinzip, dass das Kleinste mit dem Größen zusammenhängt und sie sich beeinflussen, Unsinn - und dass, obwohl die Physik dieses Phänomen sehr wohl kennt, Stichwort Gravitation - gleichwohl weiß er, dass das Prinzip in der Freimaurerei wirkt, wenn er schreibt:

Zitat

"Der Freimaurer soll sich durch bescheidene Arbeit am rauen Stein das Bewusstsein dafür stärken, was es heißt, Mensch zu sein. Den Weg dorthin markieren Punkte, die zu sagen scheinen: Du brauchst keine Angst vor Dir und den anderen Menschen zu habe; (....); achte darauf, dass du das Leid in der Welt nicht unnötig vergrößerst; was du dem anderen antust, tust Du der Weltbruderkette an, der Mitglied Du bist." ( Seite 46, letzter Absatz)

Zitat Ende

Ähnlich zweifelhaft geht Klaus-Jürgen Grün bei der Kritik an den von ihm angenommenen Inhalten der GLL vor, wenn er aus der sogenannten Ordensregel zitiert und dann unterstellt, dass die von ihm zitierte Textstelle die wörtliche Auslegung der Bibel per Gesetz verlange. Was meint er - wörtlich nehmen oder auslegen? (Seite 43 ff inklusive Fußnote auf Seite 43/44)

In der Ordensregel geht es nur um die "alleinige Lehre Jesu", wie sie in der Heiligen Schrift zu finden ist." Es ist ausdrücklich nicht von konfessionellen Festlegungen (Dogmen) oder von vom Orden vorgeschriebenen Interpretationen die Rede. Es geht dem Orden vielmehr um den Kern der Lehre, um nicht mehr, aber auch nicht weniger. Aber, und das habe ich bereits weiter oben angemerkt, in diesem Punkt folgt Klaus-Jürgen Grün einem offenbar nicht ganz so neuzeitlichem Verständnis von der christlichen Lehre bzw. Botschaft.

Deshalb wird auch seine, Grüns, Aussage, dass es sich von selbst verstehe, dass "den Mitgliedern dieser Religiösen Vereinigung solche Dogmen selbst peinlich sind und sie nicht es nicht wünschen, dass sie transparent für die Öffentlichkeit werden." völlig unsinnig. (Seite 43/44, Fußnote 5o). Denn selbst wenn einige Mitglieder der GLL es wollten, könnten Sie diesen Passage nicht vor der Öffentlichkeit geheim halten: In diesem Freimaurer-Wiki und bei Wikipedia wird diese Passage ausdrücklich und weltweit für alle Interessierten sichtbar zitiert.

Was jedoch schwerer wiegt, ist die Tatsache, dass Klaus-Jürgen Grün die Große Landesloge wider besseren Wissens als Religiöse Vereinigung bezeichnet und sie damit in die Gruppe einreiht, die nach seiner Meinung mit Freimaurerei unvereinbar sind: Religion, Kirchen, Moral und Ethik.

Kurzum: Dieses Buch hat, unter dem Deckmantel einer wissenschaftlichen Analyse, nichts Anderes im Sinn, als die Brüder der GLLFvD aus der Bruderkette zu verstoßen. Als Begründung muss dafür die Annahme herhalten, dass Religion und Freimaurerei unvereinbar sind.

Dabei vergisst Klaus-Jürgen Grün, und diese mangelnde Merkfähigkeit scheint eher eine Art Mittel zum Zweck, denn eine persönliche Eigenschaft zu sein, dass Religion im ursprünglichen Sinn, also die Suche des Menschen nach seinem Ursprung und nach Transzendenz, zusammengefasst in dem Begriff "die Religion, in der alle Menschen übereinstimmen", eine, wenn nicht, die Grundvoraussetzung für die Freimaurerei ist, wie sie die United Grand Lodge of England versteht. Dies bestätigt der Autor sogar in seinem Essay.

Auf Seite 49 schreibt er in der Fußnote Nummer 60: "Freemasons Must believe in Supreme Being", teilte im Januar 1989 die United Grand Lodge of England die Neufassung der Basic Principles von 1929 (...) mit." Um dann aber zu erklären, dass für die Charakterbildung nicht fromme Wünsche, sondern Stärke notwendig sind. (Seite 49)

Was darüber hinaus dazu dient, Charakter und Persönlichkeit zu bilden, bleibt Klaus-Jürgen Grün dem Leser schuldig. Anzunehmen, dass die von Klaus Jürgen Grün im Menschen vermutete Spielleidenschaft, als Mittel zum Lernen und zum ritualisierten Austragen von Konflikten sich aus dem Nichts ergeben hat und ohne transzendente Bezüge vonstatten ging, ist zumindest gewagt. Stattdessen erhebt er die humanitäre Freimaurerei über alle anderen Lehrarten, Weil sie das "richtige Denken" lehre. Was "richtiges Denken" ist bestimmt Klaus-Jürgen Grün allein. Ein für mein Empfinden zutiefst dogmatischer Ansatz.

Insofern ist das Buch "Menschenähnlichkeit " von Klaus-Jürgen Grün in meinen Augen der Versuch, eine ganze Gruppe von Brüdern, nämlich die rund 3000 Mitglieder der GLLFvD, auszugrenzen, um das eigene Unvermögen zu kaschieren, eine Lehrart zu akzeptieren oder auch nur zu dulden, die anders ist als die eigene.

Mit diesem Buch verleiht Klaus-Jürgen Grün für mich seiner Intoleranz beispielhaft Ausdruck. Insofern ist dieses Buch ein gutes Beispiel dafür, dass der Weg des Freimaurers nie endet und selbst nach Jahren der Übung das Ziel, die Toleranz und Brüderlichkeit gegenüber Andersdenkenden zu Vervollkommnung,, gelegentlich aus dem Blickfeld rückt.

Triangle über:

Menschenähnlichkeit
Von Klaus-Jürgen Grün
Edition Temmen
ISBN 978-3-8378-4041-4
Bestellung Amazon.de


Rezension von Dr. Peter Volk

Zum Unterschied zwischen Freimaurerei und Religion. Edition Temmen : Bremen 2012, 176 Seiten. ISBN 978-3-8378-4041-4
Sonderausgabe für die Freimaurerische Forschungsgesellschaft Quatuor Coronati.


Diese Besprechung ist keine Kritik der philosophischen Aussagen des Autors, der als Professor der Philosophie an der Universität Frankfurt am Main lehrt. Das Buch enthält hierzu einige glänzende Aussagen. Der Titel stammt wohl aus der Terminologie der Chaostheorie, deren fraktale Figuren die Selbstähnlichkeit in der Morphologie der Organismen zu erklären scheint. Zugleich spielt der Titel auf die Gottähnlichkeit des Menschen in der griechischen Mythologie und in der alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte an. Entsprechend dem wissenschaftlichen Anliegen dieser Zeitschrift werde ich nur die Bedeutung des Buches für die Freimaurer besprechen. Ich schicke eine Anekdote voraus, die vielleicht das Motiv des Buches zu erklären vermag:

Auf mehreren Tagungen der Forschungsloge war die Thematik Freimaurerei und Religion behandelt worden, auf denen der Verfasser des Buches für eine materialistisch-philosophische Grundlage der Freimaurerei eingetreten war. In einem Gespräch bejahte er die Frage eines Teilnehmers: Darf ich Dich etwas fragen? Du bist doch katholisch sozialisiert? und sagte, dass ihn dies seit seiner Jugend umtreibe.

Das vorliegende Buch spiegelt weit überwiegend die individuelle Auseinandersetzung des Autors mit der Römisch-katholischen Kirche. Allein der Kritik der Römischen Messe widmet der Verfasser ein ganzes Kapitel (S. 27-39), leider nicht im Sinne Hans Hollmanns im Vergleich von Liturgie und Ritual. Viele seiner Problemfelder, z.B. die ausführliche Auseinandersetzung mit der Transsubstantiationslehre, haben die Freimaurer nie ernsthaft berührt und in der Geschichte besonders der deutschen Freimaurer so gut wie keine Rolle gespielt. Dass es im 18. Jahrhundert eine Katholische Aufklärung gab, wird dagegen nicht erwähnt. Diese Spielart der Aufklärung richtete sich gegen die weltliche Macht der Kirche, hielt die Seelsorge aber für notwendig und berechtigt. Allein im Wien Kaiser Josephs II. und Mozarts waren über 60 Priester zugleich Freimaurer, außerdem einige Konvente, z.B. Melk. Der letzte Erzkanzler des Alten Reiches und Kur-Erzbischof von Mainz, Carl von Dalberg, war Illuminat und wollte sein Kurfürstentum in einen aufgeklärten Musterstaat verwandeln. Auch der Gründer Illuminaten, der Ingolstädter Kirchenrechtler Adam Weishaupt, war Katholik.

Kritisch anzumerken ist, dass der Autor bei den Belegen für seinen Standpunkt gegenüber der Katholischen Kirche („Die Religion des Papstes“) auf die Aussagen von zwei (unter hunderten kaum repräsentativen) Bischöfen und auf einen obskuren amerikanischen Fernsehprediger zurückzugreifen? Schon für Johannes Calvin verwandelten sich Brot und Wein nicht mehr in Fleisch und Blut, sondern bedeuteten dies in einem symbolischen Sinne, wie es dem Dies tut zu meinem Gedächtnis entspricht, Martin Luther sprach von der Freiheit eines Christenmenschen.

Ohne diese Vorstufen ist die spätere Aufklärung nicht denkbar. Aber Calvin und Luther kommen im Text des Buches nicht vor. So rennt der Autor an vielen Stellen offene Türen ein. Die Theologie selbst hat längst die archaische Herkunft vieler religiöser Vorstellungen aufgeklärt. Ich erinnere nur an Adolf von Harnack oder an die Entmythologisierung Rudolf Bultmanns.

Was hat es also für einen Sinn, gegen die rituelle Frage im Aufnahmeritual der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland Sind Sie bereit Ihr Blut mit dem Blut der Brüder zu vermischen? zu polemisieren? Ich kann den Verfasser des Buches beruhigen.: wie bei der ebenso archaischen (und blutigen) Herkunft auch seines eigenen Lehrlings-, Gesellen- und Meisterzeichens fließt auch an dieser Stelle des Rituals kein Blut. Es bleibt beim symbolischen Rückgriff ins ursprünglich Archaische, was bedeutet, dass die neue Verbindung wie eine Blutsbrüderschaft fest und unauflösbar sein soll.

Mit seiner naiven Feststellung Es liegt vielfach im Dunkeln, was dort (gemeint ist: in der Großen Landesloge) wirklich geschieht begibt sich der Verfasser des Buches auf die gleiche Ebene, auf der die Freimaurerei als Ganze üblicherweise von der Journaille angegriffen wird. Dies mutet gelegentlich wie Don Quixottes Kampf gegen Windmühlenflügel an, da der angegriffene Freimaurerorden so gut wie nichts mit der Römischen Kirche zu tun hat, von der ständig die Rede ist. sondern in einem reformierten Umfeld entstanden ist, das Vorstufen der Aufklärung einschließt. Die Große Landesloge stand außerdem bei ihrer Entstehung 1770 unter dem Protektorat eines der profiliertesten Aufklärer des 18. Jahrhunderts, Friedrichs des Großen.

Wie der gerade geschilderte Fall zeigt, dient das Buch des Verfassers weniger dem allgemeinen Verhältnis zwischen Freimaurerei und Religion als polemischen Angriffen auf die Große Landesloge und den ganzen Freimaurerorden, dem er mehrfach philosophische Unredlichkeit vorwirft. Doch muss sich der Verfasser fragen lassen, wie redlich es ist, die „humanitäre“ Großloge der alten , freien und angenommenen Maurer von Deutschland als die bedeutendste deutsche Großloge mit über 300 Logen zu nennen, bei der Großen Landesloge aber den zweiten Teil ihres Namens („der Freimaurer von Deutschland“), ihre 100 Mitgliedslogen und die ebenfalls zum Freimaurerorden gehörenden Großlogen von Skandinavien und Island zu verschweigen? Soll der Eindruck einer Splittergruppe erweckt werden? Das Buch belegt den Freimaurerorden zudem mit allerhand unsäglichen Begriffen. Neben der Unredlichkeit hat der Freimaurerorden einen ausgrenzenden Charakter (S. 139) , pflegt ein falsches Bewusstsein, vielleicht sogar eine allgemeine Pflicht zum Lügen (S. 10). Falschheit des religiösen Bewusstseins (S. 145), Pseudodenken (S: 105), falsches Wissen und Feindseligkeit gegenüber Andersgläubigen (S. 22 und passim) gehören ebenso zu seinem Treiben (S. 8) und zu diesem Irrweg (S. 187). Sogar der Mörder Breivik wird in diesem Zusammenhang bemüht.

Der Autor stellt die Frage: Warum beharren sie darauf (gemeint sind die in der Großen Landesloge aufgenommenen Freimaurer) als Freimaurer anerkannt zu werden? Nun, man könnte ihm entgegenhalten, dass sie gar nicht darauf beharren, da sie bereits seit dem 18. Jahrhundert national und international anerkannt sind, nicht erst seit der Magna Charta der deutschen Freimaurerei von 1958. Die Große Landesloge von 1770 hat schlicht festgehalten, was im 18. und 19. Jahrhundert in der gesamten Freimaurerei selbstverständliche Praxis war. Dass es heute in der Freimaurerei, wie der Autor richtig feststellt, zwei verschiedene Spielarten der Freimaurerei gibt, entspricht einem bei geistigen Strömungen und ihren Institutionen allgemein zu beobachtenden historischen Phänomen. Das war in der Scholastik mit der via antiqua und der via nova nicht anders als später in der Royal Society oder in der frühen Freimaurerei Englands des 17. und 18. Jahrhunderts.

In beiden Institutionen standen sich ancients und moderns gegenüber Nur steht sich eben nicht vollkommen Verschiedenes gegenüber, wie der Autor meint. Die Freimaurer auf dem Irrweg bezeichnet er als „Religiöse Freimaurer“, obwohl sie seiner Meinung nach überhaupt keine Freimaurer sind. Es handelt sich bei seinem Begriff um eine einseitige Zuschreibung, die in keinem Selbstverständns und in keiner Selbstbezeichnung wiederkehrt. Wie wir spätestens seit Schopenhauer wissen, ist das Religiöse eine allgemein menschliche Erscheinung und ist sowohl in der humanitären, wie in der christlichen Freimaurerei fassbar. Es hat auch nichts mit Feindseligkeit gegenüber Andersgläubigen zu tun, wenn Leute gleicher Gesinnung unter sich bleiben und ihre Gemeinschaft selbst gestalten wollen, solange sie, wie in der Freimaurerei, bereits sind, alle Freimaurer anderer konfessioneller oder politischer Orientierung als Gäste an ihren Arbeiten teilnehmen zu lassen und selbst an den Arbeiten der anderen teilzunehmen. Aus welchem anderen Grunde sollen unsere Gesellen wandern und sich bei anderen Logen umsehen? Keine Geringere als die Philosophin Hannah Arendt hat sich dagegen gewehrt die Gleichheit vor dem Gesetz und im Staat auf alle gesellschaftlichen und privaten Vereinigungen zu übertragen. Die Freimaurer wären zuallererst von der ideologischen Gleichmacherei der terribles simplificateurs betroffen, von denen schon der große Jacob Burckhardt sprach, nehmen sie doch nur Männer von gutem Rufe auf.

Dem Autor ist zuzustimmen, dass es keinen allgemein anerkannten wissenschaftlichen Beweis der Existenz Gottes gibt, das argumentum unum Anselms von Canterburys „aliquid quo nihil maius cogitari possit vielleicht ausgenommen. Der Autor übersieht aber, dass auch die Nicht-Existenz Gottes erkenntnistheoretisch nicht bewiesen werden kann. Dass wir in einem Universum leben, das vollkommen in sich geschlossen und ohne Anfang und Ende ist, wie es nach de Berechnungen des Physikers Stephen Hawking scheint, ist sinnlich ebenso unvorstellbar wie die Entstehung der Welt unter der Metapher der Schöpfung Gottes. So werden sich wohl auch in Zukunft unter Freimaurern die einen mehr zu dieser, die anderen mehr zur anderen Erklärung hingezogen fühlen. Und warum reitet der Autor eine Philippika gegen die Spiritualität, die er als Scheinrationalität bezeichnet? Ist nicht das Erlebnis, die Symbolik und die innere Resonanz des freimaurerischen Rituals reine Spiritualität?

Bei der Fixierung des Autors auf die Römisch-katholische Kirche, die durch Geschichte und Theologie längst berechenbar geworden ist, übersieht er die unberechenbaren und deshalb wirklich gefährlichen „quasireligiösen“ Strömungen und Heilslehren, wie wir sie im Kommunismus und im Nationalsozialismus erlebt und mühsam überwunden haben.

Fassen wir zusammen: Das Buch behandelt überwiegend die persönliche Auseinandersetzung des Verfassers mit der Lehre der Römisch-katholischen Kirche. Die Freimaurer brauchen keine einheitliche philosophische Grundlage. Ihre Größe besteht gerade darin, dass sie konfessionelle, philosophische und politische Gegensätze ungelöst nebeneinander stehen lassen können ohne die Brüderlichkeit zu verletzen. Dass man ein so tiefgreifendes Problemfeld wie das Verhältnis von Freimaurerei und Religion in aller Sachlichkeit, ohne Polemik und ohne pejoratives Vokabular darstellen und durchdenken kann, zeigt z.B. die gerade erschienene Arbeit von Martin Papenheim über Freimaurerei und Religion.

Natürlich brauchen auch die Freimaurer einige Spielregeln, wie sie in den Alten Pflichten zusammengefasst sind. Zu ihnen gehört, dass in der Loge nicht über Konfession und Politik gestritten werden soll. Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass es am Rande des Freimaurerordens tatsächlich Bestrebungen gibt das christliche Erbe dogmatisch zu verstehen. Wenn der Autor aber Freimaurer der Großen Landesloge zitiert, die sich, wie er meint, wegen ihrer Zugehörigkeit verschämt und entschuldigend verhielten, so wären dem die nicht wenigen „humanitären“ Freimaurer gegenüberzustellen, die z.B. an den Kapitelarbeiten des Freimaurerordens teilnehmen, da sie sich von dessen älteren und vielleicht ernster gemeinten Ritualen mehr angesprochen fühlen, als von den in der „humanitären“ Freimaurerei weit verbreiteten Einflüssen des Zeitgeistes. So bleibt am Ende die ratlose Frage, was den sonst klugen und geistreichen Autor bewogen hat ein solches Pamphlet gegen einen Teil seiner freimaurerischen Brüder zu schreiben? Versöhnlich stimmt, dass der Autor am Schluss seines Buches zu einer Apotheose der Freimaurerei zurückfindet und neue totalitäre Entwicklungen beim Namen nennt.. Darin können wir alle mit ihm einig sein und dies kann von jedem, der die Freiheit und die Neutralität der Wissenschaft verteidigt, nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dafür gebührt dem Verfasser als dem Meister der größten deutschen Loge unser brüderlicher Dank.

Literaturhinweis zu den zitierten Arbeiten

Stephen Hawking, A Brief History of Time: From the Big Bang zu Black Holes. New York : Bentam Books 1988.

Martin Papenheim, Freimauerei und Religion – mit Einbezug des AASR, in: Masonica. Revue du Groupe de Recherche Alpina 31, 2012, S. 63-71 (AASR = Alter und angenommener Schottischer Ritus).

Anschrift des Verfassers

Prof. Dr. Peter Volk
Postfach 6451, D-79040 Freiburg im Breisgau
pmvolk@web.de

Erschienen in ZK 4/2013, S. 53-58

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