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Traktat: Über das (etwas andere) Winkelmaß der Inka

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Ohne Kelle und rechten Winkel?

Bruder Albert aus Wien fand bei den peruanischen Inkabauten neue Symbole.

Der folgende Text ist als Bauzeichnung ein Versuch, konventionelle Symbole und Denkmuster der Freimaurerei einmal mit anderen Augen zu betrachten. Bruder Albert ist Architekt und Mitglied der Loge ‚Zu den 3 Spiegeln’ des ‚Großorients von Österreich’.

Dieses uns allen wohlvertraute Werkzeug war den alten Inka fremd: Sie brauchten es nicht.
Und auch dieses Werkzeug brauchten die Inka nicht: In der Freimaurerei wird es oft als Symbol dafür verwendet, wie die gemeinsame Arbeit verbindet.

Der rechte Winkel und die Kelle waren und sind für die europäische Steinmetzzunft unverzichtbare Werkzeuge. Der rechte Winkel, weil damit die Geometrie klarer Bauformen bestimmt werden konnte, und weil sich aus statischen Gründen für die Schwerkraftableitung vertikale Wände als die effektivste Bauweise herausgestellt hatten.

Bei der Massivbauweise sind die einzelnen Bausteine der Grundwerkstoff. Der Mörtel ist die Klebemasse dazwischen. Mörtel bedarf auch der Kelle zur Verarbeitung. Diese kann vielseitig verwendet werden: Zum Anrühren des Mörtels, zum Auftragen dieser Klebemasse auf die Bausteine, zum Verstreichen der Klebemasse und zum Glätten der Flächen mit der Klebemasse ... sehr praktisch, nicht?

Die freimaurerische Bedeutung von rechtem Winkel und Kelle

Der rechte Winkel und die Kelle sind wegen ihrer Symbolkraft für die spekulative Freimaurerei unverzichtbar. Der rechte Winkel steht für Gerechtigkeit und für die Suche nach der Wahrheit. Die Kelle steht für das Glätten der Unebenheiten zwischen den Bausteinen. Sie steht, philosophisch betrachtet, für das Feinstoffliche zwischen den Bausteinen (= den Menschen). Das sind: erstens die Toleranz, zweitens die sorgsame Grenzziehung zwischen den einzelnen Bausteinen (= den Menschen) und drittens das Akzeptieren des Anders-Sein des Anderen. Folglich ist ohne die Kelle ein Bauen am Gebäude der Menschlichkeit für uns Freimaurer gar nicht möglich.

Andere Länder oder gar andere Erdteile haben aber andere Methoden für die Errichtung ihrer Gebäude entwickelt. Und so sollte es auch denkbar sein, dass Menschen aus anderen Kulturen andere Denkmodelle von Menschlichkeit entwickelt haben als wir.

Eine Reise nach Peru veränderte meinen Blick

Dieser Besuch gab mir die Möglichkeit, die Steinmetzkunst der Inka kennen zu lernen. Die Häuser der Inka galten schon vor 500 Jahren als erdbebensicherer als alle Häuser, die nach europäischem Vorbild in Massivbauweise mit Ziegel und Mörtel errichtet wurden. Zwar wurden die von den Inka errichteten Häuser fast ausnahmslos durch die Conquista zerstört, aber die erhaltenen Fundamentreste aus massiven, zum Teil auch quaderartigen Steinen fugenlos versetzt, wurden sehr bald auch von den Eroberern als bessere weil erdbebensichere Fundamente für ihre Bauwerke erkannt als diejenigen, die sie selbst zuwege brachten.

Erdbeben entstehen durch sich horizontal ausbreitende Druckwellen. Laut dem europäischen Verständnis ist die Errichtung von Massivbauwerken in erdbebengefährdeten Gebieten eher zu vermeiden, mancherorts sogar verboten. Der Grund ist sehr einfach: Massiv errichtete Bauwerke, ohne Unterschied aus welchem Mauerwerk sie hergestellt sind, werden in Europa wie auch in Asien und Afrika seit jeher traditionell mit vertikalen und horizontalen Mauerwerksfugen errichtet, die rund einen Zentimeter breit und mit Mörtel gefüllt sind. Der Mörtel ist der Kleber zwischen den einzelnen Bausteinen. Er wird aber im Fall eines Erdbebens für die Gebäude zum unsichersten Bestandteil. Er wirkt bei Horizontalkräften wie ein Kugellager. Folglich genügt schon ein leichtes Erdbeben, um massive mit Fugenmaterial errichtete Gebäude zu zerstören. Es genügt, dass einzelne Bausteine horizontal herausgestoßen werden, damit ein ganzes Gebäude in sich zusammenbricht.

Eine Inkamauer ...

Die Inka bauten anders und mit anderen Werkzeugen

In erdbebengefährdeten Kulturen waren die Lösungsmethoden der Baukunst je nach kulturellem Hintergrund durchaus sehr unterschiedlich. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat sich in großen Teilen der Erde die Skelettbauweise als die effizienteste durchgesetzt. Dabei werden alle Tragsysteme über der Erde im Bereich ihrer Knoten gelenkig angelegt. So können horizontale Bewegungen, wie sie durch Erdbeben entstehen, abgefedert werden.

Ganz anders lösten die Inka das Problem. Sie verwendeten harte Granitsteine und nutzten dabei zwei Effekte. Erstens den Effekt des Reibungswiderstands: Die Steine wurden in ihren Lagerfugen so lange aneinander gerieben, bis sie plan zueinander passten. Nur für einen kleinen Rest von feinem Sand blieb zwischen den Steinoberflächen Platz. Mörtel als Klebemasse war als Haftmittel nicht mehr notwendig. So war eine Massivbauweise geschaffen, die als Grundlage der Tragfähigkeit eine andere Art von Haftwiderstand zwischen den einzelnen Steinen hatte.

Und zweitens nutzten die Inka den Effekt von vielflächigen Einzelsteinen: In ihren Mauerverbänden finden sich Steine mit bis zu zwölf Auflageflächen. Diese Steine sehen von der Seite gesehen wie ungleichmäßige Vielecke aus. Das Gesamtbild der mit solchen Steinen errichteten Mauern hatte folglich keine durchgängigen Horizontal- und Vertikalfugen.

Vor allem das Nichtvorhandensein von durchgängigen Horizontalfugen ist etwas Besonderes weil die ungleichmäßig versetzten Steine den horizontalen Schub der Erdbeben unterbrechen. Die Einheimischen zeichnen dafür ein poetisch anmutendes Bild: „Die großen Steine tanzen bei Erdbeben, bleiben aber in ihrer Position, und so stürzen die Mauern nicht.“

Diese Bauweise zeugt auf jeden Fall von einem anderen Zugang zur Steinmetzkunst, als wir sie im eurasischen Raum kennen. Sie folgt zwar auch in Teilen den Regeln des rechten Winkels, aber statt der Verwendung von Mörtel und dem dafür zum Auftragen erforderlichen Werkzeug, der Kelle, wie wir sie kennen, lösten die Inka mit ihrer Bauweise die Standfestigkeit und Haltbarkeit von massiven Wänden eben anders.

... und noch eine Inkamauer. Für das Copyright danken wir dem österreichischen Freimaurermagazin ‚Eckstein – Zeitschrift für den interobödienziellen Austausch & Kommunikation der unabhängigen Lehr- und Forschungsloge Perpetuum Mobile’.

Eine andere Bauweise erzeugt andere Symbole

Was könnten nun, philosophisch betrachtet, die symbolische Bedeutung des Sandes sein? Er könnte für Reibung stehen, für die Auseinandersetzung und das Gespräch. Erst durch die bedingungslose Auseinandersetzung miteinander – das ist Reibung! – wird das Gebäude der Menschlichkeit fester und stabiler.

Im Gegensatz zur Kelle, die für Weichheit und Wohlwollen stehen kann (symbolisiert durch das Glätten und das sanfte Verfeinern), erscheint der Sand, für sich betrachtet, grob und scharf. Aber er wird mit Maß und Ziel, jedenfalls aber nicht zu viel, eingesetzt.

Und was können, philosophisch betrachtet, die ungleichmäßigen Formen der Bausteine bedeuten? Aus unserem Verständnis heraus sollte ein behauener und geschliffener Baustein quaderförmig sein. In dem Modell der Inkamauern sind aber die Steine, die nicht von gleicher Form und Größe sind, die wertvollsten, weil gerade sie im Falle eines Erdbebens die Druckwellenausbreitung brechen. Stehen diese verschieden geformten Steine nun für eine hierarchische Struktur und wollen sagen, dass es immer ein paar Stärkere geben muss, um ein gesamtes System zu erhalten, oder wollen sie uns sagen, dass es die Vielfalt im Einzelnen geben muss, damit ein Ganzes stark sein kann?

Für den einzelnen Stein könnte das bedeuten: Je vielfältiger Menschen ausgebildet sind und je vernetzter sie zu denken gelernt haben, desto standfester könnte der Bau der Menschlichkeit aus solchen unterschiedlichsten Steinen sein.

Für Gesamtheit der Steine könnte das bedeuten, dass die Vielfalt der Bausteine, also der Menschen, auch ein Garant für das Gelingen des Gebäudes der Menschlichkeit sein kann.

Scharfer Sand und vielflächige Steine

So kann ich also dem Sand als Symbol (... als das Suchen der Wahrheit durch die immerwährende Öffnung zum Gespräch und den Gedanken des Anderen, auch wenn das für einen selbst sehr schmerzhaft sein kann) durchaus etwas abgewinnen.

Und ich kann auch dem vielflächigen Stein als Symbol des vielseitig gebildeten Individuums als Beitrag zum Ganzen (damit meine ich: zum Wohle der Menschheit), bzw. als Symbol der Vielfalt im Ganzen, ebenfalls etwas abgewinnen.

Wenn nun der Begriff des Wohlwollens jedem einzelnen gegenüber noch dazu ergänzt wird, könnte dieses neue Symboldreieck der uns in unseren Breiten bekannten Freimaurerei eine inhaltsstarke philosophische Ergänzung oder sogar eine Alternative anbieten.

In diesem Sinn wünsche ich Euch auf peruanisch: scharfen Sand und vielflächige Steine zum Wohle der Menschheit.

Eine Zeichnung von Barbara, Freimaurerin im ‚Großorient von Österreich’, für das Magazin ‚Eckstein’.
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