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Traktat: Peter Stumpe: Für die Zukunft einer aufgeklärten, humanitären Freimaurerei

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Inhaltsverzeichnis

Für die Zukunft einer aufgeklärten, humanitären Freimaurerei

Eine persönliche Standortbestimmung von Peter Stumpe

Einführende Überlegungen

Unsere „Blaue Maurerei“ der Alten Freien und Angenommenen Maurer (A.F.u.A.M .) definiert sich wie folgt:

Wir sehen uns in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung und sehen in diesem Erbe unsere Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft.

Dorinda Outram schreibt 1995 in „The Enlightment“, Cambridge University :

Aufklärung war der Wunsch danach, dass menschliche Angelegenheiten von der Vernunft geleitet werden, anstatt durch Religion, Aberglauben oder Offenbarung und der Glaube an die Kraft der Vernunft, die Gesellschaft zu verändern und das Individuum von den Fesseln der Tradition oder der willkürlichen Autorität zu befreien. All dies gestützt durch eine Weltanschauung, die zunehmend durch die Wissenschaft anstatt durch Religion oder Tradition validiert wird .

Unsere Grundideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität nun, die wir von dieser Aufklärung des 18.Jahrhundert empfangen haben und für deren Durchsetzung wir ein Freimaurerleben lang an uns selbst in unseren Bauhütten arbeiten, bedürfen in unserer heutigen Gesellschaft mit ihren enormen Verlusten an zwischenmenschlichen Begegnungen, mit – siehe Internetauftritt unserer Bauhütte - „der zunehmenden Umwertung im geistigen, technischen, wirtschaftlichen ,politischen und sozialen Leben“, etwa auch mit Blick auf die notwendige respektvolle Integration vieler Zuwanderer, einer neuen Definition und Interpretation.

Es muss gelingen, unseren Wertekanon heute - und nicht in einer Rückschau auf zweifellos bedeutende freimaurerische Gepflogenheiten sowie Persönlichkeiten und deren Verdienste in der Vergangenheit - überzeugend zu leben und damit den Beweis erhalten, dass wir in dieser unserer Zeit auf dem richtigen Weg zum Tempelbau der Humanität sind und uns überzeugend in die uns hier und jetzt umgebende Gesellschaft zukunftsfähig einbringen können. Nur so wird unser Bund nachhaltig Bestand haben können.

Die Zukunft unserer Freimaurerei ist außerdem nur dann gesichert, wenn wir in der Lage sind, aus unserem freimaurerischen Tun heraus in einem echten, wahrhaftigen brüderlichem Miteinander und nicht aus einem parallel geführten Privatleben heraus Antworten auf die Fragen des 21.Jahrhunderts zu geben. Es ist an der Zeit , so provokativ dies klingen mag, auch die viel zitierten , fast 300 Jahre „Alten Pflichten“ des Reverenden James Anderson in Teilen zu hinterfragen. Der Geist der Humanität hat seit 1723 einige Fortentwicklungen erfahren, denen es Rechnung zu tragen gilt. Der Anderson'schen Lehre fehlt im übrigen eindeutig der Rationalismus der Aufklärung, die Lehre ist fast ausschließlich dem (nur !) der englischen Freimaurerei zugrunde liegenden Empirismus entlehnt. Beide, Rationalismus und Empirismus ,sind für unsere heutige Freimaurerei (in Kant'schem Sinne) m. E. zwingend.

Wenn Anderson z.B. postuliert, Freimaurer könne weder ein „engstirniger Gottesleugner“ noch ein „bindungsloser Freigeist „ sein, so kommt diese einschränkende Klassifizierung recht antiquiert daher. Mit Verlaub: für mich ist z. B. unbestreitbar, dass Gottheiten nur existieren, insofern der Mensch sie hervorbringt. Warum sollte er also etwas leugnen können, das er selbst geschaffen hat ?

In diesem Zusammenhang: der Gedanke der Toleranz – von mir mit dem Begriff „Respekt“ optimierend interpretiert – entstand nicht bei kirchlichen Führern, sondern insbesondere durch die, auch unsere Freimaurerei generierende, autonome Menschlichkeit postulierende Aufklärung !

Es sei an dieser Stelle im Gesamtzusammenhang die Frage erlaubt, wieso eigentlich Johannes, der Evangelist/der Täufer mit seiner philosophisch gesehen theologischen Spekulation als Bezugswesen unseres freimaurerischen Tuns , also eine offensichtlich der christlichen, dogmatischen Mythologie entstammende Figur Vorbild sein muß. Abgesehen davon, daß diese Figur historisch ursprünglich nur in England und Schottland als Schutzpatron der Steinmetzgilden galt, scheinen mir die Vier Gekrönten – es waren insgesamt wohl neun Figuren – wie sie schon im sog. Regius-Manuskript genannt werden, als die besseren Vorbilder geeignet zu sein, ließen sie doch – analog Hiram - für Ihre Überzeugung ihr Leben. Es waren ja auch tatsächliche Steinmetze im 5. Jahrhundert , der Bezug zu den Dombauhütten des Mittelalters erscheint deutlich, zumal sie doch die Schutzpatrone in unseren Breiten waren.

Auch schiene mir - wie vormals bei der Illuminatenbewegung - die römische Göttin Minerva mit ihrer Eule , Göttin der Klugheit und Erkenntnis und Beschützerin des Handwerks, allemal besser als besagter Johannes als Leitfigur geeignet zu sein, spendete sie doch, wie in der bildenden Kunst des 17./18.Jahrhunderts mehrfach dargestellt, allen Weltreligionen immerhin das Licht der Aufklärung ! By the way mythologisch: Minerva hauchte als Athene auf Bitten ihres Freundes Prometheus (!) den Menschen Wissen und Weisheit ein.

Ich gestehe es in diesem Zusammenhang ehrlich: ich kann mit dem (im übrigen schon bei Heraklit in vorchristlicher Zeit! vorkommenden) „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott ...“ leider – abgesehen von der beeindruckenden Semantik – nicht wirklich etwas anfangen. Ich sage leider, weil ich all die Brüder bewundern möchte, die aus dieser Verkündigung Erkenntnis für das eigene Dasein schöpfen können. Aber, wie gesagt, dies alles an dieser Stelle nur ein, manchem vielleicht ketzerisch vorkommender Einschub, jedoch sicher ein hinterfragendes Studium der Geschichte unseres Bundes und seiner möglichen Zukunft wert.

Was mir jedoch unverzichtbar erscheint:

Das Panier das wir als Freimaurer heute vor uns hertragen sollten, sollte also frei von jeder dogmatisch einschränkenden Personalisierung sein und könnte sich – ich wiederhole hier die vielfach bereits erhobene Forderung an unseren Bund - an Artikel 1 der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen orientieren:

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollten einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

Welch eine Zielvorgabe für einen Freimaurer !

Für wen haben wir Zukunft zu schaffen?

Natürlich nicht nur für uns selbst (!) sondern insbesondere für möglichst viele und geeignete neue Maurer ,die uns beim unermüdlich notwendigen Tempelbau zur Hand gehen ! Sonst würden wir unserer Überzeugung verlustig, dass unser Tun unendliche Dauer hat. Freimaurerei betreibt eine Dauerbaustelle !

Auf wen trifft nun der Interessent resp. der Suchende ? Da findet er zunächst den Bruder , der sich auf der Sinnsuche mit Hilfe von religiös anmutenden oder mystischen Ritualen und Handlungen befindet. Er findet eine gehörige Portion Esoterik. Da kann er aber auch den Bruder finden, der in der Freimaurerei keine Sinnsuche im religiösen Sinn sieht, sondern eine konsequente Anwendung humanistischer Ideale, also im Gegensatz zum „Esoteriker“ den „Aufklärer“. Da setzt für jeden Suchenden die erste Verwirrung ein. Eine solche gilt es auszuschließen.

Sinnsuche und Jenseitsbezogenheit sind nicht unsere Sache ! Wir Freimaurer arbeiten im Hier und Jetzt an uns selbst, um das Beste und Höchste aus unserem Leben zu machen . Für mich ist der Sinn des Lebens ansonsten in dem Umstand zu finden, dass es gelebt werden muss. Mehr nicht.

Im übrigen: heutige Disputationen über die Ausrichtung der Freimaurerei schlechthin erinnern mich stark an die seinerzeitige Auseinandersetzung zwischen den Ancient Masons und den Moderns in England, die von Anfang des 18.Jahrhunderts bis zum Anfang des 19.Jahrhunderts dauerte.

Hundert Jahre dürfen nicht vergehen bis sich diese m.E. ganz offensichtlich vorhandenen unterschiedlichen Auffassungen von Freimaurerei innerhalb unseres Bundes wieder zusammenfinden. Das heißt, wenn sie zusammenfinden wollen !

Ich hoffe sehr, daß wir eine gemeinsame Zukunft in der weltumspannenden Kette finden, die natürlich die „Liberale“ Freimaurerei z. B. in Frankreich (Grand Orient de France u.a.) einschließt und sich auch freidenkerischen Vorstellungen auf monistischer Basis nicht verschließt, wie sie im seinerzeitigen „Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne“(F.z.a.S.) Anfang des 20.Jahrhundert geäußert und u.a. von Carl von Ossietzki und Kurt Tucholsky mitgetragen wurden und die im Ritual der AFuAM-Loge „Zur Wahrheit“ im Or.: Nürnberg bis heute fortleben.

Wie könnte diese Zukunft aussehen ?

  • 1. Die Freimaurerei ist ein Symbolbund. Jegliche darüber hinausgehende Mystifikation der Lehrinhalte etwa nach Art der Illuminaten, der Rosenkreuzer oder der Templer ist meines Erachtens heute nicht mehr vermittelbar.
Es widerspricht schon nach Kant der praktischen Vernunft das, was nur zum Symbol dient, zum Schema zu machen, d. h. wirkliche, und doch nicht sinnliche Anschauungen (z.B. eines unsichtbaren Reiches Gottes)der Anwendung moralischer Begriffe zu unterlegen und ins Überschwängliche hinaus schweifen zu lassen.
Ich sehe hier z.B. - die betroffenen Brüder sollten es mir nachsehen – auch, neben dem sog. York-Ritus und weiteren Hochgradsystemen, insbesondere den Ritus A.A.S.R von 1801 (Mitchell, Dalcho, da Costa aus Charleston), der mir mit seinem, modernen Menschen merkwürdig erscheinendem Gradsystem übermystifiziert scheint und die Frage aufkommen lässt, wieso es über die plausiblen – und vermittelbaren - drei , auf der Bauhüttentradition basierenden Grade „Lehrling“, „Geselle“, „Meister“ der „Blauen Maurerei“, unverständlicherweise noch weitere 30 , hiermit nicht in Verbindung stehende „rote“ Grade, etwa den „Ritter vom Rosenkreuz“ oder den „Prinz des Königlichen Geheimnisses“ geben soll. Derartige, im wahrsten Wortsinn Mysteriositäten sind es , die die Freimaurerei immer wieder auf unerträgliche Weise mit sehr obskuren Bewegungen auf der Welt in Verbindung bringen. Man schlage im Internet nach. Schon Friedrich Ludwig Schröder postulierte 1787 (!): Mit dem Meister schließt sich der Kreis. Das sollte auch heute unverändert gelten.
Die Mythoszeit der Menschheit ist m.E. vorüber, die Säkularisierung jeder Weltanschauung stellt in Zeiten der unfassbar schnell fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnisse auch in den meisten, jenseits der Theologien liegenden Philosophien einen unaufhaltsamen Prozess dar. Ob man das nun akzeptiert oder nicht.
  • 2. In gleicher Weise ist Esoterik in der modernen Freimaurerei nicht akzeptabel. Desgleichen natürlich Okkultismus. Beide, Esoterik und Okkultismus wollen m.E. über Unbekanntes und Verborgenes Aussagen machen, die falsch, unnötig und irreführend sind. Beide ertragen offensichtlich die Tatsache nicht, dass uns Menschen vieles (noch) unbekannt und verborgen ist. Derartige Analogien stehen im fundamentalen Widerspruch zur Methode der heutigen Wissenschaft. Solche Paraphänomene oder auch mittelalterliche (sakrale) Magie gehören nicht in eine aufgeklärte, gehörig emanzipierte Freimaurerei des 21.Jahrhunderts. Dem Philosophen Otto Flake ist zuzustimmen wenn er sagt: "will man die Welt begrifflich bewältigen, so müssen die Begriffe der Wirklichkeit entnommen werden; das heisst, sie müssen dem Forschen, der kritischen Untersuchung standhalten".
  • 3. Die Freimaurerei muß jede Dogmatik wirklich und nicht nur auf dem Papier ablehnen und sich ganz laizistisch ausrichten. Nur so wird sie – und das halte ich für existentiell wichtig - einen eigenen Standort im heutigen Humanismusgefüge jenseits der Glaubensgemeinschaften erreichen und vermitteln können. Das bedeutet insbesondere Säkularität und damit jeglichen Verzicht auf religiöse Elemente z.B. in den Ritualen, wie wir sie im Freimaurerorden (FO nach Johann Wilhelm von Zinnendorf) und beim AASR mit seiner heute nicht mehr vermittelbaren Ordensstruktur (s.o.) finden. Insbesondere die Katholische Kirche fordert unbedingten Gehorsam ihrer Autorität, die Freimaurerei hingegen sollte, so sehe ich das, die freie sittliche Selbstbestimmung gewähren. Gerade dieser Katholizismus besteht auf einem von Gott geoffenbarten , allein „selig“ machenden Glauben, ist also dogmatisch.
Meine Freimaurerei hat hingegen nur von einer Sittlichkeit auszugehen, in der alle Menschen übereinstimmen wie ich es mit dem Artikel 1 der Menschenrechtscharta darzustellen versucht habe; sie ist damit wirklich undogmatisch. Nur eine solcherart ganz undogmatisch aufgestellte Freimaurerei hat m.E.- wie gesagt - eine nachhaltige Zukunft.
Der fatale, oft zu hörende Vorwurf der Sektiererei ist mir unerträglich. Ich plädiere, wie schon Friedrich Ludwig Schröder und Johann Gottfried Herder im späten 18.Jahrhundert für eine „reine“, ich möchte fast sagen einfache und „unschuldige“ Freimauerei wie es sie ursprünglich einmal gab, mit ihren schönen, schlichten und eingängigen Symbolen die wir, die „Angenommenen Maurer“ von den Werkzeugen und Gepflogenheiten der „Alten freien Maurer“ abgeleitet haben.
Die nicht überfrachtet ist mit Esoterik oder Mystifizierungen. Die man als Maßstab an das eigene Denken und Handeln anlegen kann und in die man sich in brüderlich gemeinsamer Weise einfach nur harmonisch versenken kann, die Gefühl und Geist anspricht.

Nicht mehr aber auch nicht weniger.

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