Traktat: Spuren der Freimaurerei im Werk Thomas Manns

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Spuren der Freimaurerei im Werk Thomas Manns

Von Peter Rosenstein


Wenn wir Freimaurer die Bedeutung der königlichen Kunst besonders nachdrücklich dokumentieren wollen, greifen wir gerne in den Fundus berühmter Männer, die unserem Bund angehörten. Ein wenig Eitelkeit mag in diesem Zusammenhang übrigens auch eine Rolle spielen. In der Regel folgt dann ein Kanon bedeutender Dichter, Philosophen, Musiker, Maler und Staatsmänner. Goethe, Mozart, Haydn gehören sozusagen standardisiert dazu, Paul Klee, Louis Amstrong oder Theodor Tobler, der Erfinder der Toblerone werden seltener erwähnt. Eine Person der Zeitgeschichte, den der Literatur liebende Bruder in diesem Zusammenhang nur zu gerne erwähnen würde, aber nicht kann, ist Thomas Mann. Die Erklärung ist einfach, der Lübbecker Autor war kein Freimaurer, sondern Rotarier.


Abgesehen davon aber findet auch der Betrachter eine deutliche Nähe zur Freimaurerei oder, besser gesagt, zu ihren Idealen. Mehr noch als in seinen Romanen und Novellen verfocht der Nobelpreisträger von 1929 das Bild eines aufgeklärten, liberalen, humanistisch gebildeten Bürgertums in seinen Aufsätzen, Essays und Reden. Waren es noch Anfangs der zwanziger Jahren der Bürger - Künstler, der sich aller Parteilichkeit in politischen Fragen enthielt (Die bekannten Ansichten eines Unpolitischen, 1918), forderte der spätere Exiliant angesichts der Barbarei des Nationalsozialismus Humanitas und Caritas umso dringlicher ein. Wir sehen also: Nicht zufällig teilte der schließlich politisierte Mensch Thomas Mann das Schicksal vieler unserer Brüder, die in der dunklen Zeit verfolgt wurden. Thomas Mann könnte also, das unterstellen wir an dieser Stelle, die Ideale der Freimaurerei unterschreiben; die Person Mann ist zudem tief in der großbürgerlichen Schicht der Hansestadt Lübbeck und ihren Traditionen, Normen und Werten verwurzelt, und, die Freimaurerei wurzelt ihrerseits, dem Ehrennamen königliche Kunst zum Trotz tief im aufstrebenden Bürgertum der Aufklärung. Wenn also der engagierte Bürger Thomas Mann ein Bekenntnis zur FM ablegen könnte, wie steht es da um den Künstler Mann, den Schöpfer der Buddenbrocks, des Dr. Faustus, Des Todes in Venedig?

Der Künstler betrachtet ein und den selben Gegenstand anders als der Bürger, er hat sich aus den Konventionen befreit, wählt die kritische Perspektive oder, wie Fall Thomas Manns, das Stilmittel der ironischen Distanz. Der Künstler Mann nähert sich mittels diesem Instrumentariums der Künstler einem wesensbestimmenden Thema seiner Romane und Novellen, den verschiedenen geistigen Strömungen im Bürgertum am Beginn des 20. Jahrhunderts.
Der Roman, in dem sich Spuren und Zeichen der FM zuhauf finden, ist der Zauberberg. Kurz zur Handlung: Hans Castorp, frisch gebackener Ingenieur aus hanseatischer Patrizierfamilie besucht nach seinem Studienabschluß seinen Vetter Joachim Ziemsen, seines Zeichens kaiserlicher Leutnant. Ziemsen kuriert ein hartnäckiges Lungenleiden in einem Schweizer Luftkurort in der Nähe von Davos aus.

Das Sanatorium, der Berghof wird von Geheimrat Dr. Behrens geleitet. Einmal dort angekommen, findet Castorp schnell in den absonderlichen Lebensrhythmus der Patienten des Berghofes. Er verlängert seinen Urlaub und Behrens ist nur zu gerne bereit, bei dem jungen Ingenieur eine „feuchte Stelle“ auf der Lunge zu finden (Zitat).

Solcherart zum Berghofbewohner (nicht mehr nur zum Besucher) geadelt, verbringt Castorp sieben Jahre – bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs, in dessen Wirren sich die Spuren unseres Helden verlieren, in der Heilanstalt. Castorp, der Neuankömmling begegnet einem wahren Panoptikum ironisch-satirisch ge- oder überzeichneter Charaktere, Metaphern für ein Bürgertum, dem Normen und Werte abhanden gekommen sind. Eine kleine Auswahl: Der bereits erwähnte Hofrat Dr. Beherens, eine preussisch-burschenschaftlerische Erscheinung, die sich eines typischen Kasernenhofjargons bedient, Dr. Krokowski, der Seelenzergliederer, umgangssprachlich Anstaltspsychologe, ein Zerrbild des jüdischen Psychoanalytikers, Staatsanwalt Paravent, der sich fast ausschließlich mit dem mathematischen Beweis zur Quadratur des Kreises beschäftigt, die etwas tumbe Frau Stör, die angesichts des Todes eines beliebten Berghofbewohners – es ist Joachim Ziemsen – laut ausruft, zum Begräbnis müsse man die Erotika von Beethoven spielen. Da ist Mijnheer Peeperkorn, reicher Kaffeepflanzer, den ein ausschweifendes Leben und fortwährender Alkoholund Tabakabusus erst in eine fiebrige Lungenerkrankung, dann in den Berghof getrieben hat. Dieser Peeperkorn ist übrigens die Karikatur Gerhard Hauptmanns, was diesen nicht eben erfreut hat.

Und da sind noch zwei Charaktere, wie sie Mann nicht gegensätzlicher hätte konstruieren können, die beide im Verlauf des 1200 Seiten starken in langen Dialogen um Geist und Seele Castorps ringen, als seien sie Gottvater und der Leibhaftige: Leo Naphta und Lodovico Settembrini, letzterer seines Zeichens Freimaurer. Naphta, Professor für alte Sprachen, Jesuit, Jude und Vertreter einer kruden Mischung aus einem blutigen Katholizismus und einer Art Urkommunismus, ist, ebenso wie Settembrini Patient im Hause Dr. Behrens, lebt aber in einer kleinen Wohnung im Dorf als Nachbar des Italieners. Dieser wiederum begleitet Castorp vom Beginn an, fast Moment seines Eintreffens bis zum Ende durch seinen Aufenthalt auf dem Zauberberg. Settembrini ist ein Mann von nahezu enzyklopädischer Bildung, glühender Verfechter des republikanischen Gedankens, Humanist in der Tradition der bürgerlichen Aufklärung und des Liberalismus und als solcher Anhänger des Erziehungsgedankens, der Pädagogik, der Menschenveredlung. Dieser Mann, Anhänger Manzzinis und Garibaldis, Schriftsteller überdies, nimmt sich des naiven Castorps an, auch, weil er in ihm eine Persönlichkeit sieht, die zu formen sich lohnt.

Nicht von ungefähr kommt uns Freimaurern diese Konstellation nur allzu bekannt vor: Der Meister (Settembrini) und der Lehrling (Castorp), der Bürge und sein Mündel. Tatsächlich bezeichnet Settembrini den jungen Mann bisweilen als Neophyten, mithin als junge Pflanze, Lehrling, den er in die höheren Weihen eines veredelten Menschentums einführen will oder wahlweise in das Gesellschaftslaboratorium Zauberberg/Berghof. Es ist dies die Geschichte einer klassischen Initiation, die Castorp erst erfährt, als er sich qua Erkrankung zu den Patienten, also den Eingeweihten zählen kann. Dann allerdings ist nichts mehr so, wie es einmal war: der Profane (Flachlandbewohner) wird zum Eingeweihten (Berghof-Bewohner, Patient), die Untersuchung durch den Hofrat stellte die Initiationshandlung vor, statt Handschuhe, Schurz und Bijiou erhält der Aufgenommene Decke, Fiebertabelle und Thermometer. Der immer gleiche Tagesablauf, der Rhythmus der Mahlzeiten, Untersuchungen, die Liegekuren bekommen in der Hermetik des Zauberbergs etwas Rituelles. Nicht einmal die Zeit ist mehr die der profanen Welt. Das Bergklima weist an manchen Tagen die Besonderheiten aller vier Jahreszeiten hintereinander auf: Schnee am morgen, warme Sonne am Mittag, Nebel in den Abendstunden. Diese Zeit erscheint dem Betrachter ebenso künstlich, wie die Zeit von Hochmittag bis Hochmitternacht, in der wir unsere Arbeit verrichten.
Auch eine bestimmte Zahlenmystik verweist auf nicht-profane Geschehnisse: Sieben Jahre bleibt Castorp auf dem Zauberberg, an sieben Tischen sitzen die Patienten, nach sieben Monaten kommt es zu einer –allerdings mißglückten- Verbrüderung mit Settembrini. Die Reihe der Analogien könnte endlos fortgesetzt werden. Noch Interessanter, weil direkt auf die Freimaurerei bezogen, jedoch ist ein langer, wohl der längste Dialog des Romans. Naphta klärt Castorp über des Italieners Zugehörigkeit zu dem Bund auf und schildert ihm auf sein Bitten dessen Geschichte. Wenn wir uns an den antipodischen Charakter des Jesuiten zu dem bürgerlichen Freigeist erinnern, ist unschwer zu erraten, wie Leo Naphta zur Freimaurerei steht. Dieser Dialog geht nahezu übergangslos in den nächsten über, in dem sich Settembrini mehr oder minder rechtfertigt.

Wir werden gleich sehen, dass Mann jedes nur erdenkliche Vorurteil gegen die FM exerziert: „Von Naphta hatte er erfahren, das Settembrini Freimaurer sei, - was keinen geringeren Eindruck auf ihn machte, als des Italieners Eröffnung über Naphtas jesuitische Herkunft... er war überrascht zu hören, das es im Ernst dergleichen noch gebe, und hatte den Terroristen (gemeint ist Naphta) über den Ursprung und das Wesen dieser kuriosen Einrichtung ausgeholt, die in einigen Jahren ihr 200tes Jubiläum würde begehen können. Er gab zu verstehen, dass es sich da um etwas recht altmodisches und Rückständiges handele: um bürgerliche Aufklärung und eine Freigeisterei von vorgestern, welche nichts weiter sei als ein armseliger Geisterspuk.“
Naphta läßt sich in dieser Weise weiter aus, bezeichnet den Geist der FM als tot, die FM wüßten es nur noch nicht. Castorp erwidert in seiner Naivität: Da höre ich nun, das er Logenbruder ist. Es rückt mir seine Person in eine neue Beleuchtung und verdeutlicht mir manches. Ob er gelegentlich auch seine Füße in den rechten Winkel stellt und seinem Händedruck eine besondere Beschaffenheit verleiht? Ich habe nie etwas bemerkt. „Über solche Kindereien, so Naphta, ist unser guter Drei – Punkte – Bruder wohl hinaus.“

Der Jesuit repetiert mit perfider Ironie ein Aufnahmeritual jedenfalls das, was ihm darüber bekannt ist. Er schließt: „Sie werden ihn selber fragen müssen, aber ich fürchte, Sie werden ihn wenig gesprächig finden, auf jeden Fall hat er Verschwiegenheit geloben müssen.“ Von der konstatierten Verschwiegenheit ist es nur ein kurzer Weg zu den üblichen Geheimbund – Klischees, hier ankommen nur noch ein kleiner Schritt zum bunten Strauß freimaurerischer Verbrechen. „Die Idee des Bundes ist terroristisch , das heißt antiliberal. Sie heiligt im Namen des absoluten Zwecks jedes Mittel, auch das blutige, auch das Verbrechen. Man hat Anhaltspunkte, das auch in Maurerlogen ehemals der Bruderbund symbolisch mit Blut besiegelt wurde.“ Wohlgemerkt: Der Zauberberg erschien 1925, zwei Jahre vor Ludendorffs Hetzschrift „Vernichtung der Freimaurerei durch Aufdeckung ihrer Geheimnisse. Naphta zählt nichts anderes als damals gängige Vorurteile gegen die königliche Kunst auf.


Die Strikte Observanz, Hochgradsysteme, die schottische Maurerei folgen in einem kurzen geschichtlichen Exkurs. Es verwundert nicht, das die starke Mystifizierung in der Strikten Observanz, das alchemistische Moment der Hochgrade den Kirchenmann sozusagen magisch anziehen. „Dadurch (also die SO) gewann das Maurertum einen neuen Reiz und Glanz. Es zog sämtliche Elemente an sich, die der Vernünftelei des Jahrhunderts, seiner humanen auf- und Abgeklärtheit müde waren und nach stärkeren Lebenstränken dürsteten.“ Der Exkurs in die magischen Sphären der FM führt schließlich zur Grabesmetaphorik der Aufnahme. „Ein Symbol alchimistischer Transmutation (also Stoffverwandlung, Stoffveredlung) fuhr Naphta fort, „war vor allem die Gruft“ „Das Grab?“ fragt Castorp. „Der Lehrling muss wissbegierig und furchtlos sein, um im Stil unseres Gegenstandes zu reden. Die Gruft, das Grab war immer das hauptsächliche Sinnbild der Bundesweihe. Der Lehrling, der zum Wissen Einlass begehrende Grünling, hat unter ihren Schaudern seine Unerschrockenheit zu bewähren, der Ordensbrauch will, dass er probehalber in sie hinab geführt wird und in ihr verweilen muss, um dann an unbekannter Bruderhand daraus hervorzugehen.“
Hier treten wir für einen Moment aus dem Dialog der beiden aus. Naphta hat mit dem Thema des Grabes, der Verwandlung, Stoffveredlung einen Komplex angesprochen, der in der maurerischen Initiationshandlung eine zentrale Rolle spielt, aber auf einer anderen Ebene die Metapher für den gesamten Zauberberg darstellt. Der Berghof ist die Stätte der Krankheit und der Heilung, der von den Antipoden Leben und Tod beherrschte Ort, durch den Castorp an der Hand eines kundigen Führers geht und ihn verwandelt verlässt.

Naphta lässt sich, mit einer schwer verhohlenen Sehnsucht, über den bacchantischen, ekstatischen Charakter der alten Geheimgesellschaften aus. „Es gab da Logenfeste, Feste der eleusischen Mysterien und der aphrodisischen Geheimnisse, bei denen denn endlich doch die Frau ins Spiel trat, - Rosenfeste, auf die jene drei blauen Rosen der Maurerschürze anspielten und die, wie es scheint, ins Bacchantische auszulaufen pflegten...“ Naphta schließt seine Belehrungen, nicht ohne seine Verachtung der modernen, von mystischem Beiwerk entkleideten Freimaurerei nochmals auszudrücken: „Sie hat sich humanisiert, modernisiert, du lieber Gott. Sie ist aus solchen Verirrungen (SO) zum Nutzen, zur Vernunft und zum Fortschritt, kurzum zu gesellschaftlicher Beglückung zurückgekehrt, man unterhält sich dort wieder über Natur, Tugend, Mäßigung und Vaterland. Ich nehme an, auch über das Geschäft...“, ein letztes Vorurteil, das den Reigen der Klischees beschließt.

Nach diesem Aufklärungsgespräch beschließt Castorp die Etage zu wechseln und dem „vermummten Bundesbruder“ mal auf den Zahn zu fühlen. Der verbreitet sich in der gewohnten Weise über die Geltung des FM – Bundes, zeichnet das Bild der weltumspannende Maurerei, die sich bis Haiti und Liberia erstrecke. Und – wie eingangs erwähnt- versteht er es, die Freimaurerei durch die Nennung vieler, bedeutender Brüder aufzuwerten. Auch das große Werk der Weltbruderkette, der eminent politische Gedanken, auf dem der Bau des Menschheitstempel ruht und schließlich der Gottesbegriff werden debattiert: „Was sind wir? Bauleute und Handlanger an einem Bau. Der Zweck aller ist einer, das Beste des Ganzen das Grundgesetz der Verbrüderung. Welches ist dieses Beste, dieser Bau? Der kunstgerechte gesellschaftliche Bau, die Vollendung der Menschheit“ Mit diesem letzten Zitat wollen wir uns aus der Geschichte verabschieden. Bei allen zitierten Ressentiments, Klischees und Voreingenommenheiten, dürfen wir nicht vergessen, das weniger der Autor des Romans gesprochen hat, sondern sich gängige Antimaurerische Vorurteile in der Person Naphtas manifestieren, während aus Settembrini eine gängige Spielart der Freimaurerei spricht. Der breite Raum, der der königlichen Kunst eingeräumt wird, spricht für die Bedeutung unseres Bundes in einer Zeit, in der die Freimaurer Lovis Corinth und Jan Sibelius malten und musizierten, Stresemann und Churchill Politik machten und Carl v. Ossietzky sein publizistisches Zeugnis für Pazifismus und Humanismus ablegte.


Vielleicht ist es eine vermessene Vorstellung, aber ich wünsche mir eine Zeit, in der die Freimaurerei wieder eine ähnliche Bedeutung besitzt, wie zur Zeit Thomas Manns und dann –vielleicht- einen Künstler zu einem großen Werk inspiriert.
Und Ihnen, meine Brüder, hoffe ich, die Anregung zu einer wirklich lohnenden Lektüre gegeben zu haben.

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