Hochgrade in Österreich

Aus Freimaurer-Wiki

In Österreich arbeiten die zwei Hochgradsysteme, welche auch in vielen anderen Ländern der Welt dominieren: ‚Alter und Angenommener Schottischer Ritus’ (AASR) sowie ‚York Ritus’. Details von Rudi Rabe.


Grundsätzliches

Wozu ‚Hochgrade’?

Grundsätzlich soll die Freimaurerei dem Freimaurer helfen, durch das Erlebnis ritueller Formen sowie durch die Begegnung mit anderen Brüdern, die er sonst nie kennen lernte, ein erfülltes Leben zu führen. Das geschieht durch rituelle Gemeinschaftserlebnisse sowie die Erteilung von Graden, die dem Freimaurer jedes Mal die Welt eines neuen Rituals mit seinen Symbolen und Erkenntnissen zugänglich macht. Die Grade werden deshalb in manchen freimaurerischen Systemen (= ‚Obödienzen’) auch Erkenntnisstufen genannt. In der (blauen) Johannisfreimaurerei sind es die Grade Lehrling, dann Geselle und schließlich Meister.

Die weiterführenden Systeme, also die sogenannten (roten) Hochgrade, sollen dem Freimaurer auf dem Weg der Selbstfindung zusätzliche Anregungen bieten: durch Rituale über den blauen Meistergrad hinaus, was allerdings auch bedeutet, öfters anwesend zu sein. Und zweitens durch den Umstand, dass er Brüder anderer blauen Logen trifft. Dies wirkt der Tendenz entgegen, sich auf die eigene (blaue) Loge zu konzentrieren und kaum Verbindungen zu anderen Logen und erst recht nicht zu Brüdern aus anderen Orten (= ‚Orienten’) zu pflegen. So kann verhindert werden, dass Brüder, obwohl sie oft viele Jahre Freimaurer sind, einander fremd bleiben.

Eigentlich: ‚Vertiefende Grade’

Viele Freimaurer sind sich bewusst, dass das traditionelle Wort ‚Hochgrade’ unglücklich gewählt ist. Es suggeriert, dass diese Systeme über der klassischen Johannisfreimaurerei stehen. In Wahrheit ergänzen sie diese nur. Die blauen Logen sind die Basis der Freimaurerei, auf der alles andere aufbaut. Im Englischen spricht man daher auch von ‚Appendant’ (dazugehörig) oder ‚Concordant Bodies’; oder von ‚Additional Degrees’ und ‚Side Degrees’. Der österreichische Schottische Ritus bevorzugt die Ausdrücke 'weiterführende', 'vertiefende' oder 'verinnerlichende' Grade.

Die Mitarbeit bei den Hochgraden ist optional: Ein Freimaurer kann sich daran beteiligen, er muss aber nicht. Er kann sich auch wie die meisten auf die drei Basisgrade ‚Lehrling-Geselle-Meister’ konzentrieren. In Österreich ist ein knappes Drittel der 3.300 Brüder der Großloge von Österreich auch Mitglied in einem der beiden hier tätigen Hochgrad-Systeme.

Normalisierung im 20. Jahrhundert

Das Logo des AASR Österreich.
Die Embleme der 'Schotten' zeigen immer einen doppelköpfigen Adler; im Detail sind sie jedoch verschieden gestaltet. Interpretationen: Ost- und Weströmisches Reich; Herrschaft des dualistischen Prinzips in unserer Welt; Gleichzeitigkeit der diesseitigen und jenseitigen Welt.
Oben: 'Ordo ab Chao'. Wörtlich: Die Ordnung aus dem Chaos. Das steht letztlich für den Schöpfungsakt, der durch den Men­schen immer wieder von neuem hervorgerufen werden muß.

In alten Zeiten gab es bei den Hochgraden oft absonderliche Auswüchse. Es ging dabei vor allem um Distinktionen und ähnliches, also das Allzumenschliche: Bruder Goethes „ellenhohe Socken“. Auch wenn die Kritik daran bei Lennhoff-Posner im Internationalen Freimaurer-Lexikon von 1932 beim Stichwort Hochgrade noch sehr präsent ist, wurde das im 20. Jahrhundert erheblich zurückgedrängt. Daher setzt die folgende Übersicht auch erst mit den 1920iger-Jahren ein; ganz abgesehen davon, dass die Freimaurerei in Österreich unter der Herrschaft der Habsburger ohnehin ein Jahrhundert unterbrochen war, so dass weder bei der (blauen) Johannismaurerei noch bei der (roten) Hochgradmaurerei Kontinuität vom 18. ins 20. Jahrhundert gegeben ist.

Vereinfacht gesagt gibt es in Österreich die 'Schotten', den 'York-Ritus' und den 'Rektifizierten Schottischen Ritus'. Alles andere was Lennhoff-Posner mit Stand 1932 unter 'Hochgrade' und 'Hochgradsysteme' beschreiben, gab es hierzulande nie oder gibt es nicht mehr, oder es führt eine Randexistenz, gar eine obskure Schattenexistenz jenseits der allgemein akzeptierten Freimaurerei.

Der ‚Alte und Angenommene Schottische Ritus’ (AASR) in Österreich

Vereinfacht auch: Die ‚Schotten’ in Österreich

Voraussetzung für eine Mitgliedschaft bei „den Schotten“ ist der Meistergrad in einer ‚Johannisloge’, also der dritte Grad. Und der AASR organisiert sich dann in Perfektionslogen (4. bis 14. Grad), in Kapitel (15 bis 18), in Areopage (19 bis 30) und in Konsistorien (31 und 32). Die meisten dieser Grade sind aber heutzutage nur symbolisch; sie werden nicht mehr direkt bearbeitet. Der 33. Grad ist dann nur ein Verwaltungsgrad für die Mitglieder des Obersten Rates: Dieser leitet den Orden und repräsentiert ihn nach außen.

In seiner heutigen Form wurde der ‚Schottische Ritus’ in Amerika entwickelt.

In Österreich nach dem Ersten Weltkrieg

Gründungspatent für den AASR Österreich: ausgestellt am 15. September 1925 vom 'Obersten Rat' in Frankreich. Das Original ging verloren. Wahrscheinlich hat es Großsekretär Otto Klein 1938 auf der Flucht in die Tschechoslowakei mitgenommen. Er wurde später im KZ ermordet. Ob er das Dokument vorher vernichtet hat, oder ob es in die Hände der Nazis fiel, ist ungeklärt. 1946 tauchte dann aus den Beständen der aufgelösten Gestapo eine Kopie auf.

Wenige Jahre nach der Wiedergründung der Johannisfreimaurerei 1918 (= Ende des Habsburgerreiches) wurde in der jungen Republik Österreich ab 1923 auch der ASSR-Ritus eingeführt. Die Initiative ging von einem zurückgekehrten Österreicher aus, der in Frankreich gelebt hatte und dort Mitglied des AASR gewesen war.

Die Gründung war am Anfang durchaus umstritten: Mehrere blaue Logen sprachen sich gegen die Einführung eines Hochgradsystems aus. Doch die Befürworter setzten sich schließlich durch, auch wenn die Beziehungen zwischen der blauen ‚Großloge von Wien’ und dem roten AASR bis zum bitteren Ende 1938 (= Hitlers Einmarsch in Österreich) nicht friktionsfrei waren.

1925 wurde dann mit Unterstützung der AASR Frankreich und der Niederlande ein ‚Oberster Rat’ eingesetzt. Erster Großkommandeur wurde der international bekannte österreichische Freimaurer Eugen Lennhoff: zusammen mit Oskar Posner aus Karlsbad in Böhmen der Schöpfer des noch heute (auch in diesem Wiki) verwendeten Freimaurerlexikon (Internationales Freimaurer-Lexikon; inzwischen überarbeitet von Dieter A. Binder). Wie die österreichische Freimaurerei überhaupt setzte sich der AASR der Zwischenkriegszeit für Völkerversöhnung und später dann für den Kampf gegen den wachsenden politischen Antimasonismus ein. Der österreichische AASR unterstützte und ermöglichte 1930 auch die komplizierte Gründung des AASR in Deutschland.

1938: Nazi-Deutschland annektierte Österreich. Wie schon einige Jahre zuvor im Deutschen Reich wurde die Freimaurerei verboten (1938: Wie Hitler die österreichische Freimaurerei auslöschte). Fast alle Dokumente gingen verloren, so dass über die geistige Arbeit des AASR in der Zwischenkriegszeit wenig bekannt ist.

Wiedergründung nach 1945

Erste Kontakte zum Ausland entstanden schon wenige Monate nach Kriegsende durch Kurierdienste französischer Besatzungssoldaten; die Post funktionierte ja am Anfang nicht. Auch General Mark Clark, Hochkommissar der US-Besatzung und selbst Mitglied des amerikanischen AASR, unterstützte den Wiederaufbau der österreichischen Freimaurerei. Und so konnte schließlich 1947 wieder ein österreichischer ‚Oberster Rat’ installiert werden.

Kooperation mit der Großloge von Österreich

Derzeitiger AASR in Österreich (2013): 14 aktive Ateliers. Konkret: sieben Perfektionslogen, fünf Kapitel, ein Areopag und ein Konsistorium. Darüber steht der autonome ‚Oberste Rat’ mit dem ‚Souveränen Großkommandeur’ an der Spitze; über 300 Mitglieder.

Der AASR ist über einen Vertrag (‚Konkordat’) eng mit der Großloge von Österreich verbunden. Wie diese half der österreichische AASR nach der Wende auch beim Aufbau der 'Schottischen Maurerei' in mehreren osteuropäischen Ländern, so in Ungarn, Tschechien, Slowenien und Kroatien.

Der ‚York Ritus’ in Österreich

Vereinfacht auch: Der ‚Royal Arch’ in Österreich

Das internationale Royal-Arch-Logo wird auch in Österreich verwendet:
das "Triple Tau", also dreimal der Buchstabe T (Tau im griechischen Alphabet = T). Es gibt viele Interpretationen, was das bedeuten soll. Beispiele: Allmacht-Allwissenheit-Allgegenwart; oder die göttliche Trinität.
Die Konzilsgrade und die Komtureigrade verwenden andere Embleme.

Der österreichische York Ritus orientiert sich am weltweit tonangebenden amerikanischen Vorbild. Im Freimaurerlexikon von Lennhoff, Posner, Binder firmiert er auch als ‚Amerikanischer Ritus’. Voraussetzung für eine Mitgliedschaft ist der Meistergrad in einer ‚Johannisloge’ (drei Grade). Der York Ritus selbst ist dann organisiert in Royal-Arch-Kapitel (4. bis 7. Grad), in Konzile (8 und 9) und in Komtureien (10 bis 12).

Nach dem Zweiten Weltkrieg von Amerika über Deutschland nach Österreich

Bis zum Zweiten Weltkrieg war der 'York Ritus' in Kontinentaleuropa und so auch in Österreich kaum bekannt. Erst in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde er von amerikanischen und englischen Militärangehörigen in Deutschland etabliert. 1953 wurde in Frankfurt das erste deutsche Royal-Arch-Kapitel gegründet. Von Deutschland kam der York Ritus dann ab 1967 nach Österreich: Bayerische Brüder hatten zehn Wiener Freimaurermeister dafür begeistert. Die Österreicher fuhren nach München, wo sie aufgenommen wurden.

1970 gründeten die Österreicher in Wien ihr erstes eigenes Royal-Arch-Kapitel; es unterstand vorerst noch dem deutschen Großkapitel. Zwei weitere Kapitelgründungen folgten 1972 und 1973, und so konnte 1974 mit Zustimmung des deutschen Großkapitels und des amerikanischen ‚General Grand Chapter of Royal Arch Masons International’ (GGCI) ein eigenes österreichisches Großkapitel konstituiert werden.

Auch englische und amerikanische Kapitel in Österreich

Bald wurden weitere Kapitel gegründet; es folgten Konzile und eine Komturei. Mehrere Kapitel, arbeiten auch in englischer Sprache: eines seit 2009 nach dem englischen System, und drei Kapitel seit 2012 und 2013 nach dem amerikanischen Ritus; immer mit ausdrücklicher Zustimmung der jeweiligen Mutterkapitel, also des ‚Supreme Grand Chapter of Royal Arch Masons of England’ und des amerikanischen GGCI. Diese vier Kapitel arbeiten wahlweise in englischer und in deutscher Sprache. Sie nehmen auch Männer auf, die ihren Hauptwohnsitz nicht in Österreich haben. Dahinter steht die Idee, den Austausch über den Grenzen hinweg zu intensivieren.

Derzeitiger 'York Ritus' in Österreich (2014): fünf deutschsprachige Kapitel, vier englischsprachige Kapitel, vier Konzile, eine Komturei.

Die deutschsprachigen Kapitel arbeiten nach einem eigenen Ritual; dieses wurde vom maßgebenden amerikanischen GGCI anerkannt.

Enge Zusammenarbeit mit der Großloge von Österreich

Das österreichische Großkapitel ist mit der Großloge von Österreich verbunden. Das ist in einem Vertrag (‚Konkordat’) festgehalten. Abgesehen von den englischsprachigen Kapiteln werden nur Mitglieder von Logen der Großloge von Österreich aufgenommen. Zur Großloge von Österreich gehören ungefähr 3.300 Mitglieder. Davon arbeiten an die 500 zusätzlich in einem der neun Royal-Arch-Kapitel, und von diesen wiederum etwa hundert in einem Konzil.

Wie die Großloge unterstützt auch das Großkapitel den Aufbau der Freimaurerei in Osteuropa: Gegenwärtig gibt es dafür ein Deputationskapitel, das für mehrere Länder zuständig ist.

Der ‚Rektifizierte Schottische Ritus’ (RSR) in Österreich

Vereinfacht auch: Der ‚Rektifizierte Ritus’ in Österreich

Dies ist ein Hochgradsystem, das in Österreich erst im Aufbau begriffen ist (Stand 2013). Voraussetzung ist der Meistergrad (3. Grad) in einer Loge der ‚Großloge von Österreich’ oder einer von dieser anerkannten ausländischen Obödienz (= Großloge). Darauf aufbauend organisiert sich der RSR dann in drei Graden: als ‚Andreasloge’ (4. Grad) und als ‚Innerer Orden’ (5 und 6).

Um 2010 aus der Schweiz nach Österreich

Gegen Ende der Nullerjahre wurden drei Österreicher in Basel aufgenommen. Weitere folgten, und 2010 gab es erste RSR-Arbeiten in Österreich. 2011 wurde schließlich in Kärnten die ‚Präfektur Carinthia’ gegründet: als Teil des ‚Unabhängigen Großpriorats von Helvetien’, also des schweizerischen ‚RSR’ (Sitz in Genf; 240 Mitglieder, mehrheitlich französisch- und italienischsprachig, wie sich überhaupt der RSR in Kontinentaleuropa auf die romanischsprachigen Länder konzentriert).

Auf der Website der Schweizer heißt es, der RSR ist „eine Gemeinschaft von Freimaurern, die sich der Tradition christlich-abendländischer Werte besonders verpflichtet fühlt. ... Als Basis wirken die Lehren des Christentums in ihrer ursprünglichen, adogmatischen Bedeutung.“ Die Betonung des 'Adogmatischen' ist gerade auch in Österreich mit seiner laizistischen Freimaurertradition wichtig. Der RSR legt Wert auf ‚gelebte Humanität’, also aktive Wohltätigkeit; damit sind nicht nur Spenden gemeint sondern auch persönliches Tun.

Enge Abstimmung mit der ‚Großloge von Österreich

Der Aufbau des österreichischen RSR geschieht abgestimmt mit der ‚Großloge von Österreich’. Deren Großmeister Nikolaus Schwärzler hat die Gründung der ‚Präfektur Carinthia’ unter dem schweizerischen Großpriorat 2011 genehmigt. Ziel der Österreicher ist ein eigenes und unabhängiges Großpriorat.

Anders als die anderen österreichischen Obödienzen hat der RSR seinen Schwerpunkt nicht in Wien sondern in Kärnten. Gut die Hälfte der 50 Mitglieder wohnt in diesem Bundesland (2013).

Andere

In der (blauen) österreichischen Freimaurerei gibt es keine über die drei Johannisgrade Lehrling-Geselle-Meister hinausgehenden Stufen: etwa wie bei der ‚Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland’ (GLL); oder der deutschen ‚Großen National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln’ (Erkenntnisstufen der "Drei Weltkugeln"); oder in Skandinavien. Anders beim gemischten Freimaurerorden ‚Droit Humain’ für Frauen und Männer: Dieser reicht bis zum 33. Grad (Gemischte Logen in Österreich).

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Siehe auch

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