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Grenzlogen

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Grenzlogen

Wien 1871 bis 1918: Eine kreative Notlösung

Grenzlogen? Das waren Logen knapp über der nahen Grenze weil die Freimaurerei im eigenen Land verboten war. Auf diese Weise behalfen sich Wiener Freimaurer bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gegen das damalige illiberale Vereinsgesetz im österreichischen Habsburgerstaat: Sie gründeten Vereine in Wien und gleichlautende Logen im nahen Ungarn; vierzehn waren es 1918. Von Rudi Rabe.

Vorgeschichte

Die österreichische Freimaurerei hat seit ihren Anfängen mehrere Verbots- und Unterdrückungsphasen erlebt. Die am längsten anhaltende war von 1794/95, als Kaiser Franz II./I. sie verbot, bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918: fast 125 Jahre.

Die Wiener Blätter berichteten durchaus über die Logen auf der anderen Seite der Binnengrenze: hier die 'Morgenpost' vom 27. Feber 1872 mit einem Artikel über die Gründung der 'Humanitas', der ersten Grenzloge.
Pressburg/Bratislava: das Logenhaus auf einem kolorierten Foto von 1914. In diesem arbeiteten bis 1918 die meisten Wiener Grenzlogen.
Foto: Loge Kosmopolis.
Das gab's auch: Der österreichisch-ungarische Außenminister (1871 bis 1879) Gyula (Julius) Graf Andrássy von Csík-Szent-Király und Kraszna-Horka, ein führender ungarischer Politiker, war Freimaurer. 1848/49 hatte er als junger Abgeordneter an der dann gescheiterten ungarischen Revolution gegen Habsburg teilgenommen, war zum Tod durch den Strang verurteilt worden, konnte aber nach Paris fliehen, wo er in die Loge ‚Le Mont Sinai’ aufgenommen wurde. Ein Freimaurer als Außenminister? Kein Problem, er war ja Ungar ... aber Freimaurer in Wien? "Na wirkli net!"
Foto: Wikimedia Commons.

Diese lange dunkle Zeit ist jedoch zweizuteilen: Völliges Verbot bis gegen Ende der 1860iger Jahre; dieses galt für das ganze große Vielvölkerreich, das damals nach Russland der zweitgrößte Staat Europas war. Doch dann verloren die Habsburger 1866 den innerdeutschen Einigungskrieg gegen Bismarck-Preußen. Und so mussten sie, wie das so oft ist nach verlorenen Kriegen, innenpolitischen Reformen zustimmen. Einerseits mussten sie eine zumindest halbdemokratische Verfassung akzeptieren und andererseits eine politische Neuordnung ihres Reiches, das nun vom Einheitsstaat zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie wurde. Die eine Hälfte wurde von Wien aus regiert und die andere von Budapest. Zwar nicht außenpolitisch aber innenpolitisch waren beide voneinander unabhängig. Und so kam es, dass in Ungarn im Rückgriff auf die bürgerliche Revolution von 1848, die damals niedergeschlagen worden war, ein liberales Vereinsrecht angewandt wurde, während das österreichische im Halbliberalen stecken blieb. Für die Freimaurerei war das ein erheblicher Unterschied.

1867: In Ungarn hop, in Österreich flop

Der Unterschied führte dazu, dass in Ungarn Logen gegründet werden konnten, ja eine regelrechte masonische Gründerzeit einsetzte: Bei der nächsten großen politischen Zäsur 1918 arbeiteten unter dem Dach der ‚Symbolischen Großloge von Ungarn’ an die hundert Logen.

Anders in der österreichischen Reichshälfte: Im Gegensatz zu den Jahrzehnten vorher wurde die Freimaurerei vom neuen Versammlungsrecht zwar nicht verboten, sie wurde aber praktisch unmöglich gemacht. Dafür sorgte ein politischer Trick: Das Gesetz schrieb jetzt im § 12 vor, es stehe den Behörden frei, „zu einer jeden Versammlung ... einen, nach Umständen auch mehrere Abgeordnete zu entsenden, welchen ein angemessener Platz ihrer Wahl in der Versammlung eingeräumt und auf Verlangen Auskunft über die Person der Antragsteller und Redner gegeben werden muss”. Das ist bei freimaurerischen Zusammenkünften natürlich nicht möglich: Rituale sind eine rein interne Angelegenheit. Behördenvertreter können daran nicht teilnehmen; in der 'regulären' Freimaurerei nicht einmal fremde Brüder, außer sie sind Mitglieder derselben Großloge oder anerkannter anderer Großlogen.

Der Unterschied zwischen Ungarn und Österreich dürfte im wesentlichen darauf zurückzuführen sein, dass der Einfluss der Katholischen Kirche in der österreichischen Reichshälfte traditionell wesentlich größer war als in der Ungarischen. In dieser war die politische Stimmung liberaler zugleich aber auch magyarisch-nationalistischer.

Ein schlauer Wiener Ausweg: die Grenzlogen

Trick gegen Trick: Die Wiener Freimaurerfreunde fanden eine Umgehungslösung. Sie gründeten in der eigenen Stadt profane nichtpolitische Vereine, und deren Mitglieder richteten über der ungarischen Grenze Logen gleichen Namens ein. Die gewählten Funktionäre der Wiener Vereine waren zugleich die Beamten in den ungarischen Logen. Diese arbeiteten unter dem Schutz der zeitgleich ins Leben gerufenen Budapester Großloge und in den Häusern befreundeter ungarischer Logen in grenznahen Gemeinden: vor allem in Pressburg (heute Bratislava/Slowakei) aber auch in Neudörfl (heute eine österreichische Gemeinde im Burgenland). Diese Orte sind von Wien an die siebzig Kilometer entfernt.

Auch wenn sich die Entfernungen in Grenzen hielten: So schnell wie heute über die Autobahnen ging es dann doch nicht. Also fanden rituelle Treffen auf der ungarischen Seite nur ein paar Mal im Jahr statt: meistens an Wochenenden mit drei Arbeiten in allen drei Graden. Die Brüder reisten gemeinsam an: nach Pressburg mit dem Donaudampfschiff in zwei Stunden, nach Neudörfl mit der Dampfeisenbahn etwas schneller.

Es bot sich natürlich an, diese Wochenendfahrten zu Familienausflügen auszubauen. Günter Kodek berichtet in seiner österreichischen Freimaurerchronik, dass in den meisten Grenzlogen die Einbeziehung der Ehefrauen – im freimaurerischen Jargon analog zu den Brüdern als ‚Schwestern’ bezeichnet – in die freimaurerische Arbeit ein ständig wiederkehrendes Thema gewesen sei. Es wurde ein eigenes Ritual für ‚Schwesternabende’ entwickelt.

Für die Polizei ein offenes Geheimnis

Natürlich sind im Zug oder auf dem Schiff so viele Herren im dunklen Anzug aufgefallen; gelegentlich soll es auch Spitzelberichte an die Polizei gegeben haben. Das waren Fleißaufgaben: Das Grenzlogensystem war für die Polizei ein offenes Geheimnis. So offen, dass die Wiener Freimaurer sogar eigene Publikationen herausgeben konnten, den ‚Zirkel’ und die ‚Allgemeine Österreichische Freimaurerzeitung’: Es war ja alles gesetzeskonform. Internationales Freimaurer-Lexikon 1932: „Als nach dem (Ersten) Weltkrieg die ‚Acta Secreta’ des Innenministeriums der Forschung zugänglich wurden, ergab sich, das die k.u.k. Amtsstellen sich stets aufs eingehendste über die Logenarbeiten der Wiener Freimaurer in Ungarn unterrichtet hatten. Aber sie stellten sich nach außen hin durch Jahrzehnte ‚unwissend’ und wiesen jeden neuerlichen Versuch der Vereine, auf österreichischem Boden frei und offen als Logen aufzutreten, durch Ablehnung aller diesbezüglichen Eingaben immer wieder zurück.“

Dreimal versuchten die Wiener Freimaurer die Logen auch für die österreichische Seite zu legalisieren: entweder auf dem Behördenweg inklusive Anrufung der Höchstgerichte oder durch einen Gesetzesantrag im Reichsrat. Alle Initiativen scheiterten. Die Grundstimmung nicht nur des Kaiserhauses sondern auch der führenden Schichten war freimaurerfeindlich: Im Gegensatz zur Blüte der Wiener Freimaurerei in den 1780iger Jahren waren die Mitglieder jetzt keine staatstragenden Kreise mehr sondern – so Michael Kraus – die zwar wirtschaftlich Erfolgreichen aber nicht voll Anerkannten und infolge dessen Unzufriedenen. Viele liberale Juden waren dabei. Es waren kaum mehr Adelige als Mitglieder anzutreffen sondern Fabrikanten, Kaufleute, Bankangestellte, Journalisten, Wissenschaftler und Künstler.

Die Folge war, dass es in der tonangebenden politischen Öffentlichkeit dieses restfeudalen Staates immer wieder Diskussionen über vermutete und angeblich versteckte politische Anliegen der Freimaurer gab. Und vor allem in der zweiten Hälfte dieser Zeit, die ja immer nationalistischer wurde, gab es auch antisemitische Ausfälle, 1897 in Wien nach dem Muster von Trient sogar einen antifreimaurerischen Kongress. Die Logen hielten sich jedoch politisch vollkommen zurück und betätigten sich karitativ: Es gab damals ja viel mehr Not als heute und weit und breit keinen Sozialstaat. Sie gründeten und führten Waisenhäuser, Ferienheime für erholungsbedürftige Kinder, sie widmeten sich der Blindenfürsorge, und sie unterstützten Arbeitslose; auch von Brotverteilungen wird berichtet.

Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn 1910 mit ihren vielen Völkerschaften: Westlich und nördlich der Binnengrenze war die Freimaurerei verboten, östlich davon erlaubt; das 1908 annektierte Bosnien-Herzegowina im Süden wurde von Wien und Budapest gemeinsam verwaltet. Im Zentrum der Karte gut zu erkennen: Das Städtedreieck Wien-Pressburg-Ödenburg. Hier entstanden die Grenzlogen: Von Wienern beschickt aber auf der ungarischen Seite angesiedelt. Illustration: Wikimedia Commons.
László Szigfrid: Ungarische Logenkarte von 1892. - Ganz im Westen die drei Orte, in denen Wiener Grenzlogen gegründet wurden: Pozsony, heute Bratislava in der Slowakei; Lajtaszentmiklós, heute Neudörfl im österreichischen Burgenland; und Sopron (auf Deutsch: Ödenburg). - Die Logentabellen links und rechts zählen die Logen gereiht nach ihrem Gründungsdatum auf, darunter auch die Wiener Grenzlogen. Die Karte ist aus dem Archiv der ungarischen 'National Széchényi Library'. Das Wiki dankt für die Überlassung der Datei.
Aus einer Ausstellung im österreichischen Freimaurermuseum Rosenau: Das Porträt in der Mitte zeigt Franz Julius Schneeberger, Gründer der ersten Grenzloge 'Humanitas' (1871); darunter ein Mitgliederverzeichnis der 'Humanitas' von 1886.
Und der Meisterbrief rechts ist von der 1875 gegründeten Grenzloge 'Schiller', ausgestellt 1889 für Julius Fröhlich.

1918: Ende und Anfang

Gründungsurkunde der Großloge von Wien vom 8. Dezember 1918 mit den Unterschriften der Stuhlmeister aller vierzehn Grenzlogen, die jetzt urplötzlich keine mehr waren. Illustration: Großloge von Österreich.
Der Arbeitsteppich der heutigen Loge ZUKUNFT in Wien: gestaltet vom Künstler Wolfgang Walkensteiner. - Wie die anderen dreizehn Grenzlogen übersiedelte die 'Zukunft' im Dezember 1918 von Ungarn in das republikanische Wien. Der Kaiser und seine monarchische Verfassung waren Vergangenheit, der Adel war abgeschafft, und trotz der großen Nachkriegsnot gab es Hoffnung und Aufbruchsstimmung! Doch schon zwanzig Jahre später wurde von den Nazis alles wieder zerschlagen. Nächster Anfang 1945: langsamer Wiederaufbau des Landes und der Freimaurerei. Es war viel schwieriger als 1918. Mit nur einer Sammelloge wurde begonnen. Bald kam aber jedes Jahr eine dazu. Stand 2014: 75 Logen, davon mehr als 40 in Wien. Von den 14 Logennamen aus dem Jahr 1918 finden sich inzwischen fast alle wieder: alle außer ‚Schiller’, ‚Treue’ und ‚Pionier’. Foto: Rudi Rabe.

Wer weiß, wie lange das noch so weiter gegangen wäre, hätte nicht die Niederlage des Habsburger Imperiums und dessen Zerfall am Ende des Ersten Weltkriegs alles auf den Kopf gestellt und einen neuen Anfang ermöglicht. Die Republik Österreich war erst drei Wochen alt als sich am 5. Dezember 1918 die Großloge von Wien konstituierte und ihre Grenzlogen von Ungarn nach Wien transferierte. Noch ein paar Monate vorher hatten die Wiener Freimaurer beschlossen, die ungarische Großloge zu verlassen, weil diese immer politischer wurde, und sich der Großloge Zur Sonne in Bayreuth anzuschließen. Das war jetzt ganz unerwartet nicht mehr notwendig.

Ein ungewöhnlicher Anfang: Obwohl es die Freimaurerei in Österreich bis dahin auf dem Papier gar nicht gab, musste die neue Großloge nicht bei Null starten. Sie konnte aus dem Stand auf 14 Logen mit mehr als tausend Mitgliedern und auf eine in Jahrzehnten entwickelte Tradition aufbauen.

Grausame Ironie der Geschichte: Die ‚Symbolische Großloge von Ungarn’, die den Österreichern bis 1918 über fast fünfzig Jahre Schutz geboten hatte, wurde schon wenige Monate später von der linken Ungarischen Räterepublik zugesperrt. Das Verbot wurde ein Jahr danach von der rechten Horthy-Republik übernommen und bald nach 1945 von den Kommunisten erneuert. Erst sieben Jahrzehnte danach, am 27. Dezember 1989, konnte die Großloge von Österreich der seinerzeitigen masonischen Mutter wieder zum Licht der Freimaurerwelt verhelfen.

Liste der österreichischen Grenzlogen in Ungarn

1871: HUMANITAS
Am Anfang stand der ‚Bruderverein Humanitas’ in Wien. Deren Mitgründer Franz Julius Schneeberger gehörte einer Budapester Loge an. Er überzeugte die neugegründete Loge 'Zur Verbrüderung' in Ödenburg (heute Sopron; Aussprache: ˈʃɔprɔn), Wiener Vereinsmitglieder als Brüder aufzunehmen. Wenig später gründete er mit diesen Brüdern im leichter erreichbaren Neudörfl eine eigene Loge: die 'Humanitas'; übrigens zum Missfallen der zurückbleibenden ungarischen Brüder in der 'Zur Verbrüderung'. Sie scheinen sich Sorgen um ihr künftiges Budget gemacht zu haben; andererseits beklagten sich die Österreicher, dass die Ungarn keine sprachlichen Rücksichten auf sie genommen hätten. Wohl wegen dieser Unstimmigkeiten arbeitete die 'Humanitas' zuerst mit einem Patent der Großloge von Hamburg. Kurz danach wechselte sie jedoch zu der ebenfalls neu gegründeten ungarischen Großloge, von der sie brüderlich aufgenommen wurde; das war praktischer. Und so war die Idee der Grenzlogen geboren. Sie machte Schule.
1874: ZUKUNFT und SOKRATES in Preßburg
1875: SCHILLER in Preßburg und EINTRACHT In Neudörfl
1877: FREUNDSCHAFT und COLUMBUS ZUM WELTMEER in Preßburg (letztere 1896 eingeschläfert).
1883: CONCORDIA in Neudörfl (1889 mit der ‚Humanitas’ verschmolzen).
Alle weiteren in Preßburg:
1888: TREUE
1892: GOETHE
1897: LESSING ZU DEN DREI RINGEN
1898: PIONIER
1907: KOSMOS
1913: WAHRHEIT
1914: GLEICHHEIT
1917: FORTSCHRITT (wegen des Kriegs Lichteinbringung erst 1920)

Siehe auch

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