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Ludwig Keller

Version vom 19. Februar 2017, 12:44 Uhr von Jens Rusch (Diskussion | Beiträge)

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Inhaltsverzeichnis

Keller, Ludwig

Quelle: Lennhoff, Posner, Binder

Geheimer Archivar in Berlin, * 1849 in Hessen, † 1918. Religionsgeschichtliche Studien am Stsatsarchiv in Münster i. W., dessen Direktor er von 1881-1895 wurde, brachten ihn der Kirchen- und Sittengeschichte des Christentums näher, zu deren Erkenntnis er mit einem Bienenfleiß sondergleichen alles zusammentrug, was ihm in der Menschheitsgeschichte über Sekten, Sozietäten, Orden und geheime Bünde zugänglich war. Er veröffentlichte u. a. die Geschichte der Wiedertäufer, dann die der Gegenreformation in Westfalen. Besonders gründlich beschäftigten ihn dabei das Urchristentum der altevangelischen Reformatoren, die Philosophenbünde des Altertums, die Akademien der Renaissance, die deutschen Gesellschaften des 18. Jahrhunderts.

Begreiflicherweise kam er hierbei auch mit der Freimaurerei in Berührung (1897 wurde er Mitglied der Loge "Zur Eintracht und Standhaftigkeit" in Kassel, 1899 bei der Loge "Urania zur Unsterblichkeit" in Berlin affiliiert), der er schon vor seinem Beitritt (1897) mehrere Arbeiten gewidmet hatte. Nach Keller bildeten die als Ketzer und Sekten bezeichneten Parteien, wie sie im Mittelalter unter mancherlei Namen, aber allerorten, und immer wieder auftauchten, nur eine einzige große Reformpartei, die "Bruderschaften", die sich selbst einfach "Christen" nannten, und die nichts anderes sein wollten, als was der Name besagt; die deutschen "Bauhütten" nahmen diese jedesmal christlich und brüderlich in den Schutz, wenn die "rechtgläubigen" Parteien im Namen Christi mit Feuer und Schwert gegen die "Sekten" Krieg führten und die Wogen des Religionshasses über die Verfolgten zusammenzuschlagen drohten. Seine zahlreichen, sehr wertvollen Aufsätze sind zumeist in den Veröffentlichungen der 1892 von ihm gegründeten Comenius-Gesellschaft enthalten. Die Schlußfolgerungen, die Keller aus seinem ungeheuren Material zog, wurden allerdings lebhaft bestritten. Insbesondere war es Wilhelm Begemann (s. d.), mit dem er wiederholt auch in scharfer Weise im wissenschaftlichen Streit über die Wurzeln der Freimaurerei, die er in die Tiefen des Mittelalters, bzw. der Renaissance versenken wollte, aneinandergeriet. Keller versuchte, in der Comenius-Gesellschaft ein Organ zu schaffen, das der durch die großen geistigen Gegensätze zerrissenen deutschen Geisteswelt wieder das Humanitätsideal schenken, die Entwicklung der religiös philosophischen Weltanschauung der abendländischen Völker wissenschaftlich erforschen, die Geistesgeschichte zum Rang eines selbständigen Wissenegebietes erheben und im Geist des Comenius wirken sollte.

Für das berechtigte Ansehen, das er in der deutschen Freimaurerei genoß, spricht der Erfolg seines preisgekrönten Buches "Die geistigen Grundlagen der Freimaurerei und das öffentliche Leben" [siehe "Links"], 1911. Auch ein im Jahre 1914 in der Teubnerschen Sammlung "Aus Natur und Geisteswelt" erschienene populäre Einführung in die freimaurerische Gedankenwelt unter dem Titel "Die Freimaurerei" erfreut sich großer Verbreitung. Historisch mögen seine Ableitungen in vielen Punkten anfechtbar sein, die Zusammenhänge zwischen Freimaurerei und den von Keller bearbeiteten Akademien usw. sind sicherlich nicht in direkter Ableitung zu suchen. Seine Arbeiten bleiben aber trotzdem von besonderem Wert, weil sie für bedeutsame gedankliche Verbindungen anderer Art die unverrückbare Grundlage beinhalten.

Wolfstieg ist im Recht, wenn er behauptet (Concordia, Bd. 9/II), niemand habe den Inhalt des von ihm aus der Geschichte des Neuhumanismus heraus begriffenen Humanitätegedanken so fest und klar erfaßt wie Keller. In seiner Großloge ("Freundschaft") bekleidete er zuletzt das Amt des Zugeordneten Großmeisters und Obersten Meisters des innersten Orients. Sehr tätig war er für den Verein Deutscher Freimaurer.

Ludwig Keller und die Freimaurerforschung

Quelle: Internetloge

Nach Lennhoff, Posner, Binder "Internationales Freimaurer Lexikon" 1932 - Spalte 143, beginnt "mit dem Dreigestirn Begemann, Keller und Wolfstieg in Deutschland die wissenschaftliche Durchleuchtung der freimaurerischen Geschichte". Bereits 1810 hatte der Philosoph und Freimaurer Karl Christian Friedrich Krause (1781 - 1832) mit der Schrift "Die drei ältesten Kunsturkunden der Freimaurerbrüderschaft" die Freimaurerforschung angestoßen. Die drei Urkunden, welche Krause für die ältesten der Freimaurerbrüderschaft hält, sind 1. das "Freimaurerverhör" Heinrichs VI., 2. die "Lehrlingelektion" (The entered aprentices Lecture) und 3. die "Yorker Urkunde". Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch Josef Schauberg (1808 - 1868) in Zürich, Schüler des Philosophen Krause, der mit seinem Hauptwerk "Vergleichendes Handbuch der Symbolik der Freimaurerei mit besonderer Rücksicht auf die Mythologie und Mysterien des Altertums" (2 Bände, 1861) und (als dritten Band) "Allgemeine äußere und innere Geschichte der Bauhütte" (1863) einen wesentlichen Beitrag leistet.

Ludwig Keller (1849 - 1915), Archivar und Freimaurer-Historiker, studierte alte Geschichte an den Universitäten Leipzig und Marburg. Keller widmet sich besonders religionsgeschichtlichen Studien und untersucht speziell die Menschheitsgeschichte bezüglich Sekten, Sozietäten, Orden und Geheimbünden. Er zieht eine Linie, die von den geheimen Brüderschaften im Mittelalter ausgeht, und verfolgt diese Linie über die italienischen Akademien, Philosophenverbände, die deutschen Sprachgesellschaften, Waldenser, usw. bis zu den Freimaurern. Er sieht in diesen immer wieder auftauchenden und oft verfolgten Gemeinschaften einen Strom, eine einzige "Reformpartei".

Besonders zwischen der ältesten Römischen Akademie, die von dem Humanisten Julius Pomponius Laetus um 1464 gegründet wurde, und den Freimaurern erkennt Keller Analogien, wobei er sich zum Teil auf dem in den Jahren 1864 bis 1877 erschienenen mehrbändigen Werk "La Roma Sotterranea Cristiana" von Giovanni Battista de Rossi abstützt. Gemeinsam ist beiden, eine geheime Gesellschaft zu sein, eigene Riten zu besitzen und neuplatonisch-humanistischen Idealen anzuhängen. Beide Sozietäten waren Fluchtraum für Verfolgte und sie waren von der Kurie als Ketzer eingestuft.

Renaissance-Akademien

Keller behauptet nirgendwo, die Renaissance-Akademien seien frühe Freimaurer, aber er stellt eine Art Kontinuitätskonstruktion zwischen beiden her. Die von ihm dabei herausgearbeitete Traditionskette der Freimaurerei zur Römischen Akademie findet im Bruderkreis lebhaften Widerspruch. Vornehmlich mit Wilhelm Begemann (1843 - 1914), der die Schlüsse, die Keller aus der offensichtlichen Ähnlichkeit dieser alten Bruderschaften zog, als unwissenschaftlich ablehnt, entsteht so ein scharf geführter, wissenschaftlicher Disput über die geistigen Wurzeln der Freimaurerei.

Die historische Wissenschaft erkennt heute sehr wohl, dass es geistige Strömungen gibt, die gleiche Ideen in unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten unabhängig voneinander auftauchen lassen. Keller nahm so mit seiner systematisierend verknüpfenden Methode eine Vorgehensweise vorweg, die erst Michel Foucault (1926 - 1984), Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte der Denksysteme am Collège de France in Paris, näher untersuchte und unter dem Begriff Heterotopie (aus gr. hetero (anders) und topos (Ort)) weiter in ihrer ordnungsystematischen Bedeutung vertiefte. Die grundlegende Annahme Foucaults ist, dass es Räume gibt, die in besonderer Weise gesellschaftliche Verhältnisse reflektieren, indem sie sie repräsentieren, negieren oder umkehren. Heterotopien sind so bei Foucault "wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können."

Traditionsverkettungen

Die von Keller zwischen der Freimaurerei und den Akademien erkannten Traditionsverkettungen haben einen außerordentlichen Stellenwert, weil sie für bedeutsame gedankliche Verbindungen humanistischer Art eine Grundlage bilden. Lennhoff/Posner heben daher besonders die Ansicht von Wolfstieg (1859 - 1922) heraus: "Wolfstieg ist im Recht, wenn er behauptet, niemand habe den Inhalt des von ihm aus der Geschichte des Neuhumanismus heraus begriffenen Humanitätsgedanken so fest und klar erfaßt wie Keller."


Siehe auch

Links

Weitere Quellen

Zentrale freimaurerische Schriften von Ludwig Keller

Keller preisschrift.gif

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