Der historische Freimaurerteppich im Wien Museum

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Ein alter Herr in neuem Glanz

Zweieinhalb Jahrhunderte ist er alt! Und jetzt kann er endlich wieder gezeigt werden, der historische Wiener Freimaurerteppich (in Österreich: „Tapis“, jedoch nicht französisch ausgesprochen, sondern deutsch mit Betonung auf der ersten Silbe). 2023 wurde er von Profis des Wien Museums restauriert. Und seit Dezember desselben Jahres wird er in der Dauerausstellung des innen und außen völlig runderneuerten Wien Museums gezeigt. Von Rudi Rabe

Was der schon alles hinter sich hat!

Nach dem habsburgischen Freimaurerverbot in den 1790ern wurde der Teppich am damaligen Stadtrand (heute: Erster Wiener Bezirk) in einer Eisenkiste vergraben und vergessen. Fast sieben Jahrzehnte danach wurde er beim großen Ringstrassenbau wieder gefunden, und noch einmal drei Jahrzehnte danach vom Wien Museum aus Privatbesitz erworben. Und nun ist er wieder da: von Könnern sensibel restauriert, zu sehen unter Glas in der „Freimaurer-Ecke“ des Museums am Wiener Karlsplatz. Der Teppich ist aus Ziegenleder und Jute; er ist bemalt.

Technik: Gewebe in Leinwandbindung mit schwarzer Malschicht aus Ölfarbe und weißen, teilweise schwarz bemalten Applikationen aus Ziegenleder; diese sind aufgeklebt und aufgenäht. Ringsum ist der Tapis mit einer gewebten Borte eingefasst.

„100 x WIEN - Highlights aus dem Wien Museum Karlsplatz“

In diesem von Wien Museum 2011 herausgegebenen Buch ist der Freimaurerteppich eines der abgebildeten Exponate. Und dabei steht der folgende erklärende Text, den uns das Museum dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat.

Freimaurerteppich (Tapis), um 1780
Leder mit Applikationen
bemalt, 215 x 95 cm
Inv.-Nr. 159.295
Ankauf aus Privatbesitz, 1890

Reiche Symbolik und geheimes Ritual sollen die Freimaurer in der Verfolgung ihrer Ideale bestärken und leiten. Der sogenannte Tapis symbolisiert für den Freimaurer das Abbild der Welt. Bei der rituellen Arbeit, über deren Inhalt die Freimaurer durch ein Gelöbnis zur Verschwiegenheit verpflichtet sind, wird er im Logenraum aufgelegt und darf nicht betreten werden. Meistens zeigt er Gegenstände aus dem Steinmetzhandwerk, dem Kosmos und der Mystik.

Eine umlaufende musivische Bordüre, die auf eingelassenen Kartuschen die Worte OST, VEST, NORD und SUD trägt, umrahmt auf diesem Exemplar folgende Symbole: Vereinigungsband, Winkelmaß, Sonne, Mond, Flammender Stern, Rauer Stein, Behauener Stein, Senkblei, Bibel, Setzwaage, Kelle, Zweiköpfiger Hammer, Säule Jachin, Sieben Stufen, Säule Boas und Musivisches Pflaster.

Diese Symbole verweisen auf die Wurzeln der Freimaurerei. Der gängigsten Theorie zufolge ist der Freimaurerbund aus der mittelalterlichen Bruderschaft der Steinmetze und deren Bauhütten hervorgegangen. Der Sakralbau als Aufgabe der mittelalterlichen Bauhütten galt als Sinnbild göttlicher Ordnung, mit seiner Ausführung verbanden sich religiöse Vorstellungen, moralisch-ethische Werte und besonders rituelle Handlungen. Fachkenntnisse, die vor allem im Bereich der Statik und Geometrie lagen, wurden geheim gehalten. Die durch Europa wandernden Gesellen fanden in einer fremden Bauhütte nur dann Aufnahme, wenn sie sich durch geheime Passworte und Zeichen zu erkennen geben konnten.

Auch die Freimaurerei, die sich in dieser Tradition als symbolische Baukunst versteht, gliedert sich in die Grade Lehrling, Geselle und Meister. Für ihre Arbeit am Bau der idealen Gesellschaft werden den Freimaurern unterschiedliche Werkzeuge zugewiesen. Die Lehrlinge „arbeiten" mit Maßstab und Spitzhammer am Rauen Stein, die Gesellen mit Hammer, Meißel, Lineal und Stemmeisen am Behauenen Stein, während der Meister zur „Arbeit“ auf dem Reißbrett Maßstab, Winkelmaß und Zirkel benötigt.

Der Tapis wurde um 1860 im Zuge von Stadterweiterungsarbeiten in der Nähe der heutigen Oper, in einer eisernen Kiste vergraben, aufgefunden. Vermutlich wurde er nach Aufhebung der Wiener Logen um 1794 dort versteckt. (WS)

Die Restaurierung so eines historischen Kunstwerks ist eine komplexe Technik. Außerdem entwickeln sich die Methoden ständig weiter. Ein kleines Beispiel (Teppich von hinten): Dieser Riss wurde schon vor Jahrzehnten einmal geschlossen, aber es hat sich auf Dauer nicht bewährt. Also vorsichtiges Ablösen des alten Flickens ...
... gefolgt von einem Test „mit einem etwas größeren Flicken: heißversiegelt mit dem für dieses Objekt adäquaten Klebemedium Lascaux Acrylkleber 498 HV : 303 HV = 2:1“. Auf diese komplizierte Weise und mit vielen weiteren Methoden musste der ganze Teppich in der Werkstätte des Museums behandelt werden. Das dauerte mehrere Monate.


Was ist ein Freimaurerteppich?

Erklärung im Internationalen Freimaurer-Lexikon:

Teppich (Tapis). Die Bodenzeichnung aus welcher sich der freimaurerische Teppich, die Arbeitstafel, entwickelt hat, ist uraltes folkloristisches Gut, auf dessen Bedeutung hier nicht näher eingegangen werden kann. Es sei nur auf die Bodenzeichnungen der Kulthandlung primitiver Völker, so der Australier oder der Hopi-Indianer u. a, hingewiesen. Ebenso auf die verschiedenen Bodenzeichnungen der Magier und Alchimisten. Der Zweck der Zeichnung war ursprünglich, einen geweihten Raum abzustecken und dadurch Unbefugte fernzuhalten.

Diese Symbolzeichnungen wurden auf den Boden gezeichnet, dort, wo die Versammlungen um einen runden Tisch stattfanden, wie bei alten Schmiedegilden (Gould History), wurde eine Symbolzeichnung auf dem Tische mit Kreide angelegt. Die ältesten Freimaurerlogen zeichneten die Symboltafeln mit Kreide und Kohle auf den Boden der Wirtsstube, in der sie sich versammelten. Das "Drawing on the floor of the Lodge" war Aufgabe des Logendieners oder Tylers, der dafür besonders bezahlt wurde.

Da man vor Überraschungen nie sicher war, gehörten zum Inventar der Loge "Mop and Pail", ein Schrubber und ein Eimer, um die Zeichnung im Bedarfsfalle schnell auslöschen zu können. Späterhin wurden die Konturen mit Bändern und Reißnägeln abgesteckt. Aber auch diese bewährte sich nicht (die Jerusalem Lodge in London konnte 1772 eine Meisterarbeit nicht abhalten, weil der Tyler statt des Meister-Teppichs nur den Lehrlings Teppich gezeichnet hatte!) und so ging man zu Malereien über, die zum Schlusse der Arbeit zusammengerollt werden konnten.

Die Hamburger Loge hatte 1738 in ihrem Inventar ein Stück schwarzer Wachsleinwand, einen Strick zum Ziehen der Linien und einen Zirkel. Schon 1739 hatte in Edinburgh ein Malermeister einen Teppich in der Auslage, der von der Loge schnell aufgekauft wurde.

Heute ist die Symboltafel in Teppich-Form namentlich in den deutschen, holländischen, mitteleuropäischen Logen üblich. Sie wird vielfach bei jeder Arbeit feierlich enthüllt, enthält die Symbole des bearbeiteten Grades, die bei der Aufnahme oder Beförderung erklärt werden, ist also eine Art Lehrbuch, Leitfaden sichtbarer Sinnbilder der Freimaurerei. In England und Amerika ist an Stelle des Teppichs ein gemaltes Reißbrett, Tracing Board oder Trestle Board, in Gebrauch, das an einer bestimsten Stelle des Tempels steht.

Die Teppiche sind namentlich im 19. Jahrhundert besonders künstlerisch entwickelt worden, obgleich im Grund der malerische Teppich nicht als Schmuckstück gelten soll. Die Figuren sind ja nicht nach künstlerischen Gesichtspunkten geordnet, sondern folgen einer sachlicher Zusammenstellung. Einige deutsche Großlogen schließen jede Farbenwirkung aus; Die Figuren sind in Weiß auf schwarzem Grund gehalten. Sehr interessante Teppiche besitzt in Großer Zahl das Freimaurermuseum in Bayreuth (siehe auch Kirkwall Kilwinning Scroll).

Siehe auch

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