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Rezension: Gisela Graichen und Alexander Hesse – Geheimbünde

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Wie im falschen Film ...

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Dan Brown ist sichtlich erfreut über das Interesse der Leser an diesem Themenkomplex. Er hat nicht nur die Illuminaten und andere zum Stoff für seine Romane gemacht, sondern auch die Freimaurer: Das verlorene Symbol. Und obwohl sein Buch im Gegensatz zu den hier rezensierten ‚Geheimbünden’ kein Sachbuch ist sondern reine Fiktion, färbt auch der Inhalt solcher Bücher auf die Vorstellungen der Menschen von der Freimaurerei ab. Damit müssen die Freimaurer genau so leben wie alle anderen Vereinigungen oder Personen, die zum Stoff von Romanen geworden sind. Dan Brown selbst ist kein Freimaurer, aber er schätzt sie. In einem Gespräch mit ‚Freemasonry Today’, dem Magazin der ‚Großloge von England’ meinte er: „Ich empfinde nichts als Bewunderung für eine Organisation, die Menschen verschiedener Religionen zusammenbringt. Statt zu sagen, ‚Gott gehört uns’, verwenden sie Symbole, mit denen jeder leben kann.“

... so haben sich wohl viele Freimaurer Anfang 2014 bei den drei Fernsehdokus in ARTE und im ZDF gefühlt. Wahrscheinlich mehr als beim Lesen des interessanten Begleitbuchs. Von Rudi Rabe aus Wien.

‚Im falschen Film’ vor allem aus einem Grund: Die Freimaurer sehen sich nicht als Geheimbund. Daher fühlen sich viele Freimaurer nicht nur in eine falsche sondern auch noch in eine diskriminierende Nachbarschaft gerückt: unter einem gemeinsamen Dach, das ‚Geheimbünde’ heißt, mit acht anderen Vereinigungen, mit denen die Freimaurer wenig bis nichts gemein haben wollen: siehe rechts der Buchumschlag, dessen Foto aber mit dem Buchinhalt kaum etwas zu tun hat; Buchumschläge werden unter Verkaufsgesichtspunkten ausgewählt.


Was sind das für ‚Geheimbünde’?

Alle neun Vereinigungen werden im Buch in je einem Kapitel behandelt, und zwar:

‚Skull and Bones’: ein topgeheimer Studentenbund an der Universität Yale, in dem es offenbar nur um Seilschaften in mächtige Positionen geht. Beispiele: die Bushs.

‚Opus Dei’: eine – wie man im Ursprungsland Spanien sagt – ‚Heilige Mafia’. Im Buch „ohne Frage eine der aggressivsten Organisationen innerhalb der katholischen Kirche“.

• ‚Propaganda Due (P2)’: eine in den 1970igern auf kriminelle Abwege geratene und dann verbotene italienische Freimaurerloge. Freundlicherweise haben die Buchautoren diese „Terror-Loge“ nicht im Freimaurerkapitel sondern separat beschrieben.

‚Prieuré de Sion’: vor Jahrzehnten ein komplexer Schwindel im französisch-katholischen Milieu um Nachkommen von Jesus mit Maria Magdalena: aber in Wahrheit um Geld; Grundlage für Dan Browns Bestseller ‚Sakrileg’.

• 'Illuminaten’: ein von Adam Weishaupt Endes des 18. Jahrhunderts gegründetes strenges Logensystem; viele Freimaurer waren als Doppelmitglieder dabei (Goethe, Knigge). Beflügelt seit Dan Browns ‚Illuminati’ wieder die Verschwörungsphantasien.

• ‚Rosenkreuzer’: im ‚alchimistischen’ 17. Jahrhundert entstanden. Das esoterisch-okkulte „Chamäleon unter den Geheimbünden“: kommt und geht und kommt in neuem Gewand wieder (etwa Rudolf Steiners Anthroposophie).

• ‚Templer’: in der Kreuzzugszeit ein mönchischer Ritterorden und bald auch ein Wirtschaftsimperium; eroberte Territorien im ‚Heiligen Land’ und verlor diese auch wieder. Wurde schließlich vom französischen König Philip IV. besiegt und beseitigt: Verbrennung des Großmeisters Jaques de Molay.

• ‚Mysterium Mithras’: ein in den ersten Jahrhunderten der Zeitrechnung sehr erfolgreicher Geheimkult um den Lichtgott Mithras; starke Konkurrenz für das junge Christentum, das den Kampf schließlich gewonnen hat.

Ja, und natürlich die Freimaurer ...


Gute und böse ‚Geheimbünde’

„Es gibt ‚gute’ und ‚böse’ geheime Gesellschaften. Grund genug, genau hinzuschauen“, heißt es am Anfang des Buches. Das ist in den Kapiteln dann sehr deutlich zu spüren: Schlecht weg kommen vor allem ‚Skull and Bones’, ‚Opus Dei’ und ‚Propaganda Due’. Die ‚Prieuré de Sion’ wirkt katholisch-skurril. Interessant und wohlwollend-neutral werden beschrieben: ‚Illuminaten’, ‚Rosenkreuzer’, ‚Templer’ sowie ‚Mysterium Mithras’, alle vier sind historische Bewegungen (die ‚Rosenkreuzer’ mit Einschränkungen). Am besten weg kommen zweifellos die ‚Freimaurer’: aber nichts Beschauliches für den masonischen ‚home market’, auch keine wissenschaftliche Darstellung, sondern guter Populärjournalismus; die Leser werden dort abgeholt, wo sie vermutlich sind.

Die Freimaurer sehen sich nicht als Geheimbund

Es ist klar, dass Freimaurern die diskriminierende Nachbarschaft mit den anderen – sagen wir – ‚Phänomenen’ unter dem Titel ‚Geheimbünde’ nicht behagt. Notabene diese Nachbarschaft auch noch angereichert wird durch ein Schlusskapitel, in dem gängige Verschwörungstheorien abgehandelt (und abgelehnt) werden: von den antisemitischen ‚Protokollen der Weisen von Zion’ vor einem Jahrhundert (im Internet bis heute); über die Vorstellung, die Mondlandung vor einem halben Jahrhundert habe nur im Fernsehstudio stattgefunden; bis zu den verschwörerisch vorgebrachten Zweifeln an den islamistischen Urhebern von ‚Nine Eleven’ vor einem Jahrzehnt: „Und immer wieder stehen die Geheimbünde unter Generalverdacht, hinter den Kulissen kräftig mitzumischen. Oder sie sind gleich selbst Gegenstand von Verschwörungstheorien“, heißt es in Verteidigung auch der Freimaurer.

Freimaurerisches Selbstbild: ein diskreter Bund

Das freimaurerische Argument lautet: Wir gehören da nicht dazu, wir sind kein Geheimbund. Schließlich ist jede Loge beim Vereinsregister angemeldet; ebenso deren wechselnde Vereinsvorstände. Und selbst im masonisch sehr diskreten Österreich ist der Großmeister eine öffentliche Person, die zum Beispiel für Medien jederzeit ansprechbar ist. Also: Wir sind kein Geheimbund! Aber: Wir sind ein diskreter Bund! Das ist unser Selbstbild.

Selbstbild und Fremdbild

Ist das jedoch so einfach? Immerhin haben wir ein Arkanum: eine diskrete Zone. Diese betrifft vor allem das Ritual, die Mitgliederlisten und Erkennungszeichen. Und wir reden auch gern vom ‚freimaurerischen Geheimnis’, das man gar nicht verraten könne. So etwas wirkt nach außen natürlich geheimbündlerisch. Wir selbst sehen das anders, aber das Fremdbild deckt sich nicht mit unserem Selbstbild. Ehrlich gesagt kann man beides argumentieren, und man kann je nach der Perspektive und nach der Definition des belasteten Wortes ‚Geheimbund’ zu verschiedenen Schlüssen kommen.

Die Autoren sind immerhin so fair, im Freimaurer-Kapitel darauf einzugehen: „Freimaurer sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Sie weisen den negativ besetzten Begriff des Geheimbundes weit von sich. Sie verstehen sich als ‚diskrete Gesellschaft’, die eine uralte Form des Persönlichkeitstrainings praktiziert, für dessen Rituale die Aura des Geheimnisvollen unbedingt intakt gehalten werden muss. Nur darum soll nichts von dem, was in den Logen gesprochen und getan wird, ‚Profanen’ offenbart werden ... Doch dieser kompromisslose Wille zur Geheimhaltung macht vielen Menschen die Freimaurerei nach wie vor suspekt.“

Noch klarer ist auf der Website der ZDF-Fernsehsendung ‚Terra X’ Professor Marian Füssel, Historiker an der Uni Göttingen und Berater der Doku-Macher, wenn er zur Geheimbund-Terminologie folgendes sagt: „Eine wirkliche Geheimgesellschaft wäre uns ja gar nicht bekannt.“ Wäre sie uns bekannt, wäre sie „nur eine diskrete Gesellschaft, wie die Freimaurerei.“ Genau so sehen es die Freimaurer. Aber für den medialen Verkauf der TV-Dokus und des Buches eignet sich der 'Geheimbund' natürlich besser.

Korrekte Darstellung der masonischen Innenwelt

Von diesem Dissens über ‚Geheimbund’ ja oder nein abgesehen, ist das Freimaurer-Kapitel korrekt: die Entstehung der Freimaurerei vor drei Jahrhunderten, die explosionsartige Ausbreitung in den Jahrzehnten danach (Aufklärung), das Misstrauen vieler Herrscher und der Religionsoberen (am Anfang auch der Protestanten), die päpstlichen Verdammungs-Bullen, ein Blick in andere Länder (England, Frankreich, USA), berühmte Mitglieder (Mozart, Goethe, Washington & Co; die Hohenzollern-Fürsten), der freimaurerfeindliche Verschwörungsglaube rund um den Ersten Weltkrieg (‚Mord von Sarajevo’, die Niederlage der Mittelmächte), aber auch das ideelle Schwächeln der deutschen Freimaurerei in der Zwischenkriegszeit, die tödliche Gegnerschaft der Nazis, die Hochgrade und Hochgradlegenden. Schließlich die Rituale: Einige werden bis ins anschauliche Detail weitgehend fehlerfrei beschrieben. Und die Regalien (Schurz und Bijou): „Und fertig ist die für einen angeblich finsteren Weltverschwörer reichlich seltsame Ausstattung. Man mag es dem Ornat nicht ansehen, aber es steht für die uralten historischen Wurzeln des Geheimbunds.“ Ja gut, „reichlich seltsam“ wirkt der freimaurerische dress code für Außenstehende. In den Fernsehdokus kam das durch die Kraft der Bilder verständlicherweise viel mehr zum Ausdruck als im Buch. Doch in diesem Satz steckt auch die freimaurerfreundliche Wertung: Echte Weltverschwörer sähen anders aus.

Schließlich ein 'Appell' an die öffentliche Meinung

Der Schluss des Freimaurer-Kapitels: „Es hat sich einiges getan. Die Gesellschaft hat sich verändert. Die Freimaurer auch. Was noch fehlt, ist eine öffentliche Meinung, welche die Freimaurerei in Deutschland als das ansieht, was sie wirklich ist: keine geheime Weltregierung, sondern eine der vielschichtigsten Organisationen, die Europas Geschichte je hervorgebracht hat.“ Dem kann man nur zustimmen.

Ein interessantes Buch: Nicht nur über die Freimaurer auf knapp 40 Seiten von 360, sondern auch über die anderen Vereinigungen.

Der Buchumschlag weist nur zwei Autoren aus. Im Anhang wird jedoch klargestellt, dass Fünf am Werk waren. Das Freimaurer-Kapitel schrieb Holger Diedrich, Historiker und Politikwissenschaftler, freier Journalist (unter anderem für den ‚Spiegel’) und Drehbuchautor.


Annex: Türen öffnen sich

Auf der oben erwähnten ZDF-Website von 'Terra X' wird auch über das schwierige Zustandekommen der Fernsehdokumentationen und des Buches berichtet. Hier die wichtigsten Absätze:

Dass die Recherche schwierig werden sollte, ahnten wir von Anfang an. Doch wie kompliziert das Unterfangen tatsächlich war, hatten wir uns kaum vorstellen können. ‚Geheimbünde’ agieren nun einmal im Geheimen - und meiden das Licht der Öffentlichkeit. Umso herausfordernder war es, eine dreiteilige Fernsehdokumentation über eben diese verschlossenen Gesellschaften zu produzieren.

Kaum eine andere Produktion der vergangenen Jahre war so herausfordernd wie diese. Am Anfang standen ganz profane Probleme: Wie nimmt man eigentlich Kontakt zu Menschen auf, die im Geheimen wirken? Wo findet man wissenschaftlich gesichertes Material, das sich von den üblichen Verschwörungsseiten im Internet unterscheidet? Und lassen uns die Geheimbünde überhaupt an sich heran?

Zunächst skeptisch bis abweisend

Ob Freimaurer, Rosenkreuzer oder Skull and Bones: die geheimen Orden reagierten auf unser Vorhaben allesamt skeptisch bis abweisend. Immerhin: Freimaurer und Rosenkreuzer waren zu informellen Gesprächen bereit. Das war unsere Chance! Wir bekamen immerhin die Möglichkeit, unser TV-Projekt vorzustellen. Unser Ansatz war von Anfang an eindeutig: wir wollten die verschiedenen Geheimbünde vorstellen, die Verschwörungstheorien präsentieren und dann die wahren historischen Hintergründe erläutern, die zur Bildung der geheimen Zirkel geführt haben.

Ein eindeutiges "Ja" zu unserem Projekt gab es nie auf Anhieb. Eher ein klares "Nein" - wie zum Beispiel vom U.S. Kapitol, in dem wir freimaurerische Symbole drehen wollten. Immerhin legte George Washington im Rahmen einer freimaurerischen Zeremonie den Grundstein für das Gebäude. Ebenso ablehnend verhielt sich die "Yale University", deren Studenten einst die "Skull and Bones" gründeten.

Licht ins Dunkel der Geheimbünde

Doch wir waren hartnäckig, ließen uns nicht einschüchtern - und besuchten die Entscheidungsträger persönlich. Nach vielen informellen Verhandlungen in Washington D.C. und New Haven wurde aus einem klaren "Nein" doch noch ein "Ja, ausnahmsweise". Letztendlich konnten wir auch die wichtigsten Geheimbünde von unserem Konzept überzeugen. Und so wurden uns Türen geöffnet, die für die Öffentlichkeit normalerweise verschlossen sind. Als einziges TV -Team durften wir die große Jubiläumsfeier der Freimaurer im Hamburger "Michel" drehen. Wir bekamen Zugang zum imposanten Tempel in der Londoner "Freemasons' Hall" - und interviewten den Vorsitzenden der deutschen Freimaurer.

Nachdem der Knoten geplatzt war, lief es umso besser. Unsere Dreharbeiten führten uns rund um den Globus. Vom Jerusalemer Tempelberg über Paris, Rom und London bis ins Herz der Vereinigten Staaten, nach Washington D.C. Am Ende mussten wir aufpassen, dass uns die plötzlich so redseligen Vertreter der Geheimbünde nicht zu viele einseitige Informationen gaben. Um möglichst objektiv zu berichten, nahmen wir renommierte Wissenschaftler wie den Göttinger Historiker Prof. Marian Füssel ins Boot. Er ordnete die Aussagen der Ordensbrüder ein und half uns, Licht ins Dunkel der Geheimbünde zu bringen.

Keine Blicke ins Allerheiligste

Nun, nach anderthalb Jahren Arbeit, sind wir um viele Erkenntnisse reicher. Und wissen doch, dass uns trotz unseres direkten Zugangs zu den Geheimbünden manche Winkel verborgen geblieben sind. Zwar wissen wir vieles und ahnen manches - doch ins Allerheiligste haben uns die Geheimbünde nicht blicken lassen. Und so bleibt ein kleiner Teil dieser Gesellschaften das, was es immer war: ein Rätsel. (Kay Siering)


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